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	<title>Sozialtheoristen &#187; Wirtschaft</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
	<lastBuildDate>Sat, 19 May 2012 13:37:40 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Was man am Goldman-Skandal lernen kann</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Mar 2012 21:45:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
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		<description><![CDATA[Über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Kommunikation von Lernfähigkeit In Zeiten einer täglich neu ausgerufenen und diskutierten Finanzkrise (auf kriegsdeutsch: Finanzschlacht, Schuldenfeuer, EZB-Operation Bertha) ist der Informationsdruck hoch, um die Themenschwelle der Agenda zu überschreiten und gesellschaftliche Resonanz zu erzeugen. Resonanz im Mediensystem richtet sich nicht wie in der Politik nach bestimmten Konsenschancen versprechenden Entscheidungsvorhaben, sondern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.flickr.com/photos/galt-museum/5043021830/sizes/o/in/photostream/"><img class="alignnone  wp-image-3644" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/School-of-Nursing-Practical-Training1.png" alt="" width="653" height="264" /></a><br />
<strong>Über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Kommunikation von Lernfähigkeit</strong></p>
<p>In Zeiten einer täglich neu ausgerufenen und diskutierten Finanzkrise (auf kriegsdeutsch: Finanzschlacht, Schuldenfeuer, EZB-Operation Bertha) ist der Informationsdruck hoch, um die Themenschwelle der Agenda zu überschreiten und gesellschaftliche Resonanz zu erzeugen. Resonanz im Mediensystem richtet sich nicht wie in der Politik nach bestimmten Konsenschancen versprechenden Entscheidungsvorhaben, sondern nach den sogenannten Nachrichtenfaktoren, zu dessen verbreitester Maxime wohl die Formel des <em>only bad news is good news</em> zählt.</p>
<p><span id="more-3609"></span></p>
<p>Schlechte Nachrichten für die Investmentbank Goldman Sachs war das öffentliche Kündigungsschreiben (&#8220;<a href="http://www.nytimes.com/2012/03/14/opinion/why-i-am-leaving-goldman-sachs.html?pagewanted=all">Why I am leaving&#8230;</a>&#8220;) ihres ehemaligen Mitarbeiters. Die entscheidende Frage war dabei nicht, ob Greg Smith der <a href="../../../../../2012/03/15/die-moral-der-motive/#_ftn1">moralische Sieger</a> darüber sei, dass er seinen Austritt medienwirksam inszenierte oder sich damit selbst stigmatisierte oder, ob bei Goldman Sachs Kunden wirklich als Trottel bezeichnet oder gar behandelt wurden. Und wie hätte Mr. Smith auch die Wahrheit oder Aufrichtigkeit seiner Argumente mitkommunizieren können ohne sich nicht gleichzeitig den Verdacht auszusetzen, dass er damit eben diesen Effekt zu erzielen suchte? Seine Motive waren und bleiben nicht nur für die Leser oder die New York Times, sondern auch für ihn selbst nicht eindeutig bestimmbar. Aber! sie können immer retrospektiv je nach Publikum neu mobilisiert und diskutiert werden. Dies passiert vor allem dann, wenn nicht nur nach dem Recht, sondern nach der Rechtfertigung für ein Verhalten gefragt wird.</p>
<p><strong>Goldman als Beispiel für die (Nicht-)Kommunikation von Lernfähigkeit</strong></p>
<p>Smith’ Brief ist Ausdruck, dass er sich diese Frage zumindest auch selbst gestellt hat. Doppelmoral, auch sie kann allen Ärger zum Trotz schlicht nicht überprüft werden. Sie muss in einer pluralisierten Welt vielmehr erlaubt sein. Ob stille Einsicht oder öffentliches Schuldbekenntnis – gesellschaftliches Lernen auf unterschiedlichen Ebenen, genauer gesagt: die <em>Kommunikation von Lernfähigkeit</em>, muss möglich sein. Unzwar auch ohne damit gleich seine Selbstdarstellung gänzlich aufs Spiel zu setzen wie dies vor <a href="http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/">Gericht</a> der Fall ist.</p>
<p>In der Berichterstattung über das vermeintliche <em>Abschieds-Bekennerschreiben</em> ist viel Lob und Tadel geäußert worden. Auf die <em>Lernfähigkeit</em> hin sind sie noch nicht beschrieben und unterschieden worden.<a title="" href="#_ftn1">[1] </a> Der Skandal um die prominente Publikation des vermeintlichen Pamphlets offenbart dabei nicht nur die universellen zwei Seiten einer Medaille, sondern drei systemspezifische Ebenen für mögliche Lernprozesse: Für die Person, das Unternehmen und die Gesellschaft. Ob und was wirklich aus bestimmten <em>Fehlern</em> gelernt wurde, lässt sich wie die Motive dahinter schwer eindeutig feststellen. Lernfähigkeit lässt sich aber auf vielfältige Weise <em>kommunizieren</em>.</p>
<p><strong>Bad bank, good guy</strong></p>
<p>Am Anfang des Skandals steht die öffentliche Empörung. Der größte Stein des Anstoßes war im Fall Smith die Diskrepanz zwischen <em>Innen-</em> und <em>Außensicht</em> der Bank, die jeweils kritisiert und verteidigt wurde. Innen die Sichtweise, dass die beklagten Praktiken in der Branche nicht nur gängig, sondern <a href="http://www.economist.com/node/21551354">erfolgreich</a> seien. Jeder Kunde müsse damit rechnen übers Ohr gehauen zu werden. Ein unschlagbares Argument, denn dies gilt nicht nur für das Investmentbanking. Die Veranschaulichung am Automarkt (<a href="http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2001/akerlof-article.html">market for lemons</a>) wurde bereits mit dem Nobelpreis prämiert. Von außen wird dagegen die (alte philosophische) Forderung herangetragen, dass Lippenbekenntnissen auch entsprechende Taten folgen müssten. In diesem Fall: Kundenorientierung müsse nicht nur als Fassade bzw. als Unternehmenswert symbolisch bekundet, sondern auch operativ das Geschäft leiten.</p>
<p>Statt eine der beiden Seiten zu verabsolutieren, kann man auch dem Ökonomen <a href="http://www.cbspress.dk/Visning-af-titel.848.0.html?&amp;cHash=f29eed390f2e0661a5562b5fbc03669a&amp;ean=9788763001069">Nils Brunsson</a> folgend dagegenhalten und feststellen, dass Scheinheiligkeit und ideale Außendarstellung funktional für die Organisation sind. Denn wie man bei den eigenen Kindern merkt, steckt man als Organisation in einem Dilemma: Wenn sie jedem Kundenwunsch hinterher rennen würde – und Kundenwünsche können sehr anspruchsvoll, widersprüchlich und schwankend sein – so würden wahrscheinlich keine Autos, Kredite oder gar Autokredite angeboten und nachgefragt werden. Aber genauso kann man dann als Eltern lernen, dass die Kommunikation von Grenzen nicht immer ehrlich sein muss, aber überzeugend. Und sie muss möglichst offen bleiben. Drohungen führen dagegen zum Gegenteil. Die patzige (wenn auch vielleicht ehrliche) Antwort: Wenn Ihr Kritiker jetzt nicht still seid, dann verkaufen wir morgen eben noch schlechtere Produkte, wird wohl kaum den gewünschten Effekt erzielen. Erfolgreicher ist dagegen die Ablenkung vom Thema (sei es durch neue Veröffentlichung, Auftragsvergabe oder Ankündigungen) oder die Festlegung von klaren Zuständigkeiten (sei es in Form neuer Stellen, Abteilungen oder Tochtergesellschaften) nicht zuletzt mit dem Ziel der genannten Ablenkung.</p>
<p><strong>Von organisationaler zu gesellschaftlicher Legitimation</strong></p>
<p>Dagegen könnte man wiederum reklamieren, dass bei einer solch besonderen Bank mit einem derart elitären oder großen Mitarbeiterstab, unvergleichbaren Geschäftsbeziehungen, langen Erfahrungen und tiefen Wurzeln in der US-amerikanischen Unternehmensgeschichte der Faktor einer ultimativen <em>Systemrelevanz</em> ins Spiel komme. Nicht für staatliche bail-outs – die hätten die Goldmänner auch nicht nötig und würden sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn es jemals dazu kommen würde – sondern für die von Kritikern gern beschworene <em>gesellschaftliche Verantwortung</em>. Wer dieses Buch aufschlägt, wird nicht nur auf Seiten der liberalen Wirtschaftsdenker schnell auf das Friedmansche Zitat stoßen: <em>The only social responsibility of business is to increase its profits</em>. Frei nach dem Segen, wo ein Markt ist, da ist auch die sogenannte (Output-)Legitimation. Die Forderung nach gesellschaftlicher Verantwortung ist gerade in Krisenzeiten medialisier- und politisierbar. Dann wird jedoch nicht nur der Ausfall von Banken plötzlich relevant, sondern jedes Unternehmen mit einem <em>relativ</em> hohen Marktanteil, mit dessen Verschwinden für die soziale Umwelt zu viele (un-)kalkulierbare Folgen verbunden und erinnert würden. Der Steuerzahler darf dann nur noch hoffen, dass sich die Krisen in unterschiedlichen Märkten nicht (weiter) gegenseitig verstärken.</p>
<p><strong>Skandal im Bankbezirk: Empört Euch! </strong></p>
<p>Viel wichtiger als die sachliche Erörterung der vermeintlichen Motive und dessen Folgen ist die öffentliche Entrüstung über die Abweichung: Die Ursachen für die <em>Kommunikation von Lernfähigkeit</em> liegen dabei weniger im vermeintlichen Fehlverhalten, sondern vielmehr in der Sensibilität der anderen für den besagten Fall, der gerade dadurch vom belanglosen Einzel- zum Präzedenzfall aufsteigt. Denn – so bereits die soziologischen Klassiker Emile Durkheim und in Anlehnung daran auch Niklas Luhmann – erst die breite Resonanz und Diskussion darüber macht sichtbar, wo die Grenzen zwischen Normen und Normbrüchen liegen. Während die rechtlichen Schranken oft eindeutig sind, können sich moralische Maßstäbe von Fall zu Fall ändern. Gesetze sind nicht zuletzt verschriftlicht. Geschriebenes Wort lässt sich aber leichter kritisieren als Gesprochenes. Und während das Recht erst im Nachhinein und nur den angeklagten Fall bestraft, vermag die öffentliche Empörung präventive Wirkungen für eine unbestimmte Masse zu entfalten. Zur Verfestigung einer verletzten Norm und zur Abschreckung vor der Nachahmung bedarf es deshalb nicht immer gleich der Verurteilung oder gar der Hinrichtung. Gesellschaftliches Lernen und damit die Kommunikation von Lernfähigkeit ist dann auf unterschiedliche Weise möglich.</p>
<p><strong>Personenmisstrauen kann Systemvertrauen stärken &#8211; und umgekehrt</strong></p>
<p>In seinem F.A.Z.-Text vermerkt Prof. Ingo Pies unter seiner vierten These einen scheinbar paradoxen Effekt von Empörungen: <em>Einerseits erzeugt der Skandal Misstrauen gegenüber einer Person, der Fehlverhalten vorgeworfen wird. Andererseits kann dies zum Aufbau von Systemvertrauen führen, sofern die verletzte Norm institutionell gestärkt wird</em>. Eine weitere These folgert: <em>Je abstrakter bzw. systemischer ein Problem ist, desto weniger skandalisierungsfähig ist es.</em> Mit anderen Worten könnte man sagen, dass nicht jedes Verhalten gleichermaßen auf einen rechtlichen, ökonomischen oder <a href="../../../../../2011/03/28/expertenkommissionen-im-atompolitischen-wahlkampf-%E2%80%93-eine-sichere-%E2%80%9Eregierungstechnik%E2%80%9C-und-ein-kontrollierbares-%E2%80%9Erest-risiko%E2%80%9C/">politischen Resonanzboden</a> fällt. Und: Nicht jedes Verhalten lässt sich auf (Einzel-)Entscheidungen zurückführen. Aber gerade in Zeiten unaufhaltsamen technischen und organisatorischen Machbarkeits- und Optimierungsstrebens werden immer neue Handlungsalternativen erzeugt. Naturkatastrophen werden dann beispielsweise immer häufiger unter dem Schema versäumter Absicherung beobachtbar und entsprechend zum <em>Risiko</em> nicht vorbeugender Entscheidungen. Lernfähigkeit kann man jedoch nur bekunden, wenn sich die beobachteten Schäden auf eigenes Verhalten zurückführen lassen. Ihre verpasste Kommunikation wird dann ebenso zum Risiko der Schadenszurechner (die nicht immer mit ihren Verursachern identisch sein müssen).</p>
<p><strong>Unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation von Lernfähigkeit</strong></p>
<p>Man kann jedoch noch mehr mögliche Folgen unterscheiden. An den Reaktionen auf das Kündigungsschreiben kann man beispielhaft die Kommunikation von Lernfähigkeit a) seitens der Person selbst, b) der Organisation Goldman Sachs und c) der Gesellschaft beobachten. Zunächst ist da Greg Smith, der in seiner schriftlichen Rebellion demonstriert, dem heuchlerischen Verhalten der Mitarbeiter und der Führungsetage gegenüber der Kundschaft nicht länger stillschweigend zusehen zu wollen. Seine Erwartungen an die Integrität und Loyalität wurden enttäuscht, genauso wie die Hoffnung, dass sich dies ändern könnte. Aber diese will er nun ändern.</p>
