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	<title>Sozialtheoristen &#187; Religion</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Die gottlose Religion der Gottverlassenen</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Feb 2012 16:22:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine Milliarde Menschen leben auf der Welt in totalen sozialen Netzwerken. Ihr Alltag hängt fast ausschließlich vom unmittelbaren sozialen Miteinander ab. Das Leben in diesen Slums unterscheidet sich in fast allen Bereichen vom westlichen Lebensstil, in dem der Begriff des sozialen Netzwerks Beliebigkeit und Freude mit dem Internet bedeutet. Und auch hier nähert man sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3320" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-14.jpg" alt="" width="550" height="350" /></p>
<p><a href="http://www.boston.com/bigpicture/2012/02/slum_life.html">Eine Milliarde Menschen</a> leben auf der Welt in totalen sozialen Netzwerken. Ihr Alltag hängt fast ausschließlich vom unmittelbaren sozialen Miteinander ab. Das Leben in diesen Slums unterscheidet sich in fast allen Bereichen vom westlichen Lebensstil, in dem der Begriff des sozialen Netzwerks Beliebigkeit und Freude mit dem Internet bedeutet. Und auch hier nähert man sich der Milliarde. Facebook steht kurz vor diesem Meilenstein, von dem niemand weiß, was er wirklich bedeutet.</p>
<p><span id="more-3316"></span>Das letzte Mal, als die Mitgliederzahl eines sozialen Netzwerkes im Internet das Vorstellungsvermögen überragte, ging es um Myspace.com. Die jetzt abgeschlagene Community für Musiker und ihre Fans überschritt 2006 als erste die Marke von 100 Millionen Mitgliedern. Damals half man sich zur Verdeutlichung dieser Zahl mit einem interessanten Vergleich: Was, wenn Myspace ein Land wäre? Myspace wäre größer als Deutschland gewesen.</p>
<p>An die großen Zahlen hat man sich gewöhnt. Allein in China gibt es mittlerweile drei soziale Netzwerke mit über 100 Millionen Nutzern. Dass man jedoch immer noch nicht weiß, was die Zahlen bedeuten, zeigt die Ratlosigkeit in der Frage, welcher Geldwert sich nun daraus schöpfen lässt. Facebook selbst meint, es sei fünfzig Milliarden Dollar wert. Euphorische Börsjaner schätzen das Dreifache.</p>
<p>Der Vergleich eines sozialen Netzwerks im Internet und einem Staat ist anschaulich aber ebenso albern. Facebook sichert keine existenzielle Grundversorgung, kümmert sich weder um die Sicherheit noch Gesundheit seiner Nutzer. Aber doch spielt es im Leben der Einzelnen eine große Rolle. Die Hälfte der Briten und Amerikaner nutzen Facebook inzwischen mehrfach täglich. Es liegt ein Ver-gleich nahe: Nicht nur die Größe und Reichweite rückt Facebook heute in die Nähe einer Weltreligion.</p>
<p>Sieht man den Glauben als das, was er tatsächlich ist, die höchstpersönliche Angelegenheit des Einzelnen, bleibt von Religion die weltumspannende Institution übrig. Sie bietet Orientierung, ist Anlass für Geselligkeit, normiert Verhaltenserwartungen und regelt die Teilhabe am Gemeinsamen. Facebook macht viel von dem auch.</p>
<p><a href="http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/7/0,3672,8482855,00.html">Das Internet schreckt durch sein Chaos noch immer viele zurück</a>. Weil dort alles möglich ist, wagen sich nur wenige dorthin. Erst soziale Netzwerke drehten den Spieß um. Sie sorgen für Ordnung und bereiten das Feld. Sportvereine, Privatpersonen, Firmen, Städte, Regierungen, Organisationen aller Art sind zuweilen überhaupt erst im Internet vertreten, seit Facebook seinen Dienst anbietet. Jeder weiß, was auf einem Facebook-Profil zu erwarten ist: Ein Bild, wenig Text, ein &#8220;Like&#8221;- oder ein &#8220;Subscribe&#8221;-Button. Keine Pornographie, viel Spiel und Spaß. Facebook kontrolliert, was geschieht. Oder positiver: Facebook kümmert sich um alles. Und alle müssen sich daran halten. Selbst Obama kriegt für eine Milliarde Dollar Wahlkampfgeld nur ein übliches Facebook-Profil. Im Facebook sind alle gleich, wer Blödsinn macht, fliegt raus.</p>
