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	<title>Sozialtheoristen &#187; Massenmedien</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Glaubwürdigkeit &#8211; woher und wozu?</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 14:50:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Christian Wulffs Schöner-Leben-Affäre steht stellvertretend für vieles, was derzeit nicht mehr richtig funktioniert oder immer nur sehr merkwürdig funktionierte und diese Merkwürdigkeit nun offenbart: Politiker müssen sich in ihrer Karriere gegen Parteikollegen durchsetzen, werden aber nur im Hinblick auf ihren Dienst für die Partei beobachtet; Im Parlament kämpfen Parteien gegeneinander für das Gemeinwohl. Die Demokratie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3025" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/01/Unbenannt-14.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Christian Wulffs Schöner-Leben-Affäre steht stellvertretend für vieles, was derzeit nicht mehr richtig funktioniert oder immer nur sehr merkwürdig funktionierte und diese Merkwürdigkeit nun offenbart: Politiker müssen sich in ihrer Karriere gegen Parteikollegen durchsetzen, werden aber nur im Hinblick auf ihren Dienst für die Partei beobachtet; Im Parlament kämpfen Parteien gegeneinander für das Gemeinwohl. Die Demokratie ist im Großen und Ganzen ein schönes, echtes Märchen &#8211; auf einem schwierigem Weg bleibt man beim Glauben an ein Happy End.</p>
<p><span id="more-3013"></span>Wie schwierig es ist, wird heute auch deutlicher, weil ein weiterer Beobachter hinzugekommen ist, der beginnt, seinen Folgenreichtum abzuschätzen: der ausformulierte Gedanke des Publikums. Er sucht sich seinen Raum in der bislang exklusiven Beziehung zwischen Politik und Massenmedien. Man könnte es <a href="http://differentia.wordpress.com/2012/01/06/die-glaubwurdigkeit-der-glaubwurdigkeitsbestreiter-wulff/">so ausdrücken</a>:</p>
<blockquote><p>Und auch die Diskussionen im Netz konzentrieren sich größtenteils auf die Beobachtung einer Person und nicht darauf, dass die konventionellen Massenmedien ganz langsam ein Problem bekommen: Sie müssen ihre Relevanz, ihre Vorrangigkeit gegenüber dem Internet herausstellen.</p></blockquote>
<p>Doch würde man hier implizit eine Unterscheidung mitführen, die auf einer, aber nicht der wichtigsten, Prämisse ruht. Dass nämlich Massenmedien auf der einen Seite stehen und das Internet – das folgenreiche Medium ohne konkrete Masse – auf der anderen. Die entscheidende Prämisse ist viel mehr diese:</p>
<blockquote><p>Journalisten können ihre Privilegien intelligent ausnutzen, die vor allem darin bestehen, exklusiven Kontakt zu Politikern zu pflegen.</p></blockquote>
<p>Der Vorteil den die Massenmedien haben, liegt im Zugriff auf Raum und Zeit. Journalisten haben viel Zeit für Recherchen und sie sind dafür nicht zwingend auf Vermittlung angewiesen, sondern können im Kontakt mit der Politik die Eigenrechte der Interaktion ausnutzen. Die jüngste Empörung über den öffentlich-rechtlichen Fragenkatalog im Wulff-Interview veranschaulicht dies ganz wunderbar. Auf der einen Seite war es die Interaktion unter Dreien, die &#8220;Live-On-Tape&#8221; einfach stattfand, auf der anderen Seite waren es die medienvermittelten Interpretationen, die im Internet stattfanden. Das Gespräch war auf keine Technologie angewiesen, nur seine Verbreitung.</p>
<p>Die technologievermittelten Kommunikationsmöglichkeiten, die neue Zugänge zu Politikern gewähren, werden diese raumgebundene Interaktionssituation wie sie das Interview darstellt nicht ersetzen können. Bzw. andersherum formuliert: Sollte einmal ein junger Journalist, ein Typ wie Richard Gutjahr, seine Kameraerfahrung und Internetreputation ausbeuten und in einem Medienstunt ein U-Stream-Spontaninterview mit der Kanzlerin führen, dann ist er in allen wesentlichen Aspekten ein Massenmedium nach alter Funktionslogik. Was ihm gelänge, würde nur ihm gelingen – nicht weil er der Einzige ist, der über diese Art der Medienkompetenz verfügt und ein Publikum mobilisieren kann, sondern weil die Kanzlerin nur begrenzt Raum und Zeit für ein Interview hat.</p>
<p>Zurück zu Klaus eigentlicher Frage: Wie verhält es sich im Gesellschaftszirkus mit der Glaubwürdigkeit, wenn die Medien ihre gegen die der Politik(er) ausspielen und das Weiterführen des &#8220;Krieges&#8221; die Beteiligten nur weiter in einer Kommunikation verstrickt, die im Grunde nichts anderes ist als paradox: Man kann seine eigene Glaubwürdigkeit nicht behaupten, weil Glaubwürdigkeit ja Bedingung und nicht Folge einer (Glaubwürdigkeits-)Behauptung ist. Können Politiker durch direkten medialen Zugriff auf das Publikum Glaubwürdigkeit implizit mitführen, um so endlich nur inhaltlich, sachzentriert politisch kommunizieren zu können? Es ist ein Wunsch der Zeit, neue Medientechnologien in der Hinsicht auszubeuten, sich auf Sachfragen konzentrieren zu können. Doch es wird wohl nie gelingen, die Komplexität von politischen <em>Entscheidungen</em> allein auf der Sachebene reduzieren zu können.</p>
<p>Das deutsche Stromnetz als politisches Thema beispielsweise ist sachlich vielleicht zu entschlüsseln. Man könnte alle inhaltlichen Aspekte ins Internet schreiben, transparent menschen- und maschinenlesbar aufbereiten. Jeder wird nachsehen können, was es hiermit und damit auf sich hat. Aber man wird es allein dadurch niemals zu einer politischen Entscheidung schaffen.</p>
<p>Die Sachdimension wird immer durch die Sozialdimension entlastet werden müssen. Es wird, so wie in der Politik, in den Medien immer Stars geben &#8211; und sie werden auf Technologie <em>und</em> Institution angewiesen sein. Glaubwürdigkeit ist eine notwendige und soziale Komponente. Wenn ein Politiker im Kontakt mit seinem Publikum ist, benötigt es einen neutralen Dritten, sei es der Wahlhelfer, sei es der Journalist, sei es der Richter. Das Internet vergrößert nur den Bereich derjenigen, die als Dritte infrage kommen. Politik benötigt die Verlautbarung des Politikers und die Zustimmung/Unterstützung im Publikum. Nur vertrauen wir nicht mehr nur gezwungener Maßen den großen Medienstars, sondern auch einzelnen, unbekannten Internetschreibern, die sich Vertrauen verdient haben: Es macht einen großen Unterschied, ob Inhalte von Sascha Lobo erwähnt und empfohlen und vom heute-Journal verbreitet werden oder ob Marius Sixtus ein belangloses &#8220;Was … sagt.&#8221; ins Internet rotzt und die RTL-II-News etwas promoten. Es bleibt beim alten Prinzip. (Die Funktionslogik ändert sich, das ist zu beobachten.)</p>
<p>Das direkte Wort eines Politikers glaubt man nicht. Auch nicht, wenn er es twittert. Irgendwer wird es autorisieren müssen und irgendwie muss es diskutiert und abgewogen werden. Und die Unmöglichkeit, die Sozialdimension aus den Kommunikationslogiken herauszurechnen, um sich allein auf die Sachdimension zu besinnen wird vielleicht klarer, wenn man darauf hinweist, dass es auch eine Zeitdimension gibt. Denn wenn es nur eine Frage der Sache wäre, und wir uns auf Technologie verlassen könnten, würden wir unsere politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen so fällen, wie Investitionsentscheidungen an der Börse gefällt werden: Milliarden in Millisekunden. Dort kann man jetzt schon sehen, was geht und was überhaupt gar nicht funktioniert.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/spike55151/14401063/in/photostream/">Chris</a>)</em></p>
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		<title>Die Perfidie der freien Wahl?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/</link>
		<comments>http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 09 Dec 2011 18:05:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kai Mürlebach</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Melanie Mühl setzt sich im Feuilleton der FAZ mit einem Buch Michèle Rotens (&#8220;Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung&#8221;) auseinander. An dieser Stelle soll der Versuch einer positiven (Re-)Interpretation der Problemstellung unternommen werden, indem gefragt wird, was unter Freiheit heute eigentlich noch zu verstehen ist. Artikel und Buch beschäftigen sich mit einer neuen Generation junger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/freie_wahl/" rel="attachment wp-att-2827"><img src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/freie_wahl.jpg" alt="Ausschnitt aus der FAZ, 09.12.2011, S. 33" width="650" height="250" class="aligncenter size-full wp-image-2827" /></a></p>
<p>Melanie Mühl setzt sich <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gleichberechtigung-meine-freie-wahl-11555460.html" target="_blank">im Feuilleton der FAZ</a> mit einem Buch Michèle Rotens (&#8220;Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung&#8221;) auseinander. An dieser Stelle soll der Versuch einer positiven (Re-)Interpretation der Problemstellung unternommen werden, indem gefragt wird, was unter Freiheit heute eigentlich noch zu verstehen ist.<br />
<span id="more-2826"></span><br />
Artikel und Buch beschäftigen sich mit einer neuen Generation junger Frauen, die sich vom Feminismus verabschiedet habe. &#8220;Vergnügt genießt sie die Illusion, sie hätte alle ihre Lebensumstände frei gewählt.&#8221; Frauen dieser Generation blieben zu Hause, &#8216;verschönerten&#8217; ihre Körper, nähmen den Namen des Ehemannes an und besorgten die Hausarbeit. Damit reproduzieren sie genau die Geschlechterrollen, die sie für überholt halten &#8211; diesmal allerdings ganz &#8216;freiwillig&#8217; und mit offenbar zumindest subjektiv überzeugenden Argumenten.</p>
<p>Melanie Mühl stößt damit auf ein Problem der modernen Gesellschaft: Wie kann heute noch erkannt werden, ob jemand frei handelt, wenn nicht daran, dass er oder sie nicht gezwungen wird (vgl. <a href="http://www.uni-bielefeld.de/sozsys/leseproben/luhmann.htm" title="" target="_blank">Luhmann 1995:14</a>)? Für die Autorin gehört die Überzeugung, absolute Wahlfreiheit zu genießen, &#8220;zum Selbstbild der modernen Frau wie ihr Schuh-Tick.&#8221; Von der Organisationssoziologie lässt sich lernen, dass Freiwilligkeit ein wesentlich stärkerer Motivator sein kann als etwa Geld und dass Menschen bereit sind Dinge zu tun, vor denen sie unter allen anderen Umständen zurückgeschreckt wären &#8211; weil sie es freiwillig tun (<a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1183/720" title="" target="_blank">Kühl 2005:98ff.</a>).</p>
<p>Die Frage ist, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Einerseits, und so sieht es die Autorin, ist zu befürchten, dass die aktuelle Generation junger Frauen leichtfertig Errungenschaften riskiert, für die &#8220;sie nicht einmal kämpfen mussten und [deren] Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen.&#8221; Andererseits steckt in dieser Position auch eine gehörige Portion Paternalismus (leider &#8211; positiverweise? &#8211; scheint eine weibliche Form dieses Wortes nicht zu existieren): Mit welchem Recht wirft Frau Mühl eigentlich anderen Frauen vor, &#8220;lieber zum Brazilian-Waxing als zum Wählen&#8221; zu gehen? Ist ein auf politisches Engagement oder berufliche Selbstverwirklichung zielender Lebensentwurf denn objektiv &#8216;besser&#8217;, als der einer mehr auf Äußerlichkeiten bedachten Frau, die ihren ganzen Ehrgeiz darauf richtet, einen solventen Ehepartner zu finden?</p>
<p>Als Mann ist es &#8216;gefährlich&#8217; solche Fragen zu stellen, zumindest in dem Sinne, dass man(n) sich allzu leicht dem Vorwurf aussetzt, den Status Quo, also die eigenen Vorteile aus dem gegebenen Geschlechterverhältnis, erhalten zu wollen. Die &#8216;Gefahr&#8217; besteht allerdings (anders als die Kritiker einer angeblich übermächtigen &#8216;Political Correctness&#8217; glauben mögen) in erster Linie darin, einen Angriffspunkt für Polemik zu bieten, die dann alle anderen Argumente zu überlagern droht. Dieses Risiko lässt sich eingehen, spricht heute doch alles dafür, jungen Menschen von einem solchen Lebensziel abzuraten &#8211; zumal mit Blick auf aktuelle Scheidungsraten und die Vergänglichkeit aller Schönheit &#8211; aber letztlich bleibt es doch jeder und jedem selbst überlassen, welchen Lebensweg sie oder er einschlägt. (Fast könnte es als ermutigendes Zeichen aufgefasst werden, dass es heute eben nicht mehr nur &#8216;Trophy-Wives&#8217;, sondern auch erste &#8216;Trophy-Husbands&#8217; gibt, wäre nicht fragwürdig, ob gerade diese männlichen Verhaltensmuster reproduziert werden sollten.)</p>
