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	<title>Sozialtheoristen &#187; Interaktion</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Empathie und Verwaltung</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 14:45:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein schlüssiges Argument ist: Professionalität. Wie schafft es ein Staat, Gefangene über Jahre in sensorischer Deprivation zu halten? Wie schafft es eine Bürokratie, eine Familie zu zerstören, weil sie die Eltern in den Wahnsinn und ein Kind in den Suizid treibt? Wie schafft es ein Polizist, per Amtshandlung einem Mann mit einem Wasser/Pfeffer(?)spray-Gemisch die Augen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2895" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Unbenannt-13.jpg" alt="" width="550" height="270" /></p>
<p>Ein schlüssiges Argument ist: Professionalität. Wie schafft es ein Staat, Gefangene über Jahre in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sensorische_Deprivation">sensorischer Deprivation</a> zu halten? Wie schafft es eine Bürokratie, eine Familie zu zerstören, weil sie die Eltern in den Wahnsinn und ein Kind in den <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article13760925/Abgeschoben-Wadim-K-sieht-als-Loesung-nur-den-Tod.html">Suizid</a> treibt? Wie schafft es ein Polizist, per Amtshandlung einem Mann mit einem Wasser/Pfeffer<em>(<a href="http://neusprech.org/pfefferspray/">?</a>)</em>spray-Gemisch die Augen auszuschießen?</p>
<p><span id="more-2892"></span>Man könnte viele bekannte Erklärungsmodelle ausprobieren. Es würde sich wahrscheinlich ein Tenor herausstellen, der verdeutlicht, dass der einzelne Polizist, Amtsmann, Wärter an seinem Handeln wenig schuld ist. Sie sind eben mit einer (nicht ihrer) Aufgabe betraut und über Bande motiviert, sie handeln unter Aufsicht, sie werden von Situationen überrumpelt, sie haben Verantwortungs- und Rechtfertigungspflichten (gegenüber dem Staat und nicht dem Volk, das ihnen gerade als konkretes Publikum gegenübersteht), usw. Sie agieren schlicht professionell. Sie beachten die geschriebenen Regeln und sie handeln konsequent. Ab und zu greift sogar das Argument des (spontanen) Ausnahmezustands. Sie erledigen Aufgaben, die erledigt werden müssen. Die Frage, wer sie erledigt, ist sekundär; bis eklatante Fehler passieren, dann geht es im Nachhinein oft nur noch um Akteure.</p>
<p>Es gilt aber auch hier, <a href="../../../../../2011/12/07/burn-out-diagnosen/">was oft gilt</a>: Es nützt nicht viel, Handlungen erst dann als solche zu markieren, wenn sie schief gegangen sind, um den Akteur der Handlung zu ermitteln, damit man moralisch tätig werden kann. Und es wird auch nicht viel nützen, vom Einzelnen abstrahiert direkt auf die Gesellschaft zu zielen, um seinen Unmut abzuarbeiten. Beide Male setzt man an einem Problem an, welches sich an einem Einzelfall manifestiert und man macht den Fehler, den man genau nicht machen will: Man empört sich heftig, kurz und folgenlos.</p>
<p>Polizisten, Amtspersonen und Gefängniswärter können Fehler machen aber die Frage, die zu stellen ist, zielt auf die Bedingungen der Möglichkeiten, die diese Fehler zulassen. Ohne viele Umwege stößt man immer auf die Organisation, der eine Empathieschnittstelle fehlt. Eine Interaktion im Amtszimmer, auf der Demonstration, im Gefängnis kann auf Achtung und Empathie beruhen – doch diese Qualität der Kommunikation kann sich nicht in die Kommunikation der Organisation vererben. Der Polizist, Amtsmann, Wärter kann sich von seiner (Leistungs-)rolle distanzieren und seinem Gegenüber nicht in dessen Publikumsrolle, sondern als Mensch begegnen und Hilfe, Anerkennung und Verständnis zeigen, doch das ist ein einseitiges Privileg. In der Angelegenheit, in der man zusammentrifft, sind Personen austauschbar und werden auch schnell ausgetauscht – das ist das Schicksal in der Kommunikation <em>mit</em> Organisationen: Organisationen kennen selbst nur ihre eigenen Entscheidungen.</p>
<p>Sie können jedoch entscheiden, mehr zuzulassen. Manche große Firmen, zumeist spezialisierte Produzenten, haben Kunden, von denen sie existenziell abhängig sind. Wenn ein Kunde für 25% des Jahresumsatzes verantwortlich ist, überlässt man die Einzelheiten des Kontakts mit ihm nicht dem Marktgeschehen oder der Beliebigkeit. Solche Firmen institutionalisieren „Key-Account-Manager“. Sie übergeben ihr Schicksal in die Hände eines Mitglieds, statten sie gerade noch mit Ressourcen aus und überlassen den Alltag dieser <em>Person</em>. Organisationen finden Wege, Aufgaben zu erledigen, die sie <em>selbst</em> gar nicht erledigen können (zumindest nicht auf Programm- und Kommunikationsebene und auch nur begrenzt mit Personalentscheidungen).</p>
<p>Das Schicksal von Wadim (siehe der <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article13760925/Abgeschoben-Wadim-sieht-als-Loesung-nur-den-Tod.html">Link</a> von oben) ist so unerträglich, dass es nötig erscheint, die Ausländerverwaltung gänzlich anders zu regeln. In derart existenziellen Fragen, und seine Geschichte endete mit seinem Tod, darf nicht eine Organisation für alles verantwortlich sein, ohne dass es auch nur eine Person gibt, die tatsächlich verantwortlich ist. Soziologisch auf das eine, hier entscheidende, Problem verkürzt, funktioniert die Hamburger Ausländerbehörde wie die Guantanamo-Gefangenenverwaltung: durch ständige Personalrotation und Rückbezug einzig auf eigene Entscheidungen. Niemand ist für die Familie verantwortlich, die Verwaltung ist es – und jeder Amtsmann, der den Fall einmal auf seinem Schreibtisch findet, verbucht eine weitere Etappe in der Entscheidungskaskade, die sich über ein Jahrzehnt durch die gesamte Verwaltung schlängelt. Zuständig ist immer der Nächste. Der der Befragungen anordnet, führt sie nicht durch; der der entscheidet, überlässt die Umsetzung dem Nächsten. In der Verwaltung kennt man nur Puzzleteile, nur für die betroffene Familie vervollständigt sich über Jahre ein unerträgliches Bild.</p>
<p>Die moderne Gesellschaft hat es geschafft, keine Täter mehr zu kennen. Die Opfer sind nun ganz allein.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/ciphertux/5799298906/in/photostream/">Sumeet Moghe</a>)</em></p>
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		<title>&#8220;Social Web&#8221; ist eine Lüge</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 08:55:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Internet kann nichts dafür, dass wir es überfordern. Es sind eben doch alles nur Nullen und Einsen, so oft von der Maschine hin und her interpretiert, dass es kaum einen Unterschied macht, ob wir noch einen Interpretationslayer oben drauf legen, nur weil uns so vertraut scheint, was der in und für viele Sinne flache [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2742" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Das Internet kann nichts dafür, dass wir es überfordern. Es sind eben doch alles nur Nullen und Einsen, so oft von der Maschine hin und her interpretiert, dass es kaum einen Unterschied macht, ob wir noch einen Interpretationslayer oben drauf legen, nur weil uns so vertraut scheint, was der in und für viele <em>Sinne</em> flache Bildschirm uns vorgaukelt. Über den Begriffsgehalt des <em>Virtuellen</em> sollte noch viel mehr nachgedacht werden. Es bleibt bei Übungen, die uns immer wieder aufzeigen, dass sie ihr Ziel verfehlen. Seien sie auch noch so gut: <a href="http://thenicestplaceontheinter.net/">thenicestplaceontheinter.net</a></p>
<p><span id="more-2741"></span></p>
<p>[<a href="http://www.spreeblick.com/2011/12/01/the-nicest-place-on-the-internet/">via</a>]</p>
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		<title>Wünsche, Wille und Vorstellungen</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/11/25/wunsche-wille-und-vorstellungen/</link>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 12:11:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologielinks]]></category>

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		<description><![CDATA[In einer meiner ersten Uni-Veranstaltungen, erstes oder zweites Semester, in einem Sozialpsychologieseminar, hatten wir mit der Dozentin festgestellt, dass es im Grunde keinen Altruismus gibt, weil sich jedes derartige Verhalten auf Egoismus zurückführen lässt. Glücklicherweise war das ein Ausflug in ein fremdes Fach, mein Studium war das der Soziologie. Obwohl ich, um den familiären Fragen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2688" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2688" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/11/Unbenannt-13.jpg" alt="" width="550" height="292" /><p class="wp-caption-text">Kinder lernen erst spät, sich physisch von ihrer Mutter zu unterscheiden. Doch was lernen sie dabei?</p></div>
<p>In einer meiner ersten Uni-Veranstaltungen, erstes oder zweites Semester, in einem Sozialpsychologieseminar, hatten wir mit der Dozentin festgestellt, dass es im Grunde keinen Altruismus gibt, weil sich jedes derartige Verhalten auf Egoismus zurückführen lässt. Glücklicherweise war das ein Ausflug in ein fremdes Fach, mein Studium war das der Soziologie. Obwohl ich, um den familiären Fragen auszuweichen, lange behauptet hatte, ich „studiere im Grunde nur Quatsch“, wusste ich ab diesem Seminar, dass ich gerade keinen Quatsch studiere und dass ein Merkmal dafür die Einsicht war, dass es auf gute Fragen eben nicht zwingend gute Antworten gibt. Wer seitdem Obiges (oder Ähnliches) behauptet, wird mit Skepsis beobachtet. Nicht, weil es inhaltlich falsch sein kann, sondern weil schon das Behaupten als solches falsch ist. Altruismus ist einer dieser Begriffe, der zwar pragmatisch benutzt werden kann, der aber keiner inhaltlichen Überprüfung standhält. Wir wissen nicht, was er sagt; wir können es uns nur immer wieder neu fragen.</p>