<p>Repräsentativ für die organisationale Ebene ist die unmittelbare Reaktion der Führungsspitze, die ihren restlichen Mitgliedern das <a href="http://dealbook.nytimes.com/2012/03/14/public-rebuke-of-culture-at-goldman-opens-debate/?nl=todaysheadlines&amp;emc=edit_th_20120315">Bedauern</a> über die <em>öffentliche Entgleisung</em> ihres ehemaligen Kollegen äußert. Eine geschickte Strategie mit der sie versucht, den Fall nicht nur als Sonderfall zu personalisieren, sondern gleichzeitig auch zu pathologisieren. Während sie damit vorerst jegliche Lerngründe abzuwehren suchte, wurden einige Tage später – man mag vermuten aufgrund der enormen medialen Aufmerksamkeit – dann doch die internen Kontrollhebel gezogen. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge scannte die Bank Mitarbeiter-Mails nicht nur nach der entlehnten Wortverwendung, sondern auch nach anderen abfälligen Bemerkungen über Kunden. Offenkundig hat die Bank aus dem letzten Skandal nicht genügend gelernt bzw. ihre Lernfähigkeit nicht glaubwürdig genug kommuniziert. Bereits 2010 mussten führende Mitarbeiter vor dem Kongress bereits Stellung zu Emails abgeben, in denen sie bestimmte Finanzprodukte als <em>shitty deal</em> bezeichneten. Vielleicht war die außergerichtliche Rekordsumme an die SEC dann doch nicht hoch genug? Die Geldsprache hätte die Bank zumindest verstehen können.</p>
<p><strong>Sanktionen müssen nicht zwangsläufig disziplinierend wirken</strong></p>
<p>Eine geschäftsförderliche Unternehmenskultur lässt sich jedoch nicht nur schwer für alle Abteilungen und Standorte gleich im Voraus bestimmen, sondern auch schwer einheitlich formalisieren. Denn: Kundenfreundlichkeit, Ehrlichkeit oder Authentizität lassen sich nicht anordnen und noch weniger überprüfen; sei es direkt von oben, oder über die Rekrutierung noch so diversifizierten, persönlichkeitsstarken oder analytisch hochwertigen Personals. Ethikkurse im Studium oder als berufliche Weiterbildungsmaßnahme für sittenwidrige Manager können zwar auf dem Arbeitsmarkt Signalwirkung entfalten, aber auch dies ist – wenn sie sozial wirksam sein soll – eine <em>kommunikative</em> Leistung. Ob ein Mitarbeiter beim nächsten Bestechungsversuch deshalb professioneller reagiert, ist damit nicht garantiert.</p>
<p>Auch gegenüber der Einführung neuer Regeln ist Erfolgsskepsis geboten. Prominente Einflussmittel wie Unternehmenskampagnen (beispielsweise die Ausschreibung eines <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Financial_Times_and_Goldman_Sachs_Business_Book_of_the_Year_Award"><em>Business Book of the Year Award</em></a>), die Ausschreibung des tüchtigsten Mitarbeiters des Monats oder Gehaltsprämien für von Kunden hoch bewertete Mitarbeiter können sich wiederum <em>unkontrolliert</em> auf die Motivation und Leistung der anderen Mitglieder auswirken. Nicht zuletzt, weil in Betriebswirtschaft, Soziologie oder Organisationspsychologie eine Fülle von Anreizmodellen untersucht, aber ihre nicht-intendierten Nebenfolgen bei der Übertragung in die Praxis regelmäßig verkannt werden. Erfolgskontrolle scheitert dabei nicht selten an der Unmöglichkeit der Erfolgsmessung. Erfahrene Unternehmer wie Esther Dyson wissen: <a href="http://www.ftd.de/it-medien/medien-internet/:top-oekonomen-esther-dyson-wird-das-internet-schliessen/70012218.html">Unterschiedliche Menschen (Mitarbeiter wie Kunden) haben unterschiedliche Präferenzen. Manchmal hat sogar ein und dieselbe Person unterschiedliche Präferenzen.</a></p>
<p><strong>Kommunikation von Reformfähigkeit</strong></p>
<p>Eine nach außen hin überzeugendere Alternative wäre gewesen, die Legitimitätskosten zu steigern und die Änderungserwartung der sozialen Umwelt zu antizipieren bzw. ihr zu folgen. Konkret hätte dies beispielsweise bedeutet, Smith’ Vorgesetzen zu entlassen. Was Kindern verwehrt bleibt – das <a href="../../../../../2008/06/09/ein-kopf-muss-rollen/">Führungspersonal auszuwechseln</a> – ist in der Wirtschaft gang und gebe. Für die Organisation liegt darin die vielleicht einfachste und kostengünstigste Möglichkeit, auf Angriffe von Nicht-(Mehr)-Mitgliedern mit der Kommunikation eines einheitlichen Reformwillens zu reagieren. Die Einführung eines <em>Lead Director</em> bei Goldman Sachs ist dagegen prompt von der Öffentlichkeit als billige Kosmetik entlarvt worden, denn die obersten Spitzen der Bank werden weiterhin in Personalunion geführt und auch die Aufgaben des neuen Directors wurden schon in der Vergangenheit durch den Nominierungsausschuss des Verwaltungsrats übernommen<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>.</p>
<p>Wenn auch die wirtschaftsethische Forderung nach dem Setzen besserer Regeln und effizienterer Anreize keinen Widerhall im Unternehmen findet, so bleiben als letzte Instanzen die Politik und das Rechtssystem, die einzig kollektiv bindende Entscheidungen setzen und ahnden können. Wie Formalisierung und Standardisierung kann jedoch auch Verrechtlichung der Komplexität an möglichen Fehlverhalten nur hinterherlaufen. Und wie auf der Ebene der Organisation gilt für das Recht die Gefahr einer Verbotsinflation (<a href="../../../../../2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/">Hard cases make bad laws</a>). Die Medialisierung und Politisierung der Empörung können dagegen beiden Tendenzen entgegenwirken, und gerade die vorauseilende Kommunikation von Lernfähigkeit vermag ausufernde Rechts- und Organisationskosten zu verhindern. Vielleicht liegt gerade in der Vermeidung der damit verbundenen Bürokratie-, Kontroll- und Steuerausgaben eine bisher wenig beachtete Dimension gesellschaftlicher Verantwortung?</p>
<p><strong>Kommunikation von Lernfähigkeit als Ausdruck sozialer Verantwortung</strong></p>
<p>Die ausbleibende oder halbherzige Kommunikation von Lernfähigkeit seitens Goldman Sachs wird aus dieser Perspektive zur <em>Gefahr</em> für alle anderen, die die Kosten neuer Regulierung(-sdrohungen) tragen. Kinder scheinen in Sachen Eigen- und Fremdverantwortung schneller zu sein, wenn sie ihren Eltern beim zweiten Normbruch ganz freiwillig Besserung geloben und beispielsweise bekunden, nicht noch einmal zu versuchen, allein über die Straße zu laufen. Das Geständnis kommt in weiser Voraussicht der leidigen Erfahrung, dass Verstöße gegen gemachte Vereinbarungen das Regelwerk der Familienordnung oder die Sitzung des Familienrats nicht gerade kürzer werden lassen: Zeit, die man hätte draußen spielen können! Doch wie bei jeder anderen Kommunikation läuft auch bei der <em>Kommunikation von Lernfähigkeit</em> der eingangs genannte <em>Motivverdacht</em> mit – sei es gegenüber dem Kunden oder der Eltern. Gleiches gilt gegenüber dem Partner, der Lehrer oder der Polizei. Auch aus dieser Erkenntnis lässt sich vielleicht für den ausdauernden Leser etwas <em>Lernen</em>?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/galt-museum/5043021830/">Flickr</a> Galt School of Nursing Practical Training)</p>
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<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref">[1]</a> Die Markierung der <em>institutionellen Lernfunktion</em> von Skandalen ist in der gestrigen Ausgabe der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> (Nr. 77, S. 9) von Prof. Ingo Pies anhand von sechs Thesen anschaulich erläutert worden. Der hier verfasste Text greift insbesondere die Unterscheidung von Personen- und Systemvertrauen bzw. Personen- und Systemlernen auf, versucht aber anstatt der Betonung <em>einer institutionellen Lernfunktion</em> die <em>unterschiedlich mögliche Kommunikation von Lernfähigkeit</em> herauszustellen. Diese Umstellung folgt dabei nicht dem impliziten Impetus einer vermeintlich steuerbaren produktiven Skandalisierung durch <em>wirtschaftsethisches Integritätsmanagement</em>. Oder die Autorin hat dessen Mehrwert noch nicht ausreichend verstanden und kommuniziert für diesen Fall vorauseilend ihre Lernfähigkeit, nicht zuletzt um einer möglichen Empörung im soziologischen Skandaldiskurs vorzubeugen.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref">[2]</a> Barbara Schäder, <em>Financial Times Deutschland</em> vom 29.03.2012, S. 2.</p>
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<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Moral der Motive</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Mar 2012 13:26:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henrik Dosdall</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Greg Smiths Goldman Sachs Schelte Am 14. März erschien in der New York Times ein Artikel, in dem der ehemalige Investmentbanker Greg Smith mit seinem wiederum ehemaligen Arbeitgeber, Goldman Sachs, abrechnete. Der Vorwurf, den Smith Goldman Sachs macht und der daraufhin für weltweites Medienecho sorgte, ist simpel: Die Investmentbank versucht losgelöst von Fragen moralischer Integrität [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Greg Smiths Goldman Sachs Schelte</strong></p>
<p>Am 14. März erschien in der New York Times ein <a href="http://www.nytimes.com/2012/03/14/opinion/why-i-am-leaving-goldman-sachs.html?pagewanted=2&amp;_r=2">Artikel</a>, in dem der ehemalige Investmentbanker Greg Smith mit seinem wiederum ehemaligen Arbeitgeber, Goldman Sachs, abrechnete. Der Vorwurf, den Smith Goldman Sachs macht und der daraufhin für weltweites Medienecho sorgte, ist simpel: Die Investmentbank versucht losgelöst von Fragen moralischer Integrität Gewinn zu machen und nimmt dabei in Kauf, dass Produkte verkauft werden, die wissentlich keinen Nutzen für den Kunden haben. In der Negativfassung dieser Aussage formuliert, könnte man sogar meinen, die Produkte haben nicht nur keinen Nutzen, sondern richten darüber hinaus auch Schaden an. Von einem herzlosen Verhältnis zu den Kunden, die „abgezockt“ werden, ist die Rede. O-Ton: “It makes me ill how callously people talk about ripping their clients off”. Letztere würden firmenintern sogar nur als “Muppets” (Deppen) adressiert. Smiths Kalkül, so seine Selbstdarstellung, ist dabei die ultimative Selbstaufopferung verstanden als Kündigung und Inkaufnahme des Risikos auf lange Zeit keinen Job mehr an der Wall Street zu bekommen, um die von ihm hoch geschätzt Investmentbank Goldman Sachs zu einem Kurswechsel zu bewegen.</p>
<p><span id="more-3443"></span></p>
<p>Tags darauf folgte dann ein weiterer <a href="http://dealbook.nytimes.com/2012/03/14/public-rebuke-of-culture-at-goldman-opens-debate/?nl=todaysheadlines&amp;emc=edit_th_20120315">Hauptartikel</a> in der New York Times, der den öffentlichen Tadel der Geschäftspraktiken von Goldman Sachs zum Inhalt hat. Der öffentliche Aufschrei ist groß. Thematisiert werden aber auch andere Motive als die Selbstaufopferung für das größere Gut: mit 500.000$ pro Jahr gehörte Smith – in Relation zu Goldman Sachs Gehältern gesprochen – offensichtlich nicht zu den Großverdienern. Auch hatte Smith als Exekutive Director eine Stelle, die von weiteren 12.000 anderen Mitarbeitern der insgesamt 33.000 Mann starken Firma ebenfalls bekleidet wird<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>. Das Unterstellen unlauterer Motive wie simple Rache aufgrund beruflicher Stagnation wird somit vielleicht nicht offen angedeutet, aber zumindest doch insinuiert. Und auch die Frage, welche Moral man einem Arbeitnehmer zurechnen kann, der seiner Firma – und sei es aus „guten“ Motiven – öffentlichen und mittelfristig wahrscheinlich auch finanziellen Schaden zufügt, drängt sich auf.</p>
<p>Was aber kann man nun soziologisch aus diesem Geschehen ziehen? Zunächst mal die grundsätzliche Anmerkung, dass es – wiederum soziologisch betrachtet – Zeitverschwendung ist, über die „wahren“ Motive von Hr. Smith zu diskutieren. Man kennt sie schlicht nicht und selbst Hr. Smith kann sich als glücklicher Mensch schätzen, sollte er sie denn kennen. Sehr wahrscheinlich scheint dies nicht zu sein. Lenkt man den Blick also in der Folge von der Person weg<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> und auf die massenmediale Diskussion hin, so fällt zunächst auf, dass vor allem im Moralschema argumentiert wird. Es geht um den guten Mitarbeiter, der gegen die unredlich agierende Firma vorgeht. Gleichzeitig ist aber auch sofort erkennbar, dass das beobachtungsleitende Moralschema gut/schlecht paradoxieträchtig ist: die moralisch gute Handlung, verwerfliche Geschäftspraktiken anzuprangern, hat schlecht Folgen – sowohl für die Firma, in deren Interesse Smith seinen Artikel verstanden wissen möchte als auch für ihn selber: Stichwort Arbeitslosigkeit. So bleibt es dem Beobachter überlassen, welche Bewertung er zu Grunde legen möchte: ist Smith nun ein Märtyrer, der das Wohl seines Arbeitgeber über seine eigene ökonomische Absicherung stellt, oder aber fügt er aus Naivität und unlauteren Motiven (Bekanntheit) seinem ehemaligen Arbeitgeber Schaden zu?</p>
