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	<title>Sozialtheoristen &#187; Massenmedien</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
	<lastBuildDate>Sat, 19 May 2012 13:37:40 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Was man am Goldman-Skandal lernen kann</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Mar 2012 21:45:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
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		<description><![CDATA[Über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Kommunikation von Lernfähigkeit In Zeiten einer täglich neu ausgerufenen und diskutierten Finanzkrise (auf kriegsdeutsch: Finanzschlacht, Schuldenfeuer, EZB-Operation Bertha) ist der Informationsdruck hoch, um die Themenschwelle der Agenda zu überschreiten und gesellschaftliche Resonanz zu erzeugen. Resonanz im Mediensystem richtet sich nicht wie in der Politik nach bestimmten Konsenschancen versprechenden Entscheidungsvorhaben, sondern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.flickr.com/photos/galt-museum/5043021830/sizes/o/in/photostream/"><img class="alignnone  wp-image-3644" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/School-of-Nursing-Practical-Training1.png" alt="" width="653" height="264" /></a><br />
<strong>Über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Kommunikation von Lernfähigkeit</strong></p>
<p>In Zeiten einer täglich neu ausgerufenen und diskutierten Finanzkrise (auf kriegsdeutsch: Finanzschlacht, Schuldenfeuer, EZB-Operation Bertha) ist der Informationsdruck hoch, um die Themenschwelle der Agenda zu überschreiten und gesellschaftliche Resonanz zu erzeugen. Resonanz im Mediensystem richtet sich nicht wie in der Politik nach bestimmten Konsenschancen versprechenden Entscheidungsvorhaben, sondern nach den sogenannten Nachrichtenfaktoren, zu dessen verbreitester Maxime wohl die Formel des <em>only bad news is good news</em> zählt.</p>
<p><span id="more-3609"></span></p>
<p>Schlechte Nachrichten für die Investmentbank Goldman Sachs war das öffentliche Kündigungsschreiben (&#8220;<a href="http://www.nytimes.com/2012/03/14/opinion/why-i-am-leaving-goldman-sachs.html?pagewanted=all">Why I am leaving&#8230;</a>&#8220;) ihres ehemaligen Mitarbeiters. Die entscheidende Frage war dabei nicht, ob Greg Smith der <a href="../../../../../2012/03/15/die-moral-der-motive/#_ftn1">moralische Sieger</a> darüber sei, dass er seinen Austritt medienwirksam inszenierte oder sich damit selbst stigmatisierte oder, ob bei Goldman Sachs Kunden wirklich als Trottel bezeichnet oder gar behandelt wurden. Und wie hätte Mr. Smith auch die Wahrheit oder Aufrichtigkeit seiner Argumente mitkommunizieren können ohne sich nicht gleichzeitig den Verdacht auszusetzen, dass er damit eben diesen Effekt zu erzielen suchte? Seine Motive waren und bleiben nicht nur für die Leser oder die New York Times, sondern auch für ihn selbst nicht eindeutig bestimmbar. Aber! sie können immer retrospektiv je nach Publikum neu mobilisiert und diskutiert werden. Dies passiert vor allem dann, wenn nicht nur nach dem Recht, sondern nach der Rechtfertigung für ein Verhalten gefragt wird.</p>
<p><strong>Goldman als Beispiel für die (Nicht-)Kommunikation von Lernfähigkeit</strong></p>
<p>Smith’ Brief ist Ausdruck, dass er sich diese Frage zumindest auch selbst gestellt hat. Doppelmoral, auch sie kann allen Ärger zum Trotz schlicht nicht überprüft werden. Sie muss in einer pluralisierten Welt vielmehr erlaubt sein. Ob stille Einsicht oder öffentliches Schuldbekenntnis – gesellschaftliches Lernen auf unterschiedlichen Ebenen, genauer gesagt: die <em>Kommunikation von Lernfähigkeit</em>, muss möglich sein. Unzwar auch ohne damit gleich seine Selbstdarstellung gänzlich aufs Spiel zu setzen wie dies vor <a href="http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/">Gericht</a> der Fall ist.</p>
<p>In der Berichterstattung über das vermeintliche <em>Abschieds-Bekennerschreiben</em> ist viel Lob und Tadel geäußert worden. Auf die <em>Lernfähigkeit</em> hin sind sie noch nicht beschrieben und unterschieden worden.<a title="" href="#_ftn1">[1] </a> Der Skandal um die prominente Publikation des vermeintlichen Pamphlets offenbart dabei nicht nur die universellen zwei Seiten einer Medaille, sondern drei systemspezifische Ebenen für mögliche Lernprozesse: Für die Person, das Unternehmen und die Gesellschaft. Ob und was wirklich aus bestimmten <em>Fehlern</em> gelernt wurde, lässt sich wie die Motive dahinter schwer eindeutig feststellen. Lernfähigkeit lässt sich aber auf vielfältige Weise <em>kommunizieren</em>.</p>
<p><strong>Bad bank, good guy</strong></p>
<p>Am Anfang des Skandals steht die öffentliche Empörung. Der größte Stein des Anstoßes war im Fall Smith die Diskrepanz zwischen <em>Innen-</em> und <em>Außensicht</em> der Bank, die jeweils kritisiert und verteidigt wurde. Innen die Sichtweise, dass die beklagten Praktiken in der Branche nicht nur gängig, sondern <a href="http://www.economist.com/node/21551354">erfolgreich</a> seien. Jeder Kunde müsse damit rechnen übers Ohr gehauen zu werden. Ein unschlagbares Argument, denn dies gilt nicht nur für das Investmentbanking. Die Veranschaulichung am Automarkt (<a href="http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2001/akerlof-article.html">market for lemons</a>) wurde bereits mit dem Nobelpreis prämiert. Von außen wird dagegen die (alte philosophische) Forderung herangetragen, dass Lippenbekenntnissen auch entsprechende Taten folgen müssten. In diesem Fall: Kundenorientierung müsse nicht nur als Fassade bzw. als Unternehmenswert symbolisch bekundet, sondern auch operativ das Geschäft leiten.</p>
<p>Statt eine der beiden Seiten zu verabsolutieren, kann man auch dem Ökonomen <a href="http://www.cbspress.dk/Visning-af-titel.848.0.html?&amp;cHash=f29eed390f2e0661a5562b5fbc03669a&amp;ean=9788763001069">Nils Brunsson</a> folgend dagegenhalten und feststellen, dass Scheinheiligkeit und ideale Außendarstellung funktional für die Organisation sind. Denn wie man bei den eigenen Kindern merkt, steckt man als Organisation in einem Dilemma: Wenn sie jedem Kundenwunsch hinterher rennen würde – und Kundenwünsche können sehr anspruchsvoll, widersprüchlich und schwankend sein – so würden wahrscheinlich keine Autos, Kredite oder gar Autokredite angeboten und nachgefragt werden. Aber genauso kann man dann als Eltern lernen, dass die Kommunikation von Grenzen nicht immer ehrlich sein muss, aber überzeugend. Und sie muss möglichst offen bleiben. Drohungen führen dagegen zum Gegenteil. Die patzige (wenn auch vielleicht ehrliche) Antwort: Wenn Ihr Kritiker jetzt nicht still seid, dann verkaufen wir morgen eben noch schlechtere Produkte, wird wohl kaum den gewünschten Effekt erzielen. Erfolgreicher ist dagegen die Ablenkung vom Thema (sei es durch neue Veröffentlichung, Auftragsvergabe oder Ankündigungen) oder die Festlegung von klaren Zuständigkeiten (sei es in Form neuer Stellen, Abteilungen oder Tochtergesellschaften) nicht zuletzt mit dem Ziel der genannten Ablenkung.</p>
<p><strong>Von organisationaler zu gesellschaftlicher Legitimation</strong></p>
<p>Dagegen könnte man wiederum reklamieren, dass bei einer solch besonderen Bank mit einem derart elitären oder großen Mitarbeiterstab, unvergleichbaren Geschäftsbeziehungen, langen Erfahrungen und tiefen Wurzeln in der US-amerikanischen Unternehmensgeschichte der Faktor einer ultimativen <em>Systemrelevanz</em> ins Spiel komme. Nicht für staatliche bail-outs – die hätten die Goldmänner auch nicht nötig und würden sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn es jemals dazu kommen würde – sondern für die von Kritikern gern beschworene <em>gesellschaftliche Verantwortung</em>. Wer dieses Buch aufschlägt, wird nicht nur auf Seiten der liberalen Wirtschaftsdenker schnell auf das Friedmansche Zitat stoßen: <em>The only social responsibility of business is to increase its profits</em>. Frei nach dem Segen, wo ein Markt ist, da ist auch die sogenannte (Output-)Legitimation. Die Forderung nach gesellschaftlicher Verantwortung ist gerade in Krisenzeiten medialisier- und politisierbar. Dann wird jedoch nicht nur der Ausfall von Banken plötzlich relevant, sondern jedes Unternehmen mit einem <em>relativ</em> hohen Marktanteil, mit dessen Verschwinden für die soziale Umwelt zu viele (un-)kalkulierbare Folgen verbunden und erinnert würden. Der Steuerzahler darf dann nur noch hoffen, dass sich die Krisen in unterschiedlichen Märkten nicht (weiter) gegenseitig verstärken.</p>
<p><strong>Skandal im Bankbezirk: Empört Euch! </strong></p>
<p>Viel wichtiger als die sachliche Erörterung der vermeintlichen Motive und dessen Folgen ist die öffentliche Entrüstung über die Abweichung: Die Ursachen für die <em>Kommunikation von Lernfähigkeit</em> liegen dabei weniger im vermeintlichen Fehlverhalten, sondern vielmehr in der Sensibilität der anderen für den besagten Fall, der gerade dadurch vom belanglosen Einzel- zum Präzedenzfall aufsteigt. Denn – so bereits die soziologischen Klassiker Emile Durkheim und in Anlehnung daran auch Niklas Luhmann – erst die breite Resonanz und Diskussion darüber macht sichtbar, wo die Grenzen zwischen Normen und Normbrüchen liegen. Während die rechtlichen Schranken oft eindeutig sind, können sich moralische Maßstäbe von Fall zu Fall ändern. Gesetze sind nicht zuletzt verschriftlicht. Geschriebenes Wort lässt sich aber leichter kritisieren als Gesprochenes. Und während das Recht erst im Nachhinein und nur den angeklagten Fall bestraft, vermag die öffentliche Empörung präventive Wirkungen für eine unbestimmte Masse zu entfalten. Zur Verfestigung einer verletzten Norm und zur Abschreckung vor der Nachahmung bedarf es deshalb nicht immer gleich der Verurteilung oder gar der Hinrichtung. Gesellschaftliches Lernen und damit die Kommunikation von Lernfähigkeit ist dann auf unterschiedliche Weise möglich.</p>
<p><strong>Personenmisstrauen kann Systemvertrauen stärken &#8211; und umgekehrt</strong></p>
<p>In seinem F.A.Z.-Text vermerkt Prof. Ingo Pies unter seiner vierten These einen scheinbar paradoxen Effekt von Empörungen: <em>Einerseits erzeugt der Skandal Misstrauen gegenüber einer Person, der Fehlverhalten vorgeworfen wird. Andererseits kann dies zum Aufbau von Systemvertrauen führen, sofern die verletzte Norm institutionell gestärkt wird</em>. Eine weitere These folgert: <em>Je abstrakter bzw. systemischer ein Problem ist, desto weniger skandalisierungsfähig ist es.</em> Mit anderen Worten könnte man sagen, dass nicht jedes Verhalten gleichermaßen auf einen rechtlichen, ökonomischen oder <a href="../../../../../2011/03/28/expertenkommissionen-im-atompolitischen-wahlkampf-%E2%80%93-eine-sichere-%E2%80%9Eregierungstechnik%E2%80%9C-und-ein-kontrollierbares-%E2%80%9Erest-risiko%E2%80%9C/">politischen Resonanzboden</a> fällt. Und: Nicht jedes Verhalten lässt sich auf (Einzel-)Entscheidungen zurückführen. Aber gerade in Zeiten unaufhaltsamen technischen und organisatorischen Machbarkeits- und Optimierungsstrebens werden immer neue Handlungsalternativen erzeugt. Naturkatastrophen werden dann beispielsweise immer häufiger unter dem Schema versäumter Absicherung beobachtbar und entsprechend zum <em>Risiko</em> nicht vorbeugender Entscheidungen. Lernfähigkeit kann man jedoch nur bekunden, wenn sich die beobachteten Schäden auf eigenes Verhalten zurückführen lassen. Ihre verpasste Kommunikation wird dann ebenso zum Risiko der Schadenszurechner (die nicht immer mit ihren Verursachern identisch sein müssen).</p>
<p><strong>Unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation von Lernfähigkeit</strong></p>
<p>Man kann jedoch noch mehr mögliche Folgen unterscheiden. An den Reaktionen auf das Kündigungsschreiben kann man beispielhaft die Kommunikation von Lernfähigkeit a) seitens der Person selbst, b) der Organisation Goldman Sachs und c) der Gesellschaft beobachten. Zunächst ist da Greg Smith, der in seiner schriftlichen Rebellion demonstriert, dem heuchlerischen Verhalten der Mitarbeiter und der Führungsetage gegenüber der Kundschaft nicht länger stillschweigend zusehen zu wollen. Seine Erwartungen an die Integrität und Loyalität wurden enttäuscht, genauso wie die Hoffnung, dass sich dies ändern könnte. Aber diese will er nun ändern.</p>
<p>Repräsentativ für die organisationale Ebene ist die unmittelbare Reaktion der Führungsspitze, die ihren restlichen Mitgliedern das <a href="http://dealbook.nytimes.com/2012/03/14/public-rebuke-of-culture-at-goldman-opens-debate/?nl=todaysheadlines&amp;emc=edit_th_20120315">Bedauern</a> über die <em>öffentliche Entgleisung</em> ihres ehemaligen Kollegen äußert. Eine geschickte Strategie mit der sie versucht, den Fall nicht nur als Sonderfall zu personalisieren, sondern gleichzeitig auch zu pathologisieren. Während sie damit vorerst jegliche Lerngründe abzuwehren suchte, wurden einige Tage später – man mag vermuten aufgrund der enormen medialen Aufmerksamkeit – dann doch die internen Kontrollhebel gezogen. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge scannte die Bank Mitarbeiter-Mails nicht nur nach der entlehnten Wortverwendung, sondern auch nach anderen abfälligen Bemerkungen über Kunden. Offenkundig hat die Bank aus dem letzten Skandal nicht genügend gelernt bzw. ihre Lernfähigkeit nicht glaubwürdig genug kommuniziert. Bereits 2010 mussten führende Mitarbeiter vor dem Kongress bereits Stellung zu Emails abgeben, in denen sie bestimmte Finanzprodukte als <em>shitty deal</em> bezeichneten. Vielleicht war die außergerichtliche Rekordsumme an die SEC dann doch nicht hoch genug? Die Geldsprache hätte die Bank zumindest verstehen können.</p>
<p><strong>Sanktionen müssen nicht zwangsläufig disziplinierend wirken</strong></p>
