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	<title>Sozialtheoristen &#187; Wirtschaft</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>23 Prozent</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 09:48:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Daily Show zu Foxconn, mit Dank für den Hinweis an Hans Hütt, der dies meinem letzten Text nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="550" height="309" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="src" value="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="base" value="." /><param name="flashvars" value="" /><embed width="550" height="309" type="application/x-shockwave-flash" src="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" base="." flashvars="" /></object></p>
<p>Die <a href="http://www.thedailyshow.com/watch/mon-january-16-2012/fear-factory">Daily Show zu Foxconn</a>, mit Dank für den Hinweis an <a href="http://www.hans-huett.de/">Hans Hütt</a>, der dies meinem <a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/01/supposed-to-be-fair/">letzten Text</a> nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil zutrifft.</p>
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		<title>&#8220;supposed to be fair&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 12:01:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Vergangene Woche fand in Bielefeld eine Tagung mit dem Titel &#8220;Dealing with the Disasters of Others&#8221; statt*. Darin gab es einen Vortrag des britischen Historikers Stephen Mosley über &#8220;Disaster in Slow Motion&#8220;. In englischen Städten starben zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 100 von 100.000 Menschen an Bronchitis, weil die Städte von den Industrieanlagen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3124" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Vergangene Woche fand in Bielefeld eine Tagung mit dem Titel &#8220;<a href="http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/Events/01-2628-Closing_Conference.html">Dealing with the Disasters of Others</a>&#8221; statt*. Darin gab es einen Vortrag des britischen Historikers Stephen Mosley über &#8220;<a href="http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/Events/Closing_Conference_Abstracts/Abstract_Web_Mosley.pdf">Disaster in Slow Motion</a>&#8220;. In englischen Städten starben zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 100 von 100.000 Menschen an Bronchitis, weil die Städte von den Industrieanlagen und privaten Schornsteinen zugequalmt waren. Die Todesrate durch Luftverschmutzung war zwanzig Mal so hoch wie zu gleicher Zeit in anderen europäischen Ländern. Die Luftverschmutzung war fünfmal tödlicher als Krankheiten und Epidemien, um die sich damals die Medizin bereits im industriellen Maßstab kümmerte. 1905 hat man aus Fog und Smoke das Wort <em>Smog</em> geschöpft. Und am interessantesten: Der Zeitgeist hat diesen Zustand honoriert. Auf Panorama-Postkarten wurde der Smog betont, es gab Gedichte über &#8220;schmutzige Städte, die gedeihen&#8221; und den &#8220;profitable dirt&#8221;, weil man sich darauf einigte: &#8220;Where There&#8217;s Smoke, There&#8217;s Money&#8221;.</p>
<p><span id="more-3118"></span>Zur Sozialen Frage gesellte sich also ein Problem, dass einfach in der Luft lag und keinen direkten Schuldigen kannte. Denn es waren hier nicht die Fabrikbesitzer, die ihre Arbeiter ins Verderben schickten, sondern eben auch die Frauen zuhause, die, insbesondere montags, zum Waschtag, das Übel verursachten. Erst nach und nach fand ein Besinnungswandel statt. Die Gewerkschaften riefen die <em>working class</em> zu Veranstaltungen in Gemeindehäusern zusammen um sie darüber aufzuklären, welche gesundheitlichen Folgen der Smog hat und wie man sich vor ihm schützt. Die Aushänge unterscheiden sich nur in der Aufmachung von heutigen Aufrufen zu Veranstaltungen, die über Atomanlagen und Fluglärm aufklären.</p>
<p>Was wurde in den letzten einhundert Jahren erreicht? Die zweite Soziale Frage, die heutige Katastrophe der <em>working class</em>, gibt es (für uns) nur noch virtuell. Der Lebensstandard unserer &#8220;Wissensgesellschaft&#8221; ruht noch immer auf Ausbeutung und der Nichtbeachtung vieler Facetten der Menschenwürde. Nur handelt es sich diesmal um die Katastrophe der anderen. Rechnerisch kommen wahrscheinlich auf zehn Technikkäufer in Europa ein Arbeitssklave in China. Auf jeden millionenschweren Softwareartisten in Amerika kommen einhundert kasernierte Hardewarebauer. Und wahrscheinlich verdient jeder der maßgeblich an der Kreation beteiligt ist mehr als alle, die die Geräte zusammenbauen, zusammen. Und das Zahlenverhältnis ist wahrscheinlich irgendwo bei 1 zu 100.000 zu verorten. 13 Mrd. Quartalsgewinn (Apple) macht, bei geschätzten 100.000 Foxconn-Mitarbeitern (Apple-Anteil), ein Jahresgewinn pro Person von etwa einer halben Million Dollar. Könnte man 10% davon als Lohn für Arbeit an die Menschen weitergeben? Nein, das macht man nicht.</p>
<p>Folgt man der Diskussion, gibt es dafür auch gute Gründe. Man kann Menschen, die 18 Stunden am Tag ohne Tageslicht und mit gefährlichen Substanzen arbeiten das Geld nicht geben weil… Weil es <em>nicht üblich</em> ist. Es ist nicht nur eine Katastrophe der anderen, sondern auch eine in slow motion. Alle wissen bescheid, alles bleibt wie es ist. Aber es wird wenigstens <a href="http://www.thisamericanlife.org/radio-archives/episode/454/mr-daisey-and-the-apple-factory">darüber gesprochen</a>. Und die <a href="http://mobilemacs.de/2012/01/mm079-folgen-heist-maul-halten.html">deutschen Apple-Fanboys</a> werden zu dem komplizierten Argumentationsstunt gezwungen die übliche &#8220;Apple ist besser, schöner und vor allem ganz anders&#8221;-Semantik in eine &#8220;Nicht nur Apple&#8221;-Rhetorik zu biegen. Doch <em>gerade</em> hier gilt, dass Apple hervorsticht. Apple war Vorreiter aller Entwicklungen, die derzeit in der Technologiebranche beobachtbar sind und dazu zählt auch die Deindustrialisierung der Entwicklerstandorte und die Kasernierung der Handarbeiter am anderen Ende der Welt.</p>
<p>Während die deutschen Apple-Fanboys (namentlich Tim Pritlove, <a href="http://mobilemacs.de/">mobilemacs</a> und Martin Pittenauer, <a href="http://fanbóys.org/">fanbóys</a>) für ihren amerikanischen Podcast-Kollegen <a href="https://www.google.com/search?q=john+c+dvorak">John C. Dvorak</a> nur Hohn und Spott übrig haben, fiel dieser <a href="http://twit.tv/show/this-week-in-tech/338">jüngst</a> einer jungen Amerikanerin, die in erstaunlichem Ausmaß mit deutschem Zynismus ausgestattet ist, mit dem bemerkenswerten Satz ins Wort: &#8220;Capitalism is supposed to be fair!&#8221;</p>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/36009825?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" frameborder="0" width="549" height="309"></iframe></p>
<p>Nun kann man sich darüber streiten, ob er recht hat und wie man Moral und Achtung auch in Chinas Wirtschaft installieren kann. Doch man sollte die Zeit nicht weiter verschwenden. In allen großen Firmen, die hier mitschuldig sind, sitzen Menschen, die sehr genau beobachten wie man im Internet und sonst überall über sie spricht und die Veränderung setzt umso schneller ein, desto zügiger man den Zynismus ablegt! Auch Tim Pritlove trägt Verantwortung und es ist nicht schwer, in einem Podcast mal kurz zu sagen: &#8220;Was Apple macht, ist falsch und sollte geändert werden. Möglichst bald.&#8221;</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/alatryste/5215377570/in/photostream/">Alatryste</a>)</em></p>
<p>* <em>Besprechung von mir heute in der F.A.Z.</em></p>
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		<title>Burn-Out-Diagnosen</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/07/burn-out-diagnosen/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 17:10:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Blues]]></category>
		<category><![CDATA[Burn-Out]]></category>
		<category><![CDATA[Indifferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Mitgliedschaftsbedingung]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeichneten Phänomens: Burn-Out. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als Rezept gegen die neue Volkskrankheit wird ein Cry-Out verschrieben. Empört Euch! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2776" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-07-um-5.33.53-PM.png" alt="" width="649" height="249" /></p>
<p><strong>Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg<br />
</strong></p>
<p><strong></strong>Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeic<span style="color: #000000">hneten Phänomens: <em>Burn-Out</em>. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als R</span>ezept gegen die <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/burnout-trailer/">neue Volkskrankheit</a> wird ein <em>Cry-Out</em> verschrieben. <a href="http://www.amazon.de/Emp%C3%B6rt-Euch-St%C3%A9phane-Hessel/dp/3550088833/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1323268730&amp;sr=1-1">Empört Euch!</a> gegenüber einer profit- und skandalgeilen Gesellschaft, die den kapitalistischen Raubbau an der Marke Arbeitskraft salonfähig gemacht hat.</p>
<p><span id="more-2770"></span></p>
<p>Wer auf dieser Ebene unkontrolliert weiter argumentiert, der mag vermutlich auch in einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791114,00.html">eruptiven Entschleunigung</a> ein Mittel ihrer Beeinflussung sehen. Und da <em>die</em> Gesellschaft, <em>die</em> Politik oder <em>die</em> Wirtschaft keine Adresse haben, wird dann auch versucht, sie als <em>Ganze</em> zu reformieren oder zu lähmen. Aber ohne Adresse verläuft der vermeintliche Protest ins Leere und wird sogar selbst von seiner ebenso vermeintlichen Gönnerschaft als <em>unbelesen</em> ignoriert.</p>
<p>Herkömmliche Mittel gegen das <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/2011-10/burnout-zwischenruf">systemische Problem</a></em> setzen dagegen am Individuum an: Pilates und Yoga, Obst und Gemüse, Wellness und Spa-Kur, Verhaltens- und Psychotherapie sollen die Leistungsfähigkeit wieder herstellbar und weiter abrufbar halten. Während der gesellschaftstheoretische Zugang zum Problem der Individualisierung des Arbeitsrisikos jedoch überkomplex ist, fällt die individualpsychologische Betrachtung entsprechend unterkomplex aus. Letztere rückt <em>Burn-Out</em> einzig eng in das Licht bzw. Dunkel gängiger Stressphänomene: Nämlich dem Dilemma, dass Stress subjektiv ist und jeder Versuch ihn beseitigen zu wollen (noch mehr) Stress verursachen kann. Entspannung, Anspannung und Erschöpfung vermischen dann genauso wie Arbeits- und Freizeitstress. Worüber wird dann eigentlich noch Neues diskutiert?</p>
