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	<title>Sozialtheoristen &#187; Sonntagssoziologie</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Kritik: Kulturzeit &#8211; Eine Frage des Vertrauens (Update)</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/11/06/kritik-kulturzeit-eine-frage-des-vertrauens/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 Nov 2011 22:41:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sonntagssoziologie]]></category>

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		<description><![CDATA[‚Vertrauen ist das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft. Vertrauen sei ein „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“, sagt Niklas Luhmann.‘ Mit diesen Sätzen begann 3Sat-Kulturzeit vergangenen Freitag einen kleinen Film zum Thema Vertrauen [gekürztes Skript]. Die ersten Sätze des Filmes sind nicht zu kritisieren, sie treffen zu – und zwar auch dann, wenn man ihren inhaltlichen Gehalt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2625" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/11/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="327" /></p>
<p>‚Vertrauen ist das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft. Vertrauen sei ein „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“, sagt Niklas Luhmann.‘ Mit diesen Sätzen begann 3Sat-Kulturzeit vergangenen Freitag einen <a href="http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&amp;obj=27771">kleinen Film zum Thema Vertrauen</a> [<a href="http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/158166/index.html">gekürztes Skript</a>].</p>
<p>Die ersten Sätze des Filmes sind nicht zu kritisieren, sie treffen zu – und zwar auch dann, wenn man ihren inhaltlichen Gehalt umkehrt: Eine Gesellschaft, die nur auf Vertrauen basiert, limitiert ihren Katalog an Möglichkeiten und bleibt hinter dem Potenzial unserer modernen Gesellschaft weit zurück. Und: Vertrauen ist ein Mechanismus zur Steigerung sozialer Komplexität. Auch das sagt Niklas Luhmann.<span id="more-2623"></span></p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Danach darf man kritisieren: „Giorgos Papandreou (…) will heute Nacht nun die Vertrauensfrage stellen. Welche Bedeutung hat Vertrauen im politischen Raum?“ Die Bildungsforscherin Ute Frevert sagt darauf hin: „Vertrauen in dem Zusammenhang ist eigentlich ein Verhältnis, was die Beziehung zwischen Menschen kennzeichnet. Und auch Misstrauen ist ein soziales Verhältnis.“ Es könnte sein, dass der Film ungenau geschnitten wurde. Meine Antwort auf die Frage würde lauten: „Vertrauen spielt hier nur eine sehr kleine Rolle. Die Bürger Griechenlands kennen Giorgos Papandreou nicht persönlich. Sie können zu ihm keine direkte soziale Beziehung aufbauen. Sie müssen ihm nicht vertrauen. Hat der Regierungschef eine Erwartung an seine Bürger und ist er sich unsicher, ob sie erfüllt wird, benötigt er kein Vertrauen, er hat schließlich eine Polizei und ist legitimiert sie einzusetzen. Im „politischen Raum“, wie Sie es nennen, spielt Vertrauen also keine allzu große Rolle. Und überhaupt: In Parlamenten werden keine Vertrauensfragen gestellt, sondern Legitimationsfragen. Es wird zwar nicht so benannt, doch nur(!) darum geht es: Legitimation.“</p>