<p>Eine geschäftsförderliche Unternehmenskultur lässt sich jedoch nicht nur schwer für alle Abteilungen und Standorte gleich im Voraus bestimmen, sondern auch schwer einheitlich formalisieren. Denn: Kundenfreundlichkeit, Ehrlichkeit oder Authentizität lassen sich nicht anordnen und noch weniger überprüfen; sei es direkt von oben, oder über die Rekrutierung noch so diversifizierten, persönlichkeitsstarken oder analytisch hochwertigen Personals. Ethikkurse im Studium oder als berufliche Weiterbildungsmaßnahme für sittenwidrige Manager können zwar auf dem Arbeitsmarkt Signalwirkung entfalten, aber auch dies ist – wenn sie sozial wirksam sein soll – eine <em>kommunikative</em> Leistung. Ob ein Mitarbeiter beim nächsten Bestechungsversuch deshalb professioneller reagiert, ist damit nicht garantiert.</p>
<p>Auch gegenüber der Einführung neuer Regeln ist Erfolgsskepsis geboten. Prominente Einflussmittel wie Unternehmenskampagnen (beispielsweise die Ausschreibung eines <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Financial_Times_and_Goldman_Sachs_Business_Book_of_the_Year_Award"><em>Business Book of the Year Award</em></a>), die Ausschreibung des tüchtigsten Mitarbeiters des Monats oder Gehaltsprämien für von Kunden hoch bewertete Mitarbeiter können sich wiederum <em>unkontrolliert</em> auf die Motivation und Leistung der anderen Mitglieder auswirken. Nicht zuletzt, weil in Betriebswirtschaft, Soziologie oder Organisationspsychologie eine Fülle von Anreizmodellen untersucht, aber ihre nicht-intendierten Nebenfolgen bei der Übertragung in die Praxis regelmäßig verkannt werden. Erfolgskontrolle scheitert dabei nicht selten an der Unmöglichkeit der Erfolgsmessung. Erfahrene Unternehmer wie Esther Dyson wissen: <a href="http://www.ftd.de/it-medien/medien-internet/:top-oekonomen-esther-dyson-wird-das-internet-schliessen/70012218.html">Unterschiedliche Menschen (Mitarbeiter wie Kunden) haben unterschiedliche Präferenzen. Manchmal hat sogar ein und dieselbe Person unterschiedliche Präferenzen.</a></p>
<p><strong>Kommunikation von Reformfähigkeit</strong></p>
<p>Eine nach außen hin überzeugendere Alternative wäre gewesen, die Legitimitätskosten zu steigern und die Änderungserwartung der sozialen Umwelt zu antizipieren bzw. ihr zu folgen. Konkret hätte dies beispielsweise bedeutet, Smith’ Vorgesetzen zu entlassen. Was Kindern verwehrt bleibt – das <a href="../../../../../2008/06/09/ein-kopf-muss-rollen/">Führungspersonal auszuwechseln</a> – ist in der Wirtschaft gang und gebe. Für die Organisation liegt darin die vielleicht einfachste und kostengünstigste Möglichkeit, auf Angriffe von Nicht-(Mehr)-Mitgliedern mit der Kommunikation eines einheitlichen Reformwillens zu reagieren. Die Einführung eines <em>Lead Director</em> bei Goldman Sachs ist dagegen prompt von der Öffentlichkeit als billige Kosmetik entlarvt worden, denn die obersten Spitzen der Bank werden weiterhin in Personalunion geführt und auch die Aufgaben des neuen Directors wurden schon in der Vergangenheit durch den Nominierungsausschuss des Verwaltungsrats übernommen<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>.</p>
<p>Wenn auch die wirtschaftsethische Forderung nach dem Setzen besserer Regeln und effizienterer Anreize keinen Widerhall im Unternehmen findet, so bleiben als letzte Instanzen die Politik und das Rechtssystem, die einzig kollektiv bindende Entscheidungen setzen und ahnden können. Wie Formalisierung und Standardisierung kann jedoch auch Verrechtlichung der Komplexität an möglichen Fehlverhalten nur hinterherlaufen. Und wie auf der Ebene der Organisation gilt für das Recht die Gefahr einer Verbotsinflation (<a href="../../../../../2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/">Hard cases make bad laws</a>). Die Medialisierung und Politisierung der Empörung können dagegen beiden Tendenzen entgegenwirken, und gerade die vorauseilende Kommunikation von Lernfähigkeit vermag ausufernde Rechts- und Organisationskosten zu verhindern. Vielleicht liegt gerade in der Vermeidung der damit verbundenen Bürokratie-, Kontroll- und Steuerausgaben eine bisher wenig beachtete Dimension gesellschaftlicher Verantwortung?</p>
<p><strong>Kommunikation von Lernfähigkeit als Ausdruck sozialer Verantwortung</strong></p>
<p>Die ausbleibende oder halbherzige Kommunikation von Lernfähigkeit seitens Goldman Sachs wird aus dieser Perspektive zur <em>Gefahr</em> für alle anderen, die die Kosten neuer Regulierung(-sdrohungen) tragen. Kinder scheinen in Sachen Eigen- und Fremdverantwortung schneller zu sein, wenn sie ihren Eltern beim zweiten Normbruch ganz freiwillig Besserung geloben und beispielsweise bekunden, nicht noch einmal zu versuchen, allein über die Straße zu laufen. Das Geständnis kommt in weiser Voraussicht der leidigen Erfahrung, dass Verstöße gegen gemachte Vereinbarungen das Regelwerk der Familienordnung oder die Sitzung des Familienrats nicht gerade kürzer werden lassen: Zeit, die man hätte draußen spielen können! Doch wie bei jeder anderen Kommunikation läuft auch bei der <em>Kommunikation von Lernfähigkeit</em> der eingangs genannte <em>Motivverdacht</em> mit – sei es gegenüber dem Kunden oder der Eltern. Gleiches gilt gegenüber dem Partner, der Lehrer oder der Polizei. Auch aus dieser Erkenntnis lässt sich vielleicht für den ausdauernden Leser etwas <em>Lernen</em>?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/galt-museum/5043021830/">Flickr</a> Galt School of Nursing Practical Training)</p>
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<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref">[1]</a> Die Markierung der <em>institutionellen Lernfunktion</em> von Skandalen ist in der gestrigen Ausgabe der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> (Nr. 77, S. 9) von Prof. Ingo Pies anhand von sechs Thesen anschaulich erläutert worden. Der hier verfasste Text greift insbesondere die Unterscheidung von Personen- und Systemvertrauen bzw. Personen- und Systemlernen auf, versucht aber anstatt der Betonung <em>einer institutionellen Lernfunktion</em> die <em>unterschiedlich mögliche Kommunikation von Lernfähigkeit</em> herauszustellen. Diese Umstellung folgt dabei nicht dem impliziten Impetus einer vermeintlich steuerbaren produktiven Skandalisierung durch <em>wirtschaftsethisches Integritätsmanagement</em>. Oder die Autorin hat dessen Mehrwert noch nicht ausreichend verstanden und kommuniziert für diesen Fall vorauseilend ihre Lernfähigkeit, nicht zuletzt um einer möglichen Empörung im soziologischen Skandaldiskurs vorzubeugen.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref">[2]</a> Barbara Schäder, <em>Financial Times Deutschland</em> vom 29.03.2012, S. 2.</p>
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<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Moral der Motive</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Mar 2012 13:26:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henrik Dosdall</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Greg Smiths Goldman Sachs Schelte Am 14. März erschien in der New York Times ein Artikel, in dem der ehemalige Investmentbanker Greg Smith mit seinem wiederum ehemaligen Arbeitgeber, Goldman Sachs, abrechnete. Der Vorwurf, den Smith Goldman Sachs macht und der daraufhin für weltweites Medienecho sorgte, ist simpel: Die Investmentbank versucht losgelöst von Fragen moralischer Integrität [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Greg Smiths Goldman Sachs Schelte</strong></p>
<p>Am 14. März erschien in der New York Times ein <a href="http://www.nytimes.com/2012/03/14/opinion/why-i-am-leaving-goldman-sachs.html?pagewanted=2&amp;_r=2">Artikel</a>, in dem der ehemalige Investmentbanker Greg Smith mit seinem wiederum ehemaligen Arbeitgeber, Goldman Sachs, abrechnete. Der Vorwurf, den Smith Goldman Sachs macht und der daraufhin für weltweites Medienecho sorgte, ist simpel: Die Investmentbank versucht losgelöst von Fragen moralischer Integrität Gewinn zu machen und nimmt dabei in Kauf, dass Produkte verkauft werden, die wissentlich keinen Nutzen für den Kunden haben. In der Negativfassung dieser Aussage formuliert, könnte man sogar meinen, die Produkte haben nicht nur keinen Nutzen, sondern richten darüber hinaus auch Schaden an. Von einem herzlosen Verhältnis zu den Kunden, die „abgezockt“ werden, ist die Rede. O-Ton: “It makes me ill how callously people talk about ripping their clients off”. Letztere würden firmenintern sogar nur als “Muppets” (Deppen) adressiert. Smiths Kalkül, so seine Selbstdarstellung, ist dabei die ultimative Selbstaufopferung verstanden als Kündigung und Inkaufnahme des Risikos auf lange Zeit keinen Job mehr an der Wall Street zu bekommen, um die von ihm hoch geschätzt Investmentbank Goldman Sachs zu einem Kurswechsel zu bewegen.</p>
<p><span id="more-3443"></span></p>
<p>Tags darauf folgte dann ein weiterer <a href="http://dealbook.nytimes.com/2012/03/14/public-rebuke-of-culture-at-goldman-opens-debate/?nl=todaysheadlines&amp;emc=edit_th_20120315">Hauptartikel</a> in der New York Times, der den öffentlichen Tadel der Geschäftspraktiken von Goldman Sachs zum Inhalt hat. Der öffentliche Aufschrei ist groß. Thematisiert werden aber auch andere Motive als die Selbstaufopferung für das größere Gut: mit 500.000$ pro Jahr gehörte Smith – in Relation zu Goldman Sachs Gehältern gesprochen – offensichtlich nicht zu den Großverdienern. Auch hatte Smith als Exekutive Director eine Stelle, die von weiteren 12.000 anderen Mitarbeitern der insgesamt 33.000 Mann starken Firma ebenfalls bekleidet wird<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>. Das Unterstellen unlauterer Motive wie simple Rache aufgrund beruflicher Stagnation wird somit vielleicht nicht offen angedeutet, aber zumindest doch insinuiert. Und auch die Frage, welche Moral man einem Arbeitnehmer zurechnen kann, der seiner Firma – und sei es aus „guten“ Motiven – öffentlichen und mittelfristig wahrscheinlich auch finanziellen Schaden zufügt, drängt sich auf.</p>
<p>Was aber kann man nun soziologisch aus diesem Geschehen ziehen? Zunächst mal die grundsätzliche Anmerkung, dass es – wiederum soziologisch betrachtet – Zeitverschwendung ist, über die „wahren“ Motive von Hr. Smith zu diskutieren. Man kennt sie schlicht nicht und selbst Hr. Smith kann sich als glücklicher Mensch schätzen, sollte er sie denn kennen. Sehr wahrscheinlich scheint dies nicht zu sein. Lenkt man den Blick also in der Folge von der Person weg<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> und auf die massenmediale Diskussion hin, so fällt zunächst auf, dass vor allem im Moralschema argumentiert wird. Es geht um den guten Mitarbeiter, der gegen die unredlich agierende Firma vorgeht. Gleichzeitig ist aber auch sofort erkennbar, dass das beobachtungsleitende Moralschema gut/schlecht paradoxieträchtig ist: die moralisch gute Handlung, verwerfliche Geschäftspraktiken anzuprangern, hat schlecht Folgen – sowohl für die Firma, in deren Interesse Smith seinen Artikel verstanden wissen möchte als auch für ihn selber: Stichwort Arbeitslosigkeit. So bleibt es dem Beobachter überlassen, welche Bewertung er zu Grunde legen möchte: ist Smith nun ein Märtyrer, der das Wohl seines Arbeitgeber über seine eigene ökonomische Absicherung stellt, oder aber fügt er aus Naivität und unlauteren Motiven (Bekanntheit) seinem ehemaligen Arbeitgeber Schaden zu?</p>
<p>Fragt man nun aber nach dem Grund für diese Unentscheidbarkeit, so kann man sicherlich großformatig ansetzen und auf eine Moderne verweisen, die ihren inhärenten Zusammenhalt im Sinne eines einheitlichen Wertehorizontes verloren hat. Verschiedene Wertsphären sedimentieren sich nebeneinander, so dass, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Rationalität nicht mehr zu integrieren sind. Und auch die Moral bietet keine Hilfe mehr, seit man festgestellt hat, dass unter dem Aspekt einer offenen Zukunft betrachtet, auch moralisch gute Handlungen schlechte Folgen haben können. Gleichzeitig muss in Rechnung gestellt werden, dass als direkte Folge dieser gesellschaftlichen Entwicklung jeder Sinn seinen Gegensinn evoziert: wenn niemand mehr weiß, was allgemeingültig richtig ist, weil alles, was kommuniziert wird, aus den verschiedensten Blickwinkeln, die alle ihre Legitimation im Sinne ihrer Faktizität haben, wiederum beobachtet werden kann, gibt es keinen Grund mehr, an getätigten Aussagen <em>nicht</em> zu zweifeln.</p>
<p>Verlässt man nun diese nur angedeutete Abstraktionslage wieder, so kann man zunächst als Ergebnis festhalten: alles, was kommuniziert wird, kann wiederum beobachtet werden und wird somit dem Zweifel ausgesetzt. Aufrichtigkeit, um Niklas Luhmann zu zitieren, ist schlicht und ergreifend nicht mehr zu kommunizieren. Gerade im Kontext der Massenmedien aber, um einen Artikel Klaus Japps zu paraphrasieren, ist die Unterscheidung von Herstellung und Darstellung nicht aus der Gesamtrechnung zu tilgen. Man kann immer, egal bei welchem Thema, fragen, ob die Herstellung einer Aussage – in diesem Fall die Idee Smiths besagten Artikel zu schreiben – ihrer Darstellung (es geht um das Wohl der Firma) entspricht. Und weder noch so hehre Motive noch eine vermeintliche Eindeutigkeit der Sachlage, können die Beobachtung der Kommunikation mit dieser Unterscheidung verhindern, geschweige denn kontingente Interpretationen einfangen.</p>
<p>Was aber ist Greg Smith nun für ein Mensch? Ein Gutmensch, oder jemand, der die maximale Publicity sucht, weil er auf ein Thema (das Diskreditieren von Banken) aufspringt, das aktuell wohl massenmediale Aufmerksamkeit wie kein zweites erregt?<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> Immerhin muss Griechenland schon vor der Staatspleite stehen, um die Banken aus dem Leitartikelblick der großen deutschen Tageszeitungen zu drängen. Und selbst hier sind sie wieder Teil des Themas. Zurück zu unserer Frage: sie ist zu <em>entscheiden.</em> Man kann es im Prinzip machen wie man will: je nachdem woran man glauben möchte. Man muss es halt entscheiden. Und wie man nach Heinz von Förster weiß, ist zu entscheiden so oder so nur, was unentscheidbar ist. Dass 2+2 4 sind, ist keine Entscheidung. Ob ich aber an die tiefe Moralität einer Person glaube oder diese als Nestbeschmutzer stigmatisiere, weil ihr das Committment zum Arbeitgeber abgeht, ist sehr wohl eine Entscheidung.</p>