<p><strong>Was ist krank und was ist normal?</strong></p>
<p>Und woran leidet dann überhaupt <em>die Gesellschaft</em> oder <em>das Individuum</em>? Einfach nur an den bekannten Nebenwirkungen des Wohlstands, wie Müdigkeit, Depression, Aggression, Lethargie? Oder ist die Beobachtung neu, weil diese Erscheinungen in einem reichen (wenn auch ungleich verteilten) Industriestaat immer noch bestehen? Vielleicht müsste man wieder darüber nachdenken, wieviel Krankheit normal ist und wieviel Normalität krank macht? <a href="http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Normalen-Seelenkunde/dp/3579068792">Manfred Lütz&#8217;</a> Antwort darauf ist zunächst einleuchtend: <em>Ob jemand leidet, ist das Entscheidende, ob er in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.</em> Wer kommunikationsfähig ist, d.h. wer zuhören kann, wer erziehen kann, wer zahlen kann, der kann dann nicht (zumindest nicht sozial sichtbar) chronisch krank sein. Wer wirklich psychisch krank ist, kann dann auch nicht (mehr) ausgebrannt sein. Symptomatisch sind <em>Burn-Out</em>-Erscheinungen deshalb von psychischen Erkrankungen (insbesondere von diversen Depressionsformen) zu unterscheiden.</p>
<p>Wer kommunikationsfähig ist, ist dagegen protestfähig. Aufsehen und Aufmerksamkeit erlangen nicht die wirklich armen, kranken und erschöpften (oder kränkeren, ärmeren oder ausgebrannteren). Ihnen fehlt schier die Zeit, das Geld und die Kraft sich gegen sich selbst oder eine Gesellschaft aufzulehnen. Aber soll man denn so lange warten, bis man arm und krank ist, könnten Zyniker entgegnen. Im Gegensatz zu reproduzierten Ungleichheiten und chronischen Krankheiten, scheint ein <em>Arbeits-Blues</em> behandelbar. Die eigenen Anpassungs- und Änderungsmöglichkeiten sind erloschen, können aber wieder mobilisiert werden.</p>
<p><strong>Angebot schafft Nachfrage?</strong></p>
<p>Sieht man sich einige <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/ausgebrannt/">öffentlich interviewte Fälle</a> an, so begegnet man bekannten Gesichtern, die sich einst auch an einer Depression leidend bekannt hatten. Dabei vermischen sich die Diagnosen. Ein <em>Burn-Outin</em>g scheint aber derzeit medial anerkannter zu sein, da man für den Leistungs- und Beliebtheitsdruck wie für seine sexuelle Orientierung schwer verantwortlich gemacht werden kann. Angesichts der symptomatischen und definitorischen Ungeklärtheiten in der medialen Berichterstattung bekommen die aufklärerischen Anliegen von Profisportlern, Managern und Prominenten ein Geschmackle und stehen in einem eher unglaubwürdigen Rampenlicht. Das Mitleid war zu öffentlich und wiederum zu profitgierig. Der kapitalistische Konsumkreis scheint dann wieder geschlossen: <em>Burn-Out</em> als ein Skandalisierungs- und Bereicherungsprodukt für Medien-, Freizeit-, Pharma- und Coachingindustrie? Wurden die Kapitalismusgegner und Gesellschaftskritiker erneut getäuscht?</p>
<p><strong>Zwischen Psychologisierung, Philosophierung und Politisierung</strong></p>
<p>Auch die Wissenschaft trägt in dem genannten Konsumkreislauf regelmäßig zur Besetzung neuer Kampfbegriffe, alter Wertedebatten und noch älterer Moralpredigten bei: Entscheidungsgesellschaft, (Welt-)Risikogesellschaft und neuerdings die <a href="http://wirtschaft.pr-gateway.de/lob-des-lassens/">Yes-We-Can-Gesellschaft</a> sind populäre Zeitdiagnosen, mit denen sich eine ganze Nation auf ein Zentralphänomen reduzieren und stigmatisieren lässt. Zeitdiagnosen als Sündenbock sind einfach und wirken deshalb kognitiv entlastend. Sie machen die Komplexität der Welt verarbeitbar, indem sie Vorurteile bestätigen. Aber instruktiv sind sie für den Einzelnen nicht. Eigentlich gegenläufige Zeitdiagnosen wie die Erlebnis-, Spaß-, oder Ich-Gesellschaft liegen für kurze Zeit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle.</p>
<p><strong></strong>Tiefergrabende philosophische Erklärungen versuchen die widersprüchlichen Trends zwischen Ego-Taktikern und Hyper-Arbeitsgesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen: <em>Problematisch werde es, wenn Menschen in der Sucht nach beruflicher Anerkennung die Selbstausbeutung mit Genuss verwechseln – und als Folge davon wirklichen Genuss gar nicht mehr empfinden können</em>, so die Philosophin Svenja Flaßpöhler im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1609554/">Deutschlandfunk-Gespräch</a> über ihr Buch <a href="http://www.amazon.de/Wir-Genussarbeiter-Freiheit-Zwang-Leistungsgesellschaft/dp/3421044627">Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft</a>.</p>
<p><strong><strong>Plädoyer für eine dritte Betrachtungsebene </strong></strong></p>
<p>Ohne weder den Einzelfall noch die Gesellschaft als Ganze beurteilen zu können, ist aus soziologischer Sicht die Einbeziehung einer dritten Ebene – neben Individuum und Gesellschaft hilfreich – die zwar kompliziert erscheint, aber vielleicht gerade auch deshalb die genannte Popularität und Dominanz bisheriger Zugänge zum Phänomen erklärt.</p>
<p>Wenn derzeit über <em>Burn-Out</em> gesprochen wird, dann vermengen sich Namen öffentlicher Protagonisten mit den Zahlen und Werten ganzer Berufsfelder. Aber das Medienleben von Leistungssportlern, Managern und Prominenten hat wenig gemeinsam mit dem Arbeitsalltag von Krankenhaus-ÄrztInnen, LehrerInnen oder SupermarktverkäuferInnen. Die Frage muss gestellt werden: Wären die körperlichen und seelischen Veränderungen auch ohne die Anstellung in jener Organisation bzw. in jenem Unternehmen auffällig und problematisch geworden? Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist in konsumverwöhnten Industriegesellschaften auf den Kopf gestellt. Soziale Anerkennung ist aber kein neuer Gesellschaftstrend und auch keine anthropologische Konstante, sondern erst <em>in</em> und <em>durch</em> das Aufkommen von unterschiedlichen Rollen und Organisationen möglich.</p>
<p><strong>Das System der Arbeit heißt Organisation</strong></p>
<p>Im Gegensatz zur Gesellschaft haben Organisationen eine Adresse. Freiheit und Zwang sind abstrakte Begriffe, aber der Arbeitgeber A, die Bank B, die Consulting C oder der Discounter D sind es nicht. Der Blick auf diese Ebene kann aufzeigen, dass Gewalt in Organisationen nicht erst beim Militär, der Mafia oder der Polizei beginnen muss. Gewalt kann auch subtiler sein: Kopf- und Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind nicht leicht zurechenbar und nicht immer sichtbar, aber gerade deshalb auch schwer vergleichbar.</p>
<p>Die fokussierte Skandalisierung des Einzelnen oder der Gesellschaft verdecken jedoch den Blick auf interne Konflikte in den jeweiligen Organisationen. Ohne diese im Vorfeld benennen oder erkennen zu können, hat man ihre Duldung aber selbst mit seiner Unterschrift zugestimmt. Die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen bestimmter Organisationen lassen sich weniger als rein verschwörerische Ausbeutungsmaschinerie noch als plötzliche Pathologie erklären. Zumindest in Deutschland besteht ein Grundrecht auf freie Berufswahl (GG Art. 12). Ein soziales Recht auf Arbeit ist dagegen nicht einklagbar. Der Eintritt in Organisationen ist damit auf beiden Seiten &#8211; für Arbeitgeber und Arbeitnehmer &#8211; freiwillig. Eine offene Rebellion in Organisationen ist aufgrund eben dieser Freiwilligkeit des Eintritts auch schwer vermittelbar und verständlich.</p>
<p><strong>Ausweitung der Zumutbarkeitszone</strong></p>
<p>Der Eintritt in eine Organisation vollzieht sich durch die Unterschrift eines Arbeitsvertrages. Im Vertrag selbst steht nichts von Ausbeutung, von immenser Arbeitsbelastung am Jahresende, von Extraaufgaben bei Einstellungsstop, den Bedingungen für eine Beförderung oder für eine Gehaltserhöhung. Der Vertrag formuliert keinen eindeutigen Anforderungskatalog. Wenn jeder Handgriff, jede Aufgabe und jedes Projekt im Voraus prognostizierbar oder programmierbar wären, würden Vertragstexte ins Unendliche ausufern. Im Gegensatz zur Projektarbeit auf Honorarbasis, erkauft die Organisation mit einem Arbeitsvertrag damit eine größtenteils unspezifische Leistung(-sbereitschaft).</p>
<p>In diesem Sinne enthält der Arbeitsvertrag einen Blankoscheck für die Akzeptanz fremder (noch zu bestimmender) Entscheidungen. Für die Organisation ist dieser Vertrauensvorschuss funktional, denn Vorgesetzte müssen ihren Mitarbeiter nicht ständig zu unwahrscheinlichem Verhalten motivieren oder ihnen Befehle erteilen, sondern können flexible Sachentscheidungen fällen. Der Mitarbeiter antizipiert meist selbst, was in seinem Anforderungs- und Zumutbarkeitsbereich liegt und welche Informationen er wie und wann zu bearbeiten hat, ohne dass der Chef ständig auf die Finger guckt oder klascht.</p>
<p><strong>Ungebremste Latenz wechselseitiger Fremd- und Selbsterwartung<br />
</strong></p>
<p>Der US-amerikanische Management-Theoretiker Chester Barnard bezeichnet diesen Grad an schwer verweigerbaren und vorauseilenden Generalgehorsam als <em>Indifferenzzone</em>. Er benennt damit jene Erwartungen, denen sich die Mitglieder der Organisation indifferent bzw. unkritisch gegenüber verhalten (müssen), wenn sie nicht die Kündigung riskieren oder befördert werden wollen. Eine möglichst große Indifferenzzone erlaubt der Organisation eine breite Anpassung an neue Veränderungen in der Umwelt und damit verbundene Unsicherheiten. Aus welcher genauen Selbstmotivation sich diese Indifferenz speist, kann weder eindeutig geklärt noch gesteuert werden. Möglichkeiten sie auszuweiten gibt es viele.</p>
<p>Was von der klassischen Managementlehre oft übersehen wird, ist, dass man zur Konfliktvermeidung nicht nur die Erwartungen des Vorgesetzten, sondern auch der Teamkollegen, der Zuarbeiter oder des Sekretärs implizit akzeptiert. Solange die damit verbundenen Erwartungen keinen offenen Widerspruch gegen die Vertragsregeln beinhalten, hat man sich ihnen zu fügen. Neben den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind es zudem auch sogenannte informelle Regeln &#8211; die bekannten ungeschriebenen Gesetze &#8211; die einem das Leben in einer Organisation schwer machen können.</p>
