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	<title>Sozialtheoristen &#187; Gesellschaft</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Die Facebook-Ideologie #postprivacy</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 21:36:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

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		<description><![CDATA[Na, das lief ja glänzend heute. Schon am ersten Tag ging die Facebook-Aktie in Stagnation über. Banken griffen stützend in den Handel ein, Facebook-Zulieferer mussten vom Handel ausgesetzt werden. Aus Anlass des Facebook-Spektakels erinner ich an die dazugehörige Ideologie &#8220;Post-Privacy&#8221;. Vor sieben Monaten erschien das dazugehörige Buch, ich schrieb damals eine Rezension, die nach langer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/Unbenannt-12.jpg" alt="" title="Unbenannt-12" width="550" height="260" class="alignnone size-full wp-image-3930" /><br />
<em>Na, das lief ja glänzend heute. Schon am ersten Tag ging die Facebook-Aktie in Stagnation über. Banken griffen stützend in den Handel ein, Facebook-Zulieferer mussten vom Handel ausgesetzt werden. Aus Anlass des Facebook-Spektakels erinner ich an die dazugehörige Ideologie &#8220;Post-Privacy&#8221;. Vor sieben Monaten erschien das dazugehörige Buch, ich schrieb damals eine Rezension, die nach langer Lagerung nun hier erscheint.</em></p>
<p><span id="more-3917"></span>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Ist das Internet Teil dieser Welt, oder eine eigene? Wer diese Frage nicht stellt, macht einen Fehler. Wer sie beantwortet auch. Christian Heller macht in seinem Buch zum Thema beide. Es gibt nur noch das Internet und unser Schicksal lautet: &#8220;Post-Privacy&#8221;. &#8220;Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.&#8221; Sagte der ehemalige Chef von Google, Eric Schmidt. Nun liegt in Deutschland ein Buch vor, das die Alltagsideologie des neuen Industriezeitalters nachliefert: &#8220;Post-Privacy &#8211; Prima leben ohne Privatsphäre&#8221;.</p>
<p>Ist Privatsphäre nur ein kurzer historischer Reflex, deren Anachronismus heute schmerzhaft begriffen werden muss? Transformiert das Internet die Gesellschaft in eine bessere, wenn wir es nur zulassen? Macht uns erst das Internet frei? Dreimal Ja sagt Christian Heller. Der Widerspruch fällt schwer, weil er schon bei den Prämissen ansetzen muss, die der Autor gar nicht erst nennt. Sie bleiben implizit, doch schon beim historischen Einstieg ins Thema &#8220;Privatsphäre&#8221; offenbaren sich Menschenbild und Gesellschaftsmodell Hellers.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-3922" title="Christian Heller - Postprivacy" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="107" height="171" />Die Geschichte des Privaten sei, so Heller, vor allem eine Geschichte der Unterdrückung. Die römische Antike kennt den Bürger, dessen <em>familia</em> hinter seinem Rücken verschwand. Der &#8220;Haufen Menschen – Frau, Kinder, Sklaven&#8221; ordnete sich der &#8220;öffentlichen Aufgabe&#8221; des Vaters unter. Seine Rechte waren ihre Pflichten. Im Mittelalter schloss sich die Familie zum &#8220;Schutz gegen eine feindliche Welt&#8221; ähnlich zusammen. Die Familie war das Elementarteilchen der Gesellschaft. Der Einzelne ging in ihr auf. &#8220;Sich Ruhe und Selbstbestimmtheit der Einsamkeit zu gönnen war kaum vorgesehen.&#8221; Städte und Staaten entstanden, die &#8220;Straße mit ihrem Kommen und Gehen wurde zum Feind&#8221;, weshalb sich auch die Familien des 19. Jahrhunderts abschotteten: &#8220;Kehrte der Mann aus dem brutalen Tohuwabohu der Öffentlichkeit heim, sollte er im Privaten Idylle und Fürsorge erfahren. Die bereitzustellen war die Aufgabe der Frau, (…) die sich nicht ans Tageslicht traute.&#8221;</p>
<p>Die Geschichte der Privatsphäre, die in dem Buch formuliert wird, ist eine grausame. Erst 1890 wurde in den Vereinigten Staaten ein neues Recht formuliert: &#8220;The Right to Privacy&#8221; als individuelles &#8220;Recht, allein gelassen zu werden.&#8221; Doch sollte dies für die Menschen keine Rettung sein. Denn alleine sein, das wollen wir nicht, weiß Heller. Es sei nur die verlegene Reaktion auf den Umstand, dass wir niemanden finden, mit dem wir Zusammensein wollen.</p>
<p>Doch auf diese Verlegenheit sind wir heute nicht mehr angewiesen. Das ist die frohe Botschaft des Buches. Es gibt jetzt das Netz, wie eine große Stadt, mit &#8220;Milliarden Einwohnern&#8221;, und es verspricht uns: Wenn wir es ausreichend mit unseren Daten füttern, offenbart es uns, wer zu uns passt. Es führt uns mit Unbekannten aber zu uns passenden zusammen und verwirklicht einen großen Traum: Das &#8220;Ugol&#8217;sche Gesetz&#8221;, welches besagt: &#8220;Du bist nicht der Einzige.&#8221;</p>
<p>Die unendlichen digitalen Speicher müssen nur gefüttert und die unfassbaren Prozessorkapazitäten ausgebeutet werden. Alles, was benötigt wird, ist vorhanden: Die Algorithmen sind geschrieben, die Kabel verlegt, selbst die Sensorik ist schon in allen Computern und Telefonen vorhanden. Es fehlt nur noch eins: die Bereitschaft der Menschen, den Daten die Würde zu verleihen, die sie ansonsten nur für sich selbst in Anspruch nehmen. Das Netz ist &#8220;der Raum, der sich Herrschaftsansprüchen entzieht und Freiheiten schafft&#8221;. Die unausweichliche Einsicht in die Ohnmacht des Datenschutzes solle lieber heute festgestellt werden, um das Tor in die Freiheit endlich zu öffnen.</p>
<p>Das Buch zu lesen stimmt nachdenklich. Es plädiert dafür, unsere menschlichen Sinne gegen technische Sensoren auszutauschen und uns der Magie der semantischen Sprache zu berauben, zugunsten des Hokuspokus syntaktischer Algorithmen. Unsere Gehirne sollen entlastet werden, weil die künstlichen Datenspeicher seine Aufgabe so viel besser erfüllen. Alles soll &#8220;verdatet&#8221; werden, nicht nur unsere Terminkalender und Einkaufszettel, sondern auch &#8220;Gott&#8221;, die &#8220;Liebe&#8221;, unsere &#8220;Gedanken&#8221; und &#8220;Gespräche&#8221;. Und wozu? Damit wir nicht länger mit falschen Tabus belastet werden und unsere sexuellen Fetische ausleben können. Mit diesem Buch durchzieht Heller seine gesamte Schrift: Wir werden erst mithilfe der &#8220;Denkmaschinen des Netzes&#8221; endlich wir selbst sein können, denn sie wissen mehr über uns, als &#8220;wir selbst, unsere Eltern und unsere Freunde zusammengenommen&#8221;.</p>
<p>Doch was bedeutet das? Wer sind wir denn? Und wo? Gefangen in einer materiellen, limitierten und flüchtigen Welt, die uns stets mit neuen Hindernissen und Rätseln plagt, obwohl es so einfach wäre, in der Virtualität ein besseres Dasein zu finden, ohne Grenzen, ohne Notwendigkeiten – stets auf unsere Befriedigung bedacht? Besteht das Wunder der Liebe im Aufbau einer zwischenmenschlichen Beziehung oder im Abbau einer sexuellen Spannung? Wird Kreativität durch Hürden herausgefordert oder durch Grenzenlosigkeit ermöglicht? Möchten wir in einer Gesellschaft leben, die kein Vertrauen und keine Zuversicht mehr erfordert, weil die Antworten auf unsere Fragen durch &#8220;Data-Mining&#8221; vorhergesagt werden?</p>
<p>Diese Fragen stellt das Buch nicht, doch sie drängen sich beim Leser auf. Man möchte dem Autor nicht nur auf inhaltlicher Ebene widersprechen, aber auch das bietet sich immer wieder an. Er sympathisiert mit dem Plädoyer des <em>Wired</em>-Chefredakteurs, die Theorien abzuschaffen, weil es keine Notwendigkeit mehr gibt, die Komplexität der Welt mit ihrer Hilfe auf die Kapazität unserer Köpfe zu beschneiden. Die Vorhersagen kämen jetzt aus der &#8220;korrelativen Analytik&#8221; die mit ihren fleißigen Algorithmen jede Datenmenge bewältigt. Doch brauchen wir Theorien für Vorhersagen oder nicht viel mehr, um rückblickend Sinn zu gewinnen? Kann man qualitatives Denken durch quantitatives Rechnen ersetzen? Kommt es in der Wissenschaft nur auf Ergebnisse an? Produziert die Wissenschaft eigentlich Antworten oder Fragen? Ist die Komplexität der Gesellschaft gleichzusetzen mit der Menge ihrer registrierbaren Daten? Schafft nicht jedes neue Wissen noch viel mehr neues Nichtwissen?</p>
<p>Wieder kommen all die Fragen auf, die der Autor nicht behandelt. Er führt seine Antworten implizit mit, doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Leser in vielen Fragen anders optiert. Man versteht das Buch inhaltlich, aber die Beweggründe des Autors nicht. Man kann mit der Lehre des Buches nicht einverstanden sein.</p>