<p>Legitimation und Vertrauen zielen auf die gleiche Funktion: Erwartungsabsicherung. Aber sie funktionieren (unscharf aber prägnant formuliert) genau entgegengesetzt. Vertrauen setzt Personen voraus, an deren Handlungen wir unsere Erwartung richten können. Legitimation setzt Institutionen (politische Amtsmacht, Geldvermögen, organisationale Befugnisse, wissenschaftliche Reputation, ärztliches Wissen, …) voraus, an die wir unsere Erwartungen richten. Die Erwartungssicherung im „politischen Raum“ funktioniert nicht über Personen, sondern über Ämter (Institutionen), die von Personen besetzt werden. Ob wir ihnen (Personen) vertrauen, ist unsere höchstpersönliche Sache. Was mit einer parlamentarischen „Vertrauensfrage“ benannt ist, kennzeichnet ein formales Verfahren des Entzugs von politischer Legitimation, es hat mit Vertrauen in Personen nichts zu tun. Die Person dominiert die Debatte, aber das Amt steht zur Disposition.</p>
<p>Man kann allerdings eine soziologisch gut abgesicherte begriffliche Unschärfe zulassen, um den Begriff des Vertrauens hier fruchtbar zu machen. Es gibt gute Gründe, zwischen Personenvertrauen und Systemvertrauen zu unterscheiden. Mit dieser Unterscheidung bekommt man jedenfalls viele Phänomene der Moderne in den Griff. Denn ein Kennzeichen unserer Zeit ist, dass wir andauernd Unbekannten begegnen, mit denen wir einen sehr kurzen aber intensiven Kontakt haben, der gelingt, obwohl man sich (und das weiß man vorher) nie wieder sehen wird. Wir behelfen uns, in dem wir unsere Erwartungen nur in kleinem Rahmen an Personen ausrichten, um sie abzusichern. Wir vertrauen viel häufiger Institutionen: Wir glauben daran, das Geld funktioniert, obwohl wir noch nicht wissen wann, gegenüber wem und für was wir es benutzen werden. Wir glauben daran, dass ein Bürokratiepapierkrieg fair ausgetragen wird und sich auszahlt, obwohl wir oft die Person nie sehen, die ihn mit uns führt. Wir glauben daran, dass der Alltag unserer Kinder in der Schule klappt, obwohl wir seine Protagonisten gar nicht kennen. Wir vertrauen in die Prinzipien unserer Gesellschaft und sind dabei nur selten auf konkrete Menschen angewiesen.</p>
<p>Ute Frevert beobachtet falsch, wenn sie etwas später im Film sagt „Institutionen verdienen kein Vertrauen“. Und sie hat in einem anderen Punkt unrecht, wenn sie nämlich sagt: „(…) Dann spiegelt das ein Stück weit das wider, was ich als Obsession mit Vertrauen nennen würde. Obsession mit Vertrauen: Wir wollen vertrauen, wir müssen vertrauen. Wir haben das Gefühl, wir haben gar keine Alternative zum Vertrauen. Dabei haben wir durchaus eine Alternative zum Vertrauen. Diese Alternative ist in unser politisches System und in unseren Umgang mit unserem Bankberater unmittelbar eingelassen: Wir können Vertrauen entziehen.“ Können wir darüber entscheiden, ob wir vertrauen oder nicht? Die Unterscheidung ist weniger Vertrauen / Entzug von Vertrauen als Vertrauen / Misstrauen. Der Unterschied zwischen den Unterscheidungen mag auf den ersten Blick minimal sein, er ist jedoch fundamental. Es ist schließlich nicht unsere Entscheidung, ob wir jemanden vertrauen. Eher ist es die Folge einer Abwägung von Anhaltspunkten, ob Vertrauen oder Misstrauen überwiegt. Menschen, denen wir „nicht vertrauen“, verschwinden schließlich nicht immer – vor allem keine Politiker oder Bankberater. Unabhängig unseres (Personen-)Vertrauens, behalten sie politische Legitimation und organisationale Macht. Ute Freverts Alternative ist zwar eine, sie bleibt aber folgenlos (bzw. hat sie sogar negative psychologische Effekte, wenn wir mit Mensch zu tun haben müssen, denen wir nicht vertrauen).</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Im Film kommt kurz Jan Philipp Reemtsma vor, der in einem Vortrag sagt: „Vertrauen ist gut und manchmal ärgerlich. Eben dann, wenn Vertrauen auch das Fundament unseres Finanzsystems ist. Aber wir dürfen uns damit nicht zufriedengeben, weil Vertrauen etwas ist, dessen du dir nie ganz sicher sein kannst.“</p>