<p>Wenn die Erwartungslast unerträglich wird und sich eine immer tieferziehende Spirale aus eigenen und fremden Erwartungen bildet, sollte man die Organisation schleunigst wechseln, bevor man Lust, Laune und Leistungsvermögen verliert. Gerade weil der Zumutbarkeitsbereich oft unbestimmt und latent bleibt &#8211; und deshalb schwer in jeder Situation explizit ausgehandelt werden kann &#8211; ist man als Arbeitnehmer in der Verantwortung, die selbsterlegten Fesseln auch wieder zu sprengen. Neben <em>Voice</em> und <em>Loyality</em>, gibt es die unterschätzte Option des <em>Exit</em>. Ein Organisationswechsel muss dabei nicht immer eine schlechtere Alternative sein, denn oft sind die Verlierer und Aussteiger von heute die Einsteiger und Gewinner von morgen, die sich aus einem <em>burn-out</em> befreien und dabei zu einem <em>burn-in </em>finden. Zu diesen stillen oder lauten Organisationswechslern müssen nicht nur bekannte Unternehmer, Schriftsteller und Künstler gehören. <em>There are many Steves in the world</em>.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen<br />
</strong></p>
<p>Barnard, Chester I. 1938. The Functions of the Executive. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Hirschman, Albert O. 1970. Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1995. Funktionen und Folgen formaler Organisation. 4. Aufl. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
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		<title>Spenden verpackt als moderne Kaufgeschenke</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/10/31/spenden-als-moderne-kaufgeschenke/</link>
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		<pubDate>Mon, 31 Oct 2011 22:38:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Oxfam]]></category>
		<category><![CDATA[Schenken]]></category>
		<category><![CDATA[Spenden]]></category>
		<category><![CDATA[Tausch]]></category>

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		<description><![CDATA[Winterzeit ist Spendenzeit. Aber was und wie spendet man eigentlich? Ob Geld- oder Sachspende, der Zweck soll im Helfen liegen. Und wie spendet man Hilfe? Wer sich mit Spendenhilfe beschäftigt oder aufmerksamen Blickes Veränderungen in den Einkaufsstraßen seiner Stadt beobachtet, trifft neuer- oder späterdings auf das Phänomen Oxfam. Oxfam Shops sind laut Selbstbeschreibung Secondhand-Läden, in denen ehrenamtliche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/10/31/spenden-als-moderne-kaufgeschenke/bildschirmfoto-2011-11-01-um-2-05-55-am/" rel="attachment wp-att-2508"><img class="aligncenter size-medium wp-image-2508" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/10/Bildschirmfoto-2011-11-01-um-2.05.55-AM-550x242.png" alt="" width="550" height="242" /></a><strong></strong></p>
<p>Winterzeit ist Spendenzeit. Aber was und wie spendet man eigentlich? Ob Geld- oder Sachspende, der Zweck soll im <em>Helfen</em> liegen. Und wie spendet man Hilfe?</p>
<p>Wer sich mit Spendenhilfe beschäftigt oder aufmerksamen Blickes Veränderungen in den Einkaufsstraßen seiner Stadt beobachtet, trifft neuer- oder späterdings auf das Phänomen <em>Oxfam</em>. Oxfam Shops sind laut Selbstbeschreibung Secondhand-Läden, in denen ehrenamtliche MitarbeiterInnen gespendete Waren sortieren, auspreisen und verkaufen. Die Frage <em>Würde ich die Ware selbst kaufen?</em> soll dabei ein hilfreiches Qualitätskriterium für die Sachspende sein. Zum Verkauf stehen neben Kleidung auch gebrauchte Bücher und Multimedia-Waren.</p>
<p><span id="more-2501"></span><strong>Zwischen Secondhand und Fair Trade</strong></p>
<p>Besucher dieser Shops können neben den gespendeten Artikeln auch Produkte aus dem Fairem Handel erwerben und sich darüber hinaus über die <em>Steuer gegen Armut</em> informieren sowie für deren Einführung unterschreiben. Für diese Verbindung aus Eine-Welt und Secondhand-Laden engagieren sich in Deutschland bereits mehr als 2.300 ehrenamtliche MitarbeiterInnen in 38 Städten. Was hierzulande in den 1990er begann, blickt in Großbritannien auf eine über 60-jährige Geschichte zurück, die derzeit mehr als 800 Shops zählt.</p>
<p>Wer keinen Oxfam-Shop in seiner Stadt findet, kann sich online umsehen und trifft dabei nicht nur auf vintage, rags, books &amp; Co., sondern bei <em>Oxfam Unverpackt</em> auch auf <em>EinZiegartige</em> <em>Geschenke</em>. Neben der tierischen Verkaufsware wie Schaf, Ziege, Huhn und Esel stehen hier auch Saatgut, Nahrungspakete, Schulbücher, Brunnen, Medikamente, Kondome, Klassenzimmer, Fahrrad, Fußball, Moskitonetz, Wäsche oder eine Latrine zur Auswahl.</p>
<p><strong>Spendenzweck <em>unverpackt</em></strong></p>
<p>Was ist das Einzigartige an <em>Oxfam Unverpackt</em>? Was unterscheidet diese Geschäftsidee von herkömmlichen Produzenten der <em>Hilfsindustrie</em>, die wie andere so genannte NGOs auf die Akquise von zweckgebundenen Geldspenden und damit auf Zahlungen Dritter angewiesen sind?</p>
<p>Oxfam Unverpackt nimmt mit ihrer außergewöhnlich pragmatischen Produktpalette zunächst eine klassische Hürde bei der Einwerbung von Spenden: Gewöhnlich bezieht sich die Zweckgebundenheit bei Hilfsspenden auf eine bestimmte Region und die allgemeine Betroffenheit der dort lebenden Bevölkerung. Bei <em>Oxfam Unverpackt</em> verweist die Spende dagegen auf den konkreten Bedarf, vor dem ein ebenso konkreter Preis steht. Dieser Preis unterscheidet sich von anderen Einkaufspreisen nur durch die fehlende Nachkommastelle.</p>
<p><strong>Die Spende <em>verpackt</em> als Geschenkartikel</strong></p>
<p>Der Internetnutzer sieht sich auf der Shop-Seite zudem weder mit Hungerbäuchen noch leeren Essensschalen konfrontiert, sondern stößt beim Stöbern nach Geschenkartikeln auf muntere Produktbeschreibungen. Die <em>Geldspende als virtueller Geschenkartikel</em> wird dabei zum persönlichen Shopping-Erlebnis. Statt Moral und Mitleid wirken hier die Annehmlichkeiten des Einkaufens: Im Gegensatz zu herkömmlichen Hilfsorganisationen wird bei Oxfam Unverpackt der Akt des Spendens weniger als ein Geschenk für Opfer und Bedürftige aufgezwungen, sondern optisch und verbal als <em>EinKau</em>f für sich selbst präsentiert. Der Unterschied zwischen Schenken und Kaufen wird kaschiert und sich dabei der Vorteile beider Handlungen bedient.</p>
<p><strong>Spenden tritt in den Hintergrund des Kaufens</strong></p>
<p>Auch andere Hilfsorganisationen haben Geschenk-Kataloge in ihren Online-Shops, jedoch bilden diese im Vergleich zur Geldspende das Nebengeschäft. Der Käufer erhält einen materiellen Gegenwert in Form von Weihnachtskarten, Büchern, Anhängern, Federmappen, Taschen und was man sonst noch eigentlich nicht kaufen würde, weil man es nicht unbedingt braucht. Die Spenden bei <em>Oxfam Unverpackt</em> sind dagegen als Geschenkartikel <em>verpackt</em>. Geschenk-Katalog und Geldspende werden hier in einem Kaufakt zusammengeführt.</p>
<p>Für den Kauf einer Ziege erhält der Spender als Gegenleistung eben keine Ziege, sondern einen Kühlschrank-Magnet. Sein materieller Nutzen fällt damit symbolisch aus. Die Geldzahlung wirkt jedoch doppelt – als Sachspende an unbekannte Dritte<em> und</em> als Kauf eines Geschenks an sich selbst oder bekannte Dritte. Der Effekt: Die eigentliche Werbung um Spenden für Dritte ist zugleich die Suche nach einem persönlichen Kaufgeschenk für sich selbst und andere: Ich möchte die Ziege, Du bekommst den Esel&#8230; Entsprechend ist die Wirkung der Spendenquittung. Der Magnet am Kühlschrank ist im Freundeskreis und für sich selbst sichtbarer als der Beleg im Finanzamt-Ordner. Die Spende an Dritte dient damit zugleich der individuellen Selbst- und Fremddarstellung gegenüber den bekannten anderen.</p>
<p><strong>Schenken verpflichtet &#8211; Kaufen nicht</strong></p>
<p>Dass eine Sachspende seine soziale Wirksamkeit als Kaufgeschenk entfalten kann, ist historisch hoch voraussetzungsvoll und beruht auf der Verflechtung von Geldwirtschaft und Tauschhandel. Lange bevor mit Geld bezahlt werden konnte, wurden Gaben getauscht. Welche Eigenheiten bestimmte Stämme beim Gabentausch entwickelten und wie die Produkte der Geldwirtschaft die kulturellen Besonderheiten des Warentausches beeinflussen, dokumentieren die berühmten Untersuchungen von Bronisław Malinowski über den Kula-Tausch in Nordamerika oder die Beschreibungen von Marcel Mauss über das Potlatch-Fest auf Indonesien. Im Gegensatz zum anonymen Geldgeschäft, übt der Gabentausch eine oft latente soziale Kontrolle aus. Während Schenken zur Gegenseitigkeit verpflichtet, befreit Kaufen gerade von dieser. Die Unnehmlichkeiten des Schenkens werden dabei umgangen.</p>
<p>Die Erwartung einer Gegengabe mögen vielleicht auch Kate und William bei ihrer Hochzeit gefürchtet haben als sie ihre Gäste baten, von Geschenken abzusehen und stattdessen an Dritte zu spenden. Das Brautpaar hat damit nicht nur sein liberales Image bestärkt, sondern sich auch das aufwändige Schreiben von Danksagungen <em>erspart</em>, dem sich Charles und Diana noch abendlich auf der Hochzeitsreise widmen mussten.</p>
<p>Es ist gerade diese persönliche Bindung, die beim Geschenk-Kauf entfällt und die eine ungeahnte Spendenwirkung zu entfalten vermag. Die Spende verpackt als <em>Selbstgeschenk</em> umgeht die Vorstellung, dass sich die Geber-Motivation nur aus einseitiger <em>Opferhilfe</em> speise. Spendenwerbung mittels Geschenkartikel-Marketing orientiert sich dagegen nicht nur am Bedarf der Nehmer, sondern auch an den Selbstdarstellungs-, Freiheits- und Konsumbedürfnissen der Geber. <em>Oxfam Unverpackt</em> hat es geschafft, sich diese Verbindung zu Nutze zu machen.</p>
<p>Bild:<a href="http://www.oxfamunverpackt.de/"> oxfam unverpackt</a></p>
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		<title>Situationsdefinitionen auf Finanzmärkten</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 11:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Börsencrash]]></category>
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		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Prophezeiung]]></category>

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		<description><![CDATA[Produktive und destruktive Momente von Selbstverunsicherungen Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<dl>