<p><span id="more-2686"></span>Also: Gibt es Altruismus, und was hat es mit ihm auf sich? Helmut Mayer führte ein bemerkenswertes <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/michael-tomasello-im-gespraech-im-tiefsten-sinne-sind-wir-soziale-wesen-11538645.html">Interview mit dem Verhaltensforscher Michael Tomasello</a>. Affen sind demnach zwar in der Lage, Perspektiven eines anderen zu übernehmen, doch sie tun dies nur in Konkurrenzsituationen. In Situationen in denen ihnen, aus unserer Perspektive, Kooperation weiterhelfen würde, verfallen sie in sozial hoffnungslosen Egoismus. Das ist vielleicht „echter“ Egoismus, weil ein Erkennen des anderen vorangeht, aber daran nicht konstruktiv angeschlossen wird.</p>
<p>Sollte man es so verstehen, fielen Altruismus und Kooperation begrifflich zusammen. Soziologisch korrekt wäre natürlich, jetzt anzumerken, dass mit Altruismus ein „selbstloses“ Verhalten gemeint ist. Im guten Sinne alter Theorien müsste aufgerechnet werden, ob ein Verhalten einem anderem mehr nützt als einem selbst. Bei (negativer) Asymmetrie des Nutzens läge Altruismus vor, bei symmetrischer Nutzenausbeute Kooperation. Aber wer denkt so? Der beobachtende Forscher vielleicht, der handelnde Alltagsbewältiger nicht. Er handelt einfach, ohne sich Gedanken zur zwischenmenschlichen Nutzenkalkulation zu machen und: Man opfert sich viel häufiger als man vermutet. Werden wir auf der Straße um Hilfe gebeten, helfen wir, und stellen unser Handeln für kurze Zeit ganz dem Nutzen eines anderen zur Verfügung, während wir Zeit und Kraft verbrauchen statt investieren, und nicht auch noch kalkulieren.</p>
<p>Nimmt man die Unterscheidung Bekannte/Unbekannte auf, kann man das Argument weitertreiben. Bekannten gegenüber sind wir um ein vielfaches hilfsbereiter. Natürlich weil immer zu vermuten ist, dass man sich wieder sieht und in kommenden Situationen die Rollen des Hilfsbedürftigen und Hilfsbereiten vertauscht sein könnten. Doch Menschen sterben auch füreinander, oder: gerade füreinander. Vor 200 Jahren kämpfte man im Krieg noch in Reihen. Unbekannte standen sich nicht nur gegenüber, sondern auch nebeneinander. Heute sind alle modernen Armeen in Primärgruppen eingeteilt und beuten damit ganz andere Potenziale aus. Soldaten müssen nicht mehr zum Sterben für ihr Vaterland gezwungen werden, sondern sie sterben spontan und freiwillig für ihre Kameraden. Nicht sehr selten werden Soldaten nicht hinterrücks getötet, sondern entscheiden quasi selbst über ihren Tod. Als die Primärgruppe als Ordnungsprinzip in den Armeen installiert wurde, machte man sich ein soziales Prinzip zunutze, von dem wir kaum wissen, wie es funktioniert.</p>
<p>Krieg betrifft extreme Situationen, aber in ihnen wird eben deutlich, was auch sonst gilt: „Im tiefsten Sinne sind wir soziale Wesen.“ Und wir wissen nicht, warum; prinzipiell nicht und auch ganz individuell nicht. Es sind mindestens zwei Sonderwege, die nur der Mensch beschreitet: Er ist zur Reflexion in der Lage und er kennt im Grunde keine klare Grenze zwischen Ich und Du. In der Liebe, also nicht sehr weit vom Krieg weg, ist es noch am auffälligsten: „Ich liebe dich“ ist die Formel, die „Wir“, und damit eine ganze eigenartige Grenzziehung, ergibt. Doch anders als die Popkultur es uns vorgaukelt, ist das „dich“ in der Formel nie eindeutig definierbar. Liebe ist auch ein Gefühl, das kommt und geht, so flüchtig wie Wut, Freude und Bestürzung; ohne nur bloße Zuneigung zu sein und ohne nur auf Personen zu zielen. Haben wir nur ein Gespräch geführt, ist die Welt schon eine andere, weil wir von uns aus eine neue Grenze zu ihr (der Welt) gezogen haben. Jemand wurde in unser Ich-Konzept aufgenommen oder ausgeschlossen. Und zwar ohne, dass man selbst darüber befindet.</p>
<p>Man kann sich darauf einigen, das Ich-Konzept prinzipiell umzubauen, um bei der obigen Feststellung zum totalitären Egoismus zu bleiben. Doch es hilft überhaupt nicht weiter, den Unterschied kognitiver und kommunikativer Systeme hier zu verwischen. Das „Ich“ ist nicht nur ein Wahrnehmungsapparat, der sich eben freut, wenn er anderen hilft; und nur deswegen hilft.</p>
<p>Es bleiben nur Fragen. Die Welt als Wille und Vorstellung, Wille und Vorstellungen als Wünsche, die über unsere physischen Grenzen hinausreichen und situationsabhängig flexibel sind – und kaum kommunikativ expliziert werden müssen. Herr Tomasello beschließt das oben verlinkte Interview mit einem Verweis auf seine aktuelle Forschung. Er möchte seine Erkenntnisse zu den Formen der Kooperation ins Verhältnis setzen „zur Natur menschlicher Moralität“. Ich habe lange keine derart interessante Fragestellung mehr gehört. Natur als quasi Gegenbegriff zur Kultur; Moral als die generalisierten Bedingungen der Achtung; Achtung als das primäre Ordnungsprinzip von Interaktion; Interaktion als Kommunikation unter Anwesenden; Anwesende als sich reflexiv Wahrnehmende, verstrickt in die einzige Möglichkeit, die Transformation von Unbekannte in Bekannte zu bewältigen; usw. Schon die spontane „<a href="https://plus.google.com/106168571152509990135/posts/LXMcyhmiZnh">Assoziologie</a>“ verspricht viel.</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/pss/233842170/in/photostream/">Paul Stevenson</a>)</p>
<p>Update (19:30): Malte Welding behandelt die Frage: &#8220;<a href="http://maltewelding.berliner-zeitung.de/2011/11/25/kann-ich-alleine-mehr-ich-selbst-sein/">Kann ich alleine mehr ich selbst sein?</a>&#8220;</p>
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		<title>Verliebt, verlobt, verfahren</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 16:42:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/courtsketch-dsk-2/" rel="attachment wp-att-2559"><img class="alignnone size-full wp-image-2559" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/09/courtsketch-dsk1.jpg" alt="" width="524" height="297" /></a></p>
<p><strong>Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht</strong></p>
<p>Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im Auditorium empfangen und gegangen wurde.</p>
<p><span id="more-2295"></span>Alle Welt sah zu als Dominique Strauß-Kahn alias DSK, infolge der Anklage wegen <em>versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung</em> an einer Hotelangestellten die Täterrolle – und mit den sozialen Konsequenzen zugleich auch eine Opferrolle – in einem US-Ermittlungsverfahren einnahm. Mit der medialen Attraktivität gekürzelter Zeichensprache ist der belesene Zuschauer hierzulande spätestens seit des Falls KTG vertraut. Das Kürzel erscheint zugleich als Diagnose, deren Therapie bereits in Arbeitsverträgen als <a href="http://www.ftd.de/politik/international/:iwf-spitze-lagarde-muss-strauss-kahn-klauseln-unterschreiben/60074922.html">DSK-Klausel</a> Eingang gefunden hat. So musste sich seine Landsfrau und Nachfolgerin Christine Lagarde im neu verfassten Chef-Vertrag des IMF bereits dazu verpflichten, <em>jeglichen Anschein von Unschicklichkeit zu vermeiden</em>. Nun gilt es <em>Contenance à la Américaine</em> zu wahren.</p>
<p><strong>Inszenierung auf der Vorderbühne</strong></p>
<p>Für das globale Publikum wurden die regelmäßigen Gänge zum New Yorker Criminal Court bildlich und ausführlich festgehalten. Le Monsieur kam stets an der Seite seiner Frau, die seine Unschuld ebenso stets beteuerte. <a href="http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/anne-sinclair-1091900/"><em>Wie hält sie das nur aus?</em></a>, titulierten die Frauen-Magazine. Doch so dumm und blind dieses anscheinend weibliche Verhalten schien, es hatte eine strategische Wirkung. Seine Frau machte mit ihrer <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/frau-von-dominique-strauss-kahn-anne-sinclair-unerschuetterlich-in-ihrer-treue-1.1098212">unerschütterlichen Treue</a> aller Welt deutlich, dass hier nicht der Chef des IMF, sondern der Privat- und Ehemann weniger Täter, sondern vielmehr Opfer der Anklage sei. Die mutmaßliche femme fatale wurde stattdessen zunächst bewusst von der Öffentlichkeit ferngehalten.</p>
<p>Wenn auch ein langwieriges juristisches Verhandlungsdrama wie im Falle Kachelmann zunächst ausblieb, ein tragisches Ende nahm die klagende Partei ebenso. Höhepunkte des Ermittlungsverfahrens waren die medienwirksamen und emotionalen Interviews des Zimmermädchens und die Aussagen der Krankenhaus- und Hotelmitarbeiter. So unterschiedlich die Protagonisten und ihre Motive auch sein mögen, in beiden Fällen wird eine Trennung von öffentlichen und verfahrensmäßigen Rollen sichtbar. Die Spielregeln dieser Trennung beherrschten v.a. die männlichen Angeklagten, die sich mit Starverteidigern aus der peinigenden Untersuchungshaft zum <em>fesselnden</em> Hausarrest hin zum phoenixartigen Freispruch verhalfen.</p>
<p><strong>Unerwarteter Abgang<br />
</strong></p>
<p>Wer hätte mit diesem Ausgang gerechnet? Wer hätte im Mai erwartet, dass der anscheinend notorische Charmeur, dem bereits in seiner Heimat ein weiteres Verfahren bevorsteht, am Ende frei gesprochen wird gegen die Klage einer unbelasteten, unwissenden und unvermögenden Hotelangestellten? Alle Welt, die Beteiligten und Betroffenen wurden in ihren Erwartungen enttäuscht. Unabhängig von jeder Moralpredigt lehrt der Fall, dass medial inszenierte Auftritte und Darstellungen kein Ersatz für die Legitimation von Rechtsentscheidungen durch Verfahren sind.</p>
