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	<title>Sozialtheoristen &#187; Polemik</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Wer hat wozu und wieso überhaupt &#8220;Zeitungen&#8221;?</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 15:17:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zur Einstimmung bitte auch folgenden verlinkten Text lesen, um zu überprüfen, welcher von beiden sinnloser ist: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2009/04/Kiosk-Schluss-Mit Es ist eine allgemeine Qual, Therapeuten sind entsetzt und eigentlich wissen wir es alle. Man erahnt es instinktiv und dennoch begegnet man demselben Frevel überall. Ca. 20 Mio. Menschen, vorrangig Männer, verbringen ihr Leben in Familien, verheimlichen jedoch, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Zur Einstimmung bitte auch folgenden verlinkten Text lesen, um zu überprüfen, welcher von beiden sinnloser ist: <a href="http://www.zeit.de/zeit-wissen/2009/04/Kiosk-Schluss-Mit">http://www.zeit.de/zeit-wissen/2009/04/Kiosk-Schluss-Mit</a></em></p>
<p>Es ist eine allgemeine Qual, Therapeuten sind entsetzt und eigentlich wissen wir es alle. Man erahnt es instinktiv und dennoch begegnet man demselben Frevel überall. Ca. 20 Mio. Menschen, vorrangig Männer, verbringen ihr Leben in Familien, verheimlichen jedoch, dass sie in Wahrheit allenfalls, sofern überhaupt, physisch anwesend sind. Geistig schwirren sie durch die Welt, verbringen Zeit in Gedanken und verstecken sich hinter quadratmetergroßen Papierzetteln, die sie moralisch aufgeladen als „Lektüre&#8221; oder „Zeitung&#8221; ohne weitere Erklärung höher als ihre Familien und Freunde bewerten.</p>
<p><span id="more-504"></span>Besonders ist diese Realitätsflucht an alltäglichen Morgenden zu beobachten. Anstatt das Familientagesgeschäft gemeinschaftlich zu organisieren, verkriechen sie sich hinter ihren „Zeitungen&#8221; und verstecken ihre Familienmüdigkeit im geheuchelten Interesse an <em>Gesabbel</em> unzähliger Journalisten, die behaupten, besser (sic.) über die Welt urteilen zu können als sie selbst.</p>
<p>Wodurch dieser Anspruch auf <em>besser</em> herrührt, ist dabei bis heute nicht geklärt. Die Vermutungen, dass regionale Nähe zu Ereignissen oder Erfahrung mit Themen Begründungen sind, lagen lange nahe. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass gerade Nähe zu Ereignissen oder ein reicher Erfahrungsschatz auszuschließen ist. Dies legen jedenfalls Verlautbarungen von „Journalisten&#8221; nahe, die neuerdings mit erfahrenen Auskennern vor Ort um die Wette schreiben und an ihren Konkurrenten kein gutes Haar lassen.</p>
<p>Weitere Vermutungen konzentrieren sich auf die berufliche Ausbildung zum Schreiben. Da jedoch mittlerweile jeder Bürger lesen und schreiben lernt, hilft auch diese Fokussierung auf die Problemstellung journalistischer Professionalität wenig. (Einige erzählen, einige schrieben „einfach besser&#8221; als andere &#8211; das können wir als Geschmacksurteil schlicht ignorieren.)</p>
<p>Die allerneuste Erkenntnis ist jedenfalls, dass „Zeitungen&#8221; nicht wegen ihrer Inhalte wegen, sondern ihres Schutzschirmcharakters wegen gesellschaftliches Ansehen genießen. Um eine aufgeschlagene „Zeitung&#8221; kann man nicht herumgucken, vor allem nicht in einer 8-m²-Küche. Eine „Zeitung&#8221; auf der Wiese oder dem Mensatisch signalisiert, dass man bereits mit „Wichtigem&#8221; befasst ist und menschliche Nähe unangebracht ist. Eine „Zeitung&#8221; heißt „Zeitung&#8221;, weil sie kurze Zeitspannen von Unsicherheit im Alltag überbrücken. (So wie eine Gabelung einen Weg gabelt oder eine Wässerung irgendetwas wässert, schlägt die „Zeitung&#8221; das zu-viel-an Zeit tot.) Wer eine „Zeitung&#8221; in der Hand hat, <em>hat zu tun</em>. Ähnliches lässt sich bei Wasserflaschen im Sport oder neuerdings auf Wir-Reden-über-Medien-undso-Bühnen beobachten.</p>
<p>Während Wasserflaschen und Zeigestäbe vorrangig be<em>hand</em>elt werden, um vom Körper abzulenken (im Sinne von: Was mach ich eigentlich mit meinen Händen, während ich nur meinen Kopf brauche), dienen „Zeitungen&#8221; noch immer, um die Abwesenheit des Geistes, gesellschaftlich tragbar zu entschuldigen. Daher werden „Zeitungen&#8221; auch nie in ihren Maßen schrumpfen, etwa auch halbwegs erträgliches Lesemaß von DIN-A3.</p>
<p>Das mit den „Zeitungen&#8221; bleibende Problem ist, dass es zur Beschriftung von „Zeitungen&#8221; noch immer Personal bedarf, dass sich angesichts seiner faktischen Rolle heillos überbewertet (etwa indem es glaubt, dass man <em>sie</em> liest).</p>
<p>Aber das wird sich auch noch ändern. Schließlich ist die andere funktionale Komponente der „Zeitung&#8221;, die Untermauerung eigener Behauptungen durch den Hinweis „in der „Zeitung&#8221; gelesen&#8221;, bereits Geschichte.</p>
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		<title>Zur Dynamik der Wissensgesellschaft</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Nov 2008 15:15:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Oder: die Mythen der Bildungsforschung Ich werde niemanden damit überraschen, wenn ich schreibe, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, deren gesellschaftlicher, organisationaler und individueller Wandel immer schneller voranschreitet und in der wissensbasierte Qualifikationen und lebenslanges Lernen von höchster Priorität sind, um den mehrdimensionalen Wandel nicht nur zu bewältigen, sondern auch gestalten zu können. Jeder kann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Oder: die Mythen der Bildungsforschung</strong></p>