<p>Aus England stammt eine <a href="http://www.heise.de/tp/blogs/6/151329">Studie</a>, die zeigt, wie unglücklich Menschen werden, wenn ihnen das Internet genommen wird. Der britischen Jugend würde vor allem der Facebook-Chat fehlen. Siebzig Prozent der unter achtzehnjährigen Briten nutzt ihn täglich auf dem Mobiltelefon. Ist die gegenseitige Verfügbarkeit moderne Nächstenliebe? Fehlte sie im Alltag, wären die jungen Briten einsam und traurig. Um sich aufgehoben zu fühlen, benötigt die Jugend keine Religion. Die wichtige Funktion der Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls erfüllt für sie Facebook. Nicht durch die Abwesenheit von Menschen, sondern durch die Nichtverfügbarkeit von Facebook fühlen sie sich verlassen. Die Orientierung aneinander und das Erleben des Miteinanders ist auf keinen Glauben mehr angewiesen, sie lassen sich mit Facebook direkt erfahren. Marketing-Forscher der Universität Maryland <a href="http://www.heise.de/tp/artikel/36/36424/1.html">behauptet</a> sogar, dass Studenten bei Unfällen in ihrer Nähe weniger hilfsbereit sind, weil heute das Telefon in ihrer Tasche ihr Bedürfnis nach Sozialität befriedigt und die spontane Vergemeinschaftung auf offener Straße eher als lästig empfunden wird.</p>
<p>Verhalte dich so, dass dir Facebook deinen Account nicht kündigt. Diese Devise ist inzwischen ein alltägliches und hohes Gebot. Und es gilt nicht nur für Einzelne. <a href="http://www.br.de/themen/aktuell/inhalt/facebook-seite-muenchen100.html">Facebook zögerte nicht, Anfang Februar die Seite von München mit 400.000 Fans zu löschen</a>. Die Stadt hatte versäumt, sich als Stadt zu erkennen zu geben. Erst als dies nachgeholt wurde, durfte sie in die Gemeinde zurückkehren. Und gerade dieser Fall ist interessant, weil ihn ein kleines Detail besonders macht: Münchens Fanseite darf bei Facebook nämlich nicht die Seite von &#8220;München.de&#8221; sein. Facebook fordert Exklusivität: Du sollst neben einer Facebook-Seite keine andere Internetseite haben. Zumindest darf sie nicht schon im Titel genannt sein.</p>
<p>Facebook strukturiert das Internet, wie die Religion die Gesellschaft. Umso mehr die Gesellschaft durch die neue Kommunikation, die weder Raum noch Zeit beansprucht, geprägt wird, desto mehr kompensieren bestimmte Dienste die sich abschwächende Rolle der Religion. 1970 waren 97% der westdeutschen Bevölkerung Christen. Mittlerweile sind es knapp 60%. Pro Dekade sinkt die religiöse Durchdringung der Gesellschaft um ein Zehntel. Es gilt keine Kausalität, aber der Rückgang der Religiösität fällt zusammen mit dem Wachstum des Internets. Einige Online-Dienste kompensieren die Jahrhunderte alte Rolle der Religion. Sie erfüllen dieselben Funktionen wie die Kirchen. Nur das Sakrale fehlt ihnen, dafür gibt es jetzt die Ökonomie. Mathe statt Magie, es macht ja eh keinen Unterschied.</p>
<p>Die Frage, wie viel Geld Facebook wert ist, ist für wenige Investoren interessant. Für die Millionen von Nutzerern stellt sich derzeit die Frage, wann die Gesellschaft die stetige Nutzung des Internets nicht mehr im medizinischen Schema der Sucht einordnet und ab wann Facebook-Freunde als psychisch und sozial folgenreiche zwischenmenschliche Kontakte angesehen werden. Das führt auch in eine Wertedebatte.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/meanestindian/5230962471/in/photostream/">Meena Kadri</a>)</em></p>