<dt><strong>Produktive und destruktive Momente von Selbstverunsicherungen<br />
</strong></dt>
</dl>
</div>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/beautifulproph/" rel="attachment wp-att-2212"><img class="alignnone size-medium wp-image-2212" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/beautifulproph-550x275.jpg" alt="" width="550" height="275" /></a></p>
<p>Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie gleichzeitig die Orders auf dem Finanzparkett. Dort war von Chaos, Crash und Craziness zu lesen.</p>
<p><span id="more-2169"></span><strong>Kurskorrektur statt Geldvernichtung</strong></p>
<p>2,5 Billionen Dollar seien in der letzten Woche <em>vernichtet</em> worden, berichteten die Tagesthemen. Das würde dem Bruttoinlandsprodukt Frankreichs entsprechen, schrieben diverse Onlineblätter unisono. Allem Ärger zum Trotz hinkt jedoch dieser Vergleich zwischen <em>Wall Street</em> und <em>Main Street</em>: Kursverluste auf den Kapitalmärkten sind keine Wertschöpfungsverluste, sondern spiegeln Preisdifferenzen von Zahlungsversprechungen gegenüber Finanzprodukten wider. Wer tatsächlich wie viel Geld verloren und wer (beispielsweise auf fallende Kurse setzte und) dabei Gewinne gemacht hat, ist weder der Volatilität noch der Volumina zu entnehmen. Der Kapitalmarkt ist auch in dieser Hinsicht nicht informationseffizient. Die Eigentumstitel und ihre Nominalwerte sind unverändert (knapp), sie haben nur ihren Besitzer und ihren Preis gewechselt. Das Nullsummenspiel der Märkte wurde damit nicht aus<em>gehebelt.</em> Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zu Ende. <em></em></p>
<p><strong>Politische Zeit unterläuft Marktzeit</strong></p>
<p>Drei Meldungen seien für die Börsenturbulenz ausschlaggebend gewesen. Die Schuldenkrise in den USA, der EU und die (damit irgendwie verkettete) weltweite Konjunkturerwartung. Eine vierte Nachricht habe dann noch mehr Sand ins Börsengetriebe geworfen als am Donnerstag EU-Kommissionspräsident Barroso in einem Schreiben an die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone eine deutliche Aufstockung des Rettungsfonds EFSF forderte. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Politik mit ihren Entscheidungen chronisch hinter der potenzierten Zeit der Finanzmärkte hinterher läuft. Doch so sehr sie sich in den letzten (Urlaubs-)Wochen um Sparprogramme, Rettungspakete, Umschuldungen und letztlich auch um eine Beruhigung der Märkte bemüht hatte, so sehr wurde diese eine (noch nicht kollektiv bindende) Nachricht für die allgemeine Verunsicherung verantwortlich gemacht.</p>
<p><strong>Selbstverunsicheurng</strong></p>
<p>Die genannten Meldungen sind jedoch keine wirklich neuen Neuigkeiten. <em>Mehr</em> der Staatsschulden ist seit Monaten bekannt. Selbst die Herabstufung der Bonitätsbewertung der USA seitens Standard &amp; Poor’s sollte zumindest weder für Politiker noch für institutionelle Anleger eine Überraschung gewesen sein – hatten die Agenturen doch in der Vergangenheit allzu oft eine <em>just in time</em> Anpassung versäumt. Die Talfahrt scheint vor diesem Hintergrund weniger auf einer allgemeinen Verunsicherung als auf einer <em>Selbstverunsicherung</em> zu fußen: Den Kurskorrekturen ging eine Kumulation von Erwartungskorrekturen voraus, die soziologisch nicht mit dem Verweis auf politisch verstörte Einzelmeldungen, sondern mit den Mechanismen wechselseitiger Situationsdefinitionen erklärt werden können: Marktteilnehmer erwarten plötzlich, dass andere Teilnehmer ihre Erwartungen ändern und verändern daraufhin ihr (Ver-)Kaufverhalten, was wiederum erst das erwartete Verhalten hervorrufen kann, usw.</p>
<p><strong><em>(Aus-)Tausch</em></strong><strong> von Erwartungserwartungen</strong></p>
<p>Wenn auf dem Parkett und an den Telefonen der Händler die Orders eingehen, Preise für Finanztitel verhandelt und daran geknüpfte Zahlungsversprechen getauscht werden, kann dies noch so turbulent und chaotisch erfolgen, es stabilisiert damit zugleich eine Sozialordnung. Diese Ordnung beruht auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen zwischen Marktteilnehmern, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen haben. Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Personen A und B: A erwartet, dass B erwartet, dass A zu jenem Kurs kauft und B erwartet umgekehrt, dass A erwartet, dass B zu jenem Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktteilnehmer wechselseitig. Der eine erwartet, was der andere tut, während der andere erwartet, was der eine tut. Nicht erfüllte (Kauf-)Erwartungen können deshalb nicht selten zu Enttäuschungen führen; sie tragen dadurch aber auch umgekehrt zum Festhalten an bestimmten Erwartungen bei. Im Gegensatz zu Produktmärkten können auf Kapitalmärkten Kauf- und Verkaufsrollen auch von derselben Person eingenommen werden (<em>switch-role markets</em>). Dies ändert wenig an den sozialen Bedingungen von Verhaltenserwartungen, jedoch dynamisiert es die Sozialordnung von Märkten ungemein.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung durch kumulative (Erwartungs)effekte</strong></p>
<p>Die Erwartungen an denen die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen ausrichten, sind zeitlich nicht stabil, sondern immer auch anders möglich. Sie orientieren sich an vergangenen Entscheidungen und unterschiedlichen Prognosen über ihr Kaufverhalten. Im Gegensatz zu gemachten Zahlungen können modellierte Zukunftsaussichten wieder geändert und revidiert werden. Prognosebasierte, erwartungsgesteuerte (und damit nicht vollständig determinierte) Entscheidungen sind daher auch der Selbstverunsicherung ausgesetzt. Sie müssen mitrechnen, dass sie im nächsten Moment bereits vergangen sind und damit den Folgen einer veränderten Bewertung seitens der Marktteilnehmer unterliegen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 kauft, kann zu einem Zeitpunkt t1 wieder verkaufen. Wer auf steigende Kurse setzte, kann Sekunden später auf fallende setzen und umgekehrt.</p>
<p><strong>Situationsdefinitionen gehen ihrer möglichen Ursachen voraus</strong></p>
<p>Wenn beispielsweise ein Kurs nicht weiter steigt, setzt ein Bewertungsumschlag der Erwartung ein. Wird dieser Kursfall als unerwartet hoch beschrieben, kann sich das Marktgeschehen an dieser Beschreibung orientieren und damit die Situation erst hervorrufen, ohne dass dafür eine neue <em>externe</em> Information als Auslöser eindeutig identifizierbar wäre, und ohne dass sich die befürchteten Erwartungen überhaupt einstellen. Gerade wenn bei Kursfällen (oder -anstiegen) bestimmte Richtwerte oder Grenzwerte über DAX-Kurse oder andere Indices bei Anlegern eingehen, laufen vermehrt vorprogrammierte Kaufs- und Verkaufsentscheidungen ab. Das Erreichen einer <em>Marke</em> lässt sich hinterher schwer auf eine Einzelhandlung zurechnen. Es ist <em>und</em> wird jedoch Ausdruck umstrukturierter Erwartungen und neu definierter Situationen. Dass (selbst-)verunsichernde Handlungsschemata in ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Weise in anderen Bereichen auftreten können, beschreibt das so genannte Thomas-Theorem: <em>If men define situations as real, they are real in their consequences</em> – bekannter unter der verkürzten Formel <em>sich selbsterfüllender Prophezeiungen</em>.</p>
<p><strong>Selbsterfüllende Prophezeiungen</strong></p>
<p>Derartige Selbstverstärkungseffekte ergeben sich vor allem bei großen Volumina und sekundenschneller Transaktionsströme – v.a. aber wenn ähnliche Situationsbeschreibungen (insbesondere über Wachstumsaussichten oder mögliche Ursachen von Kursverlusten) gleichzeitig zusammentreffen. Und dies ist angesichts der heutigen Echtzeitübertragung der Kurse auf wenigen (virtuellen) Marktplätzen ein nicht selten erwartbares Ereignis. Selbstverunsicherungen auf Finanzmärkten beruhen insbesondere auf Zahlungsentscheidungen, die je nach Zeitpunkt und Kursstand zwischen Verlustrisiko und Gewinnchance schwanken. Selbstverunsicherungen als soziale Bedingungen dieses Schwankens beschreiben damit einen großen Teil der so oft benannten und dennoch oft missverständlichen <em>Psychologie der Märkte</em>. Die Frage <em>wie reagieren die anderen Marktbeobachter</em> ist dabei konstitutiv. Von außen an die Märkte herangetragene wirtschaftliche und politische Informationen werden in dieses Zusammenspiel wechselseitiger Erwartungen selektiv eingespeist und in die eigene Marktsprache übersetzt. Es ist gerade dieses Geschäft mit der (Selbst-)Unsicherheit der Zukunft, das die produktive und zugleich destruktive Kraft auf Finanzmärkten ausmacht – in Krisen- wie in Boomzeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a title="The Prophecy" href="http://www.paranaiv.no/archive/photographers/aymeric-giraudel">The Prophecy</a>)</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen in der Theorie</strong></p>
<p>Merton, Robert K. 1948: The self-fulfilling prophecy. Antioch Review 8, 193-210.</p>
<p>Thomas, William I. &amp; Thomas, Dorothy S. 1928: The child in America: Behavior problems and programs. New York: Knopf, 572.</p>
<p>Weick, Karl. E. 1995: Der Prozess des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 221-236.</p>
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		<title>Hard cases make bad laws</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-%e2%80%93-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/</link>
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		<pubDate>Fri, 29 Jul 2011 12:32:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Absicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Entscheidung]]></category>
		<category><![CDATA[Kredit]]></category>
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		<category><![CDATA[Resonanz]]></category>
		<category><![CDATA[Risiko]]></category>
		<category><![CDATA[Wohlfahrt]]></category>

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		<description><![CDATA[Über die Wohlfahrtskosten und -gewinne von Absicherungen Ein Übermaß an Absicherungen – nicht nur gegen „Finanztsunamis“ – schmälert auf Dauer den Wohlstand, ließ Alan Greenspan, einstiger Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve, am Mittwoch im Kommentar der Financial Times Deutschland verlauten. Dass sich prominente Wirtschaftswissenschaftler über eine zu hohe staatliche Regulierung der Märkte beklagen, wäre im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-%e2%80%93-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/broken_windows_highrise2-550x401/" rel="attachment wp-att-2535"><img class="size-full wp-image-2535 alignnone" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/broken_windows_highrise2-550x4011.jpg" alt="" width="539" height="285" /></a></p>