<p>Fragt man nun aber nach dem Grund für diese Unentscheidbarkeit, so kann man sicherlich großformatig ansetzen und auf eine Moderne verweisen, die ihren inhärenten Zusammenhalt im Sinne eines einheitlichen Wertehorizontes verloren hat. Verschiedene Wertsphären sedimentieren sich nebeneinander, so dass, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Rationalität nicht mehr zu integrieren sind. Und auch die Moral bietet keine Hilfe mehr, seit man festgestellt hat, dass unter dem Aspekt einer offenen Zukunft betrachtet, auch moralisch gute Handlungen schlechte Folgen haben können. Gleichzeitig muss in Rechnung gestellt werden, dass als direkte Folge dieser gesellschaftlichen Entwicklung jeder Sinn seinen Gegensinn evoziert: wenn niemand mehr weiß, was allgemeingültig richtig ist, weil alles, was kommuniziert wird, aus den verschiedensten Blickwinkeln, die alle ihre Legitimation im Sinne ihrer Faktizität haben, wiederum beobachtet werden kann, gibt es keinen Grund mehr, an getätigten Aussagen <em>nicht</em> zu zweifeln.</p>
<p>Verlässt man nun diese nur angedeutete Abstraktionslage wieder, so kann man zunächst als Ergebnis festhalten: alles, was kommuniziert wird, kann wiederum beobachtet werden und wird somit dem Zweifel ausgesetzt. Aufrichtigkeit, um Niklas Luhmann zu zitieren, ist schlicht und ergreifend nicht mehr zu kommunizieren. Gerade im Kontext der Massenmedien aber, um einen Artikel Klaus Japps zu paraphrasieren, ist die Unterscheidung von Herstellung und Darstellung nicht aus der Gesamtrechnung zu tilgen. Man kann immer, egal bei welchem Thema, fragen, ob die Herstellung einer Aussage – in diesem Fall die Idee Smiths besagten Artikel zu schreiben – ihrer Darstellung (es geht um das Wohl der Firma) entspricht. Und weder noch so hehre Motive noch eine vermeintliche Eindeutigkeit der Sachlage, können die Beobachtung der Kommunikation mit dieser Unterscheidung verhindern, geschweige denn kontingente Interpretationen einfangen.</p>
<p>Was aber ist Greg Smith nun für ein Mensch? Ein Gutmensch, oder jemand, der die maximale Publicity sucht, weil er auf ein Thema (das Diskreditieren von Banken) aufspringt, das aktuell wohl massenmediale Aufmerksamkeit wie kein zweites erregt?<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> Immerhin muss Griechenland schon vor der Staatspleite stehen, um die Banken aus dem Leitartikelblick der großen deutschen Tageszeitungen zu drängen. Und selbst hier sind sie wieder Teil des Themas. Zurück zu unserer Frage: sie ist zu <em>entscheiden.</em> Man kann es im Prinzip machen wie man will: je nachdem woran man glauben möchte. Man muss es halt entscheiden. Und wie man nach Heinz von Förster weiß, ist zu entscheiden so oder so nur, was unentscheidbar ist. Dass 2+2 4 sind, ist keine Entscheidung. Ob ich aber an die tiefe Moralität einer Person glaube oder diese als Nestbeschmutzer stigmatisiere, weil ihr das Committment zum Arbeitgeber abgeht, ist sehr wohl eine Entscheidung.</p>
<p>Man muss sich hier von der Idee verabschieden, man könne ein eindeutiges Urteil fällen. Anders formuliert bietet die Moderne uns die Möglichkeit die zu Grunde liegende Paradoxie, dass Gutes gleichzeitig Schlechtes sein kann, in jede Richtung aufzulösen. Gerade wenn man mitbeobachtet, dass moralische Aussagen anfällig für Fragen ihrer intrinsischen Motivation sind.<a title="" href="#_ftn4">[4]</a> Somit bleibt es dem Beobachter überlassen, wie er sich entscheiden und was er im Sinne des „Sensemaking“ daraufhin als seinen „inneren Glauben“ ausflaggen möchte: den ungebrochenen Optimismus, dass es gute Motive immer noch gibt, oder einen tiefen Pessimismus gegenüber den Beobachterverhältnissen der Moderne.</p>
<p>Auch diese Argumentation, so muss man wohl zwangsläufig im Sinne der Systemtheorie urteilen, kann man anders sehen. Ändern tut dies allerdings nichts.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p>Japp, Klaus Peter, 2010: Risiko und Gefahr. Zum Problem authentischer Kommunikation. In: Büscher, Christian/Japp, Klaus Peter (Hrsg.): Ökologische Aufklärung. 25 Jahre &#8220;Ökologische Kommunikation&#8221;. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.</p>
<p>Luhmann, Niklas, 1984: Soziale Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp</p>
<p>v. Förster, Heinz, 1993: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp</p>
<p>Weick, Karkl E., 1995: Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks: SAGE Publications</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Auch wenn sich hier die Thematisierung wohlklingender Stellenbeschreibungen, hinter denen sich operativ nichts verbirgt, unnachahmlich anbietet, soll es darum an dieser Stelle nicht gehen. Der Gedanke an die Kleider, die Leute machen, ist nichtsdestotrotz ein sich aufdrängender. Trotz des „Exekutive Director“ hatte Smith noch nicht einmal Personalverantwortung. Etwas, dass man in kleineren Unternehmen jedweder Branche auch ohne solche einen klingende Stellenbeschreibung haben kann.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Die, um dies der Vollständigkeit halber anzumerken, ja eh nur als massenmediales Schema auftaucht.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Und wurde der Artikel von der New York Times bezahlt? Und wenn wie gut?</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Und hier soll nur angedeutet werden, dass Motive sich nicht extramundane Eingebungen bilden, sondern auch dem Wechselverhältnis von Kommunikation und Denken unterworfen sind. Für welche Seite man theoretisch hier auch immer optiert – ob man die Kommunikation der Motivbildung vorgelagert betrachtet (Systemtheorie) oder vice versa (Handlungstheorie): das Bedingungsverhältnis an sich ist nicht wegzudiskutieren.</p>
</div>
</div>
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		<title>„Deine Meinung zählt!“</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Feb 2012 19:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
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		<description><![CDATA[Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/17/%e2%80%9edeine-meinung-zahlt/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa/" rel="attachment wp-att-3186"><img class="alignnone  wp-image-3186" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg" alt="" width="648" height="261" /></a></strong></p>
<p style="text-align: left"><strong>Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur um <em>mitmachen und gewinnen</em>, sondern sozial viel folgenreicher: um Achtung, Missachtung und Verachtung.</p>
<p>Früher kannte man Abstimmungsprozesse fast ausnahmslos vom letzten Wahlgang. Heute ist jeder Tag ein <em>Wahltag</em>. Nicht nur die Marktforschungsinstitute veröffentlichen fast täglich neue Stimmungsbilder und Produktbarometer. Im Netz wimmelt es von Befragungstools über den Rücktritt von Politikern, über den neuesten Hit, das coolste Outfit oder die günstigste Krankenversicherung. Während Wahl- und Parteienforschung regelmäßig über sinkende Wählerquoten und wachsende <em>Politikverdrossenheit</em> klagen, kann von <em>Meinungsverdrossenheit</em> keine Rede sein.<span id="more-3182"></span></p>
<p><strong>Von der öffentlichen Meinung</strong></p>
<p>In interaktiv mitbestimmbaren Massenmedien wird es dabei schwer, private und öffentliche Meinung zu trennen. Der <em>Strukturwandel der Öffentlichkeit</em> hat sich gewandelt. Es ist nicht (mehr) das aus der Privatsphäre hervorgetretende, belesene und wohlgeborene Herrenpublikum, das sich in den Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts wahrheits- und vernunftbegabt im potentiell verallgemeinerungsfähigen Diskurs übt, denn: öffentlich bekundete Meinungen von selbsternannten Eliten müssen nicht unbedingt kritischer, intellektueller oder demokratischer sein als andere. Es lässt sich nicht ohne Weiteres von einer Meinung auf die soziale Herkunft schließen.</p>
<p>In den Massenmedien ist dagegen der Name Programm. Sie suchen nach Masse und nicht nach Klasse. Die Klick-, Einschalt- oder Hörerquote zählt und nicht die Qualität der Meinung. Woran sollte sich diese in einer pluralisierten Gesellschaft, die sich von ihren moralischen Fesseln gelöst hat, auch messen lassen? Der Preis für diese Freiheit ist der Verlust wohlgemeinter und wohlgepflegter Werte und Unterscheidungen, wie einst die zwischen Laien- und Expertenmeinungen. Und warum sollte die Diskussion im Salon moralisch gehaltvoller oder politisch verträglicher sein, als die Gespräche im Wirtshaus, beim Telefon-Joker oder im Internetforum? Es gibt gebildete Rassisten und und dumme Pazifisten.</p>
<p><strong>„Sie sind der Meinung das war&#8230;“</strong></p>
<p>Je nach Verbreitungsmedium treten neue Kanäle zum Einfangen der <em>Echtzeit-Responsiveness</em> auf. Verlage lassen in ihrem jeweiligen Erscheinungsturnus Bücher rezensieren, Zeitungen drucken täglich Leserbriefe und Radiosender kann man stündlich anrufen. Wer im Fernsehen von der passiven Publikumsrolle in die aktive Leistungsrolle schlüpfen möchte, braucht Sympathie, Attraktivität, und/oder andere medientaugliche Gesangs- Moderations- und Tanz-Qualifikationen, die auch hier unermüdlich aufs Neue getestet und bewertet werden. Am Neujahrstag twittert <a href="https://twitter.com/#%21/schlenzalot/status/153572631650635776">Schlenzalot</a>: <em>Plan für 2012: Weltfrieden und eine Castingshow für Twitterer</em>.</p>
<p><strong>Werten und Bewerten</strong></p>
<p>Auch online ist Meinung allerorts gefragt. Ob Plattform, Forum oder Blog, stets ist man aufgefordert zu verlinken, zu empfehlen und zu kommentieren. Eine Invasion von Share Buttons, Leserbriefen und Hörzeiten soll helfen die versteckten Präferenzen und Vorlieben der <em>Audienz</em> aufzuspüren. An diesen <em>unsichereren Orten</em> geht es tendenziell zu wie an den Spitzen von Organisationen, die zu allem eine Meinung haben, aber von nichts eine Ahnung. So ist in modernen Massenmedien alles, was sich irgendwie als <em>Meinung</em> qualifiziert – was einen irgendwie anschlussfähigen Beitrag abgibt – begehrt, weil scheinbar wünschens-, wissens- und vermarktungswert. Ständig sollen wir unseren Senf abgeben und ständig scheren auch wir uns um das gemein(t)e Geschwätz anderer Leute. Ganz selbstverständlich fragen wir nach den Bewertungen Dritter über Kunden oder Hersteller und suchen nach den Fixsternen am standardisierten Verbaucher-Himmel names TÜV, Waren- oder Ökotest. Und geht es weniger um klassische Kauf- als um hohe Kreditentscheidungen, orientiert man sich am finsteren Firmament der Finanzmärkte, wo ein unverrückbares 3er-Gestirn von Bonitätswächtern neue Buchstabenkombinationen aufblitzen lässt, um wieder eine<em> unabhängige Meinung</em> unter vielen anzubieten.</p>
<p><strong>Meinung dient der Vermarktung</strong></p>
<p>Meinung abzugeben wird technisch immer einfacher. Der Facebook <em>I like</em>-Button und die <em>Google-Verplussung</em> sind das Tor für ein milliardenschweres <em>Ad Tracking</em>. Die Selbst- und Fremdkommentierungen von Bild-, Text, und Video-Nachrichten werden dank algorithmischer Kategorisierungen dabei zu Selbstverstärkern unerkannter Wünsche und Trends. Allein dass jede Suche und jeder Seitenaufruf im Netz von Google anonym mitgeschrieben wird, erlaubt bereits ganz neue Möglichkeiten bei der Einpreisung von Online-Anzeigen. Auch wenn einer kausalen Gleichschaltung zwischen Werbeinformation und Warenkauf viele kognitive Grenzen gesetzt sind, ihre Auswahl und Darstellung auf der Seitenleiste beeinflusst dennoch irgendwie ganz ungeniert, unautorisiert und unerforscht das, was wir zu meinen scheinen (werden). Und sei es nicht zuletzt als Ärger über eben diese unintelligente Form der Meinungsvermarktung.</p>
