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	<title>Sozialtheoristen &#187; Gesellschaft</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>23 Prozent</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 09:48:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Daily Show zu Foxconn, mit Dank für den Hinweis an Hans Hütt, der dies meinem letzten Text nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="550" height="309" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="src" value="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="base" value="." /><param name="flashvars" value="" /><embed width="550" height="309" type="application/x-shockwave-flash" src="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" base="." flashvars="" /></object></p>
<p>Die <a href="http://www.thedailyshow.com/watch/mon-january-16-2012/fear-factory">Daily Show zu Foxconn</a>, mit Dank für den Hinweis an <a href="http://www.hans-huett.de/">Hans Hütt</a>, der dies meinem <a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/01/supposed-to-be-fair/">letzten Text</a> nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil zutrifft.</p>
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		<title>&#8220;supposed to be fair&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 12:01:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Vergangene Woche fand in Bielefeld eine Tagung mit dem Titel &#8220;Dealing with the Disasters of Others&#8221; statt*. Darin gab es einen Vortrag des britischen Historikers Stephen Mosley über &#8220;Disaster in Slow Motion&#8220;. In englischen Städten starben zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 100 von 100.000 Menschen an Bronchitis, weil die Städte von den Industrieanlagen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3124" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Vergangene Woche fand in Bielefeld eine Tagung mit dem Titel &#8220;<a href="http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/Events/01-2628-Closing_Conference.html">Dealing with the Disasters of Others</a>&#8221; statt*. Darin gab es einen Vortrag des britischen Historikers Stephen Mosley über &#8220;<a href="http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/Events/Closing_Conference_Abstracts/Abstract_Web_Mosley.pdf">Disaster in Slow Motion</a>&#8220;. In englischen Städten starben zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 100 von 100.000 Menschen an Bronchitis, weil die Städte von den Industrieanlagen und privaten Schornsteinen zugequalmt waren. Die Todesrate durch Luftverschmutzung war zwanzig Mal so hoch wie zu gleicher Zeit in anderen europäischen Ländern. Die Luftverschmutzung war fünfmal tödlicher als Krankheiten und Epidemien, um die sich damals die Medizin bereits im industriellen Maßstab kümmerte. 1905 hat man aus Fog und Smoke das Wort <em>Smog</em> geschöpft. Und am interessantesten: Der Zeitgeist hat diesen Zustand honoriert. Auf Panorama-Postkarten wurde der Smog betont, es gab Gedichte über &#8220;schmutzige Städte, die gedeihen&#8221; und den &#8220;profitable dirt&#8221;, weil man sich darauf einigte: &#8220;Where There&#8217;s Smoke, There&#8217;s Money&#8221;.</p>
<p><span id="more-3118"></span>Zur Sozialen Frage gesellte sich also ein Problem, dass einfach in der Luft lag und keinen direkten Schuldigen kannte. Denn es waren hier nicht die Fabrikbesitzer, die ihre Arbeiter ins Verderben schickten, sondern eben auch die Frauen zuhause, die, insbesondere montags, zum Waschtag, das Übel verursachten. Erst nach und nach fand ein Besinnungswandel statt. Die Gewerkschaften riefen die <em>working class</em> zu Veranstaltungen in Gemeindehäusern zusammen um sie darüber aufzuklären, welche gesundheitlichen Folgen der Smog hat und wie man sich vor ihm schützt. Die Aushänge unterscheiden sich nur in der Aufmachung von heutigen Aufrufen zu Veranstaltungen, die über Atomanlagen und Fluglärm aufklären.</p>
<p>Was wurde in den letzten einhundert Jahren erreicht? Die zweite Soziale Frage, die heutige Katastrophe der <em>working class</em>, gibt es (für uns) nur noch virtuell. Der Lebensstandard unserer &#8220;Wissensgesellschaft&#8221; ruht noch immer auf Ausbeutung und der Nichtbeachtung vieler Facetten der Menschenwürde. Nur handelt es sich diesmal um die Katastrophe der anderen. Rechnerisch kommen wahrscheinlich auf zehn Technikkäufer in Europa ein Arbeitssklave in China. Auf jeden millionenschweren Softwareartisten in Amerika kommen einhundert kasernierte Hardewarebauer. Und wahrscheinlich verdient jeder der maßgeblich an der Kreation beteiligt ist mehr als alle, die die Geräte zusammenbauen, zusammen. Und das Zahlenverhältnis ist wahrscheinlich irgendwo bei 1 zu 100.000 zu verorten. 13 Mrd. Quartalsgewinn (Apple) macht, bei geschätzten 100.000 Foxconn-Mitarbeitern (Apple-Anteil), ein Jahresgewinn pro Person von etwa einer halben Million Dollar. Könnte man 10% davon als Lohn für Arbeit an die Menschen weitergeben? Nein, das macht man nicht.</p>
<p>Folgt man der Diskussion, gibt es dafür auch gute Gründe. Man kann Menschen, die 18 Stunden am Tag ohne Tageslicht und mit gefährlichen Substanzen arbeiten das Geld nicht geben weil… Weil es <em>nicht üblich</em> ist. Es ist nicht nur eine Katastrophe der anderen, sondern auch eine in slow motion. Alle wissen bescheid, alles bleibt wie es ist. Aber es wird wenigstens <a href="http://www.thisamericanlife.org/radio-archives/episode/454/mr-daisey-and-the-apple-factory">darüber gesprochen</a>. Und die <a href="http://mobilemacs.de/2012/01/mm079-folgen-heist-maul-halten.html">deutschen Apple-Fanboys</a> werden zu dem komplizierten Argumentationsstunt gezwungen die übliche &#8220;Apple ist besser, schöner und vor allem ganz anders&#8221;-Semantik in eine &#8220;Nicht nur Apple&#8221;-Rhetorik zu biegen. Doch <em>gerade</em> hier gilt, dass Apple hervorsticht. Apple war Vorreiter aller Entwicklungen, die derzeit in der Technologiebranche beobachtbar sind und dazu zählt auch die Deindustrialisierung der Entwicklerstandorte und die Kasernierung der Handarbeiter am anderen Ende der Welt.</p>
<p>Während die deutschen Apple-Fanboys (namentlich Tim Pritlove, <a href="http://mobilemacs.de/">mobilemacs</a> und Martin Pittenauer, <a href="http://fanbóys.org/">fanbóys</a>) für ihren amerikanischen Podcast-Kollegen <a href="https://www.google.com/search?q=john+c+dvorak">John C. Dvorak</a> nur Hohn und Spott übrig haben, fiel dieser <a href="http://twit.tv/show/this-week-in-tech/338">jüngst</a> einer jungen Amerikanerin, die in erstaunlichem Ausmaß mit deutschem Zynismus ausgestattet ist, mit dem bemerkenswerten Satz ins Wort: &#8220;Capitalism is supposed to be fair!&#8221;</p>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/36009825?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" frameborder="0" width="549" height="309"></iframe></p>
<p>Nun kann man sich darüber streiten, ob er recht hat und wie man Moral und Achtung auch in Chinas Wirtschaft installieren kann. Doch man sollte die Zeit nicht weiter verschwenden. In allen großen Firmen, die hier mitschuldig sind, sitzen Menschen, die sehr genau beobachten wie man im Internet und sonst überall über sie spricht und die Veränderung setzt umso schneller ein, desto zügiger man den Zynismus ablegt! Auch Tim Pritlove trägt Verantwortung und es ist nicht schwer, in einem Podcast mal kurz zu sagen: &#8220;Was Apple macht, ist falsch und sollte geändert werden. Möglichst bald.&#8221;</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/alatryste/5215377570/in/photostream/">Alatryste</a>)</em></p>
<p>* <em>Besprechung von mir heute in der F.A.Z.</em></p>
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		<title>Glaubwürdigkeit &#8211; woher und wozu?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/01/07/glaubwurdigkeit-woher-und-wozu/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 14:50:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Christian Wulffs Schöner-Leben-Affäre steht stellvertretend für vieles, was derzeit nicht mehr richtig funktioniert oder immer nur sehr merkwürdig funktionierte und diese Merkwürdigkeit nun offenbart: Politiker müssen sich in ihrer Karriere gegen Parteikollegen durchsetzen, werden aber nur im Hinblick auf ihren Dienst für die Partei beobachtet; Im Parlament kämpfen Parteien gegeneinander für das Gemeinwohl. Die Demokratie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3025" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/01/Unbenannt-14.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Christian Wulffs Schöner-Leben-Affäre steht stellvertretend für vieles, was derzeit nicht mehr richtig funktioniert oder immer nur sehr merkwürdig funktionierte und diese Merkwürdigkeit nun offenbart: Politiker müssen sich in ihrer Karriere gegen Parteikollegen durchsetzen, werden aber nur im Hinblick auf ihren Dienst für die Partei beobachtet; Im Parlament kämpfen Parteien gegeneinander für das Gemeinwohl. Die Demokratie ist im Großen und Ganzen ein schönes, echtes Märchen &#8211; auf einem schwierigem Weg bleibt man beim Glauben an ein Happy End.</p>