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		<title>Religiöser und anderer Glaube</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Feb 2009 16:50:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Religion, Gott und Glaube, das sind die Schlagworte der Texte, die mich die Woche am meisten interessiert haben. Irgendwie ist Richard Dawkins „Gotteswahn&#8221;, ein Buch, das ich aus Prinzip nicht lesen würde, hochgekocht und wurde, wie es das Thema hergibt, kontrovers und teilweise leicht emotional besprochen. Ergebnisse sind: Religion ist Bullshit, Gott ist keine so [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Religion, Gott und Glaube, das sind die Schlagworte der Texte, die mich die Woche am meisten interessiert haben. Irgendwie ist <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins">Richard Dawkins</a> „Gotteswahn&#8221;, ein Buch, das ich aus Prinzip nicht lesen würde, hochgekocht und wurde, wie es das Thema hergibt, kontrovers und teilweise leicht emotional besprochen. Ergebnisse sind: <a href="http://www.nerdcore.de/wp/2009/02/10/richard-dawkins-meets-ted-haggard/">Religion ist Bullshit</a>, <a href="http://www.spreeblick.com/2009/02/11/richard-dawkins-der-gotteswahn/">Gott ist keine so einfach zu umreißendes Phänomen</a> und: <a href="http://mspro.blogspot.com/2009/02/bekenntnis.html">es ist ein interessantes Thema</a>, aber eben nur, solange es Thema bleibt.</p>
<p>Das Problem der Religion ist, das die Gesellschaft nicht ohne sie auskommt und nie ohne sie auskam. Religion ist der, wenn alle anderen Stricke des Weltbildes (Familienzusammenhalt, Karriereplanung, Fitnessplanung, &#8230;) reißen, letztlich übrig bleibende, ununterschiedene, absolut gesetzte Rückhalt, den man als Individuum, mit anderen Individuen, findet. Besonders wenn man sich einer unzähmbaren, unsicheren, unstabilen und inkonsistenten gesellschaftlichen Realität gegenüber ausgeliefert sieht.</p>
<p><span id="more-404"></span>Das Argument, die Gesellschaft braucht keine Religion mehr, weil es jetzt Wissenschaft gäbe, ist dabei der am häufigsten auftretende Schluss. Dawkins Buch scheint dieses Argument wohl zentral zu stellen. Dabei scheint die gegensätzliche Argumentation viel plausibler. Könne nicht die Wissenschaft gerade als Motor der Religionen verstanden werden? Das, was in der Welt passiert, ist sowieso kaum verständlich. Früher waren es Blitz und Donner, die aus dem Nichts herbeikamen und als Zeichen gedeutet wurden. Heute ist es die Finanzkrise, die Polkappenschmelze und Aids. Es scheint ziemlich offensichtlich, dass es nicht der Mensch ist, der das Ruder in der Hand hat (obwohl er soviel Ursachen beisteuert, hat er letztlich nur wenige der Folgen und Wirkungen im Griff). Es ist irgendeine dunkle Macht, unsichtbare Hand oder sonst was, die uns steuert, muss es ja sein. Niemand kann bestreiten, dass wir den Vorgängen der Welt relativ hilflos ausgeliefert sind. Und obwohl wir wissen, dass die Natur, die Gesellschaft und der Kosmos, tut, was eben ansteht, ohne Plan, Verstand und Vernunft begeben wir uns, die wir mit einem Gedächtnis und Intelligenz ausgestattet sind, auf die Suche nach Bedeutung und Kausalität. Da fängt meiner Meinung nach Religion bereits an. Schon das Aufstellen einer wissenschaftlichen Hypothese kommt nicht ohne solche Art Vorstellung aus. Denn, rational müssten wir sagen: Es ist, wie es eben ist. Aber unsere Intelligenz, die für uns, unsichtbar, am laufenden Band Abkürzungen, Erklärungen, Vereinfachungen, Abstraktionen und Generalisierungen managt und fertig darlegt, gaukelt uns immer wieder Handlungsspielräume und Hellseherkompetenzen vor. Das Einzige, was wir allerdings sicher wissen können (und nicht glauben müssen) ist, dass es erstens anders kommt, und zweitens auch noch anders, als wir denken. Oder: dass alles anders sein und/oder alles anders erzählt werden kann. Nichts ist wahr, nur eben, und besser bekommen wir es nicht hin, nicht unbedingt falsch.</p>