<p>In der editorischen Notiz trägt Heller nach, dass er insbesondere der Empfehlung gefolgt ist, eine Utopie zu formulieren. Den Alltag hat er dadurch aus den Augen verloren. Denn so verlockend es ist, zu denken, dass wir demnächst unsere Gemeinschaft Gleichgesinnter finden, so real ist, dass wir in Nachbarschaften leben und in Organisationen arbeiten, über deren weitere Mitglieder wir nicht einfach befinden können. Wollen wir trotzdem Zugang zu allen Daten dieser Menschen und &#8220;filtersouverän&#8221; es zu unserer Verantwortung machen, über was wir uns informieren, und was wir lieber ignorieren?</p>
<p>Das Buch formuliert keine Utopie, sondern eine Ideologie. Es behauptet zwar, mit Recht, dass das Internet vor allem auf dezentralen Prinzipien beruht, dass die Politik noch kaum Wege gefunden hat, es wie andere Lebensbereiche zu regulieren und dass es die mediale Unmündigkeit des Einzelnen überwinden helfen könnte, doch es übersieht schlicht, dass all diese Aspekte nicht gegen die ökonomische Monopolisierung und die institutionelle Zentralisierung vieler Internetaktivitäten sprechen.</p>
<p>Nur wenige Jahrzehnte zuvor wurde auf ganz ähnliche Weise die Idee von Freiheit und Selbstbestimmung formuliert. Damals war es das Auto, dass dieses Versprechen einlöste. Inzwischen wurden die gepriesenen Vorzüge kompensiert. Der Klimawandel, die Öl-Diktaturen und der landfressende Biospritanbau sind heute Thema. Und nun ist es das Smartphone, das uns den nächsten Weg in die Freiheit verspricht. Es prangt auch auf dem Cover des Buches von Christian Heller.</p>
<p>&#8220;Im Netz breiten sich Wissen, Intelligenz und Verständnis aus&#8221;. So kann man es sagen und ein ganzes Buch darüber schreiben. Oder man kann das Vorzeichen der Aussage umkehren und ein ebenso engagiertes, diesmal kulturpessimistisches Buch schreiben. Heraus käme in beiden Versionen die Feststellung, dass wir derzeit nicht wissen, ob uns die Offenbarung allen Wissens in eine bessere Gesellschaft führt. Das Einzige, was man schon heute sieht, ist, dass Amazon, Google, Apple und Facebook an nichts anderem interessiert sind, als an unseren Daten und dass bisher nur diese großen Firmen daraus Wissen gewinnen konnten, welches sie bislang für sich behalten. Christian Heller weiß das, eine Seite im Buch widmet er diesem Phänomen. Die restlichen 160 Seiten sind eine Kapitulation im Kostüm des verlegenen Optimismus.</p>
<p><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=8550518">Christian Heller, Post-Privacy – Prima Leben ohne Privatsphäre, C.H.Beck, Oktober 2011, 173 Seiten, 12,95 Euro</a></p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/johanl/4859806074/in/photostream/">Johan Larsson</a>)</em></p>
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		<title>Kleine Gehälter, große Fragen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 May 2012 19:32:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist doch sehr widersprüchlich. Nun haben wir die Weblogs, Twitter, Podcasts, Youtube und – ganz neu – Google+Hangouts On Air, endlich lässt sich von allen alles überall sagen. Endlich ist das Echtzeitinternet keine Utopiechiffre mehr und dann entschuldigt sich Max Winde heute zum Einstieg in seinen F.A.Z.-Artikel dafür, dass auch er noch etwas zum [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3864" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-3864" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="310" /><p class="wp-caption-text">Es geht ums Urheberrecht, doch die Bedürfnispyramide muss von Grund auf neu gebaut werden.</p></div>
<p>Es ist doch sehr widersprüchlich. Nun haben wir die Weblogs, Twitter, Podcasts, Youtube und – ganz neu – <a href="http://stadt-bremerhaven.de/google-hangouts-on-air-starten-weltweit/">Google+Hangouts On Air</a>, endlich lässt sich von allen alles überall sagen. Endlich ist das Echtzeitinternet keine Utopiechiffre mehr und dann entschuldigt sich Max Winde heute zum Einstieg in seinen <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urheberrechtsdebatte-es-gibt-kein-zurueck-ins-echte-leben-11741957.html">F.A.Z.-Artikel</a> dafür, dass auch er noch etwas zum Thema Urheberrecht beitragen möchte.</p>
<p><span id="more-3862"></span>Schade, er müsste es nicht. Denn zum einen ist Max Winde ein durch <a href="http://mobilemacs.de/">Pritlove</a>-<a href="http://wir.muessenreden.de/">mspro</a>-Gegenwind gehärteter Argumentierer, ein (inzwischen nicht mehr so) verkannter <a href="http://de.favstar.fm/users/343max">Twitterakrobat</a> und obendrein ein Auskenner in den wilden Zeiten. Zum anderen aber brauchen wir eine fortlaufende Diskussion, die gerade nicht auf eines abzielt: einen status cuo.</p>
<p>Die Idee, dass eine so wichtige gesellschaftliche Debatte wie die zum Urheberrecht geführt wird, um einen Konsens oder Kompromiss zu erzielen, ist irrsinnig. Bei vielen gesellschaftlichen Konflikten, und bei diesem ganz besonders, kommt es gerade darauf an den Konflikt am Laufen zu halten. Es ist das besondere und schützenswerte, die individuelle Freiheit garantierende Merkmal unserer modernen Gesellschaft, dass es gerade keine Instanz gibt, die solch einen Konflikt entscheiden kann und darf. Man muss es der Sachlage angemessen pathetisch fassen: Zur Freiheit, überhaupt zu diskutieren, gehört die Zulassung der Argumente der anderen. Nur so bleiben sie Argumente und werden keine Befehle.</p>
<p>Man kann es so philosophiehistorisieren, man kann aber auch ganz in der Gegenwart bleiben und auf Sascha Lobo hinweisen: <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-bei-der-re-publica-a-831364.html">Das Internet kennt keinen wahren, statischen, eindeutigen Zustand. Es ist, wie es ist und wir wissen, dass und wie es auch anders sein könnte; schon morgen. Das Reden über das Internet bestimmt seinen Zustand, das Engagement des Einzelnen bestimmt seinen Gehalt.</a> Wir müssen also über alles Reden, das <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urheberrechtsdebatte-wir-muessen-ueber-geld-reden-11720092.html">Geld</a>, die Freiheit, den Beitrag und den Nutzen des Einzelnen.</p>
<p>Weil wir jetzt auch Piraten haben, lautet meine derzeitige Lieblingsfrage zum Thema ungefähr so: Wenn wir die Kulturproduzenten und Kulturkonsumenten gegeneinander setzen, erhalten wir eine Ratio von ungefähr 1 zu 99. Wenn es zwischen beiden einen Konflikt gibt, wie lässt der sich eigentlich demokratisch lösen? Sebastian Nerz sagte im März, damals noch als Piratenbundesvorsitzender, auf diese Frage: &#8220;Wir müssen schauen, wie wir die Kulturproduzenten schützen können. Wir müssen sie einbinden.&#8221; Aber wie das Schützen aussehen kann und wie Künstler einzubinden sind, die ja absichtsvoll Künstler und keine Politiker sind, sagte er nicht.</p>
<p>Das enttäuscht mich nicht nur, sondern es macht mir ein wenig Angst. Meine last.fm-<a href="http://www.lastfm.de/user/amazeman">Musikstatistik</a> sagt, dass ich ca. vier Stunden am Tag Musik höre. Musik ist mir so wichtig, dass ich dafür Geld ausgebe. Das reicht aber nicht, sie muss allen so wichtig sein. <a href="http://www.rollingstone.de/magazin/features/article291734/bela-b-zum-thema-urheberrecht.html">Darf ein Lied, das uns ein Leben lang begleitet, billiger sein als ein Snickers an der Tanke?</a> Nein, darf es nicht, weil es mehr wert ist. Und: Gerade über Musik möchte ich mit niemandem diskutieren. So wichtig Konflikte sind, Musikgenuss kann man durch akademisches Gelaber zerstören. Ich möchte, dass sich Profis das Hirn über gute Musik zerbrechen und mich gerade nicht mit der Herstellung, sondern nur mit dem Ergebnis konfrontieren. Darin liegt der Sinn des Bezahlens. Dass wir das Musikmachen selber auch nicht besser könnten, ist erst die zweite Wahrheit.</p>
<p>Das gilt so auch für die Politik. Ich möchte nicht, dass Johannes Ponader als Bundespolitiker von Arbeitslosengeld II lebt, während der Showmaster neben ihm ein sechsstelliges Monatsgehalt bekommt. Die Piraten diskutieren bei jedem Parteitag, also alle halbe Jahre, darüber, ob sie ihren Mitgliedsbeitrag anheben oder nicht. In Neumünster hoben sie ihn, nach über einer Stunde Diskussion mit unzähligen Wortmeldungen um einen Euro auf vier Euro im Monat an. Man kann seine Zeit kaum ertragloser verschwenden. Die Freiheit des Internets und die Vielfalt der Künste rettet man so nicht. Die Gesellschaft bleibt von der Diskussion um den Piratenmonatsbeitrag gänzlich unbeeindruckt.</p>