<p><span id="more-3013"></span>Wie schwierig es ist, wird heute auch deutlicher, weil ein weiterer Beobachter hinzugekommen ist, der beginnt, seinen Folgenreichtum abzuschätzen: der ausformulierte Gedanke des Publikums. Er sucht sich seinen Raum in der bislang exklusiven Beziehung zwischen Politik und Massenmedien. Man könnte es <a href="http://differentia.wordpress.com/2012/01/06/die-glaubwurdigkeit-der-glaubwurdigkeitsbestreiter-wulff/">so ausdrücken</a>:</p>
<blockquote><p>Und auch die Diskussionen im Netz konzentrieren sich größtenteils auf die Beobachtung einer Person und nicht darauf, dass die konventionellen Massenmedien ganz langsam ein Problem bekommen: Sie müssen ihre Relevanz, ihre Vorrangigkeit gegenüber dem Internet herausstellen.</p></blockquote>
<p>Doch würde man hier implizit eine Unterscheidung mitführen, die auf einer, aber nicht der wichtigsten, Prämisse ruht. Dass nämlich Massenmedien auf der einen Seite stehen und das Internet – das folgenreiche Medium ohne konkrete Masse – auf der anderen. Die entscheidende Prämisse ist viel mehr diese:</p>
<blockquote><p>Journalisten können ihre Privilegien intelligent ausnutzen, die vor allem darin bestehen, exklusiven Kontakt zu Politikern zu pflegen.</p></blockquote>
<p>Der Vorteil den die Massenmedien haben, liegt im Zugriff auf Raum und Zeit. Journalisten haben viel Zeit für Recherchen und sie sind dafür nicht zwingend auf Vermittlung angewiesen, sondern können im Kontakt mit der Politik die Eigenrechte der Interaktion ausnutzen. Die jüngste Empörung über den öffentlich-rechtlichen Fragenkatalog im Wulff-Interview veranschaulicht dies ganz wunderbar. Auf der einen Seite war es die Interaktion unter Dreien, die &#8220;Live-On-Tape&#8221; einfach stattfand, auf der anderen Seite waren es die medienvermittelten Interpretationen, die im Internet stattfanden. Das Gespräch war auf keine Technologie angewiesen, nur seine Verbreitung.</p>
<p>Die technologievermittelten Kommunikationsmöglichkeiten, die neue Zugänge zu Politikern gewähren, werden diese raumgebundene Interaktionssituation wie sie das Interview darstellt nicht ersetzen können. Bzw. andersherum formuliert: Sollte einmal ein junger Journalist, ein Typ wie Richard Gutjahr, seine Kameraerfahrung und Internetreputation ausbeuten und in einem Medienstunt ein U-Stream-Spontaninterview mit der Kanzlerin führen, dann ist er in allen wesentlichen Aspekten ein Massenmedium nach alter Funktionslogik. Was ihm gelänge, würde nur ihm gelingen – nicht weil er der Einzige ist, der über diese Art der Medienkompetenz verfügt und ein Publikum mobilisieren kann, sondern weil die Kanzlerin nur begrenzt Raum und Zeit für ein Interview hat.</p>
<p>Zurück zu Klaus eigentlicher Frage: Wie verhält es sich im Gesellschaftszirkus mit der Glaubwürdigkeit, wenn die Medien ihre gegen die der Politik(er) ausspielen und das Weiterführen des &#8220;Krieges&#8221; die Beteiligten nur weiter in einer Kommunikation verstrickt, die im Grunde nichts anderes ist als paradox: Man kann seine eigene Glaubwürdigkeit nicht behaupten, weil Glaubwürdigkeit ja Bedingung und nicht Folge einer (Glaubwürdigkeits-)Behauptung ist. Können Politiker durch direkten medialen Zugriff auf das Publikum Glaubwürdigkeit implizit mitführen, um so endlich nur inhaltlich, sachzentriert politisch kommunizieren zu können? Es ist ein Wunsch der Zeit, neue Medientechnologien in der Hinsicht auszubeuten, sich auf Sachfragen konzentrieren zu können. Doch es wird wohl nie gelingen, die Komplexität von politischen <em>Entscheidungen</em> allein auf der Sachebene reduzieren zu können.</p>
<p>Das deutsche Stromnetz als politisches Thema beispielsweise ist sachlich vielleicht zu entschlüsseln. Man könnte alle inhaltlichen Aspekte ins Internet schreiben, transparent menschen- und maschinenlesbar aufbereiten. Jeder wird nachsehen können, was es hiermit und damit auf sich hat. Aber man wird es allein dadurch niemals zu einer politischen Entscheidung schaffen.</p>
<p>Die Sachdimension wird immer durch die Sozialdimension entlastet werden müssen. Es wird, so wie in der Politik, in den Medien immer Stars geben &#8211; und sie werden auf Technologie <em>und</em> Institution angewiesen sein. Glaubwürdigkeit ist eine notwendige und soziale Komponente. Wenn ein Politiker im Kontakt mit seinem Publikum ist, benötigt es einen neutralen Dritten, sei es der Wahlhelfer, sei es der Journalist, sei es der Richter. Das Internet vergrößert nur den Bereich derjenigen, die als Dritte infrage kommen. Politik benötigt die Verlautbarung des Politikers und die Zustimmung/Unterstützung im Publikum. Nur vertrauen wir nicht mehr nur gezwungener Maßen den großen Medienstars, sondern auch einzelnen, unbekannten Internetschreibern, die sich Vertrauen verdient haben: Es macht einen großen Unterschied, ob Inhalte von Sascha Lobo erwähnt und empfohlen und vom heute-Journal verbreitet werden oder ob Marius Sixtus ein belangloses &#8220;Was … sagt.&#8221; ins Internet rotzt und die RTL-II-News etwas promoten. Es bleibt beim alten Prinzip. (Die Funktionslogik ändert sich, das ist zu beobachten.)</p>
<p>Das direkte Wort eines Politikers glaubt man nicht. Auch nicht, wenn er es twittert. Irgendwer wird es autorisieren müssen und irgendwie muss es diskutiert und abgewogen werden. Und die Unmöglichkeit, die Sozialdimension aus den Kommunikationslogiken herauszurechnen, um sich allein auf die Sachdimension zu besinnen wird vielleicht klarer, wenn man darauf hinweist, dass es auch eine Zeitdimension gibt. Denn wenn es nur eine Frage der Sache wäre, und wir uns auf Technologie verlassen könnten, würden wir unsere politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen so fällen, wie Investitionsentscheidungen an der Börse gefällt werden: Milliarden in Millisekunden. Dort kann man jetzt schon sehen, was geht und was überhaupt gar nicht funktioniert.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/spike55151/14401063/in/photostream/">Chris</a>)</em></p>
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		<title>Männer denken zu viel, Frauen träumen zu viel</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/01/06/manner-denken-zu-viel-frauen-traumen-zu-viel/</link>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 12:32:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologielinks]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Na gut, nehmen wir einmal an, sie hat hiermit recht: Die ‚neuen Männer&#8217; sind rücksichtsvoll verlegen, mutlos und durch ständiges Denken in ihren Taten gehemmt. Was wäre die Konsequenz? Soll man es als Plädoyer lesen, als Mann (wieder?) tatkräftig, undurchdacht und fordernd mit Frauen umzugehen? Mich erinnert das lesen des Textes an eine kurze Interviewepisode [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2972" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2972 " src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/01/Unbenannt-12.jpg" alt="" width="550" height="278" /><p class="wp-caption-text">Man kann es immer übertreiben, gerade in der Liebe.</p></div>
<p>Na gut, nehmen wir einmal an, <a href="http://www.zeit.de/2012/02/Maenner">sie hat hiermit recht</a>: Die ‚neuen Männer&#8217; sind rücksichtsvoll verlegen, mutlos und durch ständiges Denken in ihren Taten gehemmt. Was wäre die Konsequenz? Soll man es als Plädoyer lesen, als Mann (wieder?) tatkräftig, undurchdacht und fordernd mit Frauen umzugehen?</p>
<p><span id="more-2969"></span>Mich erinnert das lesen des Textes an eine kurze Interviewepisode mit Heiner Lauterbach. Er saß im TV in großer Runde und beschwerte sich darüber, dass die Jugend den Mädchen so viel einfacher fällt als den Jungen. Denn diese müssen rackern und arbeiten, während die Mädels einfach an der Bar sitzen und sich ansprechen lassen können. Auf den Hinweis aus der Runde, dass dies aber nur für sehr wenige Mädels zutrifft und fast alle anderen unbeachtet und leidend neben diesen Mädels sitzen, schwieg er kurz und ergänzte dann, das habe er wohl übersehen, aber naja.</p>