<p><strong>Meinungsmärkte handeln zugleich mit Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Technisch sind Meinungen zwar leicht vermittelbar, aber kognitiv und kommunikativ haben sie ihren doppelten Preis: Jeder Klick und jeder Kommentar wird zur festen Währung auf Meinungsmärkten. Im Vergleich zu anderen Konsumgütern wird Meinung in <em>Aufmerksamkeit</em> gemessen. Sie lässt sich ständig losgelöst vom ursprünglichen Produzenten wieder verlinken und verwerten, und dies entlang einer ständig verlängerbaren (Er)-Schöpfungskette. Texte, Videos und Bilder lassen sich millionenfach anklicken, endlos und sinnlos kommentieren. Gerade wer seine Meinung schriftlich preisgibt, wird dann auch kritisierbarer als in mündlicher Kommunikation. Was in Seminaren oder Meetings noch schnell bestritten oder revidiert werden konnte (eben weil keiner mitschreibt oder auf record drückt), kann im digitalisierten Text beim Wort genommen werden. Meinungsmärkte sind deshalb riskant. Sie verlangen von den Beteiligten ein delikates Aushandeln von Selbst- und Fremderwartungen, dem sie sich immer wieder stellen müssen &#8211; wenn es denn nicht gelöscht oder anders verhindert wird.</p>
<p><strong><em>Asoziale</em> Netzwerke</strong></p>
<p>Wie in geselliger Interaktion ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut, das sich sozial, zeitlich und sachlich ungleich verteilt. Wer, wann, und mit wem kommuniziert, kann im Netz jedoch ungleich leichter limitiert, organisiert und vertagt werden. Zutrittsbarrieren lassen sich auf Facebook, LinkedIn &amp; Google+ über die Profil- und Kontoeinstellungen festlegen, die Onlinepresse kann eAbos vergeben und generell ist überall, wo <em>User-Content</em> generiert und genutzt wird, eine Anmelde-Schranke zwischengeschaltet. Während Unterhaltungen schnell wieder in einzelne Zwischengespräche zerfallen, wenn sie kein simultanes Aufmerksamkeitszentrum halten können, kann Aufmerksamkeit im Internet sukessiv auf- und abgebaut werden. Sie kann im Netz damit nicht nur technisch einfacher gesteuert werden, sie ist dort auch einfacher beobachtbar.</p>
<p>Share-Buttons, Statusnachrichten und threads machen Aufmerksamkeit für Meinungen zudem vergleichbar, weil sie messbar und unterscheidbar werden. Klickraten gerinnen zu Themen, die dem öffentlichen Gedächtnis zur Verfügung stehen, da sie ihm helfen zwischen erinnern und vergessen zu unterscheiden. Aber wer auf diesen Märkten keine hohen Werte für seine Meinungen erzielt, gerät dann auch leicht ins Abseits. Denn wer nicht kommentiert, wer nicht retweetet oder empfiehlt, straft seine Autoren mit Nichtbeachtung: Stell Dir vor Du postest eine Nachricht, und keiner liest sie. Stell Dir vor, Du stellst Dateien ins Netz und keiner nutzt sie. Der Entzug und die Gewährung von Aufmerksamkeit hängen dabei eng zusammen mit Fragen der Achtung und Missachtung.</p>
<p><strong>Meinungsinvasion als Ausdruck gesteigerter massenmedialer Konkurrenz</strong></p>
<p>Wenn die Erwartung auf Anschluss und Aufmerksamkeit enttäuscht wird, kann ihre Richtung umschlagen. Ignoranz wird dann zu einem wirksamen Mittel, um andere <em>mit Verachtung</em> zu strafen. Wo es die Möglichkeit zur Meinungskommunikation gibt, da wird Ihr Ausbleiben prekär, denn wer nicht dafür stimmt – sei es per Mausklick, Email, sms oder Telefon – von dem wird das Gegenteil angenommen – sei es gegen die Form oder gegen den Inhalt. Eine unbegründete und unbestimmte <em>Dislike</em>-Information läuft dann ständig implizit mit. Diese Unbestimmtheit kann unerträgliche Erwartungserwartungen provozieren: Wieso ist keiner im Chat? Wieso meldet sich keiner? Wieso wird nicht kommentiert? Öffentliche Meinungskommunikation macht sich dabei immer sichtbarer von der Bewertung Dritter abhängig. Meinungen treten dabei in Wettbewerb um Achtung und Missachtung. Der neurotische Suchzwang nach interaktiven Dritten in den unterschiedlichsten Massenmedien ist damit zugleich auch Spiegel verstärkter Konkurrenz um aufmerksame Beobachter. Und wo sich diese bündeln, da ist auch die ersehnte <em>Relevanz</em>, von der einsame Nutzer, verbissene Unternehmensrivalen und ungekrönte Blogger träumen.</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.mediaculture-online.de/blog/wp-content/uploads/2010/08/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg">Anja Lochner</a>)</p>
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		<title>23 Prozent</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 09:48:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Daily Show zu Foxconn, mit Dank für den Hinweis an Hans Hütt, der dies meinem letzten Text nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="550" height="309" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="src" value="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="base" value="." /><param name="flashvars" value="" /><embed width="550" height="309" type="application/x-shockwave-flash" src="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" base="." flashvars="" /></object></p>
<p>Die <a href="http://www.thedailyshow.com/watch/mon-january-16-2012/fear-factory">Daily Show zu Foxconn</a>, mit Dank für den Hinweis an <a href="http://www.hans-huett.de/">Hans Hütt</a>, der dies meinem <a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/01/supposed-to-be-fair/">letzten Text</a> nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil zutrifft.</p>
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		<title>&#8220;supposed to be fair&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 12:01:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Vergangene Woche fand in Bielefeld eine Tagung mit dem Titel &#8220;Dealing with the Disasters of Others&#8221; statt*. Darin gab es einen Vortrag des britischen Historikers Stephen Mosley über &#8220;Disaster in Slow Motion&#8220;. In englischen Städten starben zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 100 von 100.000 Menschen an Bronchitis, weil die Städte von den Industrieanlagen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3124" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Vergangene Woche fand in Bielefeld eine Tagung mit dem Titel &#8220;<a href="http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/Events/01-2628-Closing_Conference.html">Dealing with the Disasters of Others</a>&#8221; statt*. Darin gab es einen Vortrag des britischen Historikers Stephen Mosley über &#8220;<a href="http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/Events/Closing_Conference_Abstracts/Abstract_Web_Mosley.pdf">Disaster in Slow Motion</a>&#8220;. In englischen Städten starben zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 100 von 100.000 Menschen an Bronchitis, weil die Städte von den Industrieanlagen und privaten Schornsteinen zugequalmt waren. Die Todesrate durch Luftverschmutzung war zwanzig Mal so hoch wie zu gleicher Zeit in anderen europäischen Ländern. Die Luftverschmutzung war fünfmal tödlicher als Krankheiten und Epidemien, um die sich damals die Medizin bereits im industriellen Maßstab kümmerte. 1905 hat man aus Fog und Smoke das Wort <em>Smog</em> geschöpft. Und am interessantesten: Der Zeitgeist hat diesen Zustand honoriert. Auf Panorama-Postkarten wurde der Smog betont, es gab Gedichte über &#8220;schmutzige Städte, die gedeihen&#8221; und den &#8220;profitable dirt&#8221;, weil man sich darauf einigte: &#8220;Where There&#8217;s Smoke, There&#8217;s Money&#8221;.</p>
<p><span id="more-3118"></span>Zur Sozialen Frage gesellte sich also ein Problem, dass einfach in der Luft lag und keinen direkten Schuldigen kannte. Denn es waren hier nicht die Fabrikbesitzer, die ihre Arbeiter ins Verderben schickten, sondern eben auch die Frauen zuhause, die, insbesondere montags, zum Waschtag, das Übel verursachten. Erst nach und nach fand ein Besinnungswandel statt. Die Gewerkschaften riefen die <em>working class</em> zu Veranstaltungen in Gemeindehäusern zusammen um sie darüber aufzuklären, welche gesundheitlichen Folgen der Smog hat und wie man sich vor ihm schützt. Die Aushänge unterscheiden sich nur in der Aufmachung von heutigen Aufrufen zu Veranstaltungen, die über Atomanlagen und Fluglärm aufklären.</p>
<p>Was wurde in den letzten einhundert Jahren erreicht? Die zweite Soziale Frage, die heutige Katastrophe der <em>working class</em>, gibt es (für uns) nur noch virtuell. Der Lebensstandard unserer &#8220;Wissensgesellschaft&#8221; ruht noch immer auf Ausbeutung und der Nichtbeachtung vieler Facetten der Menschenwürde. Nur handelt es sich diesmal um die Katastrophe der anderen. Rechnerisch kommen wahrscheinlich auf zehn Technikkäufer in Europa ein Arbeitssklave in China. Auf jeden millionenschweren Softwareartisten in Amerika kommen einhundert kasernierte Hardewarebauer. Und wahrscheinlich verdient jeder der maßgeblich an der Kreation beteiligt ist mehr als alle, die die Geräte zusammenbauen, zusammen. Und das Zahlenverhältnis ist wahrscheinlich irgendwo bei 1 zu 100.000 zu verorten. 13 Mrd. Quartalsgewinn (Apple) macht, bei geschätzten 100.000 Foxconn-Mitarbeitern (Apple-Anteil), ein Jahresgewinn pro Person von etwa einer halben Million Dollar. Könnte man 10% davon als Lohn für Arbeit an die Menschen weitergeben? Nein, das macht man nicht.</p>
<p>Folgt man der Diskussion, gibt es dafür auch gute Gründe. Man kann Menschen, die 18 Stunden am Tag ohne Tageslicht und mit gefährlichen Substanzen arbeiten das Geld nicht geben weil… Weil es <em>nicht üblich</em> ist. Es ist nicht nur eine Katastrophe der anderen, sondern auch eine in slow motion. Alle wissen bescheid, alles bleibt wie es ist. Die <a href="http://mobilemacs.de/2012/01/mm079-folgen-heist-maul-halten.html">deutschen Apple-Fanboys</a> werden zu dem komplizierten Argumentationsstunt gezwungen die übliche &#8220;Apple ist besser, schöner und vor allem ganz anders&#8221;-Semantik in eine &#8220;Nicht nur Apple&#8221;-Rhetorik zu biegen. Doch <em>gerade</em> hier gilt, dass Apple hervorsticht. Apple war Vorreiter aller Entwicklungen, die derzeit in der Technologiebranche beobachtbar sind und dazu zählt auch die Deindustrialisierung der Entwicklerstandorte und die Kasernierung der Handarbeiter am anderen Ende der Welt.</p>
<p>Während die deutschen Apple-Fanboys (namentlich Tim Pritlove, <a href="http://mobilemacs.de/">mobilemacs</a> und Martin Pittenauer, <a href="http://fanbóys.org/">fanbóys</a>) für ihren amerikanischen Podcast-Kollegen <a href="https://www.google.com/search?q=john+c+dvorak">John C. Dvorak</a> nur Hohn und Spott übrig haben, fiel dieser <a href="http://twit.tv/show/this-week-in-tech/338">jüngst</a> einer jungen Amerikanerin, die in erstaunlichem Ausmaß mit deutschem Zynismus ausgestattet ist, mit dem bemerkenswerten Satz ins Wort: &#8220;Capitalism is supposed to be fair!&#8221;</p>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/36009825?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" frameborder="0" width="549" height="309"></iframe></p>
<p>Nun kann man sich darüber streiten, ob er recht hat und wie man Moral und Achtung auch in Chinas Wirtschaft installieren kann. Doch man sollte die Zeit nicht weiter verschwenden. In allen großen Firmen, die hier mitschuldig sind, sitzen Menschen, die sehr genau beobachten wie man im Internet und sonst überall über sie spricht und die Veränderung setzt umso schneller ein, desto zügiger man den Zynismus ablegt! Auch Tim Pritlove trägt Verantwortung und es ist nicht schwer, in einem Podcast mal kurz zu sagen: &#8220;Was Apple macht, ist falsch und sollte geändert werden. Möglichst bald.&#8221;</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/alatryste/5215377570/in/photostream/">Alatryste</a>)</em></p>
<p>* <em>Besprechung von mir heute in der F.A.Z.</em></p>
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		<title>Burn-Out-Diagnosen</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/07/burn-out-diagnosen/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 17:10:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Blues]]></category>
		<category><![CDATA[Burn-Out]]></category>
		<category><![CDATA[Indifferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Mitgliedschaftsbedingung]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeichneten Phänomens: Burn-Out. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als Rezept gegen die neue Volkskrankheit wird ein Cry-Out verschrieben. Empört Euch! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2776" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-07-um-5.33.53-PM.png" alt="" width="649" height="249" /></p>