<p>Ich hoffe, es wird noch viele Diskussionsbeiträge zum Thema Urheberrecht geben. Es gibt noch zu viele ungehörte Produzenten und Konsumenten. Und weil Klaus sich freut, wenn ich hier journalistische Produktionszusammenhänge offenbare: Wenn alles klappt, unterhält sich demnächst jemand von der F.A.Z. mit <a href="http://brunokramm.wordpress.com/">Bruno Kramm</a>. In Neumünster hat er sich kurz Zeit für ein Gespräch genommen und ich war überrascht, welche unausgeleuchteten Winkel zum Thema Urheberrecht es gibt. Nur wird man die Debatte einmal ganz neu aufrollen müssen. Selbst das Internet, das Recht und das Geld müssten als Problembezüge erst einmal abgeblendet werden. Hinter dem Thema Urheberrecht schlummern die wahren Probleme, die Fragen aller Fragen.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/amazeman/6815393078/in/photostream/">Stefan Schulz</a>)</em></p>
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		<title>Jeder will Willy wählen!</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 20:25:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Interessiert man sich für Schwarmverhalten, muss man das gleiche machen, wie wenn man sich für Netzwerke interessiert. Man geht irgendwo hin, wo sie sind und guckt zu, zum Beispiel vormittags auf einem Spielplatz, wenn dort ganze Kindergärten zu finden sind. Die Kinder sind die Schwärme und die Erwachsenen sind das Netzwerk. Der Unterschied ist einfach: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3594" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/Unbenannt-114.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Interessiert man sich für Schwarmverhalten, muss man das gleiche machen, wie wenn man sich für Netzwerke interessiert. Man geht irgendwo hin, wo sie sind und guckt zu, zum Beispiel vormittags auf einem Spielplatz, wenn dort ganze Kindergärten zu finden sind. Die Kinder sind die Schwärme und die Erwachsenen sind das Netzwerk.</p>
<p><span id="more-3592"></span>Der Unterschied ist einfach: Die Erwachsenen verfolgen Ziele, sie kennen die Grenzen, wissen, wann sie zurück müssen, was sie verbieten und wann sie aus welchen Gründen eingreifen müssen. Die Kinder dagegen lassen sich einfach treiben. Sie bilden spontane Gruppen, bewegen sich hierhin und dorthin, bilden neue Grüppchen, wieder die alten, nun aber hier, usw. Das alles geschieht im Sekundenrhythmus. Die Kinder wissen selbst nie mehr als 15 Sekunden im Voraus, was sie als Nächstes tun und tun wollen, sie lassen es einfach alles geschehen. Trial and Error, ohne Error.</p>
<p>Fehler können nur die Erwachsenen machen, weil nur sie überhaupt Erwartungen ausbilden, an denen gemessen sich Tatsachen als falsch bewerten lassen. Das Schwarmverhalten passiert einfach und die Erwachsenen sind umso klüger, je mehr sie es passieren lassen. Den Schwarm zu bändigen ist schwer, seine Ressourcen spart man lieber für den Moment, zu dem man sie wirklich braucht. Wenn die Kinder zusammengerufen werden, weil sie zurück in den Kindergarten müssen, ist mit dem Schwarm Schluss. Die beliebigen Möglichkeiten werden gegen eindeutige Notwendigkeiten ausgetauscht. Es gibt jetzt Erwartungen gefolgt von Enttäuschungen.</p>
<p>Vielleicht hilft diese Bild, die Piratenpartei zu verstehen. Die Kritik an ihr würde dann deswegen so hart ausfallen und trotzdem so lässig beantwortet werden können, weil sie unvereinbare Kategorien zusammenführt. Es ist ja noch eine große Frage, wie die Piratenpartei zum einen damit kokettieren kann, keine Inhalte zu haben und trotzdem selbstbewußt behauptet, dass nur sie versteht, was es mit allem auf sich hat. Vielleicht ist die Piratenpartei gar keine Partei, sondern einfach ein Schwarm, der durch die Geschichte stolpert, wie Kinder über einen Spielplatz. Wahlerfolge sagen ja nichts weiter aus, als dass eben zugunsten einer Partei gewählt wird. In moralischer, akademischer, politischer Manier lässt sich das ebenso wenig bewerten, wie dass die Deutsche Bank ihr 25-Prozent-Renditeziel schafft. Wie sie es macht, ist egal. Jeder hat eine eigene Erklärung dafür und hängt eine Bewertung dann an, wenn er eine für nötig hält. Es ist alles ein großer <a href="http://www.wiesaussieht.de/2012/03/20/rottgen-die-piraten-und-die-nrw-cdu/">Zufall</a>. Auch die Piraten erleben Zufälle, warum sollten sie sie aufklären? Warum wurde die Piratenpartei im Saarland so erfolgreich gewählt? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, wenn selbst nur jeder zwanzigste tatsächliche Saar-Piratenwähler glaubt, dafür eine (gute) Erklärung zu haben. Die Piratenpartei verdeutlicht, was im Übrigen gilt und immer galt: wer nach Wählermilieus sucht, findet welche, weil er sie sucht.</p>
<p>Es gibt lesbare Anhaltspunkte, zu vermuten, dass die Piraten ein Schwarm sind, der sich durch die Geschichte treiben lässt. <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gespraech-mit-sebastian-nerz-ueberall-lauern-fettnaepfchen-11700509.html">Im Interview</a> sagte der Bundesvorsitzende S. Nerz: &#8220;Das ist aber ein Prozess, der sowieso stattfindet.&#8221; Bezogen hat er ihn auf schlicht alles. Formuliert hat er ihn fast unbewußt. &#8220;Wir waren eine Bewegung, die gewählt wurde aus Frust über die etablierten Parteien.&#8221; Sagte er später. (Es gab sinnigerweise keinen Anlass, die Antwort auf die Nachfrage: &#8220;Gab es keine politische Eigenleistung der Piraten?&#8221; zu drucken. Dafür ist selbst S. Nerz schon zu politisch abgeklärt.) Julia Schramm sagt es nun ähnlich: <em>&#8220;</em><a href="http://juliaschramm.de/2012/03/30/urheberrecht-und-repression/">Denn lassen sie mich ihnen vorweg sagen: </a><em><a href="http://juliaschramm.de/2012/03/30/urheberrecht-und-repression/">Sie werden den Kampf verlieren. So oder so.</a>&#8221; W</em>elcher Kampf? Warum Gewinnen oder Verlieren? Das wüsste man gern. Würde man nachfragen, gäbe es wohl eine Antwort, die wieder sinnigerweise erkenntnisverlustfrei gestrichen werden kann. Sie ließ sich in die Formulierung treiben.</p>
<p>Es verwundert eigentlich nicht, dass die Piraten gut damit leben können, keine Antworten (auf ihnen gestellte Fragen) zu haben. Auf welche Frage sollten sie eine haben müssen? Der Fiskalpakt-Rettungsschirm ist eine Billionen Euro groß. Was soll man dazu schon sagen? Wenn er zwei Billionen Euro groß wäre, was wäre der Unterschied? Deutschland ist inzwischen zwei Billionen Euro wert, soll Europa weniger wert sein als Deutschland? &#8220;Schleckerfrauen&#8221; könnten sich sechs Monate bei 80 Prozent des alten Lohns weiterhin täglich treffen, diesmal um von Quasi-Lehrern zu lernen, wie Bewerbungsschreiben formuliert werden. Muss man dazu eine Meinung haben? Könnte es sein, dass in dieser Zeit jemand Geld für Schleckerfilialen aufbringt? Könnte sein. Es könnte sein, dass die 70 Millionen Bürgschaft hätte bezahlt werden müssen. Könnte aber auch nicht sein. Benzinpreise schwanken am Tag um bis zu 8 Cent. Soll man es wie in Österreich machen und politisch festlegen, dass sie das zwar dürfen, aber nur ein Mal am Tag? Man könnte.</p>
<p>Sollte man für jede denkbare Frage programmatische Grenzen festlegen und diese vorab formulieren? Man könnte, es war schließlich lange politische Mode, man will ja nicht ganz aus dem Rahmen fallen. Wieso nicht? Keine Ahnung.</p>
<p>Im Leitartikel der heutigen F.A.Z. stand einer der klügsten journalistischen Erklärgedanken, den ich bis jetzt zu den Piraten gelesen habe: &#8220;<a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/der-erfolg-der-piratenpartei-piraten-der-parteienlandschaft-11702012.html">Die Piraten sind für sie etwas Eigenes, das aus ihrer Generation entstand &#8211; das Internet hat sie politisiert, es ist sozusagen ihr Willy Brandt.</a>&#8221; Das Internet ist der Hoffnungsspender, inhaltlich mit allem befüllbar, strukturell durch jeden strapazierbar. Egal was kommt, Willy wird es richten. <em>Willy wählen</em>!</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/42311564@N00/2925371284/in/photostream/">Sebastian Niedlich</a>)</em></p>
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		<title>Wie wäre es mit Vertrauen?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/03/29/wie-ware-es-mit-vertrauen/</link>
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		<pubDate>Thu, 29 Mar 2012 10:06:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei all den Lösungen, die diskutiert werde, werden Probleme übersehen. Diese Diagnose kann als die einzig richtige, heute gültige behandelt werden, weil sie inhaltlich so neutralisiert ist. Sie sagt nichts darüber, was ist, sondern nur, dass man es nicht weiß. Nun wird selbst die zeitgeistgegenwärtigste politische Partei gefragt, was in ihrem Programm steht, und anstatt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3566" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/Unbenannt-113.jpg" alt="" width="550" height="331" /></p>
