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	<title>Sozialtheoristen &#187; Interaktion</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>„Deine Meinung zählt!“</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Feb 2012 19:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[asozial]]></category>
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		<description><![CDATA[Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://sozialtheoristen.de/2012/02/17/%e2%80%9edeine-meinung-zahlt/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa/" rel="attachment wp-att-3186"><img class="alignnone  wp-image-3186" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg" alt="" width="648" height="261" /></a></strong></p>
<p style="text-align: left"><strong>Massenmedien als riskante Meinungsmärkte &#8211; Gezahlt wird mit prekärer Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Überall wird nach Meinungen gesucht. Ob man den Supermarkt, die Universität, das Kirchengemeindehaus, das Museum oder das Bürgerbüro seiner Stadt betritt, irgendwo findet sich immer ein verstaubter Kummerkasten, ein zu langer Fragebogen oder ein unlesbares Gästebuch. Aber schon lange geht es hier nicht mehr nur um <em>mitmachen und gewinnen</em>, sondern sozial viel folgenreicher: um Achtung, Missachtung und Verachtung.</p>
<p>Früher kannte man Abstimmungsprozesse fast ausnahmslos vom letzten Wahlgang. Heute ist jeder Tag ein <em>Wahltag</em>. Nicht nur die Marktforschungsinstitute veröffentlichen fast täglich neue Stimmungsbilder und Produktbarometer. Im Netz wimmelt es von Befragungstools über den Rücktritt von Politikern, über den neuesten Hit, das coolste Outfit oder die günstigste Krankenversicherung. Während Wahl- und Parteienforschung regelmäßig über sinkende Wählerquoten und wachsende <em>Politikverdrossenheit</em> klagen, kann von <em>Meinungsverdrossenheit</em> keine Rede sein.<span id="more-3182"></span></p>
<p><strong>Von der öffentlichen Meinung</strong></p>
<p>In interaktiv mitbestimmbaren Massenmedien wird es dabei schwer, private und öffentliche Meinung zu trennen. Der <em>Strukturwandel der Öffentlichkeit</em> hat sich gewandelt. Es ist nicht (mehr) das aus der Privatsphäre hervorgetretende, belesene und wohlgeborene Herrenpublikum, das sich in den Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts wahrheits- und vernunftbegabt im potentiell verallgemeinerungsfähigen Diskurs übt, denn: öffentlich bekundete Meinungen von selbsternannten Eliten müssen nicht unbedingt kritischer, intellektueller oder demokratischer sein als andere. Es lässt sich nicht ohne Weiteres von einer Meinung auf die soziale Herkunft schließen.</p>
<p>In den Massenmedien ist dagegen der Name Programm. Sie suchen nach Masse und nicht nach Klasse. Die Klick-, Einschalt- oder Hörerquote zählt und nicht die Qualität der Meinung. Woran sollte sich diese in einer pluralisierten Gesellschaft, die sich von ihren moralischen Fesseln gelöst hat, auch messen lassen? Der Preis für diese Freiheit ist der Verlust wohlgemeinter und wohlgepflegter Werte und Unterscheidungen, wie einst die zwischen Laien- und Expertenmeinungen. Und warum sollte die Diskussion im Salon moralisch gehaltvoller oder politisch verträglicher sein, als die Gespräche im Wirtshaus, beim Telefon-Joker oder im Internetforum? Es gibt gebildete Rassisten und und dumme Pazifisten.</p>
<p><strong>„Sie sind der Meinung das war&#8230;“</strong></p>
<p>Je nach Verbreitungsmedium treten neue Kanäle zum Einfangen der <em>Echtzeit-Responsiveness</em> auf. Verlage lassen in ihrem jeweiligen Erscheinungsturnus Bücher rezensieren, Zeitungen drucken täglich Leserbriefe und Radiosender kann man stündlich anrufen. Wer im Fernsehen von der passiven Publikumsrolle in die aktive Leistungsrolle schlüpfen möchte, braucht Sympathie, Attraktivität, und/oder andere medientaugliche Gesangs- Moderations- und Tanz-Qualifikationen, die auch hier unermüdlich aufs Neue getestet und bewertet werden. Am Neujahrstag twittert <a href="https://twitter.com/#%21/schlenzalot/status/153572631650635776">Schlenzalot</a>: <em>Plan für 2012: Weltfrieden und eine Castingshow für Twitterer</em>.</p>
<p><strong>Werten und Bewerten</strong></p>
<p>Auch online ist Meinung allerorts gefragt. Ob Plattform, Forum oder Blog, stets ist man aufgefordert zu verlinken, zu empfehlen und zu kommentieren. Eine Invasion von Share Buttons, Leserbriefen und Hörzeiten soll helfen die versteckten Präferenzen und Vorlieben der <em>Audienz</em> aufzuspüren. An diesen <em>unsichereren Orten</em> geht es tendenziell zu wie an den Spitzen von Organisationen, die zu allem eine Meinung haben, aber von nichts eine Ahnung. So ist in modernen Massenmedien alles, was sich irgendwie als <em>Meinung</em> qualifiziert – was einen irgendwie anschlussfähigen Beitrag abgibt – begehrt, weil scheinbar wünschens-, wissens- und vermarktungswert. Ständig sollen wir unseren Senf abgeben und ständig scheren auch wir uns um das gemein(t)e Geschwätz anderer Leute. Ganz selbstverständlich fragen wir nach den Bewertungen Dritter über Kunden oder Hersteller und suchen nach den Fixsternen am standardisierten Verbaucher-Himmel names TÜV, Waren- oder Ökotest. Und geht es weniger um klassische Kauf- als um hohe Kreditentscheidungen, orientiert man sich am finsteren Firmament der Finanzmärkte, wo ein unverrückbares 3er-Gestirn von Bonitätswächtern neue Buchstabenkombinationen aufblitzen lässt, um wieder eine<em> unabhängige Meinung</em> unter vielen anzubieten.</p>
<p><strong>Meinung dient der Vermarktung</strong></p>
<p>Meinung abzugeben wird technisch immer einfacher. Der Facebook <em>I like</em>-Button und die <em>Google-Verplussung</em> sind das Tor für ein milliardenschweres <em>Ad Tracking</em>. Die Selbst- und Fremdkommentierungen von Bild-, Text, und Video-Nachrichten werden dank algorithmischer Kategorisierungen dabei zu Selbstverstärkern unerkannter Wünsche und Trends. Allein dass jede Suche und jeder Seitenaufruf im Netz von Google anonym mitgeschrieben wird, erlaubt bereits ganz neue Möglichkeiten bei der Einpreisung von Online-Anzeigen. Auch wenn einer kausalen Gleichschaltung zwischen Werbeinformation und Warenkauf viele kognitive Grenzen gesetzt sind, ihre Auswahl und Darstellung auf der Seitenleiste beeinflusst dennoch irgendwie ganz ungeniert, unautorisiert und unerforscht das, was wir zu meinen scheinen (werden). Und sei es nicht zuletzt als Ärger über eben diese unintelligente Form der Meinungsvermarktung.</p>
<p><strong>Meinungsmärkte handeln zugleich mit Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Technisch sind Meinungen zwar leicht vermittelbar, aber kognitiv und kommunikativ haben sie ihren doppelten Preis: Jeder Klick und jeder Kommentar wird zur festen Währung auf Meinungsmärkten. Im Vergleich zu anderen Konsumgütern wird Meinung in <em>Aufmerksamkeit</em> gemessen. Sie lässt sich ständig losgelöst vom ursprünglichen Produzenten wieder verlinken und verwerten, und dies entlang einer ständig verlängerbaren (Er)-Schöpfungskette. Texte, Videos und Bilder lassen sich millionenfach anklicken, endlos und sinnlos kommentieren. Gerade wer seine Meinung schriftlich preisgibt, wird dann auch kritisierbarer als in mündlicher Kommunikation. Was in Seminaren oder Meetings noch schnell bestritten oder revidiert werden konnte (eben weil keiner mitschreibt oder auf record drückt), kann im digitalisierten Text beim Wort genommen werden. Meinungsmärkte sind deshalb riskant. Sie verlangen von den Beteiligten ein delikates Aushandeln von Selbst- und Fremderwartungen, dem sie sich immer wieder stellen müssen &#8211; wenn es denn nicht gelöscht oder anders verhindert wird.</p>
<p><strong><em>Asoziale</em> Netzwerke</strong></p>
<p>Wie in geselliger Interaktion ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut, das sich sozial, zeitlich und sachlich ungleich verteilt. Wer, wann, und mit wem kommuniziert, kann im Netz jedoch ungleich leichter limitiert, organisiert und vertagt werden. Zutrittsbarrieren lassen sich auf Facebook, LinkedIn &amp; Google+ über die Profil- und Kontoeinstellungen festlegen, die Onlinepresse kann eAbos vergeben und generell ist überall, wo <em>User-Content</em> generiert und genutzt wird, eine Anmelde-Schranke zwischengeschaltet. Während Unterhaltungen schnell wieder in einzelne Zwischengespräche zerfallen, wenn sie kein simultanes Aufmerksamkeitszentrum halten können, kann Aufmerksamkeit im Internet sukessiv auf- und abgebaut werden. Sie kann im Netz damit nicht nur technisch einfacher gesteuert werden, sie ist dort auch einfacher beobachtbar.</p>