<p>Nicht zu bestreiten dürfte aber auch sein, dass mit der Konzentration auf die neusten Moden in Sachen Körperbehaarung andere Probleme in den Hintergrund treten. So lässt sich durchaus vermuten, dass ein angenehmeres Leben führt, wer sich nicht täglich mit den neusten Katastrophenmeldungen aus Berlin, Brüssel oder New York belastet (ganz zu schweigen von den wirklichen Tragödien, die sich tagtäglich außerhalb der westlichen Welt ereignen). Als politischer und normativ denkender Mensch mag man den Mangel an Engagement bedauern, aber wer mag sich anmaßen, den Weg anderer zu ihrem individuellen Glück zu beurteilen?</p>
<p>Die Perfidie der Freiwilligkeit scheint nun darauf zu beruhen, dass junge Frauen heute Geschlechtergerechtigkeit für verwirklicht halten und alte Rollenmuster reproduzieren &#8211; freiwillig. Sie würden damit Geschlechterrollen reanimieren, die früher zwangsweise durchgesetzt wurden. Aber weist diese Beobachtung nicht im Grunde darauf hin, dass heute kein entsprechender Zwang mehr besteht? Dass die <em>wirklichen</em> Ungerechtigkeiten kaum noch anzutreffen sind?</p>
<p>&#8220;Freiheit ist ein soziales Konstrukt, und Wissen ist die Form, in der Beschränkungen eingeführt werden, um Entscheidungen zu ermöglichen.&#8221; (Luhmann 1995:16) Um eine Wahl (eine Entscheidung) zu treffen, bedarf es demnach des Wissens um Alternativen; so weit so trivial. Aber könnte diese Einsicht nicht dazu dienen, die Problemstellung zu reformulieren? &#8220;[F]ormulierte Normen provozieren geradezu die Freiheit, gegen die Norm zu verstoßen.&#8221; (ebd.) Ließe sich also sagen, dass heute weniger Normen formuliert sind und entsprechend die Freiheit schwindet, gegen sie zu verstoßen? Dass das Wissen um früher bestehende Normen &#8216;verloren&#8217; geht (wer würde es vermissen?) und entsprechend das Wissen um die Alternativen zur heutigen Situation? Und wäre das nicht positiv zu werten?</p>
<p>Mühls Satz, &#8220;Frauen können studieren, [...] die Scheidung einreichen und eine Frau heiraten&#8221;, ist mit einem Ausrufezeichen zu beenden! Das soll keineswegs bedeuten, dass heute alles gut wäre, oder dass der Kampf für Gleichberechtigung beendet werden könnte: Fraglos existieren noch genug Normen und Missstände, gegen die sich zu argumentieren lohnt. Anzuerkennen ist aber auch, wie unwahrscheinlich diese Entwicklung vor 50 Jahren gewirkt haben mag (man denke nur an die Serie &#8216;Mad Men&#8217;). Zudem wird auf diese noch bestehenden Probleme sehr wohl aufmerksam gemacht: Es werden Bücher darüber geschrieben und selbst in (<a href="http://www.wolfgangmichal.de/?p=1380" title="" target="_blank">wohl immer noch</a>) eher konservativ zu nennenden Zeitungen wie der FAZ, können Redakteurinnen (sic!) an prominenter Stelle darüber sinnieren.</p>
<p>Statt sich also für &#8216;die Jugend von heute&#8217; zu bedauern und zu beklagen, dass über die Frauenquote noch diskutiert werden muss, lässt sich die Problemstellung positiv betrachten: Wenn Bücher darüber geschrieben werden, dass die neue Generation mit Feminismus wenig am Hut habe, lässt sich das auch so interpretieren, dass (neue) Normen formuliert wurden, gegen die jetzt wiederum verstoßen werden kann. Über das Erreichte kann man sich freuen, daraus Kraft ziehen, gute Argumente (etwa für die Quote) zu formulieren und aushalten, dass es Menschen gibt, die sich dafür nicht (mehr) interessieren (müssen).</p>
<p>PS: Auffällig in dieser Hinsicht auch die Vehemenz, mit der sich über junge Frauen <a href="http://9gag.com/gag/57287/" title="" target="_blank">lustig gemacht wird</a>, die alte Rollenmuster noch meinen verteidigen zu müssen.</p>
<p>PPS: Das diesen Post verzierende Symbolbild diente eigentlich der Illustration des in der Print-FAZ nebenstehenden Artikels über einen alternden &#8216;Partykönig&#8217;, ist aber durchaus in doppelter Hinsicht sinnig.</p>
<p>Literatur:<br />
<a href="http://www.uni-bielefeld.de/sozsys/leseproben/luhmann.htm" target="_blank">Luhmann, Niklas (1995):</a> Kausalität im Süden, in: Soziale Systeme 1.1, 7-28.<br />
<a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1183/720" target="_blank">Kühl, Stefan (2005):</a> Ganz normale Organisationen &#8211; Organisationsoziologische Interpretationen simulierter Brutalitäten, in: Zeitschrift für Soziologie 34.2, 90-111.</p>
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		<title>Burn-Out-Diagnosen</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 17:10:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeichneten Phänomens: Burn-Out. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als Rezept gegen die neue Volkskrankheit wird ein Cry-Out verschrieben. Empört Euch! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2776" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-07-um-5.33.53-PM.png" alt="" width="649" height="249" /></p>
<p><strong>Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg<br />
</strong></p>
<p><strong></strong>Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeic<span style="color: #000000">hneten Phänomens: <em>Burn-Out</em>. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als R</span>ezept gegen die <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/burnout-trailer/">neue Volkskrankheit</a> wird ein <em>Cry-Out</em> verschrieben. <a href="http://www.amazon.de/Emp%C3%B6rt-Euch-St%C3%A9phane-Hessel/dp/3550088833/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1323268730&amp;sr=1-1">Empört Euch!</a> gegenüber einer profit- und skandalgeilen Gesellschaft, die den kapitalistischen Raubbau an der Marke Arbeitskraft salonfähig gemacht hat.</p>
<p><span id="more-2770"></span></p>
<p>Wer auf dieser Ebene unkontrolliert weiter argumentiert, der mag vermutlich auch in einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791114,00.html">eruptiven Entschleunigung</a> ein Mittel ihrer Beeinflussung sehen. Und da <em>die</em> Gesellschaft, <em>die</em> Politik oder <em>die</em> Wirtschaft keine Adresse haben, wird dann auch versucht, sie als <em>Ganze</em> zu reformieren oder zu lähmen. Aber ohne Adresse verläuft der vermeintliche Protest ins Leere und wird sogar selbst von seiner ebenso vermeintlichen Gönnerschaft als <em>unbelesen</em> ignoriert.</p>
<p>Herkömmliche Mittel gegen das <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/2011-10/burnout-zwischenruf">systemische Problem</a></em> setzen dagegen am Individuum an: Pilates und Yoga, Obst und Gemüse, Wellness und Spa-Kur, Verhaltens- und Psychotherapie sollen die Leistungsfähigkeit wieder herstellbar und weiter abrufbar halten. Während der gesellschaftstheoretische Zugang zum Problem der Individualisierung des Arbeitsrisikos jedoch überkomplex ist, fällt die individualpsychologische Betrachtung entsprechend unterkomplex aus. Letztere rückt <em>Burn-Out</em> einzig eng in das Licht bzw. Dunkel gängiger Stressphänomene: Nämlich dem Dilemma, dass Stress subjektiv ist und jeder Versuch ihn beseitigen zu wollen (noch mehr) Stress verursachen kann. Entspannung, Anspannung und Erschöpfung vermischen dann genauso wie Arbeits- und Freizeitstress. Worüber wird dann eigentlich noch Neues diskutiert?</p>
<p><strong>Was ist krank und was ist normal?</strong></p>
<p>Und woran leidet dann überhaupt <em>die Gesellschaft</em> oder <em>das Individuum</em>? Einfach nur an den bekannten Nebenwirkungen des Wohlstands, wie Müdigkeit, Depression, Aggression, Lethargie? Oder ist die Beobachtung neu, weil diese Erscheinungen in einem reichen (wenn auch ungleich verteilten) Industriestaat immer noch bestehen? Vielleicht müsste man wieder darüber nachdenken, wieviel Krankheit normal ist und wieviel Normalität krank macht? <a href="http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Normalen-Seelenkunde/dp/3579068792">Manfred Lütz&#8217;</a> Antwort darauf ist zunächst einleuchtend: <em>Ob jemand leidet, ist das Entscheidende, ob er in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.</em> Wer kommunikationsfähig ist, d.h. wer zuhören kann, wer erziehen kann, wer zahlen kann, der kann dann nicht (zumindest nicht sozial sichtbar) chronisch krank sein. Wer wirklich psychisch krank ist, kann dann auch nicht (mehr) ausgebrannt sein. Symptomatisch sind <em>Burn-Out</em>-Erscheinungen deshalb von psychischen Erkrankungen (insbesondere von diversen Depressionsformen) zu unterscheiden.</p>
<p>Wer kommunikationsfähig ist, ist dagegen protestfähig. Aufsehen und Aufmerksamkeit erlangen nicht die wirklich armen, kranken und erschöpften (oder kränkeren, ärmeren oder ausgebrannteren). Ihnen fehlt schier die Zeit, das Geld und die Kraft sich gegen sich selbst oder eine Gesellschaft aufzulehnen. Aber soll man denn so lange warten, bis man arm und krank ist, könnten Zyniker entgegnen. Im Gegensatz zu reproduzierten Ungleichheiten und chronischen Krankheiten, scheint ein <em>Arbeits-Blues</em> behandelbar. Die eigenen Anpassungs- und Änderungsmöglichkeiten sind erloschen, können aber wieder mobilisiert werden.</p>
<p><strong>Angebot schafft Nachfrage?</strong></p>
<p>Sieht man sich einige <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/ausgebrannt/">öffentlich interviewte Fälle</a> an, so begegnet man bekannten Gesichtern, die sich einst auch an einer Depression leidend bekannt hatten. Dabei vermischen sich die Diagnosen. Ein <em>Burn-Outin</em>g scheint aber derzeit medial anerkannter zu sein, da man für den Leistungs- und Beliebtheitsdruck wie für seine sexuelle Orientierung schwer verantwortlich gemacht werden kann. Angesichts der symptomatischen und definitorischen Ungeklärtheiten in der medialen Berichterstattung bekommen die aufklärerischen Anliegen von Profisportlern, Managern und Prominenten ein Geschmackle und stehen in einem eher unglaubwürdigen Rampenlicht. Das Mitleid war zu öffentlich und wiederum zu profitgierig. Der kapitalistische Konsumkreis scheint dann wieder geschlossen: <em>Burn-Out</em> als ein Skandalisierungs- und Bereicherungsprodukt für Medien-, Freizeit-, Pharma- und Coachingindustrie? Wurden die Kapitalismusgegner und Gesellschaftskritiker erneut getäuscht?</p>
<p><strong>Zwischen Psychologisierung, Philosophierung und Politisierung</strong></p>
<p>Auch die Wissenschaft trägt in dem genannten Konsumkreislauf regelmäßig zur Besetzung neuer Kampfbegriffe, alter Wertedebatten und noch älterer Moralpredigten bei: Entscheidungsgesellschaft, (Welt-)Risikogesellschaft und neuerdings die <a href="http://wirtschaft.pr-gateway.de/lob-des-lassens/">Yes-We-Can-Gesellschaft</a> sind populäre Zeitdiagnosen, mit denen sich eine ganze Nation auf ein Zentralphänomen reduzieren und stigmatisieren lässt. Zeitdiagnosen als Sündenbock sind einfach und wirken deshalb kognitiv entlastend. Sie machen die Komplexität der Welt verarbeitbar, indem sie Vorurteile bestätigen. Aber instruktiv sind sie für den Einzelnen nicht. Eigentlich gegenläufige Zeitdiagnosen wie die Erlebnis-, Spaß-, oder Ich-Gesellschaft liegen für kurze Zeit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle.</p>
<p><strong></strong>Tiefergrabende philosophische Erklärungen versuchen die widersprüchlichen Trends zwischen Ego-Taktikern und Hyper-Arbeitsgesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen: <em>Problematisch werde es, wenn Menschen in der Sucht nach beruflicher Anerkennung die Selbstausbeutung mit Genuss verwechseln – und als Folge davon wirklichen Genuss gar nicht mehr empfinden können</em>, so die Philosophin Svenja Flaßpöhler im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1609554/">Deutschlandfunk-Gespräch</a> über ihr Buch <a href="http://www.amazon.de/Wir-Genussarbeiter-Freiheit-Zwang-Leistungsgesellschaft/dp/3421044627">Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft</a>.</p>
<p><strong><strong>Plädoyer für eine dritte Betrachtungsebene </strong></strong></p>
<p>Ohne weder den Einzelfall noch die Gesellschaft als Ganze beurteilen zu können, ist aus soziologischer Sicht die Einbeziehung einer dritten Ebene – neben Individuum und Gesellschaft hilfreich – die zwar kompliziert erscheint, aber vielleicht gerade auch deshalb die genannte Popularität und Dominanz bisheriger Zugänge zum Phänomen erklärt.</p>