<p>Bei all den Lösungen, die diskutiert werde, werden Probleme übersehen. Diese Diagnose kann als die einzig richtige, heute gültige behandelt werden, weil sie inhaltlich so neutralisiert ist. Sie sagt nichts darüber, was ist, sondern nur, dass man <em>es</em> nicht weiß. Nun wird selbst die zeitgeistgegenwärtigste politische Partei gefragt, was in ihrem Programm steht, und anstatt die Frage mutig als absurd abzulehnen, gilt das alte Spiel, in welchem <em>demnächst</em> Inhalte versprochen werden, für eine Zeit, deren <em>zukünftige</em> Probleme erst recht unbekannt sind. Gibt es noch Vertrauen in Personen, Verfahren und Systeme? Wie viel Welt lässt sich einer Idee opfern, die fordert, Einblicke zu gewähren, aber nur aufzeigt, was man alles trotzdem nicht sieht? Warum qualifiziert man sich auch 2012 politisch noch mit Text und Phrasen, deren oberster Kritikpunkt ist, dass sie – wenn es dann tatsächlich darauf ankommt – nicht schnell genug vergessen werden können?</p>
<p><span id="more-3561"></span>Im Zeitungsjargon heißt es, 2009 wurde eine Kanzlerin gewählt. In der Sprache des gemeinen Alltagsbürgers heißt es aber: Wir gaben ihr unser Vertrauen. Als der Lauf der Dinge eine Entscheidung einforderte, die fast alle auch ohne den Horror des Laufs der Dinge schon längst so entschieden hätten, hieß es: Sie widerspreche den politischen Phrasen. Aber was konnte man sich den mehr wünschen, als dass eine Physikerin zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und eine Entscheidung trifft, die alle mittragen? Man nahm sich die Zeit, die man für Konstruktives nicht hat, und übte Kritik. Schließlich ist man Konkurrent, soll es sogar sein. Auf Nachfrage gilt aber nur die Sprachregelung der Kooperation.</p>
<p>Sven Regener ist von den Piraten, die er namentlich kritisiert, gar nicht so weit entfernt. Politiker und Künstler verbringen ihren Tag mit Dingen, vor denen sich die Mehrheit gruselt. Sie testen, traktieren und tüfteln an Ideen und sie wissen nicht, wann sie erfolgreich sind. Am Ende der Arbeit von 100 Personenarbeitsstunden politischer Ausschussarbeit stehen vielleicht zehn Seiten Text. Am Ende einer Woche Selbstzweifel, Selbstausbeutung und Selbstsuggestion stehen bei Sven Regener ein paar Seiten Roman oder ein Lied. Politiker können über ihr Gehalt selbst entscheiden. Künstler nicht. Lässt sich das umkehren? Offenbar. Die Piratenidee beutet derzeit vor allem das Engagement von Privatmenschen aus, die für ihre politische Arbeit (an politischen Programmen!) nicht bezahlt werden, denen eher noch Zeit für anderes, viel Wichtigeres in ihrem Alltag und Leben, verloren geht. Wer sich bisher nicht aufgehoben fühlt, wird nun mit Gemeinschaft belohnt. Vielleicht sind die Piraten gar nicht viel mehr als eine Religionsgemeinschaft, die bei ihrem Herrn Rechte einfordert? Es lässt sich zumindest kaum behaupten, dass sie sich ihrer Idee, ihrem Weltbild weniger ausliefern, als tatsächliche Religionsgemeinschaften ihrem.</p>
<p>Und die Künstler? Das Argument, mit denen man ihnen begegnet reduziert ihre Werke auf die ununterscheidbare Flasche Milch im Supermarkt, nur dass die Flasche – und allein darauf soll es ankommen? – nicht verschwindet, wenn man sie stiehlt. Sondern sie vermehrt sich eben. Wenn sie nicht bezahlt wird, kann sie mehrfach getrunken werden und welcher Künstler lege nicht allein darauf wert, bekannt oder berühmt zu sein? Luft und Liebe – seit Jahrhunderten kokettieren Künstler mit einem der Sache verschriebenen aber entmaterialisierten Lebensstil, nun müssen sie ihn eben auch tatsächlich leben.</p>
<p>Sich dagegen zu behaupten scheint zwecklos. Die Piratenpartei rühmt sich damit, auf viele Fragen keine Antworten zu haben. Während in Griechenland die Jugend einen inneren und zuweilen auch schon offenen Bürgerkrieg führt, konzentriert sich der deutsche Ableger der Partei darauf, den vermeintlichen Hauptforderungen der jungen Generation zu genügen: Die Grundversorgung mit der globalen Medienproduktion muss individuell abgesichert werden. Notfalls durch den Umbau der Gesellschaft. 84 Punkte ist das Piraten-Papier zum neuen Urheberrecht lang. Es ist um 84 Punkte länger als die Papiere zu allen anderen Themen. Fahrscheinfreier Nahverkehr und bedingungsloses Grundeinkommen, darauf konnte man sich noch pragmatisch, nicht inhaltlich einigen. Bei den Piraten kommt die Idee des Kollektivs nicht mehr vor. Die Gesellschaft ist nun nur noch die Summe ihrer Einzelteile und wehe, der Einzelne wird doch irgendwo übersehen. &#8220;Transportation and Information&#8221;, für Winston Churchill waren das die Vorzüge der gesellschaftlichen Elite. Heute sollen sie die für jeden sein.</p>
<p>Dietmar Dath schreibt heute im F.A.Z.-Feuilleton darüber, dass wir in ein Gesellschaftsmodell stolperten, dessen Vorgängermodell wir noch nicht einmal verstehen. &#8220;Was am meisten zählt, rechnet sich immer weniger&#8221;. Das gilt heute mit dem Blick auf Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst, Bildung und Kultur. Aber galt es nicht auch schon eine Epoche davor? Nachdem Maschinen die körperliche Arbeit übernahmen, wurde es versäumt, über den Begriff der Arbeit neu nachzudenken. Statt dem geistigen Mitvollzug des Wandels arrangierte man sich mit seinem Ergebnis: Auf Märkten werden Produkte gehandelt. Und die Vergütung von Arbeit wurde an diese Vertriebsmechanismen der Produkte gekoppelt. Nun, da diese Mechanismen <em>endgültig</em> wegbrechen, wacht man plötzlich auf? Wie Gehälter und Gehaltsunterschiede zustande kommen, weiß noch heute niemand. Jeder zweite Nobelpreis für Wirtschaft ging an Spieltheoretiker. Um die Realität kümmert man sich schlicht nicht. Damals nicht und heute auch nicht.</p>
<p>Aber nun wird das Problem akut. Die körperliche Arbeit erledigt die Maschine, die geistige Arbeit erledigt heute der Computer. Ersetzen wäre ein falsches Wort. Maschinen und Computer machen ganz andere Dinge, als Körper und Köpfe. Es gibt, Dietmar Dath beschreibt es wunderbar, ein neues Paradigma, das in der algorithmischen Arbeit nicht mehr auf Zahlen und Gleichungen basiert und trotzdem einer Logik folgt. Einzelne Computer und Computernetzwerke sind nicht komplex. Sie werden es aber, wenn sie an Sozialität gekoppelt werden. Die Formlogik entfaltet ihren unbekannten Folgenreichtum in dem Moment, in dem Liquid Feedback, Facebook und die Google Suche Limitierungen menschlichen Verhaltens darstellen, gleichzeitig aber lernfähig werden.</p>
<p>Statistik, wie man sie im Psychologie- oder Soziologiestudium lernt, ist eine Technik, die Sozialität abbildet. Die Lehrbücher sind noch nicht aktualisiert, denn heute wird das abzubildende Verhalten durch die Technologie selbst ermöglicht und limitiert. Dietmar Dath beschreibt es über den Einzug der menschlichen Emotionen in die algorithmischen Gleichungen, die heute die Gesellschaft bestimmen. Das ist wahrscheinlich ein sehr passendes Bild. Denn Emotionen sind nicht andere Gedanken als rationale, sie gehören zur selben Form psychischer Operationen. Emotionen bestimmen rationales Verhalten, das gültige Bild ist vielleicht das der Oszillation. Und so ist es auch in der Kommunikation. Die Google-Suchen des einen haben Einfluss auf die Google-Ergebnisse des anderen. Das Betriebssystem ist von seinen Inhalten nicht mehr zu lösen. Es gibt keine zweiten Versuche im Kleinen und keine Reset-Knöpfe im Großen.</p>
<p>Im Börsenhandel kann man es seit etwa zehn Jahren sehen. Dath beschreibt den &#8220;SocialSTREAM&#8221; des Financial Computing Centre des Londoner University Colleges. Daten aus sozialen Netzwerken werden dort ins Verhältnis gesetzt zu den Daten wie sich der Markt verhält. Die Streams werden über die Zeit getrennt beobachtet, mit der Vermutung, dass erstens der Markt auf das Soziale reagiert und dass, zweitens, diese Reaktion manchmal geordnet erfolgt. Es werden gleiche Muster in der Reaktion gesucht und isoliert. Auf diese Weise sollen auf Basis des Sozialen Vorhersagen zum Markt gelingen. Aber wird damit tatsächlich in die Zukunft gegriffen? Magische, mathematische, rationale, emotionale Strategien, sichere Erfahrungen in gesicherte Erwartungen zu übersetzen sind alles andere als neu.</p>