<p><strong>Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg<br />
</strong></p>
<p><strong></strong>Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeic<span style="color: #000000">hneten Phänomens: <em>Burn-Out</em>. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als R</span>ezept gegen die <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/burnout-trailer/">neue Volkskrankheit</a> wird ein <em>Cry-Out</em> verschrieben. <a href="http://www.amazon.de/Emp%C3%B6rt-Euch-St%C3%A9phane-Hessel/dp/3550088833/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1323268730&amp;sr=1-1">Empört Euch!</a> gegenüber einer profit- und skandalgeilen Gesellschaft, die den kapitalistischen Raubbau an der Marke Arbeitskraft salonfähig gemacht hat.</p>
<p><span id="more-2770"></span></p>
<p>Wer auf dieser Ebene unkontrolliert weiter argumentiert, der mag vermutlich auch in einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791114,00.html">eruptiven Entschleunigung</a> ein Mittel ihrer Beeinflussung sehen. Und da <em>die</em> Gesellschaft, <em>die</em> Politik oder <em>die</em> Wirtschaft keine Adresse haben, wird dann auch versucht, sie als <em>Ganze</em> zu reformieren oder zu lähmen. Aber ohne Adresse verläuft der vermeintliche Protest ins Leere und wird sogar selbst von seiner ebenso vermeintlichen Gönnerschaft als <em>unbelesen</em> ignoriert.</p>
<p>Herkömmliche Mittel gegen das <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/2011-10/burnout-zwischenruf">systemische Problem</a></em> setzen dagegen am Individuum an: Pilates und Yoga, Obst und Gemüse, Wellness und Spa-Kur, Verhaltens- und Psychotherapie sollen die Leistungsfähigkeit wieder herstellbar und weiter abrufbar halten. Während der gesellschaftstheoretische Zugang zum Problem der Individualisierung des Arbeitsrisikos jedoch überkomplex ist, fällt die individualpsychologische Betrachtung entsprechend unterkomplex aus. Letztere rückt <em>Burn-Out</em> einzig eng in das Licht bzw. Dunkel gängiger Stressphänomene: Nämlich dem Dilemma, dass Stress subjektiv ist und jeder Versuch ihn beseitigen zu wollen (noch mehr) Stress verursachen kann. Entspannung, Anspannung und Erschöpfung vermischen dann genauso wie Arbeits- und Freizeitstress. Worüber wird dann eigentlich noch Neues diskutiert?</p>
<p><strong>Was ist krank und was ist normal?</strong></p>
<p>Und woran leidet dann überhaupt <em>die Gesellschaft</em> oder <em>das Individuum</em>? Einfach nur an den bekannten Nebenwirkungen des Wohlstands, wie Müdigkeit, Depression, Aggression, Lethargie? Oder ist die Beobachtung neu, weil diese Erscheinungen in einem reichen (wenn auch ungleich verteilten) Industriestaat immer noch bestehen? Vielleicht müsste man wieder darüber nachdenken, wieviel Krankheit normal ist und wieviel Normalität krank macht? <a href="http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Normalen-Seelenkunde/dp/3579068792">Manfred Lütz&#8217;</a> Antwort darauf ist zunächst einleuchtend: <em>Ob jemand leidet, ist das Entscheidende, ob er in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.</em> Wer kommunikationsfähig ist, d.h. wer zuhören kann, wer erziehen kann, wer zahlen kann, der kann dann nicht (zumindest nicht sozial sichtbar) chronisch krank sein. Wer wirklich psychisch krank ist, kann dann auch nicht (mehr) ausgebrannt sein. Symptomatisch sind <em>Burn-Out</em>-Erscheinungen deshalb von psychischen Erkrankungen (insbesondere von diversen Depressionsformen) zu unterscheiden.</p>
<p>Wer kommunikationsfähig ist, ist dagegen protestfähig. Aufsehen und Aufmerksamkeit erlangen nicht die wirklich armen, kranken und erschöpften (oder kränkeren, ärmeren oder ausgebrannteren). Ihnen fehlt schier die Zeit, das Geld und die Kraft sich gegen sich selbst oder eine Gesellschaft aufzulehnen. Aber soll man denn so lange warten, bis man arm und krank ist, könnten Zyniker entgegnen. Im Gegensatz zu reproduzierten Ungleichheiten und chronischen Krankheiten, scheint ein <em>Arbeits-Blues</em> behandelbar. Die eigenen Anpassungs- und Änderungsmöglichkeiten sind erloschen, können aber wieder mobilisiert werden.</p>
<p><strong>Angebot schafft Nachfrage?</strong></p>
<p>Sieht man sich einige <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/ausgebrannt/">öffentlich interviewte Fälle</a> an, so begegnet man bekannten Gesichtern, die sich einst auch an einer Depression leidend bekannt hatten. Dabei vermischen sich die Diagnosen. Ein <em>Burn-Outin</em>g scheint aber derzeit medial anerkannter zu sein, da man für den Leistungs- und Beliebtheitsdruck wie für seine sexuelle Orientierung schwer verantwortlich gemacht werden kann. Angesichts der symptomatischen und definitorischen Ungeklärtheiten in der medialen Berichterstattung bekommen die aufklärerischen Anliegen von Profisportlern, Managern und Prominenten ein Geschmäckle und stehen in einem eher unglaubwürdigen Rampenlicht. Das Mitleid war zu öffentlich und wiederum zu profitgierig. Der kapitalistische Konsumkreis scheint dann wieder geschlossen: <em>Burn-Out</em> als ein Skandalisierungs- und Bereicherungsprodukt für Medien-, Freizeit-, Pharma- und Coachingindustrie? Wurden die Kapitalismusgegner und Gesellschaftskritiker erneut getäuscht?</p>
<p><strong>Zwischen Psychologisierung, Philosophierung und Politisierung</strong></p>
<p>Auch die Wissenschaft trägt in dem genannten Konsumkreislauf regelmäßig zur Besetzung neuer Kampfbegriffe, alter Wertedebatten und noch älterer Moralpredigten bei: Entscheidungsgesellschaft, (Welt-)Risikogesellschaft und neuerdings die <a href="http://wirtschaft.pr-gateway.de/lob-des-lassens/">Yes-We-Can-Gesellschaft</a> sind populäre Zeitdiagnosen, mit denen sich eine ganze Nation auf ein Zentralphänomen reduzieren und stigmatisieren lässt. Zeitdiagnosen als Sündenbock sind einfach und wirken deshalb kognitiv entlastend. Sie machen die Komplexität der Welt verarbeitbar, indem sie Vorurteile bestätigen. Aber instruktiv sind sie für den Einzelnen nicht. Eigentlich gegenläufige Zeitdiagnosen wie die Erlebnis-, Spaß-, oder Ich-Gesellschaft liegen für kurze Zeit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle – so als ob es keine Arbeitsformen gäbe, die nicht selbst (wenn auch individuell unterschiedlich) motivierend, sinn- und identitässtiftend sein könnten?</p>
<p><strong></strong>Tiefergrabende philosophische Erklärungen versuchen dann die widersprüchlichen Trends zwischen Ego-Taktikern und Hyper-Arbeitsgesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen: <em>Problematisch werde es, wenn Menschen in der Sucht nach beruflicher Anerkennung die Selbstausbeutung mit Genuss verwechseln – und als Folge davon wirklichen Genuss gar nicht mehr empfinden können</em>, so die Philosophin Svenja Flaßpöhler im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1609554/">Deutschlandfunk-Gespräch</a> über ihr Buch <a href="http://www.amazon.de/Wir-Genussarbeiter-Freiheit-Zwang-Leistungsgesellschaft/dp/3421044627">Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft</a>.</p>
<p><strong><strong>Plädoyer für eine dritte Betrachtungsebene </strong></strong></p>
<p>Ohne weder den Einzelfall noch die Gesellschaft als Ganze beurteilen zu können, ist aus soziologischer Sicht die Einbeziehung einer dritten Ebene – neben Individuum und Gesellschaft hilfreich – die zwar kompliziert erscheint, aber vielleicht gerade auch deshalb die genannte Popularität und Dominanz bisheriger Zugänge zum Phänomen erklärt.</p>
<p>Wenn derzeit über <em>Burn-Out</em> gesprochen wird, dann vermengen sich Namen öffentlicher Protagonisten mit den Zahlen und Werten ganzer Berufsfelder. Aber das Medienleben von Leistungssportlern, Managern und Prominenten hat wenig gemeinsam mit dem Arbeitsalltag von Krankenhaus-ÄrztInnen, LehrerInnen oder SupermarktverkäuferInnen. Die Frage muss gestellt werden: Wären die körperlichen und seelischen Veränderungen auch ohne die Anstellung in jener Organisation bzw. in jenem Unternehmen auffällig und problematisch geworden? Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist in konsumverwöhnten Industriegesellschaften auf den Kopf gestellt. Soziale Anerkennung ist aber kein neuer Gesellschaftstrend und auch keine anthropologische Konstante, sondern erst <em>in</em> und <em>durch</em> das Aufkommen von unterschiedlichen Rollen und Organisationen möglich.</p>
<p><strong>Das System der Arbeit heißt Organisation</strong></p>
<p>Im Gegensatz zur Gesellschaft haben Organisationen eine Adresse. Freiheit und Zwang sind abstrakte Begriffe, aber der Arbeitgeber A, die Bank B, die Consulting C oder der Discounter D sind es nicht. Der Blick auf diese Ebene kann aufzeigen, dass Gewalt in Organisationen nicht erst beim Militär, der Mafia oder der Polizei beginnen muss. Gewalt kann auch subtiler sein: Kopf- und Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind nicht leicht zurechenbar und nicht immer sichtbar, aber gerade deshalb auch schwer vergleichbar.</p>
<p>Die fokussierte Skandalisierung des Einzelnen oder der Gesellschaft verdecken jedoch den Blick auf interne Konflikte in den jeweiligen Organisationen. Ohne diese im Vorfeld benennen oder erkennen zu können, hat man ihre Duldung aber selbst mit seiner Unterschrift zugestimmt. Die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen bestimmter Organisationen lassen sich weniger als rein verschwörerische Ausbeutungsmaschinerie noch als plötzliche Pathologie erklären. Zumindest in Deutschland besteht ein Grundrecht auf freie Berufswahl (GG Art. 12). Ein soziales Recht auf Arbeit ist dagegen nicht einklagbar. Der Eintritt in Organisationen ist damit auf beiden Seiten – für Arbeitgeber und Arbeitnehmer – freiwillig. Eine offene Rebellion in Organisationen ist aufgrund eben dieser Freiwilligkeit des Eintritts auch schwer vermittelbar und verständlich.</p>
<p><strong>Ausweitung der Zumutbarkeitszone</strong></p>
<p>Der Eintritt in eine Organisation vollzieht sich durch die Unterschrift eines Arbeitsvertrages. Im Vertrag selbst steht nichts von Ausbeutung, von immenser Arbeitsbelastung am Jahresende, von Extraaufgaben bei Einstellungsstop, den Bedingungen für eine Beförderung oder für eine Gehaltserhöhung. Der Vertrag formuliert keinen eindeutigen Anforderungskatalog. Wenn jeder Handgriff, jede Aufgabe und jedes Projekt im Voraus prognostizierbar oder programmierbar wären, würden Vertragstexte ins Unendliche ausufern. Im Gegensatz zur Projektarbeit auf Honorarbasis, erkauft die Organisation mit einem Arbeitsvertrag damit eine größtenteils unspezifische Leistung(-sbereitschaft).</p>
<p>In diesem Sinne enthält der Arbeitsvertrag einen Blankoscheck für die Akzeptanz fremder (noch zu bestimmender) Entscheidungen. Für die Organisation ist dieser Vertrauensvorschuss funktional, denn Vorgesetzte müssen ihren MitarbeiterInnen nicht ständig zu unwahrscheinlichem Verhalten motivieren oder ihnen Befehle erteilen, sondern können flexible Sachentscheidungen fällen. Als Organisationsmitglied antizipiert man selbst, was in seinem Anforderungs- und Zumutbarkeitsbereich liegt und welche Informationen man wie und wann zu bearbeiten hat, ohne dass der Chef ständig auf die Finger guckt oder klascht.</p>
<p><strong>Ungebremste Latenz wechselseitiger Fremd- und Selbsterwartung<br />
</strong></p>
<p>Der US-amerikanische Management-Theoretiker Chester Barnard bezeichnet diesen Grad an schwer verweigerbaren und vorauseilenden Generalgehorsam als <em>Indifferenzzone</em>. Er benennt damit jene Erwartungen, denen sich die Mitglieder der Organisation indifferent bzw. unkritisch gegenüber verhalten (müssen), wenn sie nicht die Kündigung riskieren oder befördert werden wollen. Eine möglichst große Indifferenzzone erlaubt der Organisation eine breite Anpassung an neue Veränderungen in der Umwelt und damit verbundene Unsicherheiten. Aus welcher genauen Selbstmotivation sich diese Indifferenz speist, kann weder eindeutig geklärt noch gesteuert werden. Möglichkeiten sie auszuweiten gibt es viele.</p>