<p>Wenn derzeit über <em>Burn-Out</em> gesprochen wird, dann vermengen sich Namen öffentlicher Protagonisten mit den Zahlen und Werten ganzer Berufsfelder. Aber das Medienleben von Leistungssportlern, Managern und Prominenten hat wenig gemeinsam mit dem Arbeitsalltag von Krankenhaus-ÄrztInnen, LehrerInnen oder SupermarktverkäuferInnen. Die Frage muss gestellt werden: Wären die körperlichen und seelischen Veränderungen auch ohne die Anstellung in jener Organisation bzw. in jenem Unternehmen auffällig und problematisch geworden? Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist in konsumverwöhnten Industriegesellschaften auf den Kopf gestellt. Soziale Anerkennung ist aber kein neuer Gesellschaftstrend und auch keine anthropologische Konstante, sondern erst <em>in</em> und <em>durch</em> das Aufkommen von unterschiedlichen Rollen und Organisationen möglich.</p>
<p><strong>Das System der Arbeit heißt Organisation</strong></p>
<p>Im Gegensatz zur Gesellschaft haben Organisationen eine Adresse. Freiheit und Zwang sind abstrakte Begriffe, aber der Arbeitgeber A, die Bank B, die Consulting C oder der Discounter D sind es nicht. Der Blick auf diese Ebene kann aufzeigen, dass Gewalt in Organisationen nicht erst beim Militär, der Mafia oder der Polizei beginnen muss. Gewalt kann auch subtiler sein: Kopf- und Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind nicht leicht zurechenbar und nicht immer sichtbar, aber gerade deshalb auch schwer vergleichbar.</p>
<p>Die fokussierte Skandalisierung des Einzelnen oder der Gesellschaft verdecken jedoch den Blick auf interne Konflikte in den jeweiligen Organisationen. Ohne diese im Vorfeld benennen oder erkennen zu können, hat man ihre Duldung aber selbst mit seiner Unterschrift zugestimmt. Die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen bestimmter Organisationen lassen sich weniger als rein verschwörerische Ausbeutungsmaschinerie noch als plötzliche Pathologie erklären. Zumindest in Deutschland besteht ein Grundrecht auf freie Berufswahl (GG Art. 12). Ein soziales Recht auf Arbeit ist dagegen nicht einklagbar. Der Eintritt in Organisationen ist damit auf beiden Seiten &#8211; für Arbeitgeber und Arbeitnehmer &#8211; freiwillig. Eine offene Rebellion in Organisationen ist aufgrund eben dieser Freiwilligkeit des Eintritts auch schwer vermittelbar und verständlich.</p>
<p><strong>Ausweitung der Zumutbarkeitszone</strong></p>
<p>Der Eintritt in eine Organisation vollzieht sich durch die Unterschrift eines Arbeitsvertrages. Im Vertrag selbst steht nichts von Ausbeutung, von immenser Arbeitsbelastung am Jahresende, von Extraaufgaben bei Einstellungsstop, den Bedingungen für eine Beförderung oder für eine Gehaltserhöhung. Der Vertrag formuliert keinen eindeutigen Anforderungskatalog. Wenn jeder Handgriff, jede Aufgabe und jedes Projekt im Voraus prognostizierbar oder programmierbar wären, würden Vertragstexte ins Unendliche ausufern. Im Gegensatz zur Projektarbeit auf Honorarbasis, erkauft die Organisation mit einem Arbeitsvertrag damit eine größtenteils unspezifische Leistung(-sbereitschaft).</p>
<p>In diesem Sinne enthält der Arbeitsvertrag einen Blankoscheck für die Akzeptanz fremder (noch zu bestimmender) Entscheidungen. Für die Organisation ist dieser Vertrauensvorschuss funktional, denn Vorgesetzte müssen ihren Mitarbeiter nicht ständig zu unwahrscheinlichem Verhalten motivieren oder ihnen Befehle erteilen, sondern können flexible Sachentscheidungen fällen. Der Mitarbeiter antizipiert meist selbst, was in seinem Anforderungs- und Zumutbarkeitsbereich liegt und welche Informationen er wie und wann zu bearbeiten hat, ohne dass der Chef ständig auf die Finger guckt oder klascht.</p>
<p><strong>Ungebremste Latenz wechselseitiger Fremd- und Selbsterwartung<br />
</strong></p>
<p>Der US-amerikanische Management-Theoretiker Chester Barnard bezeichnet diesen Grad an schwer verweigerbaren und vorauseilenden Generalgehorsam als <em>Indifferenzzone</em>. Er benennt damit jene Erwartungen, denen sich die Mitglieder der Organisation indifferent bzw. unkritisch gegenüber verhalten (müssen), wenn sie nicht die Kündigung riskieren oder befördert werden wollen. Eine möglichst große Indifferenzzone erlaubt der Organisation eine breite Anpassung an neue Veränderungen in der Umwelt und damit verbundene Unsicherheiten. Aus welcher genauen Selbstmotivation sich diese Indifferenz speist, kann weder eindeutig geklärt noch gesteuert werden. Möglichkeiten sie auszuweiten gibt es viele.</p>
<p>Was von der klassischen Managementlehre oft übersehen wird, ist, dass man zur Konfliktvermeidung nicht nur die Erwartungen des Vorgesetzten, sondern auch der Teamkollegen, der Zuarbeiter oder des Sekretärs implizit akzeptiert. Solange die damit verbundenen Erwartungen keinen offenen Widerspruch gegen die Vertragsregeln beinhalten, hat man sich ihnen zu fügen. Neben den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind es zudem auch sogenannte informelle Regeln &#8211; die bekannten ungeschriebenen Gesetze &#8211; die einem das Leben in einer Organisation schwer machen können.</p>
<p>Wenn die Erwartungslast unerträglich wird und sich eine immer tieferziehende Spirale aus eigenen und fremden Erwartungen bildet, sollte man die Organisation schleunigst wechseln, bevor man Lust, Laune und Leistungsvermögen verliert. Gerade weil der Zumutbarkeitsbereich oft unbestimmt und latent bleibt &#8211; und deshalb schwer in jeder Situation explizit ausgehandelt werden kann &#8211; ist man als Arbeitnehmer in der Verantwortung, die selbsterlegten Fesseln auch wieder zu sprengen. Neben <em>Voice</em> und <em>Loyality</em>, gibt es die unterschätzte Option des <em>Exit</em>. Ein Organisationswechsel muss dabei nicht immer eine schlechtere Alternative sein, denn oft sind die Verlierer und Aussteiger von heute die Einsteiger und Gewinner von morgen, die sich aus einem <em>burn-out</em> befreien und dabei zu einem <em>burn-in </em>finden. Zu diesen stillen oder lauten Organisationswechslern müssen nicht nur bekannte Unternehmer, Schriftsteller und Künstler gehören. <em>There are many Steves in the world</em>.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen<br />
</strong></p>
<p>Barnard, Chester I. 1938. The Functions of the Executive. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Hirschman, Albert O. 1970. Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1995. Funktionen und Folgen formaler Organisation. 4. Aufl. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
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		<title>Verliebt, verlobt, verfahren</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 16:42:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Legitmität]]></category>
		<category><![CDATA[Rolle]]></category>
		<category><![CDATA[Verfahren]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/courtsketch-dsk-2/" rel="attachment wp-att-2559"><img class="alignnone size-full wp-image-2559" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/09/courtsketch-dsk1.jpg" alt="" width="524" height="297" /></a></p>
<p><strong>Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht</strong></p>
<p>Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im Auditorium empfangen und gegangen wurde.</p>
<p><span id="more-2295"></span>Alle Welt sah zu als Dominique Strauß-Kahn alias DSK, infolge der Anklage wegen <em>versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung</em> an einer Hotelangestellten die Täterrolle – und mit den sozialen Konsequenzen zugleich auch eine Opferrolle – in einem US-Ermittlungsverfahren einnahm. Mit der medialen Attraktivität gekürzelter Zeichensprache ist der belesene Zuschauer hierzulande spätestens seit des Falls KTG vertraut. Das Kürzel erscheint zugleich als Diagnose, deren Therapie bereits in Arbeitsverträgen als <a href="http://www.ftd.de/politik/international/:iwf-spitze-lagarde-muss-strauss-kahn-klauseln-unterschreiben/60074922.html">DSK-Klausel</a> Eingang gefunden hat. So musste sich seine Landsfrau und Nachfolgerin Christine Lagarde im neu verfassten Chef-Vertrag des IMF bereits dazu verpflichten, <em>jeglichen Anschein von Unschicklichkeit zu vermeiden</em>. Nun gilt es <em>Contenance à la Américaine</em> zu wahren.</p>
<p><strong>Inszenierung auf der Vorderbühne</strong></p>
<p>Für das globale Publikum wurden die regelmäßigen Gänge zum New Yorker Criminal Court bildlich und ausführlich festgehalten. Le Monsieur kam stets an der Seite seiner Frau, die seine Unschuld ebenso stets beteuerte. <a href="http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/anne-sinclair-1091900/"><em>Wie hält sie das nur aus?</em></a>, titulierten die Frauen-Magazine. Doch so dumm und blind dieses anscheinend weibliche Verhalten schien, es hatte eine strategische Wirkung. Seine Frau machte mit ihrer <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/frau-von-dominique-strauss-kahn-anne-sinclair-unerschuetterlich-in-ihrer-treue-1.1098212">unerschütterlichen Treue</a> aller Welt deutlich, dass hier nicht der Chef des IMF, sondern der Privat- und Ehemann weniger Täter, sondern vielmehr Opfer der Anklage sei. Die mutmaßliche femme fatale wurde stattdessen zunächst bewusst von der Öffentlichkeit ferngehalten.</p>
<p>Wenn auch ein langwieriges juristisches Verhandlungsdrama wie im Falle Kachelmann zunächst ausblieb, ein tragisches Ende nahm die klagende Partei ebenso. Höhepunkte des Ermittlungsverfahrens waren die medienwirksamen und emotionalen Interviews des Zimmermädchens und die Aussagen der Krankenhaus- und Hotelmitarbeiter. So unterschiedlich die Protagonisten und ihre Motive auch sein mögen, in beiden Fällen wird eine Trennung von öffentlichen und verfahrensmäßigen Rollen sichtbar. Die Spielregeln dieser Trennung beherrschten v.a. die männlichen Angeklagten, die sich mit Starverteidigern aus der peinigenden Untersuchungshaft zum <em>fesselnden</em> Hausarrest hin zum phoenixartigen Freispruch verhalfen.</p>
<p><strong>Unerwarteter Abgang<br />
</strong></p>
<p>Wer hätte mit diesem Ausgang gerechnet? Wer hätte im Mai erwartet, dass der anscheinend notorische Charmeur, dem bereits in seiner Heimat ein weiteres Verfahren bevorsteht, am Ende frei gesprochen wird gegen die Klage einer unbelasteten, unwissenden und unvermögenden Hotelangestellten? Alle Welt, die Beteiligten und Betroffenen wurden in ihren Erwartungen enttäuscht. Unabhängig von jeder Moralpredigt lehrt der Fall, dass medial inszenierte Auftritte und Darstellungen kein Ersatz für die Legitimation von Rechtsentscheidungen durch Verfahren sind.</p>
<p>Angesichts der Dramatik des Auftakts und der Dynamik der Ermittlungen, bleibt am Ende ein triumphaler Jubel aus. Auch wenn heute einige französische Parteigenossen die Heimkehr ihres <em>Camerade</em> mit Freude ankündigen, das Gros des Publikums verharrt stumm und still in einer eher nachdenklichen Pose. Und dieser Effekt ist es, der das Rollenverhalten vor Gericht von einem Theaterakt unterscheidet: Denn nicht wie auf der Bühne ist mit der Gage geklärt, dass der Verlierer im Gerichtssaal die Entscheidung der Richter auch annimmt und sich nicht gegen das Drehbuch oder die Regie auflehnt.</p>
<p><strong>Was garantiert die Akzeptanz auf der Verliererseite?</strong></p>
<p>Aber wie geht die erfolglose Partei mit dem Urteil um? Was garantiert ihre Akzeptanz gegenüber der Entscheidung – nach all der Schmach und der Pein? Auch wenn die Klägerin in diesem Fall innerlich gegen das Urteil rebellieren mag, Sympathisanten und Protestler lassen sich schwer finden. Auch das ist ein Merkmal legitimer Verfahren: Die verlierende Partei ist sozial isoliert. Die öffentlich beschworene Unterstützung durch die Preisgabe des eigenen Seelenlebens mussten die Richter gefühlskalt lassen. Der Akzeptanzbeschaffung gehen dabei zwei Bedingungen voraus: Die rollenmäßige Verstrickung der Beteiligten und die Offenheit der Rechtsentscheidung.<em> </em></p>
<p><strong>Verstrickung im Verfahren<br />
</strong></p>