<p>Ich möchte aus dem Text von Nina Pauer kein Plädoyer herauslesen. Viel zu schlüssig und plausibel erscheinen mir die <a href="http://www.google.de/search?q=Eva+Illouz+Interview&amp;hl=de">von Eva Illouz</a> bislang zum Thema lesbaren. Nicht nur die Männer verändern sich, sondern das Prinzip und die Funktionsweise der Liebe selbst. Wenige Frauen können sich auf ihre Physiognomie verlassen und werden sich, zumindest in ihrer Jugend, niemals langweilen. Diese Frauen können darauf hoffen, dass es immer Männer gibt, die sich für sie interessieren, sodass sie ihr Annehmen-Ablehnen-Spiel spielen können.</p>
<p>Für den Rest, eventuell die Mehrheit, ist Liebe aber vielleicht wieder mehr als ein Spielchen, dass man in der Jugend mit Freude und später mit Anstrengung spielt. Es sind nicht mehr die 80er heute. Eckhard von Hirschhausen, &#8220;<a href="http://www.hirschhausen.com/glueck/kompass.php">Glücksexperte</a>&#8220;, hat immer den guten Hinweis parat, schon am Anfang des Kennenlernens keine Dinnerspielerei zu machen, sondern sich direkt ins Leben zu stürzen. Warum nicht gleich eine Alltagsprobe machen? Eine berechtigte Frage. Für Romantik bleibt immer noch Zeit, nachdem man sich vertraut geworden ist.</p>
<p>Es ist heute schwierig genug. Eroberungswillige Frauen, die von den Männern noch immer die 95% Initiative einfordern, ständige Opferbereitschaft verlangen und nicht zum kleinsten Anzeichen von Sicherheit bereit sind, müssen eben manchmal sehen, wo sie bleiben. Sich über junge Männer in diesem Ton zu beschweren, oder gar lustig zu machen, während gleich nebenan berechtigterweise auf die Rape-Culture hingewiesen wird, ist weder dumm noch klug, aber ziemlich verwirrend. Es könnte für viel junge Männer schlicht einfacher sein, wenn die jungen Frauen ihre neue Rolle finden würden, anstatt der alten Prinzessinnenidee hinterherzutrauern.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/alicelingching/5332064897/in/photostream/">alice_ling</a>)</em></p>
<p><em>Nachtrag</em>: <a href="http://faz-community.faz.net/blogs/allerseelen/archive/2012/01/07/richtig-kuessen-frau-pauer.aspx">Weiterführende Leseempfehlung</a>.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Perfidie der freien Wahl?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Dec 2011 18:05:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kai Mürlebach</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Melanie Mühl setzt sich im Feuilleton der FAZ mit einem Buch Michèle Rotens (&#8220;Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung&#8221;) auseinander. An dieser Stelle soll der Versuch einer positiven (Re-)Interpretation der Problemstellung unternommen werden, indem gefragt wird, was unter Freiheit heute eigentlich noch zu verstehen ist. Artikel und Buch beschäftigen sich mit einer neuen Generation junger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/12/09/die-perfidie-der-freien-wahl/freie_wahl/" rel="attachment wp-att-2827"><img src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/freie_wahl.jpg" alt="Ausschnitt aus der FAZ, 09.12.2011, S. 33" width="650" height="250" class="aligncenter size-full wp-image-2827" /></a></p>
<p>Melanie Mühl setzt sich <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gleichberechtigung-meine-freie-wahl-11555460.html" target="_blank">im Feuilleton der FAZ</a> mit einem Buch Michèle Rotens (&#8220;Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung&#8221;) auseinander. An dieser Stelle soll der Versuch einer positiven (Re-)Interpretation der Problemstellung unternommen werden, indem gefragt wird, was unter Freiheit heute eigentlich noch zu verstehen ist.<br />
<span id="more-2826"></span><br />
Artikel und Buch beschäftigen sich mit einer neuen Generation junger Frauen, die sich vom Feminismus verabschiedet habe. &#8220;Vergnügt genießt sie die Illusion, sie hätte alle ihre Lebensumstände frei gewählt.&#8221; Frauen dieser Generation blieben zu Hause, &#8216;verschönerten&#8217; ihre Körper, nähmen den Namen des Ehemannes an und besorgten die Hausarbeit. Damit reproduzieren sie genau die Geschlechterrollen, die sie für überholt halten &#8211; diesmal allerdings ganz &#8216;freiwillig&#8217; und mit offenbar zumindest subjektiv überzeugenden Argumenten.</p>
<p>Melanie Mühl stößt damit auf ein Problem der modernen Gesellschaft: Wie kann heute noch erkannt werden, ob jemand frei handelt, wenn nicht daran, dass er oder sie nicht gezwungen wird (vgl. <a href="http://www.uni-bielefeld.de/sozsys/leseproben/luhmann.htm" title="" target="_blank">Luhmann 1995:14</a>)? Für die Autorin gehört die Überzeugung, absolute Wahlfreiheit zu genießen, &#8220;zum Selbstbild der modernen Frau wie ihr Schuh-Tick.&#8221; Von der Organisationssoziologie lässt sich lernen, dass Freiwilligkeit ein wesentlich stärkerer Motivator sein kann als etwa Geld und dass Menschen bereit sind Dinge zu tun, vor denen sie unter allen anderen Umständen zurückgeschreckt wären &#8211; weil sie es freiwillig tun (<a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1183/720" title="" target="_blank">Kühl 2005:98ff.</a>).</p>
<p>Die Frage ist, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Einerseits, und so sieht es die Autorin, ist zu befürchten, dass die aktuelle Generation junger Frauen leichtfertig Errungenschaften riskiert, für die &#8220;sie nicht einmal kämpfen mussten und [deren] Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen.&#8221; Andererseits steckt in dieser Position auch eine gehörige Portion Paternalismus (leider &#8211; positiverweise? &#8211; scheint eine weibliche Form dieses Wortes nicht zu existieren): Mit welchem Recht wirft Frau Mühl eigentlich anderen Frauen vor, &#8220;lieber zum Brazilian-Waxing als zum Wählen&#8221; zu gehen? Ist ein auf politisches Engagement oder berufliche Selbstverwirklichung zielender Lebensentwurf denn objektiv &#8216;besser&#8217;, als der einer mehr auf Äußerlichkeiten bedachten Frau, die ihren ganzen Ehrgeiz darauf richtet, einen solventen Ehepartner zu finden?</p>
<p>Als Mann ist es &#8216;gefährlich&#8217; solche Fragen zu stellen, zumindest in dem Sinne, dass man(n) sich allzu leicht dem Vorwurf aussetzt, den Status Quo, also die eigenen Vorteile aus dem gegebenen Geschlechterverhältnis, erhalten zu wollen. Die &#8216;Gefahr&#8217; besteht allerdings (anders als die Kritiker einer angeblich übermächtigen &#8216;Political Correctness&#8217; glauben mögen) in erster Linie darin, einen Angriffspunkt für Polemik zu bieten, die dann alle anderen Argumente zu überlagern droht. Dieses Risiko lässt sich eingehen, spricht heute doch alles dafür, jungen Menschen von einem solchen Lebensziel abzuraten &#8211; zumal mit Blick auf aktuelle Scheidungsraten und die Vergänglichkeit aller Schönheit &#8211; aber letztlich bleibt es doch jeder und jedem selbst überlassen, welchen Lebensweg sie oder er einschlägt. (Fast könnte es als ermutigendes Zeichen aufgefasst werden, dass es heute eben nicht mehr nur &#8216;Trophy-Wives&#8217;, sondern auch erste &#8216;Trophy-Husbands&#8217; gibt, wäre nicht fragwürdig, ob gerade diese männlichen Verhaltensmuster reproduziert werden sollten.)</p>
<p>Nicht zu bestreiten dürfte aber auch sein, dass mit der Konzentration auf die neusten Moden in Sachen Körperbehaarung andere Probleme in den Hintergrund treten. So lässt sich durchaus vermuten, dass ein angenehmeres Leben führt, wer sich nicht täglich mit den neusten Katastrophenmeldungen aus Berlin, Brüssel oder New York belastet (ganz zu schweigen von den wirklichen Tragödien, die sich tagtäglich außerhalb der westlichen Welt ereignen). Als politischer und normativ denkender Mensch mag man den Mangel an Engagement bedauern, aber wer mag sich anmaßen, den Weg anderer zu ihrem individuellen Glück zu beurteilen?</p>
<p>Die Perfidie der Freiwilligkeit scheint nun darauf zu beruhen, dass junge Frauen heute Geschlechtergerechtigkeit für verwirklicht halten und alte Rollenmuster reproduzieren &#8211; freiwillig. Sie würden damit Geschlechterrollen reanimieren, die früher zwangsweise durchgesetzt wurden. Aber weist diese Beobachtung nicht im Grunde darauf hin, dass heute kein entsprechender Zwang mehr besteht? Dass die <em>wirklichen</em> Ungerechtigkeiten kaum noch anzutreffen sind?</p>