<p>Ich werde niemanden damit überraschen, wenn ich schreibe, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, deren gesellschaftlicher, organisationaler und individueller Wandel immer schneller voranschreitet und in der wissensbasierte Qualifikationen und lebenslanges Lernen von höchster Priorität sind, um den mehrdimensionalen Wandel nicht nur zu bewältigen, sondern auch gestalten zu können. Jeder kann und darf unhinterfragt behaupten, dass wir es mit einer dynamischen Wissensgesellschaft zu hätten. Die fraglose Verbreitung dieser beiden gesellschaftlichen Mythen überrascht mich allerdings jedes mal aufs Neue. Wer oder was ist denn die &#8220;Wissensgesellschaft&#8221; und wo ist der Tacho, auf dem man die zunehmende Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels ablesen kann?</p>
<p><span id="more-298"></span></p>
<p><strong>Höher! Schneller! Weiter!</strong><br />
Warum darf sogar in wissenschaftlichen Publikationen, quer durch die Disziplinen in den Einleitungen immer wieder behauptet werden, dass der gesellschaftliche Wandel (hier ließe sich je nach Thema oder Disziplin auch etwas spezifischeres einsetzen) immer schneller voranschreite, ohne dass dafür irgendein Beleg angeführt werden muss? Mal angenommen, es gäbe noch ein ernsthaftes Lektorat, warum werden solche Behauptungen nicht gestrichen? Bei der Behauptung der gesellschaftlichen Dynamik handelt es sich um einen Alltagsmythos, der unreflektiert auch in der Wissenschaft verwendet wird, weil er immer wieder Begründungen für die abenteuerlichsten Forschungsvorhaben liefert. Da alles immer schneller wird und alle zu erfoschenden Phänomene dementsprechend etwas neues an sich haben müssen, legitimiert dieser Mythos nahezu jede Fragestellung. Das führt dazu, dass Projekte immer wieder aufs Neue durchgeführt werden können, was unter forschungsökonomischen Gesichtspunkten natürlich eine großartige Chance ist. Das Resultat ist eine ahistorische Forschung, die ihre eigene Geschichte und Tradition negiert, ja vergessen und ignorieren muss. Der wissenschaftliche Wandel, der sich ja ebenso rasant entwickelt, bringt zwar in immer schnelleren Zyklen neue Begriffe, Theorien und Moden hervor. Aber die Veränderungen spielen sich dabei eben meist auf der semantischen Oberfläche ab und auf der inhaltichen Ebene wird das Rad für jede Publikation neu erfunden. Neues entsteht dabei selten und wenn, dann nur aus Zufall.</p>
<p><strong>Wissensgesellschaft?</strong><br />
Mal davon abgesehen, dass die Gesellschaft nicht aus Wissen, sondern durch Kommunikation besteht, bleibt doch die Frage, ob es tatsächlich immer &#8220;geistiger&#8221; zugeht. Zumindest was das Fernsehen angeht, kann man mit Reich Ranicki gegenteiliger Meinung sein.<br />
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Das Fernsehen mag ein singuläres Phänomen sein, dem ja schon seit seinem Bestehen &#8220;Verblödung&#8221; vorgeworfen wird. Aber auch andere Bereiche, insbesondere Schule, Universität und Ausbildung erleiden einen Wandel, der durch Bemühungen der Wissensgesellschaftsgläubigen gekennzeichnet ist. Hier trifft man auf das gleiche mythologische Phänomen, das ich oben schon beschrieben habe. Lehr- und Lernprozesse werden mit dem Verweis auf die zunehmende Bedeutung der Wissensgesellschaft ständig neu erfunden. Dabei wird die Wissensgesellschaft einfach behauptet und im wissenschaftlichen Kontext so gut wie nie belegt. Die Bildungsforschung im besonderen Fall wird dadurch besonders ahistorisch und semantisch marktschreierisch, weil sie gleich zwei gesellschaftlichen Mythen in einer obskuren, aber etablierten Verbindung aufsitzt. So kommt es dazu, dass immer neue Kompetenzen entdeckt, &#8220;gemessen&#8221; und gefordert werden und mittlerweile der Komplettmensch in Form von Humankapital in das Visier der Wertschöpfungsbemühungen geraten ist und sich die Bildungsambitionen nicht mehr nur auf die fachlichen Ressourcen beschränken. Selbstkompetenz, lebenslanges Lernen, lernende Organisationen, Qualitätssystem, Schlüsselqualifikationen und Gestaltungsphantasien sind das Resultat der letzten Jahrzehnte Bildungsforschung und -beratung. Die Kakophonie semantischer Feuerwerke erzeugt ein Gewitter greller Begriffe, die die Bildungsbeteiligten erfürchtig staunen und letztlich verblöden lässt. Denn vor allem die ahistorische, ehemals etablierte Erkenntnisse negierende Forschung und Beratung im Bildungsbereich führt zu einer Reformspirale, die Lernprozesse (egal auf welcher Ebene) in der Regel verhindert. Lernen des Lernens Willen. Pädagogische Bemühungen zum Selbstzweck. Soweit ist es mittlerweile vielerorts gekommen. Es ließen sich mannigfaltige Beispiel aus den verschiedensten Bereichen heranziehen. Letztlich sind sie offensichtlich, werden aber durch mythisch begründete Begriffserfindungen überdeckt. Und für das Bildungssystem und die daran interessierte Forschung ist das nur funktional: Es ermöglicht, immer weiter zu machen, da sie ihre eigenen Prämissen nicht benennt.<br />
Publikationen, die die Dynamik des gesellschaftlichen Wandels unbelegt behaupten oder propagieren, man lebe in einer Wissensgesellschaft, sollten mit Skepsis gelesen werden. Bücher, die beides in Verbindung behaupten, können eigentlich gleich wieder in das Regal gestellt werden.</p>