<p><em>Mangelnde Glaubwürdigkeit</em> lautete die Begründung für die Einstellung des Ermittlungsverfahrens im Fall DSK. Wie konnte das passieren, wo doch die Beweislage den Akt so eindeutig bestätigte? Zu viele Fragen blieben jedoch offen, die z.T. erst während des Gerichtsverfahrens zum Vorschein kamen. Ein Verfahren ist kein einfaches Schauspiel, sondern angesichts der sensiblen Ansprüche an konsistente Selbst- und Fremddarstellungen der Beteiligten eine Zumutung. Bisherige Rollen müssen im Verfahren selbst erst erworben und erlernt werden. Die Klägerin kann weder als Freundin oder Angestellte auftreten und DSK kann nicht als Ehemann, Vater oder Chef vorspielen.</p>
<p>Verfahrensmäßige Rollenbildung unterliegt dem Wechselspiel unterschiedlicher Erwartungen. Es bedarf der ständigen Anpassung und kann auch deshalb schwer vorbereitet werden. Die Glaubwürdigkeit einer Opferrolle stellt wohl eine der größten Darstellungsprobleme an das eigene Verhalten, denn diese Rolle scheint gegen widersprüchliches Verhalten (insbesondere der Übernahme verfahrensexterner Rollen) am anfälligsten. Verfahren sind deshalb höchst darstellungssensibel. Wie v.a. im Tatort beobachtbar ist, darf beim Storytelling des Tathergangs und der Beweggründe die Bewusstheit der eigenen Selbstdarstellung oder der geleisteten Fremddarstellung nicht mit dargestellt werden. Auch wenn ein stratgischer Motivverdacht bzw. Inszenierungsanteil in jeder Selbstdarstellung mitläuft, ein Übermaß an Strategie würde den eigenen und fremden <em>Gesichtsverlust</em> bedeuten.</p>
<p><strong>Glaubwürdigkeit als dargestellte Rollenkonsistenz</strong></p>
<p>Durch das Zeremoniell des Verfahrens (Verlesung der Anklage, Identifikation der Person, Moderation der Spreckakte, usw.) sind alle Beteiligten angehalten, ihr Verhalten ernst zu nehmen und als bindend zu betrachten. Dieser Bindungseffekt entsteht erst im Verfahren und durch das Verfahren – unabhängig von den Prozessgesetzen. Statt direkter Drohmacht, richterlicher Autorität oder sozialer Kontrolle, wirkt die Macht des Verfahrens, in dessen Verlauf sich alle Beteiligten durch ihre passive oder aktive Rollenübernahme im doppelten Sinne verstricken und dabei nicht selten verzetteln. Takt, Toleranz und psychologisches Einsichtsvermögen sind dabei von hoher Bedeutung.</p>
<p>Im Falle von Anwaltsprozessen läuft die Selbstdarstellung der betroffenen Parteien über Dritte – namentlich über Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Vertretung durch Dritte gibt den Betroffenen zwar nur eingeschränkten Raum für eigenes Engagement, aber ihr Verhalten bleibt dennoch mit ausschlaggebend für die Urteilsfindung. Auch sie müssen sich auf bestimmte Verhaltenserwartungen einlassen und sich festlegen.</p>
<p><strong>Öffentlichkeit</strong></p>
<p>Eine Konsistenzprüfung ihres Verhaltens während des Ermittlungsverfahrens findet dann auch für das Verhalten außerhalb des Gerichtssaals statt. Nicht ohne Grund hält Krimnalpolizei unangemeldete Hausbesuche ab. Erst der Umstand, dass Erwartungen anderer an das eigene Verhalten im Handeln selbst mitgeführt werden, UND dass diese unterschiedlich ausfallen können, macht Rollenverstöße sichtbar. Diese Konsistenz des Rollenverhaltens ist gleichzeitig Bedingung für eine angemessene Darstellung seitens Dritter. <em>Ich kann Sie ansonsten in diesem Fall nicht vertreten</em>, hört man regelmäßig im Krimi-Kino.</p>
<p><strong></strong>Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass die Betroffenen v.a. am Anfang und am Ende des Verfahrens nach Öffentlichkeit suchen, um ihrer bisherigen Selbst- und Fremddarstellung mehr Aufmerksamkeit und Korrektur zu verleihen.  Jedoch sind gerade im Ermittlungsverfahren, wenn plötzlich immer mehr unschöne Details nicht nur über gelebte Sexualität, sondern auch über intime Vorstellungen und Wünsche an die Klatsch- und Tratschblätter der Welt geraten, die <em>Vorstrafen</em> für eine widersprüchliche Selbstdarstellung hoch – und dies noch bevor das mögliche Strafmaß Gegenstand einer  Hauptverhandlung werden konnte. Öffentlichkeit ist ein zentrales Merkmal moderner Verfahren. Wieviel mediale Öffentlichkeit Teil davon wird, ist auch Teil der Entscheidungen vor Gericht.</p>
<p><strong>Rollenbindung durch Entscheidungsoffenheit</strong></p>
<p>Rechtliche Entscheidungen können sich über Jahre und Instanzen ziehen. Am Ende stehen sich immer zwei Seiten – Verlierer und Gewinner – gegenüber. Die Gleichheit der Parteien ist ein wesentliches Verfahrensprinzip. Was Verfahrensentscheidungen dabei so einzigartig und unwahrscheinlich macht, ist neben der angesprochenen rollenmäßigen Autonomie gegenüber anderen (öffentlichen wie privaten) Sphären, die Herstellung und Darstellung ihrer Offenheit. Richter dürfen sich gerade wegen dieser Offenheit der Entscheidung so wenig wie möglich als Entscheider darstellen, damit die Entscheidung selbst als eine Folgerung aus rechtlichen Normen und ermittelten Fakten erscheint.</p>
<p>Legitimation ist keine Eigenschaft des Entscheidungsinhalt. Entscheidend ist nicht, <em>was</em> als Urteil entschieden wurde, sondern <em>wie</em> bzw. unter welchen Bedingungen. Das Urteil ist legitim, nicht weil Gott es so wollte, die Parteien einen Konsens fanden oder ihre intersubjektive Richtig-, Wahrhaftig- und Verständlichkeit gesiegt hat, sondern weil das Urteil erst im Verfahren selbst herstellt wurde und damit auch anders hätte ausfallen können. Es ist diese Offenheit, die als Bedingung die Beteiligten zu einem rollenmäßigen Engagement motiviert, diese zwingt, sich auf eine Rolle und dessen Darstellung festzulegen und sie schließlich an das Urteil bindet. Dieses Engagement ist jedoch auf die Verfahrensrolle beschränkt, die nicht von anderen eigenen Alltagsrollen ohne Weiteres tangiert wird. Der Prozessverliererin kann niemand den Vorwurf machen, wegen ihres Handelns im Verfahren etwa eine schlechte Mutter oder Freundin zu sein.</p>
<p><strong>Verfahren selbst als stummer Sieger</strong></p>
<p>Auch wenn die vermeintliche Tat im New Yorker Sofitel Hotel nicht weiter strafrechtlich verfolgt wird, so ist dennoch nicht mehr anzweifelbar, dass sie in irgendeiner Weise zustande kam. Das Siegertreppchen fällt entsprechend in den Keller. Das Publikum und die Beteiligten haben gelernt, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern moralisch fließend und gerichtlich eindeutig entschieden werden &#8211; aber auch wieder entscheidbar sind: Ein zivilrechtliches Urteil über die Anklage steht noch aus. Angesichts der hohen emotionalen, rufmäßigen und finanziellen Kosten beider Parteien, geht als stiller Gewinner im Fall des Ermittlungsverfahrens schließlich das Verfahren selbst hervor.</p>
<p>Foto: AP aus: <a href="http://www.thehindu.com/news/international/article2025538.ece">The Hindu</a></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong></p>
<p>Luhmann, Niklas 1983: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt am Main.</p>
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		<title>Situationsdefinitionen auf Finanzmärkten</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 11:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Börsencrash]]></category>
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		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Prophezeiung]]></category>

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		<description><![CDATA[Produktive und destruktive Momente von Selbstverunsicherungen Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<dl>
<dt><strong>Produktive und destruktive Momente von Selbstverunsicherungen<br />
</strong></dt>
</dl>
</div>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/beautifulproph/" rel="attachment wp-att-2212"><img class="alignnone size-medium wp-image-2212" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/beautifulproph-550x275.jpg" alt="" width="550" height="275" /></a></p>
<p>Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie gleichzeitig die Orders auf dem Finanzparkett. Dort war von Chaos, Crash und Craziness zu lesen.</p>
<p><span id="more-2169"></span><strong>Kurskorrektur statt Geldvernichtung</strong></p>
<p>2,5 Billionen Dollar seien in der letzten Woche <em>vernichtet</em> worden, berichteten die Tagesthemen. Das würde dem Bruttoinlandsprodukt Frankreichs entsprechen, schrieben diverse Onlineblätter unisono. Allem Ärger zum Trotz hinkt jedoch dieser Vergleich zwischen <em>Wall Street</em> und <em>Main Street</em>: Kursverluste auf den Kapitalmärkten sind keine Wertschöpfungsverluste, sondern spiegeln Preisdifferenzen von Zahlungsversprechungen gegenüber Finanzprodukten wider. Wer tatsächlich wie viel Geld verloren und wer (beispielsweise auf fallende Kurse setzte und) dabei Gewinne gemacht hat, ist weder der Volatilität noch der Volumina zu entnehmen. Der Kapitalmarkt ist auch in dieser Hinsicht nicht informationseffizient. Die Eigentumstitel und ihre Nominalwerte sind unverändert (knapp), sie haben nur ihren Besitzer und ihren Preis gewechselt. Das Nullsummenspiel der Märkte wurde damit nicht aus<em>gehebelt.</em> Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zu Ende. <em></em></p>
<p><strong>Politische Zeit unterläuft Marktzeit</strong></p>
<p>Drei Meldungen seien für die Börsenturbulenz ausschlaggebend gewesen. Die Schuldenkrise in den USA, der EU und die (damit irgendwie verkettete) weltweite Konjunkturerwartung. Eine vierte Nachricht habe dann noch mehr Sand ins Börsengetriebe geworfen als am Donnerstag EU-Kommissionspräsident Barroso in einem Schreiben an die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone eine deutliche Aufstockung des Rettungsfonds EFSF forderte. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Politik mit ihren Entscheidungen chronisch hinter der potenzierten Zeit der Finanzmärkte hinterher läuft. Doch so sehr sie sich in den letzten (Urlaubs-)Wochen um Sparprogramme, Rettungspakete, Umschuldungen und letztlich auch um eine Beruhigung der Märkte bemüht hatte, so sehr wurde diese eine (noch nicht kollektiv bindende) Nachricht für die allgemeine Verunsicherung verantwortlich gemacht.</p>
<p><strong>Selbstverunsicheurng</strong></p>
<p>Die genannten Meldungen sind jedoch keine wirklich neuen Neuigkeiten. <em>Mehr</em> der Staatsschulden ist seit Monaten bekannt. Selbst die Herabstufung der Bonitätsbewertung der USA seitens Standard &amp; Poor’s sollte zumindest weder für Politiker noch für institutionelle Anleger eine Überraschung gewesen sein – hatten die Agenturen doch in der Vergangenheit allzu oft eine <em>just in time</em> Anpassung versäumt. Die Talfahrt scheint vor diesem Hintergrund weniger auf einer allgemeinen Verunsicherung als auf einer <em>Selbstverunsicherung</em> zu fußen: Den Kurskorrekturen ging eine Kumulation von Erwartungskorrekturen voraus, die soziologisch nicht mit dem Verweis auf politisch verstörte Einzelmeldungen, sondern mit den Mechanismen wechselseitiger Situationsdefinitionen erklärt werden können: Marktteilnehmer erwarten plötzlich, dass andere Teilnehmer ihre Erwartungen ändern und verändern daraufhin ihr (Ver-)Kaufverhalten, was wiederum erst das erwartete Verhalten hervorrufen kann, usw.</p>
<p><strong><em>(Aus-)Tausch</em></strong><strong> von Erwartungserwartungen</strong></p>
<p>Wenn auf dem Parkett und an den Telefonen der Händler die Orders eingehen, Preise für Finanztitel verhandelt und daran geknüpfte Zahlungsversprechen getauscht werden, kann dies noch so turbulent und chaotisch erfolgen, es stabilisiert damit zugleich eine Sozialordnung. Diese Ordnung beruht auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen zwischen Marktteilnehmern, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen haben. Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Personen A und B: A erwartet, dass B erwartet, dass A zu jenem Kurs kauft und B erwartet umgekehrt, dass A erwartet, dass B zu jenem Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktteilnehmer wechselseitig. Der eine erwartet, was der andere tut, während der andere erwartet, was der eine tut. Nicht erfüllte (Kauf-)Erwartungen können deshalb nicht selten zu Enttäuschungen führen; sie tragen dadurch aber auch umgekehrt zum Festhalten an bestimmten Erwartungen bei. Im Gegensatz zu Produktmärkten können auf Kapitalmärkten Kauf- und Verkaufsrollen auch von derselben Person eingenommen werden (<em>switch-role markets</em>). Dies ändert wenig an den sozialen Bedingungen von Verhaltenserwartungen, jedoch dynamisiert es die Sozialordnung von Märkten ungemein.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung durch kumulative (Erwartungs)effekte</strong></p>