<p>Angesichts der Dramatik des Auftakts und der Dynamik der Ermittlungen, bleibt am Ende ein triumphaler Jubel aus. Auch wenn heute einige französische Parteigenossen die Heimkehr ihres <em>Camerade</em> mit Freude ankündigen, das Gros des Publikums verharrt stumm und still in einer eher nachdenklichen Pose. Und dieser Effekt ist es, der das Rollenverhalten vor Gericht von einem Theaterakt unterscheidet: Denn nicht wie auf der Bühne ist mit der Gage geklärt, dass der Verlierer im Gerichtssaal die Entscheidung der Richter auch annimmt und sich nicht gegen das Drehbuch oder die Regie auflehnt.</p>
<p><strong>Was garantiert die Akzeptanz auf der Verliererseite?</strong></p>
<p>Aber wie geht die erfolglose Partei mit dem Urteil um? Was garantiert ihre Akzeptanz gegenüber der Entscheidung – nach all der Schmach und der Pein? Auch wenn die Klägerin in diesem Fall innerlich gegen das Urteil rebellieren mag, Sympathisanten und Protestler lassen sich schwer finden. Auch das ist ein Merkmal legitimer Verfahren: Die verlierende Partei ist sozial isoliert. Die öffentlich beschworene Unterstützung durch die Preisgabe des eigenen Seelenlebens mussten die Richter gefühlskalt lassen. Der Akzeptanzbeschaffung gehen dabei zwei Bedingungen voraus: Die rollenmäßige Verstrickung der Beteiligten und die Offenheit der Rechtsentscheidung.<em> </em></p>
<p><strong>Verstrickung im Verfahren<br />
</strong></p>
<p><em>Mangelnde Glaubwürdigkeit</em> lautete die Begründung für die Einstellung des Ermittlungsverfahrens im Fall DSK. Wie konnte das passieren, wo doch die Beweislage den Akt so eindeutig bestätigte? Zu viele Fragen blieben jedoch offen, die z.T. erst während des Gerichtsverfahrens zum Vorschein kamen. Ein Verfahren ist kein einfaches Schauspiel, sondern angesichts der sensiblen Ansprüche an konsistente Selbst- und Fremddarstellungen der Beteiligten eine Zumutung. Bisherige Rollen müssen im Verfahren selbst erst erworben und erlernt werden. Die Klägerin kann weder als Freundin oder Angestellte auftreten und DSK kann nicht als Ehemann, Vater oder Chef vorspielen.</p>
<p>Verfahrensmäßige Rollenbildung unterliegt dem Wechselspiel unterschiedlicher Erwartungen. Es bedarf der ständigen Anpassung und kann auch deshalb schwer vorbereitet werden. Die Glaubwürdigkeit einer Opferrolle stellt wohl eine der größten Darstellungsprobleme an das eigene Verhalten, denn diese Rolle scheint gegen widersprüchliches Verhalten (insbesondere der Übernahme verfahrensexterner Rollen) am anfälligsten. Verfahren sind deshalb höchst darstellungssensibel. Wie v.a. im Tatort beobachtbar ist, darf beim Storytelling des Tathergangs und der Beweggründe die Bewusstheit der eigenen Selbstdarstellung oder der geleisteten Fremddarstellung nicht mit dargestellt werden. Auch wenn ein stratgischer Motivverdacht bzw. Inszenierungsanteil in jeder Selbstdarstellung mitläuft, ein Übermaß an Strategie würde den eigenen und fremden <em>Gesichtsverlust</em> bedeuten.</p>
<p><strong>Glaubwürdigkeit als dargestellte Rollenkonsistenz</strong></p>
<p>Durch das Zeremoniell des Verfahrens (Verlesung der Anklage, Identifikation der Person, Moderation der Spreckakte, usw.) sind alle Beteiligten angehalten, ihr Verhalten ernst zu nehmen und als bindend zu betrachten. Dieser Bindungseffekt entsteht erst im Verfahren und durch das Verfahren – unabhängig von den Prozessgesetzen. Statt direkter Drohmacht, richterlicher Autorität oder sozialer Kontrolle, wirkt die Macht des Verfahrens, in dessen Verlauf sich alle Beteiligten durch ihre passive oder aktive Rollenübernahme im doppelten Sinne verstricken und dabei nicht selten verzetteln. Takt, Toleranz und psychologisches Einsichtsvermögen sind dabei von hoher Bedeutung.</p>
<p>Im Falle von Anwaltsprozessen läuft die Selbstdarstellung der betroffenen Parteien über Dritte – namentlich über Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Vertretung durch Dritte gibt den Betroffenen zwar nur eingeschränkten Raum für eigenes Engagement, aber ihr Verhalten bleibt dennoch mit ausschlaggebend für die Urteilsfindung. Auch sie müssen sich auf bestimmte Verhaltenserwartungen einlassen und sich festlegen.</p>
<p><strong>Öffentlichkeit</strong></p>
<p>Eine Konsistenzprüfung ihres Verhaltens während des Ermittlungsverfahrens findet dann auch für das Verhalten außerhalb des Gerichtssaals statt. Nicht ohne Grund hält Krimnalpolizei unangemeldete Hausbesuche ab. Erst der Umstand, dass Erwartungen anderer an das eigene Verhalten im Handeln selbst mitgeführt werden, UND dass diese unterschiedlich ausfallen können, macht Rollenverstöße sichtbar. Diese Konsistenz des Rollenverhaltens ist gleichzeitig Bedingung für eine angemessene Darstellung seitens Dritter. <em>Ich kann Sie ansonsten in diesem Fall nicht vertreten</em>, hört man regelmäßig im Krimi-Kino.</p>
<p><strong></strong>Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass die Betroffenen v.a. am Anfang und am Ende des Verfahrens nach Öffentlichkeit suchen, um ihrer bisherigen Selbst- und Fremddarstellung mehr Aufmerksamkeit und Korrektur zu verleihen.  Jedoch sind gerade im Ermittlungsverfahren, wenn plötzlich immer mehr unschöne Details nicht nur über gelebte Sexualität, sondern auch über intime Vorstellungen und Wünsche an die Klatsch- und Tratschblätter der Welt geraten, die <em>Vorstrafen</em> für eine widersprüchliche Selbstdarstellung hoch – und dies noch bevor das mögliche Strafmaß Gegenstand einer  Hauptverhandlung werden konnte. Öffentlichkeit ist ein zentrales Merkmal moderner Verfahren. Wieviel mediale Öffentlichkeit Teil davon wird, ist auch Teil der Entscheidungen vor Gericht.</p>
<p><strong>Rollenbindung durch Entscheidungsoffenheit</strong></p>
<p>Rechtliche Entscheidungen können sich über Jahre und Instanzen ziehen. Am Ende stehen sich immer zwei Seiten – Verlierer und Gewinner – gegenüber. Die Gleichheit der Parteien ist ein wesentliches Verfahrensprinzip. Was Verfahrensentscheidungen dabei so einzigartig und unwahrscheinlich macht, ist neben der angesprochenen rollenmäßigen Autonomie gegenüber anderen (öffentlichen wie privaten) Sphären, die Herstellung und Darstellung ihrer Offenheit. Richter dürfen sich gerade wegen dieser Offenheit der Entscheidung so wenig wie möglich als Entscheider darstellen, damit die Entscheidung selbst als eine Folgerung aus rechtlichen Normen und ermittelten Fakten erscheint.</p>
<p>Legitimation ist keine Eigenschaft des Entscheidungsinhalt. Entscheidend ist nicht, <em>was</em> als Urteil entschieden wurde, sondern <em>wie</em> bzw. unter welchen Bedingungen. Das Urteil ist legitim, nicht weil Gott es so wollte, die Parteien einen Konsens fanden oder ihre intersubjektive Richtig-, Wahrhaftig- und Verständlichkeit gesiegt hat, sondern weil das Urteil erst im Verfahren selbst herstellt wurde und damit auch anders hätte ausfallen können. Es ist diese Offenheit, die als Bedingung die Beteiligten zu einem rollenmäßigen Engagement motiviert, diese zwingt, sich auf eine Rolle und dessen Darstellung festzulegen und sie schließlich an das Urteil bindet. Dieses Engagement ist jedoch auf die Verfahrensrolle beschränkt, die nicht von anderen eigenen Alltagsrollen ohne Weiteres tangiert wird. Der Prozessverliererin kann niemand den Vorwurf machen, wegen ihres Handelns im Verfahren etwa eine schlechte Mutter oder Freundin zu sein.</p>
<p><strong>Verfahren selbst als stummer Sieger</strong></p>
<p>Auch wenn die vermeintliche Tat im New Yorker Sofitel Hotel nicht weiter strafrechtlich verfolgt wird, so ist dennoch nicht mehr anzweifelbar, dass sie in irgendeiner Weise zustande kam. Das Siegertreppchen fällt entsprechend in den Keller. Das Publikum und die Beteiligten haben gelernt, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern moralisch fließend und gerichtlich eindeutig entschieden werden &#8211; aber auch wieder entscheidbar sind: Ein zivilrechtliches Urteil über die Anklage steht noch aus. Angesichts der hohen emotionalen, rufmäßigen und finanziellen Kosten beider Parteien, geht als stiller Gewinner im Fall des Ermittlungsverfahrens schließlich das Verfahren selbst hervor.</p>
<p>Foto: AP aus: <a href="http://www.thehindu.com/news/international/article2025538.ece">The Hindu</a></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong></p>
<p>Luhmann, Niklas 1983: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt am Main.</p>
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		<title>Situationsdefinitionen auf Finanzmärkten</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 11:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Börsencrash]]></category>
		<category><![CDATA[Erwartungen]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Prophezeiung]]></category>

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		<description><![CDATA[Produktive und destruktive Momente von Selbstverunsicherungen Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<dl>
<dt><strong>Produktive und destruktive Momente von Selbstverunsicherungen<br />
</strong></dt>
</dl>
</div>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/beautifulproph/" rel="attachment wp-att-2212"><img class="alignnone size-medium wp-image-2212" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/beautifulproph-550x275.jpg" alt="" width="550" height="275" /></a></p>
<p>Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie gleichzeitig die Orders auf dem Finanzparkett. Dort war von Chaos, Crash und Craziness zu lesen.</p>