<p>Dass unser Finanzsystem schon lange nicht mehr auf Vertrauen, oder nur auf einer sehr pervertierten Restlogik von Vertrauen beruht, war vor <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/10/vertrauenskrise-die-45-billionen-dollar-luge/">drei Jahren schon einmal Thema</a>. (Kurz: An die Stelle des Vertrauens ist im Finanzmarktkapitalismus die Versicherung getreten. Anstatt darauf zu vertrauen, dass Amerika seine Schulden bedient, versichert man sich gegen den Ausfall der entsprechenden Staatsschulden. Firmen wie AIG sollen einspringen, wenn die größte Atommacht mit Militärbasen auf dem ganzen Globus Pleite geht. Hier kann man überhaupt nicht mehr sinnvoll mit Vertrauen argumentieren. Es ist pure Dummheit.)</p>
<p>Interessant ist jedoch auch ein anderer Punkt. Der Satz: „Vertrauen ist etwas, dessen du dir nie ganz sicher sein kannst“ verkehrt die Logik. Denn auf nichts kann man sich wirklich verlassen und genau deswegen gibt es doch den Mechanismus des Vertrauens (leichte Unterstellung von <em>intelligent design</em> in der Formulierung mal hingenommen), der die eigentlich unfassbare Komplexität („das Chaos“, wie es N. Luhmann ausdrückt) in bewältigbare Komplexität transformiert (bzw. hübsch ausgedrückt: reduziert), damit dann neue Komplexität wieder aufgebaut werden kann – damit das gelingt, was ohne Vertrauen nie möglich wäre aber eben möglich ist, weil wir vertrauen – ganz ohne dass jemand so freundlich sein muss, sich dafür zu entscheiden, uns zu vertrauen, weil wir so tolle Menschen sind. Den letzten Satz des Filmes können wir also einfach so hinnehmen und uns darüber freuen, dass es so ist, weil es nicht anders sein kann: „Wir fühlen uns glücklicher, wenn wir vertrauen können.“ Ich hätte geschrieben: Wir fühlen uns glücklicher, wenn wir wissen, dass uns vertraut wird. Es klingt noch freundlicher.</p>
<p><em>(Bild: <a href="https://secure.flickr.com/photos/soonerpa/3948973065/in/photostream/">soonerpa</a>)</em></p>
<p><em>Update 08.11., 10 Uhr</em> &#8211; weiterführendes Luhmann-Zitat: &#8220;<a href="http://www.kritische-masse.de/blog/zettelkasten/vertrauen-und-politik">Einem Souverän kann man nicht vertrauen</a>&#8220;. (via <a href="http://differentia.wordpress.com/">Kusanowsky</a>)</p>
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		<title>schnell &amp; orientierungslos</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/08/14/schnell-orientierungslos/</link>
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		<pubDate>Sun, 14 Aug 2011 20:42:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sonntagssoziologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn ich an Frank Lübberdings Meldemaschinen-Text denke, muß ich immer noch schmunzeln. Besonders wegen der Überschrift: „Die Welt geht unter, wir gehen mit“. Spiegel Online hat sich mit seinem Börsenstreßticker blamiert. Sie haben anscheinend einfach alle Möglichkeiten genutzt, die sich ihnen geboten haben. Es galt nur noch die Zeit – selbst die BILD hat, obwohl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2236" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Wenn ich an Frank Lübberdings <a href="https://www.faz.net/artikel/C31013/boersenmeldungen-die-welt-geht-unter-wir-gehen-mit-30482207.html">Meldemaschinen-Text</a> denke, muß ich immer noch schmunzeln. Besonders wegen der Überschrift: „Die Welt geht unter, wir gehen mit“. Spiegel Online hat sich mit seinem Börsenstreßticker blamiert. Sie haben anscheinend einfach alle Möglichkeiten genutzt, die sich ihnen geboten haben. Es galt nur noch die Zeit – selbst die BILD hat, obwohl sie ebenfalls eine engagierte Online-Strategie hat, nicht derart übertrieben.</p>