<p>Man muss sich hier von der Idee verabschieden, man könne ein eindeutiges Urteil fällen. Anders formuliert bietet die Moderne uns die Möglichkeit die zu Grunde liegende Paradoxie, dass Gutes gleichzeitig Schlechtes sein kann, in jede Richtung aufzulösen. Gerade wenn man mitbeobachtet, dass moralische Aussagen anfällig für Fragen ihrer intrinsischen Motivation sind.<a title="" href="#_ftn4">[4]</a> Somit bleibt es dem Beobachter überlassen, wie er sich entscheiden und was er im Sinne des „Sensemaking“ daraufhin als seinen „inneren Glauben“ ausflaggen möchte: den ungebrochenen Optimismus, dass es gute Motive immer noch gibt, oder einen tiefen Pessimismus gegenüber den Beobachterverhältnissen der Moderne.</p>
<p>Auch diese Argumentation, so muss man wohl zwangsläufig im Sinne der Systemtheorie urteilen, kann man anders sehen. Ändern tut dies allerdings nichts.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p>Japp, Klaus Peter, 2010: Risiko und Gefahr. Zum Problem authentischer Kommunikation. In: Büscher, Christian/Japp, Klaus Peter (Hrsg.): Ökologische Aufklärung. 25 Jahre &#8220;Ökologische Kommunikation&#8221;. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.</p>
<p>Luhmann, Niklas, 1984: Soziale Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp</p>
<p>v. Förster, Heinz, 1993: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp</p>
<p>Weick, Karkl E., 1995: Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks: SAGE Publications</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Auch wenn sich hier die Thematisierung wohlklingender Stellenbeschreibungen, hinter denen sich operativ nichts verbirgt, unnachahmlich anbietet, soll es darum an dieser Stelle nicht gehen. Der Gedanke an die Kleider, die Leute machen, ist nichtsdestotrotz ein sich aufdrängender. Trotz des „Exekutive Director“ hatte Smith noch nicht einmal Personalverantwortung. Etwas, dass man in kleineren Unternehmen jedweder Branche auch ohne solche einen klingende Stellenbeschreibung haben kann.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Die, um dies der Vollständigkeit halber anzumerken, ja eh nur als massenmediales Schema auftaucht.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Und wurde der Artikel von der New York Times bezahlt? Und wenn wie gut?</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Und hier soll nur angedeutet werden, dass Motive sich nicht extramundane Eingebungen bilden, sondern auch dem Wechselverhältnis von Kommunikation und Denken unterworfen sind. Für welche Seite man theoretisch hier auch immer optiert – ob man die Kommunikation der Motivbildung vorgelagert betrachtet (Systemtheorie) oder vice versa (Handlungstheorie): das Bedingungsverhältnis an sich ist nicht wegzudiskutieren.</p>
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		<title>Das Internet ist nun doch nur ein Auto</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 09:20:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Man lernt viel, wenn man im Internet ständig liest, was Leute denken. Aber ebenso oft wird man auch verwirrt. Seit Jahren reden die Berater, Businessmänner und Besserwisser davon, dass das Internet alles verändert, dass es die Grenzen von Raum und Zeit nicht nur überbrückt, sondern nie kannte. Das Internet ist so toll, es kann auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3346" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Man lernt viel, wenn man im Internet ständig liest, was Leute denken. Aber ebenso oft wird man auch verwirrt. Seit Jahren reden die Berater, Businessmänner und Besserwisser davon, dass das Internet alles verändert, dass es die Grenzen von Raum und Zeit nicht nur überbrückt, sondern nie kannte. Das Internet ist so toll, es kann auf Papier, Vertriebswege und Verlage verzichten. Wer Internet hat, braucht keinen Lektor, keinen Verkäufer, keine Geduld mehr. Schreiben, Publizieren, fertig. Hurra.</p>
<p><span id="more-3344"></span>Und dann kommt <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/hurra-urheberrecht-im-internet-verbessert/">Stefan Niggemeier und vergleicht das Internet mit einem Auto</a> (bitte lesen, ich lasse den Kontext hier weg):</p>
<blockquote><p>Das ist etwa, als müssten die Gelben Seiten den Unternehmen dafür zahlen, dass sie ihre Informationen aufnehmen dürfen. Als müsste der Busfahrer dem Kirmesbetreiber Geld dafür geben, dass er die Kunden zu ihm bringt. Dem Vorhaben fehlt jede innere Logik.</p></blockquote>
<p>Das Auto also, diese radikalste Form von Limitierung und Materialität. Autos verbrauchen beim Fahren Benzin, sie brauchen fürs Herumstehen Platz. Städte bestehen aus Häusern und Straßen. Autos belasten die Umwelt. Sie fahren nicht mit Lichtgeschwindigkeit. Sie brauchen Personal, das sie steuert. Autos kann man nicht einfach ausschalten, man muss sie aufwendig entsorgen. Sie lassen sich nicht auf Knopfdruck updaten, sie müssen zurückgerufen werden. Autos sind Grundelement der bösen Ölindustrie, der größten Macht der Menschheit.</p>
<p>Soll der Vergleich Busfahren / Rivvalesen tragfähiges Argument einer wichtigen Diskussion sein? Bevor man über das &#8220;Leistungsschutzrecht&#8221; spricht, muss man anscheinend noch einmal alle Prämissen einzeln aufwerfen, weil wirklich jeder seine eigene Idee vom Internet hat. Stefan Niggemeiers Argument ist kurz, aber man kann es zehnfach zerlegen, umdrehen, neu kombinieren und ständig wieder kritisieren:</p>
<p>1. Es ist nicht unüblich, dass das Anfahren attraktiver Ziele für den Betreiber des Fahrservices Geld kostet. Will man zu den Niagarafällen, einem Fussballweltmeiterschaftsspiel, zum Flughafenterminal, in den Freizeitpark fahren, hat man es mit einem Transportunternehmer zu tun, der natürlich dafür an den Betreiber der beliebten Destination Lizenzgebühren zahlt, um die Fahrten durchzuführen. (Dass das Zauberwort der Exklusivität hier eine Rolle spielt, krümmt das Argument nicht im Ansatz in dem Maß, wie der generelle Vergleich von Rivva.de und Autos.)</p>
<p>2. Seiten wie Perlentaucher, Rivva oder Google News sind keine Vermittler, die bloß Weg zum Ziel sind. Diese Seiten sind selbst das Ziel der Leser, denen häufig die Überschrift oder ein Teaser reicht. Die Analogie von Niggemeier kann man auch so ausgestalten: Man stelle sich vor, in Frankfurt gäbe es einen Fahrdienst, der die Menschen vom Bahnhof nonstop zur Schirn in die Munch-Ausstellung fährt. Aber auf der Fahrt gäbe es schon die zehn eindrucksvollsten Munch-Bilder in einer Hochglanzbroschüre zu sehen. Wie vielen Menschen würde das Durchblättern dieser auf gleiche Größe getrimmten, bequem im Sitzen konsumierbaren (Ab)Bilder reichen und doch lieber den Tag am Main verbringen?</p>
<p>3. Die Gelben Seiten die Niggemeier nennt, sind ein Telefonbuch. Wer ein Telefonbuch konsultiert, weiß genau, was er sucht: eine sehr spezifische &#8211; und nur diese &#8211; Information. Das Telefonbuch darf auf keinen Fall überraschen, weil sich etwas nicht findet oder etwas zweideutig darin aufgeführt ist. Ja, heute lesen viele so ihre Zeitung: Sie scannen kurz im Internet die Überschriften, erfahren, dass nichts Wichtiges passiert ist, ergänzen die Überschrifteninhalte mit naheliegenden Assoziationen und belassen es dabei.</p>
<p>4. Was ist &#8220;innere Logik&#8221;?</p>
<p>5. Kann man sich ein Bild von etwas machen, in dem man es mit dem absurdesten Vergleich konturiert? Wären Atomkraftwerke dann nicht sehr tolle Errungenschaften im Vergleich zur Tragik der einen Milliarde Menschen, die in Afrika Fahrradturbinen treten müssten, damit wir hier in Europa Strom haben?</p>
<p>6. Ist Busfahren eigentlich kostenlos, nur weil der Betreiber der Endhaltestelle nicht dafür zahlt?</p>
<p>… ich habe keine Lust den Text weiterzuschreiben. Ich habe mich immer gefragt, wie sich Stefan Niggemeier fühlte, wenn er mit Tausenden Worten über die Abzocke von 9Live und Ähnliches geschrieben hat. Das Offensichtliche noch einmal zitierfähig aufschreiben und Lebenshilfe für diejenigen bieten, die von selbst keine zwei Gedanken in eine Reihe bekommen. Jetzt habe ich zumindest eine Ahnung wie es sich anfühlt.</p>
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		<title>„Deine Meinung zählt!“</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Feb 2012 19:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[asozial]]></category>
		<category><![CDATA[Aufmerksamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[riskant]]></category>

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		<description><![CDATA[Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/17/%e2%80%9edeine-meinung-zahlt/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa/" rel="attachment wp-att-3186"><img class="alignnone  wp-image-3186" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg" alt="" width="648" height="261" /></a></strong></p>
<p style="text-align: left"><strong>Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur um <em>mitmachen und gewinnen</em>, sondern sozial viel folgenreicher: um Achtung, Missachtung und Verachtung.</p>
<p>Früher kannte man Abstimmungsprozesse fast ausnahmslos vom letzten Wahlgang. Heute ist jeder Tag ein <em>Wahltag</em>. Nicht nur die Marktforschungsinstitute veröffentlichen fast täglich neue Stimmungsbilder und Produktbarometer. Im Netz wimmelt es von Befragungstools über den Rücktritt von Politikern, über den neuesten Hit, das coolste Outfit oder die günstigste Krankenversicherung. Während Wahl- und Parteienforschung regelmäßig über sinkende Wählerquoten und wachsende <em>Politikverdrossenheit</em> klagen, kann von <em>Meinungsverdrossenheit</em> keine Rede sein.<span id="more-3182"></span></p>
<p><strong>Von der öffentlichen Meinung</strong></p>
<p>In interaktiv mitbestimmbaren Massenmedien wird es dabei schwer, private und öffentliche Meinung zu trennen. Der <em>Strukturwandel der Öffentlichkeit</em> hat sich gewandelt. Es ist nicht (mehr) das aus der Privatsphäre hervorgetretende, belesene und wohlgeborene Herrenpublikum, das sich in den Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts wahrheits- und vernunftbegabt im potentiell verallgemeinerungsfähigen Diskurs übt, denn: öffentlich bekundete Meinungen von selbsternannten Eliten müssen nicht unbedingt kritischer, intellektueller oder demokratischer sein als andere. Es lässt sich nicht ohne Weiteres von einer Meinung auf die soziale Herkunft schließen.</p>
<p>In den Massenmedien ist dagegen der Name Programm. Sie suchen nach Masse und nicht nach Klasse. Die Klick-, Einschalt- oder Hörerquote zählt und nicht die Qualität der Meinung. Woran sollte sich diese in einer pluralisierten Gesellschaft, die sich von ihren moralischen Fesseln gelöst hat, auch messen lassen? Der Preis für diese Freiheit ist der Verlust wohlgemeinter und wohlgepflegter Werte und Unterscheidungen, wie einst die zwischen Laien- und Expertenmeinungen. Und warum sollte die Diskussion im Salon moralisch gehaltvoller oder politisch verträglicher sein, als die Gespräche im Wirtshaus, beim Telefon-Joker oder im Internetforum? Es gibt gebildete Rassisten und und dumme Pazifisten.</p>
<p><strong>„Sie sind der Meinung das war&#8230;“</strong></p>
<p>Je nach Verbreitungsmedium treten neue Kanäle zum Einfangen der <em>Echtzeit-Responsiveness</em> auf. Verlage lassen in ihrem jeweiligen Erscheinungsturnus Bücher rezensieren, Zeitungen drucken täglich Leserbriefe und Radiosender kann man stündlich anrufen. Wer im Fernsehen von der passiven Publikumsrolle in die aktive Leistungsrolle schlüpfen möchte, braucht Sympathie, Attraktivität, und/oder andere medientaugliche Gesangs- Moderations- und Tanz-Qualifikationen, die auch hier unermüdlich aufs Neue getestet und bewertet werden. Am Neujahrstag twittert <a href="https://twitter.com/#%21/schlenzalot/status/153572631650635776">Schlenzalot</a>: <em>Plan für 2012: Weltfrieden und eine Castingshow für Twitterer</em>.</p>
<p><strong>Werten und Bewerten</strong></p>
<p>Auch online ist Meinung allerorts gefragt. Ob Plattform, Forum oder Blog, stets ist man aufgefordert zu verlinken, zu empfehlen und zu kommentieren. Eine Invasion von Share Buttons, Leserbriefen und Hörzeiten soll helfen die versteckten Präferenzen und Vorlieben der <em>Audienz</em> aufzuspüren. An diesen <em>unsichereren Orten</em> geht es tendenziell zu wie an den Spitzen von Organisationen, die zu allem eine Meinung haben, aber von nichts eine Ahnung. So ist in modernen Massenmedien alles, was sich irgendwie als <em>Meinung</em> qualifiziert – was einen irgendwie anschlussfähigen Beitrag abgibt – begehrt, weil scheinbar wünschens-, wissens- und vermarktungswert. Ständig sollen wir unseren Senf abgeben und ständig scheren auch wir uns um das gemein(t)e Geschwätz anderer Leute. Ganz selbstverständlich fragen wir nach den Bewertungen Dritter über Kunden oder Hersteller und suchen nach den Fixsternen am standardisierten Verbaucher-Himmel names TÜV, Waren- oder Ökotest. Und geht es weniger um klassische Kauf- als um hohe Kreditentscheidungen, orientiert man sich am finsteren Firmament der Finanzmärkte, wo ein unverrückbares 3er-Gestirn von Bonitätswächtern neue Buchstabenkombinationen aufblitzen lässt, um wieder eine<em> unabhängige Meinung</em> unter vielen anzubieten.</p>
<p><strong>Meinung dient der Vermarktung</strong></p>
<p>Meinung abzugeben wird technisch immer einfacher. Der Facebook <em>I like</em>-Button und die <em>Google-Verplussung</em> sind das Tor für ein milliardenschweres <em>Ad Tracking</em>. Die Selbst- und Fremdkommentierungen von Bild-, Text, und Video-Nachrichten werden dank algorithmischer Kategorisierungen dabei zu Selbstverstärkern unerkannter Wünsche und Trends. Allein dass jede Suche und jeder Seitenaufruf im Netz von Google anonym mitgeschrieben wird, erlaubt bereits ganz neue Möglichkeiten bei der Einpreisung von Online-Anzeigen. Auch wenn einer kausalen Gleichschaltung zwischen Werbeinformation und Warenkauf viele kognitive Grenzen gesetzt sind, ihre Auswahl und Darstellung auf der Seitenleiste beeinflusst dennoch irgendwie ganz ungeniert, unautorisiert und unerforscht das, was wir zu meinen scheinen (werden). Und sei es nicht zuletzt als Ärger über eben diese unintelligente Form der Meinungsvermarktung.</p>