<p><span id="more-2169"></span><strong>Kurskorrektur statt Geldvernichtung</strong></p>
<p>2,5 Billionen Dollar seien in der letzten Woche <em>vernichtet</em> worden, berichteten die Tagesthemen. Das würde dem Bruttoinlandsprodukt Frankreichs entsprechen, schrieben diverse Onlineblätter unisono. Allem Ärger zum Trotz hinkt jedoch dieser Vergleich zwischen <em>Wall Street</em> und <em>Main Street</em>: Kursverluste auf den Kapitalmärkten sind keine Wertschöpfungsverluste, sondern spiegeln Preisdifferenzen von Zahlungsversprechungen gegenüber Finanzprodukten wider. Wer tatsächlich wie viel Geld verloren und wer (beispielsweise auf fallende Kurse setzte und) dabei Gewinne gemacht hat, ist weder der Volatilität noch der Volumina zu entnehmen. Der Kapitalmarkt ist auch in dieser Hinsicht nicht informationseffizient. Die Eigentumstitel und ihre Nominalwerte sind unverändert (knapp), sie haben nur ihren Besitzer und ihren Preis gewechselt. Das Nullsummenspiel der Märkte wurde damit nicht aus<em>gehebelt.</em> Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zu Ende. <em></em></p>
<p><strong>Politische Zeit unterläuft Marktzeit</strong></p>
<p>Drei Meldungen seien für die Börsenturbulenz ausschlaggebend gewesen. Die Schuldenkrise in den USA, der EU und die (damit irgendwie verkettete) weltweite Konjunkturerwartung. Eine vierte Nachricht habe dann noch mehr Sand ins Börsengetriebe geworfen als am Donnerstag EU-Kommissionspräsident Barroso in einem Schreiben an die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone eine deutliche Aufstockung des Rettungsfonds EFSF forderte. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Politik mit ihren Entscheidungen chronisch hinter der potenzierten Zeit der Finanzmärkte hinterher läuft. Doch so sehr sie sich in den letzten (Urlaubs-)Wochen um Sparprogramme, Rettungspakete, Umschuldungen und letztlich auch um eine Beruhigung der Märkte bemüht hatte, so sehr wurde diese eine (noch nicht kollektiv bindende) Nachricht für die allgemeine Verunsicherung verantwortlich gemacht.</p>
<p><strong>Selbstverunsicheurng</strong></p>
<p>Die genannten Meldungen sind jedoch keine wirklich neuen Neuigkeiten. <em>Mehr</em> der Staatsschulden ist seit Monaten bekannt. Selbst die Herabstufung der Bonitätsbewertung der USA seitens Standard &amp; Poor’s sollte zumindest weder für Politiker noch für institutionelle Anleger eine Überraschung gewesen sein – hatten die Agenturen doch in der Vergangenheit allzu oft eine <em>just in time</em> Anpassung versäumt. Die Talfahrt scheint vor diesem Hintergrund weniger auf einer allgemeinen Verunsicherung als auf einer <em>Selbstverunsicherung</em> zu fußen: Den Kurskorrekturen ging eine Kumulation von Erwartungskorrekturen voraus, die soziologisch nicht mit dem Verweis auf politisch verstörte Einzelmeldungen, sondern mit den Mechanismen wechselseitiger Situationsdefinitionen erklärt werden können: Marktteilnehmer erwarten plötzlich, dass andere Teilnehmer ihre Erwartungen ändern und verändern daraufhin ihr (Ver-)Kaufverhalten, was wiederum erst das erwartete Verhalten hervorrufen kann, usw.</p>
<p><strong><em>(Aus-)Tausch</em></strong><strong> von Erwartungserwartungen</strong></p>
<p>Wenn auf dem Parkett und an den Telefonen der Händler die Orders eingehen, Preise für Finanztitel verhandelt und daran geknüpfte Zahlungsversprechen getauscht werden, kann dies noch so turbulent und chaotisch erfolgen, es stabilisiert damit zugleich eine Sozialordnung. Diese Ordnung beruht auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen zwischen Marktteilnehmern, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen haben. Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Personen A und B: A erwartet, dass B erwartet, dass A zu jenem Kurs kauft und B erwartet umgekehrt, dass A erwartet, dass B zu jenem Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktteilnehmer wechselseitig. Der eine erwartet, was der andere tut, während der andere erwartet, was der eine tut. Nicht erfüllte (Kauf-)Erwartungen können deshalb nicht selten zu Enttäuschungen führen; sie tragen dadurch aber auch umgekehrt zum Festhalten an bestimmten Erwartungen bei. Im Gegensatz zu Produktmärkten können auf Kapitalmärkten Kauf- und Verkaufsrollen auch von derselben Person eingenommen werden (<em>switch-role markets</em>). Dies ändert wenig an den sozialen Bedingungen von Verhaltenserwartungen, jedoch dynamisiert es die Sozialordnung von Märkten ungemein.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung durch kumulative (Erwartungs)effekte</strong></p>
<p>Die Erwartungen an denen die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen ausrichten, sind zeitlich nicht stabil, sondern immer auch anders möglich. Sie orientieren sich an vergangenen Entscheidungen und unterschiedlichen Prognosen über ihr Kaufverhalten. Im Gegensatz zu gemachten Zahlungen können modellierte Zukunftsaussichten wieder geändert und revidiert werden. Prognosebasierte, erwartungsgesteuerte (und damit nicht vollständig determinierte) Entscheidungen sind daher auch der Selbstverunsicherung ausgesetzt. Sie müssen mitrechnen, dass sie im nächsten Moment bereits vergangen sind und damit den Folgen einer veränderten Bewertung seitens der Marktteilnehmer unterliegen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 kauft, kann zu einem Zeitpunkt t1 wieder verkaufen. Wer auf steigende Kurse setzte, kann Sekunden später auf fallende setzen und umgekehrt.</p>
<p><strong>Situationsdefinitionen gehen ihrer möglichen Ursachen voraus</strong></p>
<p>Wenn beispielsweise ein Kurs nicht weiter steigt, setzt ein Bewertungsumschlag der Erwartung ein. Wird dieser Kursfall als unerwartet hoch beschrieben, kann sich das Marktgeschehen an dieser Beschreibung orientieren und damit die Situation erst hervorrufen, ohne dass dafür eine neue <em>externe</em> Information als Auslöser eindeutig identifizierbar wäre, und ohne dass sich die befürchteten Erwartungen überhaupt einstellen. Gerade wenn bei Kursfällen (oder -anstiegen) bestimmte Richtwerte oder Grenzwerte über DAX-Kurse oder andere Indices bei Anlegern eingehen, laufen vermehrt vorprogrammierte Kaufs- und Verkaufsentscheidungen ab. Das Erreichen einer <em>Marke</em> lässt sich hinterher schwer auf eine Einzelhandlung zurechnen. Es ist <em>und</em> wird jedoch Ausdruck umstrukturierter Erwartungen und neu definierter Situationen. Dass (selbst-)verunsichernde Handlungsschemata in ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Weise in anderen Bereichen auftreten können, beschreibt das so genannte Thomas-Theorem: <em>If men define situations as real, they are real in their consequences</em> – bekannter unter der verkürzten Formel <em>sich selbsterfüllender Prophezeiungen</em>.</p>
<p><strong>Selbsterfüllende Prophezeiungen</strong></p>
<p>Derartige Selbstverstärkungseffekte ergeben sich vor allem bei großen Volumina und sekundenschneller Transaktionsströme – v.a. aber wenn ähnliche Situationsbeschreibungen (insbesondere über Wachstumsaussichten oder mögliche Ursachen von Kursverlusten) gleichzeitig zusammentreffen. Und dies ist angesichts der heutigen Echtzeitübertragung der Kurse auf wenigen (virtuellen) Marktplätzen ein nicht selten erwartbares Ereignis. Selbstverunsicherungen auf Finanzmärkten beruhen insbesondere auf Zahlungsentscheidungen, die je nach Zeitpunkt und Kursstand zwischen Verlustrisiko und Gewinnchance schwanken. Selbstverunsicherungen als soziale Bedingungen dieses Schwankens beschreiben damit einen großen Teil der so oft benannten und dennoch oft missverständlichen <em>Psychologie der Märkte</em>. Die Frage <em>wie reagieren die anderen Marktbeobachter</em> ist dabei konstitutiv. Von außen an die Märkte herangetragene wirtschaftliche und politische Informationen werden in dieses Zusammenspiel wechselseitiger Erwartungen selektiv eingespeist und in die eigene Marktsprache übersetzt. Es ist gerade dieses Geschäft mit der (Selbst-)Unsicherheit der Zukunft, das die produktive und zugleich destruktive Kraft auf Finanzmärkten ausmacht – in Krisen- wie in Boomzeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a title="The Prophecy" href="http://www.paranaiv.no/archive/photographers/aymeric-giraudel">The Prophecy</a>)</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen in der Theorie</strong></p>
<p>Merton, Robert K. 1948: The self-fulfilling prophecy. Antioch Review 8, 193-210.</p>
<p>Thomas, William I. &amp; Thomas, Dorothy S. 1928: The child in America: Behavior problems and programs. New York: Knopf, 572.</p>
<p>Weick, Karl. E. 1995: Der Prozess des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 221-236.</p>
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		<title>Scheitern von Interaktion</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Jul 2011 09:22:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologielinks]]></category>

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		<description><![CDATA[Constanze Kurz schreibt hier über das Scheitern der letzten Sitzung der &#8220;Internet und digitale Gesellschaft&#8221;-Enquête-Kommission des Bundestags. Der thematische Sachverstand, die individuellen Ziele und die politische Entscheidungslogik haben sich blockiert. Das hat für viel Wirbel gesorgt, weil das Scheitern von unbeteiligten Beobachtern sofort Personen zugerechnet wurde und so viel persönliche Enttäuschung hervor rief. Was an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Constanze Kurz schreibt hier über das <a href="http://www.faz.net/artikel/C30833/netzneutralitaet-im-siebenten-kreis-der-demokratie-30458545.html">Scheitern der letzten Sitzung</a> der &#8220;Internet und digitale Gesellschaft&#8221;-Enquête-Kommission des Bundestags. Der thematische Sachverstand, die individuellen Ziele und die politische Entscheidungslogik haben sich blockiert. Das hat für viel Wirbel gesorgt, weil das Scheitern von unbeteiligten Beobachtern sofort Personen zugerechnet wurde und so viel persönliche Enttäuschung hervor rief.</p>