<p><strong>Über die Wohlfahrtskosten und -gewinne von Absicherungen</strong></p>
<p><strong></strong>Ein Übermaß an Absicherungen – nicht nur gegen „Finanztsunamis“ – schmälert auf Dauer den Wohlstand, ließ Alan Greenspan, einstiger Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve, am Mittwoch im <a href="http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:risikoabsicherung-alan-greenspan-der-fluch-der-vielen-sicherheitspuffer/60084454.html">Kommentar</a> der Financial Times Deutschland verlauten. Dass sich prominente Wirtschaftswissenschaftler über eine zu hohe staatliche Regulierung der Märkte beklagen, wäre im Osten nichts Neues. Geht sein Plädoyer über die gebetsmühlenartige Bürokratiekritik liberaler Lager hinaus? Ja und Nein lässt sich antworten.</p>
<p><span id="more-2119"></span><strong>Hohe Kontrollkosten schützen nicht vor Kontrollverlust</strong></p>
<p>Jedes Kind, das beim Spielen einmal eine Fensterscheibe zerbrochen hat, weiß um die nachfolgend hohen Kontrollkosten gegen den bösen Einzel(unglücks-)fall: Spielen ohne Aufsicht ist nach nur einem Fehl<em>tritt</em> tabu! Die kriminalpräventive Konsequenz lautet: „Eltern haften für Ihre Kinder“. Im öffentlichen Raum stellt die Nulltoleranzpolitik eine unbeliebte erzieherische Maßnahme für den befürchteten <a href="http://www.nzzfolio.ch/www/21b625ad-36bc-48ea-b615-1c30cd0b472d/showarticle/1d48004b-8679-4256-91d7-cb883f5b70a8.aspx">Selbstverstärkungseffekt von Normabweichungen</a> dar: Dass nämlich ein eingeschlagenes Fenster zur Verwahrlosung ganzer Straßen oder Stadtteile führen kann.</p>
<p>Über aggregierte Kriminalitätsraten mag man sich streiten. Im statistischen Vergleich werden Ereignisse wie Krisen, Kriege und Katastrophen eher als unwahrscheinlich prognostiziert. „Wer sich absichern will, muss einen Puffer ungenutzter Ressourcen aufbauen, die nicht zur Herstellung von Waren oder Dienstleistungen verwendet werden. Sie kommen nur dann zum Einsatz, wenn und falls der Krisenfall eintritt“, so Greenspan.</p>
<p>Krisenfälle stellen zu Englisch „hard cases“ dar. Der bekannte Zusatz lautet „hard cases make bad laws“. Diese Erfahrung machten Common Law Richter bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Auch heute noch wird die normative Stilisierung von Verhaltenserwartungen am Einzelfall entschieden und daraus ableitend generalisiert. Positives Recht ist in westlichen Demokratien jedoch politisch entscheidbar und damit änderbar.</p>
<p>„Puffer zu finanzieren ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die eine Gesellschaft treffen kann, sei es durch bewusste Politik oder standardmäßig“, schreibt der ehemalige Notenbank-Chef weiter. Das in den Massenmedien kommunizierte öffentlich-politische Interesse an bedrohlichen Konsequenzen der Zukunft – sei es wie derzeit an den Umschuldungskosten immenser Staatsdefizte, am Ausstieg aus der Kernenergie oder an der Vorsorge gegen EHEC-Bakterien – wird im demokratischen Machtmessen zwischen Regierung und Opposition regelmäßig Gegenstand politischer Entscheidungen: Entscheidungen, die nach kollektiver Verbindlichkeit suchen.</p>
<p><strong>Wohlfahrtsstaaten tendieren zur Anspruchsinflation</strong></p>
<p>Gerade politische Organisationen sind dabei einem hohen Druck durch die öffentliche Meinung ausgesetzt. Um Handlungs- und Konsensfähigkeit für die <a href="../../../../../2008/07/07/der-placebo-effekt-des-politischen-systems/#more-25">Lösung unlösbarer Probleme</a> zu suggerieren, tendieren sie bei hoher Resonanzfähigkeit dazu, heute als Fehler beurteilte Entscheidungen morgen in programmierte Vorsicht umzubauen. Für die Umwelt des politischen Systems sowie insbesondere für die Betroffenen resultieren daraus jedoch weitere Risiken, die zwar eine Kontrollillusion mitführen – immerhin irgendwie entschieden zu haben – zugleich können sie aber auch die Risiken eines Kontrollverlusts verstärken: Die Risiken vergeblicher Regulationen, vertagter Anträge, zu niedrig gesetzter Richt- und Grenzwerte, undurchsichtiger Standards oder Siegel, der Zunahme von Eingriffsentscheidungen und damit verbundener Kosten, aber vor allem die Risiken der Nichtausnutzung von Chancen und Innovationen, wie sie auch Greenspan für die Volkswirtschaft(en) anmahnt. Ein prominent beklagter Fall hoher Kontrollkosten von bad laws sind all-urlaublich die <a href="http://www.bundespolizei.de/cln_179/nn_249932/DE/Home/08__Service/Allgemeine__Reisehinweise/reisehinweise__node.html?__nnn=true">Reisebestimmungen</a> infolge von Terroranschlägen. Die kollektiven Sicherheitskosten und -gewinne übersteigen dabei nicht selten die individuellen Freiheitsrechte.</p>
<p><strong>Unaufhaltsame Absicherungsspirale?</strong></p>
<p>„Aber wenn Politiker sich entscheiden, ihr Volk vor jedem vorstellbaren Risiko zu schützen, sinkt mit hoher Gewissheit der Lebensstandard“, warnt Greenspan. Wieso ist dann der moderne Wohlfahrtsstaat noch nicht unter der Last seiner nimmersatten Bürger, ihrer Ansprüche und daraus verbundenen Schuldenlasten zerbrochen? Als eine Antwort bietet sich an: Weil er gleichzeitig und insbesondere in wirtschaftlichen Krisenzeiten auch Gefahren – wie strukturelle Arbeitslosigkeit und bestimmte Gesundheitsschäden – individualisiert und dabei in Risiken transformiert. Die Aktivierungsprogramme unter Altkanzler Gerhard Schröder sind ein Beispiel für die staatliche Entlastung von zu hohen Wohlfahrtskosten. Den Arbeitsverlust auf eigene Fehlentscheidungen zuzurechnen, fordert die Eigenverantwortung und damit auch die Eigenbeteiligung – die Investition in Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge.</p>
<p>Greenspan klammert das private (wenn auch teils staatlich geförderte) Geschäft mit Absicherungen möglicher Risiken jedoch weitgehend aus und hinterlässt damit einen undifferenzierten Blick. Er blendet dabei aus, dass nicht alle Risiken immer zugleich politisch resonanzfähig sind. Gerade durch die politisch geframte Individualisierung bestimmter Risiken boomt das Absicherungsgeschäft in fast allen Branchen. Die dabei erwirtschafteten Mehrwerte tragen jedoch vermittelt durch die Einnahme diverser Steuern nicht unwesentlich zur staatlichen Wohlfahrtsmehrung bei – vielleicht derzeit in Deutschland mehr als in den USA, aber der politische Umverteilungsmechanismus läuft ähnlich. Das Geschäft reicht dabei von der Berufsunfähigkeit zum Zahnzusatz hin zu (Waren-)Kreditversicherungen. Selbst die hierzulande weitverbreiteste Haftpflichtversicherung – als Absicherung gegen die Gefahr, einen Verlust durch Dritte zu erleiden – wird zum eigenen Risiko, sich im Schadensfall nicht für eine derartige (oder für eine billigere oder umfangreichere) Police entschieden zu haben. Denn auch die beste Absicherung vermag die Unsicherheit der Zukunft nicht zu regulieren.</p>
<p><strong>Vertrauensfrage: Welche Risiken lagert der Staat aus und welche nicht?</strong></p>
<p>Mit steigender Wohlfahrt wächst das Vertrauen des Staates in die Mündigkeit seiner Bürger, ihnen weniger Entscheidungen abzunehmen und dagegen ihre Eigenverantwortung zu fördern. Wer ein bestimmtes Wohlstandsniveau genießt und beispielsweise nicht die Kosten einer kollektiven Gesundheitsvorsorge mittragen möchte, hat beispielsweise hierzulande die Wahl zwischen unterschiedlichen privaten Teil- und Vollversicherungen zu entscheiden. Aber wo Vertrauen in die Eigenverantwortung anderer fehlt, setzt die oben genannte Nulltoleranzpolitik ein. Greenspan&#8217;s doppeldeutiger Appell an den &#8220;Wohlstand der Nationen&#8221; beschreibt jedoch die Absicherungskosten von milliardenschweren bailouts zur Rettung maroder Banken als scheinbar unnötige wohlfahrtssenkende Absicherungskosten, weil andere Banken sich anschließend in Sicherheit wägen könnten, auch „gerettet“ zu werden. Wie Dirk Baecker herausgearbeitet hat, machen Banken ihr Geschäft jedoch nicht mit staatlichen Rettungsaussichten, sondern mit profitablen Risiken von <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/womit_handeln_banken_-dirk_baecker_28546.html">Zahlungsversprechungen</a> v.a. institutioneller Anleger und anderer Banken.</p>
<p>Es scheint als erhärte sich ein anfänglich vermuteter Motivverdacht, dass sich Greenspan’s Plädoyer gegen zu hohe wohlfahrtsmindernde Absicherungskosten für zu unwahrscheinliche Risiken indirekt auf die bereits wahrscheinlich steigenden Kreditkosten der Banken im Rahmen von Basel III beziehen. Benannt ist damit das Regelwerk, welches ab 2013 in Kraft tritt und insbesondere eine Erhöhung der Eigenkapitalquoten von Banken vorsieht – vornehmlich zur Absicherung von Kreditausfällen, welche 2008 die bisher größte Finanzkrise auslösten.</p>
<p><strong>Vertrauensverlust durch zerbrochene &#8220;(Kredit-)Fenster</strong>&#8221;</p>
<p>Die Politik befürchtet noch mehr zerbrochene Fenster, nicht nur bei Lehmann Brothers &amp; Co. und setzt deshalb auf eine Nulltoleranz gegenüber zu wenig und zu leichtsinniger Absicherung seitens der Banken. Das staatliche Vertrauen in das Risikomanagement von Banken ist erodiert, ihre ausreichende Eigenverantwortung in Frage gestellt. Wenn durch diese politisch induzierte Absicherung in Zukunft Finanzkrisen verhindert oder abgemildert werden könnten und damit weitere staatliche Absicherungskosten nun durch private Absicherungsleistungen seitens der Banken mitgetragen (und diese ebenso wahrscheinlich teilweise auch an den Kreditnehmer weitergegeben) werden, so müsste zumindest nicht nur nach soziologischer Rechnung am Ende ein positiver Saldo erzielt werden können.</p>
<p>(Bild: <a href="http://inkflesh.wordpress.com/2011/03/29/nypd-wrong-nine-times-out-of-ten/">Inkflesh</a>)</p>
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		<item>
		<title>Solidarische Entsolidarisierung</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jul 2011 10:35:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe_Stefan]]></category>