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		<title>Politik als Saisonkraft</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Sep 2008 21:48:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ferien-, strohwitwer- und sensationsbedingt schaute ich die letzte Woche besonders viel TV. Eins der Themen, das sich selbst in die RTL-2 News empor gekämpft hat, war die gegenwärtige Entwicklung der politischen Lage in Deutschland. Die unvermeidlichen Politikerstatements förderten dabei kaum neues zu Tage, bündelten jedoch eine spezifische politische Weltsicht, der sich die Mehrheit der Parteien [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ferien-, strohwitwer- und sensationsbedingt schaute ich die letzte Woche besonders viel TV. Eins der Themen, das sich selbst in die RTL-2 News empor gekämpft hat, war die gegenwärtige Entwicklung der politischen Lage in Deutschland. Die unvermeidlichen Politikerstatements förderten dabei kaum neues zu Tage, bündelten jedoch eine spezifische politische Weltsicht, der sich die Mehrheit der Parteien mehr oder weniger anschließen können, bzw. notgedrungen müssen.</p>
<p>(1) &#8220;Kommunismus&#8221; ist ein akzeptiertes Schimpfwort. Das lernen wir besonders von Christian Wulff, der es tatsächlich bis zu <a href="http://maybritillner.zdf.de/ZDFde/inhalt/1/0,1872,7302849,00.html">drei mal pro Satz</a> und dann in mehreren Sätzen hintereinander wiederholt. (2) &#8220;Wirtschaftliche Vernunft&#8221; ist ein so hohes Gut, dass es <a href="http://daserste.ndr.de/annewill/archiv/gaesteliste142.html">unwidersprochen und unhinterfragt</a> in den Raum einer politischen Diskussion geworfen werden darf. Das lernte ich von Guido Westerwelle. (Wer den Links folgt, möge sich zusätzlich Hubertus Heils Autosuggestions-Voodo-Semantik anschauen, mit der er sich einredet, seine Partei sei jetzt &#8220;hervorragend aufgestellt&#8221; mit einem Kandidaten der &#8220;Kanzler kann&#8221;. ;-)</p>
<p><span id="more-130"></span>Zurück zu Wulffs &#8220;Kommunisten&#8221; und Westerwelles &#8220;wirtschaftlicher Vernunft&#8221;. Diese Statements kann man ihrem Wert nach auslegen und dann für gut oder schlecht befinden. Man kann sie aber auch wertfrei auf die funktional differenzierte Gesellschaft der Moderne rückbinden und kommt dann zu einem denkwürdigen Ergebnis. Denn, würde man Akteure und Aussage einmal umdrehen, käme es zu folgendem Szenario: Joseph Ackermann und  Jean-Claude Trichet würden sich im Fernsehen gegen wirtschaftliche Freiheit und für politische Kontrolle aussprechen.</p>
<p>&#8220;Kommunismus&#8221;, funktional und nicht historisch betrachtet, bedeutet die Allmacht der politischen Klasse. &#8220;Wirtschaftliche Vernunft&#8221; meint dagegen die Vormachtstellung der &#8220;unsichtbaren Hand&#8221;, die alles regelt und politische Einflußnahme unnötig bzw. unerwünscht macht. Wenn sich Politiker gegen &#8220;Kommunismus&#8221; und für &#8220;wirtschaftliche Vernunft&#8221; aussprechen, streben sie demnach ihre eigene Abschaffung an.</p>
<p>Was also haben wir von der nächsten Regierung, die eventuelle Westerwelle und Wulff bzw. Gelb/Schwarz gewinnt zu erwarten? Wie sähe eine bestmögliche Umsetzung von Anti-Kommunismus und wirtschaftlicher Vernunft aus?</p>
<p>Vielleicht so, wie es überall sonst aussieht, wenn sich die Politik zurückzieht und die Wirtschaft freie Hand hat: Effizienter. Neue Lehrer und Uni-Wissenschaftler werden beispielsweise schon sehr wirtschaftlich vernünftig nur noch dann bezahlt, wenn sie gebraucht werden &#8211; also nicht in den Ferien. Kleinere Industriearbeiten, Hilfstätigkeiten und Zuliefereien werden in Deutschland ebenso anti-kommunistisch und wirtschaftlich Vernünftig erarbeitet, durch Zeitarbeit.</p>
<p>Warum diese tolle Mechanik nicht auch in der Politik anwenden? Belgien als Staat und Hessen als Bundesland beweisen, dass eine Gesellschaft zum Funktionieren keine ständige politische Vertretung benötigt. Das Sommerloch könnte 2009 mit der Nachricht gefüllt werden, dass der 1,7 Mrd. Euro große Bundeskanzleramtsetat auf 1,3 Mrd. gekürzt werden konnte, weil die ganze Arbeit von Juni bis September bereits in der letzten Maiwoche erledigt wurde. Unsere Uni Bielefeld stellt seit kurzem zwischen den Jahren die Heizung ab und macht alles dicht. Ich erahne großes Einsparpotential beim Paul-Löbe-Haus.</p>
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		<title>T&#246;dliche Lebenszeichen der Politiker</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Aug 2008 19:45:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Geschichte wird und wurde von Helden gemacht. Dies ist ein allgegenwärtiges Verständnis, das hier gar nicht infrage gestellt werden soll. Es ist selbstverständlich, dass neben den Personen und ihren Handlungen ebenfalls Organisation, Umstände, besondere Bedingungen, Gelegenheiten usw. Rollen spielen, die letztlich Geschichte gestalten. Im Gedächtnis bleiben allerdings überwiegend die Helden und ihre Taten. &#8220;Person&#8221; und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Geschichte wird und wurde von Helden gemacht. Dies ist ein allgegenwärtiges Verständnis, das hier gar nicht infrage gestellt werden soll. Es ist selbstverständlich, dass neben den Personen und ihren Handlungen ebenfalls Organisation, Umstände, besondere Bedingungen, Gelegenheiten usw. Rollen spielen, die letztlich Geschichte gestalten. Im Gedächtnis bleiben allerdings überwiegend die Helden und ihre Taten.</p>
<p>&#8220;Person&#8221; und &#8220;Handlung&#8221; sind die beiden Kriterien, die im Wirrwarr der Zeit den Unterschied machen und Situationen über die Maßen markieren. Wir kennen Ceasar, Hitler, Kennedy und Alexander den Großen. Daneben Menschen wie Juri Gagarin, Albert Einstein, Sean Connery und David Beckham.</p>
<p>Die erste Namensreihe besteht aus berühmten und berüchtigten Politikern der letzten 2000 Jahre, die zweite Namensreihe aus berühmten Menschen, die das letzte Jahrhundert wirkten. Politiker für die Ewigkeit zu konservieren war also viel einfacher. Wahrscheinlich mussten für die Nicht-Politiker erst die Kapazitäten der modernen Verbreitungsmedien erfunden werden, damit ihnen das zuteil wird, was Politiker schon immer in Anspruch nehmen konnten: Ruhm und Ehre.</p>