<p>&#8220;Freiheit ist ein soziales Konstrukt, und Wissen ist die Form, in der Beschränkungen eingeführt werden, um Entscheidungen zu ermöglichen.&#8221; (Luhmann 1995:16) Um eine Wahl (eine Entscheidung) zu treffen, bedarf es demnach des Wissens um Alternativen; so weit so trivial. Aber könnte diese Einsicht nicht dazu dienen, die Problemstellung zu reformulieren? &#8220;[F]ormulierte Normen provozieren geradezu die Freiheit, gegen die Norm zu verstoßen.&#8221; (ebd.) Ließe sich also sagen, dass heute weniger Normen formuliert sind und entsprechend die Freiheit schwindet, gegen sie zu verstoßen? Dass das Wissen um früher bestehende Normen &#8216;verloren&#8217; geht (wer würde es vermissen?) und entsprechend das Wissen um die Alternativen zur heutigen Situation? Und wäre das nicht positiv zu werten?</p>
<p>Mühls Satz, &#8220;Frauen können studieren, [...] die Scheidung einreichen und eine Frau heiraten&#8221;, ist mit einem Ausrufezeichen zu beenden! Das soll keineswegs bedeuten, dass heute alles gut wäre, oder dass der Kampf für Gleichberechtigung beendet werden könnte: Fraglos existieren noch genug Normen und Missstände, gegen die sich zu argumentieren lohnt. Anzuerkennen ist aber auch, wie unwahrscheinlich diese Entwicklung vor 50 Jahren gewirkt haben mag (man denke nur an die Serie &#8216;Mad Men&#8217;). Zudem wird auf diese noch bestehenden Probleme sehr wohl aufmerksam gemacht: Es werden Bücher darüber geschrieben und selbst in (<a href="http://www.wolfgangmichal.de/?p=1380" title="" target="_blank">wohl immer noch</a>) eher konservativ zu nennenden Zeitungen wie der FAZ, können Redakteurinnen (sic!) an prominenter Stelle darüber sinnieren.</p>
<p>Statt sich also für &#8216;die Jugend von heute&#8217; zu bedauern und zu beklagen, dass über die Frauenquote noch diskutiert werden muss, lässt sich die Problemstellung positiv betrachten: Wenn Bücher darüber geschrieben werden, dass die neue Generation mit Feminismus wenig am Hut habe, lässt sich das auch so interpretieren, dass (neue) Normen formuliert wurden, gegen die jetzt wiederum verstoßen werden kann. Über das Erreichte kann man sich freuen, daraus Kraft ziehen, gute Argumente (etwa für die Quote) zu formulieren und aushalten, dass es Menschen gibt, die sich dafür nicht (mehr) interessieren (müssen).</p>
<p>PS: Auffällig in dieser Hinsicht auch die Vehemenz, mit der sich über junge Frauen <a href="http://9gag.com/gag/57287/" title="" target="_blank">lustig gemacht wird</a>, die alte Rollenmuster noch meinen verteidigen zu müssen.</p>
<p>PPS: Das diesen Post verzierende Symbolbild diente eigentlich der Illustration des in der Print-FAZ nebenstehenden Artikels über einen alternden &#8216;Partykönig&#8217;, ist aber durchaus in doppelter Hinsicht sinnig.</p>
<p>Literatur:<br />
<a href="http://www.uni-bielefeld.de/sozsys/leseproben/luhmann.htm" target="_blank">Luhmann, Niklas (1995):</a> Kausalität im Süden, in: Soziale Systeme 1.1, 7-28.<br />
<a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1183/720" target="_blank">Kühl, Stefan (2005):</a> Ganz normale Organisationen &#8211; Organisationsoziologische Interpretationen simulierter Brutalitäten, in: Zeitschrift für Soziologie 34.2, 90-111.</p>
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		<title>Burn-Out-Diagnosen</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 17:10:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
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		<description><![CDATA[Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeichneten Phänomens: Burn-Out. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als Rezept gegen die neue Volkskrankheit wird ein Cry-Out verschrieben. Empört Euch! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2776" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-07-um-5.33.53-PM.png" alt="" width="649" height="249" /></p>
<p><strong>Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg<br />
</strong></p>
<p><strong></strong>Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeic<span style="color: #000000">hneten Phänomens: <em>Burn-Out</em>. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als R</span>ezept gegen die <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/burnout-trailer/">neue Volkskrankheit</a> wird ein <em>Cry-Out</em> verschrieben. <a href="http://www.amazon.de/Emp%C3%B6rt-Euch-St%C3%A9phane-Hessel/dp/3550088833/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1323268730&amp;sr=1-1">Empört Euch!</a> gegenüber einer profit- und skandalgeilen Gesellschaft, die den kapitalistischen Raubbau an der Marke Arbeitskraft salonfähig gemacht hat.</p>
<p><span id="more-2770"></span></p>
<p>Wer auf dieser Ebene unkontrolliert weiter argumentiert, der mag vermutlich auch in einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791114,00.html">eruptiven Entschleunigung</a> ein Mittel ihrer Beeinflussung sehen. Und da <em>die</em> Gesellschaft, <em>die</em> Politik oder <em>die</em> Wirtschaft keine Adresse haben, wird dann auch versucht, sie als <em>Ganze</em> zu reformieren oder zu lähmen. Aber ohne Adresse verläuft der vermeintliche Protest ins Leere und wird sogar selbst von seiner ebenso vermeintlichen Gönnerschaft als <em>unbelesen</em> ignoriert.</p>
<p>Herkömmliche Mittel gegen das <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/2011-10/burnout-zwischenruf">systemische Problem</a></em> setzen dagegen am Individuum an: Pilates und Yoga, Obst und Gemüse, Wellness und Spa-Kur, Verhaltens- und Psychotherapie sollen die Leistungsfähigkeit wieder herstellbar und weiter abrufbar halten. Während der gesellschaftstheoretische Zugang zum Problem der Individualisierung des Arbeitsrisikos jedoch überkomplex ist, fällt die individualpsychologische Betrachtung entsprechend unterkomplex aus. Letztere rückt <em>Burn-Out</em> einzig eng in das Licht bzw. Dunkel gängiger Stressphänomene: Nämlich dem Dilemma, dass Stress subjektiv ist und jeder Versuch ihn beseitigen zu wollen (noch mehr) Stress verursachen kann. Entspannung, Anspannung und Erschöpfung vermischen dann genauso wie Arbeits- und Freizeitstress. Worüber wird dann eigentlich noch Neues diskutiert?</p>
<p><strong>Was ist krank und was ist normal?</strong></p>
<p>Und woran leidet dann überhaupt <em>die Gesellschaft</em> oder <em>das Individuum</em>? Einfach nur an den bekannten Nebenwirkungen des Wohlstands, wie Müdigkeit, Depression, Aggression, Lethargie? Oder ist die Beobachtung neu, weil diese Erscheinungen in einem reichen (wenn auch ungleich verteilten) Industriestaat immer noch bestehen? Vielleicht müsste man wieder darüber nachdenken, wieviel Krankheit normal ist und wieviel Normalität krank macht? <a href="http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Normalen-Seelenkunde/dp/3579068792">Manfred Lütz&#8217;</a> Antwort darauf ist zunächst einleuchtend: <em>Ob jemand leidet, ist das Entscheidende, ob er in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.</em> Wer kommunikationsfähig ist, d.h. wer zuhören kann, wer erziehen kann, wer zahlen kann, der kann dann nicht (zumindest nicht sozial sichtbar) chronisch krank sein. Wer wirklich psychisch krank ist, kann dann auch nicht (mehr) ausgebrannt sein. Symptomatisch sind <em>Burn-Out</em>-Erscheinungen deshalb von psychischen Erkrankungen (insbesondere von diversen Depressionsformen) zu unterscheiden.</p>
<p>Wer kommunikationsfähig ist, ist dagegen protestfähig. Aufsehen und Aufmerksamkeit erlangen nicht die wirklich armen, kranken und erschöpften (oder kränkeren, ärmeren oder ausgebrannteren). Ihnen fehlt schier die Zeit, das Geld und die Kraft sich gegen sich selbst oder eine Gesellschaft aufzulehnen. Aber soll man denn so lange warten, bis man arm und krank ist, könnten Zyniker entgegnen. Im Gegensatz zu reproduzierten Ungleichheiten und chronischen Krankheiten, scheint ein <em>Arbeits-Blues</em> behandelbar. Die eigenen Anpassungs- und Änderungsmöglichkeiten sind erloschen, können aber wieder mobilisiert werden.</p>
<p><strong>Angebot schafft Nachfrage?</strong></p>