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		<description><![CDATA[In der heutigen F.A.Z. ist im Wirtschaftsteil ein kleiner Text („Eine Frage der Ehre am Golf“, S. 10) versteckt, der in den arabischen Ländern eine „geistige Revolution“ beobachtet: „Auch in den Golf-Staaten nimmt die Komplexität des Wirtschaftens zu, und eine Vielzahl neuer gesetzlicher Regelungen, sei es zum Kapitalmarkt oder zum Konkursrecht, wird dieser Komplexität gerecht.“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1975" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="268" /></p>
<p>In der heutigen F.A.Z. ist im Wirtschaftsteil ein kleiner Text („Eine Frage der Ehre am Golf“, S. 10) versteckt, der in den arabischen Ländern eine „geistige Revolution“ beobachtet: „Auch in den Golf-Staaten nimmt die Komplexität des Wirtschaftens zu, und eine Vielzahl neuer gesetzlicher Regelungen, sei es zum Kapitalmarkt oder zum Konkursrecht, wird dieser Komplexität gerecht.“ Das Recht gewinnt an Bedeutung und löst andere Mechanismen der (wirtschaftlichen, herrschaftlichen) Verhaltensorientierung ab: „Gerade die „Arabellion“ und die Umwälzungen in der arabischen Welt zeigen, dass sich die Jugend nicht länger dem Begriffspaar „Macht/Furcht“ fügen will.“</p>
<p><span id="more-1971"></span>Das ist aus ziemlich vielen Perspektiven hochinteressant. Denn es zeigt, und die journalistischen Aussagen sind Reformulierungen eines Unternehmers, der seit 20 Jahren vor Ort ist, dass zu vielen historischen Zeitpunkten und in vielen Kulturen dieselben evolutionären Mechanismen greifen, wenn sich Gesellschaften verändern und entwickeln: Menschen begegnen einander und beschleunigen die Zirkulation von Gütern und Ideen mit Hilfe von Geld. Es entsteht ein Wirtschaftskreislauf und in dessen Schlepptau Ungleichheit. Jeder Marktteilnehmer zeichnet sich durch sein eigenes Haben/Habenwollen-Profil aus und mit jedem Kontakt verschieben sich diese Asymmetrien unter den Marktteilnehmern.</p>
<p>Funktionierende Märkte ruhen auf den wirtschaftlichen Asymmetrien ihrer Teilnehmer. Aber auch auf Erwartungssicherheit, die nicht durch jedes individuelle Crossing der Linie zwischen Haben und Habenwollen umgekehrt wird. Sie benötigen die Hilfe des Rechts, das die wirtschaftliche Asymmetrisierung stabilisiert, indem sie sie ignoriert. Der F.A.Z.-Text handelt von dieser Etappe. Wenn die wirtschaftlichen Interessen anspruchsvoller werden, wird das Recht komplizierter und die Gesellschaft insgesamt, die Wirtschaft und Recht nicht parallel, sondern zirkulär baut, komplexer. Die nächste Evolutionsstufe besteht darin, die Asymmetrien des Rechts wiederum extern abzusichern. Dies gelingt mithilfe der Politik.</p>
<p>Man kann es erstaunlicherweise bei so unterschiedlichen Autoren wie Jürgen Habermas, Max Weber und Niklas Luhmann auf ähnliche Weise lesen: (1) Wirtschaftliche Asymmetrien stabilisieren sich im Recht. (2) Rechtliche Asymmetrien stabilisieren sich mit Politik. Und (3) politische Asymmetrien werden, so die historisch aktuelle Lösung, per Demokratie im immer nur vorläufig entschiedenen Konflikt abgesichert.</p>
<p>Nun zum eigentlichen Anliegen:</p>
<p>1. Im arabischen Raum versucht man derzeit die Geschichte auf den Kopf zu stellen und mit Demokratie anzufangen, um durch sie Recht und Wirtschaft zu befeuern. Diese Idee der „Demokratieverordnung“ hat jedoch, vom historischen Sonderfall Deutschland abgesehen, bislang nie und nirgends funktioniert. Demokratie bleibt eine <em>Reaktion</em> auf inner<em>gesellschaftliche</em> Komplexität, egal welche individuellen Wünsche vorherrschen. Das dies auch heute im arabischen Raum so ist, zeigt der Bericht aus Dubai und Abu Dhabi. Demokratie ist sinnlos, wenn die Hälfte des Volks nicht an der Wirtschaft teilnimmt (das gilt auch für Spanien und Griechenland).</p>
<p>2. Wenn man unter rechtsstaatlichem Recht versteht, was man heute unter Recht verstehen sollte, bedeutet es vor allem eins: Entsolidarisierung! Rechtsfindung, egal ob sie sich mit politischen, wirtschaftlichen, familiären oder sportlichen Themen befasst, bedeutet vor allem: Blindheit gegenüber den beteiligten Personen, gesellschaftlichen Rollen und gesellschaftlichen Verflechtungen. Rechtsstaatliches Recht kennt nur seinen eigenen Rechtstext und seine eigene Verfahrenslogik. Es kann nur evolutionär wachsen und wird durch Revolution bedroht.</p>
<p>Dass sich mithilfe eines auf Solidarität beruhenden Volksaufstands ein Rechtsstaat erfolgreich herstellen ließe, ist ebenso unwahrscheinlich, wie eine per Krieg herbeigeführte Demokratie. Ohne das Fundament Wirtschaft und wirtschaftliche Teilnahme sind die Versuche reine Übungen.</p>
<p>(Ergänzende Erklärung: Die Idee des &#8220;Vorsprungs&#8221; der okzidentalen Gesellschaft steckt im obigen Text drin. Aber nur, weil es mir zu mühsam war, sie herauszuargumentieren. Der arabische Raum muss historisch nicht zwingend auf das europäische Demokratiemodell zulaufen und China wird es, das ist heute schon sichtbar, auch nicht. Die vorgestellte evolutionäre Logik gilt denke ich dennoch.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/vshioshvili/2823013250/in/photostream/">Vladimer Shioshvili</a>)</em></p>
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		<title>Ausgänge aus fremdverschuldeter Alternativlosigkeit?</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Jun 2011 20:10:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In der heutigen F.A.S. ist ein interessanter Text über die „Diktatur der Notengeber“. Nach mehreren Jahren Krise wissen wir zwar immer noch nicht, ob es sich nun um eine Wirtschafts-, Politik-, Vertrauens- oder Währungskrise, eventuell in wilder Kombination, handelt, oder ob sie sich vielleicht nicht doch (irgendwann einmal rückblickend) noch als lähmende Zukunfts- oder Mutkrise [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1849" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/06/Unbenannt-17.jpg" alt="" width="550" height="326" /></p>
<p>In der heutigen F.A.S. ist ein interessanter Text über die „<a href="http://www.faz.net/artikel/C30638/ratingagenturen-die-diktatur-der-notengeber-30442790.html">Diktatur der Notengeber</a>“. Nach mehreren Jahren Krise wissen wir zwar immer noch nicht, ob es sich nun um eine Wirtschafts-, Politik-, Vertrauens- oder Währungskrise, eventuell in wilder Kombination, handelt, oder ob sie sich vielleicht nicht doch (irgendwann einmal rückblickend) noch als lähmende Zukunfts- oder Mutkrise entpuppt. Eine Einschätzung wird aber landläufig geteilt: Die Ratingagenturen sind schuld. Es ist die Idee des obigen FAS-Textes, diese Idee aufzugreifen, um sie ein bisschen zu entschärfen. Mithilfe eines kurzen historischen Rückblicks wird aufgezeigt, dass die Politik Verlässlichkeit suchte, die sie in institutionalisierten Marktbeobachtern und „Bonitätsprüfern“ fand. Mit dem Argument, dieses System habe sich historisch (und damit zwangsläufig unvorhersehbar) zum heutigen Gebaren entwickelt, ist jedoch nur eins von zweieinhalb auffälligen Strukturmomenten dargestellt, die alle beachtenswert sind. Ich erlaube mir an dieser Stelle eine Ergänzung des Textes, die an <em>Punkt 1: historische Logik</em> aus ihm anschließt.</p>
<p><span id="more-1846"></span>Punkt 2: Die Beobachtung, dass die Ratingagenturen wichtig sind und der Vorwurf, dass sie durch ihr Handeln erst wirtschaftliche Realität schaffen, die sie eigentlich bloß beobachten sollen, sind, um erklärend sein zu können, ergänzungsbedürftig, wenn man darauf hinweist, dass dieses folgenreiche Beobachten bekannt ist und <em>dennoch</em> wirkt. Es erscheint grotesk, in dem Artikel zu lesen, dass ein Standard &amp; Poor‘s Mitarbeiter selbst mahnen muss, dass ein Rating „die eigenen Analysen des Investors“ nicht ersetzt. (Das mögliche Erklärungsargument, der Mitarbeiter wolle sich gegen Vorwürfe bezüglich falscher Ratings immunisieren, griffe hier zu kurz.)</p>
<p>Eine mögliche Erklärung, weshalb sich Staaten ausführlich an „rating-events“ orientieren und private Investoren auch nicht darauf verzichten wollen, liegt vielleicht in der <strong>Funktionslogik einer Troika</strong>, die durch ihre strukturellen Gegebenheiten ein Mehrfaches an Handlungsmöglichkeiten offeriert, als wenn sich Sellers und Buyers ohne weitere Hilfe gegenüberstünden. Wenn man sich gegenseitig nicht in die Karten schauen lässt, sieht man nur noch Preise und wird darüber blind. Marktblind sozusagen, wie man schneeblind wird, wenn man nichts als konturlosen Schnee sieht.</p>
<p>Ratingagenturen überführen, als dritte Institution neben Käufern und Verkäufern, die wirtschaftliche Kommunikation aus der Oszillation zwischen zwei Polen in die Zirkulation zwischen dreien. Der daraus entstehende Vorteil ist so immens, dass selbst billigste Zauber ohne Bemühungen um Ablenkungsmanöver funktionieren, weil ansonsten so gut wie gar nichts funktionieren würde.</p>
<p>Wenn man Ratingagenturen (namentlich oder generell) kritisiert, müsste man also stets eine Ersatzinstitutionalisierung anbieten, die sich gegen die Logik <em>der Ratingagentur</em> stellt aber trotzdem die Logik einer Troika beachtet. Und das ist schwierig. (Ausführlicheres zur Troikalogik <a href="http://sozialtheoristen.de/2011/05/27/wenn-sich-drei-streiten/">hier</a>.)</p>
<p>Punkt 2,5: Man könnte Punkt 2 argumentativ auf einen Hinweis runterbrechen: Wie ein Kontrakt zur <em>Vollstreckung</em> als dritte Institution Gerichte benötigt, ist er zur <em>Vorbereitung</em> auf Ratingagenturen als dritte Institution angewiesen. Wenn man diese, für den Finanzmarktkapitalismus spezifizierte, Troika-Logik akzeptiert, ist eine Beobachtung auffällig: Ratingagenturen ergänzen das Wirtschaftssystem um ein <strong>normatives Element</strong>. Wenn es den Kontraktparteien tatsächlich reichen würde, Märkte zu beobachten, um Handlungsrationalität zu gewinnen, könnte man Ratingagenturen sehr leicht durch Preisbeobachtungen ersetzen. Indizes, Kreditversicherungsprämien, Kosten für Optionen und solchen Kram – man kann mit ihnen beobachten, was andere am Markt so beobachten und daraus lernen. Doch das reicht offenbar nicht. Investitionsentscheidungen müssen anders abgesichert werden als in Ahnungen, die man aus Marktbeobachtung gewinnt.</p>