<p>Share-Buttons, Statusnachrichten und threads machen Aufmerksamkeit für Meinungen zudem vergleichbar, weil sie messbar und unterscheidbar werden. Klickraten gerinnen zu Themen, die dem öffentlichen Gedächtnis zur Verfügung stehen, da sie ihm helfen zwischen erinnern und vergessen zu unterscheiden. Aber wer auf diesen Märkten keine hohen Werte für seine Meinungen erzielt, gerät dann auch leicht ins Abseits. Denn wer nicht kommentiert, wer nicht retweetet oder empfiehlt, straft seine Autoren mit Nichtbeachtung: Stell Dir vor Du postest eine Nachricht, und keiner liest sie. Stell Dir vor, Du stellst Dateien ins Netz und keiner nutzt sie. Der Entzug und die Gewährung von Aufmerksamkeit hängen dabei eng zusammen mit Fragen der Achtung und Missachtung.</p>
<p><strong>Meinungsinvasion als Ausdruck gesteigerter massenmedialer Konkurrenz</strong></p>
<p>Wenn die Erwartung auf Anschluss und Aufmerksamkeit enttäuscht wird, kann ihre Richtung umschlagen. Ignoranz wird dann zu einem wirksamen Mittel, um andere <em>mit Verachtung</em> zu strafen. Wo es die Möglichkeit zur Meinungskommunikation gibt, da wird Ihr Ausbleiben prekär, denn wer nicht dafür stimmt – sei es per Mausklick, Email, sms oder Telefon – von dem wird das Gegenteil angenommen – sei es gegen die Form oder gegen den Inhalt. Eine unbegründete und unbestimmte <em>Dislike</em>-Information läuft dann ständig implizit mit. Diese Unbestimmtheit kann unerträgliche Erwartungserwartungen provozieren: Wieso ist keiner im Chat? Wieso meldet sich keiner? Wieso wird nicht kommentiert? Öffentliche Meinungskommunikation macht sich dabei immer sichtbarer von der Bewertung Dritter abhängig. Meinungen treten dabei in Wettbewerb um Achtung und Missachtung. Der neurotische Suchzwang nach interaktiven Dritten in den unterschiedlichsten Massenmedien ist damit zugleich auch Spiegel verstärkter Konkurrenz um aufmerksame Beobachter. Und wo sich diese bündeln, da ist auch die ersehnte <em>Relevanz</em>, von der einsame Nutzer, verbissene Unternehmensrivalen und ungekrönte Blogger träumen.</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.mediaculture-online.de/blog/wp-content/uploads/2010/08/abstimmung_deutsche_fotothek_cc-by-sa.jpg">Anja Lochner</a>)</p>
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		<title>Ziele und Grenzen gelingender Assoziologie</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 19:56:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Ins-Internet-Schreiberei hält noch immer viele Überraschungen parat. Zum Beispiel die, dass es bei dem, was man so nebenher lernt, tatsächlich nicht sehr oft um Inhalte geht. Ab und zu wird man von einem Wikipedia-Artikel überrascht und erfährt Dinge, die man gut erzählen kann. Viel tiefergehender sind jedoch die Hilfen zur Selbsthilfe. Ganz prägnant ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-3172" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/02/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="275" /></p>
<p>Die Ins-Internet-Schreiberei hält noch immer viele Überraschungen parat. Zum Beispiel die, dass es bei dem, was man so nebenher lernt, tatsächlich nicht sehr oft um Inhalte geht. Ab und zu wird man von einem Wikipedia-Artikel überrascht und erfährt Dinge, die man gut erzählen kann. Viel tiefergehender sind jedoch die Hilfen zur Selbsthilfe. Ganz prägnant ist für mich immer noch die Idee der Assoziologie von <a href="http://differentia.wordpress.com/">Klaus</a>. Ohne Internet wäre sie viel unwahrscheinlicher.</p>
<p><span id="more-3164"></span>Sie ist vor allem immer dann wieder interessant, wenn man klassische Seminarsoziologie erlebt und sich immer häufiger langweilt, während die Klasse der Professoren, Generation 50+, in den Disput einsteigt. Denn häufig ist es kein wirkliches Streitgespräch, sondern einfach eine nette Plauderei zwischen Häppchenpausen vor einem kleinen Publikum. Dispute, Debatten und Diskussionen verschenken viele Potenziale und Zeit, weil sie sich zu sehr innerhalb der Grenzen von Interaktionssituationen verstricken: Man gestattet dem anderen, auszusprechen; man bedankt sich für Vor- und Beiträge; man hört, den Blick haltend, zu; man reagiert auf Gesagtes und schlägt Brücken zu noch Ungesagtem; man verbringt viel Zeit mit Füllworten und Überleitungen.</p>
<p>Gelingende Assoziologie dagegen lässt diese Rücksichten fast alle fallen. Kein Dank für vorhergehende Beiträge, keine Beachtung des Uninteressanten, keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten. Man setzt einfach eine Unterhaltung fort, ohne sich rückzuversichern, was man verstanden hat. Man führt ein Gespräch einfach fort. Im besten Sinne bestätigt sich durch diese fortlaufende Rosinenpickerei das bekannte Luhmann-Zitat, dass nur die Kommunikation kommuniziert und alles Weitere nur als Bedingung, also inhaltlich eigentlich nicht, zu berücksichtigen sei. Jeder nimmt teil und niemand interessiert sich für die Qualität von Argumenten. Man hat sich so weit wie möglich von der Idee verabschiedet, einen Konsens anzustreben. Wozu auch?</p>
<p>Das Prinzip kann gut gelingen. Wikipedia-Texte etwa werden seit Anfang an so geschrieben. Auch das schriftliche Mitdenken im Internet funktioniert so. Irgendwo taucht eine Idee auf, die man übernimmt, ohne sich mit dem Kontext zu befassen, aus dem man sie herausnimmt. Lange, ausformulierte Texte bleiben zurück, wenn nur ein kleiner Ausschnitt zitiert und daran angeschlossen wird. Das Twittergeschehen beruht zu einem sehr bedeutenden Teil genau darauf.</p>
<p>Aber das Prinzip hat Grenzen. Denn eigentlich führt Assoziologie hauptsächlich zu Inspiration. Produktion wiederum ruht auf anderen Mechanismen und Prinzipien. Es kommt sogar gerade darauf an, die Assoziologie ab und zu zu unterbrechen, um inhaltlich weitere Schritte zu gehen. Jeder kennt den Unterschied zwischen einem Seminar, das einfach so stattfindet und einem, das eine Textgrundlage hat. Kluge Studenten besuchen zum Ende ihres (geisteswissenschaftlichen) Studiums nur noch Kolloquien, weil sie Assoziologie mögen aber wissen, wo ihre Grenzen sind. Die Assoziologie (der Seminarsoziologie) beginnt mit einem allein geschriebenen Text und endet damit, dass an diesem Text alleine weitergeschrieben wird. Assoziologie ist eine Etappe guter Soziologie die, wenn sie gelingen möchte, auf einen in Einsamkeit geschriebenen Text hinauslaufen muss.</p>
<p>Dieser fertige Text kann dann seinerseits Ausgangspunkt oder Etappe anderer Assoziologie sein, für andere Themen und andere Soziologen. Aber nur noch Assoziologie zu betrieben, Soziologie also nur noch der Kommunikation auszusetzen und sie nicht mehr als Auseinandersetzung eines Einzelnen mit einem leeren Blatt Papier zu betrachten, das geht doch zu weit..!? Interessante Soziologie entsteht nicht aus heißer Luft, sondern wird von guten Soziologen in mühsamer Schreibtischarbeit geschaffen. Das klingt etwas romantisch. Aber mein Maßstab für gute Soziologie ist noch immer der gute Soziologe, und der zeichnet sich dadurch aus, dass er im Kolloquium nicht die ganze Zeit seinen Text verteidigt, sondern aufmerksam der Assoziologie der anderen lauscht und sich selbst Notizen macht, für später.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/djou/139156784/in/photostream/">Julien</a>)</em></p>
<p><em>(Auch dieser Text ließ sich <a href="http://storify.com/friiyo/wan-ist-soziologie-assoziologie">inspirieren</a> und versteht sich trotzdem als eigenständige Autorenleistung.</em>)</p>