<p>Sieht man sich einige <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/ausgebrannt/">öffentlich interviewte Fälle</a> an, so begegnet man bekannten Gesichtern, die sich einst auch an einer Depression leidend bekannt hatten. Dabei vermischen sich die Diagnosen. Ein <em>Burn-Outin</em>g scheint aber derzeit medial anerkannter zu sein, da man für den Leistungs- und Beliebtheitsdruck wie für seine sexuelle Orientierung schwer verantwortlich gemacht werden kann. Angesichts der symptomatischen und definitorischen Ungeklärtheiten in der medialen Berichterstattung bekommen die aufklärerischen Anliegen von Profisportlern, Managern und Prominenten ein Geschmackle und stehen in einem eher unglaubwürdigen Rampenlicht. Das Mitleid war zu öffentlich und wiederum zu profitgierig. Der kapitalistische Konsumkreis scheint dann wieder geschlossen: <em>Burn-Out</em> als ein Skandalisierungs- und Bereicherungsprodukt für Medien-, Freizeit-, Pharma- und Coachingindustrie? Wurden die Kapitalismusgegner und Gesellschaftskritiker erneut getäuscht?</p>
<p><strong>Zwischen Psychologisierung, Philosophierung und Politisierung</strong></p>
<p>Auch die Wissenschaft trägt in dem genannten Konsumkreislauf regelmäßig zur Besetzung neuer Kampfbegriffe, alter Wertedebatten und noch älterer Moralpredigten bei: Entscheidungsgesellschaft, (Welt-)Risikogesellschaft und neuerdings die <a href="http://wirtschaft.pr-gateway.de/lob-des-lassens/">Yes-We-Can-Gesellschaft</a> sind populäre Zeitdiagnosen, mit denen sich eine ganze Nation auf ein Zentralphänomen reduzieren und stigmatisieren lässt. Zeitdiagnosen als Sündenbock sind einfach und wirken deshalb kognitiv entlastend. Sie machen die Komplexität der Welt verarbeitbar, indem sie Vorurteile bestätigen. Aber instruktiv sind sie für den Einzelnen nicht. Eigentlich gegenläufige Zeitdiagnosen wie die Erlebnis-, Spaß-, oder Ich-Gesellschaft liegen für kurze Zeit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle.</p>
<p><strong></strong>Tiefergrabende philosophische Erklärungen versuchen die widersprüchlichen Trends zwischen Ego-Taktikern und Hyper-Arbeitsgesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen: <em>Problematisch werde es, wenn Menschen in der Sucht nach beruflicher Anerkennung die Selbstausbeutung mit Genuss verwechseln – und als Folge davon wirklichen Genuss gar nicht mehr empfinden können</em>, so die Philosophin Svenja Flaßpöhler im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1609554/">Deutschlandfunk-Gespräch</a> über ihr Buch <a href="http://www.amazon.de/Wir-Genussarbeiter-Freiheit-Zwang-Leistungsgesellschaft/dp/3421044627">Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft</a>.</p>
<p><strong><strong>Plädoyer für eine dritte Betrachtungsebene </strong></strong></p>
<p>Ohne weder den Einzelfall noch die Gesellschaft als Ganze beurteilen zu können, ist aus soziologischer Sicht die Einbeziehung einer dritten Ebene – neben Individuum und Gesellschaft hilfreich – die zwar kompliziert erscheint, aber vielleicht gerade auch deshalb die genannte Popularität und Dominanz bisheriger Zugänge zum Phänomen erklärt.</p>
<p>Wenn derzeit über <em>Burn-Out</em> gesprochen wird, dann vermengen sich Namen öffentlicher Protagonisten mit den Zahlen und Werten ganzer Berufsfelder. Aber das Medienleben von Leistungssportlern, Managern und Prominenten hat wenig gemeinsam mit dem Arbeitsalltag von Krankenhaus-ÄrztInnen, LehrerInnen oder SupermarktverkäuferInnen. Die Frage muss gestellt werden: Wären die körperlichen und seelischen Veränderungen auch ohne die Anstellung in jener Organisation bzw. in jenem Unternehmen auffällig und problematisch geworden? Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist in konsumverwöhnten Industriegesellschaften auf den Kopf gestellt. Soziale Anerkennung ist aber kein neuer Gesellschaftstrend und auch keine anthropologische Konstante, sondern erst <em>in</em> und <em>durch</em> das Aufkommen von unterschiedlichen Rollen und Organisationen möglich.</p>
<p><strong>Das System der Arbeit heißt Organisation</strong></p>
<p>Im Gegensatz zur Gesellschaft haben Organisationen eine Adresse. Freiheit und Zwang sind abstrakte Begriffe, aber der Arbeitgeber A, die Bank B, die Consulting C oder der Discounter D sind es nicht. Der Blick auf diese Ebene kann aufzeigen, dass Gewalt in Organisationen nicht erst beim Militär, der Mafia oder der Polizei beginnen muss. Gewalt kann auch subtiler sein: Kopf- und Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind nicht leicht zurechenbar und nicht immer sichtbar, aber gerade deshalb auch schwer vergleichbar.</p>
<p>Die fokussierte Skandalisierung des Einzelnen oder der Gesellschaft verdecken jedoch den Blick auf interne Konflikte in den jeweiligen Organisationen. Ohne diese im Vorfeld benennen oder erkennen zu können, hat man ihre Duldung aber selbst mit seiner Unterschrift zugestimmt. Die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen bestimmter Organisationen lassen sich weniger als rein verschwörerische Ausbeutungsmaschinerie noch als plötzliche Pathologie erklären. Zumindest in Deutschland besteht ein Grundrecht auf freie Berufswahl (GG Art. 12). Ein soziales Recht auf Arbeit ist dagegen nicht einklagbar. Der Eintritt in Organisationen ist damit auf beiden Seiten &#8211; für Arbeitgeber und Arbeitnehmer &#8211; freiwillig. Eine offene Rebellion in Organisationen ist aufgrund eben dieser Freiwilligkeit des Eintritts auch schwer vermittelbar und verständlich.</p>
<p><strong>Ausweitung der Zumutbarkeitszone</strong></p>
<p>Der Eintritt in eine Organisation vollzieht sich durch die Unterschrift eines Arbeitsvertrages. Im Vertrag selbst steht nichts von Ausbeutung, von immenser Arbeitsbelastung am Jahresende, von Extraaufgaben bei Einstellungsstop, den Bedingungen für eine Beförderung oder für eine Gehaltserhöhung. Der Vertrag formuliert keinen eindeutigen Anforderungskatalog. Wenn jeder Handgriff, jede Aufgabe und jedes Projekt im Voraus prognostizierbar oder programmierbar wären, würden Vertragstexte ins Unendliche ausufern. Im Gegensatz zur Projektarbeit auf Honorarbasis, erkauft die Organisation mit einem Arbeitsvertrag damit eine größtenteils unspezifische Leistung(-sbereitschaft).</p>
<p>In diesem Sinne enthält der Arbeitsvertrag einen Blankoscheck für die Akzeptanz fremder (noch zu bestimmender) Entscheidungen. Für die Organisation ist dieser Vertrauensvorschuss funktional, denn Vorgesetzte müssen ihren Mitarbeiter nicht ständig zu unwahrscheinlichem Verhalten motivieren oder ihnen Befehle erteilen, sondern können flexible Sachentscheidungen fällen. Der Mitarbeiter antizipiert meist selbst, was in seinem Anforderungs- und Zumutbarkeitsbereich liegt und welche Informationen er wie und wann zu bearbeiten hat, ohne dass der Chef ständig auf die Finger guckt oder klascht.</p>
<p><strong>Ungebremste Latenz wechselseitiger Fremd- und Selbsterwartung<br />
</strong></p>
<p>Der US-amerikanische Management-Theoretiker Chester Barnard bezeichnet diesen Grad an schwer verweigerbaren und vorauseilenden Generalgehorsam als <em>Indifferenzzone</em>. Er benennt damit jene Erwartungen, denen sich die Mitglieder der Organisation indifferent bzw. unkritisch gegenüber verhalten (müssen), wenn sie nicht die Kündigung riskieren oder befördert werden wollen. Eine möglichst große Indifferenzzone erlaubt der Organisation eine breite Anpassung an neue Veränderungen in der Umwelt und damit verbundene Unsicherheiten. Aus welcher genauen Selbstmotivation sich diese Indifferenz speist, kann weder eindeutig geklärt noch gesteuert werden. Möglichkeiten sie auszuweiten gibt es viele.</p>
<p>Was von der klassischen Managementlehre oft übersehen wird, ist, dass man zur Konfliktvermeidung nicht nur die Erwartungen des Vorgesetzten, sondern auch der Teamkollegen, der Zuarbeiter oder des Sekretärs implizit akzeptiert. Solange die damit verbundenen Erwartungen keinen offenen Widerspruch gegen die Vertragsregeln beinhalten, hat man sich ihnen zu fügen. Neben den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind es zudem auch sogenannte informelle Regeln &#8211; die bekannten ungeschriebenen Gesetze &#8211; die einem das Leben in einer Organisation schwer machen können.</p>
<p>Wenn die Erwartungslast unerträglich wird und sich eine immer tieferziehende Spirale aus eigenen und fremden Erwartungen bildet, sollte man die Organisation schleunigst wechseln, bevor man Lust, Laune und Leistungsvermögen verliert. Gerade weil der Zumutbarkeitsbereich oft unbestimmt und latent bleibt &#8211; und deshalb schwer in jeder Situation explizit ausgehandelt werden kann &#8211; ist man als Arbeitnehmer in der Verantwortung, die selbsterlegten Fesseln auch wieder zu sprengen. Neben <em>Voice</em> und <em>Loyality</em>, gibt es die unterschätzte Option des <em>Exit</em>. Ein Organisationswechsel muss dabei nicht immer eine schlechtere Alternative sein, denn oft sind die Verlierer und Aussteiger von heute die Einsteiger und Gewinner von morgen, die sich aus einem <em>burn-out</em> befreien und dabei zu einem <em>burn-in </em>finden. Zu diesen stillen oder lauten Organisationswechslern müssen nicht nur bekannte Unternehmer, Schriftsteller und Künstler gehören. <em>There are many Steves in the world</em>.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen<br />