<p><strong>Meinungsmärkte handeln zugleich mit Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Technisch sind Meinungen zwar leicht vermittelbar, aber kognitiv und kommunikativ haben sie ihren doppelten Preis: Jeder Klick und jeder Kommentar wird zur festen Währung auf Meinungsmärkten. Im Vergleich zu anderen Konsumgütern wird Meinung in <em>Aufmerksamkeit</em> gemessen. Sie lässt sich ständig losgelöst vom ursprünglichen Produzenten wieder verlinken und verwerten, und dies entlang einer ständig verlängerbaren (Er)-Schöpfungskette. Texte, Videos und Bilder lassen sich millionenfach anklicken, endlos und sinnlos kommentieren. Gerade wer seine Meinung schriftlich preisgibt, wird dann auch kritisierbarer als in mündlicher Kommunikation. Was in Seminaren oder Meetings noch schnell bestritten oder revidiert werden konnte (eben weil keiner mitschreibt oder auf record drückt), kann im digitalisierten Text beim Wort genommen werden. Meinungsmärkte sind deshalb riskant. Sie verlangen von den Beteiligten ein delikates Aushandeln von Selbst- und Fremderwartungen, dem sie sich immer wieder stellen müssen &#8211; wenn es denn nicht gelöscht oder anders verhindert wird.</p>
<p><strong><em>Asoziale</em> Netzwerke</strong></p>
<p>Wie in geselliger Interaktion ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut, das sich sozial, zeitlich und sachlich ungleich verteilt. Wer, wann, und mit wem kommuniziert, kann im Netz jedoch ungleich leichter limitiert, organisiert und vertagt werden. Zutrittsbarrieren lassen sich auf Facebook, LinkedIn &amp; Google+ über die Profil- und Kontoeinstellungen festlegen, die Onlinepresse kann eAbos vergeben und generell ist überall, wo <em>User-Content</em> generiert und genutzt wird, eine Anmelde-Schranke zwischengeschaltet. Während Unterhaltungen schnell wieder in einzelne Zwischengespräche zerfallen, wenn sie kein simultanes Aufmerksamkeitszentrum halten können, kann Aufmerksamkeit im Internet sukessiv auf- und abgebaut werden. Sie kann im Netz damit nicht nur technisch einfacher gesteuert werden, sie ist dort auch einfacher beobachtbar.</p>
<p>Share-Buttons, Statusnachrichten und threads machen Aufmerksamkeit für Meinungen zudem vergleichbar, weil sie messbar und unterscheidbar werden. Klickraten gerinnen zu Themen, die dem öffentlichen Gedächtnis zur Verfügung stehen, da sie ihm helfen zwischen erinnern und vergessen zu unterscheiden. Aber wer auf diesen Märkten keine hohen Werte für seine Meinungen erzielt, gerät dann auch leicht ins Abseits. Denn wer nicht kommentiert, wer nicht retweetet oder empfiehlt, straft seine Autoren mit Nichtbeachtung: Stell Dir vor Du postest eine Nachricht, und keiner liest sie. Stell Dir vor, Du stellst Dateien ins Netz und keiner nutzt sie. Der Entzug und die Gewährung von Aufmerksamkeit hängen dabei eng zusammen mit Fragen der Achtung und Missachtung.</p>
<p><strong>Meinungsinvasion als Ausdruck gesteigerter massenmedialer Konkurrenz</strong></p>
<p>Wenn die Erwartung auf Anschluss und Aufmerksamkeit enttäuscht wird, kann ihre Richtung umschlagen. Ignoranz wird dann zu einem wirksamen Mittel, um andere <em>mit Verachtung</em> zu strafen. Wo es die Möglichkeit zur Meinungskommunikation gibt, da wird Ihr Ausbleiben prekär, denn wer nicht dafür stimmt – sei es per Mausklick, Email, sms oder Telefon – von dem wird das Gegenteil angenommen – sei es gegen die Form oder gegen den Inhalt. Eine unbegründete und unbestimmte <em>Dislike</em>-Information läuft dann ständig implizit mit. Diese Unbestimmtheit kann unerträgliche Erwartungserwartungen provozieren: Wieso ist keiner im Chat? Wieso meldet sich keiner? Wieso wird nicht kommentiert? Öffentliche Meinungskommunikation macht sich dabei immer sichtbarer von der Bewertung Dritter abhängig. Meinungen treten dabei in Wettbewerb um Achtung und Missachtung. Der neurotische Suchzwang nach interaktiven Dritten in den unterschiedlichsten Massenmedien ist damit zugleich auch Spiegel verstärkter Konkurrenz um aufmerksame Beobachter. Und wo sich diese bündeln, da ist auch die ersehnte <em>Relevanz</em>, von der einsame Nutzer, verbissene Unternehmensrivalen und ungekrönte Blogger träumen.</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.mediaculture-online.de/blog/wp-content/uploads/2010/08/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg">Anja Lochner</a>)</p>
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		<item>
		<title>Glaubwürdigkeit &#8211; woher und wozu?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/01/07/glaubwurdigkeit-woher-und-wozu/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 14:50:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Christian Wulffs Schöner-Leben-Affäre steht stellvertretend für vieles, was derzeit nicht mehr richtig funktioniert oder immer nur sehr merkwürdig funktionierte und diese Merkwürdigkeit nun offenbart: Politiker müssen sich in ihrer Karriere gegen Parteikollegen durchsetzen, werden aber nur im Hinblick auf ihren Dienst für die Partei beobachtet; Im Parlament kämpfen Parteien gegeneinander für das Gemeinwohl. Die Demokratie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3025" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/01/Unbenannt-14.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Christian Wulffs Schöner-Leben-Affäre steht stellvertretend für vieles, was derzeit nicht mehr richtig funktioniert oder immer nur sehr merkwürdig funktionierte und diese Merkwürdigkeit nun offenbart: Politiker müssen sich in ihrer Karriere gegen Parteikollegen durchsetzen, werden aber nur im Hinblick auf ihren Dienst für die Partei beobachtet; Im Parlament kämpfen Parteien gegeneinander für das Gemeinwohl. Die Demokratie ist im Großen und Ganzen ein schönes, echtes Märchen &#8211; auf einem schwierigem Weg bleibt man beim Glauben an ein Happy End.</p>
<p><span id="more-3013"></span>Wie schwierig es ist, wird heute auch deutlicher, weil ein weiterer Beobachter hinzugekommen ist, der beginnt, seinen Folgenreichtum abzuschätzen: der ausformulierte Gedanke des Publikums. Er sucht sich seinen Raum in der bislang exklusiven Beziehung zwischen Politik und Massenmedien. Man könnte es <a href="http://differentia.wordpress.com/2012/01/06/die-glaubwurdigkeit-der-glaubwurdigkeitsbestreiter-wulff/">so ausdrücken</a>:</p>
<blockquote><p>Und auch die Diskussionen im Netz konzentrieren sich größtenteils auf die Beobachtung einer Person und nicht darauf, dass die konventionellen Massenmedien ganz langsam ein Problem bekommen: Sie müssen ihre Relevanz, ihre Vorrangigkeit gegenüber dem Internet herausstellen.</p></blockquote>
<p>Doch würde man hier implizit eine Unterscheidung mitführen, die auf einer, aber nicht der wichtigsten, Prämisse ruht. Dass nämlich Massenmedien auf der einen Seite stehen und das Internet – das folgenreiche Medium ohne konkrete Masse – auf der anderen. Die entscheidende Prämisse ist viel mehr diese:</p>
<blockquote><p>Journalisten können ihre Privilegien intelligent ausnutzen, die vor allem darin bestehen, exklusiven Kontakt zu Politikern zu pflegen.</p></blockquote>
<p>Der Vorteil den die Massenmedien haben, liegt im Zugriff auf Raum und Zeit. Journalisten haben viel Zeit für Recherchen und sie sind dafür nicht zwingend auf Vermittlung angewiesen, sondern können im Kontakt mit der Politik die Eigenrechte der Interaktion ausnutzen. Die jüngste Empörung über den öffentlich-rechtlichen Fragenkatalog im Wulff-Interview veranschaulicht dies ganz wunderbar. Auf der einen Seite war es die Interaktion unter Dreien, die &#8220;Live-On-Tape&#8221; einfach stattfand, auf der anderen Seite waren es die medienvermittelten Interpretationen, die im Internet stattfanden. Das Gespräch war auf keine Technologie angewiesen, nur seine Verbreitung.</p>
<p>Die technologievermittelten Kommunikationsmöglichkeiten, die neue Zugänge zu Politikern gewähren, werden diese raumgebundene Interaktionssituation wie sie das Interview darstellt nicht ersetzen können. Bzw. andersherum formuliert: Sollte einmal ein junger Journalist, ein Typ wie Richard Gutjahr, seine Kameraerfahrung und Internetreputation ausbeuten und in einem Medienstunt ein U-Stream-Spontaninterview mit der Kanzlerin führen, dann ist er in allen wesentlichen Aspekten ein Massenmedium nach alter Funktionslogik. Was ihm gelänge, würde nur ihm gelingen – nicht weil er der Einzige ist, der über diese Art der Medienkompetenz verfügt und ein Publikum mobilisieren kann, sondern weil die Kanzlerin nur begrenzt Raum und Zeit für ein Interview hat.</p>
<p>Zurück zu Klaus eigentlicher Frage: Wie verhält es sich im Gesellschaftszirkus mit der Glaubwürdigkeit, wenn die Medien ihre gegen die der Politik(er) ausspielen und das Weiterführen des &#8220;Krieges&#8221; die Beteiligten nur weiter in einer Kommunikation verstrickt, die im Grunde nichts anderes ist als paradox: Man kann seine eigene Glaubwürdigkeit nicht behaupten, weil Glaubwürdigkeit ja Bedingung und nicht Folge einer (Glaubwürdigkeits-)Behauptung ist. Können Politiker durch direkten medialen Zugriff auf das Publikum Glaubwürdigkeit implizit mitführen, um so endlich nur inhaltlich, sachzentriert politisch kommunizieren zu können? Es ist ein Wunsch der Zeit, neue Medientechnologien in der Hinsicht auszubeuten, sich auf Sachfragen konzentrieren zu können. Doch es wird wohl nie gelingen, die Komplexität von politischen <em>Entscheidungen</em> allein auf der Sachebene reduzieren zu können.</p>
<p>Das deutsche Stromnetz als politisches Thema beispielsweise ist sachlich vielleicht zu entschlüsseln. Man könnte alle inhaltlichen Aspekte ins Internet schreiben, transparent menschen- und maschinenlesbar aufbereiten. Jeder wird nachsehen können, was es hiermit und damit auf sich hat. Aber man wird es allein dadurch niemals zu einer politischen Entscheidung schaffen.</p>
<p>Die Sachdimension wird immer durch die Sozialdimension entlastet werden müssen. Es wird, so wie in der Politik, in den Medien immer Stars geben &#8211; und sie werden auf Technologie <em>und</em> Institution angewiesen sein. Glaubwürdigkeit ist eine notwendige und soziale Komponente. Wenn ein Politiker im Kontakt mit seinem Publikum ist, benötigt es einen neutralen Dritten, sei es der Wahlhelfer, sei es der Journalist, sei es der Richter. Das Internet vergrößert nur den Bereich derjenigen, die als Dritte infrage kommen. Politik benötigt die Verlautbarung des Politikers und die Zustimmung/Unterstützung im Publikum. Nur vertrauen wir nicht mehr nur gezwungener Maßen den großen Medienstars, sondern auch einzelnen, unbekannten Internetschreibern, die sich Vertrauen verdient haben: Es macht einen großen Unterschied, ob Inhalte von Sascha Lobo erwähnt und empfohlen und vom heute-Journal verbreitet werden oder ob Marius Sixtus ein belangloses &#8220;Was … sagt.&#8221; ins Internet rotzt und die RTL-II-News etwas promoten. Es bleibt beim alten Prinzip. (Die Funktionslogik ändert sich, das ist zu beobachten.)</p>
<p>Das direkte Wort eines Politikers glaubt man nicht. Auch nicht, wenn er es twittert. Irgendwer wird es autorisieren müssen und irgendwie muss es diskutiert und abgewogen werden. Und die Unmöglichkeit, die Sozialdimension aus den Kommunikationslogiken herauszurechnen, um sich allein auf die Sachdimension zu besinnen wird vielleicht klarer, wenn man darauf hinweist, dass es auch eine Zeitdimension gibt. Denn wenn es nur eine Frage der Sache wäre, und wir uns auf Technologie verlassen könnten, würden wir unsere politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen so fällen, wie Investitionsentscheidungen an der Börse gefällt werden: Milliarden in Millisekunden. Dort kann man jetzt schon sehen, was geht und was überhaupt gar nicht funktioniert.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/spike55151/14401063/in/photostream/">Chris</a>)</em></p>
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		<title>Die Perfidie der freien Wahl?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Dec 2011 18:05:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kai Mürlebach</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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		<description><![CDATA[Melanie Mühl setzt sich im Feuilleton der FAZ mit einem Buch Michèle Rotens (&#8220;Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung&#8221;) auseinander. An dieser Stelle soll der Versuch einer positiven (Re-)Interpretation der Problemstellung unternommen werden, indem gefragt wird, was unter Freiheit heute eigentlich noch zu verstehen ist. Artikel und Buch beschäftigen sich mit einer neuen Generation junger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/freie_wahl/" rel="attachment wp-att-2827"><img src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/freie_wahl.jpg" alt="Ausschnitt aus der FAZ, 09.12.2011, S. 33" width="650" height="250" class="aligncenter size-full wp-image-2827" /></a></p>
<p>Melanie Mühl setzt sich <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gleichberechtigung-meine-freie-wahl-11555460.html" target="_blank">im Feuilleton der FAZ</a> mit einem Buch Michèle Rotens (&#8220;Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung&#8221;) auseinander. An dieser Stelle soll der Versuch einer positiven (Re-)Interpretation der Problemstellung unternommen werden, indem gefragt wird, was unter Freiheit heute eigentlich noch zu verstehen ist.<br />
<span id="more-2826"></span><br />
Artikel und Buch beschäftigen sich mit einer neuen Generation junger Frauen, die sich vom Feminismus verabschiedet habe. &#8220;Vergnügt genießt sie die Illusion, sie hätte alle ihre Lebensumstände frei gewählt.&#8221; Frauen dieser Generation blieben zu Hause, &#8216;verschönerten&#8217; ihre Körper, nähmen den Namen des Ehemannes an und besorgten die Hausarbeit. Damit reproduzieren sie genau die Geschlechterrollen, die sie für überholt halten &#8211; diesmal allerdings ganz &#8216;freiwillig&#8217; und mit offenbar zumindest subjektiv überzeugenden Argumenten.</p>