<p>Ein großer Trugschluss ist, dass die Trennung des Verlaufs der Gesellschaft in Sozialität hier und Markt da mehr als analytisch ist. Als würde der Markt nur auf Soziales reagieren, selbst aber nicht zu dieser Sozialität gehören. Niklas Luhmann hat in seiner Abschlussvorlesung eine der schwierigsten Fragen gestellt &#8220;Was ist der Fall und was steckt dahinter?&#8221; Schwierig ist sie deshalb, weil die Antwort so einfach aber auch so unakzeptabel ist. Sie lautet einfach &#8220;nichts&#8221;. Aber sie gilt nicht einfach so. Sie sagt nur, dass jeder Versuch des Einblicks mit mehr Intransparenz, jede Suche nach mehr Sicherheit mit mehr Risiken &amp; Gefahren und jede Formulierung von Antworten mit mehr Fragen vergolten wird. Aber die Vergeltung setzt eben erst ein, wenn man versucht zu schauen, was jeweils dahinter steckt.</p>
<p>Und nun die spannende Frage: wie weit wollen und können wir dieses Spiel treiben? Transparenz, Sicherheit und Antworten – das sind gute Ziele. Aber die Kosten an Unklarheit, Unsicherheit und Unzufriedenheit lassen sich nicht unendlich steigern. Warum sollte nach der Vertrauensblase (=Kreditblase) in der Wirtschaft nicht eine Vertrauensblase in der Politik platzen? Läßt sich aus dem Zustand der Schwedischen Vorreiter-Piraten nicht etwas herauslesen? Vor 14 Jahren ruhte die Euphorie der Börsianer auf der Entdeckung eines Spielzeugs, dass die Piraten derzeit für sich entdecken. Es ist faszinierend, dass der Erfolg der Piraten auf der Idee beruht, Vertrauen in Personen durch Transparenz in Verfahren auszutauschen. So, als ob genau das die alternativlose Lösung ist, die noch nie vorher versucht wurde und die nicht immer schon gescheitert ist.</p>
<p><em>Update:</em> <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/teurer-irrtum-gemeinwissen-gegen-geheimwissen-11700677.html">Dietmar Dath: Gemeinwissen gegen Geheimwissen </a></p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/reway2007/6993668485/in/photostream/">Reway2007</a>)</em></p>
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		<title>Wer braucht wozu und wieso überhaupt Piraten?</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Mar 2012 13:56:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
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		<description><![CDATA[Zur Bundestagswahl 2009 waren die Piraten eher Protestbewegung als politische Partei, männliche Erstwähler wählten sie damals mit 13 Prozent. Nun, ein Jahr vor der nächsten Bundestagwahl, erweiterten sie das deutsche landesparlamentarische Parteienspektrum inzwischen um 19 Piraten-Abgeordnete. Aber: 94 Prozent der Menschen, die im Saarland tatsächlich Piraten wählten, bestätigen auf Nachfrage den Satz: &#8220;Die Piraten sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3517" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/Unbenannt-112.jpg" alt="" width="550" height="228" /></p>
<p>Zur Bundestagswahl 2009 waren die Piraten eher Protestbewegung als politische Partei, männliche Erstwähler wählten sie damals mit 13 Prozent. Nun, ein Jahr vor der nächsten Bundestagwahl, erweiterten sie das deutsche landesparlamentarische Parteienspektrum inzwischen um 19 Piraten-Abgeordnete. Aber: 94 Prozent der Menschen, die im Saarland tatsächlich Piraten wählten, bestätigen auf Nachfrage den Satz: &#8220;Die Piraten sind eine gute Alternative für die, die sonst gar nicht wählen würden&#8221;. Und 85 Prozent der Wähler, die tatsächlich Piraten wählten, sagen: &#8220;Man könne jetzt, da die Regierung praktisch schon feststeht, auch mal eine andere Partei wählen, die sonst nicht infrage kommt.&#8221; Es sind <a href="http://www.kas.de/wf/de/33.30589/">beeindruckende Zahlen</a>.</p>
<p><span id="more-3502"></span>Sie bilden einen weiteren interessanten Kontrast mit den Tweets aus den Reihen der Piratenpartei. Meine <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wahl-im-saarland-gaensehaut-11698466.html">Glosse im F.A.Z. Feuilleton</a> morgen greift die Kluft zwischen euphorischen Piraten und inhaltlich desinteressierten Wählern auf. Die Piraten leiden unter der Motivlosigkeit ihres Wählerpublikums nicht, es beflügelt sie. Soziologisch handelt es sich jedoch um ein empirisches Phänomen, aus dem sich für kommende Monate Fragen und Problemstellungen ableiten lassen, von denen Piraten selbst lieber gar nichts hören wollen. Es stellt sich ganz grundsätzlich die Frage:</p>
<p style="text-align: center;">&#8220;<strong>Wer braucht wozu und wieso überhaupt Piraten?</strong>&#8220;</p>
<p>Ich gehe dieser Frage von nun an gezielter nach (und richte eine eigene Kategorie, mit Bild in der Sidebar, hier ein ;-). Das Saarland-Ergebnis ist ein empirisches Datum, das dafür den Ausgangspunkt bietet. Am Samstag <a href="https://twitter.com/#!/tirsales/status/183240329875562496">sprachen</a> Melanie Mühl und ich zwei Stunden mit Sebastian Nerz. Dieses Gespräch fand somit vor Saarland statt, ist aber vor allem im Hinblick auf den kommenden Piraten-Bundesparteitag interessant. Im Mai erscheint in der Zeitschrift Merkur ein längerer Text von mir, der sich mit den Fragen beschäftigt, wieso gerade jetzt das deutsche Parteienspektrum erweitert wird, welche Funktion das Internet dabei übernimmt und in welchem Verhältnis die Piratenpartei zu neuen Protestformen wie Occupy steht, oder stehen wird, wenn diese demnächst aus dem Winterschlaf erwachen. Und überhaupt beginnt kommenden Montag mein Volontariat bei der F.A.Z.. Also liebe Piraten, die ihr hier vielleicht mitlest: Ihr steht unter Beobachtung. Eine Protestpartei lasse ich euch nicht durchgehen&#8230;</p>
<p>(Nur so: Der Titel entstammt einem <a href="http://www.sozialarbeit.ch/dokumente/gefuehle.pdf">meiner soziologischen Lieblingstexte</a>.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/piratenpartei/3860720372/in/photostream/">Piratenpartei Deutschland</a>)</em></p>
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		<title>Willkommen Hollande</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 11:46:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[In der internationalen Politik gibt es zwei Gebote, die lange in Verbindung mit dem Wort Ehrenkodex benutzt wurden. Das eine Gebot besagt, dass ein Staats- oder Regierungschef öffentlich nicht im Namen eines Kollegen sprechen soll. Das andere Gebot besagt, dass sich eine Regierung nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einmischen darf. Das Befolgen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3355" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/03/Unbenannt-12.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>In der internationalen Politik gibt es zwei Gebote, die lange in Verbindung mit dem Wort Ehrenkodex benutzt wurden. Das eine Gebot besagt, dass ein Staats- oder Regierungschef öffentlich nicht im Namen eines Kollegen sprechen soll. Das andere Gebot besagt, dass sich eine Regierung nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einmischen darf. Das Befolgen der Gebote gilt als politisch tugendhaft. Im politischen Alltag Europas wird das politisch-tugendhafte Handeln aber offenbar immer schwerer.</p>
<p><span id="more-3353"></span>Die Frage, ob Griechenland in der Euro-Zone bleiben solle, beantwortete zuletzt der deutsche Innenminister Hans Peter Friedrich. Er empfahl dem Land den Austritt aus der Währungsgemeinschaft. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán, der derzeit durch viel kritisierte Verfassungsänderungen in seinem Land europäische Aufmerksamkeit erregt, sieht sich nicht nur Empfehlungen, sondern klaren Forderungen ausgesetzt. Dass der griechische Regierungswechsel im November 2011 eine innere Angelegenheit war, würde heute niemand behaupten. In Europa werden die Gebote des politisch-tugendhaften Handelns kaum mehr beachtet. Die Regierungen der großen EU-Staaten mischen sich ständig in die Angelegenheiten kleinerer EU-Staaten ein, um, wie sie sagen, Europa zu retten.</p>
<p>In den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass es auch zwischen den großen EU-Staaten Absprachen und gezielte Eingriffe in die nationale Souveränität gibt. Die Regierungen Deutschlands, Englands, Italiens und Spaniens vereinbarten, den französischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande nicht zu empfangen. Dies wird als Eingriff in den französischen Wahlkampf gewertet und passt in das Bild, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel abgibt, wenn sie gleichzeitig gemeinsame Fernsehinterviews mit dem amtierenden französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy abhält.</p>