<p><span id="more-2234"></span>Dennoch fällt eine Einschätzung dieses Ticker-Phänomens schwer, denn so einfach, wie die Belustigung darüber daherkommt, ist die Sache auch nicht. Auf der einen Seite könnte man sagen, die Massenmedien haben über die Börse zu informieren und sich dem Rhythmus der Gesellschaft anzupassen. Also im einfachsten Fall: Ein Mal abends den Tag zusammenfassen. Doch das wäre dem Rhythmus der Finanzmärkte überhaupt nicht gerecht. Zwar gibt es auch dort den Tagesrhythmus, der ist aber nur Börsenplatz bezogen. Man könnte also über den Finanzplatz Frankfurt informieren und den dortigen Tagesabschluß, doch das würde über die Sache kaum etwas aufklären. Die Börse tickt rund um die Uhr, und wenn ein Handelsplatz schließt, gäbe es gute Gründe gerade <a href="https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Arbitrage">dann</a> weiter zu berichten.</p>
<p>Wenn alles im Takt von Millisekunden und ohne Rhythmus, dafür ständig, weiterläuft, wird es für Berichterstattung schwer. Ein unlösbares aber behandelbares Problem, das bislang einfach übergangen wird. Die ARD bietet beispielsweise „Börse vor 8“ einfach so. Es ist kaum erkennbar, dass man sich dort Gedanken über irgendwas jenseits der Kleiderfrage gemacht hat, man steht auch wie selbstverständlich im Börsenshowroom, der längst nur noch als Kulisse dient. Die 5 Minuten-Abstände die Spiegel Online machte waren unsinnig. Die F.A.Z. druckt täglich seitenweise Zahlenreihen, die sind für Leute vom Fach, mitten in der Zeitung, dad ist auch merkwürdig.</p>
<p>Und es gibt offenbar noch ein weiteres Problem. Der Spiegel-Ticker hat gezeigt, dass er gar nicht so sehr über die Börse als über sich selbst berichtet hat. Zumindest schien es so, als würden die Meldungsüberschriften viel mehr an der vorhergegangenen Meldung konturiert als an irgendeiner Börsenfaktizität. Wahrscheinlich glaubte man tatsächlich, mehr als 5 Menschen würden sich für den Tickerstreß interessieren und informiert fühlen, wenn sie lesen, dass der DAX jetzt „leicht gewinnt“ im Vergleich zur Lage vor 5 Minuten.</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Frank Schirrmacher hat heute den <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/politics/8655106/Im-starting-to-think-that-the-Left-might-actually-be-right.html">Text von Charles Moore</a> ins <a href="https://www.faz.net/artikel/C30351/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-30484461.html">Deutsche</a> geholt. Dieser hat bereits für ordentlichen Wirbel gesorgt und er paßt auch sehr gut in die Zeit. Stichwort Michelle Bachmann et al. Der Text hatte positive Resonanz, auch bei mir. Etwas untergegangen in der Kommentarwelle ist der Aspekt, dass Schirrmacher explizit auf die „Nachdenkseiten“ hinweist – ich halte das für eine wirklich große Geste, nicht nur inhaltlich. Zum anderen bin ich verwundert, wie sehr bei solchen Gelegenheiten immer wieder behauptet wird, die F.A.Z. sei ein konservatives Medium. Die einzige Erklärung, die mir plausibel erscheint, würde auf ein extrem selektives Leseverhalten abstellen. Das ist aber eine höchstpersönliche Fragestellung. (Auch wenn die F.A.Z. in der „<a href="http://www.nachdenkseiten.de/?cat=19">Hinweise des Tages</a>“-Rubrik nie (oder nur selten) auftaucht – ich lese seit Jahren beides und erkenne keine grundsätzlichen Widersprüche, die man nicht mit Links wegargumentieren könnte.)</p>