<p>Und das führt direkt zum nächsten Begriff, dem „Glauben&#8221;. Vielleicht sollte man zwischen Glauben und „religiösem Glauben&#8221; unterscheiden. Religiöser Glaube ist tatsächlich eine merkwürdige Sache, eben weil man darüber nicht entscheiden kann, es sei denn dagegen. Aber auch hier liegt schon keine Entscheidung mehr vor, sondern nur eine Erklärung. Für religiösen Glauben gibt es keinen Maßstab.</p>
<p>Vom religiösen Glauben abgesehen, finden wir Glauben aber überall in der Gesellschaft. Beispielsweise ist es ein wirtschaftlicher Glaube, dass man sich die Finanzwelt anhand einiger Kennzahlen vergegenwärtigen kann. Oder es ist pädagogischer Glaube, dass Kinder psychisch gesünder leben, wenn sie wenig Playstation spielen. Und es benötigt wissenschaftlichen Glauben, zu argumentieren, dass Gott durch wissenschaftliche Erklärungen entzaubert, erklärt oder ersetzt werden könne. (Als ob das entscheidende bei Gott sein Wesen ist und es Sinn machte zu errechnen, wie lange er im Weltall überlebt und was er da atmet.)</p>
<p>Genau solche Behauptungen, dass ein gesellschaftliches Teilsystem ein anderes ersetzten kann, sind im Übrigen nichts Neues und erst recht nichts Besonderes. Volkswirte glauben, bessere Politiker zu sein. Politiker glauben, bessere Banker zu sein. Lehrer glauben, bessere Prediger zu sein, usw. Immer dann, wenn Akteure eines Teilsystems gerne für andere Teilsysteme oder die ganze Gesellschaft sprechen und genau zu wissen vorgeben, was am ‚richtigsten&#8217; sei, spricht man von Ideologien. Bisher ist die Wissenschaft, von den politisch angeheizten Klimaforschern abgesehen, kaum durch ideologische Akteure weithin aufgefallen. Sind es doch eher die Juristen, Wirtschaftler und Politiker, die ihre Sache gerne für das große Ganze erklären und ihre Spartenkonzepte für Gesellschaftstheorie halten. Richard Dawkins legt mit seinem Versuch, einen streng wissenschaftlichen Ansatz für die Erklärung von Gott und der Welt zu fahren, mit seinen Arbeiten vor.</p>
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		<title>These zur amerikanischen Religiosität</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/11/07/these-zur-amerikanischen-religiositat/</link>
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		<pubDate>Fri, 07 Nov 2008 21:06:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da schrieb ich gestern noch: Ähnliche Verständnisschwierigkeiten haben wir, wenn wir uns anschauen, wie religiös Amerika ist und wie sehr die Religion die Politik beeinflusst, obwohl es kaum ein Land gibt, dass die Säkularität ernster nimmt. Das scheint tatsächlich so paradox zu sein, dass allein ein schnell hergeleiteter Ansatz fehlt, das zu erklären. Fällt es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da schrieb ich <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/11/06/argumente-fur-begrundete-hoffnung-beim-blick-uber-den-atlantik/">gestern</a> noch:</p>
<blockquote><p>Ähnliche Verständnisschwierigkeiten haben wir, wenn wir uns anschauen, wie religiös Amerika ist und wie sehr die Religion die Politik beeinflusst, obwohl es kaum ein Land gibt, dass die Säkularität ernster nimmt.</p>
<p>Das scheint tatsächlich so paradox zu sein, dass allein ein schnell hergeleiteter Ansatz fehlt, das zu erklären.</p></blockquote>
<p>Fällt es mir heute, beim <a href="http://www.arte.tv/de/Willkommen/woche/244,broadcastingNum=954605,day=7,week=45,year=2008.html">Fernsehen gucken</a>, wie Schuppen von den Augen. Es gibt tatsächlich eine Erklärung, die den amerikanischen Pragmatismus und die extreme Religiosität zufrieden stellend fassen kann.</p>
<p><span id="more-274"></span></p>