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		<title>Im Selbstgespräch mit der Maschine</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Feb 2012 11:05:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich war vergangenes Wochenende beim zweiten medienwissenschaftlichen Symposium der DFG* (Reader). Aus allen Richtungen wurden dort die neuen Medien diskutiert. Dass nicht alle Versprechungen der Werbevideos und anderen Selbstbeschreibungen aufgehen, ist längst ersichtlich. Wikileaks braucht institutionalisierte Massenmedien für die Umsetzung seiner Vision. Auch Occupy muss sich organisieren. Hinter Anonymous steckt keine Masse, wohl aber ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/36403750?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" width="549" height="309" frameborder="0" webkitAllowFullScreen mozallowfullscreen allowFullScreen></iframe></p>
<p>Ich war vergangenes Wochenende beim zweiten medienwissenschaftlichen Symposium der DFG* (<a href="http://neuemassen.de/Reader.pdf">Reader</a>). </p>
<p><span id="more-3142"></span>Aus allen Richtungen wurden dort die neuen Medien diskutiert. Dass nicht alle Versprechungen der Werbevideos und anderen Selbstbeschreibungen aufgehen, ist längst ersichtlich. Wikileaks braucht institutionalisierte Massenmedien für die Umsetzung seiner Vision. Auch Occupy muss sich organisieren. Hinter Anonymous steckt keine Masse, wohl aber ein Schwarm, deren Mitmacher ab und zu auf Interaktion angewiesen sind. Man kann die Diskussionen ziemlich weit treiben, wenn man auch die neuen Medien als Mittler zwischen Menschen versteht. Vielleicht steht aber auch ein Paradigmenwechsel an? Auf dem Symposium war es noch kein Thema. Aber, wenn wir uns unseren alltäglichen Umgang mit den kleinen Computern genau betrachten, kommunizieren wir tatsächlich mit anderen Menschen, wenn wir uns per Google Hilfe aus Foren holen, die vor Jahren mit Informationen bestückt wurden?</p>
<p>Wir kommunizieren doch längst viel häufiger mit Maschinen, wenn wir Hilfe im Alltag brauchen. Nachfragen im Supermarkt, Fragen nach dem Weg, Fragen nach Öffnungszeiten &#8211; die stellen wir Computern und die Antworten kommen auch von ihm. Das trifft zu, selbst wenn wir Amazon nach Bewertungen abfragen &#8211; denn niemand der Autoren dort weiss, wann ihre Texte von wem gelesen werden. Sie werden einfach so in die Maschine getippt mit dem Wunsch nach, aber keinem Wissen über das Publikum. Im nächsten Call for Papers für medienwissenschaftliche Diskussionen sollte das auch eine Rolle spielen. Die Maschinen sind vollwertige Adressen in unseren alltäglichen Gesprächen.</p>
<p>Obiges Video ist ein Ausschnitt aus <a href="http://twit.tv/show/this-week-in-google/132">This Week in Google 132</a>.</p>
<p><em>*Besprechung einen kommenden Mittwoch in der F.A.Z.</em></p>
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		<title>Empathie und Verwaltung</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/11/empathie-und-verwaltung/</link>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 14:45:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein schlüssiges Argument ist: Professionalität. Wie schafft es ein Staat, Gefangene über Jahre in sensorischer Deprivation zu halten? Wie schafft es eine Bürokratie, eine Familie zu zerstören, weil sie die Eltern in den Wahnsinn und ein Kind in den Suizid treibt? Wie schafft es ein Polizist, per Amtshandlung einem Mann mit einem Wasser/Pfeffer(?)spray-Gemisch die Augen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2895" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Unbenannt-13.jpg" alt="" width="550" height="270" /></p>
<p>Ein schlüssiges Argument ist: Professionalität. Wie schafft es ein Staat, Gefangene über Jahre in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sensorische_Deprivation">sensorischer Deprivation</a> zu halten? Wie schafft es eine Bürokratie, eine Familie zu zerstören, weil sie die Eltern in den Wahnsinn und ein Kind in den <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article13760925/Abgeschoben-Wadim-K-sieht-als-Loesung-nur-den-Tod.html">Suizid</a> treibt? Wie schafft es ein Polizist, per Amtshandlung einem Mann mit einem Wasser/Pfeffer<em>(<a href="http://neusprech.org/pfefferspray/">?</a>)</em>spray-Gemisch die Augen auszuschießen?</p>
<p><span id="more-2892"></span>Man könnte viele bekannte Erklärungsmodelle ausprobieren. Es würde sich wahrscheinlich ein Tenor herausstellen, der verdeutlicht, dass der einzelne Polizist, Amtsmann, Wärter an seinem Handeln wenig schuld ist. Sie sind eben mit einer (nicht ihrer) Aufgabe betraut und über Bande motiviert, sie handeln unter Aufsicht, sie werden von Situationen überrumpelt, sie haben Verantwortungs- und Rechtfertigungspflichten (gegenüber dem Staat und nicht dem Volk, das ihnen gerade als konkretes Publikum gegenübersteht), usw. Sie agieren schlicht professionell. Sie beachten die geschriebenen Regeln und sie handeln konsequent. Ab und zu greift sogar das Argument des (spontanen) Ausnahmezustands. Sie erledigen Aufgaben, die erledigt werden müssen. Die Frage, wer sie erledigt, ist sekundär; bis eklatante Fehler passieren, dann geht es im Nachhinein oft nur noch um Akteure.</p>
<p>Es gilt aber auch hier, <a href="../../../../../2011/12/07/burn-out-diagnosen/">was oft gilt</a>: Es nützt nicht viel, Handlungen erst dann als solche zu markieren, wenn sie schief gegangen sind, um den Akteur der Handlung zu ermitteln, damit man moralisch tätig werden kann. Und es wird auch nicht viel nützen, vom Einzelnen abstrahiert direkt auf die Gesellschaft zu zielen, um seinen Unmut abzuarbeiten. Beide Male setzt man an einem Problem an, welches sich an einem Einzelfall manifestiert und man macht den Fehler, den man genau nicht machen will: Man empört sich heftig, kurz und folgenlos.</p>
<p>Polizisten, Amtspersonen und Gefängniswärter können Fehler machen aber die Frage, die zu stellen ist, zielt auf die Bedingungen der Möglichkeiten, die diese Fehler zulassen. Ohne viele Umwege stößt man immer auf die Organisation, der eine Empathieschnittstelle fehlt. Eine Interaktion im Amtszimmer, auf der Demonstration, im Gefängnis kann auf Achtung und Empathie beruhen – doch diese Qualität der Kommunikation kann sich nicht in die Kommunikation der Organisation vererben. Der Polizist, Amtsmann, Wärter kann sich von seiner (Leistungs-)rolle distanzieren und seinem Gegenüber nicht in dessen Publikumsrolle, sondern als Mensch begegnen und Hilfe, Anerkennung und Verständnis zeigen, doch das ist ein einseitiges Privileg. In der Angelegenheit, in der man zusammentrifft, sind Personen austauschbar und werden auch schnell ausgetauscht – das ist das Schicksal in der Kommunikation <em>mit</em> Organisationen: Organisationen kennen selbst nur ihre eigenen Entscheidungen.</p>
<p>Sie können jedoch entscheiden, mehr zuzulassen. Manche große Firmen, zumeist spezialisierte Produzenten, haben Kunden, von denen sie existenziell abhängig sind. Wenn ein Kunde für 25% des Jahresumsatzes verantwortlich ist, überlässt man die Einzelheiten des Kontakts mit ihm nicht dem Marktgeschehen oder der Beliebigkeit. Solche Firmen institutionalisieren „Key-Account-Manager“. Sie übergeben ihr Schicksal in die Hände eines Mitglieds, statten sie gerade noch mit Ressourcen aus und überlassen den Alltag dieser <em>Person</em>. Organisationen finden Wege, Aufgaben zu erledigen, die sie <em>selbst</em> gar nicht erledigen können (zumindest nicht auf Programm- und Kommunikationsebene und auch nur begrenzt mit Personalentscheidungen).</p>
<p>Das Schicksal von Wadim (siehe der <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article13760925/Abgeschoben-Wadim-sieht-als-Loesung-nur-den-Tod.html">Link</a> von oben) ist so unerträglich, dass es nötig erscheint, die Ausländerverwaltung gänzlich anders zu regeln. In derart existenziellen Fragen, und seine Geschichte endete mit seinem Tod, darf nicht eine Organisation für alles verantwortlich sein, ohne dass es auch nur eine Person gibt, die tatsächlich verantwortlich ist. Soziologisch auf das eine, hier entscheidende, Problem verkürzt, funktioniert die Hamburger Ausländerbehörde wie die Guantanamo-Gefangenenverwaltung: durch ständige Personalrotation und Rückbezug einzig auf eigene Entscheidungen. Niemand ist für die Familie verantwortlich, die Verwaltung ist es – und jeder Amtsmann, der den Fall einmal auf seinem Schreibtisch findet, verbucht eine weitere Etappe in der Entscheidungskaskade, die sich über ein Jahrzehnt durch die gesamte Verwaltung schlängelt. Zuständig ist immer der Nächste. Der der Befragungen anordnet, führt sie nicht durch; der der entscheidet, überlässt die Umsetzung dem Nächsten. In der Verwaltung kennt man nur Puzzleteile, nur für die betroffene Familie vervollständigt sich über Jahre ein unerträgliches Bild.</p>