<p>Doch werden durch dieses Missachten der Gebote ehrenwerte Tugenden vernachlässigt, oder störende Laster überwunden? Führt man die Diskussion inhaltlich, bleibt bei all dem Genannten von innerstaatlichen Angelegenheiten kaum etwas übrig. Die Frage, ob Griechenland weiterhin an der europäischen Währungsunion beteiligt ist, ob ein französischer Präsident den europäischen Fiskalpakt mitträgt oder ob die ungarische Regierung die europäische Freiheitsidee respektiert sind alle keine rein nationalen Fragestellungen. Das Respektieren nationalstaatlicher Souveränität wurde zur tagespolitischen Last, weil der Nationalstaat selbst immer mehr als Belastung empfunden wird. Es gibt derzeit, neben dem faktisch vereinigten Wirtschaftsraum, keine lebendige Europaidee, der es inhaltlich für die Bürger etwas abzugewinnen gibt. Doch soll deswegen die Idee des souveränen Nationalstaats weiterverfolgt, gar wiederbelebt werden?</p>
<p>Die Idee, dass konservative Regierungen enger zusammenarbeiten, sich von der Zukunft nicht überraschen lassen, sondern Planungen anstellen und gemeinsam Ziele vereinbaren nach denen sie streben, ist nicht neu. Nicht nur die konservativen Parteien Europas arbeiten so zusammen. Auf die 754 Sitze des Europäischen Parlaments verteilen sich derzeit etwa 150 nationale Parteien. Sie bilden dort sieben große Fraktionen. Es wurde nie entschieden, ob das Parlament nun ein supranationales oder internationales Gremium ist. Die Mitglieder sind europäisch gewählt aber national abgeordnet und sie orientieren sich bei der Frage, ob sie sich in Kooperation oder Konkurrenz begegnen nicht an nationalstaatlichen Grenzen, sondern an politischen Leitideen: Die Fraktionen des EU-Parlaments sind christlich konservativ, liberal, sozialdemokratisch, links, grün und euroskeptisch. Es gibt dort keine Fraktion Deutschlands, Englands, Italiens und Spaniens.</p>
<p>Nun bricht diese Art der europäischen Politikgestaltung aus dem Europäischen Parlament aus und erfasst weitere Institutionen. Dass verführt zu inhaltlicher Kritik, doch kann es auch als nächste Stufe der politischen Integration Europas gewertet werden. Bei der politischen Planlosigkeit, die derzeit beobachtbar ist, ist es eine interessante Neuerung, dass sich die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten nun offen verbünden. Die deutsche CDU/FDP-Regierung ist schließlich keine überparteiliche Einrichtung, die international jegliche Souveränitäts- und Repräsentationsaufgabe übernimmt. Ihr steht eine linke, grüne, sozialdemokratische Opposition im Parlament gegenüber. Unabhängig davon, wer die Regierung stellt und sie als Opposition konturiert, lassen sich in Deutschland internationale Politiker empfangen. Die deutsche SPD hat angekündigt, nun François Hollande im Wahlkampf zu unterstützen. Das birgt Anlass für Kritik, ist aber auch ein erfreulich konstruktiver Umgang mit der Aufgabe, die sich derzeit stellt. Daran, dass deutsche Bundeskanzler gern gesehene Gäste in Landtagswahlkämpfen sind, dass sich Ministerpräsidenten gern untereinander Besuche abstatten und manchmal auch Oberbürgermeisterkandidaten von solchen Besuchen profitieren, stört man sich auch nicht. So ist eben der politische Alltag. Es wird neue Tugenden geben, an denen er zu messen und zu bewerten ist.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/65490374@N04/6832231719/in/photostream/">François Hollande</a>)</em></p>
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		<title>Die gottlose Religion der Gottverlassenen</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/02/28/gottloses-facebook/</link>
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		<pubDate>Tue, 28 Feb 2012 16:22:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Milliarde Menschen leben auf der Welt in totalen sozialen Netzwerken. Ihr Alltag hängt fast ausschließlich vom unmittelbaren sozialen Miteinander ab. Das Leben in diesen Slums unterscheidet sich in fast allen Bereichen vom westlichen Lebensstil, in dem der Begriff des sozialen Netzwerks Beliebigkeit und Freude mit dem Internet bedeutet. Und auch hier nähert man sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3320" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-14.jpg" alt="" width="550" height="350" /></p>
<p><a href="http://www.boston.com/bigpicture/2012/02/slum_life.html">Eine Milliarde Menschen</a> leben auf der Welt in totalen sozialen Netzwerken. Ihr Alltag hängt fast ausschließlich vom unmittelbaren sozialen Miteinander ab. Das Leben in diesen Slums unterscheidet sich in fast allen Bereichen vom westlichen Lebensstil, in dem der Begriff des sozialen Netzwerks Beliebigkeit und Freude mit dem Internet bedeutet. Und auch hier nähert man sich der Milliarde. Facebook steht kurz vor diesem Meilenstein, von dem niemand weiß, was er wirklich bedeutet.</p>
<p><span id="more-3316"></span>Das letzte Mal, als die Mitgliederzahl eines sozialen Netzwerkes im Internet das Vorstellungsvermögen überragte, ging es um Myspace.com. Die jetzt abgeschlagene Community für Musiker und ihre Fans überschritt 2006 als erste die Marke von 100 Millionen Mitgliedern. Damals half man sich zur Verdeutlichung dieser Zahl mit einem interessanten Vergleich: Was, wenn Myspace ein Land wäre? Myspace wäre größer als Deutschland gewesen.</p>
<p>An die großen Zahlen hat man sich gewöhnt. Allein in China gibt es mittlerweile drei soziale Netzwerke mit über 100 Millionen Nutzern. Dass man jedoch immer noch nicht weiß, was die Zahlen bedeuten, zeigt die Ratlosigkeit in der Frage, welcher Geldwert sich nun daraus schöpfen lässt. Facebook selbst meint, es sei fünfzig Milliarden Dollar wert. Euphorische Börsjaner schätzen das Dreifache.</p>
<p>Der Vergleich eines sozialen Netzwerks im Internet und einem Staat ist anschaulich aber ebenso albern. Facebook sichert keine existenzielle Grundversorgung, kümmert sich weder um die Sicherheit noch Gesundheit seiner Nutzer. Aber doch spielt es im Leben der Einzelnen eine große Rolle. Die Hälfte der Briten und Amerikaner nutzen Facebook inzwischen mehrfach täglich. Es liegt ein Ver-gleich nahe: Nicht nur die Größe und Reichweite rückt Facebook heute in die Nähe einer Weltreligion.</p>
<p>Sieht man den Glauben als das, was er tatsächlich ist, die höchstpersönliche Angelegenheit des Einzelnen, bleibt von Religion die weltumspannende Institution übrig. Sie bietet Orientierung, ist Anlass für Geselligkeit, normiert Verhaltenserwartungen und regelt die Teilhabe am Gemeinsamen. Facebook macht viel von dem auch.</p>
<p><a href="http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/7/0,3672,8482855,00.html">Das Internet schreckt durch sein Chaos noch immer viele zurück</a>. Weil dort alles möglich ist, wagen sich nur wenige dorthin. Erst soziale Netzwerke drehten den Spieß um. Sie sorgen für Ordnung und bereiten das Feld. Sportvereine, Privatpersonen, Firmen, Städte, Regierungen, Organisationen aller Art sind zuweilen überhaupt erst im Internet vertreten, seit Facebook seinen Dienst anbietet. Jeder weiß, was auf einem Facebook-Profil zu erwarten ist: Ein Bild, wenig Text, ein &#8220;Like&#8221;- oder ein &#8220;Subscribe&#8221;-Button. Keine Pornographie, viel Spiel und Spaß. Facebook kontrolliert, was geschieht. Oder positiver: Facebook kümmert sich um alles. Und alle müssen sich daran halten. Selbst Obama kriegt für eine Milliarde Dollar Wahlkampfgeld nur ein übliches Facebook-Profil. Im Facebook sind alle gleich, wer Blödsinn macht, fliegt raus.</p>
<p>Aus England stammt eine <a href="http://www.heise.de/tp/blogs/6/151329">Studie</a>, die zeigt, wie unglücklich Menschen werden, wenn ihnen das Internet genommen wird. Der britischen Jugend würde vor allem der Facebook-Chat fehlen. Siebzig Prozent der unter achtzehnjährigen Briten nutzt ihn täglich auf dem Mobiltelefon. Ist die gegenseitige Verfügbarkeit moderne Nächstenliebe? Fehlte sie im Alltag, wären die jungen Briten einsam und traurig. Um sich aufgehoben zu fühlen, benötigt die Jugend keine Religion. Die wichtige Funktion der Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls erfüllt für sie Facebook. Nicht durch die Abwesenheit von Menschen, sondern durch die Nichtverfügbarkeit von Facebook fühlen sie sich verlassen. Die Orientierung aneinander und das Erleben des Miteinanders ist auf keinen Glauben mehr angewiesen, sie lassen sich mit Facebook direkt erfahren. Marketing-Forscher der Universität Maryland <a href="http://www.heise.de/tp/artikel/36/36424/1.html">behauptet</a> sogar, dass Studenten bei Unfällen in ihrer Nähe weniger hilfsbereit sind, weil heute das Telefon in ihrer Tasche ihr Bedürfnis nach Sozialität befriedigt und die spontane Vergemeinschaftung auf offener Straße eher als lästig empfunden wird.</p>