<p>Risiko ist erträglicher, wenn man eine geteilte Meinung Dritter vorzeigen kann, die sich nicht ständig wie das Fähnchen im Wind dreht und die sich vor allem nicht mit der Investitionsentscheidung verflüchtigt. Wenn Investitions-Gewinn-Erwartungen nicht begegnet werden, ist es gut, wenn die Enttäuschung nicht nur auf das eigene Wissen, die eigenen Vorleistungen zurückgeht, sondern die alte <em>Selbstbehauptung</em> (nachträglich) mit einer „objektiven“ Zweitmeinung gegen ihre Enttäuschung noch aufrechterhalten werden kann. Ratingagenturen, die ihre Ratings mit Datum verschriftlichen und so sichtbare Wegmarken im Geldstrom der Wirtschaft setzen, die auch rückblickend noch zur Befragung kommunikativ verfügbar sind, erlauben es, die Ursachen für Scheitern von einem abzuweisen. (Abstrakt: Ratings erlauben Formenbildung, wie sonst nur Preisbildung durch Zahlungsoperation. Also: Formbildung ohne Operation, wenn man es etwas schludrig, streng theoretisch falsch, aber instruktiv ausdrückt.)</p>
<p>Unter allen Orientierungsmöglichkeiten, die das Wirtschaftsgeschehen zur Verfügung stellt, bietet ein Rating den einzigen Orientierungswert, der für eine Investitionsentscheidung ausgebeutet werden kann, ohne dass er sich der Rationalität dieser Investitionsentscheidung unterordnet. Ein Rating ist ein Rating. Es verklausuliert Handlungsempfehlungen für Investoren, ignoriert diese jedoch, sondern beobachtet nur das zu bewertende Gut. Der Rationalitätsgewinn für den Investor ist minimal, aber gegeben (und einzigartig).</p>
<p>Wer ausschließlich Märkte beobachtet, dann aber mit Verlust investiert, steht selber in der Verantwortung, es das nächste Mal besser zu machen &#8211; zu lernen. Er kann die Gründe für seine Enttäuschung nur schwer externalisieren. Wer vorher eine Ratingagentur fragt, muss zwar etwas mehr bezahlen (falls es nicht eh schon ein öffentliches Rating ist), ist aber im Enttäuschungsfall wenigstens nicht (nur) selbst schuld.</p>
<p>Dieser Mechanismus der Externalisierung funktioniert aber nur, wenn man sich nicht wiederum dem Vorwurf aussetzt, die falsche Ratingagentur beauftragt/konsultiert zu haben (also doch wieder selbst schuld zu sein). Das ist vielleicht ein wichtiges Argument für die Monopolisierung des Ratinggeschäfts, das derzeit ebenfalls vielfach kritisiert wird.</p>
<p>Wenn man beobachtet, wie die Krise derzeit konkret bewältigt wird, dass also auf Ratings geachtet wird, damit (1) Zentralbanken in ihren juristischen Korridoren als Käufer von Staatsanleihen dienen können, damit (2) Investitionsentscheidungen positiv ausfallen, wird schnell klar, wo das größte Problem der Krisenbewältigung liegt: Sie ist alternativlos. Die Gesellschaft braucht Geld, Geld muss zirkulieren, ohne materiell rückversichert zu werden. Als Rückhalt für den Wert dienen Staatsverschuldung, (Zentralbank-)Kreditversprechungen, positiv geprüfte Bonitäten, anerkannte Weltwirtschaftsinstitutionen, wissenschaftliche Institute, … und alle müssen in dieser Logik mit ihrem engen Spielraum ineinandergreifen. Und die Handlungskorridore in diesem Gefüge werden von Tag zu Tag enger.</p>
<p>Man kann nur feststellen, dass zwischen Lehmann- und Griechenlandpleite Zeit verschenkt wurde, sich mit ein bisschen Ruhe etwas Neues auszudenken. Der F.A.S.-Text schließt mit der Idee, man könne doch Ratings auf das Bedeutungsniveau von „Biosiegeln für Lebensmittel“ degradieren. Schließlich <em>kann</em> man sie zum Schutze der eigenen Gesundheit beachten, <em>muss</em> es aber nicht. Kann man sich aber eine Wirtschaft vorstellen, in der man Profit machen kann, aber nicht muss?</p>
<p>Nein. Im Gegensatz zu Gesundheit, die man biologisch/ontologisch mit einem (ziemlich) absoluten Maßstab messen kann, ist Profit nur relativ messbar. Mehr Profit des einen, ist mehr Verlust des anderen. Es gab die Woche einen interessanten Hinweis (ich weiß nicht mehr wo) darauf, dass die Deutsche Bank durchaus bereit ist, sich öffentlich für eine Gläubigerbeteiligung bei der Griechenlandhilfe auszusprechen, weil sie in dem Falle weniger Verluste machen würde als ihre Konkurrenten und somit, was das Bankensystem angeht, gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte. Vielleicht sollten die Spitzen(<em>mäßigen</em>)politiker, die sich derzeit um die Krisenbewältigung kümmern, auf solche wirtschaftlichen Kalküle reagieren und mal ebenso rational an die Sache herangehen, wie es ihnen die Banken vormachen. Sie könnten nur gewinnen: Glaubwürdigkeit, politische Handlungsfreiheit, generelle Wohlfahrt, <em>Frieden</em>. Für Griechenland ist es bereits zu spät. Neben gekränktem Stolz vor Ort und dem Fass-ohne-Boden-Gefühl in Resteuropa ist zu lesen, dass man inzwischen schon mehrere Personen fragen muss, bis mal jemand zusagt, dort Finanzminister werden zu wollen. Wenn politische Ämter unattraktiv werden, ist das ein ebenso erschreckendes Indiz für Endzeit, wie die Gewalt auf der Straße.</p>
<p>In diesem Sinne, für alle die bis zum Ende dieses Textes durchgehalten haben: Die historische Mahnung zur Krise befand sich heute in der F.A.S. nicht im Ratingagenturtext, sondern im Einstieg ins Feuilleton. Katja Petrowskaja aus Kiew erzählt, nicht wütend, sondern betrübt, davon, wie man das Kriegsende 1945 rückblickend, mal von den amerikanischen Heldensagen absehend, beschreiben kann: „Stalin versenkte Hitler im Blut der sowjetischen Menschen, seines eigenen Volkes.“ Vielleicht kann man aus solchen Sätzen ein funktionierendes politisches Kalkül für eine <strong>mutige</strong> Krisenbewältigung ableiten, das sich nicht in Alternativlosigkeit verstrickt?</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/oliverd/3073786169/in/photostream/">Oliver Degabriele</a>)</em></p>
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		<title>Wenn drei sich streiten</title>
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		<pubDate>Fri, 27 May 2011 19:37:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fragestellungen zu politischen Phänomenen sind immer wieder gerade dann besonders interessant, wenn die Politikwissenschaft nicht mehr in der Lage ist, sie zu behandeln. Ich vermute es liegt daran, dass sich Politikwissenschaftler zu wenig als Historiker und zu viel als Berater verstehen. Sie erklären, wie man überall auf der Welt Demokratie herstellen könnte, ohne verstehen zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1713" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/05/Unbenannt-16.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Fragestellungen zu politischen Phänomenen sind immer wieder gerade dann besonders interessant, wenn die Politikwissenschaft nicht mehr in der Lage ist, sie zu behandeln. Ich vermute es liegt daran, dass sich Politikwissenschaftler zu wenig als Historiker und zu viel als Berater verstehen. Sie erklären, wie man überall auf der Welt Demokratie herstellen könnte, ohne verstehen zu wollen, was Demokratie im Kern ausmacht. Sie erklären, wie man Korruption bekämpft, ohne verstehen zu wollen, warum es sie gibt. Und sie erklären, wie man die Bindestrichkrise in Europa abwickeln könnte, ohne viele Gedanken dafür zu nutzen, zu verstehen, was von Europa bleibt, wenn „die Krise“ überwunden wäre.</p>
<p><span id="more-1710"></span>Die Idee, dass Europa derzeit einen Krisenmechanismus institutionalisiert um handlungsfähig zu bleiben stimmt, kann als Paradigma jedoch ausgebaut werden. Zumindest ist die Beobachtung von Europa in einer Krise nur insoweit als Ausgangspunkt für Diagnosen verwendbar, wie man dem realen, krisenbeladenen Europa kein herbeigeträumtes, ideales Europa gegenüberstellt. Es ist eine kaum merkliche aber fundamentale Unterscheidung Europa nicht als Garant für Frieden, sondern als Abwehrmechanismus gegen Krieg und Gewalt zu sehen. Wenn man Letzteres als Paradigma verwendet, wird sichtbar, dass es Europa per Definition mit einem Ausgangsproblem zu tun hat, dass sich nicht grundsätzlich, sondern nur immer wieder neu lösen lässt: das Abwenden von Gewalt auf der Straße.</p>
<p>Diese soziologische Idee, empirische Phänomene nicht nur als historisch und menschengewollt zu verstehen, sondern (zusätzlich) auf ein Problem zurückzuführen, finde ich, bezogen auf ihre Attraktivität, überraschend wenig in andere sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze übernommen. Das ist schade. Aber auf kleinen Webseiten wie dieser lässt sich mit wenig Mühe etwas dagegen tun. Für das Folgende werde ich das Prinzip der Problematisierung etwas überstrapazieren. Es geht um ein empirisches Phänomen, aus dessen Beobachtung die historischen und personen-, biografiegetriebenen Aspekte mit Absicht etwas herausgerechnet werden.</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>In der F.A.Z. war die Woche ein <a href="http://www.faz.net/-01w4fb">Interview mit Jens Weidmann</a>, dem neuen Bundesbankpräsidenten. Es ging um die üblichen aktuellen Fragen, doch anstatt die Interviewsituation zu nutzen, inhaltlich Politik zu machen, verwies er immer wieder auf laufende Prozesse der Krisendiagnose und –intervention und in einem Ausschnitt sprach er von der Troika aus EU, IWF und (Europäische) Zentralbank und ihre gemeinsame Anstrengung, die Situation mit Griechenland zu bewältigen.</p>
<p>In der Auseinandersetzung mit politischen Problemen und ihren Institutionen begegnet einem dieses Troika-Modell immer wieder. Beispielsweise ganz allgemein in der Dreigliedrigkeit der Gewaltenteilung, in vielen Ländern im Zusammenspiel von Parlamenten und Regierungen (Bundesrat, Bundestag, Bundesregierung; Senat, Repräsentantenhaus, Präsiden; Oberhaus, Unterhaus, Regierung) und auch die EU, die sich ohne konkretes Vorbild mit Institutionen ausgestattet hat, bildet sie in der Unterscheidung von EU-Parlament, EU-Rat und EU-Kommission ab.</p>
<p>Wieso immer drei? Man könnte natürlich sagen, es handele sich schlicht um eine sehr elegante Lösung des Souveränitätsparadoxes. Es darf keinen einsamen Herrscher geben. An seine Stelle treten gleichrangige aber unterscheidbare Personen/Institutionen, die sich auf Entscheidungen einigen, indem sie „Willkür“ durch Verfahren ersetzen. Dieses einfache Prinzip gelänge jedoch schon unter zweien oder unter vieren und mehreren. Wieso etabliert sich so oft eine Troika?</p>