<p>Die moderne Gesellschaft hat es geschafft, keine Täter mehr zu kennen. Die Opfer sind nun ganz allein.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/ciphertux/5799298906/in/photostream/">Sumeet Moghe</a>)</em></p>
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		<item>
		<title>&#8220;Social Web&#8221; ist eine Lüge</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/12/01/social-web-ist-eine-luge/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 08:55:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Internet kann nichts dafür, dass wir es überfordern. Es sind eben doch alles nur Nullen und Einsen, so oft von der Maschine hin und her interpretiert, dass es kaum einen Unterschied macht, ob wir noch einen Interpretationslayer oben drauf legen, nur weil uns so vertraut scheint, was der in und für viele Sinne flache [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-2742" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="300" /></p>
<p>Das Internet kann nichts dafür, dass wir es überfordern. Es sind eben doch alles nur Nullen und Einsen, so oft von der Maschine hin und her interpretiert, dass es kaum einen Unterschied macht, ob wir noch einen Interpretationslayer oben drauf legen, nur weil uns so vertraut scheint, was der in und für viele <em>Sinne</em> flache Bildschirm uns vorgaukelt. Über den Begriffsgehalt des <em>Virtuellen</em> sollte noch viel mehr nachgedacht werden. Es bleibt bei Übungen, die uns immer wieder aufzeigen, dass sie ihr Ziel verfehlen. Seien sie auch noch so gut: <a href="http://thenicestplaceontheinter.net/">thenicestplaceontheinter.net</a></p>
<p><span id="more-2741"></span></p>
<p>[<a href="http://www.spreeblick.com/2011/12/01/the-nicest-place-on-the-internet/">via</a>]</p>
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		<title>Wünsche, Wille und Vorstellungen</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/11/25/wunsche-wille-und-vorstellungen/</link>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 12:11:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologielinks]]></category>

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		<description><![CDATA[In einer meiner ersten Uni-Veranstaltungen, erstes oder zweites Semester, in einem Sozialpsychologieseminar, hatten wir mit der Dozentin festgestellt, dass es im Grunde keinen Altruismus gibt, weil sich jedes derartige Verhalten auf Egoismus zurückführen lässt. Glücklicherweise war das ein Ausflug in ein fremdes Fach, mein Studium war das der Soziologie. Obwohl ich, um den familiären Fragen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2688" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-2688" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/11/Unbenannt-13.jpg" alt="" width="550" height="292" /><p class="wp-caption-text">Kinder lernen erst spät, sich physisch von ihrer Mutter zu unterscheiden. Doch was lernen sie dabei?</p></div>
<p>In einer meiner ersten Uni-Veranstaltungen, erstes oder zweites Semester, in einem Sozialpsychologieseminar, hatten wir mit der Dozentin festgestellt, dass es im Grunde keinen Altruismus gibt, weil sich jedes derartige Verhalten auf Egoismus zurückführen lässt. Glücklicherweise war das ein Ausflug in ein fremdes Fach, mein Studium war das der Soziologie. Obwohl ich, um den familiären Fragen auszuweichen, lange behauptet hatte, ich „studiere im Grunde nur Quatsch“, wusste ich ab diesem Seminar, dass ich gerade keinen Quatsch studiere und dass ein Merkmal dafür die Einsicht war, dass es auf gute Fragen eben nicht zwingend gute Antworten gibt. Wer seitdem Obiges (oder Ähnliches) behauptet, wird mit Skepsis beobachtet. Nicht, weil es inhaltlich falsch sein kann, sondern weil schon das Behaupten als solches falsch ist. Altruismus ist einer dieser Begriffe, der zwar pragmatisch benutzt werden kann, der aber keiner inhaltlichen Überprüfung standhält. Wir wissen nicht, was er sagt; wir können es uns nur immer wieder neu fragen.</p>
<p><span id="more-2686"></span>Also: Gibt es Altruismus, und was hat es mit ihm auf sich? Helmut Mayer führte ein bemerkenswertes <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/michael-tomasello-im-gespraech-im-tiefsten-sinne-sind-wir-soziale-wesen-11538645.html">Interview mit dem Verhaltensforscher Michael Tomasello</a>. Affen sind demnach zwar in der Lage, Perspektiven eines anderen zu übernehmen, doch sie tun dies nur in Konkurrenzsituationen. In Situationen in denen ihnen, aus unserer Perspektive, Kooperation weiterhelfen würde, verfallen sie in sozial hoffnungslosen Egoismus. Das ist vielleicht „echter“ Egoismus, weil ein Erkennen des anderen vorangeht, aber daran nicht konstruktiv angeschlossen wird.</p>
<p>Sollte man es so verstehen, fielen Altruismus und Kooperation begrifflich zusammen. Soziologisch korrekt wäre natürlich, jetzt anzumerken, dass mit Altruismus ein „selbstloses“ Verhalten gemeint ist. Im guten Sinne alter Theorien müsste aufgerechnet werden, ob ein Verhalten einem anderem mehr nützt als einem selbst. Bei (negativer) Asymmetrie des Nutzens läge Altruismus vor, bei symmetrischer Nutzenausbeute Kooperation. Aber wer denkt so? Der beobachtende Forscher vielleicht, der handelnde Alltagsbewältiger nicht. Er handelt einfach, ohne sich Gedanken zur zwischenmenschlichen Nutzenkalkulation zu machen und: Man opfert sich viel häufiger als man vermutet. Werden wir auf der Straße um Hilfe gebeten, helfen wir, und stellen unser Handeln für kurze Zeit ganz dem Nutzen eines anderen zur Verfügung, während wir Zeit und Kraft verbrauchen statt investieren, und nicht auch noch kalkulieren.</p>
<p>Nimmt man die Unterscheidung Bekannte/Unbekannte auf, kann man das Argument weitertreiben. Bekannten gegenüber sind wir um ein vielfaches hilfsbereiter. Natürlich weil immer zu vermuten ist, dass man sich wieder sieht und in kommenden Situationen die Rollen des Hilfsbedürftigen und Hilfsbereiten vertauscht sein könnten. Doch Menschen sterben auch füreinander, oder: gerade füreinander. Vor 200 Jahren kämpfte man im Krieg noch in Reihen. Unbekannte standen sich nicht nur gegenüber, sondern auch nebeneinander. Heute sind alle modernen Armeen in Primärgruppen eingeteilt und beuten damit ganz andere Potenziale aus. Soldaten müssen nicht mehr zum Sterben für ihr Vaterland gezwungen werden, sondern sie sterben spontan und freiwillig für ihre Kameraden. Nicht sehr selten werden Soldaten nicht hinterrücks getötet, sondern entscheiden quasi selbst über ihren Tod. Als die Primärgruppe als Ordnungsprinzip in den Armeen installiert wurde, machte man sich ein soziales Prinzip zunutze, von dem wir kaum wissen, wie es funktioniert.</p>
<p>Krieg betrifft extreme Situationen, aber in ihnen wird eben deutlich, was auch sonst gilt: „Im tiefsten Sinne sind wir soziale Wesen.“ Und wir wissen nicht, warum; prinzipiell nicht und auch ganz individuell nicht. Es sind mindestens zwei Sonderwege, die nur der Mensch beschreitet: Er ist zur Reflexion in der Lage und er kennt im Grunde keine klare Grenze zwischen Ich und Du. In der Liebe, also nicht sehr weit vom Krieg weg, ist es noch am auffälligsten: „Ich liebe dich“ ist die Formel, die „Wir“, und damit eine ganze eigenartige Grenzziehung, ergibt. Doch anders als die Popkultur es uns vorgaukelt, ist das „dich“ in der Formel nie eindeutig definierbar. Liebe ist auch ein Gefühl, das kommt und geht, so flüchtig wie Wut, Freude und Bestürzung; ohne nur bloße Zuneigung zu sein und ohne nur auf Personen zu zielen. Haben wir nur ein Gespräch geführt, ist die Welt schon eine andere, weil wir von uns aus eine neue Grenze zu ihr (der Welt) gezogen haben. Jemand wurde in unser Ich-Konzept aufgenommen oder ausgeschlossen. Und zwar ohne, dass man selbst darüber befindet.</p>