<p>Was von der klassischen Managementlehre oft übersehen wird, ist, dass man zur Konfliktvermeidung nicht nur die Erwartungen des Vorgesetzten, sondern auch der Teamkollegen, der Zuarbeiter oder des Sekretärs implizit akzeptiert. Solange die damit verbundenen Erwartungen keinen offenen Widerspruch gegen die Vertragsregeln beinhalten, hat man sich ihnen zu fügen. Neben den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind es zudem auch sogenannte informelle Regeln &#8211; die bekannten ungeschriebenen Gesetze &#8211; die einem das Leben in einer Organisation schwer machen können.</p>
<p>Wenn die Erwartungslast unerträglich wird und sich eine immer tieferziehende Spirale aus eigenen und fremden Erwartungen bildet, sollte man die Organisation schleunigst wechseln, bevor man Lust, Laune und Leistungsvermögen verliert. Gerade weil der Zumutbarkeitsbereich oft unbestimmt und latent bleibt &#8211; und deshalb schwer in jeder Situation explizit ausgehandelt werden kann &#8211; ist man als Arbeitnehmer in der Verantwortung, die selbsterlegten Fesseln auch wieder zu sprengen. Neben <em>Voice</em> und <em>Loyality</em>, gibt es die unterschätzte Option des <em>Exit</em>. Ein Organisationswechsel muss dabei nicht immer eine schlechtere Alternative sein, denn oft sind die Verlierer und Aussteiger von heute die Einsteiger und Gewinner von morgen, die sich aus einem <em>burn-out</em> befreien und dabei zu einem <em>burn-in </em>finden. Zu diesen stillen oder lauten Organisationswechslern müssen nicht nur bekannte Unternehmer, Schriftsteller und Künstler gehören. <em>There are many Steves in the world</em>.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen<br />
</strong></p>
<p>Barnard, Chester I. 1938. The Functions of the Executive. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Hirschman, Albert O. 1970. Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1995. Funktionen und Folgen formaler Organisation. 4. Aufl. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
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		<title>Spenden verpackt als moderne Kaufgeschenke</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/10/31/spenden-als-moderne-kaufgeschenke/</link>
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		<pubDate>Mon, 31 Oct 2011 22:38:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Oxfam]]></category>
		<category><![CDATA[Schenken]]></category>
		<category><![CDATA[Spenden]]></category>
		<category><![CDATA[Tausch]]></category>

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		<description><![CDATA[Winterzeit ist Spendenzeit. Aber was und wie spendet man eigentlich? Ob Geld- oder Sachspende, der Zweck soll im Helfen liegen. Und wie spendet man Hilfe? Wer sich mit Spendenhilfe beschäftigt oder aufmerksamen Blickes Veränderungen in den Einkaufsstraßen seiner Stadt beobachtet, trifft neuer- oder späterdings auf das Phänomen Oxfam. Oxfam Shops sind laut Selbstbeschreibung Secondhand-Läden, in denen ehrenamtliche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/10/31/spenden-als-moderne-kaufgeschenke/bildschirmfoto-2011-11-01-um-2-05-55-am/" rel="attachment wp-att-2508"><img class="wp-image-2508 alignleft" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/10/Bildschirmfoto-2011-11-01-um-2.05.55-AM-550x242.png" alt="" width="656" height="250" /></a>Winterzeit ist Spendenzeit. Aber was und wie spendet man eigentlich? Ob Geld- oder Sachspende, der Zweck soll im <em>Helfen</em> liegen. Und wie spendet man Hilfe?</p>
<p>Wer sich mit Spendenhilfe beschäftigt oder aufmerksamen Blickes Veränderungen in den Einkaufsstraßen seiner Stadt beobachtet, trifft neuer- oder späterdings auf das Phänomen <em>Oxfam</em>. Oxfam Shops sind laut Selbstbeschreibung Secondhand-Läden, in denen ehrenamtliche MitarbeiterInnen gespendete Waren sortieren, auspreisen und verkaufen. Die Frage <em>Würde ich die Ware selbst kaufen?</em> soll dabei ein hilfreiches Qualitätskriterium für die Sachspende sein. Zum Verkauf stehen neben Kleidung auch gebrauchte Bücher und Multimedia-Waren.</p>
<p><span id="more-2501"></span><strong>Zwischen Secondhand und Fair Trade</strong></p>
<p>Besucher dieser Shops können neben den gespendeten Artikeln auch Produkte aus dem Fairem Handel erwerben und sich darüber hinaus über die <em>Steuer gegen Armut</em> informieren sowie für deren Einführung unterschreiben. Für diese Verbindung aus Eine-Welt und Secondhand-Laden engagieren sich in Deutschland bereits mehr als 2.300 ehrenamtliche MitarbeiterInnen in 38 Städten. Was hierzulande in den 1990er begann, blickt in Großbritannien auf eine über 60-jährige Geschichte zurück, die derzeit mehr als 800 Shops zählt.</p>
<p>Wer keinen Oxfam-Shop in seiner Stadt findet, kann sich online umsehen und trifft dabei nicht nur auf vintage, rags, books &amp; Co., sondern bei <em>Oxfam Unverpackt</em> auch auf <em>EinZiegartige</em> <em>Geschenke</em>. Neben der tierischen Verkaufsware wie Schaf, Ziege, Huhn und Esel stehen hier auch Saatgut, Nahrungspakete, Schulbücher, Brunnen, Medikamente, Kondome, Klassenzimmer, Fahrrad, Fußball, Moskitonetz, Wäsche oder eine Latrine zur Auswahl.</p>
<p><strong>Spendenzweck <em>unverpackt</em></strong></p>
<p>Was ist das Einzigartige an <em>Oxfam Unverpackt</em>? Was unterscheidet diese Geschäftsidee von herkömmlichen Produzenten der <em>Hilfsindustrie</em>, die wie andere so genannte NGOs auf die Akquise von zweckgebundenen Geldspenden und damit auf Zahlungen Dritter angewiesen sind?</p>
<p>Oxfam Unverpackt nimmt mit ihrer außergewöhnlich pragmatischen Produktpalette zunächst eine klassische Hürde bei der Einwerbung von Spenden: Gewöhnlich bezieht sich die Zweckgebundenheit bei Hilfsspenden auf eine bestimmte Region und die allgemeine Betroffenheit der dort lebenden Bevölkerung. Bei <em>Oxfam Unverpackt</em> verweist die Spende dagegen auf den konkreten Bedarf, vor dem ein ebenso konkreter Preis steht. Dieser Preis unterscheidet sich von anderen Einkaufspreisen nur durch die fehlende Nachkommastelle.</p>
<p><strong>Die Spende <em>verpackt</em> als Geschenkartikel</strong></p>
<p>Der Internetnutzer sieht sich auf der Shop-Seite zudem weder mit Hungerbäuchen noch leeren Essensschalen konfrontiert, sondern stößt beim Stöbern nach Geschenkartikeln auf muntere Produktbeschreibungen. Die <em>Geldspende als virtueller Geschenkartikel</em> wird dabei zum persönlichen Shopping-Erlebnis. Statt Moral und Mitleid wirken hier die Annehmlichkeiten des Einkaufens: Im Gegensatz zu herkömmlichen Hilfsorganisationen wird bei Oxfam Unverpackt der Akt des Spendens weniger als ein Geschenk für Opfer und Bedürftige aufgezwungen, sondern optisch und verbal als <em>EinKau</em>f für sich selbst präsentiert. Der Unterschied zwischen Schenken und Kaufen wird kaschiert und sich dabei der Vorteile beider Handlungen bedient.</p>
<p><strong>Spenden tritt in den Hintergrund des Kaufens</strong></p>
<p>Auch andere Hilfsorganisationen haben Geschenk-Kataloge in ihren Online-Shops, jedoch bilden diese im Vergleich zur Geldspende das Nebengeschäft. Der Käufer erhält einen materiellen Gegenwert in Form von Weihnachtskarten, Büchern, Anhängern, Federmappen, Taschen und was man sonst noch eigentlich nicht kaufen würde, weil man es nicht unbedingt braucht. Die Spenden bei <em>Oxfam Unverpackt</em> sind dagegen als Geschenkartikel <em>verpackt</em>. Geschenk-Katalog und Geldspende werden hier in einem Kaufakt zusammengeführt.</p>
<p>Für den Kauf einer Ziege erhält der Spender als Gegenleistung eben keine Ziege, sondern einen Kühlschrank-Magnet. Sein materieller Nutzen fällt damit symbolisch aus. Die Geldzahlung wirkt jedoch doppelt – als Sachspende an unbekannte Dritte<em> und</em> als Kauf eines Geschenks an sich selbst oder bekannte Dritte. Der Effekt: Die eigentliche Werbung um Spenden für Dritte ist zugleich die Suche nach einem persönlichen Kaufgeschenk für sich selbst und andere: Ich möchte die Ziege, Du bekommst den Esel&#8230; Entsprechend ist die Wirkung der Spendenquittung. Der Magnet am Kühlschrank ist im Freundeskreis und für sich selbst sichtbarer als der Beleg im Finanzamt-Ordner. Die Spende an Dritte dient damit zugleich der individuellen Selbst- und Fremddarstellung gegenüber den bekannten anderen.</p>
<p><strong>Schenken verpflichtet &#8211; Kaufen nicht</strong></p>
<p>Dass eine Sachspende seine soziale Wirksamkeit als Kaufgeschenk entfalten kann, ist historisch hoch voraussetzungsvoll und beruht auf der Verflechtung von Geldwirtschaft und Tauschhandel. Lange bevor mit Geld bezahlt werden konnte, wurden Gaben getauscht. Welche Eigenheiten bestimmte Stämme beim Gabentausch entwickelten und wie die Produkte der Geldwirtschaft die kulturellen Besonderheiten des Warentausches beeinflussen, dokumentieren die berühmten Untersuchungen von Bronisław Malinowski über den Kula-Tausch in Nordamerika oder die Beschreibungen von Marcel Mauss über das Potlatch-Fest auf Indonesien. Im Gegensatz zum anonymen Geldgeschäft, übt der Gabentausch eine oft latente soziale Kontrolle aus. Während Schenken zur Gegenseitigkeit verpflichtet, befreit Kaufen gerade von dieser. Die Unnehmlichkeiten des Schenkens werden dabei umgangen.</p>
<p>Die Erwartung einer Gegengabe mögen vielleicht auch Kate und William bei ihrer Hochzeit gefürchtet haben als sie ihre Gäste baten, von Geschenken abzusehen und stattdessen an Dritte zu spenden. Das Brautpaar hat damit nicht nur sein liberales Image bestärkt, sondern sich auch das aufwändige Schreiben von Danksagungen <em>erspart</em>, dem sich Charles und Diana noch abendlich auf der Hochzeitsreise widmen mussten.</p>
<p>Es ist gerade diese persönliche Bindung, die beim Geschenk-Kauf entfällt und die eine ungeahnte Spendenwirkung zu entfalten vermag. Die Spende verpackt als <em>Selbstgeschenk</em> umgeht die Vorstellung, dass sich die Geber-Motivation nur aus einseitiger <em>Opferhilfe</em> speise. Spendenwerbung mittels Geschenkartikel-Marketing orientiert sich dagegen nicht nur am Bedarf der Nehmer, sondern auch an den Selbstdarstellungs-, Freiheits- und Konsumbedürfnissen der Geber. <em>Oxfam Unverpackt</em> hat es geschafft, sich diese Verbindung zu Nutze zu machen.</p>
<p>Bild:<a href="http://www.oxfamunverpackt.de/"> oxfam unverpackt</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Situationsdefinitionen auf Finanzmärkten</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 11:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Börsencrash]]></category>
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		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Prophezeiung]]></category>

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		<description><![CDATA[Produktive und destruktive Momente verunsichernden Erwartungserwartungen Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie [...]]]></description>
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<p><strong>Produktive und destruktive Momente verunsichernden Erwartungserwartungen</strong></p>
</div>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/beautifulproph/" rel="attachment wp-att-2212"><img class="alignnone  wp-image-2212" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/beautifulproph-550x275.jpg" alt="" width="635" height="275" /></a></p>
<p>Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie gleichzeitig die Orders auf dem Finanzparkett. Dort war von Chaos, Crash und Craziness zu lesen.</p>
<p><span id="more-2169"></span><strong>Kurskorrektur statt Geldvernichtung</strong></p>
<p>2,5 Billionen Dollar seien in der letzten Woche <em>vernichtet</em> worden, berichteten die Tagesthemen. Das würde dem Bruttoinlandsprodukt Frankreichs entsprechen, schrieben diverse Onlineblätter unisono. Allem Ärger zum Trotz hinkt jedoch dieser Vergleich zwischen <em>Wall Street</em> und <em>Main Street</em>: Kursverluste auf den Kapitalmärkten sind keine Wertschöpfungsverluste, sondern spiegeln Preisdifferenzen von Zahlungsversprechungen gegenüber Finanzprodukten wider. Wer tatsächlich wie viel Geld verloren und wer (beispielsweise auf fallende Kurse setzte und) dabei Gewinne gemacht hat, ist weder der Volatilität noch der Volumina zu entnehmen. Der Kapitalmarkt ist auch in dieser Hinsicht nicht informationseffizient. Die Eigentumstitel und ihre Nominalwerte sind unverändert (knapp), sie haben nur ihren Besitzer und ihren Preis gewechselt. Das Nullsummenspiel der Märkte wurde damit nicht aus<em>gehebelt.</em> Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zu Ende. <em></em></p>
<p><strong>Politische Zeit unterläuft Marktzeit</strong></p>