<p>Es gibt darauf soziologische Antworten, die viele Ebenen tiefer interaktionssoziologisch erarbeitet wurden aber in gewissem Rahmen übertragbar sind. Man kennt, aus eigener Erfahrung, den Unterschied von Gesprächen zu zweit und zu mehreren. Zu zweit vermengen sich Sozial- und Sachdimension. Konfliktpotenziale werden gesteigert. Konflikte generalisiert. Man ist stets entweder Autor oder Adressat und findet keine Rückzugsmöglichkeiten. Man muss mit riskantem Taktverhalten und aufwendiger Aufmerksamkeit dienen, um die Situation zu meistern. Ein Gespräch unter zweien erhält beinah von selbst den Charakter von <em>Intimität</em>. (Es handelt sich um eine soziologische Beobachtung. Auch wenn sich die Zwei nicht auf emotionaler Ebene „intim“ begegnen, sind sie doch auf besondere Weise einander ausgeliefert und aufeinander angewiesen – interessanterweise gerade, wenn sie sich relativ unbekannt sind.)</p>
<p>Unter Dreien ist vieles anders. Ein Gespräch kennt auch unter mehreren nur ein Thema. Die Zurechnung von Autoren bleibt erhalten, aber schon die Adressatenfrage kann offenbleiben. Es antwortet entweder der eine oder der andere. Für den Fall, dass konkret adressiert wird, erhält der Dritte eine Publikumsrolle und damit angenehmen Rückzug, in der Präsenz. Ein Gespräch unter dreien ist/sind ein bisschen 3 Gespräche unter zweien, die sich in rasanter Folge und kaum steuerbar immer wieder gegenseitig ablösen und dabei entlasten <em>und</em> irritieren. Das kann als sehr angenehm empfunden werden, sofern das Thema genug Beiträge provoziert und keine Organisation grob strukturierend eingreift. Es handelt sich dann um <em>Geselligkeit</em>.</p>
<p>Die Geselligkeit, mit Publikum und Rückzugsmöglichkeiten, erlaubt mutigere Selbstdarstellungen, mehr Spielerei, mehr Variation, die auch mal kurz, ohne weitere Folgen, scheitern darf. Wenn Kreativität und Inspiration gefragt sind, ist die Geselligkeit geeigneter als die Intimität. Soweit die Interaktionssoziologie.</p>
<p>Sind diese Merkmale übertragbar auf Institutionen die Weltpolitik betreiben? Ich denke, ja, sogar in einem erstaunlich großen Maße. Auch Institutionen kennen den Gesichtsverlust, benötigen Rückzugsmöglichkeiten, ohne dass die Kommunikation dadurch stoppt, und müssen Themen und Beiträge „in den Raum werfen“ können, ohne Adressierungszwang. Dies und Weiteres gelingt nur, wenn Kommunikation aus der Oszillation befreit wird und mindestens drei potenzielle Adressaten/Autoren für Zirkulation sorgen. Erst dann wird es möglich, Themen und Beiträge risikoarm auf Resonanzfähigkeit hin zu testen.</p>
<p>Man kann das an der Troika zum Griechenlandthema beobachten. Es sind viele Ideen („Reprofilierung“, „sanfte Umschuldung“, „Umschuldung“, „Liquidierung von weiterem ‚Staatsbesitz‘“, „Schuldenerlass/Haircut/Gläubigerbeteiligung“, usw.) im Umlauf. Sie werden in den Raum geworfen und es wird gewartet was passiert. Die Argumente der EU (der reichen, großen EU-Mitgliedsstaaten) orientieren sich an ihrer politischen Rationalität. Die Argumente des IWF orientieren sich an wirtschaftlicher Rationalität. Und die Argumente der EZB sind vergleichsweise streng wissenschaftlich. Ihr geht es nur in zweiter Linie um erfolgreiche Zahlungen oder politische Harmonisierung, sie ist viel grundsätzlicher an Stabilität und Erwartungssicherheit interessiert und ignoriert den großen Haufen Schrottstudien aus fremden Häusern.</p>
<p>Wenn man, wie oben gesagt, von historischen und personellen Angelegenheiten absieht, kann man sehen, wie diese Troika politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Angelegenheiten, die sich im Problem aufzeigen, Schritt für Schritt und immer wieder mit Überraschungsmomenten sich selbst gegenüber allmählich in eine Problemlösung fortentwickelt. Jeder bekommt Aufmerksamkeit und Gestaltungsspielraum. Es stehen sich Zahlungsfähigkeit (IWF), Glaubwürdigkeit (Politik) und Stabilität (Zentralbank) gegenüber und alle sind gespannt, was dabei herauskommt.</p>
<p>Ob so eine Analyse stimmt und was sie bringt? Hm. Man könnte vielleicht sehen, wie trotz großer, riesiger, krisenhafter inhaltlicher Probleme die Problemlösungsstrategie eigentlich gut funktioniert (und dass man lange überlegen müsste, wollte man Verbesserungen formulieren). Dies gilt jedenfalls so lange, bis die Gewalt auf die Straße zurückkehrt – was derzeit bereits der Fall ist. In Griechenland schon eine Weile und seit heute auch in Spanien. Vielleicht ist die Troika zuungunsten politischer Glaubwürdigkeit schon aus ihrer Balance geraten&#8230; (Man könnte dann aus dem Konzept ablesen, wie sich die Balance wieder herstellen ließe: Freiwillige Gläubigerbeteiligung / Haircut &#8211; nachdem dies die Politik fordern würde. Politische Glaubwürdigkeit auf kosten wirtschaftlicher Zahlungsfähigkeit. O. ä.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/ektogamat/2687444500/">Anderson Mancini</a>)</em></p>
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		<title>Ende der Kreditfähigkeit</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/03/31/ende-der-kreditfahigkeit/</link>
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		<pubDate>Thu, 31 Mar 2011 20:04:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Begriff Kredit verweist auf das Aufschieben von Zahlungen. Diese einfachste Form der Begriffsverwendung ist massenmedial inzwischen so präsent, dass die eigentliche Funktionsweise schon nicht mehr behandelt wird. Anstatt Tatsachen zu erklären, wird einfach auf den tradierten Begriff Kredit (als massenmedial taugliches Schema) zurückgegriffen und schon ist die Lage Irlands, Griechenlands, der Frankfurter Rundschau und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1457" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/03/Unbenannt-113.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Der Begriff <em>Kredit</em> verweist auf das <em>Aufschieben von Zahlungen</em>. Diese einfachste Form der Begriffsverwendung ist massenmedial inzwischen so präsent, dass die eigentliche Funktionsweise schon nicht mehr behandelt wird. Anstatt Tatsachen zu erklären, wird einfach auf den tradierten Begriff <em>Kredit</em> (als massenmedial taugliches <em>Schema</em>) zurückgegriffen und schon ist die Lage Irlands, Griechenlands, der Frankfurter Rundschau und die von 1860 München beschrieben: Diese Länder und Institutionen haben Schulden, die sie nicht bezahlen können – sie stehen vor tief greifenden Veränderungen.</p>
<p><span id="more-1454"></span>Dass diese Vereinfachung über die Begriffsvehikel Kredit und Kreditfähigkeit zu einfach ist, versteht man beinah intuitiv. Es ist daher, wenn schon die empirischen Einzelfälle nicht genauer beobachtet werden, angeraten, sich zumindest über den <a href="http://www.weissgarnix.de/2011/03/12/uber-geld-spricht-man-nicht-wdr3-rezensionen/">Mechanismus der Verknüpfung von Zeit (Aufschieben) und Geld (Zahlung)</a> grundsätzlich zu informieren. Insbesondere, weil ein offener Kredit nicht nur „Zahlungsrückstand“, „Belastung“, „Schulden“ bedeutet und nicht jede „Zahlungsunfähigkeit“ gleich eine Tragödie ist.</p>
<p>Wenn man diesen Weg geht und sich über den Gehalt des Begriffs <em>Kredit</em> informiert, ist es nur ein kleiner Schritt, die Idee des <em>Aufschubs von Zahlungen</em> von der Verengung auf <em>Geld</em> zu lösen und sich eine Stufe generalisierter über die Idee eines <em>Aufschubs von Leistungen</em> allgemein Gedanken zu machen. Schließlich sind Geldzahlungen nicht die einzigen Leistungen, zu denen man sich im Jetzt verpflichten kann, obwohl erst in der Zukunft die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen, mit denen geforderte oder notwendige „Kompensations“-Leistungen erbracht werden können. (Die Etymologie von <em>Kredit</em> verweist, ohne inhaltliche Verengungen, auf <em>Glaube und Vertrauen</em>.)</p>
<p>Den Kreditbegriff von Geldzahlungen zu lösen eröffnet eine interessante und, das sollte man nie unterschätzen, stammtischtaugliche Heuristik. Denn nicht nur das Irland/Griechenland-Thema passt ins Kredit-Ideenschema, sondern auch das Atomkraftproblem. Nationen, die sich per politischer Entscheidung „saubere Energie“ via Atomkraft heute auszahlen lassen, müssen die Atommüllentsorge-Leistung morgen erbringen. Sie haben sich selbst einen <em>Vertrauen</em>svorschuss dafür gegeben, dies später zu können.</p>
<p>Wenn ein Atomkraftwerk bis zum Ende funktionstüchtig bleibt, müssen die Brennelemente gelagert und betreut werden. Wenn ein Kraftwerk vor seinem politischen Ende kaputt geht, ist zwar, wie aktuell, die Lagerungsfrage geklärt (worden), doch eine Betreuungs-Leistung ist umso aufwendiger. (In Fukushima sind es übrigens <a href="http://alternativlos.org/14/">60 – 90 Tonnen Brennstoff pro Reaktor</a>. Die Einheit dieser (direkten und indirekten) finanziellen Betreuungs-Leistung wird wahrscheinlich die nächsten Jahrzehnte in ‚Prozent des BIP‘ angegeben, wie schon jetzt in der Ukraine.)</p>
<p>In diesem Rahmen bietet der heutige Nachrichtentag zwei gravierende Feststellungen zum <em>Ende der Kreditfähigkeit</em> auf. Zum einen kündigte heute sowohl der Bundespräsident als auch die Kanzlerin das <a href="http://www.faz.net/p/Rub6C77E50CFDFD44AF94BA0EA12FECC2AD/Dx1~Ef10a09e2754572144f891013e8d350c7~ATpl~Ecommon~Scontent.html">„too big to fail“-Prinzip</a> der Bankenrettung auf und zum anderen ist der (partielle) Atomausstieg in Deutschland seit heute politisch abgemachte Sache. Das Moratorium wird zuungunsten der Atomkraftwerksbetreiber ausgehen und darüber wird offensichtlich nicht mehr politisch verhandelt, es gilt der <a href="http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~EF5EC7B4A23B4494EA174F7F840DAC44E~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Rechtsweg</a>. Zwar muss man beim Atomthema noch abwarten, was letztlich wirklich passieren wird, doch die heute bewilligten <a href="http://www.faz.net/s/Rub3ADB8A210E754E748F42960CC7349BDF/Doc~E3CB31493EC7545FD8F06F14C789D53BB~ATpl~Ecommon~Scontent.html">24 Mrd. Euro</a> (<a href="http://www.diewunderbareweltderwirtschaft.de/2011/03/nochmal-24-milliarden-euro-fur-die.html">via</a>), mit denen die Banken des 4-Millionen-Einwohner-Landes Irland ein weiteres Mal ausgestattet werden, markieren ein auch für Laien erkennbares faktisches Ende der finanziellen Kreditfähigkeit. (Man kann und wird Irland und den anderen Ländern und Institutionen weiterhin Geld geben, nur mit der Form „Kredit“ wird man es zukünftig erheblich schwerer haben. Und „Schenkung“ wird kein politisch angemessenes, akzeptiertes Substitut sein.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/damaradeaella/2822846819/in/photostream/">damaradeaella</a>)</em></p>
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