<p>Man kann sich darauf einigen, das Ich-Konzept prinzipiell umzubauen, um bei der obigen Feststellung zum totalitären Egoismus zu bleiben. Doch es hilft überhaupt nicht weiter, den Unterschied kognitiver und kommunikativer Systeme hier zu verwischen. Das „Ich“ ist nicht nur ein Wahrnehmungsapparat, der sich eben freut, wenn er anderen hilft; und nur deswegen hilft.</p>
<p>Es bleiben nur Fragen. Die Welt als Wille und Vorstellung, Wille und Vorstellungen als Wünsche, die über unsere physischen Grenzen hinausreichen und situationsabhängig flexibel sind – und kaum kommunikativ expliziert werden müssen. Herr Tomasello beschließt das oben verlinkte Interview mit einem Verweis auf seine aktuelle Forschung. Er möchte seine Erkenntnisse zu den Formen der Kooperation ins Verhältnis setzen „zur Natur menschlicher Moralität“. Ich habe lange keine derart interessante Fragestellung mehr gehört. Natur als quasi Gegenbegriff zur Kultur; Moral als die generalisierten Bedingungen der Achtung; Achtung als das primäre Ordnungsprinzip von Interaktion; Interaktion als Kommunikation unter Anwesenden; Anwesende als sich reflexiv Wahrnehmende, verstrickt in die einzige Möglichkeit, die Transformation von Unbekannte in Bekannte zu bewältigen; usw. Schon die spontane „<a href="https://plus.google.com/106168571152509990135/posts/LXMcyhmiZnh">Assoziologie</a>“ verspricht viel.</p>
<p>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/pss/233842170/in/photostream/">Paul Stevenson</a>)</p>
<p>Update (19:30): Malte Welding behandelt die Frage: &#8220;<a href="http://maltewelding.berliner-zeitung.de/2011/11/25/kann-ich-alleine-mehr-ich-selbst-sein/">Kann ich alleine mehr ich selbst sein?</a>&#8220;</p>
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		<title>Verliebt, verlobt, Verfahren</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 16:42:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/09/04/verliebt-verlobt-verfahren/courtsketch-dsk-2/" rel="attachment wp-att-2559"><img class="alignnone  wp-image-2559" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/09/courtsketch-dsk1.jpg" alt="" width="639" height="315" /></a></em></p>
<p><strong>Der Fall DSK aus rollentheoretischer Sicht</strong></p>
<p>Der Vorhang des Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist vor gut einer Woche gefallen. Vergangenen Montag ging er in den Headquarters des Bretton-Woods Pfeilers noch ein letztes Mal auf als sich der einstige Chef von seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete und unter warmen Applaus im Auditorium empfangen und gegangen wurde.</p>
<p><span id="more-2295"></span>Alle Welt sah zu als Dominique Strauß-Kahn alias DSK, infolge der Anklage wegen <em>versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung</em> an einer Hotelangestellten die Täterrolle – und mit den sozialen Konsequenzen zugleich auch eine Opferrolle – in einem US-Ermittlungsverfahren einnahm. Mit der medialen Attraktivität gekürzelter Zeichensprache ist der belesene Zuschauer hierzulande spätestens seit des Falls KTG vertraut. Das Kürzel erscheint zugleich als Diagnose, deren Therapie bereits in Arbeitsverträgen als <a href="http://www.ftd.de/politik/international/:iwf-spitze-lagarde-muss-strauss-kahn-klauseln-unterschreiben/60074922.html">DSK-Klausel</a> Eingang gefunden hat. So musste sich seine Landsfrau und Nachfolgerin Christine Lagarde im neu verfassten Chef-Vertrag des IMF bereits dazu verpflichten, <em>jeglichen Anschein von Unschicklichkeit zu vermeiden</em>. Nun gilt es <em>Contenance à la Américaine</em> zu wahren. Für die Organisation und ihre Mitglieder ist es ein Beispiel von <a href="//sozialtheoristen.de/2011/07/29/bad-cases-make-bad-laws-wohlfahrtskosten-und-gewinne-von-absicherungen/"><em>Hard cases make bad law</em>s</a> – aber nicht nur das, denn wir selbst wurden zu Zuschauern.</p>
<p><strong>Inszenierung auf der Vorderbühne</strong></p>
<p>Für das globale Publikum wurden die regelmäßigen Gänge zum New Yorker <em>Criminal Court</em> bildlich und ausführlich festgehalten. <em>Le Monsieur</em> kam stets an der Seite seiner Frau, die seine Unschuld ebenso stets beteuerte. <a href="http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/anne-sinclair-1091900/"><em>Wie hält sie das nur aus?</em></a>, titulierten die Frauen-Magazine. Doch so dumm und blind dieses anscheinend weibliche Verhalten schien, es hatte eine strategische Wirkung. Seine Frau machte mit ihrer <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/frau-von-dominique-strauss-kahn-anne-sinclair-unerschuetterlich-in-ihrer-treue-1.1098212">unerschütterlichen Treue</a> aller Welt deutlich, dass hier nicht der Chef des IMF, sondern der Privat- und Ehemann weniger Täter, sondern vielmehr Opfer der Anklage sei. Die mutmaßliche <em>femme fatale</em> wurde stattdessen zunächst bewusst von der Öffentlichkeit ferngehalten.</p>
<p>Wenn auch ein langwieriges juristisches Verhandlungsdrama wie im Falle Kachelmann zunächst ausblieb, ein tragisches Ende nahm die klagende Partei ebenso. Höhepunkte des Ermittlungsverfahrens waren die medienwirksamen und emotionalen Interviews des Zimmermädchens und die Aussagen der Krankenhaus- und Hotelmitarbeiter. So unterschiedlich die Protagonisten und ihre Motive auch sein mögen, in beiden Fällen wird eine Trennung von öffentlichen und verfahrensmäßigen Rollen sichtbar. Die Spielregeln dieser Trennung beherrschten v.a. die männlichen Angeklagten, die sich mit Starverteidigern aus der peinigenden Untersuchungshaft zum <em>fesselnden</em> Hausarrest hin zum phoenixartigen Freispruch verhalfen.</p>
<p><strong>Unerwarteter Abgang<br />
</strong></p>
<p>Wer hätte mit diesem Ausgang gerechnet? Wer hätte im Mai erwartet, dass der anscheinend notorische Charmeur, dem bereits in seiner Heimat ein weiteres Verfahren bevorsteht, am Ende frei gesprochen wird gegen die Klage einer unbelasteten, unwissenden und unvermögenden Hotelangestellten? Alle Welt, die Beteiligten und Betroffenen wurden in ihren Erwartungen enttäuscht. Unabhängig von jeder Moralpredigt lehrt der Fall, dass medial inszenierte Auftritte und Darstellungen kein Ersatz für die Legitimation von Rechtsentscheidungen durch Verfahren sind.</p>
<p>Angesichts der Dramatik des Auftakts und der Dynamik der Ermittlungen, bleibt am Ende ein triumphaler Jubel aus. Auch wenn heute einige französische Parteigenossen die Heimkehr ihres <em>Camerade</em> mit Freude ankündigen, das Gros des Publikums verharrt stumm und still in einer eher nachdenklichen Pose. Und dieser Effekt ist es, der das Rollenverhalten vor Gericht von einem Theaterakt unterscheidet: Denn nicht wie auf der Bühne ist mit der Gage geklärt, dass der Verlierer im Gerichtssaal die Entscheidung der Richter auch annimmt und sich nicht gegen das Drehbuch oder die Regie auflehnt.</p>
<p><strong>Was garantiert die Akzeptanz auf der Verliererseite?</strong></p>
<p>Aber wie geht die erfolglose Partei mit dem Urteil um? Was garantiert ihre Akzeptanz gegenüber der Entscheidung – nach all der Schmach und der Pein? Auch wenn die Klägerin in diesem Fall innerlich gegen das Urteil rebellieren mag, Sympathisanten und Protestler lassen sich schwer finden. Auch das ist ein Merkmal legitimer Verfahren: Die verlierende Partei ist sozial isoliert. Die öffentlich beschworene Unterstützung durch die Preisgabe des eigenen Seelenlebens mussten die Richter gefühlskalt lassen. Der Akzeptanzbeschaffung gehen dabei zwei zentrale Bedingungen voraus: Die rollenmäßige Verstrickung der Beteiligten und die Offenheit der Rechtsentscheidung.<em> </em></p>
<p><strong>Verstrickung im Verfahren<br />
</strong></p>
<p><em>Mangelnde Glaubwürdigkeit</em> lautete die Begründung für die Einstellung des Ermittlungsverfahrens im Fall DSK. Wie konnte das passieren, wo doch die Beweislage den Akt so eindeutig bestätigte? Zu viele Fragen blieben jedoch offen, die z.T. erst während des Gerichtsverfahrens zum Vorschein kamen. Ein Verfahren ist kein einfaches Schauspiel, sondern angesichts der sensiblen Ansprüche an konsistente Selbst- und Fremddarstellungen der Beteiligten eine <em>Zumutung</em>. Bisherige Rollen müssen im Verfahren selbst erst erworben und erlernt werden. Die Klägerin kann weder als Freundin oder Angestellte auftreten und DSK kann nicht wie im Alltag als Ehemann, Vater oder Chef vortreten. Verfahrensmäßige Rollenbildung unterliegt dem Wechselspiel unterschiedlicher Erwartungen. Es bedarf der ständigen Anpassung und kann auch deshalb schwer vorbereitet werden.</p>