<p>Die Erwartungen an denen die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen ausrichten, sind zeitlich nicht stabil, sondern immer auch anders möglich. Sie orientieren sich an vergangenen Entscheidungen und unterschiedlichen Prognosen über ihr Kaufverhalten. Im Gegensatz zu gemachten Zahlungen können modellierte Zukunftsaussichten wieder geändert und revidiert werden. Prognosebasierte, erwartungsgesteuerte (und damit nicht vollständig determinierte) Entscheidungen sind daher auch der Selbstverunsicherung ausgesetzt. Sie müssen mitrechnen, dass sie im nächsten Moment bereits vergangen sind und damit den Folgen einer veränderten Bewertung seitens der Marktteilnehmer unterliegen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 kauft, kann zu einem Zeitpunkt t1 wieder verkaufen. Wer auf steigende Kurse setzte, kann Sekunden später auf fallende setzen und umgekehrt.</p>
<p><strong>Situationsdefinitionen gehen ihrer möglichen Ursachen voraus</strong></p>
<p>Wenn beispielsweise ein Kurs nicht weiter steigt, setzt ein Bewertungsumschlag der Erwartung ein. Wird dieser Kursfall als unerwartet hoch beschrieben, kann sich das Marktgeschehen an dieser Beschreibung orientieren und damit die Situation erst hervorrufen, ohne dass dafür eine neue <em>externe</em> Information als Auslöser eindeutig identifizierbar wäre, und ohne dass sich die befürchteten Erwartungen überhaupt einstellen. Gerade wenn bei Kursfällen (oder -anstiegen) bestimmte Richtwerte oder Grenzwerte über DAX-Kurse oder andere Indices bei Anlegern eingehen, laufen vermehrt vorprogrammierte Kaufs- und Verkaufsentscheidungen ab. Das Erreichen einer <em>Marke</em> lässt sich hinterher schwer auf eine Einzelhandlung zurechnen. Es ist <em>und</em> wird jedoch Ausdruck umstrukturierter Erwartungen und neu definierter Situationen. Dass (selbst-)verunsichernde Handlungsschemata in ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Weise in anderen Bereichen auftreten können, beschreibt das so genannte Thomas-Theorem: <em>If men define situations as real, they are real in their consequences</em> – bekannter unter der verkürzten Formel <em>sich selbsterfüllender Prophezeiungen</em>.</p>
<p><strong>Selbsterfüllende Prophezeiungen</strong></p>
<p>Derartige Selbstverstärkungseffekte ergeben sich vor allem bei großen Volumina und sekundenschneller Transaktionsströme – v.a. aber wenn ähnliche Situationsbeschreibungen (insbesondere über Wachstumsaussichten oder mögliche Ursachen von Kursverlusten) gleichzeitig zusammentreffen. Und dies ist angesichts der heutigen Echtzeitübertragung der Kurse auf wenigen (virtuellen) Marktplätzen ein nicht selten erwartbares Ereignis. Selbstverunsicherungen auf Finanzmärkten beruhen insbesondere auf Zahlungsentscheidungen, die je nach Zeitpunkt und Kursstand zwischen Verlustrisiko und Gewinnchance schwanken. Selbstverunsicherungen als soziale Bedingungen dieses Schwankens beschreiben damit einen großen Teil der so oft benannten und dennoch oft missverständlichen <em>Psychologie der Märkte</em>. Die Frage <em>wie reagieren die anderen Marktbeobachter</em> ist dabei konstitutiv. Von außen an die Märkte herangetragene wirtschaftliche und politische Informationen werden in dieses Zusammenspiel wechselseitiger Erwartungen selektiv eingespeist und in die eigene Marktsprache übersetzt. Es ist gerade dieses Geschäft mit der (Selbst-)Unsicherheit der Zukunft, das die produktive und zugleich destruktive Kraft auf Finanzmärkten ausmacht – in Krisen- wie in Boomzeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a title="The Prophecy" href="http://www.paranaiv.no/archive/photographers/aymeric-giraudel">The Prophecy</a>)</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen in der Theorie</strong></p>
<p>Merton, Robert K. 1948: The self-fulfilling prophecy. Antioch Review 8, 193-210.</p>
<p>Thomas, William I. &amp; Thomas, Dorothy S. 1928: The child in America: Behavior problems and programs. New York: Knopf, 572.</p>
<p>Weick, Karl. E. 1995: Der Prozess des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 221-236.</p>
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		<item>
		<title>Zwei Portionen Kulturoptimismus</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/07/20/zwei-portionen-kulturoptimismus/</link>
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		<pubDate>Wed, 20 Jul 2011 10:06:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Überlegungen zum „Kulturpessimismus“ (hier sollte eigentlich auf einen Text von Kathrin Passig verlinkt werden, der Merkur hat ihn aber depubliziert) bekamen für mich die letzten Wochen neue Attraktivität, seit ich gelesen habe, wie deutsch dieses Phänomen ist. Ängste und Vorbehalte werden der deutschen Kultur ja in vielen Bereichen unterstellt, doch hier scheint es noch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2073" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2073 " src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-15.jpg" alt="" width="550" height="275" /><p class="wp-caption-text">Maschinen helfen nur bei bekannten Problemen</p></div>
<p>Die Überlegungen zum „Kulturpessimismus“ (hier sollte eigentlich auf einen Text von <a href="http://www.online-merkur.de/seiten/lp200912adz.htm">Kathrin Passig verlinkt</a> werden, der Merkur hat ihn aber depubliziert) bekamen für mich die letzten Wochen neue Attraktivität, seit ich gelesen habe, wie deutsch dieses Phänomen ist. Ängste und Vorbehalte werden der deutschen Kultur ja in vielen Bereichen unterstellt, doch hier scheint es noch besonderer zu sein. Immerhin gibt es New Yorker Autoren, die ganze Bücher zu ihrem kulturpessimistischen Erleben schreiben und dann von einer deutschen Zeitung <a href="http://www.faz.net/artikel/C30437/gary-shteyngart-im-interview-der-untergang-amerikas-30460667.html">per Interviewfrage</a> erfahren, dass es dazu im alten Europa bereits eine in Jahrhunderten kondensierte Geisteshaltung gibt. Die Begeisterung darüber ist dann, zumindest in dem Einzelfall, so groß, dass der Titel „Kulturpessimist“ direkt mit auf den Grabstein soll. In Amerika beginnt man, sich Gedanken zu machen. Was Manufakturen, Maschinen und Metropolen nicht schafften, erledigt jetzt die Computerisierung: gesellschaftliche Debatten zu „<a href="http://blogs.wsj.com/tech-europe/2011/07/11/women-and-children-first-technology-and-moral-panic/">Moral Panic</a>“.</p>
<p><span id="more-2067"></span>Es ist aber nicht verkehrt, das Phänomen (Computerisierung) in einen großen historischen Kontext zu betten. Das, was uns die letzten 30 Jahre lehren, wird besser greifbar, wenn man es in den Rahmen der letzten 300 Jahre einspannt. Und es ist auch nicht verkehrt, die Erklärungen zur Etablierung der Computer mit dem heutigen Verständnis der Erfindung des Druckens zu konturieren. Denn vieles, was heute zu sehen und kritisch zu begleiten ist, ist überhaupt nur erkennbar, weil der Buchdruck die Problemperspektive eröffnet hat. Ein ganz zentraler, interessanter Widerspruch ist folgender: Erst das Drucken ermöglicht die Trennung von Botschaft und Überbringer, erst durch ihn entsteht das Phänomen der eindeutigen Autorenschaft und mit ihm die gesellschaftstragende Idee der Autorität. Aber, die Einführung des Autoren in die Kommunikation hat ihn gleichsam entmachtet und alle Deutungshoheit dem verstehenden (und abwesenden) Leser zugeteilt. Die Idee der Kontrolle und ihre Zuschreibung dem Autoren hat die gesellschaftliche Kommunikation wahrscheinlich so sehr fasziniert, weil sie immer im krassen Widerspruch zur gesellschaftlichen Struktur stand und man sich immer dachte: Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Mittlerweile, da das <a href="http://differentia.wordpress.com/2011/07/19/kommunikation-ist-kein-geschaftsmodell-leistungsschutzrecht/">Internet eine Aufgabe der Massenmedien übernimmt</a>, und die Gesellschaft immer mehr thematisiert wird, ohne dass (&#8220;alte&#8221;) Autoren und Autorität im Mittelpunkt stehen, erkennt man, welcher Voraussetzungen es bedarf, die Gesellschaft massenmedial tatsächlich zu steuern. Allenfalls Figuren wie Rupert Murdoch und Leo Kirch konnten zählbaren, gesellschaftlichen „<a href="http://www.sprengsatz.de/?p=3696">Manipulationserfolg</a>“ erzielen, unter Einsatz riesiger, diktatorisch geführter Organisationen und zehnstelligen Finanzbewegungen. Diese Zeiten sind jetzt jedoch vorbei. Zeitungen wie die BILD kleben noch in der Vergangenheit, machen sich damit aber eher lächerlich.</p>
<p>Die neue Welt ist anders, sie hat sich von der Idee der Autorität verabschiedet. Google, Facebook, Apple stellen nur noch Rahmen bereit und überlassen den Inhalt beinah vollständig „dem Nutzer“. Und die Fragen, die nun gestellt werden, richten sich zurecht auf diese Rahmen. Bei Google sind es die Algorithmen, bei Apple ist es das wahnsinnige 70% / 30% &#8211; Geschäftsmodell. Es gilt zu klären, wieviel gesellschaftliches Steuerungspotenzial sich durch die Organisationsentscheidungen der neuen Big Player ergibt. Darüber ist zu reden. In Deutschland tut das mit <a href="http://www.faz.net/artikel/C30833/digitales-gedaechtnis-wir-brauchen-eine-europaeische-suchmaschine-30468036.html">massenmedialem Nachdruck</a> eigentlich nur Frank Schirrmacher. Und obwohl ich sein Problembewusstsein umfänglich teile, würde ich einer Idee (die ich allerdings mit meinem obigen Problemaufzug reformuliere) mittels kurzer These widersprechen: Die „alte“ Autorität der Massenmedien wurde nicht in eine „neue“ Autorität der google‘schen Algorithmen-Schreiber transformiert. Oder: (historisch neutral / absolut beobachtet, weil auch Schirrmacher hier keine Transformation unterstellt) Google verändert die Gesellschaft fundamental, hat aber selber auch keine Kontrolle darüber.</p>
<p>Es ist sozusagen eine sehr kulturoptimistische Sicht auf die aktuellen, akuten Veränderungen, wenn man in Google noch eine (bzw. die richtige) Adresse sieht, um ins Geschehen eingreifen zu können.</p>
<p>Die großen Firmen, die immer wieder genannt werden (Apple, Facebook, Google), haben die Fähigkeiten, Geld zu verdienen. Jedes Mal, und das trifft besonders auf Eric Schmidt zu, wenn sie sich inhaltlich äußern, erkennt man in ihnen aber einen – so frech bin ich – kindlichen, naiven Größenwahn, als ob sie nie vom Zauberlehrling gehört haben. Ich rechne das dem Umstand zu, dass man als Google-(Ex-)Chef im eigenen Unternehmen nur noch mit unabhängigen, unkontrollierbaren Spezialpersonal zu tun hat und von daher selbst das größte Alphatier spielen muss, das sich dann immer wieder mit wahnwitzigen aber die Legenden untermauernden Sprüchen profiliert.</p>
<p>Sofern man sich ausschließlich für gesellschaftliche Folgen der Digitalisierung interessiert, was nur geht, wenn man keine eigenen Werke einem Apple-Vertriebsmodell oder einem Google-Algorithmus aussetzen muss, kann man die Akteure und ihr Gerede ignorieren. Frank Schirrmacher machte das letzten Sonntag. Da ging es nicht um Google und Facebook, sondern um <a href="http://www.faz.net/artikel/C30833/leben-im-takt-des-internets-die-revolution-der-zeit-30466311.html">die Zeit</a> selbst. Aber auch hier ist es, historisch-soziologisch, kein prinzipiell, sondern nur inhaltlich neues Phänomen. Dass die Gesellschaft ihre einheitliche Moral/Vernunft in mannigfaltige Rationalitäten aufgelöst hat, ist die Erfahrung der letzten 150 Jahre. Zu dieser sachlichen Dezentralisierung gesellt sich heute, beinah sprungartig, die zeitliche Desynchronisierung. Die Trennung von Haus und Hof, die Unterscheidung von Organisation und Gesellschaft, die Aufspaltung von Freunde und Familie bekommt nun ihr i-Tüpfelchen mit der Trennung von sinnlichem und technologievermitteltem Erleben, das in jedem Lebensbereich Einzug erhält.</p>
