Stefan Schulz

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist Volontär bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. stefanschulz.com (adn, t, fb, G+)

Schreiben und Denken

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet Frank Schirrmacher morgen viele, viele Texte, um zu beschreiben, was wahr ist: Schirrmacher war ein freier und glücklicher Denker, aber er wird sein ganz spezielles Feuilleton nicht mehr täglich durchrütteln und er fehlt schrecklich. Nicht nur in den aus der Redaktion geschriebenen Texten taucht dabei immer wieder die Beschreibung einer verspielten, kindlichen Seite Schirrmachers auf. Wahrscheinlich aus Ehrfurcht ist mir das nie bewusst geworden, rückblickend wahrscheinlich, weil es sein kann, dass er mit dem Wissen über seine Wirkung auf andere gespielt hat, in seinen Texten, aber auch in Gesprächen. Alles, was er sagte, war ernst zu nehmen. Selbst wenn er wollte, hätte er sich nie davon lösen können, Frank Schirrmacher zu sein, vor allem ihm gegenübersitzende Volontäre oder Hospitanten hätten das niemals zugelassen, man hätte gar nicht gewusst, wie.

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Die weltweit beste Popmusik aller Zeiten

“Laserkanonaden, Kulissenparaden und Lautsprecherexplosionen” sind was für Loser, die große Bühne aber ist zeitgemäß: Emeli Sande in der Royal Albert Hall

Bei Deutschland sucht den Superstar war heute ein junger Mann, der leider nicht nur kein Talent im Gepäck hatte, sondern auch kein tragisches, ausbeutbares, persönliches Schicksal. Worum ging es also in den zwei Minuten, die jeder Depp, der vor Dieter Bohlen vorstellig wird, publikumskompatibel zu bewältigen hat: Er erzählte von dem Schicksal des Jungen, den er als Zivildienstleistender betreute. Ach was, er erzählte davon; richtiger wäre: er nutzte – angeleitet von RTL oder welchen Produktverantwortlichen auch immer – das Schicksal dieses Jungen, der im Rollstuhl sitzt und kaum in der Lage ist zu sprechen, aus, indem er ihn auch noch vor die Kamera holte, damit auch alle verstanden, wie traurig die Geschichte ist, die er sich da kurz mal ausborgte.

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Was die Älteren so denken

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„Ob man mit ihnen über Demokratie, Gesetze oder allgemeine Politik spricht, im Vergleich zu den jüngeren, sind ältere Heranwachsende besser informiert, sie haben einen weiteren Blick auf schwierige Sachverhalte und — was bereits ihre höheren integrativen Komplexitätswerte anzeigen — sie verfügen über die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu vereinbaren.“ Zu dieser hochtrabend formulierten aber nichtssagenden Einsicht kommt die amerikanische Entwicklungspsychologin Constance Flanagan am Ende eines Buches, in dem sie sich mit jungen Menschen beschäftigt, die schon viel von der Gesellschaft verstehen, aber noch zu jung sind, an Wahlen teilnehmen zu dürfen.

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Emanzipation, ja! Aber nicht immer nur die der Frauen

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Im Grunde, da will ich mich gar nicht drüber beschweren, habe ich nichts gegen das gängige Unvermögen von Menschen – von dem ich auch betroffen bin – die Welt so zu sehen, wie sie ist, sodass man möglichst wenig ins Stolpern gerät. Es ist schließlich, so empfinde ich es, ehrenvoll, ständig nicht nur des Namens, sondern auch der Person beraubt zu werden, wenn an deren Stelle der gute Name der F.A.Z. stehen kann. So läuft es, es ist tatsächlich egal, was man schreibt. Es geht, wenn darüber gesprochen wird, immer darum, was die F.A.Z. sagt, denkt und plant. Gegen diesen Modus der Beobachtung habe ich absolut nichts einzuwenden.

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Fröhlicher Jahresausklang

Vielleicht war 2013 das letzte fröhliche Jahr, zumindest das letzte, das nach vorgeschriebener Fröhlichkeit funktioniert. Es ist jedenfalls kaum vorstellbar, dass in einer Ecke noch jemand sitzt an dem die Verheißungen des Solutionism vorbeigingen. Für 2014 dürften wir alle hinreichend desensibilisiert sein. Und die Werbemenschen werden nach ihrem Ministorytelling auch keine Asse mehr im Ärmel haben – kein Wunder das Apples Jahresausklangsclip “Misunderstood” heisst…

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Luhmann Handbuch,
Leben – Werk – Wirkung

Nur über italienische Landschaften verliert das Buch kein Wort...

Nur über italienische Landschaften verliert das Buch kein Wort…

Und es gibt ihn doch. Entgegen anderslautenden Gerüchten, Behauptungen und Lehren, spielt der Mensch in der Gesellschaft eine Rolle — auch in der systemtheoretischen Lesart. „Für soziale Systeme sind Menschen unverzichtbar“, heißt es von Peter Fuchs, der die kryptischen Theoriebausteine kennt: die Gesellschaft bestehe aus Kommunikation und auch nur diese könne kommunizieren. Peter Fuchs ist allerdings auch mit Niklas Luhmanns Fußnotenhumor vertraut. Man dürfe nämlich sehr wohl in der systemtheoretischen Soziologie über den Menschen etwas sagen, wenn man nur dazu sagt, welchen man meint. Bei einem Theorieschmöker, der „Luhmann Handbuch” heißt, liegt es auf der Hand – es geht um Niklas Luhmann. Eigenen Humor bewiesen die zahlreichen Herausgeber aber auch. Nach 440 Seiten lautet der letzte Satz: „Luhmann ist ein Teil, wenn auch nur ein kleiner Teil, des intellektuellen Cocktails, der sich selbst ,Theorie‘ nennt.” Der Dreiklang des Untertitels „Leben, Werk, Wirkung“ ist hier längst ununterscheidbar.

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Für alle dieselbe oder keine!

Kurze Vorrede: Bei Spiegel Online äußern sich Jungjournalisten zu ihrem Medienkonsum. Cordt Schnibben bat mich, mir das mal anzusehen. Da ich auch Jungjournalist bin, äußere ich mich an dieser Stelle auch:

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Stefan Schulz: Das mit dem Papier verstehe ich auch nur selten…

Stefan Schulz: Es ist wie verrückt. Seit zehn Jahren, seit ich zu studieren begann, lese ich regelmäßig Zeitung, aber das Prinzip mit dem Frühstück habe ich immer noch nicht verstanden. Wenn ich morgens um sieben aufstehe, dann doch nur, weil zu dieser Zeit meine Töchter aus den Betten springen und nicht, weil zwei Etagen tiefer jemand Papier in meinen Briefkasten gesteckt hat. Während meines zwanzigminütigen Arbeitsweges höre ich 50 Minuten Podcasts – ja, das ist kein Rechenfehler, sondern Magie – so wie fast alles, was das Podcasting betrifft, zauberhaft ist. Ich höre mehr als 30 Sendungen, täglich rund 4 Stunden, in denen ich meinen Körper für bestimmte Erledigungen brauche, mein Gehirn aber mit aufmerksamen Zuhören beschäftigen kann. Da Google seinen RSS-Reader abschaltete, habe ich jüngst meine RSS-Lesestrategie überarbeitet. Ich sehe/lese heute den Output von 250 Feeds, das macht mich nahezu zufrieden – ich habe selten Anlass zu glauben, etwas Interessantes verpasst zu haben. Twitter per App und den Rest per Flipboard konsumiere ich den ganzen Tag über. Zwischendurch lese ich per Späterlesen-Dings ausführlicher, was mir zuvor wichtig schien.

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