<p>Die Glaubwürdigkeit einer Opferrolle stellt wohl eine der größten Darstellungsprobleme an das eigene Verhalten, denn diese Rolle scheint gegen widersprüchliches Verhalten (insbesondere der Übernahme verfahrensexterner Rollen) am anfälligsten. Verfahren sind deshalb höchst darstellungssensibel. Wie in Kriminalromanen oder Krimi-Serien regelmäßig veranschaulicht wird, darf beim <em>Storytelling</em> des Tathergangs und der Beweggründe die Bewusstheit der eigenen Selbstdarstellung oder der geleisteten Fremddarstellung nicht mit dargestellt werden. Auch wenn ein Motivverdacht bzw. Inszenierungsanteil in jeder Selbstdarstellung mitläuft, ein Übermaß an Strategie würde den eigenen und fremden Gesichtsverlust bedeuten.</p>
<p><strong>Glaubwürdigkeit als dargestellte Rollenkonsistenz</strong></p>
<p>Durch das Zeremoniell des Verfahrens (Verlesung der Anklage, Identifikation der Person, Moderation der Spreckakte, usw.) sind alle Beteiligten angehalten, ihr Verhalten ernst zu nehmen und als bindend zu betrachten. Dieser Bindungseffekt entsteht erst im Verfahren und durch das Verfahren selbst – unabhängig von den Prozessgesetzen bzw. dem Verfahrensrecht. Statt direkter Drohmacht, richterlicher Autorität oder sozialer Kontrolle, wirkt die Macht des Verfahrens, in dessen Verlauf sich alle Beteiligten durch ihre passive oder aktive Rollenübernahme im doppelten Sinne verstricken und dabei nicht selten verzetteln. Takt, Toleranz und psychologisches Einsichtsvermögen sind dabei von hoher Bedeutung.</p>
<p>Im Falle von Anwaltsprozessen läuft die Selbstdarstellung der betroffenen Parteien über Dritte – namentlich über Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Vertretung durch Dritte gibt den Betroffenen zwar nur eingeschränkten Raum für eigenes Engagement, aber ihr Verhalten bleibt dennoch mit ausschlaggebend für die Urteilsfindung. Auch sie müssen sich auf bestimmte Verhaltenserwartungen einlassen und sich festlegen.</p>
<p><strong>Öffentlichkeit</strong></p>
<p>Eine Konsistenzprüfung ihres Verhaltens während des Ermittlungsverfahrens findet dann auch für das Verhalten außerhalb des Gerichtssaals statt. Nicht ohne Grund hält Krimnalpolizei unangemeldete Hausbesuche ab. Erst der Umstand, dass Erwartungen anderer an das eigene Verhalten im Handeln selbst mitgeführt werden, UND dass diese unterschiedlich ausfallen können, macht Rollenverstöße sichtbar. Diese Konsistenz des Rollenverhaltens ist gleichzeitig Bedingung für eine angemessene Darstellung seitens Dritter. <em>Ich kann Sie ansonsten in diesem Fall nicht vertreten</em>, hört man regelmäßig im Krimi-Kino.</p>
<p><strong></strong>Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass die Betroffenen v.a. am Anfang und am Ende des Verfahrens nach Öffentlichkeit suchen, um ihrer bisherigen Selbst- und Fremddarstellung mehr Aufmerksamkeit und Korrektur zu verleihen.  Jedoch sind gerade im Ermittlungsverfahren, wenn plötzlich immer mehr unschöne Details nicht nur über gelebte Sexualität, sondern auch über intime Vorstellungen und Wünsche an die Klatsch- und Tratschblätter der Welt geraten, die <em>Vorstrafen</em> für eine widersprüchliche Selbstdarstellung hoch – und dies noch bevor das mögliche Strafmaß Gegenstand einer Hauptverhandlung werden konnte. Öffentlichkeit ist ein zentrales Merkmal moderner Verfahren. Wieviel mediale Öffentlichkeit Teil davon wird, ist auch Teil der Entscheidungen vor Gericht.</p>
<p><strong>Rollenbindung durch Entscheidungsoffenheit</strong></p>
<p>Rechtliche Entscheidungen können sich über Jahre und Instanzen ziehen. Am Ende stehen sich immer zwei Seiten – Verlierer und Gewinner – gegenüber. Die Gleichheit der Parteien ist ein wesentliches Verfahrensprinzip. Was Verfahrensentscheidungen dabei so einzigartig und unwahrscheinlich macht, ist neben der angesprochenen rollenmäßigen Autonomie gegenüber anderen (öffentlichen wie privaten) Sphären, die Herstellung und Darstellung ihrer Offenheit. Richter dürfen sich gerade wegen dieser Offenheit der Entscheidung so wenig wie möglich als Entscheider darstellen, damit die Entscheidung selbst als eine Folgerung aus rechtlichen Normen und ermittelten Fakten erscheint.</p>
<p>Legitimation ist keine Eigenschaft des Entscheidungsinhalt. Entscheidend ist nicht, <em>was</em> als Urteil entschieden wurde, sondern <em>wie</em> bzw. unter welchen Bedingungen. Das Urteil ist legitim, nicht weil Gott es so wollte, die Parteien einen Konsens fanden oder ihre intersubjektive Richtig-, Wahrhaftig- und Verständlichkeit gesiegt hat, sondern weil das Urteil erst im Verfahren selbst herstellt wurde und damit auch anders hätte ausfallen können. Es ist gerade diese Offenheit, die als Bedingung die Beteiligten zu einem rollenmäßigen Engagement motiviert, diese zwingt, sich auf eine Rolle und dessen Darstellung festzulegen und sie schließlich an das Urteil bindet. Das Engagement ist jedoch auf die Verfahrensrolle beschränkt, die nicht von anderen eigenen Alltagsrollen ohne Weiteres tangiert wird. Mit anderen Worten: Der Prozessverliererin kann niemand den Vorwurf machen, wegen ihres Handelns im Verfahren etwa eine schlechte Mutter oder Freundin zu sein.</p>
<p><strong>Verfahren selbst als stummer Sieger</strong></p>
<p>Auch wenn die vermeintliche Tat im New Yorker Sofitel Hotel nicht weiter strafrechtlich verfolgt wird, so ist dennoch nicht mehr anzweifelbar, dass sie in irgendeiner Weise zustande kam. Das Siegertreppchen für DSK fällt entsprechend in den Keller. Das Publikum und die Beteiligten haben gelernt, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern moralisch fließend und gerichtlich eindeutig entschieden werden – aber auch wieder entscheidbar sind: Ein zivilrechtliches Urteil über die Anklage steht noch aus. Angesichts der hohen emotionalen, sozialen und finanziellen Kosten beider Parteien, geht als stiller Gewinner schließlich das Verfahren selbst hervor.</p>
<p>Foto: AP aus: <a href="http://www.thehindu.com/news/international/article2025538.ece">The Hindu</a></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong></p>
<p>Luhmann, Niklas 1983: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt am Main.</p>
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		<title>Situationsdefinitionen auf Finanzmärkten</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 11:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
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		<category><![CDATA[Prophezeiung]]></category>

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		<description><![CDATA[Produktive und destruktive Momente verunsichernden Erwartungserwartungen Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<p><strong>Produktive und destruktive Momente verunsichernden Erwartungserwartungen</strong></p>
</div>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/2011/08/08/uber-un-erwartbare-situationsdefinitionen-auf-finanzmarkten/beautifulproph/" rel="attachment wp-att-2212"><img class="alignnone  wp-image-2212" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/08/beautifulproph-550x275.jpg" alt="" width="635" height="275" /></a></p>
<p>Wer nicht selbst als Händler an den Börsen dieser Welt angestellt ist oder eigene Finanztitel im Depot hält, der hätte von der rasanten Talfahrt auf den Märkten der letzten Woche wenig mitbekommen. Wären da nicht die Onlineblätter der großen Zeitungen mit neuen Live-Berichten und (V-)Erklärungen so rasant eingegangen wie gleichzeitig die Orders auf dem Finanzparkett. Dort war von Chaos, Crash und Craziness zu lesen.</p>
<p><span id="more-2169"></span><strong>Kurskorrektur statt Geldvernichtung</strong></p>