<p>In der verlinkten Reportage führt Woody Allen durch die amerikanische Kulturpolitik und befördert für Europäer Erstaunliches zu Tage. Es gibt keine Kulturpolitik in Amerika. Gleich zu Anfang wird ein Ausschnitt einer Rede von Jimmy Carter gezeigt, in der er sich erfreut darüber zeigt, dass das amerikanische Volk die Sache mit der Kultur und der Kunst selbst in die Hand nimmt. Im weiteren werden zwei Aspekte betont. Erstens, die Kultur ist, seien es Museen, Theater, Festivals oder Weiteres eng mit dem Volk verbunden. Es gibt kaum öffentliche Fördertöpfe aber ein riesiges Netzwerk an Künstlern und Kunstkonsumenten, die über Nacht Millionen Dollar an Privatspenden oder tausende Beschwerdebriefe an Politiker organisieren können. Zweitens werden Künstler gezeigt, die darunter leiden, dass sie zu sehr von ihrem Publikum abhängig sind, dass sie sich nicht ausleben können und das sie sich, um überhaupt künstlerisch tätig sein zu können, zu sehr dem Mainstream verschreiben und nebenher in zwei einträglicheren Berufen arbeiten müssen.</p>
<p>Es zeigt sich also auch beim Blick auf die Kunst ein Pragmatismus, der in dem Fall der gesellschaftlichen Funktion von Kunst im Wege steht. Kunst kann gesellschaftliche Zustände verzerrt, also als anders möglich darstellen. Sie kann provozieren, inspirieren, das Gehirn fordern und fördern. Sie kann ein Spiegel der Gesellschaft sein, der zu offensichtlich Verstecktes freizügig präsentiert. Das kann die Kunst aber umso besser, je weniger sie von ihrem Publikum und deren Geldbeutel abhängig ist.</p>
<p>In Europa begann bereits Shakespeare damit, das Publikum mehr zu verwirren, als zu unterhalten. In Hamlet wird auf der Theaterbühne Theater gespielt, und die Protagonisten sehen sich in ihrem Theaterstück selbst, während das reale Publikum den Protagonisten als Publikum auf der Bühne dabei zusieht, wie es sich selbst zusieht. Das ist heute, da wir darüber reden können, noch großartiger als es damals war. Wenn er vom Geld des Publikums abhängig gewesen wäre, hätte er komplett unlösbare Geldschwierigkeiten gehabt und auf dem Feld gearbeitet.</p>
<p>In Europa ist es auch nicht unüblich, das Bühnenstücke 5h dauern. Selbst über zwanzigstündige und längere Aufführungen stößt man zuweilen. Und falls nicht die Länge überfordert, ist es die Ekelhaftigkeit in der Darstellung, die manchmal dazu führt, das Unvorbereitete den Publikumsraum schreiend verlassen. Gleichsam kann man aber in Europa Kunst finden, die wirkt als wäre sie für einen höchstpersönlich geschaffen.</p>
<p>Es ist nicht schwierig, sich in Europa vom Alltag abzulenken. Ein einfacher Gang ins Museum oder Theater genügt. Und Museen und Theater gibt es an jeder Ecke. Es ist eine Nachwirkung der einstigen Kleinstaaterei, das es beispielsweise in Thüringen in jedem 30.000 Einwohnerstädtchen mindestens ein Theater und in Großstädten unzählige gibt.</p>
<p>In Amerika ist das alles nicht so. Museen und Theater mit Niveau gibt es nur in Ballungsräumen oder traditionsreichen Universitätsstädten. Und das, was dort geboten wird, ist aus europäischer Perspektive nur sensationell. An New York lässt sich das verdeutlichen. Im MoMA gibt es nur großartige Kunst. Dabei handelt es sich entweder um europäische Importe oder farbenfrohe Basteleien von Andy Warhol. Alles, was dort an Bildern hängt, kennt man bereits vorher aus Büchern und von Fotos. Keine endlosen Gänge wie im Louvre, in denen man sich ohne Weiteres in tausenden Exponaten aus Zentralafrika oder Indonesien verlieren kann. Was in New York auf den großen Musicalbühnen stattfindet, ist so pompös, dass man kaum Zeit und Kapazität hat, über den Unterhaltungsaspekt hinaus zu schauen &#8211; das Erlebte verschwindet so schnell, wie es hervorpreschte, und bleibt dabei ziemlich anspruchslos.</p>