<p>Melanie Mühl stößt damit auf ein Problem der modernen Gesellschaft: Wie kann heute noch erkannt werden, ob jemand frei handelt, wenn nicht daran, dass er oder sie nicht gezwungen wird (vgl. <a href="http://www.uni-bielefeld.de/sozsys/leseproben/luhmann.htm" title="" target="_blank">Luhmann 1995:14</a>)? Für die Autorin gehört die Überzeugung, absolute Wahlfreiheit zu genießen, &#8220;zum Selbstbild der modernen Frau wie ihr Schuh-Tick.&#8221; Von der Organisationssoziologie lässt sich lernen, dass Freiwilligkeit ein wesentlich stärkerer Motivator sein kann als etwa Geld und dass Menschen bereit sind Dinge zu tun, vor denen sie unter allen anderen Umständen zurückgeschreckt wären &#8211; weil sie es freiwillig tun (<a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1183/720" title="" target="_blank">Kühl 2005:98ff.</a>).</p>
<p>Die Frage ist, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Einerseits, und so sieht es die Autorin, ist zu befürchten, dass die aktuelle Generation junger Frauen leichtfertig Errungenschaften riskiert, für die &#8220;sie nicht einmal kämpfen mussten und [deren] Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen.&#8221; Andererseits steckt in dieser Position auch eine gehörige Portion Paternalismus (leider &#8211; positiverweise? &#8211; scheint eine weibliche Form dieses Wortes nicht zu existieren): Mit welchem Recht wirft Frau Mühl eigentlich anderen Frauen vor, &#8220;lieber zum Brazilian-Waxing als zum Wählen&#8221; zu gehen? Ist ein auf politisches Engagement oder berufliche Selbstverwirklichung zielender Lebensentwurf denn objektiv &#8216;besser&#8217;, als der einer mehr auf Äußerlichkeiten bedachten Frau, die ihren ganzen Ehrgeiz darauf richtet, einen solventen Ehepartner zu finden?</p>
<p>Als Mann ist es &#8216;gefährlich&#8217; solche Fragen zu stellen, zumindest in dem Sinne, dass man(n) sich allzu leicht dem Vorwurf aussetzt, den Status Quo, also die eigenen Vorteile aus dem gegebenen Geschlechterverhältnis, erhalten zu wollen. Die &#8216;Gefahr&#8217; besteht allerdings (anders als die Kritiker einer angeblich übermächtigen &#8216;Political Correctness&#8217; glauben mögen) in erster Linie darin, einen Angriffspunkt für Polemik zu bieten, die dann alle anderen Argumente zu überlagern droht. Dieses Risiko lässt sich eingehen, spricht heute doch alles dafür, jungen Menschen von einem solchen Lebensziel abzuraten &#8211; zumal mit Blick auf aktuelle Scheidungsraten und die Vergänglichkeit aller Schönheit &#8211; aber letztlich bleibt es doch jeder und jedem selbst überlassen, welchen Lebensweg sie oder er einschlägt. (Fast könnte es als ermutigendes Zeichen aufgefasst werden, dass es heute eben nicht mehr nur &#8216;Trophy-Wives&#8217;, sondern auch erste &#8216;Trophy-Husbands&#8217; gibt, wäre nicht fragwürdig, ob gerade diese männlichen Verhaltensmuster reproduziert werden sollten.)</p>
<p>Nicht zu bestreiten dürfte aber auch sein, dass mit der Konzentration auf die neusten Moden in Sachen Körperbehaarung andere Probleme in den Hintergrund treten. So lässt sich durchaus vermuten, dass ein angenehmeres Leben führt, wer sich nicht täglich mit den neusten Katastrophenmeldungen aus Berlin, Brüssel oder New York belastet (ganz zu schweigen von den wirklichen Tragödien, die sich tagtäglich außerhalb der westlichen Welt ereignen). Als politischer und normativ denkender Mensch mag man den Mangel an Engagement bedauern, aber wer mag sich anmaßen, den Weg anderer zu ihrem individuellen Glück zu beurteilen?</p>
<p>Die Perfidie der Freiwilligkeit scheint nun darauf zu beruhen, dass junge Frauen heute Geschlechtergerechtigkeit für verwirklicht halten und alte Rollenmuster reproduzieren &#8211; freiwillig. Sie würden damit Geschlechterrollen reanimieren, die früher zwangsweise durchgesetzt wurden. Aber weist diese Beobachtung nicht im Grunde darauf hin, dass heute kein entsprechender Zwang mehr besteht? Dass die <em>wirklichen</em> Ungerechtigkeiten kaum noch anzutreffen sind?</p>
<p>&#8220;Freiheit ist ein soziales Konstrukt, und Wissen ist die Form, in der Beschränkungen eingeführt werden, um Entscheidungen zu ermöglichen.&#8221; (Luhmann 1995:16) Um eine Wahl (eine Entscheidung) zu treffen, bedarf es demnach des Wissens um Alternativen; so weit so trivial. Aber könnte diese Einsicht nicht dazu dienen, die Problemstellung zu reformulieren? &#8220;[F]ormulierte Normen provozieren geradezu die Freiheit, gegen die Norm zu verstoßen.&#8221; (ebd.) Ließe sich also sagen, dass heute weniger Normen formuliert sind und entsprechend die Freiheit schwindet, gegen sie zu verstoßen? Dass das Wissen um früher bestehende Normen &#8216;verloren&#8217; geht (wer würde es vermissen?) und entsprechend das Wissen um die Alternativen zur heutigen Situation? Und wäre das nicht positiv zu werten?</p>
<p>Mühls Satz, &#8220;Frauen können studieren, [...] die Scheidung einreichen und eine Frau heiraten&#8221;, ist mit einem Ausrufezeichen zu beenden! Das soll keineswegs bedeuten, dass heute alles gut wäre, oder dass der Kampf für Gleichberechtigung beendet werden könnte: Fraglos existieren noch genug Normen und Missstände, gegen die sich zu argumentieren lohnt. Anzuerkennen ist aber auch, wie unwahrscheinlich diese Entwicklung vor 50 Jahren gewirkt haben mag (man denke nur an die Serie &#8216;Mad Men&#8217;). Zudem wird auf diese noch bestehenden Probleme sehr wohl aufmerksam gemacht: Es werden Bücher darüber geschrieben und selbst in (<a href="http://www.wolfgangmichal.de/?p=1380" title="" target="_blank">wohl immer noch</a>) eher konservativ zu nennenden Zeitungen wie der FAZ, können Redakteurinnen (sic!) an prominenter Stelle darüber sinnieren.</p>
<p>Statt sich also für &#8216;die Jugend von heute&#8217; zu bedauern und zu beklagen, dass über die Frauenquote noch diskutiert werden muss, lässt sich die Problemstellung positiv betrachten: Wenn Bücher darüber geschrieben werden, dass die neue Generation mit Feminismus wenig am Hut habe, lässt sich das auch so interpretieren, dass (neue) Normen formuliert wurden, gegen die jetzt wiederum verstoßen werden kann. Über das Erreichte kann man sich freuen, daraus Kraft ziehen, gute Argumente (etwa für die Quote) zu formulieren und aushalten, dass es Menschen gibt, die sich dafür nicht (mehr) interessieren (müssen).</p>
<p>PS: Auffällig in dieser Hinsicht auch die Vehemenz, mit der sich über junge Frauen <a href="http://9gag.com/gag/57287/" title="" target="_blank">lustig gemacht wird</a>, die alte Rollenmuster noch meinen verteidigen zu müssen.</p>
<p>PPS: Das diesen Post verzierende Symbolbild diente eigentlich der Illustration des in der Print-FAZ nebenstehenden Artikels über einen alternden &#8216;Partykönig&#8217;, ist aber durchaus in doppelter Hinsicht sinnig.</p>
<p>Literatur:<br />
<a href="http://www.uni-bielefeld.de/sozsys/leseproben/luhmann.htm" target="_blank">Luhmann, Niklas (1995):</a> Kausalität im Süden, in: Soziale Systeme 1.1, 7-28.<br />
<a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1183/720" target="_blank">Kühl, Stefan (2005):</a> Ganz normale Organisationen &#8211; Organisationsoziologische Interpretationen simulierter Brutalitäten, in: Zeitschrift für Soziologie 34.2, 90-111.</p>
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		<title>Burn-Out-Diagnosen</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 17:10:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Blues]]></category>
		<category><![CDATA[Burn-Out]]></category>
		<category><![CDATA[Indifferenz]]></category>
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		<description><![CDATA[Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeichneten Phänomens: Burn-Out. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als Rezept gegen die neue Volkskrankheit wird ein Cry-Out verschrieben. Empört Euch! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2776" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-07-um-5.33.53-PM.png" alt="" width="649" height="249" /></p>
<p><strong>Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg<br />
</strong></p>
<p><strong></strong>Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeic<span style="color: #000000">hneten Phänomens: <em>Burn-Out</em>. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als R</span>ezept gegen die <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/burnout-trailer/">neue Volkskrankheit</a> wird ein <em>Cry-Out</em> verschrieben. <a href="http://www.amazon.de/Emp%C3%B6rt-Euch-St%C3%A9phane-Hessel/dp/3550088833/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1323268730&amp;sr=1-1">Empört Euch!</a> gegenüber einer profit- und skandalgeilen Gesellschaft, die den kapitalistischen Raubbau an der Marke Arbeitskraft salonfähig gemacht hat.</p>
<p><span id="more-2770"></span></p>
<p>Wer auf dieser Ebene unkontrolliert weiter argumentiert, der mag vermutlich auch in einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791114,00.html">eruptiven Entschleunigung</a> ein Mittel ihrer Beeinflussung sehen. Und da <em>die</em> Gesellschaft, <em>die</em> Politik oder <em>die</em> Wirtschaft keine Adresse haben, wird dann auch versucht, sie als <em>Ganze</em> zu reformieren oder zu lähmen. Aber ohne Adresse verläuft der vermeintliche Protest ins Leere und wird sogar selbst von seiner ebenso vermeintlichen Gönnerschaft als <em>unbelesen</em> ignoriert.</p>
<p>Herkömmliche Mittel gegen das <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/2011-10/burnout-zwischenruf">systemische Problem</a></em> setzen dagegen am Individuum an: Pilates und Yoga, Obst und Gemüse, Wellness und Spa-Kur, Verhaltens- und Psychotherapie sollen die Leistungsfähigkeit wieder herstellbar und weiter abrufbar halten. Während der gesellschaftstheoretische Zugang zum Problem der Individualisierung des Arbeitsrisikos jedoch überkomplex ist, fällt die individualpsychologische Betrachtung entsprechend unterkomplex aus. Letztere rückt <em>Burn-Out</em> einzig eng in das Licht bzw. Dunkel gängiger Stressphänomene: Nämlich dem Dilemma, dass Stress subjektiv ist und jeder Versuch ihn beseitigen zu wollen (noch mehr) Stress verursachen kann. Entspannung, Anspannung und Erschöpfung vermischen dann genauso wie Arbeits- und Freizeitstress. Worüber wird dann eigentlich noch Neues diskutiert?</p>
<p><strong>Was ist krank und was ist normal?</strong></p>
<p>Und woran leidet dann überhaupt <em>die Gesellschaft</em> oder <em>das Individuum</em>? Einfach nur an den bekannten Nebenwirkungen des Wohlstands, wie Müdigkeit, Depression, Aggression, Lethargie? Oder ist die Beobachtung neu, weil diese Erscheinungen in einem reichen (wenn auch ungleich verteilten) Industriestaat immer noch bestehen? Vielleicht müsste man wieder darüber nachdenken, wieviel Krankheit normal ist und wieviel Normalität krank macht? <a href="http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Normalen-Seelenkunde/dp/3579068792">Manfred Lütz&#8217;</a> Antwort darauf ist zunächst einleuchtend: <em>Ob jemand leidet, ist das Entscheidende, ob er in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.</em> Wer kommunikationsfähig ist, d.h. wer zuhören kann, wer erziehen kann, wer zahlen kann, der kann dann nicht (zumindest nicht sozial sichtbar) chronisch krank sein. Wer wirklich psychisch krank ist, kann dann auch nicht (mehr) ausgebrannt sein. Symptomatisch sind <em>Burn-Out</em>-Erscheinungen deshalb von psychischen Erkrankungen (insbesondere von diversen Depressionsformen) zu unterscheiden.</p>
<p>Wer kommunikationsfähig ist, ist dagegen protestfähig. Aufsehen und Aufmerksamkeit erlangen nicht die wirklich armen, kranken und erschöpften (oder kränkeren, ärmeren oder ausgebrannteren). Ihnen fehlt schier die Zeit, das Geld und die Kraft sich gegen sich selbst oder eine Gesellschaft aufzulehnen. Aber soll man denn so lange warten, bis man arm und krank ist, könnten Zyniker entgegnen. Im Gegensatz zu reproduzierten Ungleichheiten und chronischen Krankheiten, scheint ein <em>Arbeits-Blues</em> behandelbar. Die eigenen Anpassungs- und Änderungsmöglichkeiten sind erloschen, können aber wieder mobilisiert werden.</p>
<p><strong>Angebot schafft Nachfrage?</strong></p>
<p>Sieht man sich einige <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/ausgebrannt/">öffentlich interviewte Fälle</a> an, so begegnet man bekannten Gesichtern, die sich einst auch an einer Depression leidend bekannt hatten. Dabei vermischen sich die Diagnosen. Ein <em>Burn-Outin</em>g scheint aber derzeit medial anerkannter zu sein, da man für den Leistungs- und Beliebtheitsdruck wie für seine sexuelle Orientierung schwer verantwortlich gemacht werden kann. Angesichts der symptomatischen und definitorischen Ungeklärtheiten in der medialen Berichterstattung bekommen die aufklärerischen Anliegen von Profisportlern, Managern und Prominenten ein Geschmäckle und stehen in einem eher unglaubwürdigen Rampenlicht. Das Mitleid war zu öffentlich und wiederum zu profitgierig. Der kapitalistische Konsumkreis scheint dann wieder geschlossen: <em>Burn-Out</em> als ein Skandalisierungs- und Bereicherungsprodukt für Medien-, Freizeit-, Pharma- und Coachingindustrie? Wurden die Kapitalismusgegner und Gesellschaftskritiker erneut getäuscht?</p>
<p><strong>Zwischen Psychologisierung, Philosophierung und Politisierung</strong></p>
<p>Auch die Wissenschaft trägt in dem genannten Konsumkreislauf regelmäßig zur Besetzung neuer Kampfbegriffe, alter Wertedebatten und noch älterer Moralpredigten bei: Entscheidungsgesellschaft, (Welt-)Risikogesellschaft und neuerdings die <a href="http://wirtschaft.pr-gateway.de/lob-des-lassens/">Yes-We-Can-Gesellschaft</a> sind populäre Zeitdiagnosen, mit denen sich eine ganze Nation auf ein Zentralphänomen reduzieren und stigmatisieren lässt. Zeitdiagnosen als Sündenbock sind einfach und wirken deshalb kognitiv entlastend. Sie machen die Komplexität der Welt verarbeitbar, indem sie Vorurteile bestätigen. Aber instruktiv sind sie für den Einzelnen nicht. Eigentlich gegenläufige Zeitdiagnosen wie die Erlebnis-, Spaß-, oder Ich-Gesellschaft liegen für kurze Zeit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle – so als ob es keine Arbeitsformen gäbe, die nicht selbst (wenn auch individuell unterschiedlich) motivierend, sinn- und identitässtiftend sein könnten?</p>