<p><span id="more-111"></span>Beim Blick über die Verbreitungsmedien hinaus fällt auf, dass Politiker aus vielen anderen Richtungen &#8220;bedroht&#8221; werden. Ihr Kapital, die Macht, wird ihnen streitig gemacht. Die Wirtschaft organisiert sich weltweit und lässt die nationalen Grenzen links liegen. Die Wissenschaft findet nur noch auf Englisch jenseits aller Nationalstaatlichkeit statt. Der Maßstab für Gesundheit kommt von der WHO, &#8230;</p>
<p>Was also bleibt noch der Politik? Früher hoheitliches regieren, heute &#8220;begrenztes&#8221; Reagieren &#8211; Ruhm und Ehre beinah ausgeschlossen. Alles hat sich globalisiert, nur die Politik nicht. Doch ganz so düster müssen die Aussichten nicht sein. Niemand muss sich damit abfinden, Staatschef zu sein, der Hunderte neben sich zu dulden hat. Das Stichwort hierfür lautet: &#8220;erfolgreiche Außenpolitik&#8221;.</p>
<p>&#8220;Außenpolitik&#8221; ist eine Sparte der Politik, die es eigentlich nicht gibt. Bei Helmut Schmidt und anderen erfahrenen Leuten hört man dazu: Alle &#8220;Außenpolitik&#8221; ist Interessenpolitik. Alle Aussagen, die &#8220;Außenpolitik&#8221; in ein positives Licht rücken, können kurzerhand als &#8220;hingebogen&#8221; oder erlogen entlarvt werden, umso mehr historische Beispiele für &#8220;Außenpolitik&#8221; man sucht, desto mehr wird diese Aussage untermauert.</p>
<p>Besonders erfolgreich bei dieser Behauptung von Politik ist die USA. Man könnte fast ernsthaft diskutieren, weshalb Amerika und nicht der Rest der Welt die amerikanischen Präsidenten wählt. Schließlich ist der amerikanische Präsident Befehlshaber über eine Armee, die in beinah allen Ländern der Erde mehrfach stationiert ist, verfügt jedoch über keinen Innenminister in seinem Kabinett. (<a href="http://usaerklaert.wordpress.com/2006/06/25/die-grobstruktur-der-usa-oder-wo-man-vor-bush-am-sichersten-ist/">vgl</a>) Amerikanische Politik ist fast ausschließlich &#8220;Außenpolitik&#8221;. (Es sei denn, jemand wie Schwarzenegger holt sich einen lukrativen, innenpolitischen Posten. Aber Ruhm und Ehre hatte er vorher schon, hat er sich durch die Nichtbegnadigung von zum Tode Verurteilten allenfalls verspielt.)</p>
<p>Politische Macht ist beschränkt, wie nie zuvor. Politischen Ruhm und Ehre gibt es nur noch für &#8220;erfolgreiche Außenpolitik&#8221;. Es lohnt sich daher, nachzusehen, wer von aktuellen Entwicklungen profitieren kann. Aktuelles Beispiel: Georgien. (Die Hintergründe dazu sind hinlänglich bekannt.) Mögliche Profiteure:</p>
<ul>
<li>in Georgien: Es stehen Wahlen an. Die wurden anscheinend sogar vorgezogen, dazu lässt sich kaum was finden. Der ursprünglicher Termin war im Januar 2009. Hier mit &#8220;Außenpolitik&#8221; zu trumpfen und andere Themen zu verdrängen ist also nicht verkehrt. (Wobei, bei den letzten Wahlen bekam Saakaschwili <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Georgien#Regierung">96%</a> &#8211; es muss also eine sehr negative Entwicklung sein, die er da ausgleichen möchte. Oder schaut die OSZE demnächst genauer hin?)</li>
<li>in Amerika: McCain, der noch vor einem Jahr als <a href="http://www.amazeman.com/2007/07/07/der-schwarze-mann/">tiefschwarzer Falke</a> in den Wahlkampf einstieg. Mittlerweile hat sich seine Homepage aufgehellt. Vielleicht steckt da ein echter Gesinnungswandel dahinter, der das Engagement für Saakaschwili so verringerte, das Saakaschwili selbst überrascht war, wie schnell Russland nach seinem Überfall zur Stelle war ohne das er ein amerikanisches Backup hatte.</li>
<li>in Russland: Medwedew kann zeigen, dass mit ihm zu rechnen ist. Seit er aus der Wirtschaft ins Präsidentenamt gehoben wurde, schien er etwas blass und zurückhaltend. Nun konnte er beweisen, dass er ohne Putin im Rücken gegen die ganze Welt Stellung beziehen kann, eine wichtige russische Tugend.</li>
<li>in Deutschland: Von Angela Merkel gab es drei Jahre keine Meinung, Machtwörter oder sonstiges zu hören. In kleinen Videobotschaften wurde allenfalls verkündet, dass der Aufschwung da ist und es den Kindern besser gehen soll. Ihre Verkündung, dass man in 50 Jahren darüber nachdenkt, darüber nachzudenken, was Klimaschutz ist, war bisher die wichtigste Bekanntgabe während ihrer Kanzlerschaft. Diese wurde nun von &#8220;Russlands Verhalten ist nicht akzeptabel!&#8221; getoppt.</li>
<li>in Frankreich: Sarkozy ist wohl der unbeliebteste Regent, den Frankreich jemals hatte. Allzu gern fliegt er daher mit seinen Frauen durch die Welt, lässt Cécilia bulgarische Krankenschwestern aus Libyen befreien, Carla schön sein und singen und legt in Osteuropa eigenhändig einen europäischen Friedensplan vor. Mehr Kommentare benötigt es nicht.</li>
</ul>
<p>Man kann froh sein, dass Medwedew diesem georgischen Spuk ein schnelles Ende bereitet hat und hoffen, dass das weitere Säbelrasseln der Profilierung einzelner Politiker geschuldet ist. Man stelle sich vor, ein mittel- oder langfristiger Krieg in Teilen Georgiens hätte thematisch den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und die beginnende Präsidentschaft des nächsten Präsidenten dominiert. McCains Website wäre seit einer Woche wieder tiefschwarz. Anscheinend hat er die Zeichen der Zeit erkannt. Zu Ruhm und Ehre kommt man nur durch &#8220;erfolgreiche Außenpolitik&#8221;, dass weiß er allzugut.</p>