<p>Wer in Amerika dem Alltag entfliehen will, und sich mit Grübeln nicht zufriedengibt, kann nicht auf ähnlich einfache Weise losziehen und sich in dem Massenangebot der Künstler verlieren. So sehr die Nachfrage danach ist, es gibt schlicht kein Angebot, das über die pure Unterhaltung hinausreicht. Wer „das andere&#8221; erfahren will, findet es eher in der Kirche. Dort kann man in der Masse zu sich selbst finden. Die Religion leistet den Alltagsausgleich, den in Europa die Kunst übernimmt.</p>
<p><em>Eine Ausnahme ist der Film. Allerdings scheint das auf das besondere Verbreitungsmedium zurückführbar. Ein Film zu zeigen ist nicht besonders aufwändig, er findet schnell ein Massenpublikum &#8211; so konnten sich in Hollywood immer ohne Probleme gesellschaftskritische, fantastische oder abwägig-fiktionale Spartenfilme durchsetzen.</em></p>
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		<title>Bildung macht auch nicht mehr IQ!</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jun 2008 16:48:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[(Anmk. des Autors: Wer den Text strukturlos findet, kann das Argument im letzten Absatz als Essenz lesen.) Bei Telepolis titelte man kürzlich „Sinkt mit steigendem IQ der religiöse Glaube?&#8221; (Ich verlinke nicht, da ich den Inhalt des Textes gar nicht kenne, da es nur um den Titel gehen soll.) Diese Überschrift birgt ein wenig Brisanz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>(Anmk. des Autors: Wer den Text strukturlos findet, kann das Argument im letzten Absatz als Essenz lesen.)</em></p>
<p>Bei Telepolis titelte man kürzlich „Sinkt mit steigendem IQ der religiöse Glaube?&#8221; (Ich verlinke nicht, da ich den Inhalt des Textes gar nicht kenne, da es nur um den Titel gehen soll.)</p>
<p>Diese Überschrift birgt ein wenig Brisanz in sich, da sie suggeriert, was wir eh vermuten. Dass nämlich ein religiöser Glaube (womöglich noch praktiziert) umso wichtiger für die Menschen ist, die sich ansonsten an wenig Intellekt für alternative Erklärungen halten können. Mit der Folge des Mechanismuses, dass sie den Mangel an eigenem Wissen ausgleichen, in dem sie umso mehr anderen glauben. Das Religion heute, besonders für Atheisten, nur noch als Ursache allen Übels in der Welt statt findet, liegt auf der Hand. (Davon gehe ich zumindest aus, da ich diesen <em>Glauben</em> von mir selbst kenne.)</p>
<p>Dieser Kurzschluss soll hier kurz durchdacht werden.</p>
<p><span id="more-18"></span>Den Begriff des religiösen Glaubens zu entfalten ist sehr schwer, da er zu grundsätzlich ist. Glauben (an sich) kann man viel z.B., dass Deutschland Europameister wird &#8211; ein religiöser Glaube koppelt diese Zuversicht (nach Karl Kardinal Lehmann als „begründete Hoffnung&#8221;) vom Einzelfall ab und ordnet nicht nur einzelne Dinge, wie z.B. die EM, sondern die ganze Welt. Plötzlich bekommt alles (das große und das kleine) <em>einen</em> Sinn. Die Hoffnung wird <em>begründet</em>, obwohl niemand in die Zukunft sehen kann. Religiöser Glaube ist so besehen ein ordnungsstiftendes Prinzip, das so grundlegend ist, dass bisher keine Gesellschaftsform ohne es ausgekommen ist.</p>
<p>Schon hier kann man sehen, dass religiöser Glaube nicht unbedingt eine individuelle Kopfsache sein muss, sondern dass sie gesellschaftlich bedingt ist. Genauer sieht man das, wenn man Ursachen und Wirkungen einmal trennt. Da das im großen Ganzen der Welt nicht möglich ist, versuchen wir das am Thema der Fussballeuropameisterschaft.</p>
<p>Es gibt Handelnde, die Fußballspieler, und uns Erlebende, die Zuschauer. Und die offene Frage ist, wie sehr die Handelnden durch ihr Spiel unser erlebendes Handeln, das Jubeln/Trauern bestimmen. Natürlich außerordentlich, nur Tore können Torjubel auslösen, nur ein Rückstand + Abpfiff stellt klar, das verloren wurde. Auf dieser Ebene gibt es keine Diskussion.</p>