<p><strong></strong>Tiefergrabende philosophische Erklärungen versuchen dann die widersprüchlichen Trends zwischen Ego-Taktikern und Hyper-Arbeitsgesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen: <em>Problematisch werde es, wenn Menschen in der Sucht nach beruflicher Anerkennung die Selbstausbeutung mit Genuss verwechseln – und als Folge davon wirklichen Genuss gar nicht mehr empfinden können</em>, so die Philosophin Svenja Flaßpöhler im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1609554/">Deutschlandfunk-Gespräch</a> über ihr Buch <a href="http://www.amazon.de/Wir-Genussarbeiter-Freiheit-Zwang-Leistungsgesellschaft/dp/3421044627">Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft</a>.</p>
<p><strong><strong>Plädoyer für eine dritte Betrachtungsebene </strong></strong></p>
<p>Ohne weder den Einzelfall noch die Gesellschaft als Ganze beurteilen zu können, ist aus soziologischer Sicht die Einbeziehung einer dritten Ebene – neben Individuum und Gesellschaft hilfreich – die zwar kompliziert erscheint, aber vielleicht gerade auch deshalb die genannte Popularität und Dominanz bisheriger Zugänge zum Phänomen erklärt.</p>
<p>Wenn derzeit über <em>Burn-Out</em> gesprochen wird, dann vermengen sich Namen öffentlicher Protagonisten mit den Zahlen und Werten ganzer Berufsfelder. Aber das Medienleben von Leistungssportlern, Managern und Prominenten hat wenig gemeinsam mit dem Arbeitsalltag von Krankenhaus-ÄrztInnen, LehrerInnen oder SupermarktverkäuferInnen. Die Frage muss gestellt werden: Wären die körperlichen und seelischen Veränderungen auch ohne die Anstellung in jener Organisation bzw. in jenem Unternehmen auffällig und problematisch geworden? Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist in konsumverwöhnten Industriegesellschaften auf den Kopf gestellt. Soziale Anerkennung ist aber kein neuer Gesellschaftstrend und auch keine anthropologische Konstante, sondern erst <em>in</em> und <em>durch</em> das Aufkommen von unterschiedlichen Rollen und Organisationen möglich.</p>
<p><strong>Das System der Arbeit heißt Organisation</strong></p>
<p>Im Gegensatz zur Gesellschaft haben Organisationen eine Adresse. Freiheit und Zwang sind abstrakte Begriffe, aber der Arbeitgeber A, die Bank B, die Consulting C oder der Discounter D sind es nicht. Der Blick auf diese Ebene kann aufzeigen, dass Gewalt in Organisationen nicht erst beim Militär, der Mafia oder der Polizei beginnen muss. Gewalt kann auch subtiler sein: Kopf- und Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind nicht leicht zurechenbar und nicht immer sichtbar, aber gerade deshalb auch schwer vergleichbar.</p>
<p>Die fokussierte Skandalisierung des Einzelnen oder der Gesellschaft verdecken jedoch den Blick auf interne Konflikte in den jeweiligen Organisationen. Ohne diese im Vorfeld benennen oder erkennen zu können, hat man ihre Duldung aber selbst mit seiner Unterschrift zugestimmt. Die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen bestimmter Organisationen lassen sich weniger als rein verschwörerische Ausbeutungsmaschinerie noch als plötzliche Pathologie erklären. Zumindest in Deutschland besteht ein Grundrecht auf freie Berufswahl (GG Art. 12). Ein soziales Recht auf Arbeit ist dagegen nicht einklagbar. Der Eintritt in Organisationen ist damit auf beiden Seiten – für Arbeitgeber und Arbeitnehmer – freiwillig. Eine offene Rebellion in Organisationen ist aufgrund eben dieser Freiwilligkeit des Eintritts auch schwer vermittelbar und verständlich.</p>
<p><strong>Ausweitung der Zumutbarkeitszone</strong></p>
<p>Der Eintritt in eine Organisation vollzieht sich durch die Unterschrift eines Arbeitsvertrages. Im Vertrag selbst steht nichts von Ausbeutung, von immenser Arbeitsbelastung am Jahresende, von Extraaufgaben bei Einstellungsstop, den Bedingungen für eine Beförderung oder für eine Gehaltserhöhung. Der Vertrag formuliert keinen eindeutigen Anforderungskatalog. Wenn jeder Handgriff, jede Aufgabe und jedes Projekt im Voraus prognostizierbar oder programmierbar wären, würden Vertragstexte ins Unendliche ausufern. Im Gegensatz zur Projektarbeit auf Honorarbasis, erkauft die Organisation mit einem Arbeitsvertrag damit eine größtenteils unspezifische Leistung(-sbereitschaft).</p>
<p>In diesem Sinne enthält der Arbeitsvertrag einen Blankoscheck für die Akzeptanz fremder (noch zu bestimmender) Entscheidungen. Für die Organisation ist dieser Vertrauensvorschuss funktional, denn Vorgesetzte müssen ihren MitarbeiterInnen nicht ständig zu unwahrscheinlichem Verhalten motivieren oder ihnen Befehle erteilen, sondern können flexible Sachentscheidungen fällen. Als Organisationsmitglied antizipiert man selbst, was in seinem Anforderungs- und Zumutbarkeitsbereich liegt und welche Informationen man wie und wann zu bearbeiten hat, ohne dass der Chef ständig auf die Finger guckt oder klascht.</p>
<p><strong>Ungebremste Latenz wechselseitiger Fremd- und Selbsterwartung<br />
</strong></p>
<p>Der US-amerikanische Management-Theoretiker Chester Barnard bezeichnet diesen Grad an schwer verweigerbaren und vorauseilenden Generalgehorsam als <em>Indifferenzzone</em>. Er benennt damit jene Erwartungen, denen sich die Mitglieder der Organisation indifferent bzw. unkritisch gegenüber verhalten (müssen), wenn sie nicht die Kündigung riskieren oder befördert werden wollen. Eine möglichst große Indifferenzzone erlaubt der Organisation eine breite Anpassung an neue Veränderungen in der Umwelt und damit verbundene Unsicherheiten. Aus welcher genauen Selbstmotivation sich diese Indifferenz speist, kann weder eindeutig geklärt noch gesteuert werden. Möglichkeiten sie auszuweiten gibt es viele.</p>
<p>Was von der klassischen Managementlehre oft übersehen wird, ist, dass man zur Konfliktvermeidung nicht nur die Erwartungen des Vorgesetzten, sondern auch der Teamkollegen, der Zuarbeiter oder des Sekretärs implizit akzeptiert. Solange die damit verbundenen Erwartungen keinen offenen Widerspruch gegen die Vertragsregeln beinhalten, hat man sich ihnen zu fügen. Neben den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind es zudem auch sogenannte informelle Regeln &#8211; die bekannten ungeschriebenen Gesetze &#8211; die einem das Leben in einer Organisation schwer machen können.</p>
<p>Wenn die Erwartungslast unerträglich wird und sich eine immer tieferziehende Spirale aus eigenen und fremden Erwartungen bildet, sollte man die Organisation schleunigst wechseln, bevor man Lust, Laune und Leistungsvermögen verliert. Gerade weil der Zumutbarkeitsbereich oft unbestimmt und latent bleibt &#8211; und deshalb schwer in jeder Situation explizit ausgehandelt werden kann &#8211; ist man als Arbeitnehmer in der Verantwortung, die selbsterlegten Fesseln auch wieder zu sprengen. Neben <em>Voice</em> und <em>Loyality</em>, gibt es die unterschätzte Option des <em>Exit</em>. Ein Organisationswechsel muss dabei nicht immer eine schlechtere Alternative sein, denn oft sind die Verlierer und Aussteiger von heute die Einsteiger und Gewinner von morgen, die sich aus einem <em>burn-out</em> befreien und dabei zu einem <em>burn-in </em>finden. Zu diesen stillen oder lauten Organisationswechslern müssen nicht nur bekannte Unternehmer, Schriftsteller und Künstler gehören. <em>There are many Steves in the world</em>.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen<br />
</strong></p>
<p>Barnard, Chester I. 1938. The Functions of the Executive. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Hirschman, Albert O. 1970. Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1995. Funktionen und Folgen formaler Organisation. 4. Aufl. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
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		<title>Verliebt, verlobt, Verfahren</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 16:42:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Legitmität]]></category>
		<category><![CDATA[Rolle]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/courtsketch-dsk-2/" rel="attachment wp-att-2559"><img class="alignnone  wp-image-2559" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/09/courtsketch-dsk1.jpg" alt="" width="639" height="315" /></a></em></p>
<p><strong>Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht</strong></p>
<p>Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im Auditorium empfangen und gegangen wurde.</p>
<p><span id="more-2295"></span>Alle Welt sah zu als Dominique Strauß-Kahn alias DSK, infolge der Anklage wegen <em>versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung</em> an einer Hotelangestellten die Täterrolle – und mit den sozialen Konsequenzen zugleich auch eine Opferrolle – in einem US-Ermittlungsverfahren einnahm. Mit der medialen Attraktivität gekürzelter Zeichensprache ist der belesene Zuschauer hierzulande spätestens seit des Falls KTG vertraut. Das Kürzel erscheint zugleich als Diagnose, deren Therapie bereits in Arbeitsverträgen als <a href="http://www.ftd.de/politik/international/:iwf-spitze-lagarde-muss-strauss-kahn-klauseln-unterschreiben/60074922.html">DSK-Klausel</a> Eingang gefunden hat. So musste sich seine Landsfrau und Nachfolgerin Christine Lagarde im neu verfassten Chef-Vertrag des IMF bereits dazu verpflichten, <em>jeglichen Anschein von Unschicklichkeit zu vermeiden</em>. Nun gilt es <em>Contenance à la Américaine</em> zu wahren. Für die Organisation und ihre Mitglieder ist es ein Beispiel von <a href="//sozialtheoristen.de/2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/"><em>Hard cases make bad law</em>s</a> – aber nicht nur das, denn wir selbst wurden zu Zuschauern.</p>
<p><strong>Inszenierung auf der Vorderbühne</strong></p>
<p>Für das globale Publikum wurden die regelmäßigen Gänge zum New Yorker <em>Criminal Court</em> bildlich und ausführlich festgehalten. <em>Le Monsieur</em> kam stets an der Seite seiner Frau, die seine Unschuld ebenso stets beteuerte. <a href="http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/anne-sinclair-1091900/"><em>Wie hält sie das nur aus?</em></a>, titulierten die Frauen-Magazine. Doch so dumm und blind dieses anscheinend weibliche Verhalten schien, es hatte eine strategische Wirkung. Seine Frau machte mit ihrer <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/frau-von-dominique-strauss-kahn-anne-sinclair-unerschuetterlich-in-ihrer-treue-1.1098212">unerschütterlichen Treue</a> aller Welt deutlich, dass hier nicht der Chef des IMF, sondern der Privat- und Ehemann weniger Täter, sondern vielmehr Opfer der Anklage sei. Die mutmaßliche <em>femme fatale</em> wurde stattdessen zunächst bewusst von der Öffentlichkeit ferngehalten.</p>
<p>Wenn auch ein langwieriges juristisches Verhandlungsdrama wie im Falle Kachelmann zunächst ausblieb, ein tragisches Ende nahm die klagende Partei ebenso. Höhepunkte des Ermittlungsverfahrens waren die medienwirksamen und emotionalen Interviews des Zimmermädchens und die Aussagen der Krankenhaus- und Hotelmitarbeiter. So unterschiedlich die Protagonisten und ihre Motive auch sein mögen, in beiden Fällen wird eine Trennung von öffentlichen und verfahrensmäßigen Rollen sichtbar. Die Spielregeln dieser Trennung beherrschten v.a. die männlichen Angeklagten, die sich mit Starverteidigern aus der peinigenden Untersuchungshaft zum <em>fesselnden</em> Hausarrest hin zum phoenixartigen Freispruch verhalfen.</p>
<p><strong>Unerwarteter Abgang<br />
</strong></p>
<p>Wer hätte mit diesem Ausgang gerechnet? Wer hätte im Mai erwartet, dass der anscheinend notorische Charmeur, dem bereits in seiner Heimat ein weiteres Verfahren bevorsteht, am Ende frei gesprochen wird gegen die Klage einer unbelasteten, unwissenden und unvermögenden Hotelangestellten? Alle Welt, die Beteiligten und Betroffenen wurden in ihren Erwartungen enttäuscht. Unabhängig von jeder Moralpredigt lehrt der Fall, dass medial inszenierte Auftritte und Darstellungen kein Ersatz für die Legitimation von Rechtsentscheidungen durch Verfahren sind.</p>
<p>Angesichts der Dramatik des Auftakts und der Dynamik der Ermittlungen, bleibt am Ende ein triumphaler Jubel aus. Auch wenn heute einige französische Parteigenossen die Heimkehr ihres <em>Camerade</em> mit Freude ankündigen, das Gros des Publikums verharrt stumm und still in einer eher nachdenklichen Pose. Und dieser Effekt ist es, der das Rollenverhalten vor Gericht von einem Theaterakt unterscheidet: Denn nicht wie auf der Bühne ist mit der Gage geklärt, dass der Verlierer im Gerichtssaal die Entscheidung der Richter auch annimmt und sich nicht gegen das Drehbuch oder die Regie auflehnt.</p>
<p><strong>Was garantiert die Akzeptanz auf der Verliererseite?</strong></p>
<p>Aber wie geht die erfolglose Partei mit dem Urteil um? Was garantiert ihre Akzeptanz gegenüber der Entscheidung – nach all der Schmach und der Pein? Auch wenn die Klägerin in diesem Fall innerlich gegen das Urteil rebellieren mag, Sympathisanten und Protestler lassen sich schwer finden. Auch das ist ein Merkmal legitimer Verfahren: Die verlierende Partei ist sozial isoliert. Die öffentlich beschworene Unterstützung durch die Preisgabe des eigenen Seelenlebens mussten die Richter gefühlskalt lassen. Der Akzeptanzbeschaffung gehen dabei zwei zentrale Bedingungen voraus: Die rollenmäßige Verstrickung der Beteiligten und die Offenheit der Rechtsentscheidung.<em> </em></p>
<p><strong>Verstrickung im Verfahren<br />
</strong></p>
<p><em>Mangelnde Glaubwürdigkeit</em> lautete die Begründung für die Einstellung des Ermittlungsverfahrens im Fall DSK. Wie konnte das passieren, wo doch die Beweislage den Akt so eindeutig bestätigte? Zu viele Fragen blieben jedoch offen, die z.T. erst während des Gerichtsverfahrens zum Vorschein kamen. Ein Verfahren ist kein einfaches Schauspiel, sondern angesichts der sensiblen Ansprüche an konsistente Selbst- und Fremddarstellungen der Beteiligten eine <em>Zumutung</em>. Bisherige Rollen müssen im Verfahren selbst erst erworben und erlernt werden. Die Klägerin kann weder als Freundin oder Angestellte auftreten und DSK kann nicht wie im Alltag als Ehemann, Vater oder Chef vortreten. Verfahrensmäßige Rollenbildung unterliegt dem Wechselspiel unterschiedlicher Erwartungen. Es bedarf der ständigen Anpassung und kann auch deshalb schwer vorbereitet werden.</p>