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		<title>Google ist nicht subjektiv</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jul 2008 20:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fast jeder Internetnutzer kennt die Google-Suche und die meisten benutzen sie auch. In Deutschland hat der Konzern bei der Internetsuche so einen großen Marktanteil (rechts unten &#8220;Suchmaschinen&#8221; auswählen), dass man getrost von einem Monopol sprechen kann. Monopole sind nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht bedenklich. Denn Google&#8217;s Suchergebnisse sind in der Regel das Tor zu bisher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fast jeder Internetnutzer kennt die Google-Suche und die meisten benutzen sie auch. In Deutschland hat der Konzern bei der Internetsuche so einen <a href="http://www.webhits.de/deutsch/index.shtml?webstats.html">großen Marktanteil</a> (rechts unten &#8220;Suchmaschinen&#8221; auswählen), dass man getrost von einem Monopol sprechen kann. Monopole sind nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht bedenklich. Denn Google&#8217;s Suchergebnisse sind in der Regel das Tor zu bisher unbekannten Informationen aus dem Internet. Und der Türsteher bestimmt bekanntlich, wer rein kommt und wer vor der Tür abgewiesen wird. Das Bild des <a href="http://talkpress.de/artikel/google-schwingt-die-grosse-keule-gegen-gehackte-blogs">Türstehers</a> in Verbindung mit Google ist geläufig, aber bei genauerer Betrachtung nicht treffend. Denn es ist ja so, dass Google niemanden abweist, der auf der Suche nach Informationen ist. Google hat es jedoch in der Hand, <em>welche</em> Informationen es sind, die auch angezeigt werden. Die Suche übernimmt daher eher die Aufgabe eines Partnervermittlers und bestimmt, wer dem Suchenden als erstes und wer als ihm als letztes vorgeschlagen wird. Und statistische Auswertungen zeigen, dass die erste Empfehlung auch diejenige ist, die am häufigsten angenommen wird. Wer nicht unter den ersten 10 Suchtreffern zu finden ist, der führt ein Leben zweiter Klasse. Aber der Weltmarktführer hat beim Sortieren der Informationen keine bösen Absichten. <a href="http://investor.google.com/conduct.html">&#8220;Don&#8217;t be evil&#8221;</a> schreibt sich Google selbst auf die Fahnen. Kritische, ängstliche oder unabhängige Geister mag das kaum beruhigen. Denn zu jeder Unterscheidung gehört die andere Seite. Und welche Seite als die gute bezeichnet wird, das ist nun mal vom Beobachter abhängig. So können die guten Absichten des Suchmaschinengiganten durchaus den Schaden für andere bedeuten. <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,397153,00.html">Zensur</a> im Auftrag der chinesischen Gutmenschen, die ein ganzes Volk unterdrücken, ist aus Google&#8217;s Perspektive nicht böse. Dieser Kampf ist jedoch ausgefochten, Google zensiert weiter fleißig und ist dennoch in den Augen der meisten Nutzer auf der Seite des Guten zu verorten. Aber wie schafft Google das?<span id="more-28"></span></p>
<p>Der Trick ist einfach. Der Konzern distanziert sich von dem, was er tut. Google ist nicht subjektiv. Die Entscheidung, welche Ergebnisse angezeigt werden, berechnen verschiedene, ineinander greifende Algorithmen. Wie das genau funktioniert, ist geheim. Sicher ist jedoch, dass unter anderem Sprachmodelle (die Fähigkeit Sätze, Synonyme, diakritische Zeichen, Schreibfehler etc. zu interpretieren), Anfragemodelle (hier geht es ist nicht nur Sprache, sondern auch um die Art, in der sie heutzutage verwendet wird), Zeitmodelle (manche Anfragen sind mitunter am besten mit einer 30 Minuten alten Seite zu beantworten und manche sind besser mit einer alten und etablierten Seite bedient) sowie personalisierte Modelle (nicht alle Leute erwarten dasselbe) <a href="http://googlewebmastercentral-de.blogspot.com/2008/05/eine-einfuehrung-in-google-search.html">dazu gehören</a>. Die Komplexität dieses Rechen- bzw. Entscheidungsvorgangs ist so groß, dass man die einzelnen Schritte, Analysen und Rankings keiner konkreten Verantwortung mehr zurechnen kann. Die Ergebnisse sind dann einfach da, wie von Wunderhand. Da fällt es leicht die Komplexität des Entscheidungsprozesses für die eigene Darstellung zu instrumentalisieren und zu behaupten, die Ergebnisse seien <a href="http://googlewebmastercentral-de.blogspot.com/2008/07/einfuehrung-in-sachen-google-ranking.html">nicht von Menschenhand beeinflusst</a>.</p>
<p>Ja, tatsächlich: Google schreibt den zusammenarbeitenden Algorithmen eine objektive Selektionsfähigkeit zu. Und das scheint in einer technikgläubigen Welt auch zu überzeugen. Man muss aber an dieser Darstellung einiges kritisieren. Denn zum einen <a href="http://www.die-antwort-auf-alle-fragen.de/blog/11-07-2008/662-Schwindelt-Google.html">fragt Mark</a> zu Recht, wozu es denn dann die ganzen <a href="http://www.google.com/support/jobs/bin/answer.py?hl=en&amp;answer=54183">Quality-Rater</a> bräuchte. Da pfuscht wohl jemand noch ganz gewaltig in den vermeintlich objektiven Ergebnissen herum. Und zum anderen sind Zahlen &#8211; unabhängig davon, wie komplex ihre Berechnung ist &#8211; nichts anderes als kommunkative Konstruktionen von Personen, Organisationen und/oder Gesellschaft. In diesem Fall stellt die Organisation Google seine Algorithmen selbst zusammen und ist daher für die Ergebnisse verantwortlich und gegebenenfalls auch verantwortlich zu machen.</p>
<p>Man stelle sich nur einmal vor, dass eine Regierung eines demokratischen Staates ihrer Bevölkerung per E-Mail mitteilt: &#8220;Es wurde eine Entscheidung getroffen. Sie ist die einzig richtige. Das versteht sich ja von selbst, weil wir für sie, das Volk, nur das Beste wollen. Die Entscheidung ist desweiteren auch nicht anfechtbar. Denn in jahrelangen Sitzungen, unter Beteiligung aller relevanten Gruppen und nach Anhörung aller einschlägiger Experten hat sich diese Entscheidung von selbst ergeben. Es ist nicht bekannt, wer den Ausschlag gegeben hat, wo sie sich herauskristallisiert hat und wann sie getroffen wurde. Nun ist sie jedoch da. Und sie wird umgesetzt. Wenn sie daran kein Interesse haben, können sie sich abmelden und ihre Staatsbürgerschaft löschen lassen.&#8221;</p>