<p>2,5 Billionen Dollar seien in der letzten Woche <em>vernichtet</em> worden, berichteten die Tagesthemen. Das würde dem Bruttoinlandsprodukt Frankreichs entsprechen, schrieben diverse Onlineblätter unisono. Allem Ärger zum Trotz hinkt jedoch dieser Vergleich zwischen <em>Wall Street</em> und <em>Main Street</em>: Kursverluste auf den Kapitalmärkten sind keine Wertschöpfungsverluste, sondern spiegeln Preisdifferenzen von Zahlungsversprechungen gegenüber Finanzprodukten wider. Wer tatsächlich wie viel Geld verloren und wer (beispielsweise auf fallende Kurse setzte und) dabei Gewinne gemacht hat, ist weder der Volatilität noch der Volumina zu entnehmen. Der Kapitalmarkt ist auch in dieser Hinsicht nicht informationseffizient. Die Eigentumstitel und ihre Nominalwerte sind unverändert (knapp), sie haben nur ihren Besitzer und ihren Preis gewechselt. Das Nullsummenspiel der Märkte wurde damit nicht aus<em>gehebelt.</em> Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zu Ende. <em></em></p>
<p><strong>Politische Zeit unterläuft Marktzeit</strong></p>
<p>Drei Meldungen seien für die Börsenturbulenz ausschlaggebend gewesen. Die Schuldenkrise in den USA, der EU und die (damit irgendwie verkettete) weltweite Konjunkturerwartung. Eine vierte Nachricht habe dann noch mehr Sand ins Börsengetriebe geworfen als am Donnerstag EU-Kommissionspräsident Barroso in einem Schreiben an die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone eine deutliche Aufstockung des Rettungsfonds EFSF forderte. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Politik mit ihren Entscheidungen chronisch hinter der potenzierten Zeit der Finanzmärkte hinterher läuft. Doch so sehr sie sich in den letzten (Urlaubs-)Wochen um Sparprogramme, Rettungspakete, Umschuldungen und letztlich auch um eine Beruhigung der Märkte bemüht hatte, so sehr wurde diese eine (noch nicht kollektiv bindende) Nachricht für die allgemeine Verunsicherung verantwortlich gemacht.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung</strong></p>
<p>Die genannten Meldungen sind jedoch keine wirklich neuen Neuigkeiten. <em>Die Mehr</em> der Staatsschulden ist seit Monaten bekannt. Selbst die Herabstufung der Bonitätsbewertung der USA seitens Standard &amp; Poor’s sollte zumindest weder für Politiker noch für institutionelle Anleger eine Überraschung gewesen sein – hatten die Agenturen doch in der Vergangenheit allzu oft eine <em>just in time</em> Anpassung versäumt. Die Talfahrt scheint vor diesem Hintergrund weniger auf einer allgemeinen Verunsicherung als auf einer <em>Selbstverunsicherung</em> zu fußen: Den Kurskorrekturen ging eine Kumulation von Erwartungskorrekturen voraus, die soziologisch nicht mit dem Verweis auf politisch verstörte Einzelmeldungen, sondern mit den Mechanismen wechselseitiger Situationsdefinitionen erklärt werden können: Marktteilnehmer erwarten plötzlich, dass andere Teilnehmer ihre Erwartungen ändern und verändern daraufhin ihr (Ver-)Kaufverhalten, was wiederum erst das erwartete Verhalten hervorrufen kann, usw.</p>
<p><strong><em>(Aus-)Tausch</em></strong><strong> von Erwartungserwartungen</strong></p>
<p>Wenn auf dem Parkett und an den Telefonen der Händler die Orders eingehen, Preise für Finanztitel verhandelt und daran geknüpfte Zahlungsversprechen getauscht werden, kann dies noch so turbulent und chaotisch erfolgen, es stabilisiert damit zugleich eine Sozialordnung. Diese Ordnung beruht auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen zwischen Marktteilnehmern, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen haben. Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Personen <em>A</em> und <em>B</em>: <em>A</em> erwartet, dass <em>B</em> erwartet, dass <em>A</em> zu jenem Kurs kauft und <em>B</em> erwartet umgekehrt, dass <em>A</em> erwartet, dass <em>B</em> zu jenem Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktteilnehmer wechselseitig. Der eine erwartet, was der andere tut, während der andere erwartet, was der eine tut. Nicht erfüllte (Kauf-)Erwartungen können deshalb nicht selten zu Enttäuschungen führen; sie tragen dadurch aber auch umgekehrt zum Festhalten an bestimmten Erwartungen bei. Im Gegensatz zu Produktmärkten können auf Kapitalmärkten Kauf- und Verkaufsrollen auch von derselben Person eingenommen werden (<em>switch-role markets</em>). Dies ändert wenig an den sozialen Bedingungen von Verhaltenserwartungen, jedoch dynamisiert es die Sozialordnung von Märkten ungemein.</p>
<p><strong>Selbstverunsicherung durch kumulative (Erwartungs)effekte</strong></p>
<p>Die Erwartungen an denen die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen ausrichten, sind zeitlich nicht stabil, sondern immer auch anders möglich. Sie orientieren sich an vergangenen Entscheidungen und unterschiedlichen Prognosen über ihr Kaufverhalten. Im Gegensatz zu gemachten Zahlungen können modellierte Zukunftsaussichten wieder geändert und revidiert werden. Prognosebasierte, erwartungsgesteuerte (und damit nicht vollständig determinierte) Entscheidungen sind daher auch der Selbstverunsicherung ausgesetzt. Sie müssen mitrechnen, dass sie im nächsten Moment bereits vergangen sind und damit den Folgen einer veränderten Bewertung seitens der Marktteilnehmer unterliegen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 kauft, kann zu einem Zeitpunkt t1 wieder verkaufen. Wer auf steigende Kurse setzte, kann Sekunden später auf fallende setzen und umgekehrt.</p>
<p><strong>Situationsdefinitionen gehen ihrer möglichen Ursachen voraus</strong></p>
<p>Wenn beispielsweise ein Kurs nicht weiter steigt, setzt ein Bewertungsumschlag der Erwartung ein. Wird dieser Kursfall als unerwartet hoch beschrieben, kann sich das Marktgeschehen an dieser Beschreibung orientieren und damit die Situation erst hervorrufen, ohne dass dafür eine neue <em>externe</em> Information als Auslöser eindeutig identifizierbar wäre, und ohne dass sich die befürchteten Erwartungen überhaupt einstellen. Gerade wenn bei Kursfällen (oder -anstiegen) bestimmte Richtwerte oder Grenzwerte über DAX-Kurse oder andere Indices bei Anlegern eingehen, laufen vermehrt vorprogrammierte Kaufs- und Verkaufsentscheidungen ab. Das Erreichen einer <em>Marke</em> lässt sich hinterher schwer auf eine Einzelhandlung zurechnen. Es ist <em>und</em> wird jedoch Ausdruck umstrukturierter Erwartungen und neu definierter Situationen. Dass (selbst-)verunsichernde Handlungsschemata in ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Weise in anderen Bereichen auftreten können, beschreibt das so genannte Thomas-Theorem: <em>If men define situations as real, they are real in their consequences</em> – bekannter unter der verkürzten Formel <em>sich selbsterfüllender Prophezeiungen</em>.</p>
<p><strong>Selbsterfüllende Prophezeiungen</strong></p>
<p>Derartige Selbstverstärkungseffekte ergeben sich vor allem bei großen Volumina und sekundenschneller Transaktionsströme – v.a. aber wenn ähnliche Situationsbeschreibungen (insbesondere über Wachstumsaussichten oder mögliche Ursachen von Kursverlusten) gleichzeitig zusammentreffen. Und dies ist angesichts der heutigen Echtzeitübertragung der Kurse auf wenigen (virtuellen) Marktplätzen ein nicht selten erwartbares Ereignis. Selbstverunsicherungen auf Finanzmärkten beruhen insbesondere auf Zahlungsentscheidungen, die je nach Zeitpunkt und Kursstand zwischen Verlustrisiko und Gewinnchance schwanken. Selbstverunsicherungen als soziale Bedingungen dieses Schwankens beschreiben damit einen großen Teil der so oft benannten und dennoch oft missverständlichen <em>Psychologie der Märkte</em>. Dabei ist nicht nur die Frage <em>wie reagieren die anderen Marktbeobachter</em> konstitutiv, sondern insbesondere, dass man mitführt, dass die <em>anderen</em> Marktteilnehmer Erwartungen über die <em>eigenen</em> Verhaltenserwartungen haben. Investor <em>A</em> erwartet, dass Investor <em>B</em> von <em>A</em> erwartet, er würde jetzt kaufen oder verkaufen &#8211; und umgekehrt.</p>