</strong></p>
<p>Barnard, Chester I. 1938. The Functions of the Executive. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Hirschman, Albert O. 1970. Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1995. Funktionen und Folgen formaler Organisation. 4. Aufl. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
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		<title>Die Roboter kommen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Nov 2011 11:06:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist ein guter Text und eine interessante Diskussion: Was macht die Piratenpartei anders als die bisherigen Parteien? Offensichtlich alles. Vor allem hebeln sie eines der als Grundübel beobachteten Prinzipien der modernen Demokratien aus: Sie kehren die Logik der Fraktionsdisziplin um. Sie vertauschen die Aufgaben von Zentrum und Peripherie, wenn es ums politische Entscheiden geht. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2637" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/11/Unbenannt-12.jpg" alt="" width="550" height="266" /></p>
<p>Es ist ein <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/erfolg-der-piratenpartei-netzwaerts-1.1181574-4">guter Text</a> und eine <a href="https://plus.google.com/118359023992790949354/posts/9N7P7rjwiz3">interessante Diskussion</a>: Was macht die Piratenpartei anders als die bisherigen Parteien? Offensichtlich alles. Vor allem hebeln sie eines der als Grundübel beobachteten Prinzipien der modernen Demokratien aus: Sie kehren die Logik der Fraktionsdisziplin um. Sie vertauschen die Aufgaben von Zentrum und Peripherie, wenn es ums politische Entscheiden geht. Die Peripherie bereitet die Entscheidung vor, das Zentrum setzt sie um (weiterer Diskussionbeitrag <a href="https://plus.google.com/102484891814321353019/posts/evi9nmH7Jty">dazu</a>).</p>
<p><span id="more-2636"></span>Es sieht so aus, als könnte sich das Liquid Feedback als das Erfolgsrezept der Piraten erweisen. Zumindest wird es im Publikum flächendeckend goutiert, endlich ernst genommen zu werden. Der Spitze der Piraten war es zuletzt nicht einmal gestattet, vor laufenden Kameras zu spekulieren. Alles, was oben gesagt wird, muss unten vorbereitet werden. Damit ist endlich ein Bürgertraum wahr geworden: Mithilfe der modernen Technologie ist man Teil des Systems. Die Unterscheidung politischer Leistungs- und Publikumsrollen wurde aufgehoben. Zentrum und Peripherie wurden vertauscht. Das Volk stellt politische Entscheidungen her, die Politik stellt sie nur noch dar. Statt vier Jahre lang morgens einen bloß informierenden Blick in die Zeitung zu werfen, kann man nun jeden Morgen das Liquid Feedback benutzen und die Politik aktiv mitgestalten.</p>
<p>Das klingt alles schön. Wenn es nur eine <a href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/1178">Differenz von Herstellung und Darstellung im politischen System</a> gäbe. Wenn es in der Politik nur darauf ankäme, rational zu entscheiden. Wenn es nur möglich wäre, unter Missachtung aller Raum- Personen- und Situationsgebundenheit politisch zu verhandeln. Wenn es nur so wäre, dass Politik nichts anderes ist, als kollektiv bindendes Entscheiden. Und: Hat bislang das politische Zentrum tatsächlich unter Missachtung der Peripherie entschieden?</p>
<p>Das Zeitalter der quälenden Fraktionsdisziplin scheint überwunden. Doch es führt nicht zu der Feststellung, dass die Politiker jetzt wieder ihrem Gewissen überlassen werden. Genau im Gegenteil stellt sich die Frage, warum wir durch Liquid Feedback ferngesteuerte Politiker überhaupt noch brauchen. Es würde doch reichen, eine abgeschlossene Liquid Feedback Diskussion im Bundestag zu Protokoll zu geben und nach ihr zu handeln.</p>
<p>Das würde für die zurückliegende Realität bedeuten: Deutschland wäre im Frühling bewaffnet mit nach Libyen gefahren, es wären Hunderte Menschen gestorben, eventuell auch eigene Soldaten, und niemand wäre dafür verantwortlich. Der größte Trumpf des neuen politischen Prinzips wäre aufgegangen. Da alles transparent und nachvollziehbar ist, könnte man sehen: Alle haben so entschieden, alle sind schuld.</p>
<p>Dabei konnte man schon sehen, welche Tücken ein Ernstfall hat. Beim deutschen Angriff auf die Tanklastwagen in Afghanistan viel es schon schwer, politische Verantwortung zuzurechnen. Das Parlament schickte die deutschen Soldaten in den Krieg, aber schuld sollte nur der den konkreten Befehl erteilende Soldat sein. Genau dieses Prinzip der politischen Verantwortungslosigkeit wird mit dem Ziel Transparenz ausgebaut. Mit dem Zugewinn an Transparenz geht der Verlust von politischer Verantwortung einher und mit ihr die Kopplung an einklagbarem Recht und geltendem Gesetz.</p>
<p>Der Preis der Transparenz ist eventuell zu hoch. Nicht nur wegen der staatsrechtlichen Frage, sondern auch, weil ein alternativloses Liquid Feedback im Vergleich zum jetzigen politischen Rechtsetzungsverfahren unterkomplex ist. Das erkennt man schon an der Verklärung der Vergangenheit. Helmuth Schmidt wird bejubelt als „echte Persönlichkeit“, die sich damals für seine politische Haltung jede Woche neu geopfert hat. Mit dieser Romantik im Hinterkopf entkernt man nun das persönliche Gewissen als Fundament des Politischen, anstatt es zu erneuern. So kommen Personen wie Willy Brandt und Helmuth Schmidt nie wieder zur Politik.</p>
<p>Sollten wir niemals wieder einen KT Guttenberg aus dem Amt jagend können, weil uns seine persönliche Vergangenheit egal ist? Brauchen wir keine Politiker, die sich auskennen, weil sie sich mit Themen und Menschen beschäftigen, wofür wir weder Zeit noch andere Ressource haben? Glauben wir wirklich, dass die Bundespolitik anders funktioniert als eine gewöhnliche Ehe, nur weil die Folgen so weitreichend sind?</p>
<p>Die Technologie führt uns mal wieder an der Nase herum in die Irre. Episode 1725: Liquid Feedback. <a href="http://www.imdb.com/title/tt0119528/">Transparenz hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun</a>, politische Verantwortung jedoch sehr viel mit politischer Entscheidungsfähigkeit. Die Roboter werden in 30 Jahren besser Fußball spielen können als die Menschen, bessere Politik werden sie nicht machen. Aber warten wir ab, die Härtetests kommen erst noch.</p>
<p><em>(Bild: <a href="Simon Abrams">Simon Abrams</a>)</em></p>
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		<title>Spenden verpackt als moderne Kaufgeschenke</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/10/31/spenden-als-moderne-kaufgeschenke/</link>
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		<pubDate>Mon, 31 Oct 2011 22:38:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Winterzeit ist Spendenzeit. Aber was und wie spendet man eigentlich? Ob Geld- oder Sachspende, der Zweck soll im Helfen liegen. Und wie spendet man Hilfe? Wer sich mit Spendenhilfe beschäftigt oder aufmerksamen Blickes Veränderungen in den Einkaufsstraßen seiner Stadt beobachtet, trifft neuer- oder späterdings auf das Phänomen Oxfam. Oxfam Shops sind laut Selbstbeschreibung Secondhand-Läden, in denen ehrenamtliche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/10/31/spenden-als-moderne-kaufgeschenke/bildschirmfoto-2011-11-01-um-2-05-55-am/" rel="attachment wp-att-2508"><img class="aligncenter size-medium wp-image-2508" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/10/Bildschirmfoto-2011-11-01-um-2.05.55-AM-550x242.png" alt="" width="550" height="242" /></a><strong></strong></p>
<p>Winterzeit ist Spendenzeit. Aber was und wie spendet man eigentlich? Ob Geld- oder Sachspende, der Zweck soll im <em>Helfen</em> liegen. Und wie spendet man Hilfe?</p>
<p>Wer sich mit Spendenhilfe beschäftigt oder aufmerksamen Blickes Veränderungen in den Einkaufsstraßen seiner Stadt beobachtet, trifft neuer- oder späterdings auf das Phänomen <em>Oxfam</em>. Oxfam Shops sind laut Selbstbeschreibung Secondhand-Läden, in denen ehrenamtliche MitarbeiterInnen gespendete Waren sortieren, auspreisen und verkaufen. Die Frage <em>Würde ich die Ware selbst kaufen?</em> soll dabei ein hilfreiches Qualitätskriterium für die Sachspende sein. Zum Verkauf stehen neben Kleidung auch gebrauchte Bücher und Multimedia-Waren.</p>