<p>Warum muss eine Regierung ihre Entscheidungen verantworten? Und &#8211; das erscheint mir die wichtigere Frage zu sein &#8211; warum muss eine Organisation wie Google ihre Entscheidungen nicht weiter begründen, bzw. wie schafft sie es, sich hinter Zahlen zu verstecken?</p>
<p>Technikgläubikeit? Wirtschaftsorganisation? Die Möglichkeit &#8211; trotz Quasi-Monopol &#8211; den Anbieter zu wechseln?&#8230;</p>
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		<title>„Weil wir sie nicht mögen, nennen wir sie »Experten«&#8230;“</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/07/13/%e2%80%9eweil-wir-sie-nicht-mogen-nennen-wir-sie-%c2%bbexperten%c2%ab%e2%80%9c/</link>
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		<pubDate>Sun, 13 Jul 2008 13:58:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sven Grüneisen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Polemik]]></category>
		<category><![CDATA[Entscheidung]]></category>
		<category><![CDATA[Expertise]]></category>

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		<description><![CDATA[Man hört und sieht sie täglich in Funk und Fernsehen. Ihre Kommentare und Analysen schmücken die Hochglanzbroschüren in den Presseshops und Bahnhofskiosken. Und dennoch: Wer von ihnen, obwohl er so dargestellt wird, tatsächlich auch einer ist – das bleibt dem Laien verborgen. Von Experten und EXPERTEN Genauso wie bei »Künstlern«, »Könnern« und »Kollegen«, haben wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Man hört und sieht sie täglich in Funk und Fernsehen. Ihre Kommentare und Analysen schmücken die Hochglanzbroschüren in den Presseshops und Bahnhofskiosken. Und dennoch: Wer von ihnen, obwohl er so dargestellt wird, tatsächlich auch einer ist – das bleibt dem Laien verborgen.</em></p>
<p><span><strong>Von Experten und EXPERTEN</strong></span></p>
<p>Genauso wie bei »Künstlern«, »Könnern« und »Kollegen«, haben wir es bei der Bezeichnung des »Experten« mit einem äußerst ambivalenten Sprachgebrauch zu tun. Ernsthaftigkeit und Ironie liegen meist dicht beisammen. Da fällt es oft schwer, einen klaren Kopf zu wahren. Weil es ohne »Experten« aber gerade in der Politik „nicht geht“, wollen wir uns im Folgenden vergewissern, wer wer ist.<span id="more-29"></span></p>
<p>Experten versuchen, die Indeterminiertheit möglicher Entscheidungen aufzuheben. Dazu mobilisieren sie Berechnungen und Kausalattributionen, argumentieren wissenschaftlich – meist in einer Sprache, die einem Normalbürger wie mir fachmännisch erscheint und es im Idealfall auch ist. In Bezug auf politische Entscheidungen werden dadurch Erwartungen gebildet, die sich in das triviale Schema von Ursache-Wirkung einordnen lassen. Das ist auch „gut“ so, denn sonst verstünde bald niemand mehr, wozu irgendetwas so entschieden wird, wie es entschieden wird. Bei dieser Vorgehensweise werden die (zahlreichen!) unbekannten Faktoren der Zukunft in die Diskussion gebracht und es ist schlechterdings nicht mehr möglich, „leichtfertig“ Entscheidungen zu treffen, ohne die zukünftige Wirkung der Entscheidung selbst zu berücksichtigen (vgl. Luhmann 2002, S. 160). Es geht hierbei nicht um die Zukunft als solche, sondern um die Zukunft der Entscheidung.</p>
<p>Über Expertenwissen wird Komplexitätsreduktion und Komplexitätssteigerung zugleich in die Vorüberlegungen einer Entscheidung eingebaut. In Anlehnung an Überlegungen von Stefan Jung (2008, S. 13) ließe sich sagen: Wenn über bestimmte Entscheidungen disponiert werden soll, bedeutet dies zunächst die Öffnung eines „Kontingenzfensters“. (1) Die Erweiterung des Möglichkeitshorizonts – es könnte so, aber auch anders entschieden werden – führt zur Komplexitätssteigerung. (2) Die Entscheidung selbst impliziert jedoch im Folgeschritt eine Selbstfestlegung auf eben jene getroffene Entscheidung und schränkt dadurch mögliche Anschlussentscheidungen stark ein (Komplexitätsreduktion).</p>
<p>Für die Politik heißt das, dass Entscheiden schwieriger, nicht einfacher wird. Sie muss unter Umständen gemessen am vorhandenen Expertenwissen vorteilswidrig in Bezug auf ihre Macht entscheiden. Durch die Form unpopulärer Entscheidung läuft sie Gefahr, an Macht zu verlieren. Die Unsicherheiten in Bezug auf die Zukunft (der Entscheidung) werden dadurch aber nicht eingeschränkt, sondern was den Aspekt des eigenen Fortbestehens anbelangt geradezu gesteigert. Durch externe Kritik und die damit einhergehenden Konflikte kann es zu einer Überforderung der Politik kommen – mutmaßlich immer dann, wenn die Kritik den Gegenstand der Entscheidung absorbiert (vgl. Luhmann 1984, S. 529ff.). So notwendig unpopuläre Entscheidungen auch sein können, so sehr laufen sie Gefahr, von der Kritik zermahlen zu werden.</p>
<p>Natürlich ist es nicht „die Politik“ die entscheidet, sondern vielmehr sind es ihre Funktionsträger, die sich selbstverständlich namentlichen benennen und anreden lassen. Meistens „entscheiden&#8221; diejenigen unter ihnen, die durch die Verfahren ihrer Parteiorganisationen zu EXPERTEN bestimmter Politikbereiche auserkoren wurden. Zum EXPERTEN wird man in der Regel ernannt. Dieser Mechanismus der Zuschreibung mutet im „Zeitalter der funktionalen Differenzierung“ ziemlich vormodern an. Ihm muss der Fairness halber attestiert werden, dass aus EXPERTEN mithin tatsächlich Experten werden, die aber spätestens dann darunter zu leiden beginnen, wenn ihnen die Gunst der eigenen Parteien – und somit der EXPERTEN-Status – wieder entzogen werden.</p>