<p><span id="more-2005"></span>Was an dieser Stelle mit &#8220;Scheitern&#8221; gemeint ist, soll erstmal dahingestellt bleiben. Denn die Sitzung wurde ordentlich beendet und vertagt, es herrscht nun aber erhebliche Unzufriedenheit unter Beteiligten und Unbeteiligten vor. Die gesetzten Ziele wurden nicht erreicht.</p>
<p>In diesem Sinne lohnt es sich, einmal <a href="http://online-merkur.de/seiten/lp201105bmai.htm">diesen Text</a> <em>(<a href="http://twitter.com/#!/ChristophKappes/status/89601763090501632">via</a>)</em> von Kathrin Passig zu lesen. Er handelt davon, weshalb themenzentrierte Kommunikation im Internet beinah zwangsläufig scheitert und weshalb es kaum statische Möglichkeiten geben kann, Kommunikation gelingen zu lassen.</p>
<p>Beide Texte zusammen werfen die Frage auf, wie man überhaupt noch politisch, also verbindlich, Kommunizieren kann, wenn es unter internetgestützter Beteiligung aller Interessierten nicht geht, aber unter Ausschluss der Mehrheit auch nicht. Es führt immer nur zu Ärger. Wenn alle beteiligt sind, gibt es ihn unter den Beteiligten. Wenn nur einige beteiligt sind, gibt es ihn unter den Beobachtern. Wenn nicht beobachtet werden darf, gibt es ihn schon vorher.</p>
<p>Es ist bezeichnend, dass die Losung am Ende des Textes lautet: »Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben«. Denn das ist auf der gleichen Ebene angesiedelt wie das &#8220;I&#8217;m not talking to you&#8221; und unterstützt eine beunruhigende Behauptung: Mit dem Internet ist keine Gesellschaft zu machen. Und das scheint auch dann zu gelten, wenn das Internet nur peripher als Tribüne dient.</p>
<p>Wahrscheinlich müssen wir doch alle nochmal einen <a href="http://www.dirkbaecker.com/15Thesen.pdf">genaueren Blick auf Dirk Baeckers Thesen zur nächsten Gesellschaft</a> werfen. Wenn wir schon keine Lösungen haben, sollten wir zumindest das Problem verstehen.</p>
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		<title>Was es kann und was wir wollen #Hangout</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Jul 2011 20:51:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Diese ganzen Social-Media-Hypes sind ja eigentlich nur was für Spielkinder, die sich schon immer für magische Maschinen interessiert haben. Wer sich heute mit finanzieller Hilfe bei Ebay um eine Google-Plus-Einladung bewirbt und das Glück hat, dies nicht aus beruflichen Gründen tun zu ‚müssen‘, folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem lebensbestimmenden Muster. Chronologisch rückwärts hat man sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1953" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Diese ganzen Social-Media-<em>Hypes</em> sind ja eigentlich nur was für Spielkinder, die sich schon immer für magische Maschinen interessiert haben. Wer sich heute mit finanzieller Hilfe bei Ebay um eine Google-Plus-Einladung bewirbt und das Glück hat, dies nicht aus beruflichen Gründen tun zu ‚müssen‘, folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem lebensbestimmenden Muster. Chronologisch rückwärts hat man sich mit ähnlicher persönlicher Inbrunst und finanzieller Hingabe um die Anschaffung digitaler, elektronischer und mechanischer Maschinen gekümmert. Alle 5 – 20 Jahre änderte sich die Spezies der Maschine, die Neugier bleibt dieselbe.</p>
<p><span id="more-1952"></span>Wenn nicht die <em>Media</em>-Maschine, sondern der <em>Social</em>-Aspekt im Vordergrund stünde, müsste man beinah der gesamten Schar, der in Deutschland bekannten und als solche profilierten „Early Adopters“ dazu raten, eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen*. Nichts vergrößert den Freundeskreis schlagartiger als das erste eigene Kind.</p>
<p>Von beruflichen Kontexten abgesehen, führen auch die Kinder erstmals die Notwendigkeit stetiger, technologiegestützter Kommunikation vor Augen. Man verabredet sich zum Krabbeln, Baden und Buddeln und muss die Termine immer variabel halten, weil Kinder machen was sie wollen und vor allem im ersten Jahr so unregelmäßig schlafen, dass alle Terminabsprachen immer nur vorläufig sind.</p>
<p>Aus dieser Blickrichtung kommt dann auch das ganze Elend mit den (Versprechungen der) Online Social Networks zum Vorschein. Denn das, was die interfamiliäre Tagesplanung erträglich macht ist immer noch, und beinah ausschließlich, die gute alte SMS.</p>
<p>Twitter eignet sich für die Kommunikation mit Unbekannten, Facebook ist beinah ein reines Präsentationstool, dessen „soziales“ Potenzial darin besteht, andere im Nachhinein damit zu beeindrucken, was man tolles gemacht/gesehen/erlebt hat. Skype ist eine recht nützliche Sache, um zu verabredeten Terminen Gespräche mit Ton und Bild zu führen. Zur <em>spontanen</em> Koordination der nahen Zukunft eignet es sich nur bedingt.</p>
<p>Es sind weiterhin Wünsche offen. Letzt Woche ist nun mit Google Plus das nächste Angebot gekommen, Koordinierungsleistung zu erbringen. Ich kenne es bislang nur aus Videos und Berichten und stelle fest, für das oben skizzierte Szenario hält es wohl ein paar Überraschungen bereit. Insbesondere die Idee des Google+ <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Tku1vJeuzH4">Hangout</a>. Ich stelle mir vor, wie wir uns zu 15 Uhr im Schwimmbad verabreden und gegen 14 Uhr beginnen nachzufragen, ob die Kiddis bereit sind. Natürlich schlafen manche noch und die Eltern sitzen im Zimmer nebenan und vertreiben sich die Zeit. Wäre es nicht witzig, wenn ein Kiddi-Termin schon zuhause beginnen würde? Warum gelingt das nicht, wenn doch alle die Zeit dafür schon freigeräumt haben? Was sind die Hürden?</p>
<p>Wie immer ist an dieser Stelle kurz aber explizit darauf hinzuweisen, dass bei einer Thematisierung von Online Social Networks, trotz des Namens, eine online/offline-Unterscheidung kaum problematisiert wird. Der Problembezug zeigt auf den erlebten Alltag: die Koordination von Verhalten in und von Familien, die nicht im selben Haushalt leben. Familien benutzen mechanische Autos, elektronische Türklingeln und digitale Handytechnik. Die zu lösenden <em>Probleme</em> liegen nicht in den technologischen Bedingungen. (Auch wenn sie als Lösungen neue Probleme hervorrufen.)</p>
<p>Die Frage ist, wie zwischen den Familien, zum Zwecke der gemeinsamen Tagesplanung, Interaktion ermöglicht werden kann. Die Ansprüche sind hoch: Es geht um Gespräche, die Pausen und Ablenkungen zulassen, Freiräume bieten, ohne explizite Begrüßungen und Verabschiedungen auskommen, usw. Die Soziologie schreibt in ihren Definitionen für Interaktion bislang als zentrale Bedingung <em>Anwesenheit</em> fest. Einen Schritt weiter lässt sich ermitteln, dass Anwesenheit verdeckt, um was es eigentlich geht: Wahrnehmung.</p>
<p>Bislang blockiert die technologiegestützte Kommunikation Wahrnehmung beinah vollständig. Texte und Telefonate lassen keinen Spielraum für Peripheres, Implizites oder Indirektes. Man kann sich am Telefon mehrdeutig Räuspern und Texte verklausulieren – doch es bleibt Ungesagtes ungesagt und zwischen den Zeilen Geschriebenes ungeschrieben. Das Verstehen lässt sich nicht kommunikativ kontrollieren. Was <em>wirklich</em> gemeint wurde, bleibt verborgen. Für <em>Verstandenes</em> kann man niemanden außer sich selbst unter Rechtfertigungsdruck setzen. Das Einzige, was bliebe, ist die Nachfrage – die wiederum das eigentliche Thema blockiert und weniger Aufklärung verspricht, als ein Angebot zum Zurückrudern darstellt (und dabei dem anderen wiederum unverbindlich zu verstehen gibt, schon ‚genau richtig‘ verstanden zu haben).</p>
<p>Interaktion ist gegeben, wenn es diese Wahrnehmungsblockaden nicht gibt. Sie müssen in zwei Aspekten abgebaut werden. 1. Zum Einen sollte sich die an Interaktion Beteiligten <em>gegenseitig</em> wahrnehmen. Sie sollten sich sehen und hören können: (1) Gesprochene Sprache ohne Umbrüche in Text; (2) Hören ohne Zeitverzug. Und ergänzend dazu sollte die Bandbreite an Gesten und nonverbalen Unterstützungen einsetzbar sein. Die Leistungsfähigkeit des Gespräches ruht auch darauf, dass man beim Sprechen bereits eine Antwort/Rückmeldung erfährt bzw., dass man als Zuhörender aktiv am Gespräch beteiligt ist. (Die Sachlage müsste an dieser Stelle mit viel Text ausgebaut werden. Denn es geht nicht nur darum, den anderen zu beobachten, sondern auch sich selbst als den Beobachter des anderen beobachten zu können und darauf zu reagieren, dass man reflektiert, dass man vom Gegenüber als der Andere beobachtbar ist / beobachtet wird, usw. Diese Kopplung von Beobachtung und Verhalten ist an die Körper selbst gebunden, sie werden beobachtet, sie verhalten sich &#8211; sie erfüllen die Anwesenheitsbedingung.)</p>
<p>2. Zum anderen scheint es wichtig, dass man in einem Gespräch dieselbe Umgebung beobachtet. Wer sich im Gespräch begegnet, sich also einfachster Weise gegenübersteht, sieht den Ausschnitt von der Welt, den der andere nicht sieht. Man könnte nun sagen, beide sehen völlig unterschiedliche Dinge. Aber man muss auch feststellen, dass beide, sich gegenseitig ergänzend, eine – genauer – eine <em>gemeinsame</em> Welt beobachten. Die für Punkt Eins wichtige Ermöglichung der Perspektivenübernahme gelingt umso besser/schneller, je mehr über die Umgebung Klarheit herrscht (und man beispielsweise nicht erst durch Fragen Erzählungen provozieren muss: Wo bist du gerade? Oder: Störe ich?). Das gilt umso mehr, je sachzwangloser und <em>geselliger</em> man sich unterhalten möchte.</p>