<p><span id="more-2501"></span><strong>Zwischen Secondhand und Fair Trade</strong></p>
<p>Besucher dieser Shops können neben den gespendeten Artikeln auch Produkte aus dem Fairem Handel erwerben und sich darüber hinaus über die <em>Steuer gegen Armut</em> informieren sowie für deren Einführung unterschreiben. Für diese Verbindung aus Eine-Welt und Secondhand-Laden engagieren sich in Deutschland bereits mehr als 2.300 ehrenamtliche MitarbeiterInnen in 38 Städten. Was hierzulande in den 1990er begann, blickt in Großbritannien auf eine über 60-jährige Geschichte zurück, die derzeit mehr als 800 Shops zählt.</p>
<p>Wer keinen Oxfam-Shop in seiner Stadt findet, kann sich online umsehen und trifft dabei nicht nur auf vintage, rags, books &amp; Co., sondern bei <em>Oxfam Unverpackt</em> auch auf <em>EinZiegartige</em> <em>Geschenke</em>. Neben der tierischen Verkaufsware wie Schaf, Ziege, Huhn und Esel stehen hier auch Saatgut, Nahrungspakete, Schulbücher, Brunnen, Medikamente, Kondome, Klassenzimmer, Fahrrad, Fußball, Moskitonetz, Wäsche oder eine Latrine zur Auswahl.</p>
<p><strong>Spendenzweck <em>unverpackt</em></strong></p>
<p>Was ist das Einzigartige an <em>Oxfam Unverpackt</em>? Was unterscheidet diese Geschäftsidee von herkömmlichen Produzenten der <em>Hilfsindustrie</em>, die wie andere so genannte NGOs auf die Akquise von zweckgebundenen Geldspenden und damit auf Zahlungen Dritter angewiesen sind?</p>
<p>Oxfam Unverpackt nimmt mit ihrer außergewöhnlich pragmatischen Produktpalette zunächst eine klassische Hürde bei der Einwerbung von Spenden: Gewöhnlich bezieht sich die Zweckgebundenheit bei Hilfsspenden auf eine bestimmte Region und die allgemeine Betroffenheit der dort lebenden Bevölkerung. Bei <em>Oxfam Unverpackt</em> verweist die Spende dagegen auf den konkreten Bedarf, vor dem ein ebenso konkreter Preis steht. Dieser Preis unterscheidet sich von anderen Einkaufspreisen nur durch die fehlende Nachkommastelle.</p>
<p><strong>Die Spende <em>verpackt</em> als Geschenkartikel</strong></p>
<p>Der Internetnutzer sieht sich auf der Shop-Seite zudem weder mit Hungerbäuchen noch leeren Essensschalen konfrontiert, sondern stößt beim Stöbern nach Geschenkartikeln auf muntere Produktbeschreibungen. Die <em>Geldspende als virtueller Geschenkartikel</em> wird dabei zum persönlichen Shopping-Erlebnis. Statt Moral und Mitleid wirken hier die Annehmlichkeiten des Einkaufens: Im Gegensatz zu herkömmlichen Hilfsorganisationen wird bei Oxfam Unverpackt der Akt des Spendens weniger als ein Geschenk für Opfer und Bedürftige aufgezwungen, sondern optisch und verbal als <em>EinKau</em>f für sich selbst präsentiert. Der Unterschied zwischen Schenken und Kaufen wird kaschiert und sich dabei der Vorteile beider Handlungen bedient.</p>
<p><strong>Spenden tritt in den Hintergrund des Kaufens</strong></p>
<p>Auch andere Hilfsorganisationen haben Geschenk-Kataloge in ihren Online-Shops, jedoch bilden diese im Vergleich zur Geldspende das Nebengeschäft. Der Käufer erhält einen materiellen Gegenwert in Form von Weihnachtskarten, Büchern, Anhängern, Federmappen, Taschen und was man sonst noch eigentlich nicht kaufen würde, weil man es nicht unbedingt braucht. Die Spenden bei <em>Oxfam Unverpackt</em> sind dagegen als Geschenkartikel <em>verpackt</em>. Geschenk-Katalog und Geldspende werden hier in einem Kaufakt zusammengeführt.</p>
<p>Für den Kauf einer Ziege erhält der Spender als Gegenleistung eben keine Ziege, sondern einen Kühlschrank-Magnet. Sein materieller Nutzen fällt damit symbolisch aus. Die Geldzahlung wirkt jedoch doppelt – als Sachspende an unbekannte Dritte<em> und</em> als Kauf eines Geschenks an sich selbst oder bekannte Dritte. Der Effekt: Die eigentliche Werbung um Spenden für Dritte ist zugleich die Suche nach einem persönlichen Kaufgeschenk für sich selbst und andere: Ich möchte die Ziege, Du bekommst den Esel&#8230; Entsprechend ist die Wirkung der Spendenquittung. Der Magnet am Kühlschrank ist im Freundeskreis und für sich selbst sichtbarer als der Beleg im Finanzamt-Ordner. Die Spende an Dritte dient damit zugleich der individuellen Selbst- und Fremddarstellung gegenüber den bekannten anderen.</p>
<p><strong>Schenken verpflichtet &#8211; Kaufen nicht</strong></p>
<p>Dass eine Sachspende seine soziale Wirksamkeit als Kaufgeschenk entfalten kann, ist historisch hoch voraussetzungsvoll und beruht auf der Verflechtung von Geldwirtschaft und Tauschhandel. Lange bevor mit Geld bezahlt werden konnte, wurden Gaben getauscht. Welche Eigenheiten bestimmte Stämme beim Gabentausch entwickelten und wie die Produkte der Geldwirtschaft die kulturellen Besonderheiten des Warentausches beeinflussen, dokumentieren die berühmten Untersuchungen von Bronisław Malinowski über den Kula-Tausch in Nordamerika oder die Beschreibungen von Marcel Mauss über das Potlatch-Fest auf Indonesien. Im Gegensatz zum anonymen Geldgeschäft, übt der Gabentausch eine oft latente soziale Kontrolle aus. Während Schenken zur Gegenseitigkeit verpflichtet, befreit Kaufen gerade von dieser. Die Unnehmlichkeiten des Schenkens werden dabei umgangen.</p>
<p>Die Erwartung einer Gegengabe mögen vielleicht auch Kate und William bei ihrer Hochzeit gefürchtet haben als sie ihre Gäste baten, von Geschenken abzusehen und stattdessen an Dritte zu spenden. Das Brautpaar hat damit nicht nur sein liberales Image bestärkt, sondern sich auch das aufwändige Schreiben von Danksagungen <em>erspart</em>, dem sich Charles und Diana noch abendlich auf der Hochzeitsreise widmen mussten.</p>
<p>Es ist gerade diese persönliche Bindung, die beim Geschenk-Kauf entfällt und die eine ungeahnte Spendenwirkung zu entfalten vermag. Die Spende verpackt als <em>Selbstgeschenk</em> umgeht die Vorstellung, dass sich die Geber-Motivation nur aus einseitiger <em>Opferhilfe</em> speise. Spendenwerbung mittels Geschenkartikel-Marketing orientiert sich dagegen nicht nur am Bedarf der Nehmer, sondern auch an den Selbstdarstellungs-, Freiheits- und Konsumbedürfnissen der Geber. <em>Oxfam Unverpackt</em> hat es geschafft, sich diese Verbindung zu Nutze zu machen.</p>
<p>Bild:<a href="http://www.oxfamunverpackt.de/"> oxfam unverpackt</a></p>
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		<title>Wir brauchen keine Frauenquote</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/10/19/wir-brauchen-keine-frauenquote/</link>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2011 23:34:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Natürlich hilft es, Gesetze und Regeln einzuführen, um das eine oder andere Problem in den Griff zu bekommen. Aber das klappt nicht immer. Manchmal sind normative Schranken erfolgreiche Beiwerke umfassenderer Lernprozesse. Hin und wieder stößt man aber auch auf Probleme, die sich durch festgeschriebene Erwartungen und einklagbare Forderungen wohl kaum ändern, sondern nur noch besser [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2478" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/10/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="267" /></p>
<p>Natürlich hilft es, Gesetze und Regeln einzuführen, um das eine oder andere Problem in den Griff zu bekommen. Aber das klappt nicht immer. Manchmal sind normative Schranken erfolgreiche Beiwerke umfassenderer Lernprozesse. Hin und wieder stößt man aber auch auf Probleme, die sich durch festgeschriebene Erwartungen und einklagbare Forderungen wohl kaum ändern, sondern nur noch besser vertuschen ließen.</p>
<p><span id="more-2477"></span>Wir bräuchten in Deutschland keine Frauenquote, wenn sich die Männer mal ein wenig zusammenreißen und ehrlich sich selbst gegenüber wären. Wieso kann man sich nicht einmal als das ansehen, was man ist, ohne sich um den Faktor drei zu überschätzen? Wieso kann man nicht einfach mal mit einer Frau reden, ohne gleich eine Sexchancenkalkulation mitlaufen zu lassen? Wieso kann man nicht einfach mal nüchtern bleiben und Mut zur Ehrlichkeit zeigen? Wieso kann man sich keine Prostituierte nehmen, wenn man spürt, dass man eine braucht? Wieso kann man die Achtung sich selbst gegenüber nicht mal ein wenig aufheben, zugunsten der Achtung einer Frau?</p>