<p>Es passt vieles nicht mehr ins <em>gewohnte</em> Bild und die Frage, ob es nun innerer oder äußerlicher Anpassung bedarf, ist noch nicht entschieden und gehört wohl auch zu den unentscheidbaren aber stets Handlungsdruck erzeugenden Fragen. Darüber wird viel zu wenig diskutiert. Im Deutschsprachigen dominiert zuweilen der Kulturpessimismus. Der häufig zurecht als Technikverweigerung markiert wird. Auf der anderen Seite jedoch, enteilen die wenigen Early Adopters die es hierzulande gibt, ihrem eigenen Erleben so sehr, dass sie gar nicht beschreiben können, was sie eigentlich tun. Statt über sich selbst, ihr Erleben und Verhalten zu reden, konturieren sie sich in der Beschimpfung der „Internetnichtversteher“. Manchmal bekommt man den Eindruck, man müsste den Begriff Herdentrieb ummünzen. Seit Rivva wieder da ist, kann man bei jeder Sau, die durchs gar nicht so globale Dorf getrieben wird, sehen, dass es immer wieder neu einen konstruktiven Aufhänger gibt, dann einen Beschimpfungstweet von Mario Sixtus und 150 Leute, die ihn retweeten. Das ist dann die Diskussion. Ab und an blinzelt man dann kurz, fragt sich, warum man als Hypermoderner-Internetnutzer keine Relevanz hat und keine Resonanz erzeugt aber bevor es eine zweite Antwort auf diese Frage gibt rollt der nächste Verlegerkopf durch die Szenerie und lässt die alte Mechanik wieder einrasten.</p>
<p>Es ist schon bezeichnend, dass gerade im Internet nur dann Kritik möglich ist, wenn sie vom prominentesten, reichweitenstärksten und auffälligsten Akteur kommt. Denn außer Sascha Lobos <a href="http://www.spiegel.de/thema/spon_lobo/">fulminanter Spiegel-Online-Kolumne</a>, ist man nicht bereit, irgendwas oder irgendwen als kritisch <em>und</em> intern (inhaltlich anschlussfähig) zu beobachten. Aber solange eine Diskussion derart auf Ideologie (Sixtus) und Autorität (Lobo) angewiesen ist, um überhaupt ein Fünkchen konstruktiv zu sein, gilt als Fundamentalkritik eines: Wir leben nicht mehr in den 80ern. (Und <a href="http://sebastian-ploenges.com/">Sebastian</a> würde zurecht anmerken: „Ja, ich meine 1880!“)</p>
<p>Vielleicht ist es so, und ich lasse mich da nicht durch meine eigene journalistische Zukunft zu Verklärungen hinreißen, wie es der letzte prognostizierende Gedanke des Schirrmacher-Zeit-Textes vorwegnimmt:</p>
<blockquote><p>Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne.</p></blockquote>
<p>Denn durch die Privatmeinungskultur des Internets erhalten die Massenmedien ihre Kontur von außen. Sie müssen nämlich nicht mit Twitter und Facebook mithalten, sich nur wenig um ihre Distribution nach der Bezahlung kümmern und dem Echtzeit-Stress folgen – sie müssen aber genau das beobachtend ergänzen. Vielleicht schält sich die nächsten Jahre eine ganz neue normative Journalismustheorie heraus. Die würde dann nicht mehr auf Begleitung und Ermöglichung demokratischer Diskussion und Teilhabe hinauslaufen, sondern auf Chaosbewältigung und Orientierungshilfe. Und auch wenn diese Grundlegung wie jede gute normative Theorie der tatsächlichen Welt widerspricht, lassen sich doch genügend Handlungsempfehlungen aus solchen Überlegungen ableiten, um ein Jahrhundert Sinn und Zweck organisierter Massenmedien zu rechtfertigen. Und damit wäre dann gerade das kommende Jahrhundert gemeint.</p>
<p>(Diese <a href="https://plus.google.com/118359023992790949354/posts/MmPqaSJrRCK">Nachbereitung</a> der Schirrmacher-Überlegungen, die Christoph Kappes initiiert hat, sind interessant zu lesen und darüberhinaus interessant zu finden.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/jezpage/3412068580/in/photostream/">Jeremy Page</a>)</em></p>
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		<title>Institutionalisierte Organisationsexile</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jul 2011 19:25:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mein soziologisches Selbstgespräch über journalistische Selbstgespräche hat, immerhin, zu zwei explizierten Kommentierungen geführt. Beide verweisen, neben inhaltlichen Anmerkungen, auf Verständnisschwierigkeiten. Daher gehe ich dem Problem noch einmal nach. Mit folgender Frage/Antwort-Problemstellung: Was haben Enquetekommissionen, Führungskräfte-Coachings und manche Journalisten-Konferenz (und weitere auffindbare Einrichtungen) gemeinsam? Sie stellen institutionalisierte Exile dar und versuchen Probleme von Organisationen außerhalb von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2013" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2013" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-1.png" alt="" width="550" height="225" /><p class="wp-caption-text">Ungestörte Lage für effektive Führungskräftetrainings</p></div>
<p>Mein soziologisches Selbstgespräch über <a href="../../../../../2011/07/08/journalistische-selbstgesprache/">journalistische Selbstgespräche</a> hat, immerhin, zu zwei explizierten Kommentierungen geführt. Beide verweisen, neben inhaltlichen Anmerkungen, auf Verständnisschwierigkeiten. Daher gehe ich dem Problem noch einmal nach. Mit folgender Frage/Antwort-Problemstellung: Was haben Enquetekommissionen, Führungskräfte-Coachings und manche Journalisten-Konferenz (und weitere auffindbare Einrichtungen) gemeinsam? Sie stellen institutionalisierte Exile dar und versuchen Probleme von Organisationen außerhalb von Organisationen zu lösen. Aus bestimmten soziologischen Perspektiven sind solche Lösungen wie folgt zu beschreiben: praktisch aber falsch.</p>
<p><span id="more-2012"></span>Die genannten Empiriefälle teilen sich zwei Strukturmerkmale: Sie (1) übernehmen Organisationszwecke, bilden aber eine (2) eigene Struktur aus, die nicht mehr ein Teil oder Ausschnitt der Organisation ist. Sie sind als Exileinrichtungen mit einem Anfangsdatum und einer Zielsetzung ausgestattet und werden, was die weiteren Aspekte betrifft, sich selbst überlassen. Und auf gleiche Weise teilen sie sich ein gleiches Problem. Die Ergebnisse, die dann tatsächlich erzielt werden, lassen sich nur schwer, wenn überhaupt, in die ursprüngliche Organisationsstruktur (re)integrieren.</p>
<p>Es ist üblich, Probleme in großen Unternehmen zu personalisieren um auf diese Weise einzelne Mitglieder („Führungskräfte“) als Ansatz für Problemlösungen zu markieren. Der Vorteil liegt auf der Hand. So lassen sich Probleme <em>in</em> der Organisation thematisieren, ohne dass der Druck, auch eine Lösung zu präsentieren, die Organisationsstruktur in Mitleidenschaft zieht. Es wird ein Organisationsmitglied auserkoren, dieses Problem zu lösen. Der Auftrag wird formuliert und ein Coaching gestartet. Das Organisationsproblem (=Entscheidungsproblem) ist auf diese Weise isoliert und exiliert. Die Organisation widmet sich weiter ihrem Alltag. Auf Nachfrage wird auf das Coaching verwiesen. Und falls die Nachfragen drängender werden, hilft man sich mit dem Verweis auf die Vertraulichkeit des Coachings. Falls die Nachfragen noch drängender werden, bezahlt man dem Coach noch mehr Geld, um das Engagement der Organisation zu untermauern. Dass ein personenzentriertes Coaching nur Zugriff auf individuelle Erwartungen und Fertigkeiten hat, ist für die Praktikabilität dieser Lösungsstrategie beinah unerheblich. (Testfrage: Wozu Führungskräftecoachings, und kein coachbegleitetes &#8216;Training on the Job&#8217; auch für Chefs?)</p>
<p>Ähnlich ist der Fall bei parlamentarischen Enquetekommissionen. Auch hier geht es darum, ein Organisationsproblem auszulagern, um den parlamentarischen Alltag zu entlasten. Enquetekommissionen bilden im 1:1-Verhältnis das Parlament in Miniatur ab und werden um die gleiche Anzahl Sachverständiger erweitert. Auch sie bilden ein Exil. Sie werden mit der parlamentarischen Zielsetzung (Beschlussvorlage) ausgestattet und darüber hinaus sich selbst überlassen. Das Parlament kommt auf diese Weise seinem Sachauftrag nach. Es kann bei sachlichen Nachfragen auf die Kommission verweisen und mögliches Scheitern ihr zurechnen. Dass ein Miniparlament mit externem Sachverstand nicht die Probleme des großen Parlamentes lösen kann, liegt eigentlich auf der Hand. (Testfrage: Wozu Enquetkommissionen, wenn es doch ordentliche Ausschussarbeit gibt?)</p>
<p>Journalisten-Konferenzen, wie sie zuletzt hier Thema waren, funktionieren ähnlich. Die von mir aufgegriffenen Veranstaltungen fokussierten sich auf Probleme, die Organisationen eigentlich nur selbst lösen können. Wie geht man mit dem Leser und seinen Interessen um? Inwieweit stützt man die journalistische Arbeit auf neue Medientechnologie? Braucht man Star-Akteure oder soll das gemeinsame Produkt vermarktet werden? Über diese Fragen kann man überall reden, doch (und das ist die, hier nun wiederholte, Privatmeinung aus meinem Text), wenn man sie auf einer Journalismus-Konferenz thematisiert, verschwendet man kostbare Zeit. Denn es lassen sich nur Eindrücke gewinnen, gegenseitig Meinung austauschen, usw. – den einzelnen Organisationen, aus denen die Teilnehmer entstammen, hilft das fast nichts. Ein gemeinsamer Kneipenbesuch, ein strukturierter schriftlicher Erfahrungsaustausch wäre, was die Sache betrifft, ebenso ergiebig.</p>
<p>Weiter mit meiner Meinung: Man könnte solche Konferenzen aber für „überorganisatorische“, gesellschaftliche Probleme nutzen, wenn man den Themenfokus von Journalist/Redaktion auf die Schnittstelle journalistische Organisation/Gesellschaft verschiebt. Probleme wären ja genügend da, wie man an den Sorgen der Druckereibelegschaften, Finanzierungslücken, der Lokaljournalismusqualität, der „Einzelkämpferidee“ usw. sieht.</p>
<p><a href="http://www.itas.fzk.de/deu/lit/2010/buja10a_vorwort.htm">Auf Soziologen hört in unserer Gesellschaft ja niemand (mehr)</a>. Warum auch, es widerspräche unserer Natur. Nur den Künstlern (und Albert Einstein) ist erlaubt zu sagen, <em>wie</em> dumm die Menschheit (nicht der einzelne Mensch) ist. Dabei wären aus ein paar soziologischen Überlegungen praktische Überlegungen abzuleiten, die weiterhelfen würden.</p>
<p><em>(Der letzte Absatz ist übrigens keine Beschwerde, sondern eine Anmerkung. Soziologen leiden, so meine Erfahrung, am wenigsten unter dem Weltzustand, auch wenn sie ihn andauernd (auch kritisch) thematisieren.)</em></p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/waltjabsco/256597080/in/photostream/">Walt Jabsco</a>)</em></p>
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		<title>Journalistische Selbstgespräche</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Jul 2011 19:22:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Zuletzt verfielen einige Journalisten in Meditation und dachten über sich und ihre berufliche Tätigkeit nach. In Leipzig hat die Privatschule einen Kongress veranstaltet und in Erfurt fand eine Diskussion statt. Von diesen Veranstaltungen wird an verschiedenen Stellen berichtet. Zur Veranstaltung in Erfurt gibt es Anmerkungen von Peter Althaus, der zwar nicht vor Ort war aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1993" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-12.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Zuletzt verfielen einige Journalisten in Meditation und dachten über sich und ihre berufliche Tätigkeit nach. In Leipzig hat die <a href="http://www.leipzigschoolofmedia.de/news-und-presse/news/news-singleansicht/details/erste-fachkonferenz-zur-zukunft-des-journalismus-auf-dem-mediencampus-gestartet/">Privatschule einen Kongress</a> veranstaltet und in <a href="http://www.thueringerblogzentrale.de/2011/07/01/was-ist-eigentlich-journalismus/">Erfurt fand eine Diskussion</a> statt. Von diesen Veranstaltungen wird an verschiedenen Stellen berichtet.</p>
<p><span id="more-1987"></span>Zur Veranstaltung in Erfurt gibt es Anmerkungen von Peter Althaus, der zwar nicht vor Ort war aber als Interessierter Appell-Gedanken dazu formuliert. Sie lauten grob zusammengefasst: Der Journalist muss den Leser &#8220;abholen&#8221;, wo er ist, im Online Social Network. Nicht das Medium ist die Marke, sondern der Journalist selbst. Journalisten sollten sich um Nähe zum Leser bemühen. Und, die derzeit problematische Finanzierung guter journalistischer Arbeit könnte eventuell über Stiftungen gelingen. Man kann seine Gedanken, wenn man übernatürlich gute Augen hat, in 1400 Worten Weiß auf Schwarz in Schriftgröße 10, <a href="http://www.peteralthaus.com/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=14%3Azurueck-in-die-zukunft-zur-lage-der-medien-in-thueringen&amp;catid=18%3Ablogall&amp;Itemid=13&amp;lang=de">hier nachlesen</a>.</p>
<p>Bis auf den letzten Gedanken zur Finanzierung kann ich <em>meine Meinung</em> zu seiner Meinung wie folgt zusammenfassen: So zu denken ist praktisch aber falsch. (Ich habe mit Absicht eine vorsichtige Formulierung gewählt, um nicht wieder als arroganter Soziologe zu gelten.)</p>