<p><strong>Expertenwissen in der Politik</strong></p>
<p>Über Expertenwissen („Herrschaftswissen“) wird die Diskrepanz zwischen dem Wissen der Gegenwart (resultierend aus Erfahrungen) und dem Nicht-Wissen über die Zukunft (es lässt sich nicht mit Sicherheit von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen) zugespitzt. Durch das Einbringen zusätzlicher Wissensbestände in politische Entscheidungsprozesse wird das Nicht-Wissen vermehrt und das politische Entscheiden zusätzlich belastet. Je detaillierter und tief greifender beispielsweise eine Reform als Resultat einer Entscheidung umgesetzt werden soll, desto unwahrscheinlicher ist ihre Implementierung (vgl. Jung 2008). Es kommt zu einem hohen Maß an Selektivität in der Kommunikation politischer Entscheidungen: Was nicht „en vogue“ ist, wird nicht (öffentlich) kommuniziert und bleibt somit politisch irrelevant. Was hingegen opportun ist, wird von EXPERTEN als bereits angenommene Erkenntnis verkauft. Jedenfalls treten merkwürdigerweise die Experten in den Debatten in den Hintergrund.</p>
<p>Die Rede von »Experten« scheint ein zweischneidiges Schwert zu sein. Welcher der »Experten« sein Wissen in politische Entscheidungen einbringen kann und wer nicht, entzieht sich der Wahl derer, für die entschieden wird. Während Experten allzu oft kein Gehör finden, wird unter dem Einfluss der EXPERTEN entschieden. Und dann passiert es: Wenn unliebsame Wahrheiten durch Experten kommuniziert werden, die nicht mit den (oft utopischen) Wünschen der Öffentlichkeit korrelieren und dadurch potentiellen Machtverlust bedeuten – dann denken sie sich: „Weil WIR sie nicht mögen, nennen wir sie »Experten«&#8230;“</p>
<p><strong>Literatur</strong><br />
<strong>Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.</strong><br />
Luhmann, Niklas (2002): Die Politik der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.<br />
Jung, Stefan (2008): Verändern, um zu bewahren. Wie Verwaltungen durch Reformroutinen ihre Leistungsfähigkeit erhalten. Unveröffentlichtes Manuskript.</p>
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		<title>Der Placebo-Effekt des politischen Systems</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/07/07/der-placebo-effekt-des-politischen-systems/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 Jul 2008 22:09:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Polemik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Wohlfahrtsstaat]]></category>
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		<description><![CDATA[Über die „zivilisierende“ Wirkung der Ökonomisierung von unlösbaren Problemen Wer kennt das Problem nicht: Es ist Ende des Monats und das Konto ist leer? Jeder Ökonom hat dafür eine rationale Lösung. Kostendeckung heißt das böse Wort, das uns für das leidende Sparen in der Gegenwart den erlösenden Konsum in der Zukunft verspricht. Für das politische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Über die „zivilisierende“ Wirkung der Ökonomisierung von unlösbaren Problemen</strong></p>
<p>Wer kennt das Problem nicht: Es ist Ende des Monats und das Konto ist leer? Jeder Ökonom hat dafür eine rationale Lösung. Kostendeckung heißt das böse Wort, das uns für das leidende Sparen in der Gegenwart den erlösenden Konsum in der Zukunft verspricht. Für das politische System bestehen die gleichen, restriktiven Kalküle wie in privaten Haushalten und wirtschaftlichen Organisationen. Für den Staat als politische Organisation lauten die zwei Prinzipien der Kostendeckung: Steuern rauf oder Ausgaben runter. Doch wie soll ein moderner Wohlfahrtsstaat über die Bedingungen von Zahlung und Nicht-Zahlung entscheiden, wenn seine Maxime in einer pareto-optimalen Wohlfahrtssteigerung besteht?</p>
<p><span id="more-25"></span>Zur Erklärung des Dilemmas der Anspruchsinflation lohnt sich der Blick auf die Differenzierungsmuster des politischen Systems. Nach Niklas Luhmann stellt funktionale Differenzierung die Primärdifferenzierung des Gesellschaftssystems dar. Für das dadurch ausdifferenzierte politische System folgt auf einer zweiten Ebene eine segmentäre Differenzierung in Nationalstaaten, die die Politik an die regionalen Besonderheiten anpasst. Auf einer dritten Ebene bildet sich das Muster von Zentrum (Parlament, Regierung, Ministerialbürokratie) und Peripherie (politische Parteien und Interessenorganisationen). Dieses politikinterne Differenzierungsmuster kann nur über die fortlaufende Entscheidungskommunikation von Organisationen hergestellt werden und dient der Komplexitätsreduktion und -steigerung von Entscheidungsfähigkeit: Während der Staat als Zentralorganisation kollektiv bindende Entscheidungen setzt, tastet die Peripherie Themen auf ihre politischen Entscheidungsmöglichkeiten ab und versucht diese zu Konsenschancen zu verdichten. Nicht Zentrum zu sein, entlastet die Peripherie von Verantwortung der kollektiv bindenden Entscheidungsdurchsetzung, ohne dass sich die hier tätigen Organisationen von Handlungs- und Erfolgsdruck freimachen könnten.</p>