<p>Verhalte dich so, dass dir Facebook deinen Account nicht kündigt. Diese Devise ist inzwischen ein alltägliches und hohes Gebot. Und es gilt nicht nur für Einzelne. <a href="http://www.br.de/themen/aktuell/inhalt/facebook-seite-muenchen100.html">Facebook zögerte nicht, Anfang Februar die Seite von München mit 400.000 Fans zu löschen</a>. Die Stadt hatte versäumt, sich als Stadt zu erkennen zu geben. Erst als dies nachgeholt wurde, durfte sie in die Gemeinde zurückkehren. Und gerade dieser Fall ist interessant, weil ihn ein kleines Detail besonders macht: Münchens Fanseite darf bei Facebook nämlich nicht die Seite von &#8220;München.de&#8221; sein. Facebook fordert Exklusivität: Du sollst neben einer Facebook-Seite keine andere Internetseite haben. Zumindest darf sie nicht schon im Titel genannt sein.</p>
<p>Facebook strukturiert das Internet, wie die Religion die Gesellschaft. Umso mehr die Gesellschaft durch die neue Kommunikation, die weder Raum noch Zeit beansprucht, geprägt wird, desto mehr kompensieren bestimmte Dienste die sich abschwächende Rolle der Religion. 1970 waren 97% der westdeutschen Bevölkerung Christen. Mittlerweile sind es knapp 60%. Pro Dekade sinkt die religiöse Durchdringung der Gesellschaft um ein Zehntel. Es gilt keine Kausalität, aber der Rückgang der Religiösität fällt zusammen mit dem Wachstum des Internets. Einige Online-Dienste kompensieren die Jahrhunderte alte Rolle der Religion. Sie erfüllen dieselben Funktionen wie die Kirchen. Nur das Sakrale fehlt ihnen, dafür gibt es jetzt die Ökonomie. Mathe statt Magie, es macht ja eh keinen Unterschied.</p>
<p>Die Frage, wie viel Geld Facebook wert ist, ist für wenige Investoren interessant. Für die Millionen von Nutzerern stellt sich derzeit die Frage, wann die Gesellschaft die stetige Nutzung des Internets nicht mehr im medizinischen Schema der Sucht einordnet und ab wann Facebook-Freunde als psychisch und sozial folgenreiche zwischenmenschliche Kontakte angesehen werden. Das führt auch in eine Wertedebatte.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/meanestindian/5230962471/in/photostream/">Meena Kadri</a>)</em></p>
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		<item>
		<title>Des Soziologen guter Freund, der Taxifahrer</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/02/24/des-soziologen-guter-freund-der-taxifahrer/</link>
		<comments>http://sozialtheoristen.de/2012/02/24/des-soziologen-guter-freund-der-taxifahrer/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 24 Feb 2012 12:27:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologielinks]]></category>

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		<description><![CDATA[Jetzt, da ich gerade diesen nichtssagenden Text lese, muss ich an zwei Dinge denken, die jeden Bielefelder Soziologiestudenten betreffen – oder besser: plagen. Denn wo immer man auf Menschen trifft, die den Anforderungen gemütlicher Geselligkeit nicht gewachsen sind und das Thema Wetter schon hinter sich haben, kommt man darauf zu sprechen: (1) Bielefeld gibt&#8217;s doch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3310" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-13.jpg" alt="" width="550" height="271" /></p>
<p>Jetzt, da ich gerade <a href="http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,817182,00.html">diesen nichtssagenden Text</a> lese, muss ich an zwei Dinge denken, die jeden Bielefelder Soziologiestudenten betreffen – oder besser: plagen. Denn wo immer man auf Menschen trifft, die den Anforderungen gemütlicher Geselligkeit nicht gewachsen sind und das Thema Wetter schon hinter sich haben, kommt man darauf zu sprechen: (1) Bielefeld gibt&#8217;s doch gar nicht und (2) Was willst du nach dem Studium machen? Taxifahren in einer Stadt, die es nicht gibt? Hahaha.</p>
<p><span id="more-3308"></span>Nun, da es Bielefeld gibt und (erstaunlicherweise möchte man sagen, man sah ja, mit wem man studiert hat) auch jeder Soziologe einen Job für sich findet – gibt es noch ein anderes Thema, Soziologen und Taxifahrer betreffend, das bislang schlicht vernachlässigt wird. Seit ich nämlich in Frankfurt am Main als Journalist tätig bin, also hin und wieder mit dem Taxi fahre, in Frankfurt und anderen Städten, in denen ich mich entweder kaum oder gar nicht auskenne, mache ich immer wieder die gleiche sehr interessante Entdeckung.</p>
<p>Teilt man die Soziologen in zwei Lager, in die, die gut abstrahieren und analysieren und die, die gut beobachten und beschreiben können, finden sich unter den Taxifahrern eine hochqualifizierte Soziologenscharr der zweiten Gruppe. Man muss es einmal austesten und etwa zur Buchmesse nachts mit dem Taxi durch Frankfurt fahren. So lernt man die Stadt, ihre Menschen und Gäste wirklich kennen. Jeder Taxifahrer erzählt nach Mitternacht, wenn sich die Ruhe der Stadt auch aufs Gemüt gelegt hat, Geschichten, die so wahr wie unglaublich sind.</p>
<p>Taxifahrer haben es während ihrer ganzen Arbeitszeit unmittelbar mit der Gesellschaft zu tun. Sie haben sie im Auto, sie haben sie ständig um ihr Auto herum. Sie wechseln andauernd ihre Perspektive, räumlich und sozial. Sie wissen, wie sie Menschen auflockern und – das trifft zumindest auf Frankfurt häufig zu – es sind Menschen, die selbst aus anderen Kulturkreisen kommen also ihrerseits eine ganz eigene Ausgangsperspektive haben. Es ist so, wie es Reinald Grebe sang: &#8220;Sabine Christiansen macht die Welt nicht klarer / Die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer.&#8221;</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/brunociampi/2449418137/in/photostream/">Bruno. C.</a>)</em></p>
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		<title>„Deine Meinung zählt!“</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Feb 2012 19:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/17/%e2%80%9edeine-meinung-zahlt/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa/" rel="attachment wp-att-3186"><img class="alignnone  wp-image-3186" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg" alt="" width="648" height="261" /></a></strong></p>
<p style="text-align: left"><strong>Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur um <em>mitmachen und gewinnen</em>, sondern sozial viel folgenreicher: um Achtung, Missachtung und Verachtung.</p>
<p>Früher kannte man Abstimmungsprozesse fast ausnahmslos vom letzten Wahlgang. Heute ist jeder Tag ein <em>Wahltag</em>. Nicht nur die Marktforschungsinstitute veröffentlichen fast täglich neue Stimmungsbilder und Produktbarometer. Im Netz wimmelt es von Befragungstools über den Rücktritt von Politikern, über den neuesten Hit, das coolste Outfit oder die günstigste Krankenversicherung. Während Wahl- und Parteienforschung regelmäßig über sinkende Wählerquoten und wachsende <em>Politikverdrossenheit</em> klagen, kann von <em>Meinungsverdrossenheit</em> keine Rede sein.<span id="more-3182"></span></p>
<p><strong>Von der öffentlichen Meinung</strong></p>
<p>In interaktiv mitbestimmbaren Massenmedien wird es dabei schwer, private und öffentliche Meinung zu trennen. Der <em>Strukturwandel der Öffentlichkeit</em> hat sich gewandelt. Es ist nicht (mehr) das aus der Privatsphäre hervorgetretende, belesene und wohlgeborene Herrenpublikum, das sich in den Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts wahrheits- und vernunftbegabt im potentiell verallgemeinerungsfähigen Diskurs übt, denn: öffentlich bekundete Meinungen von selbsternannten Eliten müssen nicht unbedingt kritischer, intellektueller oder demokratischer sein als andere. Es lässt sich nicht ohne Weiteres von einer Meinung auf die soziale Herkunft schließen.</p>
<p>In den Massenmedien ist dagegen der Name Programm. Sie suchen nach Masse und nicht nach Klasse. Die Klick-, Einschalt- oder Hörerquote zählt und nicht die Qualität der Meinung. Woran sollte sich diese in einer pluralisierten Gesellschaft, die sich von ihren moralischen Fesseln gelöst hat, auch messen lassen? Der Preis für diese Freiheit ist der Verlust wohlgemeinter und wohlgepflegter Werte und Unterscheidungen, wie einst die zwischen Laien- und Expertenmeinungen. Und warum sollte die Diskussion im Salon moralisch gehaltvoller oder politisch verträglicher sein, als die Gespräche im Wirtshaus, beim Telefon-Joker oder im Internetforum? Es gibt gebildete Rassisten und und dumme Pazifisten.</p>
<p><strong>„Sie sind der Meinung das war&#8230;“</strong></p>