<p>Daran schließt die in <a href="http://uebermbruch.posterous.com/neun-thesen-zur-zukunft-des-journalismus">Thesen formulierte Nachbetrachtung des Leipziger Kongresses von Tim Kosmetschke</a> an: Neun Überlegungen zur mutigen und leidenschaftlichen journalistischen Weltchaosbewältigung; zum lebenslang lernenden Markenjournalisten, der kein Idiot ist und nicht überflüssig wird. Ich würde seinen Thesen hauptsächlich widersprechen, am liebsten einzeln und inhaltlich, doch das wäre nicht sehr zielführend. Es bietet sich wieder einmal an, Prämissen auszutauschen.</p>
<p>Denn auch wenn Journalisten gerne über sich, ihr Verhalten und ihre Ambitionen reden, die Internetwelt fasziniert beobachten und von drängenden Finanzierungsfragen gequält werden, ist es doch auch wichtig darüber zu sprechen, wie die Zukunft des <em>Journalismus als Institution in der Gesellschaft</em> aussieht. Dass er von Personen betrieben und konsumiert wird, ist nur ein kleiner Aspekt der dann zu behandelnden Probleme. Man sollte, denke ich, mehr über den Journalismus der Gesellschaft nachdenken und die professionellen Privattugenden des einzelnen Journalisten kurz ausblenden (bzw. sie als Organisationsprobleme markieren). Die Problemstellungen der aktuellen Journalismuspraxis sind eher struktureller als individueller Natur. Dazu ein anschauliches Video. Es ist 2:30 Minuten lang und man sollte es sich einmal komplett ansehen. Es zeigt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ed_Miliband">Ed Miliband</a>, den Chef der britischen Labour-Party in einem aktuellen BBC-Interview (das Bild im Video hängt ein wenig, der Ton ist aber in Ordnung):</p>
<p><object width="550" height="343" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/PZtVm8wtyFI?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="550" height="343" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube-nocookie.com/v/PZtVm8wtyFI?version=3&amp;hl=de_DE" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>
<p>Was passiert denn da in England? (Muss man sich ja derzeit eh schon fragen.) Ein Parteichef produziert unabhängig aller Fragen Soundbits für die Abendnachrichten. Er ignoriert alle Aspekte der Interview-Interaktion und sagt, was später zusammengeschnitten in den Nachrichten kommen soll. Das hat Methode, in einem <a href="http://www.mediaite.com/online/monotony-in-the-uk-twitter-users-dig-up-clip-of-another-robotic-british-pol/">weiteren Video antwortet George Osborne</a> viermal (!) hintereinander mit gleichem Wortlaut (!) auf unterschiedliche Fragen.</p>
<p>Man könnte nun Folgendes sagen: Online Social Networks sind der Tod des Journalismus. Etwa, weil sie die Zeitungen und TV-Programme zerpflücken und einzelne Texte aus dem Kontext ihrer Debatte zerren. Oder, weil sie nur noch Raum für Headlines und Teaser lassen und sich niemand mehr für weiterführenden Inhalt interessiert. Vielleicht könnte man auch sagen, dass die Online Social Networks die kostbare Rezipientenzeit klaut, weil jeder lieber Familieninfos statt Weltnachrichten konsumiert. Dies alles wären Erklärungen dafür, weshalb Politiker nur noch genau diese Headlines und Teaser produzieren und den Journalismus / den Journalisten als (eigentlich nicht mehr benötigtes) Mittel zu ihrem Publikum nutzen. Diese Unterstellungen markieren einen interessanten Strukturwandel unserer Zeit, bedeuten aber mitnichten einen Paradigmenwechsel, wie er immer wieder vermutet wird. Denn schon 1972 sahen Politikerinterviews mit Bundeskanzlerbeteiligung so aus:</p>
<p><object width="550" height="442" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/lM9i-8j45xg?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="550" height="442" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube-nocookie.com/v/lM9i-8j45xg?version=3&amp;hl=de_DE" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>
<p>Friedrich Nowottny hatte Willy Brandt um kurze, abendnachrichtentaugliche Antworten gebeten. Und so hat er sie dann auch bekommen. Immer schon also schlägt sich der Journalismus mit Fragen herum, die das Pendel der eigenen Tätigkeit zwischen Praktikabilität und Anspruch baumeln lässt. Es ist <em>das</em> Strukturmerkmal der Moderne, der Realität eine Welt aus Wille und Vorstellungen gegenüberzustellen und genau diese Lücke zu schließen: und sie durch Lösungsversuche immer wieder neu zu öffnen. Es ist überall dasselbe: Wir wollen klügere Kinder, mehr Verkäufe, gesundere Patienten, höhere Gewinne und bessere Nachrichten/Zeitungen. Also nutzen/erfinden wir Technologie, die uns praktikabel erscheint unserem Anspruch zu begegnen und schon entstehen die neuen Ansprüche.</p>
<p>Wenn man den nachvollziehbaren Strängen der oben verlinkten Diskussionen folgt, sieht man, dass sich der Journalismus gerade wieder in der Technologieentdeckungsphase befindet. Das Internet mit seinen tollen Möglichkeiten, die Privatmeinungen provozieren, speichern und zirkulieren lassen, gilt es für die journalistische Praxis auszubeuten. Plötzlich haben Journalisten, als Privatpersonen, Weblogs und Twitteraccounts. Und plötzlich steigen die Ansprüche, man fühlt sich irgendwie getrieben … Aber von was oder von wem eigentlich?</p>
<p>Was ich bei den ganzen New-Journalism-Selbstfindungsübungen vermisse, ist ein Vortrag oder eine Rede, in der jemand vom Fach mal betont, dass Technologieentdeckungsphasen nicht nur die Zeit für Experimente, sondern auch die Zeit für Besinnung ist – und dass es keinen Grund gibt, sich jetzt über die Maßen mit seinem Publikum zu befassen, nur weil es geht. <em>Nur Journalisten können über Journalismus urteilen</em>. Das lesende/sehende Publikum kann nur sagen, ob es mit der Zeitung/Sendung zufrieden war. Rezipientenzufriedenheit ist aber für praktizierende Journalisten ein kaum auswertbares Merkmal. Zumindest kann man aus mehreren Gründen mit seinem Medienangebot zufrieden sein. Etwa, weil man gut informiert, leicht überfordert, angenehm überrascht, usw. wurde. Das Publikum zeichnet sich auch 2011 durch Unberechenbarkeit aus. Es gilt <a href="http://www.vs-verlag.de/Buch/978-3-531-42841-3/Die-Realitaet-der-Massenmedien.html">weiterhin</a> nur eins, für Journalisten und ihr Publikum: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Außer wenn es in Berlin gewittert. Das berichten nicht die Massenmedien, sondern alle Erlebnistwitterer vor Ort.)</p>
<p>Man sollte journalistische Kongresse nicht damit vergeuden, sich über sein Publikum Gedanken zu machen (Erfurt) und über die eigenen Tugenden zu reden (Leipzig). Es sei denn, man hat das Gefühl, der eigenen Redaktion mangelt es an Kompetenz, Intelligenz oder Engagement. Dann bietet es sich an, gemäß einer Selbsthilfegruppe, gemeinsam darüber zu reden, wie man einem solchen Umstand begegnet. Vielleicht mit Statistik gestützter Anbiederung, vielleicht mit Technologie gestützter Drängelei. Ein massenmediales Angebot, dem jegliches <em>Potenzial für Überraschung</em> abhandengekommen ist, weil es nur noch liefert, was erwartet wird, selegiert sich über kurz oder lang selbst aus dem Geschehen. (Zu diesem Gedanken hätte ich eine persönliche Beschwerde ans Internet: Vor ein paar Tagen hat Frank Schirrmacher eine Vorlesung in Tübingen gehalten, die von der dortigen Fakultät für Medien (o.ä.) groß angekündigt wurde. Doch ausser einem Zitat, das hier passt, &#8220;<a href="http://www.swp.de/metzingen/lokales/metzingen/Qualitaet-setzt-sich-durch;art5660,1027878">Es entsteht allmählich eine Welt, in der nur noch vorkommt, was interessiert.</a>&#8221; wurde kaum etwas ins Internet getragen. Soviel zum Problem <em>meiner</em> Filtersouveränität&#8230; (oder habe ich tatsächlich was übersehen?))</p>
<p>Statt über die eigenen Tugenden und das Publikum könnte man darüber reden, ob es diese latente Idee des organisationslosen, tugendhaften Journalisten tatsächlich als Praxisfall geben kann. Im Internet wird diese Idee propagiert, etwa, wenn <a href="http://gutjahr.biz/blog/2011/03/kairo-bilanz/">Herr Gutjahr auf eigene Faust nach Ägypten reist</a>, um vom Tahrir-Platz zu berichten. Aber auch solche Aktionen sind doch in erheblichem Maße auf (journalistische) Organisation angewiesen. Und sie sind wohl kaum Alltagspraktikabel. Und unumstritten erst recht nicht. Unbeantwortet bleiben bislang die Fragen über die journalistischen Institutionen der Zukunft. Wie schreibt man einen Unternehmensteil, wenn sich die Zeitung nur noch fragmentarisch verkauft? Wie publiziert man zukünftig Texte, die pro Stück eine Woche Arbeit benötigen, aber täglich verkauft werden müssen? (Das ist übrigens auch ein Henne/Ei-Phänomen. Denn ein Ei benötigt 4 Tage, um zu werden, aber es gibt jeden Tag ein neues pro Henne.) All diese Fragen sind auf der grundlegenden Ebene viel zu banal, um hier weiter aufgelistet zu werden. Denn es gilt die Antwort, die für alles gilt: Ohne Organisation wird (<a href="http://www.noagendashow.com/">fast</a>*) nichts gehen. Alle drängenden Fragen haben damit zu tun, nicht als Problem, sondern als Prämisse.</p>
<p>All die Kongressthemen, die oben verlinkt auftauchen, sind im Grunde Fragen, die jede journalistische Organisation mit sich klären muss (Anforderungen an die <em>eigenen</em> Mitarbeiter, Anspruch des <em>eigenen</em> Hauses). Auf der gesellschaftlichen Ebene, die ein Kongress darstellt, handelt es sich allenfalls um Moralisierungen, Beschwichtigungen, Anbiederungen und Rechtfertigungen. Die eigentlichen gesellschaftlichen Fragen werden dadurch verdeckt. (Ich bemerke, ich formuliere das alles wieder etwas Vorlaut. Ich sage mal, ich habe nur laut gedacht. So wie ein Kongress eben auch laut denken lässt.)</p>
<p>* <em>Falls die Show jemand kennt und für bescheuert hält, sei ihm gesagt: Es geht hier nur um das soziale Phänomen.</em></p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/jamesyu/61784469/in/photostream/">James Yu</a>)</em></p>
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		<title>Protestieren gehen heute</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/06/25/protestieren-gehen-heute/</link>
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		<pubDate>Sat, 25 Jun 2011 21:30:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kai Mürlebach</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Web 2.0]]></category>

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		<description><![CDATA[Beim Lesen eines Textes zu politischer Partizipation (Deth 2009) entwickelte sich folgender kurzer Gedanke: Ausgangspunkt ist die Überlegung von Milbrath und Goel (1977:57) zu politischem Selbstvertrauen (&#8216;political efficacy&#8217;), das definiert wird als das Gefühl, dass man den öffentlichen Entscheidungsfindungsprozess beeinflussen könne. Wenn eine Person glaube, dass sie die politischen Entscheidungsträger oder öffentliche Themen beeinflussen könne, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/06/25/protestieren-gehen-heute/demo/" rel="attachment wp-att-1898"><img src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/06/demo.png" alt="" width="500" height="332" class="aligncenter size-full wp-image-1898" /></a></p>
<p>Beim Lesen eines Textes zu politischer Partizipation (Deth 2009) entwickelte sich folgender kurzer Gedanke: Ausgangspunkt ist die Überlegung von Milbrath und Goel (1977:57) zu politischem Selbstvertrauen (&#8216;political efficacy&#8217;), das definiert wird als das <em>Gefühl</em>, dass man den öffentlichen Entscheidungsfindungsprozess beeinflussen könne. Wenn eine Person <em>glaube</em>, dass sie die politischen Entscheidungsträger oder öffentliche Themen beeinflussen könne, könne ihr Handeln als subjektiv wirksam bezeichnet werden.<br />
<span id="more-1896"></span><br />
Dies korrespondiert mit einem Gedanken Luhmanns, wonach erfolgreiche Kommunikation (meint: Übernahme ihrer Information als Prämisse eigenen Verhaltens) in der Regel unwahrscheinlich sei (Luhmann 1984:216). Diese Unwahrscheinlichkeit wirke als Schwelle der Entmutigung, welche dazu führe, dass eine für aussichtslos gehaltene Kommunikation unterlasse werde. Geht man davon aus, dass es sich bei Protest um eine <em>ganz normale Kommunikation</em> handelt, die das Nein überprivilegiert (Virgl 2011:16), also um die Kommunikation von Widerspruch, dann müsste man sagen können: protestieren geht man nur, wenn man daran glaubt, damit etwas verändern zu können. Das sich etwas verändert dürfte wiederum mit der Zahl der Protestierenden zusammenhängen: eine Demo mit 50 Menschen schafft es mit Glück in die Lokalpresse, eine mit 150.000 Menschen dagegen relativ sicher bis in die Tagesschau, womit sie sich von der Politik nicht mehr so einfach ignorieren lässt.</p>