<p>Drei Meldungen seien für die Börsenturbulenz ausschlaggebend gewesen. Die Schuldenkrise in den USA, der EU und die (damit irgendwie verkettete) weltweite Konjunkturerwartung. Eine vierte Nachricht habe dann noch mehr Sand ins Börsengetriebe geworfen als am Donnerstag EU-Kommissionspräsident Barroso in einem Schreiben an die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone eine deutliche Aufstockung des Rettungsfonds EFSF forderte. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Politik mit ihren Entscheidungen chronisch hinter der potenzierten Zeit der Finanzmärkte hinterher läuft. Doch so sehr sie sich in den letzten (Urlaubs-)Wochen um Sparprogramme, Rettungspakete, Umschuldungen und letztlich auch um eine Beruhigung der Märkte bemüht hatte, so sehr wurde diese eine (noch nicht kollektiv bindende) Nachricht für die allgemeine Verunsicherung verantwortlich gemacht.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung</strong></p>
<p>Die genannten Meldungen sind jedoch keine wirklich neuen Neuigkeiten. <em>Die Mehr</em> der Staatsschulden ist seit Monaten bekannt. Selbst die Herabstufung der Bonitätsbewertung der USA seitens Standard &amp; Poor’s sollte zumindest weder für Politiker noch für institutionelle Anleger eine Überraschung gewesen sein – hatten die Agenturen doch in der Vergangenheit allzu oft eine <em>just in time</em> Anpassung versäumt. Die Talfahrt scheint vor diesem Hintergrund weniger auf einer allgemeinen Verunsicherung als auf einer <em>Selbstverunsicherung</em> zu fußen: Den Kurskorrekturen ging eine Kumulation von Erwartungskorrekturen voraus, die soziologisch nicht mit dem Verweis auf politisch verstörte Einzelmeldungen, sondern mit den Mechanismen wechselseitiger Situationsdefinitionen erklärt werden können: Marktteilnehmer erwarten plötzlich, dass andere Teilnehmer ihre Erwartungen ändern und verändern daraufhin ihr (Ver-)Kaufverhalten, was wiederum erst das erwartete Verhalten hervorrufen kann, usw.</p>
<p><strong><em>(Aus-)Tausch</em></strong><strong> von Erwartungserwartungen</strong></p>
<p>Wenn auf dem Parkett und an den Telefonen der Händler die Orders eingehen, Preise für Finanztitel verhandelt und daran geknüpfte Zahlungsversprechen getauscht werden, kann dies noch so turbulent und chaotisch erfolgen, es stabilisiert damit zugleich eine Sozialordnung. Diese Ordnung beruht auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen zwischen Marktteilnehmern, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen haben. Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Personen <em>A</em> und <em>B</em>: <em>A</em> erwartet, dass <em>B</em> erwartet, dass <em>A</em> zu jenem Kurs kauft und <em>B</em> erwartet umgekehrt, dass <em>A</em> erwartet, dass <em>B</em> zu jenem Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktteilnehmer wechselseitig. Der eine erwartet, was der andere tut, während der andere erwartet, was der eine tut. Nicht erfüllte (Kauf-)Erwartungen können deshalb nicht selten zu Enttäuschungen führen; sie tragen dadurch aber auch umgekehrt zum Festhalten an bestimmten Erwartungen bei. Im Gegensatz zu Produktmärkten können auf Kapitalmärkten Kauf- und Verkaufsrollen auch von derselben Person eingenommen werden (<em>switch-role markets</em>). Dies ändert wenig an den sozialen Bedingungen von Verhaltenserwartungen, jedoch dynamisiert es die Sozialordnung von Märkten ungemein.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung durch kumulative (Erwartungs)effekte</strong></p>
<p>Die Erwartungen an denen die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen ausrichten, sind zeitlich nicht stabil, sondern immer auch anders möglich. Sie orientieren sich an vergangenen Entscheidungen und unterschiedlichen Prognosen über ihr Kaufverhalten. Im Gegensatz zu gemachten Zahlungen können modellierte Zukunftsaussichten wieder geändert und revidiert werden. Prognosebasierte, erwartungsgesteuerte (und damit nicht vollständig determinierte) Entscheidungen sind daher auch der Selbstverunsicherung ausgesetzt. Sie müssen mitrechnen, dass sie im nächsten Moment bereits vergangen sind und damit den Folgen einer veränderten Bewertung seitens der Marktteilnehmer unterliegen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 kauft, kann zu einem Zeitpunkt t1 wieder verkaufen. Wer auf steigende Kurse setzte, kann Sekunden später auf fallende setzen und umgekehrt.</p>
<p><strong>Situationsdefinitionen gehen ihrer möglichen Ursachen voraus</strong></p>
<p>Wenn beispielsweise ein Kurs nicht weiter steigt, setzt ein Bewertungsumschlag der Erwartung ein. Wird dieser Kursfall als unerwartet hoch beschrieben, kann sich das Marktgeschehen an dieser Beschreibung orientieren und damit die Situation erst hervorrufen, ohne dass dafür eine neue <em>externe</em> Information als Auslöser eindeutig identifizierbar wäre, und ohne dass sich die befürchteten Erwartungen überhaupt einstellen. Gerade wenn bei Kursfällen (oder -anstiegen) bestimmte Richtwerte oder Grenzwerte über DAX-Kurse oder andere Indices bei Anlegern eingehen, laufen vermehrt vorprogrammierte Kaufs- und Verkaufsentscheidungen ab. Das Erreichen einer <em>Marke</em> lässt sich hinterher schwer auf eine Einzelhandlung zurechnen. Es ist <em>und</em> wird jedoch Ausdruck umstrukturierter Erwartungen und neu definierter Situationen. Dass (selbst-)verunsichernde Handlungsschemata in ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Weise in anderen Bereichen auftreten können, beschreibt das so genannte Thomas-Theorem: <em>If men define situations as real, they are real in their consequences</em> – bekannter unter der verkürzten Formel <em>sich selbsterfüllender Prophezeiungen</em>.</p>
<p><strong>Selbsterfüllende Prophezeiungen</strong></p>
<p>Derartige Selbstverstärkungseffekte ergeben sich vor allem bei großen Volumina und sekundenschneller Transaktionsströme – v.a. aber wenn ähnliche Situationsbeschreibungen (insbesondere über Wachstumsaussichten oder mögliche Ursachen von Kursverlusten) gleichzeitig zusammentreffen. Und dies ist angesichts der heutigen Echtzeitübertragung der Kurse auf wenigen (virtuellen) Marktplätzen ein nicht selten erwartbares Ereignis. Selbstverunsicherungen auf Finanzmärkten beruhen insbesondere auf Zahlungsentscheidungen, die je nach Zeitpunkt und Kursstand zwischen Verlustrisiko und Gewinnchance schwanken. Selbstverunsicherungen als soziale Bedingungen dieses Schwankens beschreiben damit einen großen Teil der so oft benannten und dennoch oft missverständlichen <em>Psychologie der Märkte</em>. Dabei ist nicht nur die Frage <em>wie reagieren die anderen Marktbeobachter</em> konstitutiv, sondern insbesondere, dass man mitführt, dass die <em>anderen</em> Marktteilnehmer Erwartungen über die <em>eigenen</em> Verhaltenserwartungen haben. Investor <em>A</em> erwartet, dass Investor <em>B</em> von <em>A</em> erwartet, er würde jetzt kaufen oder verkaufen &#8211; und umgekehrt.</p>
<p>Während man in Paarbeziehungen schwer von einmal vorgelebten (Geschlechter-)Rollen abweichen kann, tendieren Marktteilnehmer eher zu reaktantem Verhalten. Sie versuchen <em>zeitlich konträr</em> zu ihren Erwartungserwartungen zu handeln, um nicht (zu spät) in erwartete Preisbewegungen zu geraten. Die Reflexivität von Erwartungen kann dabei lähmend oder aktivierend wirken. Von außen an die Märkte herangetragene wirtschaftliche und politische Informationen werden in dieses Zusammenspiel wechselseitiger Erwartungen selektiv eingespeist und in die eigene Marktsprache übersetzt. Es ist gerade dieses Geschäft mit der erwarteten (Selbst-)Unsicherheit der Zukunft, das die produktive und zugleich destruktive Kraft auf Finanzmärkten ausmacht – in Krisen- wie in Boomzeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a title="The Prophecy" href="http://www.paranaiv.no/archive/photographers/aymeric-giraudel">The Prophecy</a>)</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen in der Theorie</strong></p>
<p>Merton, Robert K. 1948: The self-fulfilling prophecy. Antioch Review 8, 193-210.</p>
<p>Thomas, William I. &amp; Thomas, Dorothy S. 1928: The child in America: Behavior problems and programs. New York: Knopf, 572.</p>
<p>Weick, Karl. E. 1995: Der Prozess des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 221-236.</p>
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		<item>
		<title>Hard cases make bad laws</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Jul 2011 12:32:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Über die Wohlfahrtskosten und -gewinne von Absicherungen Ein Übermaß an Absicherungen – nicht nur gegen Finanztsunamis – schmälert auf Dauer den Wohlstand, ließ Alan Greenspan, einstiger Fed-Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve, am Mittwoch im Kommentar der Financial Times Deutschland verlauten. Dass sich prominente Wirtschaftswissenschaftler über eine zu hohe staatliche Regulierung der Märkte beklagen, wäre im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/broken_windows_highrise2-550x401/" rel="attachment wp-att-2535"><img class=" wp-image-2535 alignnone" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/broken_windows_highrise2-550x4011.jpg" alt="" width="637" height="285" /></a></p>
<p><strong>Über die Wohlfahrtskosten und -gewinne von Absicherungen</strong></p>
<p><strong></strong>Ein Übermaß an Absicherungen – nicht nur gegen <em>Finanztsunamis</em> – schmälert auf Dauer den Wohlstand, ließ Alan Greenspan, einstiger Fed-Vorsitzender der US-Notenbank <em>Federal Reserve</em>, am Mittwoch im <a href="http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:risikoabsicherung-alan-greenspan-der-fluch-der-vielen-sicherheitspuffer/60084454.html">Kommentar</a> der <em>Financial Times Deutschland</em> verlauten. Dass sich prominente Wirtschaftswissenschaftler über eine zu hohe staatliche Regulierung der Märkte beklagen, wäre im Osten nichts Neues. Aber geht sein Plädoyer nicht auch über die gebetsmühlenartige Bürokratiekritik liberaler Lager hinaus? Ja und Nein lässt sich antworten.</p>
<p><span id="more-2119"></span><strong>Hohe Kontrollkosten schützen nicht vor Kontrollverlust</strong></p>
<p>Jedes Kind, das beim Spielen einmal eine Fensterscheibe zerbrochen hat, weiß um die nachfolgend hohen Kontrollkosten gegen den bösen Einzel(unglücks-)fall: Spielen ohne Aufsicht ist nach nur einem Fehl<em>tritt</em> tabu! Die kriminalpräventive Konsequenz lautet: <em>Eltern haften für Ihre Kinder</em>. Im öffentlichen Raum stellt die Nulltoleranzpolitik eine unbeliebte erzieherische Maßnahme für den befürchteten <em><a href="http://www.nzzfolio.ch/www/21b625ad-36bc-48ea-b615-1c30cd0b472d/showarticle/1d48004b-8679-4256-91d7-cb883f5b70a8.aspx">Selbstverstärkungseffekt von Normabweichungen</a></em> dar: Dass nämlich ein eingeschlagenes Fenster zur Verwahrlosung ganzer Straßen oder Stadtteile führen kann.</p>
<p>Über aggregierte Kriminalitätsraten mag man sich streiten. Im statistischen Vergleich werden Ereignisse wie Krisen, Kriege und Katastrophen eher als unwahrscheinlich prognostiziert. <em>Wer sich absichern will, muss einen Puffer ungenutzter Ressourcen aufbauen, die nicht zur Herstellung von Waren oder Dienstleistungen verwendet werden. Sie kommen nur dann zum Einsatz, wenn und falls der Krisenfall eintritt</em>, so Greenspan.</p>
<p>Krisenfälle stellen zu Englisch <em>hard cases</em> dar. Der bekannte Zusatz lautet <em>hard cases make bad laws</em>. Diese Erfahrung machten Common Law Richter bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Auch heute noch wird die normative Stilisierung von Verhaltenserwartungen am Einzelfall entschieden und daraus ableitend generalisiert. Positives Recht ist in westlichen Demokratien jedoch politisch entscheidbar und damit änderbar.</p>
<p><em>Puffer zu finanzieren ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die eine Gesellschaft treffen kann, sei es durch bewusste Politik oder standardmäßig</em>, schreibt der ehemalige Notenbank-Chef weiter. Das in den Massenmedien kommunizierte öffentlich-politische Interesse an bedrohlichen Konsequenzen der Zukunft – sei es wie derzeit an den Umschuldungskosten immenser Staatsdefizte, am Ausstieg aus der Kernenergie oder an der Vorsorge gegen EHEC-Bakterien – wird im demokratischen Machtmessen zwischen Regierung und Opposition regelmäßig Gegenstand politischer Entscheidungen: Entscheidungen, die nach kollektiver Verbindlichkeit suchen.</p>