<p>Der Haupteffekt der Differenzierung von Zentrum und Peripherie ist, dass das Zentrum aus der Peripherie mit einer Vielzahl von inkonsistenten Entscheidungsanforderungen konfrontiert wird. Der Vorteil besteht darin, dass die Politisierung von Themen nicht vorab an eine rationale Problemlösung gebunden ist (Varietät). Andererseits reagiert das Zentrum auf die Fülle von Entscheidungsmöglichkeiten mit symbolischer Rhetorik (Redundanz). Denn: Die zur Lösung anstehenden Probleme sind unlösbare Probleme. Zum einen sind Entscheidungen und ihre Bewertung zeitinstabil und beobachterabhängig. Zum anderen sind gerade politisierte Themen unlösbar, weil sie die funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems in das politische System hineinspiegeln, gleichzeitig aber darauf beruhen, dass das politische System nur ein Teilsystem dieser funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems darstellt. In der Folge etabliert sich eine Präferenz für unlösbare Probleme, weil man über diese scheinbar folgenlos reden kann. (Aber auch die Nicht-Entscheidung bleibt riskant). Die wohlfahrtsstaatliche Anspruchsinflation ist nicht nur nachfrageorientiert, sondern auch angebotsinduziert.</p>
<p>Der Staat als Organisation ist jedoch mehr als nur eine kommunikative Adresse. Politische Effektivität und interne Durchsetzungsfähigkeit sind unerlässliche Bedingungen. Schwächen interner Durchsetzungsfähigkeit können &#8211; ja müssen &#8211; aufgrund wachsender Komplexität zwangsläufig toleriert werden. Mit dieser Redefinition von unlösbaren Problemen in politisch lösbare Probleme sichert der Wohlfahrtsstaat seine eigene Autopoiesis: Es gibt immer etwas zu tun. Der Motor dieser operativen Aktivität ist jedoch nicht die gute Absicht der Politiker und auch nicht die Demokratie als heiliger Selbstzweck fortschrittsgläubiger Nationen. Der Auslöser liegt vielmehr in der genannten internen Differenzierung des politischen Systems. Die Gesellschaft macht sich in der Form der Kosten einer Problemlösung bemerkbar. Die Grenzen der politischen Steuerbarkeit anderer Funktionssysteme werden sichtbar. Das Verhältnis von Politik und Wirtschaft wird zum Dauerproblem. Unlösbare Probleme werden in scheinbar lösbare Fragen von Regulation und Allokation transformiert. In Analogie zum Knappheitsparadox lässt sich das Wohlfahrtsparadox beschreiben. Jede Kompensation von sozio-ökonomischen Differenzen durch Zugriff auf knappe Güter vermehrt wiederum Knappheiten an anderer Stelle (externe Effekte). Jede durchgeführte Reform erzeugt ihren eigenen Reformbedarf.</p>
<p>Unterstellt nun die These, dass die Verfügbarkeit wirtschaftlicher Ressourcen über die Anwendung von Politiken entscheide, nicht einen Primat der Ökonomie? Verfügt die Politische Ökonomie theoretisch und empirisch über den analytischen Mehrwert? Die Antwort ist Nein, denn im politischen System ist nur die Kommunikation anschlussfähig und politisch folgenreich, die in irgendeiner Weise Machterhalt verspricht. Während die Politik versucht, erfolgreiche Entparadoxierung von Wohlfahrtsansprüchen als eigene Entscheidungen zu „verkaufen“, werden Misserfolge extern als Gefahr auf das Publikum oder die Opposition zugerechnet. So entsteht beispielsweise das Bild eines Arbeitslosen, der nicht aktivierbar sei. Das Publikum kann dann den Schaden auf die Regierung abwälzen. Der lachende Dritte ist die Opposition, die allein als Voraussetzung für den Ab- und Aufbau von Komplexität und Kontingenz im politischen System beschrieben werden kann. In zeitlicher Dimension wird dies im Rahmen politischer Wahlen entlang der Legislaturperiode realisiert – massenmedial auch regelmäßig und am prägnantesten über Wahlumfragen. In der Sozialdimension wird Komplexität über die Unterscheidung zwischen politischen Kandidaten und in der Sachdimension über unterschiedliche Programme bearbeitet.</p>
<p>Nach Niklas Luhmann lassen sich in funktional differenzierten Gesellschaften alle politischen Konflikte auf Interessenkonflikte reduzieren. So schwer und folgenlos sie auch ausgetragen werden, stellen sie letztlich triviale Konflikte dar. Im Gegensatz zu ethnischen und religiösen Konflikten können sie über Wertedebatten, Geldzahlungen, Drohungen oder Gewalteinsatz vermittelt werden. Ethnische Konflikte, religiöse und Identitätskonflikte sind dagegen nicht verhandelbar. In der Situation der überdrehten Arbeit an der Lösung unlösbarer Probleme verliert zwar die politische Klasse an Glaubwürdigkeit und die Öffentlichkeit beginnt sich für private Kleinigkeiten zu interessieren, sie verhindert jedoch das Zurückfallen oder das Aufkommen fundamentalistischer Bewegungen. Hinter der Ökonomisierung von politischen Problemen kann somit eine &#8220;zivilisierende&#8221; Wirkung festgestellt werden. Wenn die Eltern suggerieren die Taschen seien leer, wenn ein Unternehmen die Insolvenz einleitet oder wenn ein Staat regelmäßig eine einnahmen-orientierte Ausgabenpolitik verkündet, wird das gleiche Prinzip bedient: &#8220;Wo nichts ist, ist auch nichts zu holen.&#8221; Die Ökonomisierung hält das Wohlfahrtsparadox latent und entfaltet dabei eine psychologische Wirkung; vergleichbar mit der des Placebo-Effekts. Sie wirkt ohne Wirkstoff. Der politische Protest ist gestillt ohne protestiert zu haben. Die Politikerklasse übt sich in talk ohne action. Publikum, Politik und Verwaltung erhalten jeweils ihre Dosis Opium, physisch verabreicht in Form symbolischer Rhetorik. Die Symptome sind geheilt ohne genesen zu sein. Fragt sich, wer zuerst ins Koma fällt. Aber ohne semantische Leerformeln wie Wohlfahrt, Gesundheit und Sicherheit würde sich das politische System selbst paralysieren, denn sie könnte den in sie gesetzten Erwartungen nicht entsprechen. Die Selbstbeschreibungen des politischen Systems sind demnach funktional und dieser entscheidende Mehrwert lässt sich nicht ökonomisieren.</p>
<p><strong>Literatur</strong></p>
<p>Luhmann, Niklas 2002: Die Politik der Gesellschaft. Franfurt am Main, S. 220-243.</p>
<p>Luhmann, Niklas 2004: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen. 4. Auflage. Wiesbaden.</p>
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