Soziologische Begriffs(er)findung I: Somantik
Die Soziologie braucht mehr eigene Begriffe! Die Gründe dafür sind schnell aufgezählt: 1. Fachbegriffe können unvoreingenommen benutzt werden, da sie nicht schon alltägliches bezeichnen von dem sie erst unterschieden werden müssen. 2. Fachbegriffe sorgen für erhöhten Erfolg von Anschlusskommunikation. Nervige Begriffsauslegungsdiskussionen können so vermieden werden. Die soziologischen Schulen können so besser auseinander gehalten werden. Das führt zwar zu weiteren Diversitäten, was “Soziologie” als Ganzes betrifft, die einzelnen Schulen können sich so aber mehr auf sich selbst konzentrieren. 3. Fachbegriffe ermöglichen Fachchinesisch und erzeugen so Bewunderung und Anerkennung der Wissenschaft und ihrer Wissenschaftler. ;-)
Los gehts mit dem Begriff “Somantik”, einer Begriffssynthese aus “Semantik” und “Somatik”:
(1) „Semantik“ – In der Soziologie beziehen wir uns, wenn wir diesen Begriff benutzen (zumeist) auf die Unterscheidung von „Semantik“ und „Sozialstruktur“. Beide Seiten bezeichnen jeweils eine Art von Realität. Die semantische Realität ist die erlebte Realität, das „Gelaber in der Welt“ wenn man so will. Es gibt verschiedene Hinweise die anzeigen, dass sich Menschen auf die semantische Seite der Realität beziehen – z.B. wenn sie ihren eigenen Standpunkt und ihre Meinung im Gespräch zu Generalisieren versuchen, wenn der Volksmund für wahr genommen wird oder wenn Lehrer ihren Eltern sagen, sie sollten gefälligst Nachrichten gucken und lesen um zu wissen was in der Welt wirklich los sei.
„Sozialstruktur“ – dagegen, bezeichnet eine Realität, die nicht so leicht zu fassen ist. Sie bildet, wenn man so will, eine „Basisrealität“ auf der Semantik aufsetzt. Allerdings, und hier wird die Soziologie anspruchsvoll, wird mit dem Verweis auf Sozialstruktur unterstellt, dass man Zugang zu Erkenntnissen über die „wahre Funktionsweise“ der Welt hat, die sich der (simplifizierenden) Wahrnehmung eher entzieht. Eigentlich kann man die Soziologie einzig als Erkenntnisprogramm beschreiben, das versucht hinter die Semantik auf die Sozialstruktur zu schauen. Möglich wird dies wiederum nur durch eine theorie- und methodegeleitete Perspektive, die sich von der Semantik, also von der operativen Wirksamkeit, die Familien, Organisationen und Gesellschaft zusammenhält, distanziert. Auf diese Weise wird der „Regentanz“ entblößt, als Ritual, dass eher zum Zusammenhalt und zur Solidarität der von Trockenheit geplagten Gruppe motiviert anstatt dem eigenen Anspruch, der Regenbeschaffung, gerecht zu werden. Moderne Soziologen beschäftigen sich aber lieber mit modernen Phänomenen wie z. B. Coaching, bei denen personenbezogene Berater in Organisationen oftmals den Organisationen helfen ihr Personal zu stigmatisieren und zu entsorgen anstatt ihrem humanistischen Anspruch, der lebenslangen Soft-Skill-Bildung, Problemaufarbeitung, Leistungssteigerung, …, gerecht zu werden. (Wir sehen, die semantische Realität besteht aus Ideologien, Rechtfertigungen, Motivunterstellungen, Meinungen, usw. Die sozialstrukturelle Realität besteht dagegen nur aus Funktionen.)
(2) Somatik – bezeichnet (zumindest dem gr. Wortstamm „soma-„ nach) einen Körperbezug. Wir kennen es von Ausdrücken wie „somatischer Angst“, „psychosomatisch“ oder (chinesisch) „somatopsychisch“. (Mehr zu diesem Begriff brauchen wir nicht, weiß ich auch nicht.)
Einen Begriff wie „Somantik“ einzuführen, wäre also nicht ganz falsch. Weil „Semantik“ ebenfalls einen Körperbezug der Realitätsunterstellung darstellt. Für die Darstellung von „Sozialstruktur“ benötigt man dagegen keine Menschen. Man bezieht sich in dieser Art der Beschreibung eher auf „Adressen“, „Mitglieder“ oder „Inkludierte“ von Interaktionen, Organisationen oder Gesellschaften, die als abstrakte Größe nicht weiter ins Gewicht fallen, vor allem nicht individuell.
Semantik impliziert einen „Körper“, bzw. einen ganzheitlichen Menschen, von dessen Erleben die Realitätsauffassung ausgeht die beschrieben wird. Allerdings ist der Begriff der „Semantik“ schon von vielen wissenschaftlichen Disziplinen okkupiert und gedeutet, sodass es der Soziologie immer schwer fällt, Außenstehenden klar zu machen, was man eigentlich bezeichnen will, wenn man das Wort „Semantik“ benutzt.
Daher mein Vorschlag: „Somantik“ ;-)




(22.07.2008 um 14:05 Uhr)
So wie ich das sehe, meint Semantik ja erstmal nicht mehr als Zeichen/Bedeutungslehre. Mit der Erforschung der Semantik erforscht man die Bedeutung von Zeichen/Ideen/Begriffen/Symbolen bzw. das, was diese bezeichnen. Wir greifen auf Semantik zurück, um alles mögliche zu bezeichnen. Das sind ja nicht immer nur Körper. Zwar sind die Menschen es, die auf Semantik zurückgreifen – Semantik impliziert tatsächlich einen Körper – aber das nimmt man ja generell an, sobald man Semantik untersucht. Die Theologen, die Linguisten, die Philosophen. Die Formale Semantik in der Informatik ist da vielleicht etwas Besonderes.
Sinnvoll ist eher die Unterscheidung verschiedener Semantiken entlang der Sinnbereiche (also Bedeutungsinhalten/dem zu Bezeichnenden, d.h. Religion/Politik/…) und entlang des Erkenntnisinteresses mit denen verschiedene Disziplinen an Semantik herangehen. Aber der Begriff, so meine ich, sollte nicht divergieren, da von allen (mehr oder weniger) des Selbe gemeint ist. Vielleicht sehe ich das Problem auch noch nicht :-) Ich sehe zumindest keines, welches durch den Begriff der “Somantik” gelöst wird.
Ich bin allerdings ohnehin der Meinung, die Soziologie brauche keine neuen Begriffe. Und wenn überhaupt nur sehr wohl dosiert um wirklich einen Erklärungsmehrwert zu schaffen. Neue Semantiken sollten nur kreiert werden, wenn es wirklich etwas Neues zu bezeichnen gibt. Nicht, um sich vom Selben in grün abzugrenzen.