<p>Der Wunsch nach Interaktion unter Abwesenden macht klar, die Wunschliste an das „socialweb“ ist noch immer und beinah unverändert lang. Und es ist auch klar, selbst eine Telekommunikationstechnologie auf Basis von synchronisierten Holodecks würde nicht alle Problemstellungen bewältigen. Klar ist aber auch, dass Abstriche sehr wohl hingenommen werden können. Der Problembezug ist an dieser Stelle ja recht spezifisch und überschaubar. <em>Kompromisse </em>sind kein Problem.</p>
<p>Die Möglichkeiten der Videotelefonie sind in dieser Hinsicht schon recht revolutionär. Und bei Google Plus kommen sie nun ziemlich weit zum Zuge: Die Möglichkeiten, einen „Ort“** zu schaffen, in dem Gespräche sich so einfach ergeben, wie wenn es an der Tür klingelt; in dem es möglich ist in ein Gespräch ein- und auszusteigen; in dem viele technologischen Belange übernommen werden und es weder eines Administrators noch eines Moderators bedarf, sind ziemlich toll. Zwei Google-Entwickler <a href="http://twit.tv/twig101">sprechen hier darüber</a>, und man kann feststellen, dass bei der Entwicklung nicht nur technologische und wirtschaftliche Überlegungen zentral standen.</p>
<p>Während alle anderen Online Social Networks derzeit verkümmern &#8211; aus euphorischen Blogposts wurden hingerotzte Tweets, aus denen zuletzt Ja/Nein-Likes wurden (dazu ein wirklich toller <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052702304584004576415940086842866.html?mod=WSJ_Tech_RIGHTTopCarousel_1">Text im WSJ</a>) – ist es Google gelungen, eine völlig neue Idee zu haben: ein Online Social Network, das seinen Fokus auf echtzeitige, wechselseitige ‚Kommunikation unter Bekannten‘ unter Einbezug mehrerer Sinne per Video setzt. Zwar bietet sie auch die Möglichkeiten, Timelines zu füllen und zu konsumieren. Doch diese Datensammeleinrichtungen ließen sich wohl schlicht ignorieren, wenn man nur daran interessiert ist, einem begrenzten Zirkel an Menschen sanfte Hinweise über die eigene Verfügbarkeit zu geben und die Möglichkeiten der Kommunikation per Video per einfachem Klick zu nutzen. Großartig.</p>
<p>Das Internet muss nämlich überhaupt nicht ständig irgendwas revolutionieren. Es reicht völlig, wenn es sich darauf beschränkt zu versuchen, <em>kleine</em> Hindernisse zu überbrücken. Facebook hat Leben ins Adressbuch gehaucht, dass uns nun ständig mit Lebenszeichen unserer Telefonbucheinträge versorgt. Twitter versorgt uns mit Witzen, auch in den Situationen, in denen sie völlig unangebracht aber passend sind. Google Plus ermöglicht nun ziemlich echte Geselligkeit, obwohl alle woanders sind.</p>
<p>Microsoft hat ja zuletzt Skype gekauft und schon eine Weile den kinect-Kontroller für die Spielkonsole im Angebot. Auf die Idee, Wohnzimmer-zu-Wohnzimmer-Videotelefonie zu bewerben ist man dort aber irgendwie nie gekommen. Doch genau das ist eigentlich das, was heute noch fehlt.</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p><em>Erklärende Ergänzung</em>: Ich habe oben von Kompromissen gesprochen. Im Grunde geht es darum, zu ermitteln, ob die Möglichkeit besteht, per Internet eine Stammtischsitzung durchzuführen. Ich bin da recht zuversichtlich. Ich schaue mir nicht immer aber regelmäßig ein paar Sendungen des <a href="http://twit.tv/">twit</a>-Programms live an. Leo Laporte redet mit Gästen gleichzeitig on- und offline über <em>das Internet der Gesellschaft</em> (so ist es korrekt). Man kann dort beobachten, gerade kurz vor den Sendungen, wie sich die Teilnehmer in der Interaktion in Stimmung bringen und wie selbstverständlich sie miteinander plaudern. Man müsste sich einmal eine derartige 5-10-Minütige Gesprächsepisode transkribieren und den Text genauer ansehen. Mein Gefühl sagt mir, die Asymmetrisierung und Rollenverteilung verläuft ähnlich, unabhängig davon, ob sich die Personen im Studio befinden oder einzeln zugeschaltet sind. Bzw. man könnte allein anhand einer Transkription (die es inhaltlich nicht verrät) nicht erraten, wer vor Ort und wer zugeschaltet ist. Und meine zweite Vermutung ist: Umso mehr sich die Beteiligten kennen, umso einfacher Gelingt die Interaktion, umso schneller ist das Gespräch fremdreferenziell.</p>
<p>* Jawohl, sie sind alle männlich.<br />
** Unter Ermangelung besserer Begriffe und Vermeidung von &#8220;Sphäre&#8221;.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/badwsky/2469542560/in/photostream/">Anthony Catalano</a>)</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Konstruktive Interaktionssabotage (Komplimenteabwehr)</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/06/23/konstruktive-interaktionssabotage-komplimenteabwehr/</link>
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		<pubDate>Thu, 23 Jun 2011 12:33:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe_Stefan]]></category>

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		<description><![CDATA[Zuletzt gab es hier auf der Seite eine „Tollerei“-Inflation. In die Kategorie „Tollerei“ werden all die Texte einsortiert, die einen Anspruch an gute Soziologie, mal mehr, mal weniger, gegen den Anspruch einer irgendwie ausfallenden Praxistauglichkeit eintauschen. Der folgende Text fällt beinah komplett unter derartige „Lebenshilfe“ und betrifft zudem das mir eigentlich völlig unbekannte „Gender“-Thema (ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-1888" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/06/Unbenannt-18.jpg" alt="" width="550" height="310" /></p>
<p>Zuletzt gab es hier auf der Seite eine „Tollerei“-Inflation. In die Kategorie „Tollerei“ werden all die Texte einsortiert, die einen Anspruch an gute Soziologie, mal mehr, mal weniger, gegen den Anspruch einer irgendwie ausfallenden Praxistauglichkeit eintauschen. Der folgende Text fällt beinah komplett unter derartige „Lebenshilfe“ und betrifft zudem das mir eigentlich völlig unbekannte „Gender“-Thema (ich gehe aber kein großes Risiko ein und bleibe jeder generalisierenden Referenz auf Gesellschaft fern).</p>
<p><span id="more-1884"></span>Es ist eine moderne Selbstverständlichkeit, im Beruf rollenkonformes Verhalten zu zeigen, auch wenn man sich auf persönlicher Ebene unwohl, untauglich oder belästigt fühlt. Organisationen erwarten Loyalität auf Kosten persönlicher Lust und Laune und bezahlen dafür mit Gehalt und Karrieren. Doch hin und wieder wird ein schmaler Grat überschritten. Etwa, wenn man als Supermarktpersonal von Kunden angeschrien wird, wenn man im Amtszimmer vom Antragssteller bedroht wird oder wenn man als junge Unternehmensmitarbeiterin im quasi-geselligen Kundentermin angebaggert wird. Es soll im Folgenden um den letzteren Fall gehen.</p>
<p>Es kommt vor, dass große Unternehmen Geschäfte außerhalb der üblichen Geschäftsräume und –zeiten anberaumen. Das ist sinnvoll um die Einzigartigkeit des Kunden, das Firmenengagement und die Besonderheit des Geschäftes herauszustellen. Man trifft sich dann nicht 10 Uhr mittags im Konferenzraum T7-14, sondern abends in der Stadionloge, während unten Bon Jovi spielt. Es wird absichtlich Geselligkeit hergestellt, gerade wenn nach Abschluss des Geschäftes noch gefeiert wird, die den einen oder anderen Beteiligten überfordert.</p>
<p>Es kann dann nämlich vorkommen, dass der Kunde einer jungen Angestellten des Unternehmens beim Sekt erzählt, dass er ihr Parfüm sehr ansprechend findet und die Angestellte sich aus dieser Situation nicht zurückziehen kann, obwohl sie sich unwohl und verunsichert fühlt, es aber (noch) nicht gerechtfertigt wäre, die gesamte Situation zu zerstören. Ein direktes Ansprechen und Abwehren der Anmache wäre irgendwie unangebracht. Man weiß ja nicht, ob es nicht doch nur ein zu plumper Näherungsversuch war, der eventuell viel harmloser gemeint ist, als er verstanden wird.</p>
<p>Was also tun? Wie kann man eine Interaktion konstruktiv sabotieren, ohne dass auf der falschen Seite Rechtfertigungspflichten provoziert und Höflichkeitsregeln verletzt werden? Die Interaktionssoziologie hält drei Tipps parat, die alle so ineinandergreifen, dass sie eigentlich nur analytisch getrennt werden können. Das soll hier kurz geschehen. Ausgangspunkt ist die fiktive Anmache: <em>„Ihr Parfüm gefällt mir außerordentlich, bleiben sie doch etwas in meiner Nähe.“ </em></p>
<p><strong>Strategie #1</strong>. Fremdachtung mit Selbstachtung begegnen.</p>
<p>Interaktionen können, sofern das Thema keinen Konflikt provoziert, viele Asymmetrien verkraften. Ein reicher Wirtschaftsmann, ein prominenter Sportler und ein angesehener Wissenschaftler können ohne Probleme interagieren. Selbst wenn der reiche Wirtschaftsmann einen ihm hierarchisch Untergebenen bei sich hat und nach einer gewissen Zeit noch ein mächtiger Politiker hinzukommt, der den Anfang des Gespräches verpasst hat, gibt es noch keinen Grund, weshalb diese Interaktion unter inzwischen fünf sehr unterschiedlichen Menschen nicht gelingen sollte. Soziale, zeitliche, sachliche Asymmetrien können wild kombiniert und, falls nötig, kompensiert werden.</p>