<p>Bis vor kurzem musste man auf die Demonstration selbst gehen, um zu erfahren, wie viele andere Mitprotestierende sich einfinden würden. Damit ist ein gewisses Risiko verbunden, besteht doch die Möglichkeit, dass man feststellen muss, dass das Thema anderen nicht so wichtig ist und man seine Zeit besser hätte verbringen können, als durch die Fußgängerzone zu tapern und sich für seine offensichtlich nicht mehrheitsfähigen Ansichten belächeln lassen zu müssen. Eine Möglichkeit dieses Risiko zu vermindern liegt in Organisation: wenn beispielsweise SPD und Gewerkschaften zur Demonstration zum 1. Mai aufrufen, kann man vergleichsweise sicher sein, dass viele Genossinnen und Genossen diesem Ruf Folge leisten werden (allein schon auf Grund sozialen Zwangs: wer will schon auf der nächsten Ortsvereinssitzung erklären müssen, was es denn Besseres zu tun gegeben habe, als die gemeinsame Sache der Arbeiter voranzutreiben?). Mit abnehmenden Mitgliedszahlen dieser Organisationen, bzw. einer Ausweitung der Palette an Themen, für oder gegen die es sich demonstrieren lässt, verliert diese Form der Rückversicherung jedoch an Zuverlässigkeit. (Im nordafrikanischen/arabischen Raum, wo Proteste wohl ihren aktuell größten Wirkungsgrad erreichen, hat sie in dieser Form vermutlich nie bestanden.)</p>
<p>An dieser Stelle lässt sich nun das &#8216;Web 2.0&#8242; einhaken: zum einen eignen sich (Verbreitungs-)Medien wie Facebook, Twitter, etc. gut dazu, Aufrufe zu Demonstrationen schnell einem großen Personenkreis zugänglich zu machen. Zum anderen ermöglichen sie es aber auch abzuschätzen, wie die Beteiligung ausfallen könnte. 500.000 &#8220;Gefällt mir&#8217;s&#8221; übersetzen sich zwar nicht in 500.000 Protestierende, wenn aber auch nur ein Bruchteil der Sympathisierenden ihrer Ankündigung Taten folgen lässt, ist mit einer stattlichen Demo zu rechnen. Hinzu kommt, dass man sich in dem guten Gefühl sonnen kann, mit der eigenen Meinung nicht alleine dazustehen (und für diese Annahme bessere Anhaltspunkte hat, als nur die Behauptung, für &#8216;die schweigende Mehrheit&#8217; zu marschieren). Zugleich dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass eine von vielen geteilte Meinung dazu führt, dass sich etwas ändert höher sein, als bei eher randständigen Anliegen. Die Schwelle der Entmutigung liegt also niedriger und die Teilnehmerzahl entsprechend potentiell höher.</p>
<p>Facebook, Twitter, etc. unterscheiden sich also von klassischen Verbreitungs- bzw. hier: Mobilisierungsmedien (Flugblätter, Poster) dadurch, dass sie es zusätzlich ermöglichen Erwartungen in Bezug auf den von ihnen erreichten Mobilisierungsgrad zu bilden. Dadurch erhöhen sie unter Umständen die Zahl der Teilnehmer (durchaus auch in einem sich selbst verstärkenden Prozess) und damit die potentielle Wirksamkeit der Proteste. Anders gesagt: mit Hilfe von Facebook, Twitter und Co. lassen sich nicht nur viele Menschen schneller als per Flugblatt mobilisieren, sie bieten vielmehr noch eine eigene, zusätzliche Mobilisierungsleistung, indem sie eine Möglichkeit bieten zu entscheiden, ob es sich lohnt heute protestieren zu gehen (oder ob der Grad der gesellschaftlichen Unterstützung für ein Protestthema so gering ist, dass eine erfolgreiche Umsetzung der Ziele unwahrscheinlich ist).</p>
<p>Literatur:<br />
Deth, Jan W. van (2009): Politische Partizipation, in: Viktoria Kaina und Andrea Römmele (Hrsg.): Politische Soziologie &#8211; Ein Studienbuch, Wiesbaden: VS Verlag, S. 141-161.<br />
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.<br />
Milbrath, Lester W. und Madan L. Goel (1977): Political Participation. How and Why People Get Involved in Politics, Chicago: RandMcNally.<br />
Virgl, Christoph J. (2011): Protest in der Weltgesellschaft, Wiesbaden: VS Verlag.</p>
<p>Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/ankor2/5321067005/">_ankor</a></p>
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		<title>Digitale Revolution ohne Verantwortung?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/06/16/digitale-revolution-ohne-verantwortung/</link>
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		<pubDate>Thu, 16 Jun 2011 15:12:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Beobachtung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
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		<category><![CDATA[E-Government]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Verfahren]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>

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		<description><![CDATA[Sascha Lobo ist sicher nicht der einzige, aber sicherlich ein relativ prominenter Vertreter, der wiederholt mehr E-Government und mehr Mitbestimmung, bzw. Bürgerbeteiligung durch das Internet fordert. Aktuell tut er dies via Spon und schließt: Was wir jetzt nicht brauchen, sind keine Experimente. Und die müssen so lange durchgeführt werden, bis ausreichend viele und unterschiedliche Leute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone" src="http://farm3.static.flickr.com/2525/4125136601_f27f5decf5_d.jpg" alt="" width="500" height="288" /></p>
<p>Sascha Lobo ist sicher nicht der einzige, aber sicherlich ein relativ prominenter Vertreter, der wiederholt mehr E-Government und mehr Mitbestimmung, bzw. Bürgerbeteiligung durch das Internet fordert. <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,768496,00.html">Aktuell tut er dies via Spon und schließt</a>:</p>
<blockquote><p>Was wir jetzt nicht brauchen, sind keine Experimente. Und die müssen so  lange durchgeführt werden, bis ausreichend viele und unterschiedliche  Leute mitmachen.</p></blockquote>
<p>Mitbestimmung oder Bürgerbeteiligung via Internet, oder jetzt Neudeutsch: E-Government, klingen ideal, wünschenswert und erfreulich. Das virtuelle &#8216;Hurra, jetzt geht es los&#8217;-Geschrei scheint einem fast aus jedem solcher Statements entgegen zu kommen. Doch es passiert nichts. Seit Jahren übrigens. Und dass, obwohl technisch längst alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Die digitale Revolution des politischen Systems bleibt aus. Und das hat Gründe.</p>
<p><span id="more-1837"></span></p>
<p>Die Gründe liegen allerdings nicht darin, dass bisher zu wenig Experimente stattgefunden haben. Es liegt auch nicht an der allgemeinen Politikverdrossenheit oder an dem Unwillen der breiten Bevölkerung, sich politisch im Netz zu engagieren. Es liegt auch nicht an den Politikern, die nicht &#8216;auf ihr Volk hören&#8217; wollten. Die Gründe für das Ausbleiben der digitalen Revolution liegen darin, dass alle bisher diskutierten Vorschläge am Problem der Komplexitätsreduktion scheitern. Mit der Unterscheidung von <em>Beteiligung am politischen Diskurs vs. Beteiligung an einem politischen Verfahren</em> und der Unterscheidung von <em>Meinungäußerung vs. Verantwortungsübernahme</em> lässt sich das ganz gut zeigen.</p>
<p>Das Problem an Lobos Beitrag ist, dass er nicht zwischen Beteiligung am Diskurs und Beteiligung am Verfahren des politischen Systems unterscheidet. Woran das Netz sicherlich nicht krankt, ist die Beteiligung am politischen Diskurs. Es gab wohl noch nie eine so pluralistische, milieu- und raumüberschreitende Auseinandersetzung wie heute. Möglich geworden ist das durch das Internet. Keine Frage, es handelt sich dabei um eine unumkehrbare Errungenschaft der letzten Jahre. Die Beteiligungsmöglichkeiten am öffentlichen Diskurs werden immer breiter und vielfältiger genutzt. Ein Ende dieser Entwicklung ist kaum abzusehen. Es gibt keine gesellschaftlichen Bereiche mehr, die nicht politisiert werden können. Im Diskurs wird durch das Einbringen von Meinungen, Perspektiven, Fakten usw. Komplexität geschaffen. Unterschiede werden sichtbar, es läuft auf Dissenz hinaus. Auch wenn man sich einigt, springen sogleich die doppelte Anzahl an Gegenspielern aus den Weiten des Netzes und markieren die andere Seite der Unterscheidung. Nichts anderes passiert während der Debatten (nicht bei den Wahlen!) des Bundestages oder der Parteitage: Es wird Dissens markiert und Komplexität erzeugt.</p>
<p>Die Beteiligung am politischen Diskurs ist aber nicht gleichzusetzen mit der Beteiligung an einem politischen Verfahren. Ein Verfahren geht die umgekehrte Richtung. Es reduziert die Komplexität nach einer bestimmten Regel solange, bis ein Sollwert erreicht ist. Am Ende steht in der Regel eine einfache Unterscheidung: Ja oder nein. Oder: Eins aus zehn. Warum ist es wichtig zwischen der Beteiligung am Diskurs und am Verfahren zu unterscheiden? Es ist offensichtlich, dass man sich nicht mit den gleichen Mechanismen am Verfahren beteiligen kann, die man im Diskurs nutzt. Aber genau dieser Unterschied wird nicht deutlich, wenn man so wie Lobo nur auf den Euphorie-Button drückt und den Eindruck erweckt, jeder müsse nur überall seine Meinung kund tun dürfen. Dann würde das schon was werden, mit aktiver Bürgerbeteiligung im Netz.</p>
<p>Meinungsäußerung funktioniert schon ganz hervorragend im Internet. Vielleicht sogar zu gut. Es macht aber einen Unterschied, ob es technisch möglich ist, seine Meinung zu äußern oder ob man eine breite Verantwortungsübernahme der Bevölkerung einfordert. Auch hier verwischt Lobo die Grenzen der Unterscheidung geschickt mit dem euphorischen Verweis auf die technischen Möglichkeiten. Eine Meinung zu haben und diese öffentlich zu äußern, mag für das Individuum große Bedeutung und Tragweite haben, ist jedoch weitestgehend folgenlos für die Gesellschaft. Die Verantwortungübernahme der Meinungsäußerung beschränkt sich nämlich auf sich selbst. In einem politischen Verfahren zu entscheiden hat dagegen Folgen für die Gesellschaft. Man trägt mit dieser Entscheidung eine übergeordnete Verantwortung, die weit über den eigenen Horizont, die eigene Erfahrungswelt und die individuellen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und -verarbeitung liegen.</p>
<p>Als Einzelner ist man nicht in der Lage, diese Komplexität zu reduzieren. Man entscheidet zwangläufig nach Maßgabe unzureichender Information und emotionaler Irrationalität. Auch Politiker tun dies, wie man offenkundig immer wieder vorgeführt bekommt. Ihre Entscheidung ist aber stark gebunden an die Möglichkeit zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie übernehmen Verantwortung, indem sie sich am politischen Verfahren als Gewählte beteiligen und die Möglichkeit institutionalisiert ist, die Herrschenden abzuwählen. Hier wird deutlich, warum es sich lohnt zwischen Meinungsäußerung und Verantwortungsübernahme zu unterscheiden. Was würde nämlich passieren in den Experimenten, die Lobo fordert: Man würde Ergebnisse kollektiver Dummheit und Irrationalität erzeugen, für die man nicht einmal jemanden verantwortlich machen könnte. Auch wenn wir von unserem Wahlrecht Gebrauch machen, erzeugen wir Ergebnisse kollektiver Irrationalität. Allerdings ist hierbei noch nichts an konkreten Entscheidungen vorweg genommen worden. Lediglich die Komplexität wurde soweit reduziert, dass die Gewählten sich einen Reim auf die kollektiv erzeugte Irrationalität machen müssen. Wenn sie dabei falsch liegen, werden sie abgewählt. Wie letztlich die Komplexität reduziert wird, ist daher nicht entscheidend. Denn es ist nicht in erster Linie wichtig eine Meinung zu haben und diese äußern zu können. Viel wichtiger ist die Frage, wer Verantwortung übernimmt. Und genau diese Frage bleibt bei Lobo ungeklärt.</p>
<p>Abschließend sei angemerkt, dass ich kein Feind von Innovationen des politischen Systems bin und mich ausdrücklich freuen würde, wenn es gelänge das politische Verfahren durch die Möglichkeiten des Internet zu bereichern. Allerdings wünsche ich mir eine differenziertere Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation. Und so bedauerlich es sein mag, von dieser Art Diskurs sind wir noch viel zu weit entfernt., um uns realistische Hoffnungen auf Veränderungen machen zu können.</p>
<p>Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/charliedees/">charlesdyer</a></p>
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