<p>Die Glaubwürdigkeit einer Opferrolle stellt wohl eine der größten Darstellungsprobleme an das eigene Verhalten, denn diese Rolle scheint gegen widersprüchliches Verhalten (insbesondere der Übernahme verfahrensexterner Rollen) am anfälligsten. Verfahren sind deshalb höchst darstellungssensibel. Wie in Kriminalromanen oder Krimi-Serien regelmäßig veranschaulicht wird, darf beim <em>Storytelling</em> des Tathergangs und der Beweggründe die Bewusstheit der eigenen Selbstdarstellung oder der geleisteten Fremddarstellung nicht mit dargestellt werden. Auch wenn ein Motivverdacht bzw. Inszenierungsanteil in jeder Selbstdarstellung mitläuft, ein Übermaß an Strategie würde den eigenen und fremden Gesichtsverlust bedeuten.</p>
<p><strong>Glaubwürdigkeit als dargestellte Rollenkonsistenz</strong></p>
<p>Durch das Zeremoniell des Verfahrens (Verlesung der Anklage, Identifikation der Person, Moderation der Spreckakte, usw.) sind alle Beteiligten angehalten, ihr Verhalten ernst zu nehmen und als bindend zu betrachten. Dieser Bindungseffekt entsteht erst im Verfahren und durch das Verfahren selbst – unabhängig von den Prozessgesetzen bzw. dem Verfahrensrecht. Statt direkter Drohmacht, richterlicher Autorität oder sozialer Kontrolle, wirkt die Macht des Verfahrens, in dessen Verlauf sich alle Beteiligten durch ihre passive oder aktive Rollenübernahme im doppelten Sinne verstricken und dabei nicht selten verzetteln. Takt, Toleranz und psychologisches Einsichtsvermögen sind dabei von hoher Bedeutung.</p>
<p>Im Falle von Anwaltsprozessen läuft die Selbstdarstellung der betroffenen Parteien über Dritte – namentlich über Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Vertretung durch Dritte gibt den Betroffenen zwar nur eingeschränkten Raum für eigenes Engagement, aber ihr Verhalten bleibt dennoch mit ausschlaggebend für die Urteilsfindung. Auch sie müssen sich auf bestimmte Verhaltenserwartungen einlassen und sich festlegen.</p>
<p><strong>Öffentlichkeit</strong></p>
<p>Eine Konsistenzprüfung ihres Verhaltens während des Ermittlungsverfahrens findet dann auch für das Verhalten außerhalb des Gerichtssaals statt. Nicht ohne Grund hält Krimnalpolizei unangemeldete Hausbesuche ab. Erst der Umstand, dass Erwartungen anderer an das eigene Verhalten im Handeln selbst mitgeführt werden, UND dass diese unterschiedlich ausfallen können, macht Rollenverstöße sichtbar. Diese Konsistenz des Rollenverhaltens ist gleichzeitig Bedingung für eine angemessene Darstellung seitens Dritter. <em>Ich kann Sie ansonsten in diesem Fall nicht vertreten</em>, hört man regelmäßig im Krimi-Kino.</p>
<p><strong></strong>Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass die Betroffenen v.a. am Anfang und am Ende des Verfahrens nach Öffentlichkeit suchen, um ihrer bisherigen Selbst- und Fremddarstellung mehr Aufmerksamkeit und Korrektur zu verleihen.  Jedoch sind gerade im Ermittlungsverfahren, wenn plötzlich immer mehr unschöne Details nicht nur über gelebte Sexualität, sondern auch über intime Vorstellungen und Wünsche an die Klatsch- und Tratschblätter der Welt geraten, die <em>Vorstrafen</em> für eine widersprüchliche Selbstdarstellung hoch – und dies noch bevor das mögliche Strafmaß Gegenstand einer Hauptverhandlung werden konnte. Öffentlichkeit ist ein zentrales Merkmal moderner Verfahren. Wieviel mediale Öffentlichkeit Teil davon wird, ist auch Teil der Entscheidungen vor Gericht.</p>
<p><strong>Rollenbindung durch Entscheidungsoffenheit</strong></p>
<p>Rechtliche Entscheidungen können sich über Jahre und Instanzen ziehen. Am Ende stehen sich immer zwei Seiten – Verlierer und Gewinner – gegenüber. Die Gleichheit der Parteien ist ein wesentliches Verfahrensprinzip. Was Verfahrensentscheidungen dabei so einzigartig und unwahrscheinlich macht, ist neben der angesprochenen rollenmäßigen Autonomie gegenüber anderen (öffentlichen wie privaten) Sphären, die Herstellung und Darstellung ihrer Offenheit. Richter dürfen sich gerade wegen dieser Offenheit der Entscheidung so wenig wie möglich als Entscheider darstellen, damit die Entscheidung selbst als eine Folgerung aus rechtlichen Normen und ermittelten Fakten erscheint.</p>
<p>Legitimation ist keine Eigenschaft des Entscheidungsinhalt. Entscheidend ist nicht, <em>was</em> als Urteil entschieden wurde, sondern <em>wie</em> bzw. unter welchen Bedingungen. Das Urteil ist legitim, nicht weil Gott es so wollte, die Parteien einen Konsens fanden oder ihre intersubjektive Richtig-, Wahrhaftig- und Verständlichkeit gesiegt hat, sondern weil das Urteil erst im Verfahren selbst herstellt wurde und damit auch anders hätte ausfallen können. Es ist gerade diese Offenheit, die als Bedingung die Beteiligten zu einem rollenmäßigen Engagement motiviert, diese zwingt, sich auf eine Rolle und dessen Darstellung festzulegen und sie schließlich an das Urteil bindet. Das Engagement ist jedoch auf die Verfahrensrolle beschränkt, die nicht von anderen eigenen Alltagsrollen ohne Weiteres tangiert wird. Mit anderen Worten: Der Prozessverliererin kann niemand den Vorwurf machen, wegen ihres Handelns im Verfahren etwa eine schlechte Mutter oder Freundin zu sein.</p>
<p><strong>Verfahren selbst als stummer Sieger</strong></p>
<p>Auch wenn die vermeintliche Tat im New Yorker Sofitel Hotel nicht weiter strafrechtlich verfolgt wird, so ist dennoch nicht mehr anzweifelbar, dass sie in irgendeiner Weise zustande kam. Das Siegertreppchen für DSK fällt entsprechend in den Keller. Das Publikum und die Beteiligten haben gelernt, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern moralisch fließend und gerichtlich eindeutig entschieden werden – aber auch wieder entscheidbar sind: Ein zivilrechtliches Urteil über die Anklage steht noch aus. Angesichts der hohen emotionalen, sozialen und finanziellen Kosten beider Parteien, geht als stiller Gewinner schließlich das Verfahren selbst hervor.</p>
<p>Foto: AP aus: <a href="http://www.thehindu.com/news/international/article2025538.ece">The Hindu</a></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong></p>
<p>Luhmann, Niklas 1983: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt am Main.</p>
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		<title>Situationsdefinitionen auf Finanzmärkten</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 11:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Börsencrash]]></category>
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		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Prophezeiung]]></category>

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		<description><![CDATA[Produktive und destruktive Momente verunsichernden Erwartungserwartungen Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<p><strong>Produktive und destruktive Momente verunsichernden Erwartungserwartungen</strong></p>
</div>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/beautifulproph/" rel="attachment wp-att-2212"><img class="alignnone  wp-image-2212" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/beautifulproph-550x275.jpg" alt="" width="635" height="275" /></a></p>
<p>Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie gleichzeitig die Orders auf dem Finanzparkett. Dort war von Chaos, Crash und Craziness zu lesen.</p>
<p><span id="more-2169"></span><strong>Kurskorrektur statt Geldvernichtung</strong></p>
<p>2,5 Billionen Dollar seien in der letzten Woche <em>vernichtet</em> worden, berichteten die Tagesthemen. Das würde dem Bruttoinlandsprodukt Frankreichs entsprechen, schrieben diverse Onlineblätter unisono. Allem Ärger zum Trotz hinkt jedoch dieser Vergleich zwischen <em>Wall Street</em> und <em>Main Street</em>: Kursverluste auf den Kapitalmärkten sind keine Wertschöpfungsverluste, sondern spiegeln Preisdifferenzen von Zahlungsversprechungen gegenüber Finanzprodukten wider. Wer tatsächlich wie viel Geld verloren und wer (beispielsweise auf fallende Kurse setzte und) dabei Gewinne gemacht hat, ist weder der Volatilität noch der Volumina zu entnehmen. Der Kapitalmarkt ist auch in dieser Hinsicht nicht informationseffizient. Die Eigentumstitel und ihre Nominalwerte sind unverändert (knapp), sie haben nur ihren Besitzer und ihren Preis gewechselt. Das Nullsummenspiel der Märkte wurde damit nicht aus<em>gehebelt.</em> Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zu Ende. <em></em></p>
<p><strong>Politische Zeit unterläuft Marktzeit</strong></p>
<p>Drei Meldungen seien für die Börsenturbulenz ausschlaggebend gewesen. Die Schuldenkrise in den USA, der EU und die (damit irgendwie verkettete) weltweite Konjunkturerwartung. Eine vierte Nachricht habe dann noch mehr Sand ins Börsengetriebe geworfen als am Donnerstag EU-Kommissionspräsident Barroso in einem Schreiben an die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone eine deutliche Aufstockung des Rettungsfonds EFSF forderte. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Politik mit ihren Entscheidungen chronisch hinter der potenzierten Zeit der Finanzmärkte hinterher läuft. Doch so sehr sie sich in den letzten (Urlaubs-)Wochen um Sparprogramme, Rettungspakete, Umschuldungen und letztlich auch um eine Beruhigung der Märkte bemüht hatte, so sehr wurde diese eine (noch nicht kollektiv bindende) Nachricht für die allgemeine Verunsicherung verantwortlich gemacht.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung</strong></p>
<p>Die genannten Meldungen sind jedoch keine wirklich neuen Neuigkeiten. <em>Die Mehr</em> der Staatsschulden ist seit Monaten bekannt. Selbst die Herabstufung der Bonitätsbewertung der USA seitens Standard &amp; Poor’s sollte zumindest weder für Politiker noch für institutionelle Anleger eine Überraschung gewesen sein – hatten die Agenturen doch in der Vergangenheit allzu oft eine <em>just in time</em> Anpassung versäumt. Die Talfahrt scheint vor diesem Hintergrund weniger auf einer allgemeinen Verunsicherung als auf einer <em>Selbstverunsicherung</em> zu fußen: Den Kurskorrekturen ging eine Kumulation von Erwartungskorrekturen voraus, die soziologisch nicht mit dem Verweis auf politisch verstörte Einzelmeldungen, sondern mit den Mechanismen wechselseitiger Situationsdefinitionen erklärt werden können: Marktteilnehmer erwarten plötzlich, dass andere Teilnehmer ihre Erwartungen ändern und verändern daraufhin ihr (Ver-)Kaufverhalten, was wiederum erst das erwartete Verhalten hervorrufen kann, usw.</p>
<p><strong><em>(Aus-)Tausch</em></strong><strong> von Erwartungserwartungen</strong></p>
<p>Wenn auf dem Parkett und an den Telefonen der Händler die Orders eingehen, Preise für Finanztitel verhandelt und daran geknüpfte Zahlungsversprechen getauscht werden, kann dies noch so turbulent und chaotisch erfolgen, es stabilisiert damit zugleich eine Sozialordnung. Diese Ordnung beruht auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen zwischen Marktteilnehmern, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen haben. Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Personen <em>A</em> und <em>B</em>: <em>A</em> erwartet, dass <em>B</em> erwartet, dass <em>A</em> zu jenem Kurs kauft und <em>B</em> erwartet umgekehrt, dass <em>A</em> erwartet, dass <em>B</em> zu jenem Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktteilnehmer wechselseitig. Der eine erwartet, was der andere tut, während der andere erwartet, was der eine tut. Nicht erfüllte (Kauf-)Erwartungen können deshalb nicht selten zu Enttäuschungen führen; sie tragen dadurch aber auch umgekehrt zum Festhalten an bestimmten Erwartungen bei. Im Gegensatz zu Produktmärkten können auf Kapitalmärkten Kauf- und Verkaufsrollen auch von derselben Person eingenommen werden (<em>switch-role markets</em>). Dies ändert wenig an den sozialen Bedingungen von Verhaltenserwartungen, jedoch dynamisiert es die Sozialordnung von Märkten ungemein.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung durch kumulative (Erwartungs)effekte</strong></p>
<p>Die Erwartungen an denen die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen ausrichten, sind zeitlich nicht stabil, sondern immer auch anders möglich. Sie orientieren sich an vergangenen Entscheidungen und unterschiedlichen Prognosen über ihr Kaufverhalten. Im Gegensatz zu gemachten Zahlungen können modellierte Zukunftsaussichten wieder geändert und revidiert werden. Prognosebasierte, erwartungsgesteuerte (und damit nicht vollständig determinierte) Entscheidungen sind daher auch der Selbstverunsicherung ausgesetzt. Sie müssen mitrechnen, dass sie im nächsten Moment bereits vergangen sind und damit den Folgen einer veränderten Bewertung seitens der Marktteilnehmer unterliegen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 kauft, kann zu einem Zeitpunkt t1 wieder verkaufen. Wer auf steigende Kurse setzte, kann Sekunden später auf fallende setzen und umgekehrt.</p>
<p><strong>Situationsdefinitionen gehen ihrer möglichen Ursachen voraus</strong></p>
<p>Wenn beispielsweise ein Kurs nicht weiter steigt, setzt ein Bewertungsumschlag der Erwartung ein. Wird dieser Kursfall als unerwartet hoch beschrieben, kann sich das Marktgeschehen an dieser Beschreibung orientieren und damit die Situation erst hervorrufen, ohne dass dafür eine neue <em>externe</em> Information als Auslöser eindeutig identifizierbar wäre, und ohne dass sich die befürchteten Erwartungen überhaupt einstellen. Gerade wenn bei Kursfällen (oder -anstiegen) bestimmte Richtwerte oder Grenzwerte über DAX-Kurse oder andere Indices bei Anlegern eingehen, laufen vermehrt vorprogrammierte Kaufs- und Verkaufsentscheidungen ab. Das Erreichen einer <em>Marke</em> lässt sich hinterher schwer auf eine Einzelhandlung zurechnen. Es ist <em>und</em> wird jedoch Ausdruck umstrukturierter Erwartungen und neu definierter Situationen. Dass (selbst-)verunsichernde Handlungsschemata in ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Weise in anderen Bereichen auftreten können, beschreibt das so genannte Thomas-Theorem: <em>If men define situations as real, they are real in their consequences</em> – bekannter unter der verkürzten Formel <em>sich selbsterfüllender Prophezeiungen</em>.</p>