<p>Dieses Aushalten der unterschiedlichen Asymmetrien funktioniert, weil im Tausch (exakt) eine Asymmetrie unmöglich auszuhalten ist: Achtung/Verachtung. Menschen können sich auf unterschiedliche Weise ehren und bewundern, sie müssen sich jedoch in Interaktion <em>auf gleiche Weise</em> achten. Das Achtungserweisen erfordert, damit die Offerten fruchten, Symmetrie. Achtung löst alle oben beispielhaft genannten organisatorischen (Hierarchien) und gesellschaftlichen (Prominenz, Reichtum, Reputation, Macht, …) Bezüge auf <em>Rollen</em> ab und setzt nur an den in Interaktion verstrickten <em>Personen</em> an.</p>
<p>Wie immer gibt es zwei Extreme. Entweder das Gespräch läuft im Achtungsmodus oder im Missachtungsmodus. Ein Chef hört aufmerksam zu und versucht Argumente seines Untergebenen zu verstehen, wie es der Untergebene ihm gegenüber macht, oder das Gespräch kühlt aus und wird unerträglich. Ein Chef, der in Interaktion seine Rolle nicht verlässt, achtet die Person seines Untergebenen nicht, sondern adressiert ihn als <em>jedermann</em>, der seinerseits, als Antwort, auch den Chef nur in seiner Rolle adressiert. Es folgt <em>Dienst nach Vorschrift</em>. Viele Möglichkeiten, die die Interaktionssituation im Angebot hat, bleiben ungenutzt.</p>
<p>In diesem Sinne lässt sich eine Achtungsasymmetrie absichtlich erzeugen, um eine Interaktion wirkungsvoll abzukühlen. Im Beispielsatz werden alle Rollenbezüge gekappt und das Gegenüber wird als individuelle Person adressiert: Bleiben <em>sie</em> bitte bei <em>mir</em>, weil mir <em>ihr</em> Parfüm gefällt. Die Offerte beruht gänzlich auf Fremdachtung, der man dann am besten eben nicht symmetrisch, sondern mit Selbstachtung begegnet. „Danke für das Kompliment, <em>ich</em> werde schauen, was <em>ich</em> tun kann. Vielleicht finde <em>ich</em> später noch Zeit für <em>sie</em>.“ Man hat aus unbestimmt gelassenen (organisatorischen) Gründen anderes zu tun, schließt aber aus Höflichkeit nichts aus.</p>
<p><strong>Strategie #2.</strong> Auf Rollen verweisen, Persönliches ignorieren.</p>
<p>Die Achtungssymmetrie ist so wichtig, weil sie die oben beschriebenen möglichen Asymmetrien nicht ablöst, sondern nur überlagert. Die Rollenbezüge werden in der Interaktion weitgehend ignoriert aber nicht vergessen. Aus taktischen Gründen kann man zu geeigneten Zeitpunkten an sie erinnern. Auf die Frage nach persönlicher Nähe aufgrund einer höchstpersönlichen Eigenschaft, die auf die Person generalisiert wird, lässt sich also wie folgt antworten: „Gefällt ihnen mein Parfüm? Ich habe es extra für den heutigen Abend gekauft. (Kleiner humoriger Zwischenwurf) Das Bürobudget hilft mir bei solchen Käufen. Ich kann ihnen den Namen aufschreiben, vielleicht wäre es ein passendes Geschenk für ihre Frau.“ Die persönliche Offerte wird durch Verweise auf Rollen beantwortet: Ehemann, engagierte Büroangestellte, Käuferin/Konsumentin. Man tut einfach so, als hätte man die Signale auf persönliche Ebene nicht registriert. Solange man ihnen nicht mit Empörung widerspricht, muss man sich für nichts rechtfertigen. Sofern es nicht schon als Unhöflichkeit riskant wird, kann man auch direkt die Rolle des Kunden ansprechen: „Für unsere Kunden tun wir vieles, auch das richtige Parfüm kaufen.“</p>
<p><strong>Strategie #3</strong>. Sachdimension überblenden, Sozialdimension ausblenden.</p>
<p>Wie oben beschrieben, sind Komplimente beinah immer gleich aufgebaut. Es wird ein Merkmal gesucht, das sich nachvollziehbar und anschaulich isolieren lässt und diese wird dann auf die gesamte Person generalisiert. Dass ein Kompliment stets als Vehikel ein individuelles Merkmal benötigt, das auf der Sachebene liegt, um von ihm aus eine Brücke zur Sozialebene zu bauen, kann man entsprechend nutzen, in dem man diesen Brückenschlag ignoriert und nur an die Sachinformation anschließt. Hier also das Parfüm. Man muss nicht aus der Interaktion flüchten, sondern kann in der Interaktion flüchten, in dem man mit einer Rückfrage das Merkmal überbetont. Das gelingt besser, wenn das Kompliment zurückhaltend ist, und nicht direkt schon auf physische Merkmale abzielt („schöne Augen“, „Haare offen“), sondern auf Kleidung und Accessoires bezogen ist. Man greift sie dann als Thema auf und blockiert damit andere Interaktionsthemen. „Kennen sie sich mit Parfüms aus? Dieses gefällt mir auch sehr gut, ich musste aber sehr lange danach suchen.“</p>
<p><strong>Ziel</strong>. Antwort erzwingen, um Revision zuzulassen.</p>
<p>Alle drei Strategien zusammengenommen würden dann zu folgenden beispielhaften Erwiderungen führen: „Danke für das Kompliment. (Selbstachtung) Eventuell finde ich später noch Zeit für sie. (Rollenbetonung) Dieser Abend hält noch Aufgaben für mich bereit. (Antwort auf der Sachebene) Wenn sie möchten, schreibe ich ihnen den Namen des Parfüms auf.“</p>
<p>Man darf sich nicht davor scheuen, statt zaghaft und vorsichtig, offensiv und ausschweifend auf unpassend empfundene Komplimente zu reagieren. Denn wichtig ist, denn Komplimentegeber zu einer weiteren Erwiderung zu zwingen. Denn erst in dieser lädt er alle Rechtfertigungspflichten auf sich. Er muss nun entweder auf der sachlichen, unpersönlichen, Selbstachtung darstellenden Ebene antworten, und somit indirekt behaupten natürlich genau richtig verstanden worden zu sein oder er ist gezwungen, seine Offerte so verstärkt zu wiederholen, dass das Missverständnis, dass er in der Antwort zu erkennen glaubt, nicht noch einmal vorkommt. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit fällt solch eine zweite Offerte so aus, dass man sich (dann zu Recht) darüber empören darf.</p>
<p>Ein Komplimentebewältigungsmechanismus ist aber auch: Komplimente mit Selbstachtung annehmen und für die Danksagung kurz die eigene Rolle verlassen um sie dann pflichtbewusst wieder aufzunehmen. Denn etwa 95% der Anmachen, unter denen junge Frauen (und ihr weibliches soziales Umfeld, das an der Bewältigung solcher Situationen beteiligt wird) leiden, sind plumpe Versuche verzweifelter Männer, die ihre Unsicherheit mit stümperhafter Waghalsigkeit überdecken.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/33042725@N03/3500350410/">jenjenpr</a>)</em></p>
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		<title>Millionengehälter und Gehirne bei der S21-Schlichtung</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Nov 2010 22:39:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsere moderne Vorstellung von Politik und allem anderen weltbewegenden, außer der Liebe, ist durch eine Besonderheit geprägt: Wir sehen nur, was Politiker(, Manager, &#8230;,) entscheiden, wir sehen aber selten wie sie es tun. Das politische Tagesgeschäft versteckt sich in Organisationen und deren Teilbereiche. Dort, in Ministerien, Rathäusern und Abgeordneten-Bürogebäuden zirkulieren die Papiere, werden die Termine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><iframe title="YouTube video player" class="youtube-player" type="text/html" width="550" height="339" src="http://www.youtube.com/embed/7bcUzwYeXUk?rel=0" frameborder="0"></iframe></p>
<p>Unsere moderne Vorstellung von Politik und allem anderen weltbewegenden, außer der Liebe, ist durch eine Besonderheit geprägt: Wir sehen nur, was Politiker(, Manager, &#8230;,) entscheiden, wir sehen aber selten wie sie es tun. Das politische Tagesgeschäft versteckt sich in Organisationen und deren Teilbereiche. Dort, in Ministerien, Rathäusern und Abgeordneten-Bürogebäuden zirkulieren die Papiere, werden die Termine entschieden, wird im kleinen Kreis getüftelt und diskutiert – und nur ab und zu kommt mal jemand mit einer Fernsehkamera, niemals unangekündigt, und dann wird kurz und knapp vor schöner Kulisse verlesen, was herausgekommen ist.</p>
<p><span id="more-1051"></span>Organisationen bieten dabei, gegenüber „Basisdemokratie“, wie sie im mittelalterlichen Dorf und in durch Engagement getragenen Spontanvereinigungen praktiziert wird, einige handfeste Vorteile: Argumente und Informationen werden schriftlich präsentiert und können in Abwesenheit vom Autor und ohne ad-hoc-Antwortdruck besprochen, getestet und abgewogen werden. Argumente und Informationen können ohne den Druck selbst entscheiden zu müssen besprochen und aufgelistet werden. Für knifflige Themen stehen Spezialistenteams zur Verfügung. Usw.</p>
<p>Interaktionen sind in dieser Hinsicht, trotz ihres augenscheinlich simplen Settings, erheblich kniffliger. Meinungen treffen direkt aufeinander; Fakten-Checks sind kaum möglich, alles muss direkt beantwortet werden; Ein Argument kann kaum vom Vortragenden gelöst werden; Alle Beteiligten werden in gewisser Hinsicht mit ihrem Gehirn allein gelassen – und auch wenn, etwa in größeren Unternehmen, mehrere Hierarchiestufen zusammensitzen, deren Gehalt sich um das 20-fache unterscheidet – die Gehirnleistung tut dies nicht. Die „Eigenrechte“ der Interaktion müssen viele Rahmenbedingungen der Organisation schlicht ignorieren, wenn sich nicht alle anschweigen wollen.</p>
<p>In dieser Hinsicht ist die S21-Schlichtung, die im TV ausgestrahlt wird, ein wirklich interessantes und selten beobachtbares Unterfangen. Dort treffen jugendliche Aktivisten, alterserhabene Politiker, sehr alte Professoren, millionenschwere Vorstandsmitglieder, milliardenbewegende Wirtschaftsverbandsfunktionäre und aktive Landesminister aufeinander, um ein Milliarden teures und politisch hochbrisantes Thema zu besprechen, dass zwar formal entschieden ist, dessen externe Einflüsse aber gegenwärtig unberechenbar sind – das also völlig offen ist.</p>
<p>Diese Damen und Herren bereiten sich vor, inhaltlich wie diskussionstechnisch, doch letztlich müssen sie von Minute auf Minute mit inhaltlichen Überraschungen und geplanten Taktiken, die mit Tagesordnungspunkten nichts zu tun haben, rechnen. Wenn man Vorständen ihre Referenten und Politikern ihren wissenschaftlichen Dienst nimmt, bleibt von der leistungsbezogenen Begründung für ein Millionengehalt nichts übrig. Man erkennt schnell, dass es die Organisation ist, die die Vorteile verschafft und jeder einzelne nur ein (wenn auch nicht beliebig) auswechselbarer Angestellter ist.</p>