<p>Je nach Verbreitungsmedium treten neue Kanäle zum Einfangen der <em>Echtzeit-Responsiveness</em> auf. Verlage lassen in ihrem jeweiligen Erscheinungsturnus Bücher rezensieren, Zeitungen drucken täglich Leserbriefe und Radiosender kann man stündlich anrufen. Wer im Fernsehen von der passiven Publikumsrolle in die aktive Leistungsrolle schlüpfen möchte, braucht Sympathie, Attraktivität, und/oder andere medientaugliche Gesangs- Moderations- und Tanz-Qualifikationen, die auch hier unermüdlich aufs Neue getestet und bewertet werden. Am Neujahrstag twittert <a href="https://twitter.com/#%21/schlenzalot/status/153572631650635776">Schlenzalot</a>: <em>Plan für 2012: Weltfrieden und eine Castingshow für Twitterer</em>.</p>
<p><strong>Werten und Bewerten</strong></p>
<p>Auch online ist Meinung allerorts gefragt. Ob Plattform, Forum oder Blog, stets ist man aufgefordert zu verlinken, zu empfehlen und zu kommentieren. Eine Invasion von Share Buttons, Leserbriefen und Hörzeiten soll helfen die versteckten Präferenzen und Vorlieben der <em>Audienz</em> aufzuspüren. An diesen <em>unsichereren Orten</em> geht es tendenziell zu wie an den Spitzen von Organisationen, die zu allem eine Meinung haben, aber von nichts eine Ahnung. So ist in modernen Massenmedien alles, was sich irgendwie als <em>Meinung</em> qualifiziert – was einen irgendwie anschlussfähigen Beitrag abgibt – begehrt, weil scheinbar wünschens-, wissens- und vermarktungswert. Ständig sollen wir unseren Senf abgeben und ständig scheren auch wir uns um das gemein(t)e Geschwätz anderer Leute. Ganz selbstverständlich fragen wir nach den Bewertungen Dritter über Kunden oder Hersteller und suchen nach den Fixsternen am standardisierten Verbaucher-Himmel names TÜV, Waren- oder Ökotest. Und geht es weniger um klassische Kauf- als um hohe Kreditentscheidungen, orientiert man sich am finsteren Firmament der Finanzmärkte, wo ein unverrückbares 3er-Gestirn von Bonitätswächtern neue Buchstabenkombinationen aufblitzen lässt, um wieder eine<em> unabhängige Meinung</em> unter vielen anzubieten.</p>
<p><strong>Meinung dient der Vermarktung</strong></p>
<p>Meinung abzugeben wird technisch immer einfacher. Der Facebook <em>I like</em>-Button und die <em>Google-Verplussung</em> sind das Tor für ein milliardenschweres <em>Ad Tracking</em>. Die Selbst- und Fremdkommentierungen von Bild-, Text, und Video-Nachrichten werden dank algorithmischer Kategorisierungen dabei zu Selbstverstärkern unerkannter Wünsche und Trends. Allein dass jede Suche und jeder Seitenaufruf im Netz von Google anonym mitgeschrieben wird, erlaubt bereits ganz neue Möglichkeiten bei der Einpreisung von Online-Anzeigen. Auch wenn einer kausalen Gleichschaltung zwischen Werbeinformation und Warenkauf viele kognitive Grenzen gesetzt sind, ihre Auswahl und Darstellung auf der Seitenleiste beeinflusst dennoch irgendwie ganz ungeniert, unautorisiert und unerforscht das, was wir zu meinen scheinen (werden). Und sei es nicht zuletzt als Ärger über eben diese unintelligente Form der Meinungsvermarktung.</p>
<p><strong>Meinungsmärkte handeln zugleich mit Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Technisch sind Meinungen zwar leicht vermittelbar, aber kognitiv und kommunikativ haben sie ihren doppelten Preis: Jeder Klick und jeder Kommentar wird zur festen Währung auf Meinungsmärkten. Im Vergleich zu anderen Konsumgütern wird Meinung in <em>Aufmerksamkeit</em> gemessen. Sie lässt sich ständig losgelöst vom ursprünglichen Produzenten wieder verlinken und verwerten, und dies entlang einer ständig verlängerbaren (Er)-Schöpfungskette. Texte, Videos und Bilder lassen sich millionenfach anklicken, endlos und sinnlos kommentieren. Gerade wer seine Meinung schriftlich preisgibt, wird dann auch kritisierbarer als in mündlicher Kommunikation. Was in Seminaren oder Meetings noch schnell bestritten oder revidiert werden konnte (eben weil keiner mitschreibt oder auf record drückt), kann im digitalisierten Text beim Wort genommen werden. Meinungsmärkte sind deshalb riskant. Sie verlangen von den Beteiligten ein delikates Aushandeln von Selbst- und Fremderwartungen, dem sie sich immer wieder stellen müssen &#8211; wenn es denn nicht gelöscht oder anders verhindert wird.</p>
<p><strong><em>Asoziale</em> Netzwerke</strong></p>
<p>Wie in geselliger Interaktion ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut, das sich sozial, zeitlich und sachlich ungleich verteilt. Wer, wann, und mit wem kommuniziert, kann im Netz jedoch ungleich leichter limitiert, organisiert und vertagt werden. Zutrittsbarrieren lassen sich auf Facebook, LinkedIn &amp; Google+ über die Profil- und Kontoeinstellungen festlegen, die Onlinepresse kann eAbos vergeben und generell ist überall, wo <em>User-Content</em> generiert und genutzt wird, eine Anmelde-Schranke zwischengeschaltet. Während Unterhaltungen schnell wieder in einzelne Zwischengespräche zerfallen, wenn sie kein simultanes Aufmerksamkeitszentrum halten können, kann Aufmerksamkeit im Internet sukessiv auf- und abgebaut werden. Sie kann im Netz damit nicht nur technisch einfacher gesteuert werden, sie ist dort auch einfacher beobachtbar.</p>
<p>Share-Buttons, Statusnachrichten und threads machen Aufmerksamkeit für Meinungen zudem vergleichbar, weil sie messbar und unterscheidbar werden. Klickraten gerinnen zu Themen, die dem öffentlichen Gedächtnis zur Verfügung stehen, da sie ihm helfen zwischen erinnern und vergessen zu unterscheiden. Aber wer auf diesen Märkten keine hohen Werte für seine Meinungen erzielt, gerät dann auch leicht ins Abseits. Denn wer nicht kommentiert, wer nicht retweetet oder empfiehlt, straft seine Autoren mit Nichtbeachtung: Stell Dir vor Du postest eine Nachricht, und keiner liest sie. Stell Dir vor, Du stellst Dateien ins Netz und keiner nutzt sie. Der Entzug und die Gewährung von Aufmerksamkeit hängen dabei eng zusammen mit Fragen der Achtung und Missachtung.</p>
<p><strong>Meinungsinvasion als Ausdruck gesteigerter massenmedialer Konkurrenz</strong></p>
<p>Wenn die Erwartung auf Anschluss und Aufmerksamkeit enttäuscht wird, kann ihre Richtung umschlagen. Ignoranz wird dann zu einem wirksamen Mittel, um andere <em>mit Verachtung</em> zu strafen. Wo es die Möglichkeit zur Meinungskommunikation gibt, da wird Ihr Ausbleiben prekär, denn wer nicht dafür stimmt – sei es per Mausklick, Email, sms oder Telefon – von dem wird das Gegenteil angenommen – sei es gegen die Form oder gegen den Inhalt. Eine unbegründete und unbestimmte <em>Dislike</em>-Information läuft dann ständig implizit mit. Diese Unbestimmtheit kann unerträgliche Erwartungserwartungen provozieren: Wieso ist keiner im Chat? Wieso meldet sich keiner? Wieso wird nicht kommentiert? Öffentliche Meinungskommunikation macht sich dabei immer sichtbarer von der Bewertung Dritter abhängig. Meinungen treten dabei in Wettbewerb um Achtung und Missachtung. Der neurotische Suchzwang nach interaktiven Dritten in den unterschiedlichsten Massenmedien ist damit zugleich auch Spiegel verstärkter Konkurrenz um aufmerksame Beobachter. Und wo sich diese bündeln, da ist auch die ersehnte <em>Relevanz</em>, von der einsame Nutzer, verbissene Unternehmensrivalen und ungekrönte Blogger träumen.</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.mediaculture-online.de/blog/wp-content/uploads/2010/08/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg">Anja Lochner</a>)</p>
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		<title>23 Prozent</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 09:48:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Daily Show zu Foxconn, mit Dank für den Hinweis an Hans Hütt, der dies meinem letzten Text nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="550" height="309" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="src" value="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="base" value="." /><param name="flashvars" value="" /><embed width="550" height="309" type="application/x-shockwave-flash" src="http://media.mtvnservices.com/mgid:cms:video:thedailyshow.com:405953" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" base="." flashvars="" /></object></p>
<p>Die <a href="http://www.thedailyshow.com/watch/mon-january-16-2012/fear-factory">Daily Show zu Foxconn</a>, mit Dank für den Hinweis an <a href="http://www.hans-huett.de/">Hans Hütt</a>, der dies meinem <a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/01/supposed-to-be-fair/">letzten Text</a> nachtrug. Man muss nicht mehr dazu sagen, die Kontrastierung der US-Wahlkampfversprechen mit der Realität reichen. Man könnte aber noch seitenlang darüber schreiben, welche Individualitäts-, Freiheits-, und Selbstverwirklichungsversprechen über diese Technologie propagiert werden, während eben genau das Gegenteil zutrifft.</p>
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