<p>Diese Verbindung zwischen Tor und Torjubel lässt sich nun, was ihre Inhalte betrifft, auf zwei Arten testen.</p>
<p>1. Man nimmt zur Kenntnis, dass sich die Fußballregeln und das Fußballspiel zwischen der WM 1998 in Frankreich und der WM 2006 in Deutschland nicht geändert haben, der Torjubel aber sehr. Man freut sich anders, wenn man in Berlin auf der Fanmeile anstelle bei Onkel im Garten sitzt, während die Tore fallen. Und das es die Fanmeile gibt, hat mit dem Tor das geschossen wird an sich kaum etwas zu tun.</p>
<p>2. Man könnte das Spiel ändern, etwa durch die Golden-Goal-Regel, die den Torjubel eines Tores in der Verlängerung und den Siegesjubel zusammenlegen &#8211; und sich fragen, ob diese Veränderung des Spiels, den Torjubel verändert hat. Und dann stellt man fest, dass das nicht der Fall ist (bzw. war).</p>
<p>Die Verbindung von Ursache und Wirkung ist beim Fußballthema also nachvollziehbar nicht so stark wie man denkt. Die Ausgestaltung eines Torjubels hängt von vielen Faktoren ab, nicht jedoch vom Tor selbst, das als bloßer Auslöser fungiert.</p>
<p>Und genau so ist es auch mit der Religion. Die in der Welt beobachteten Folgen des religiösen Glaubens, kann man nicht auf den selbigen zurückführen. Erst recht ist es schwierig, die Folgen des religiösen Glaubens, auf die Inhalte der Religion zurückzuführen. Es sind aber die Inhalte der Religion, die den Zweck der Hoffnungsbegründung erfüllen.</p>
<p>Um das mal an der populären Trennung von religiösen Terroristen und gewöhnlichen Kriminellen klar zu machen: Der Kriminelle ist ein Egoist, der die Gesetze (den Gesellschaftsvertrag so zu sagen) ignoriert um an seinen Vorteil zu kommen. Der religiöse Terrorist hingegen ist ein Altruist, der die Gesetze zu Gunsten Seinesgleichen verändern möchte. Selbst wenn sein eigener Vorteil dadurch unerreichbar ist (von den oft genannten Jungfrauen, an denen sich die islamistischen Terroristen orientieren sollen mal abgesehen).</p>
<p><em>(Fragen sie sich jetzt was der letzte Absatz sollte?)</em> Religion kommt bei diesem Thema nämlich nur ins Spiel, um einen kleinen, gemeinsamen Nenner zu finden auf dem sich handeln lässt &#8211; mit IQ des Einzelnen hat das nichts zu tun. Wie solle man bei Achmadinetschad zwischen instrumentellem und aufrichtigem Handeln unterscheiden &#8211; und müsste man bei der Unterstellung von instrumentellem Handeln nicht umso höheren IQ unterstellen?</p>
<p>Und selbst wenn man beim Kopf, als der Instanz für religiösen Glauben bleibt: Letztlich geht es um die Frage, wie man sich die chaotische Welt in der man lebt so zurecht denkt, dass man in und mit ihr klar kommt. Die einen erkennen dann andauernd religiöse Fundamentalisten, schicksalergebene Großmütter oder verblendete Geistliche &#8211; die anderen durchschauen es und postulieren eine „allzumenschliche Teleologie&#8221; (Georg Simmel) &#8211; und die kann sich letztlich auch anders niederschlagen. Lässt sich doch erkennen, dass gerade die, die religiösen Glaube als Irrglaube beschreiben, sich gerade dadurch von diesen Gläubigen distanzieren in dem sie sich bilden und so früh wie möglich mit einer aktiven Karriereplanung beginnen.</p>
<p>Und das ist der Punkt. Es handelt sich hier um funktionale Äquivalente. Die einen ordnen sich die Welt durch gemeinsamen, religiösen Glauben, die anderen mit hochindividueller Lebensplanung. Und beide begründen so ihre Hoffnung, das die Welt schon was für sie bereithalten wird. Aber ob die einen nun einen höheren IQ haben oder nicht ist egal, weil auch ein hoher IQ beim Orakeln nicht hilft.</p>
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