<p><strong>Selbsterfüllende Prophezeiungen</strong></p>
<p>Derartige Selbstverstärkungseffekte ergeben sich vor allem bei großen Volumina und sekundenschneller Transaktionsströme – v.a. aber wenn ähnliche Situationsbeschreibungen (insbesondere über Wachstumsaussichten oder mögliche Ursachen von Kursverlusten) gleichzeitig zusammentreffen. Und dies ist angesichts der heutigen Echtzeitübertragung der Kurse auf wenigen (virtuellen) Marktplätzen ein nicht selten erwartbares Ereignis. Selbstverunsicherungen auf Finanzmärkten beruhen insbesondere auf Zahlungsentscheidungen, die je nach Zeitpunkt und Kursstand zwischen Verlustrisiko und Gewinnchance schwanken. Selbstverunsicherungen als soziale Bedingungen dieses Schwankens beschreiben damit einen großen Teil der so oft benannten und dennoch oft missverständlichen <em>Psychologie der Märkte</em>. Dabei ist nicht nur die Frage <em>wie reagieren die anderen Marktbeobachter</em> konstitutiv, sondern insbesondere, dass man mitführt, dass die <em>anderen</em> Marktteilnehmer Erwartungen über die <em>eigenen</em> Verhaltenserwartungen haben. Investor <em>A</em> erwartet, dass Investor <em>B</em> von <em>A</em> erwartet, er würde jetzt kaufen oder verkaufen &#8211; und umgekehrt.</p>
<p>Während man in Paarbeziehungen schwer von einmal vorgelebten (Geschlechter-)Rollen abweichen kann, tendieren Marktteilnehmer eher zu reaktantem Verhalten. Sie versuchen <em>zeitlich konträr</em> zu ihren Erwartungserwartungen zu handeln, um nicht (zu spät) in erwartete Preisbewegungen zu geraten. Die Reflexivität von Erwartungen kann dabei lähmend oder aktivierend wirken. Von außen an die Märkte herangetragene wirtschaftliche und politische Informationen werden in dieses Zusammenspiel wechselseitiger Erwartungen selektiv eingespeist und in die eigene Marktsprache übersetzt. Es ist gerade dieses Geschäft mit der erwarteten (Selbst-)Unsicherheit der Zukunft, das die produktive und zugleich destruktive Kraft auf Finanzmärkten ausmacht – in Krisen- wie in Boomzeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a title="The Prophecy" href="http://www.paranaiv.no/archive/photographers/aymeric-giraudel">The Prophecy</a>)</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen in der Theorie</strong></p>
<p>Merton, Robert K. 1948: The self-fulfilling prophecy. Antioch Review 8, 193-210.</p>
<p>Thomas, William I. &amp; Thomas, Dorothy S. 1928: The child in America: Behavior problems and programs. New York: Knopf, 572.</p>
<p>Weick, Karl. E. 1995: Der Prozess des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 221-236.</p>
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		<title>Zwei Portionen Kulturoptimismus</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jul 2011 10:06:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Überlegungen zum „Kulturpessimismus“ (hier sollte eigentlich auf einen Text von Kathrin Passig verlinkt werden, der Merkur hat ihn aber depubliziert) bekamen für mich die letzten Wochen neue Attraktivität, seit ich gelesen habe, wie deutsch dieses Phänomen ist. Ängste und Vorbehalte werden der deutschen Kultur ja in vielen Bereichen unterstellt, doch hier scheint es noch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2073" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2073 " src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-15.jpg" alt="" width="550" height="275" /><p class="wp-caption-text">Maschinen helfen nur bei bekannten Problemen</p></div>
<p>Die Überlegungen zum „Kulturpessimismus“ (hier sollte eigentlich auf einen Text von <a href="http://www.online-merkur.de/seiten/lp200912adz.htm">Kathrin Passig verlinkt</a> werden, der Merkur hat ihn aber depubliziert) bekamen für mich die letzten Wochen neue Attraktivität, seit ich gelesen habe, wie deutsch dieses Phänomen ist. Ängste und Vorbehalte werden der deutschen Kultur ja in vielen Bereichen unterstellt, doch hier scheint es noch besonderer zu sein. Immerhin gibt es New Yorker Autoren, die ganze Bücher zu ihrem kulturpessimistischen Erleben schreiben und dann von einer deutschen Zeitung <a href="http://www.faz.net/artikel/C30437/gary-shteyngart-im-interview-der-untergang-amerikas-30460667.html">per Interviewfrage</a> erfahren, dass es dazu im alten Europa bereits eine in Jahrhunderten kondensierte Geisteshaltung gibt. Die Begeisterung darüber ist dann, zumindest in dem Einzelfall, so groß, dass der Titel „Kulturpessimist“ direkt mit auf den Grabstein soll. In Amerika beginnt man, sich Gedanken zu machen. Was Manufakturen, Maschinen und Metropolen nicht schafften, erledigt jetzt die Computerisierung: gesellschaftliche Debatten zu „<a href="http://blogs.wsj.com/tech-europe/2011/07/11/women-and-children-first-technology-and-moral-panic/">Moral Panic</a>“.</p>
<p><span id="more-2067"></span>Es ist aber nicht verkehrt, das Phänomen (Computerisierung) in einen großen historischen Kontext zu betten. Das, was uns die letzten 30 Jahre lehren, wird besser greifbar, wenn man es in den Rahmen der letzten 300 Jahre einspannt. Und es ist auch nicht verkehrt, die Erklärungen zur Etablierung der Computer mit dem heutigen Verständnis der Erfindung des Druckens zu konturieren. Denn vieles, was heute zu sehen und kritisch zu begleiten ist, ist überhaupt nur erkennbar, weil der Buchdruck die Problemperspektive eröffnet hat. Ein ganz zentraler, interessanter Widerspruch ist folgender: Erst das Drucken ermöglicht die Trennung von Botschaft und Überbringer, erst durch ihn entsteht das Phänomen der eindeutigen Autorenschaft und mit ihm die gesellschaftstragende Idee der Autorität. Aber, die Einführung des Autoren in die Kommunikation hat ihn gleichsam entmachtet und alle Deutungshoheit dem verstehenden (und abwesenden) Leser zugeteilt. Die Idee der Kontrolle und ihre Zuschreibung dem Autoren hat die gesellschaftliche Kommunikation wahrscheinlich so sehr fasziniert, weil sie immer im krassen Widerspruch zur gesellschaftlichen Struktur stand und man sich immer dachte: Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Mittlerweile, da das <a href="http://differentia.wordpress.com/2011/07/19/kommunikation-ist-kein-geschaftsmodell-leistungsschutzrecht/">Internet eine Aufgabe der Massenmedien übernimmt</a>, und die Gesellschaft immer mehr thematisiert wird, ohne dass (&#8220;alte&#8221;) Autoren und Autorität im Mittelpunkt stehen, erkennt man, welcher Voraussetzungen es bedarf, die Gesellschaft massenmedial tatsächlich zu steuern. Allenfalls Figuren wie Rupert Murdoch und Leo Kirch konnten zählbaren, gesellschaftlichen „<a href="http://www.sprengsatz.de/?p=3696">Manipulationserfolg</a>“ erzielen, unter Einsatz riesiger, diktatorisch geführter Organisationen und zehnstelligen Finanzbewegungen. Diese Zeiten sind jetzt jedoch vorbei. Zeitungen wie die BILD kleben noch in der Vergangenheit, machen sich damit aber eher lächerlich.</p>
<p>Die neue Welt ist anders, sie hat sich von der Idee der Autorität verabschiedet. Google, Facebook, Apple stellen nur noch Rahmen bereit und überlassen den Inhalt beinah vollständig „dem Nutzer“. Und die Fragen, die nun gestellt werden, richten sich zurecht auf diese Rahmen. Bei Google sind es die Algorithmen, bei Apple ist es das wahnsinnige 70% / 30% &#8211; Geschäftsmodell. Es gilt zu klären, wieviel gesellschaftliches Steuerungspotenzial sich durch die Organisationsentscheidungen der neuen Big Player ergibt. Darüber ist zu reden. In Deutschland tut das mit <a href="http://www.faz.net/artikel/C30833/digitales-gedaechtnis-wir-brauchen-eine-europaeische-suchmaschine-30468036.html">massenmedialem Nachdruck</a> eigentlich nur Frank Schirrmacher. Und obwohl ich sein Problembewusstsein umfänglich teile, würde ich einer Idee (die ich allerdings mit meinem obigen Problemaufzug reformuliere) mittels kurzer These widersprechen: Die „alte“ Autorität der Massenmedien wurde nicht in eine „neue“ Autorität der google‘schen Algorithmen-Schreiber transformiert. Oder: (historisch neutral / absolut beobachtet, weil auch Schirrmacher hier keine Transformation unterstellt) Google verändert die Gesellschaft fundamental, hat aber selber auch keine Kontrolle darüber.</p>
<p>Es ist sozusagen eine sehr kulturoptimistische Sicht auf die aktuellen, akuten Veränderungen, wenn man in Google noch eine (bzw. die richtige) Adresse sieht, um ins Geschehen eingreifen zu können.</p>
<p>Die großen Firmen, die immer wieder genannt werden (Apple, Facebook, Google), haben die Fähigkeiten, Geld zu verdienen. Jedes Mal, und das trifft besonders auf Eric Schmidt zu, wenn sie sich inhaltlich äußern, erkennt man in ihnen aber einen – so frech bin ich – kindlichen, naiven Größenwahn, als ob sie nie vom Zauberlehrling gehört haben. Ich rechne das dem Umstand zu, dass man als Google-(Ex-)Chef im eigenen Unternehmen nur noch mit unabhängigen, unkontrollierbaren Spezialpersonal zu tun hat und von daher selbst das größte Alphatier spielen muss, das sich dann immer wieder mit wahnwitzigen aber die Legenden untermauernden Sprüchen profiliert.</p>
<p>Sofern man sich ausschließlich für gesellschaftliche Folgen der Digitalisierung interessiert, was nur geht, wenn man keine eigenen Werke einem Apple-Vertriebsmodell oder einem Google-Algorithmus aussetzen muss, kann man die Akteure und ihr Gerede ignorieren. Frank Schirrmacher machte das letzten Sonntag. Da ging es nicht um Google und Facebook, sondern um <a href="http://www.faz.net/artikel/C30833/leben-im-takt-des-internets-die-revolution-der-zeit-30466311.html">die Zeit</a> selbst. Aber auch hier ist es, historisch-soziologisch, kein prinzipiell, sondern nur inhaltlich neues Phänomen. Dass die Gesellschaft ihre einheitliche Moral/Vernunft in mannigfaltige Rationalitäten aufgelöst hat, ist die Erfahrung der letzten 150 Jahre. Zu dieser sachlichen Dezentralisierung gesellt sich heute, beinah sprungartig, die zeitliche Desynchronisierung. Die Trennung von Haus und Hof, die Unterscheidung von Organisation und Gesellschaft, die Aufspaltung von Freunde und Familie bekommt nun ihr i-Tüpfelchen mit der Trennung von sinnlichem und technologievermitteltem Erleben, das in jedem Lebensbereich Einzug erhält.</p>
<p>Es passt vieles nicht mehr ins <em>gewohnte</em> Bild und die Frage, ob es nun innerer oder äußerlicher Anpassung bedarf, ist noch nicht entschieden und gehört wohl auch zu den unentscheidbaren aber stets Handlungsdruck erzeugenden Fragen. Darüber wird viel zu wenig diskutiert. Im Deutschsprachigen dominiert zuweilen der Kulturpessimismus. Der häufig zurecht als Technikverweigerung markiert wird. Auf der anderen Seite jedoch, enteilen die wenigen Early Adopters die es hierzulande gibt, ihrem eigenen Erleben so sehr, dass sie gar nicht beschreiben können, was sie eigentlich tun. Statt über sich selbst, ihr Erleben und Verhalten zu reden, konturieren sie sich in der Beschimpfung der „Internetnichtversteher“. Manchmal bekommt man den Eindruck, man müsste den Begriff Herdentrieb ummünzen. Seit Rivva wieder da ist, kann man bei jeder Sau, die durchs gar nicht so globale Dorf getrieben wird, sehen, dass es immer wieder neu einen konstruktiven Aufhänger gibt, dann einen Beschimpfungstweet von Mario Sixtus und 150 Leute, die ihn retweeten. Das ist dann die Diskussion. Ab und an blinzelt man dann kurz, fragt sich, warum man als Hypermoderner-Internetnutzer keine Relevanz hat und keine Resonanz erzeugt aber bevor es eine zweite Antwort auf diese Frage gibt rollt der nächste Verlegerkopf durch die Szenerie und lässt die alte Mechanik wieder einrasten.</p>
<p>Es ist schon bezeichnend, dass gerade im Internet nur dann Kritik möglich ist, wenn sie vom prominentesten, reichweitenstärksten und auffälligsten Akteur kommt. Denn außer Sascha Lobos <a href="http://www.spiegel.de/thema/spon_lobo/">fulminanter Spiegel-Online-Kolumne</a>, ist man nicht bereit, irgendwas oder irgendwen als kritisch <em>und</em> intern (inhaltlich anschlussfähig) zu beobachten. Aber solange eine Diskussion derart auf Ideologie (Sixtus) und Autorität (Lobo) angewiesen ist, um überhaupt ein Fünkchen konstruktiv zu sein, gilt als Fundamentalkritik eines: Wir leben nicht mehr in den 80ern. (Und <a href="http://sebastian-ploenges.com/">Sebastian</a> würde zurecht anmerken: „Ja, ich meine 1880!“)</p>
<p>Vielleicht ist es so, und ich lasse mich da nicht durch meine eigene journalistische Zukunft zu Verklärungen hinreißen, wie es der letzte prognostizierende Gedanke des Schirrmacher-Zeit-Textes vorwegnimmt:</p>
<blockquote><p>Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne.</p></blockquote>
<p>Denn durch die Privatmeinungskultur des Internets erhalten die Massenmedien ihre Kontur von außen. Sie müssen nämlich nicht mit Twitter und Facebook mithalten, sich nur wenig um ihre Distribution nach der Bezahlung kümmern und dem Echtzeit-Stress folgen – sie müssen aber genau das beobachtend ergänzen. Vielleicht schält sich die nächsten Jahre eine ganz neue normative Journalismustheorie heraus. Die würde dann nicht mehr auf Begleitung und Ermöglichung demokratischer Diskussion und Teilhabe hinauslaufen, sondern auf Chaosbewältigung und Orientierungshilfe. Und auch wenn diese Grundlegung wie jede gute normative Theorie der tatsächlichen Welt widerspricht, lassen sich doch genügend Handlungsempfehlungen aus solchen Überlegungen ableiten, um ein Jahrhundert Sinn und Zweck organisierter Massenmedien zu rechtfertigen. Und damit wäre dann gerade das kommende Jahrhundert gemeint.</p>
<p>(Diese <a href="https://plus.google.com/118359023992790949354/posts/MmPqaSJrRCK">Nachbereitung</a> der Schirrmacher-Überlegungen, die Christoph Kappes initiiert hat, sind interessant zu lesen und darüberhinaus interessant zu finden.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/jezpage/3412068580/in/photostream/">Jeremy Page</a>)</em></p>
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