<p>Interessant ist aber noch eine andere Frage: Wie beobachtet sich eigentlich eine Gesellschaft, wenn die alten Kategorien ausgetauscht und aufgehoben werden. Im Englischen steckt es bereits im Titel: „the Left might actually be right“. Die Rechts/Links-Unterscheidung hat ausgedient und es gibt noch keinen Ersatz. Und so betrifft es auch die Unterscheidung von konservativ und progressiv (oder was eigentlich?). Die Konservativen setzen sich für Superbahnhöfe ein und wollen elektronische Pässe, die Progressiven klären über Computergefahren auf und kämpfen für die Erhaltung ihrer Stadtbilder. Es paßt nicht mehr zusammen. Man könnte jetzt sagen, jeder hat seine eigene, höchstpersönliche Leitunterscheidung – aber dann müßte man eine ähnliche Frage stellen: Wie gelingt das eigentlich? Die Grünen haben viel Erfolg mit ihrem Übergehen der parlamentarischen Aufteilung – sie sind einfach grün und können alle weiteren Lücken flexibel füllen, doch was ist, wenn sie mal nicht mehr die Einzigen sind? Die Piraten haben schon explizit erklärt, dass Rechts/Links für sie bedeutungslos ist. Es wird interessant.</p>
<p><em>(Bild: <a href="https://secure.flickr.com/photos/zoharma/243901265/in/photostream/">Zohar Manor-Abel</a>)</em></p>
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		<title>Notwendige Proteste, notwendige Arrangements</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/08/07/notwendige-proteste-notwendige-arrangements/</link>
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		<pubDate>Sat, 06 Aug 2011 22:01:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sonntagssoziologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Versuch von Sascha Lobo, das Internet als generatives Element in die Diskussion über die Ursachen des Verbrechens in Oslo zu thematisieren ist interessant. Der grundsätzliche Versuch ist richtig, weil er nicht abwegig und in der Form trotzdem mutig ist. Noch interessanter ist allerdings die Nachbesprechung, denn sie greift die Problematik auf, dass es derzeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2158" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2158" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="300" /><p class="wp-caption-text">Start einer kleinen Reihe: Sonntagssoziologie. Sachen die in der Zeitungsarbeit übrig bleiben, oder diese vorbereiten &amp; der anfallende Rest.</p></div>
<p>Der Versuch von Sascha Lobo, das Internet als generatives Element in die Diskussion über die Ursachen des Verbrechens in Oslo zu thematisieren ist interessant. Der <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,778089,00.html">grundsätzliche Versuch</a> ist richtig, weil er nicht abwegig und in der Form trotzdem mutig ist. Noch interessanter ist allerdings die <a href="http://saschalobo.com/2011/08/05/addendum-zu-der-neue-terrorismus-kommt-aus-dem-netz/">Nachbesprechung</a>, denn sie greift die Problematik auf, dass es derzeit keine tragfähige Internetverteidigungsargumentation gibt. Und es wird erst recht keine geben, wenn zukünftige andere Menschen ihre Copy/Paste-Pamphlete ins Internet stellen und zeigen, was das Internet für Potentiale in sich birgt, gerade wenn man Souverän seiner Filter ist.</p>
<p><span id="more-2156"></span>Geradezu erschreckend sind die Reaktionen auf diese Diskussionsversuche. Gleich im ersten Kommentar schreibt jemand: „Es bleibt doch dabei: auch wenn sich böse Menschen übers Telefonnetz verabreden, etwas böses zu tun, hat das Telefonnetz damit immer noch nichts zentrales zu tun.“ Derzeit lassen sich zwei Dinge festhalten: 1. Die Verfechter der <em>Queryology</em> und <em>Filtersouveränität</em>, die die ganze Kraft des Internets in die Muster erkennende Psyche des Einzelnen verlegen und die soziale, gesellschaftliche Komponente übersehen – also alle gängigen Rivva-Resonanzerzeuger – tragen gerade, ohne dass sie es schon merken, die Argumente zusammen, die eine zukünftige staatliche Internetüberwachung beinah unausweichlich machen. (In Klammern aber deutlich: Sie liegen sachlich falsch und sind in hohem Maße kontraproduktiv!) 