<p><strong>Wohlfahrtsstaaten tendieren zur Anspruchsinflation</strong></p>
<p>Gerade politische Organisationen sind dabei einem hohen Druck durch die öffentliche Meinung ausgesetzt. Um Handlungs- und Konsensfähigkeit für die <a href="../../../../../2008/07/07/der-placebo-effekt-des-politischen-systems/#more-25">Lösung unlösbarer Probleme</a> zu suggerieren, tendieren sie bei hoher Resonanzfähigkeit dazu, heute als Fehler beurteilte Entscheidungen morgen in programmierte Vorsicht umzubauen. Für die Umwelt des politischen Systems sowie insbesondere für die Betroffenen resultieren daraus jedoch weitere Risiken, die zwar eine Kontrollillusion mitführen – immerhin irgendwie entschieden zu haben – zugleich können sie aber auch die Risiken eines Kontrollverlusts verstärken: Die Risiken vergeblicher Regulationen, vertagter Anträge, zu niedrig gesetzter Richt- und Grenzwerte, undurchsichtiger Standards oder Siegel, der Zunahme von Eingriffsentscheidungen und damit verbundener Kosten, aber vor allem die Risiken der Nichtausnutzung von Chancen und Innovationen, wie sie auch Greenspan für die Volkswirtschaft(en) anmahnt. Ein prominent beklagter Fall hoher Kontrollkosten von bad laws sind all-urlaublich die <a href="http://www.bundespolizei.de/cln_179/nn_249932/DE/Home/08__Service/Allgemeine__Reisehinweise/reisehinweise__node.html?__nnn=true">Reisebestimmungen</a> infolge von Terroranschlägen. Die kollektiven Sicherheitskosten und -gewinne übersteigen dabei nicht selten die individuellen Freiheitsrechte.</p>
<p><strong>Unaufhaltsame Absicherungsspirale?</strong></p>
<p><em>Aber wenn Politiker sich entscheiden, ihr Volk vor jedem vorstellbaren Risiko zu schützen, sinkt mit hoher Gewissheit der Lebensstandard</em>, warnt Greenspan. Wieso ist dann der moderne Wohlfahrtsstaat noch nicht unter der Last seiner nimmersatten Bürger, ihrer Ansprüche und daraus verbundenen Schuldenlasten zerbrochen? Als eine Antwort bietet sich an: Weil er gleichzeitig und insbesondere in wirtschaftlichen Krisenzeiten auch Gefahren – wie strukturelle Arbeitslosigkeit und bestimmte Gesundheitsschäden – individualisiert und dabei in Risiken transformiert. Die Aktivierungsprogramme unter Altkanzler Gerhard Schröder sind ein Beispiel für die staatliche Entlastung von zu hohen Wohlfahrtskosten. Den Arbeitsverlust auf eigene Fehlentscheidungen zuzurechnen, fordert die Eigenverantwortung und damit auch die Eigenbeteiligung – die Investition in Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge.</p>
<p>Greenspan klammert das private (wenn auch teils staatlich geförderte) Geschäft mit Absicherungen möglicher Risiken jedoch weitgehend aus und hinterlässt damit einen undifferenzierten Blick. Er blendet dabei aus, dass nicht alle Risiken immer zugleich politisch resonanzfähig sind. Gerade durch die politisch geframte Individualisierung bestimmter Risiken boomt das Absicherungsgeschäft in fast allen Branchen. Die dabei erwirtschafteten Mehrwerte tragen jedoch vermittelt durch die Einnahme diverser Steuern nicht unwesentlich zur staatlichen Wohlfahrtsmehrung bei – vielleicht derzeit in Deutschland mehr als in den USA, aber der politische Umverteilungsmechanismus läuft ähnlich. Das Geschäft reicht dabei von der Berufsunfähigkeit zum Zahnzusatz hin zu (Waren-)Kreditversicherungen. Selbst die hierzulande weitverbreiteste Haftpflichtversicherung – als Absicherung gegen die Gefahr, einen Verlust durch Dritte zu erleiden – wird zum eigenen Risiko, sich im Schadensfall nicht für eine derartige (oder für eine billigere oder umfangreichere) Police entschieden zu haben. Denn auch die beste Absicherung vermag die Unsicherheit der Zukunft nicht zu regulieren.</p>
<p><strong>Vertrauensfrage: Welche Risiken lagert der Staat aus und welche nicht?</strong></p>
<p>Mit steigender Wohlfahrt wächst das Vertrauen des Staates in die Mündigkeit seiner Bürger, ihnen weniger Entscheidungen abzunehmen und dagegen ihre Eigenverantwortung zu fördern. Wer ein bestimmtes Wohlstandsniveau genießt und beispielsweise nicht die Kosten einer kollektiven Gesundheitsvorsorge mittragen möchte, hat beispielsweise hierzulande die Wahl zwischen unterschiedlichen privaten Teil- und Vollversicherungen zu entscheiden. Aber wo Vertrauen in die Eigenverantwortung anderer fehlt, setzt die oben genannte Nulltoleranzpolitik ein. Greenspan&#8217;s doppeldeutiger Appell an den <em>Wohlstand der Nationen</em> beschreibt jedoch die Absicherungskosten von milliardenschweren bailouts zur Rettung maroder Banken als scheinbar unnötige wohlfahrtssenkende Absicherungskosten, weil andere Banken sich anschließend in Sicherheit wägen könnten, auch <em>gerettet</em> zu werden. Wie Dirk Baecker herausgearbeitet hat, machen Banken ihr Geschäft jedoch nicht mit staatlichen Rettungsaussichten, sondern mit profitablen Risiken von <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/womit_handeln_banken_-dirk_baecker_28546.html">Zahlungsversprechungen</a> v.a. institutioneller Anleger und anderer Banken.</p>
<p>Es scheint als erhärte sich ein anfänglich vermuteter <em>Motivverdacht</em>, dass sich Greenspan’s Plädoyer gegen zu hohe wohlfahrtsmindernde Absicherungskosten für zu unwahrscheinliche Risiken indirekt auf die bereits wahrscheinlich steigenden Kreditkosten der Banken im Rahmen von <em>Basel III</em> beziehen. Benannt ist damit das Regelwerk, welches ab 2013 in Kraft tritt und insbesondere eine Erhöhung der Eigenkapitalquoten von Banken vorsieht (<a href="http://www.economist.com/blogs/freeexchange/2010/09/basel_iii">nur nicht für das Halten von Staatsanleihen</a>) – vornehmlich zur <em>Besicherung</em> und <em>Absicherung</em> von Kreditausfällen, welche 2008 die bisher größte Finanzkrise auslösten.</p>
<p><strong>Vertrauensverlust durch zerbrochene <em>(Kredit-)Fenster</em></strong></p>
<p>Die Politik befürchtet noch mehr zerbrochene Fenster, nicht nur bei <em>Lehmann Brothers &amp; Co.</em> und setzt deshalb auf eine Nulltoleranz gegenüber zu wenig und zu leichtsinniger Absicherung seitens der Banken. Das staatliche Vertrauen in das Risikomanagement von Banken ist erodiert, ihre ausreichende Eigenverantwortung in Frage gestellt. Wenn durch diese politisch induzierte Absicherung in Zukunft Finanzkrisen verhindert oder abgemildert werden könnten und damit weitere staatliche Absicherungskosten nun durch private Absicherungsleistungen seitens der Banken mitgetragen (und diese ebenso wahrscheinlich teilweise auch an den Kreditnehmer weitergegeben) werden, so müsste zumindest nicht nur nach soziologischer Rechnung am Ende ein positiver Saldo erzielt werden können.</p>
<p>(Bild: <a href="http://inkflesh.wordpress.com/2011/03/29/nypd-wrong-nine-times-out-of-ten/">Inkflesh</a>)</p>
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		<title>Solidarische Entsolidarisierung</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/07/05/solidarische-entsolidarisierung/</link>
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		<pubDate>Tue, 05 Jul 2011 10:35:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe_Stefan]]></category>

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		<description><![CDATA[In der heutigen F.A.Z. ist im Wirtschaftsteil ein kleiner Text („Eine Frage der Ehre am Golf“, S. 10) versteckt, der in den arabischen Ländern eine „geistige Revolution“ beobachtet: „Auch in den Golf-Staaten nimmt die Komplexität des Wirtschaftens zu, und eine Vielzahl neuer gesetzlicher Regelungen, sei es zum Kapitalmarkt oder zum Konkursrecht, wird dieser Komplexität gerecht.“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1975" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="268" /></p>
<p>In der heutigen F.A.Z. ist im Wirtschaftsteil ein kleiner Text („Eine Frage der Ehre am Golf“, S. 10) versteckt, der in den arabischen Ländern eine „geistige Revolution“ beobachtet: „Auch in den Golf-Staaten nimmt die Komplexität des Wirtschaftens zu, und eine Vielzahl neuer gesetzlicher Regelungen, sei es zum Kapitalmarkt oder zum Konkursrecht, wird dieser Komplexität gerecht.“ Das Recht gewinnt an Bedeutung und löst andere Mechanismen der (wirtschaftlichen, herrschaftlichen) Verhaltensorientierung ab: „Gerade die „Arabellion“ und die Umwälzungen in der arabischen Welt zeigen, dass sich die Jugend nicht länger dem Begriffspaar „Macht/Furcht“ fügen will.“</p>
<p><span id="more-1971"></span>Das ist aus ziemlich vielen Perspektiven hochinteressant. Denn es zeigt, und die journalistischen Aussagen sind Reformulierungen eines Unternehmers, der seit 20 Jahren vor Ort ist, dass zu vielen historischen Zeitpunkten und in vielen Kulturen dieselben evolutionären Mechanismen greifen, wenn sich Gesellschaften verändern und entwickeln: Menschen begegnen einander und beschleunigen die Zirkulation von Gütern und Ideen mit Hilfe von Geld. Es entsteht ein Wirtschaftskreislauf und in dessen Schlepptau Ungleichheit. Jeder Marktteilnehmer zeichnet sich durch sein eigenes Haben/Habenwollen-Profil aus und mit jedem Kontakt verschieben sich diese Asymmetrien unter den Marktteilnehmern.</p>
<p>Funktionierende Märkte ruhen auf den wirtschaftlichen Asymmetrien ihrer Teilnehmer. Aber auch auf Erwartungssicherheit, die nicht durch jedes individuelle Crossing der Linie zwischen Haben und Habenwollen umgekehrt wird. Sie benötigen die Hilfe des Rechts, das die wirtschaftliche Asymmetrisierung stabilisiert, indem sie sie ignoriert. Der F.A.Z.-Text handelt von dieser Etappe. Wenn die wirtschaftlichen Interessen anspruchsvoller werden, wird das Recht komplizierter und die Gesellschaft insgesamt, die Wirtschaft und Recht nicht parallel, sondern zirkulär baut, komplexer. Die nächste Evolutionsstufe besteht darin, die Asymmetrien des Rechts wiederum extern abzusichern. Dies gelingt mithilfe der Politik.</p>
<p>Man kann es erstaunlicherweise bei so unterschiedlichen Autoren wie Jürgen Habermas, Max Weber und Niklas Luhmann auf ähnliche Weise lesen: (1) Wirtschaftliche Asymmetrien stabilisieren sich im Recht. (2) Rechtliche Asymmetrien stabilisieren sich mit Politik. Und (3) politische Asymmetrien werden, so die historisch aktuelle Lösung, per Demokratie im immer nur vorläufig entschiedenen Konflikt abgesichert.</p>
<p>Nun zum eigentlichen Anliegen:</p>
<p>1. Im arabischen Raum versucht man derzeit die Geschichte auf den Kopf zu stellen und mit Demokratie anzufangen, um durch sie Recht und Wirtschaft zu befeuern. Diese Idee der „Demokratieverordnung“ hat jedoch, vom historischen Sonderfall Deutschland abgesehen, bislang nie und nirgends funktioniert. Demokratie bleibt eine <em>Reaktion</em> auf inner<em>gesellschaftliche</em> Komplexität, egal welche individuellen Wünsche vorherrschen. Das dies auch heute im arabischen Raum so ist, zeigt der Bericht aus Dubai und Abu Dhabi. Demokratie ist sinnlos, wenn die Hälfte des Volks nicht an der Wirtschaft teilnimmt (das gilt auch für Spanien und Griechenland).</p>
<p>2. Wenn man unter rechtsstaatlichem Recht versteht, was man heute unter Recht verstehen sollte, bedeutet es vor allem eins: Entsolidarisierung! Rechtsfindung, egal ob sie sich mit politischen, wirtschaftlichen, familiären oder sportlichen Themen befasst, bedeutet vor allem: Blindheit gegenüber den beteiligten Personen, gesellschaftlichen Rollen und gesellschaftlichen Verflechtungen. Rechtsstaatliches Recht kennt nur seinen eigenen Rechtstext und seine eigene Verfahrenslogik. Es kann nur evolutionär wachsen und wird durch Revolution bedroht.</p>
<p>Dass sich mithilfe eines auf Solidarität beruhenden Volksaufstands ein Rechtsstaat erfolgreich herstellen ließe, ist ebenso unwahrscheinlich, wie eine per Krieg herbeigeführte Demokratie. Ohne das Fundament Wirtschaft und wirtschaftliche Teilnahme sind die Versuche reine Übungen.</p>
<p>(Ergänzende Erklärung: Die Idee des &#8220;Vorsprungs&#8221; der okzidentalen Gesellschaft steckt im obigen Text drin. Aber nur, weil es mir zu mühsam war, sie herauszuargumentieren. Der arabische Raum muss historisch nicht zwingend auf das europäische Demokratiemodell zulaufen und China wird es, das ist heute schon sichtbar, auch nicht. Die vorgestellte evolutionäre Logik gilt denke ich dennoch.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/vshioshvili/2823013250/in/photostream/">Vladimer Shioshvili</a>)</em></p>
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