<p>Was den Männern fehlt, ist ein realistisches Bild von sich selbst. Nicht die mangelnde Frauenquote, sondern das mangelhafte Männerbild ist das eigentliche Problem. Männer, werdet klar im Kopf. Wer mit 20 zuhause auszieht und mit 30 fest im Berufsleben steht, ist noch längst nicht erwachsen und sollte das wissen. Sucht euch eine Frau (fürs Leben, gründet eine Familie,) übernehmt ein wenig Verantwortung und verpflichtet euch. Nicht nur, weil man so dem eigentlichen Sinn näher kommt und es vielen Frauen besser ginge, sondern weil es nicht auszuhalten ist, wie viele erbärmliche Gestalten es gibt.</p>
<p><em>(Bild: <a href="https://secure.flickr.com/photos/hartnupj/4743175897/in/photostream/">John Hartnup</a>)</em></p>
<p><em>Weiterer Texthinweis: <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36394/">zum Problem</a></em></p>
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		<title>Dürfen, können, wollen (nicht)?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/09/22/durfen-konnen-wollen-nicht/</link>
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		<pubDate>Thu, 22 Sep 2011 11:20:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Gender Gap]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Ungleichheitsforschung]]></category>

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		<description><![CDATA[Drei andere Kategorien sozialer Ungleichheitsforschung Die Situation von Frauen in Europa bewegt sich zwischen drei Positionen: Sie dürfen, können oder wollen nicht so richtig inkludiert werden wie ihre männlichen Artgenossen.  So drei gängige Zeitdiagnosen. Der Heiratsmarkt sichert Frauen nach wie vor besser ab als der Arbeitsmarkt, schreibt Jutta Allmendinger in der neuesten Ausgabe Aus Politik und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2440" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/09/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="333" /></p>
<p style="text-align: left"><strong>Drei andere Kategorien sozialer Ungleichheitsforschung</strong></p>
<p>Die Situation von <a href="http://www.bpb.de/publikationen/5N2MU3,0,Frauen_in_Europa.html">Frauen in Europa</a> bewegt sich zwischen drei Positionen: Sie <em>dürfen</em>, <em>können</em> oder <em>wollen</em> nicht so richtig inkludiert werden wie ihre männlichen Artgenossen.  So drei gängige Zeitdiagnosen. <em>Der Heiratsmarkt sichert Frauen nach wie vor besser ab als der Arbeitsmarkt</em>, schreibt <a href="http://www.bpb.de/publikationen/NWNSHG,0,Geschlecht_als_wichtige_Kategorie_der_Sozialstrukturanalyse_Essay.html">Jutta Allmendinger</a> in der neuesten Ausgabe Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ).  Geschlecht sei eine der zentralen Kategorien bei der Untersuchung sozialer Unterschiede in vormodernen wie modernen Gesellschaften. Ihre Evidenzen generiert sodann die postmoderne Ungleichheitsforschung und Strukturanalyse methodisch weitgehend über multivariate Regressionsmodelle und qualitative Biografieforschung. Medial vielzitiert sind v.a. die OECD-Berichte über die <em><a href="http://www.oecd.org/document/31/0,3746,de_34968570_35008930_39700063_1_1_1_1,00.html">Babies and Bosses</a></em>, die sich auf eine umfangreiche Datenbasis stützen und dabei die Gewinne und Verluste politischer Programme unterschiedlicher Länder erheben, visualisieren und vergleichen.</p>
<p><span id="more-2399"></span>Verbesserungswürdig für eine Absicherung auf dem Arbeitsmarkt sind in Deutschland <em>en comparaison</em> zu Frankreich oder Skandinavien insbesondere die ungleichen Kosten und Plätze für Kindertagesstätten und die ungleiche Entlohnung gleicher Stellen – der so genannte <em>Gender Gap</em>. Diese Sicht ist bereits ein Allgemeinplatz. Aber dann wird es schwierig mit der Identifizierung und Justierung der Stellschrauben zur Förderung und Forderung weiblicher Erwerbsarbeit, die  im Laufe des Lebens immer wieder ineinandergreifen, sich verhaken oder festklemmen. Die Einsicht, dass beispielsweise frühkindliche Betreuung im Vergleich zu <em>spätkindlicher</em> benachteilgit wird, ist jedoch nicht erst seit der elektronischen Datenverarbeitung bekannt. Schon der wohl bekannteste Ungleichheitsforscher Karl Marx, der selbst um 1880 anhand einer <em>Enquête Ouvrière</em> die Zustände in Pariser Fabriken zu beschreiben und zu verändern suchte, mahnte, dass die Anzahl und Mittel staatlicher Alimentationen für Kinder mit deren Alter steigen. Für den Ausgleich von Ungleichheiten in der <em>postscholaren</em> Phase stehen unterschiedlichste Programme bereit: Es gibt erste, zweite und dritte Bildungswege, aber nur einen oder keinen in die Kindertagesstätte, Kindergarten oder Vorschule. Die Politik mag hier eine Wählerschaft vermuten, die sich nur selten an ihre frühen und kurzen Kinderjahre erinnert. Und wenn die Kinder erst einmal in Arbeit sind, vielleicht vergisst dann auch die Mutter die damit verbundenen einstigen Entbehrungen?</p>
<p>Vielleicht sind Bildungsinvestitionen in gewissen (vermeintlich technologier<em>eichen</em>) Bereichen auch teurer als in anderen (technologie<em>ärmeren</em>)? Wenn ein Kuchen verteilt wird, bekommt der, der am lautesten schreit bekanntlich das größte Stück. Aber eigentlich schreien Kinder auch lauter als Schüler, Studenten, Arbeitnehmer oder Arbeitslose? Zumindest aus Sicht der Mütter. Das ist kein politisches Plädoyer für ein für oder wider bestimmter Maßnahmen gegen bestehende und kommende Ungleichheiten. Bildungsmöglichkeiten (familiäre, freund- oder partnerschaftliche, schulische oder betriebliche) sind nicht zuletzt aufgrund ihrer so genannten Multiplikatorwirkung ein zu hohes Gut und Geschenk, als dass man sie gegeneinander ausspielen sollte oder rein quantitativ aufwägen könnte.  Zu verwoben sind Lebensläufe allein schon mit wiederum ineinander verwobenen politischen Programmen wie Kinder-, Eltern-, Arbeitslosen-, Pflege-, Witwen- oder Krankengeld. Politik ist dabei Folge und Ursache von Ungleichheit wie Gleichheit zugleich.</p>
<p>Eine Kurzgeschichte der Bedingungsfaktoren weiblicher Erwerbsarbeit könnte überspitzt in einem Satz lauten: Zuerst <em>durften</em> sie nicht, dann <em>konnten</em> sie und dann <em>wollten</em> sie nicht (mehr). Über diese biografische und historische Tragik hinaus lassen sich die drei genannten Modalverben <em>dürfen, können, wollen (nicht)</em> aber auch den gängigen Disziplinen, denen sich Erklärungsversuche für geschlechtsspezifisch ungleiche Handlungsmöglichkeiten bedienen, zuordnen<em>: Dürfen</em> bezieht sich dann auf moralische, kulturelle und rechtliche Normen und Wertvorstellungen. <em>Können</em> verweist auf die biologischen, sozialpolitischen und wirtschaftlichen Barrieren, und <em>Wollen</em> auf die psychologischen und anthropologischen Erklärungs- und Beschreibungsversuche misserfolgter oder gar gescheiterter Lebensentwürfe. Die Gemengelage an theoretischen Angeboten fokussiert dabei v.a. auf Ursachen für typische und atypsche Verläufe weiblicher Erwerbsbiografien, die erst im Kontrast zur männlichen <em>Normalbiografie</em> deutlicher werden. Unerklärt bleiben dagegen die Folgen: Aus sozialen Heterogenitäten müssen nicht zwangsläufig auch soziale Ungleichheiten resultieren. Dazwischen liegen keine kausalen Moderatorvariablen, sondern <em>ungleich</em> wirkende selektive Mechanismen. Beispiele sind persönliche und politische Skripte oder mediale Framingprozesse, die bestimmte Ungleichheiten wiederum erst in konsensbasierte Ungerechtigkeitsbegriffe übersetzbar und gesellschaftlich anschlussfähig und beobachtbar machen.</p>
<p><em>Dürfen</em>, <em>können</em> und <em>wollen</em> verweisen aber nicht nur auf die interdisziplinären Stränge der Ungleichheitsforschung, sondern lassen sich auch als unterschiedliche Ausprägungen von Anpassungen auf unterschiedliche Gesetzestexte, Gelegenheiten und Gepflogenheiten interpretieren &#8211; sei es intra- oder intergenerational: Wer nicht darf, will aber. Wer nicht kann, will auch irgendwann nicht mehr. Und wer nicht will, kann auch nicht. Erst aus dieser Perspektive wird deutlich, dass sowohl Mann als auch Frau dem Wechselspiel von Möglichkeiten und Bedingungen von Herkunft, Bildung, Alter, Status oder Religion unterliegen UND sich dabei aber auch innerhalb der Kategorien bereits ungleiche Unterschiede ergeben <em>können</em>, <em>dürfen</em> und <em>wollen</em>.</p>
<p>Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/ooocha/2631610399/">Marion Doss</a></p>
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