2. Oslo ist ein unhintergehbares Datum, dagegen läßt sich nicht mehr argumentieren, dass kann nur noch begriffen werden. Und die Verfechter des freien Internets haben die Pflicht, das zu begreifen und zu achten.</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Ich las die Woche ein interessantes Buch. Kai Schlieter, ein Soziologe und Journalist, hat deutsche Gefängnisse besucht und eine lesenswerte, lehrreiche Studie über <a href="http://westendverlag.de/westend/buch.php?p=54">Härtefälle in deutschen Gefängnissen</a> geschrieben (Buchbesprechung demnächst in der F.A.Z.). Er erläutert darin, dass die gängige Praxis des Wegsperrens eher einer historischen als sachlich-rationalen Logik entstammt. Er stellt, noch bevor er mit seinen empirischen Beobachtungen beginnt, schon eine interessante These auf: Die Gefängnisse sollten abgeschafft werden. Er besucht jemanden, der seit 15 Jahren in Isolationshaft sitzt; einen Berliner Jugendlichen, der über 5 Monate mit einer Mordversuch-Anklage in U-Haft saß und dann freigesprochen wurde und jemanden, der seit vier Jahrzehnten weggesperrt ist. Das Buch hat jedoch, leider, zwei Schwächen: Der Alltag im Gefängnis kommt nicht zu Geltung, und die These zur Abschaffung der Gefängnisse wird nur gestellt und nicht diskutiert.</p>
<p>Solange wie man das Buch liest, teilt man die These durchaus. Doch es kommen recht schnell Fragen: Welche Alternativen gibt es denn? Muß Gefängnis schrecklich sein, um die abzuschrecken, die noch <em>nie</em> dort waren? Kann man mit Gefängnis drohen aber es immer nur bei der Drohung belassen, weil man gar keine mehr hat? Welche alternativen „Resozialisierungseinrichtungen“ gibt es wirklich (der Autor nennt illustrativ eine norwegische Gefängnisinsel auf der es eher gesellig und sozial zugehen soll, ohne sie in anschlußfähiger Ausführlichkeit zu beschreiben)? Welche könnte es geben? Eine theoretische Diskussion wäre ein wirklich interessantes Thema für eine Qualifikationsarbeit.</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Die Proteste gegen die Infrastrukturmaßnahmen in Süddeutschland sind interessant. In Stuttgart hat man ja von Anfang an eine sehr spirituelle Form des Protests gewählt, die erstaunlich motivierend ist – zumindest scheint sie bis jetzt zu funktionieren. Als letzten September erstmalig Berliner Polizeimethoden in Stuttgart angewendet wurden, konnte man schon lernen, dass dieses Polizeiaktionen mit Berlin so gar nichts zu tun haben, sondern viel mehr mit Polizei – egal gegen wen.</p>
<p>Nun gibt es eine weitere interessante Beobachtung: Im Münchener Umland regt sich Widerstand gegen den kommenden Fluglärm. Und auch hier zeigen sich ein paar Merkmale, die man, oder besser: ich, bislang einer anderen deutschen Volksgruppe zugeschrieben habe, und die so gar nicht auf die bayrische Landbevölkerung passen. Ich spreche von der ostdeutschen „Uns fragt ja keiner!“-Mentalität. Über diese Haltung, die frecherweise an den Tag gelegt wurde, obwohl sich Westdeutschland doch mit „Soli“ und D-Mark so großzügig zeigte, hat man nie so richtig verstanden und als Ossi-spezifisches Unverständnis abgetan. Nun sind es die Bayern, die so auftreten, während es sich die Ossis in ihrer innerdeutschen Unbedeutendheit gemütlich gemacht haben. Interessant und witzig. Diese Verschiebung von Problemen und Ursachenzurechnung ist beinah ein Indiz dafür, dass die Trennung von Ost und West überwunden ist. Leipzig ist inzwischen das europäische Güterdrehkreuz im Luftverkehr, mit Flügen die ganze Nacht. Man hat sich mit der neuen Gesellschaft arrangiert.</p>
<p><em>(Bild: <a href="https://secure.flickr.com/photos/bombeador/4529636027/in/photostream/">Eduardo Amorim</a>)</em></p>
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