<p>Eine empirische Untermauerung dafür ist auch das obige Video. Schäuble, dem gerne ein scharfer Verstand und zweckorientiertes Handlungsvermögen unterstellt wird, dreht erst durch und dann etwas ab und lässt die Interaktion mit seinem Sprecher vor offener Kamera einfach laufen. Zu spät merkt er, dass das dumm war &#8211; weil sein Sprecher nüchtern, emotionslos und sachlich reagiert &#8211; und versucht einen Witz daraus zu machen. Doch das einzige was er noch erreichen kann, ist Verlegenheitslachen der Journalisten, die lachen, weil sie gar nicht anders können, da sie in der Situation genauso gefangen sind wie er.</p>
<p>Auch wenn die Fassaden noch so schön und die Geschichten noch so heroisch sind &#8211; letztlich sitzen überall nur Menschen, die für sich genommen so einfach gestrickt sind, wie jeder andere Mensch. Und das bedeutet, etwa für S21, dass eine einmal eröffnete und mit Legitimation zur Entscheidung ausgestattete Interaktion (an der im Fall der Schlichtung etwa 100 verschiedene Menschen beteiligt sein werden) Milliardenkonzerne und Regierungen übertrumpfen kann.</p>
<p>(Ein kluger Einwand wäre, dass die Schlichtung natürlich auch ein hohes Maß an Organisation benötigt, und jede Organisation auf Interaktionen angewiesen ist &#8211; das stimmt, doch es ändert am prinzipiellen Argument nichts.)</p>
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		<title>Sprechstundenproblemchen</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jan 2009 19:33:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Programmierung]]></category>
		<category><![CDATA[Routine]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechstunde]]></category>
		<category><![CDATA[Takt]]></category>

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		<description><![CDATA[Warum gehen viele Menschen eigentlich so ungerne in Sprechstunden? Sei es die Konsultation eines Arztes, der Besuch beim Bürgeramt oder die die Beratung beim Professor, alle Situationen haben eins gemein: Sie sind unbefriedigend. Und zwar für beide Seiten, für denjenigen der die Sprechstunde anbietet und für die Person, die in die Sprechstunde kommt. Der Grund [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Warum gehen viele Menschen eigentlich so ungerne in Sprechstunden? Sei es die Konsultation eines Arztes, der Besuch beim Bürgeramt oder die die Beratung beim Professor, alle Situationen haben eins gemein: Sie sind unbefriedigend. Und zwar für beide Seiten, für denjenigen der die Sprechstunde anbietet und für die Person, die in die Sprechstunde kommt. Der Grund für die unbefriedigende Situation liegt darin, dass hier Routine die Interaktion einseitig determiniert und damit stört. Warum nur kann man sich damit nicht abfinden?<span id="more-379"></span></p>
<p>Das Beispiel der Sprechstunde, die ein Professor seinen Studierenden anbietet, um ihre Hausarbeiten zu besprechen oder in Prüfungsfragen zu beraten, wird das Beispiel sein, um der Antwort auf die obige Frage nachzugehen.</p>
<h3>Routinehandlung</h3>
<p>Für den Professor, als Mitglied der Organisation Universität, ist seine Sprechstunde und die Beratungsleistung eine Routinehandlung. Die Verwaltung von Studierenden und ihren Angelegenheiten ist nicht nur eine sich wiederholende Aufgabe, sondern im systemtheoretischen Sinne eine in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auftauchende Umweltinformation, die nach Gesichtspunkten konditional programmierter Vorgaben der Universität bearbeitet werden muss. Dass heißt für den Professor, dass er immer dann, wenn Beratungsbedarf Seitens der Studierenden angemeldet wird, einen Sprechstundentermin anbieten muss, in dem er studienrelevante Themen mit den Studierenden diskutiert. Vor der Interaktion ist bereits entschieden, wer teilnimmt, auf welche eng umfassten Themengebiete man sich beschränken muss und in welchem Zeitrahmen das Ganze über die Bühne gebracht werden muss. Für viele alltägliche Interaktionen sind diese Einschränkungen (vor der eigentlichen Interktion!) untypisch. Warum?</p>
<h3>Ansprüche an Interaktion: Takt</h3>
<p>Alltägliche Interaktionen (und damit sind solche gemeint, die keinen direkten Einfluss von organisationalen Zumutungen aufweisen) müssen taktvoll gestaltet werden. Das bedeutet vor allem, die Darstellungen des Gegenüber zu stützen, zu respektieren und auch über Situationen hinwegzuschauen, in denen offensichtlich ist, dass es sich um eine Darstellung handelt. Den anderen seine Rolle spielen zu lassen und auf dieser Grundlage seine eigene Darstellung inszenieren zu können, ohne dabei der Gefahr ausgesetzt zu sein, in das offene Messer der Demaskierung laufen zu müssen, nennt man gemeinhin taktvollen Umgang.</p>
<p>Solch alltäglich Interaktionen leben in der Regel mit sehr wenigen Einschränkungen in sozialer, sachlicher und zeitlicher Dimension. Vielmehr werden die Grenzen der Interaktion in ihr selbst ausgehandelt, wobei maßgeblich auf die Darstellungsbedürfnisse der Beteiligten zu achten ist, sofern einem an einem taktvollem Umgang gelegen ist. Und genau diese Freiheit ist in der Sprechstunden-Situation unmöglich, weil in ihr die Grenzen bereits im Vorfeld durch die Routineprogramme der determinierenden Organisation gesetzt wurden.</p>
<h3>Taktunfähigkeit der Routine</h3>
<p>Der Student, der sein Anliegen beim Professor vortragen möchte, ist in der Wahl der Themen soweit eingeschränkt, dass er ohne Umschweife auf das Ziel hin losreden muss. Das ist unangehm, weil keine Zeit bleibt, sein inhaltliches Anliegen in entsprechende Ausführungen zu kleiden und darüber sein Gegenüber am eigenen Aufbau der Rolle und einem Verhalten zum Anliegen zu unterstützen. Ohne seine Ausführungen auf sachlicher Ebene einleiten zu können, gibt man sich darüber hinaus auf der Sozialdimension in die Gefahr der formalen Ablehnung, indem sich der Professor gar nicht erst auf persönlicher Ebene in die Interaktion begibt, sondern lediglich als Organisationsmitglied auftritt und jegliche persönliche Rollenbeziehung in der Interaktion vermeidet. Diese potentielle Gefahr der persönlichen Blöße ist faktisch ein Hemmnis, das jede Sprechstunden-Interaktion mit sich bringt. Problematisch ist in Sprechstunden darüber hinaus das starre Zeitbudget, das garantiert verhindert, dass eine Interaktion, die trotz enormer Hürden, einmal angelaufen ist, auch zu einem taktvollen Ende geführt werden könnte. Darauf kann in der Regel keine Rücksicht genommen werden, wartet doch meist schon der nächste Kunde vor der Tür.</p>
<p>Für den Professor sieht es indes nicht besser aus. Steht er doch vor dem gleichen Problem der vorher festgelegten Begrenzung der Interaktion auf sozialer, sachlicher und zeitlicher Dimension. Für ihn liegen die Gefahren der Interaktion allerdings noch zusätzlich in zwei Bereichen, die hier kurz genannt werden müssen. Zum einen wird sein Beitrag zur Inteaktion nicht auf ihn persönlich, sondern auf das Routineprogramm der Organisation zugerechnet. Er ist schließlich nicht freiwillig da, sondern weil er dafür bezahlt wird. Er hat auf jeden Fall schlechte Karten, um persönlich zu glänzen. Zum anderen gilt er als der Statushöhere, weshalb ihm die Verantwortung für persönliche Initiative obliegt. Das allerdings ist riskant, weil er damit aus der Rolle des Routineprogramms hinaus fällt und sich auf verschiedene Weise angreifbar macht. So ist nicht nur der Professor gefürchtet, der sich bei jungen, attraktiven Studierendinnen besonders persönlich engagiert zeigt, sondern auch derjenige Professor, der soviel damit beschäftigt ist, seine Routine-Rolle abzulegen, dass er seinen ursprünglich geforderten Beratungsleistungen nicht mehr nachkommen kann.</p>
<p>Für beide Seiten, die Studierenden und den Professor ließen sich sicherlich noch einige Beschränkungen und Risiken thematisieren. Es wundert unter diesen Prämissen allerdings nicht, dass Studierende und Professoren wechselseitig übereinander kaum gute Worte verlieren. Die Interaktion ist schließlich programmatisch unbefriedigend.</p>
<h3>Lösungen? Keine.</h3>
<p>Mal davon abgesehen, dass die wechselseitigen Lästereien bereits eine Lösung des Problems darstellen, was zumindest die emotionale Augeglichenheit der Beteiligten angeht, muss darüber hinaus eingesehen werden, dass man wohl mit solchen unbefriedigenden Situationen leben muss. Denn zu starkes persönliches Engagement in routineprogrammierten Interaktionen riskiert die Demaskierung der eigenen Darstellung. Diese Taktlosigkeit ist durch den formalen Anklang der Interaktion nämlich gedeckt und muss weder gerechtfertigt noch verantwortet werden. Bliebe noch, an die Beteiligten zu appellieren, ihre Ansprüche an die Interaktion zu mäßigen und auf die Routine-Handlung der Organisation hin auszurichten und sich von einer unbefriedigenden, weil taktlosen Interaktion nicht enttäuschen zu lassen. Für das Mitglied der Organisation könnte man qua Entlohnung oder Ähnlichem einen Ausgleich anbieten, für das Publikum aber nicht. Es wird weiterhin ungerne die Sprechstunde aufsuchen. Und diejenigen, die die Sprechstunde anbieten, werden das wissen und sich entsprechend darauf einstellen. Lösungen gibt es allerdings keine.</p>
<p>Dazu lesenswert: Niklas Luhmann, Lob der Routine</p>
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