<p>Während man in Paarbeziehungen schwer von einmal vorgelebten (Geschlechter-)Rollen abweichen kann, tendieren Marktteilnehmer eher zu reaktantem Verhalten. Sie versuchen <em>zeitlich konträr</em> zu ihren Erwartungserwartungen zu handeln, um nicht (zu spät) in erwartete Preisbewegungen zu geraten. Die Reflexivität von Erwartungen kann dabei lähmend oder aktivierend wirken. Von außen an die Märkte herangetragene wirtschaftliche und politische Informationen werden in dieses Zusammenspiel wechselseitiger Erwartungen selektiv eingespeist und in die eigene Marktsprache übersetzt. Es ist gerade dieses Geschäft mit der erwarteten (Selbst-)Unsicherheit der Zukunft, das die produktive und zugleich destruktive Kraft auf Finanzmärkten ausmacht – in Krisen- wie in Boomzeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Bild: <a title="The Prophecy" href="http://www.paranaiv.no/archive/photographers/aymeric-giraudel">The Prophecy</a>)</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen in der Theorie</strong></p>
<p>Merton, Robert K. 1948: The self-fulfilling prophecy. Antioch Review 8, 193-210.</p>
<p>Thomas, William I. &amp; Thomas, Dorothy S. 1928: The child in America: Behavior problems and programs. New York: Knopf, 572.</p>
<p>Weick, Karl. E. 1995: Der Prozess des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 221-236.</p>
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		<title>Scheitern von Interaktion</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Jul 2011 09:22:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologielinks]]></category>

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		<description><![CDATA[Constanze Kurz schreibt hier über das Scheitern der letzten Sitzung der &#8220;Internet und digitale Gesellschaft&#8221;-Enquête-Kommission des Bundestags. Der thematische Sachverstand, die individuellen Ziele und die politische Entscheidungslogik haben sich blockiert. Das hat für viel Wirbel gesorgt, weil das Scheitern von unbeteiligten Beobachtern sofort Personen zugerechnet wurde und so viel persönliche Enttäuschung hervor rief. Was an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Constanze Kurz schreibt hier über das <a href="http://www.faz.net/artikel/C30833/netzneutralitaet-im-siebenten-kreis-der-demokratie-30458545.html">Scheitern der letzten Sitzung</a> der &#8220;Internet und digitale Gesellschaft&#8221;-Enquête-Kommission des Bundestags. Der thematische Sachverstand, die individuellen Ziele und die politische Entscheidungslogik haben sich blockiert. Das hat für viel Wirbel gesorgt, weil das Scheitern von unbeteiligten Beobachtern sofort Personen zugerechnet wurde und so viel persönliche Enttäuschung hervor rief.</p>
<p><span id="more-2005"></span>Was an dieser Stelle mit &#8220;Scheitern&#8221; gemeint ist, soll erstmal dahingestellt bleiben. Denn die Sitzung wurde ordentlich beendet und vertagt, es herrscht nun aber erhebliche Unzufriedenheit unter Beteiligten und Unbeteiligten vor. Die gesetzten Ziele wurden nicht erreicht.</p>
<p>In diesem Sinne lohnt es sich, einmal <a href="http://online-merkur.de/seiten/lp201105bmai.htm">diesen Text</a> <em>(<a href="http://twitter.com/#!/ChristophKappes/status/89601763090501632">via</a>)</em> von Kathrin Passig zu lesen. Er handelt davon, weshalb themenzentrierte Kommunikation im Internet beinah zwangsläufig scheitert und weshalb es kaum statische Möglichkeiten geben kann, Kommunikation gelingen zu lassen.</p>
<p>Beide Texte zusammen werfen die Frage auf, wie man überhaupt noch politisch, also verbindlich, Kommunizieren kann, wenn es unter internetgestützter Beteiligung aller Interessierten nicht geht, aber unter Ausschluss der Mehrheit auch nicht. Es führt immer nur zu Ärger. Wenn alle beteiligt sind, gibt es ihn unter den Beteiligten. Wenn nur einige beteiligt sind, gibt es ihn unter den Beobachtern. Wenn nicht beobachtet werden darf, gibt es ihn schon vorher.</p>
<p>Es ist bezeichnend, dass die Losung am Ende des Textes lautet: »Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben«. Denn das ist auf der gleichen Ebene angesiedelt wie das &#8220;I&#8217;m not talking to you&#8221; und unterstützt eine beunruhigende Behauptung: Mit dem Internet ist keine Gesellschaft zu machen. Und das scheint auch dann zu gelten, wenn das Internet nur peripher als Tribüne dient.</p>
<p>Wahrscheinlich müssen wir doch alle nochmal einen <a href="http://www.dirkbaecker.com/15Thesen.pdf">genaueren Blick auf Dirk Baeckers Thesen zur nächsten Gesellschaft</a> werfen. Wenn wir schon keine Lösungen haben, sollten wir zumindest das Problem verstehen.</p>
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		<title>Was es kann und was wir wollen #Hangout</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Jul 2011 20:51:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Diese ganzen Social-Media-Hypes sind ja eigentlich nur was für Spielkinder, die sich schon immer für magische Maschinen interessiert haben. Wer sich heute mit finanzieller Hilfe bei Ebay um eine Google-Plus-Einladung bewirbt und das Glück hat, dies nicht aus beruflichen Gründen tun zu ‚müssen‘, folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem lebensbestimmenden Muster. Chronologisch rückwärts hat man sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1953" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/07/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Diese ganzen Social-Media-<em>Hypes</em> sind ja eigentlich nur was für Spielkinder, die sich schon immer für magische Maschinen interessiert haben. Wer sich heute mit finanzieller Hilfe bei Ebay um eine Google-Plus-Einladung bewirbt und das Glück hat, dies nicht aus beruflichen Gründen tun zu ‚müssen‘, folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem lebensbestimmenden Muster. Chronologisch rückwärts hat man sich mit ähnlicher persönlicher Inbrunst und finanzieller Hingabe um die Anschaffung digitaler, elektronischer und mechanischer Maschinen gekümmert. Alle 5 – 20 Jahre änderte sich die Spezies der Maschine, die Neugier bleibt dieselbe.</p>
<p><span id="more-1952"></span>Wenn nicht die <em>Media</em>-Maschine, sondern der <em>Social</em>-Aspekt im Vordergrund stünde, müsste man beinah der gesamten Schar, der in Deutschland bekannten und als solche profilierten „Early Adopters“ dazu raten, eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen*. Nichts vergrößert den Freundeskreis schlagartiger als das erste eigene Kind.</p>
<p>Von beruflichen Kontexten abgesehen, führen auch die Kinder erstmals die Notwendigkeit stetiger, technologiegestützter Kommunikation vor Augen. Man verabredet sich zum Krabbeln, Baden und Buddeln und muss die Termine immer variabel halten, weil Kinder machen was sie wollen und vor allem im ersten Jahr so unregelmäßig schlafen, dass alle Terminabsprachen immer nur vorläufig sind.</p>
<p>Aus dieser Blickrichtung kommt dann auch das ganze Elend mit den (Versprechungen der) Online Social Networks zum Vorschein. Denn das, was die interfamiliäre Tagesplanung erträglich macht ist immer noch, und beinah ausschließlich, die gute alte SMS.</p>
<p>Twitter eignet sich für die Kommunikation mit Unbekannten, Facebook ist beinah ein reines Präsentationstool, dessen „soziales“ Potenzial darin besteht, andere im Nachhinein damit zu beeindrucken, was man tolles gemacht/gesehen/erlebt hat. Skype ist eine recht nützliche Sache, um zu verabredeten Terminen Gespräche mit Ton und Bild zu führen. Zur <em>spontanen</em> Koordination der nahen Zukunft eignet es sich nur bedingt.</p>
<p>Es sind weiterhin Wünsche offen. Letzt Woche ist nun mit Google Plus das nächste Angebot gekommen, Koordinierungsleistung zu erbringen. Ich kenne es bislang nur aus Videos und Berichten und stelle fest, für das oben skizzierte Szenario hält es wohl ein paar Überraschungen bereit. Insbesondere die Idee des Google+ <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Tku1vJeuzH4">Hangout</a>. Ich stelle mir vor, wie wir uns zu 15 Uhr im Schwimmbad verabreden und gegen 14 Uhr beginnen nachzufragen, ob die Kiddis bereit sind. Natürlich schlafen manche noch und die Eltern sitzen im Zimmer nebenan und vertreiben sich die Zeit. Wäre es nicht witzig, wenn ein Kiddi-Termin schon zuhause beginnen würde? Warum gelingt das nicht, wenn doch alle die Zeit dafür schon freigeräumt haben? Was sind die Hürden?</p>
<p>Wie immer ist an dieser Stelle kurz aber explizit darauf hinzuweisen, dass bei einer Thematisierung von Online Social Networks, trotz des Namens, eine online/offline-Unterscheidung kaum problematisiert wird. Der Problembezug zeigt auf den erlebten Alltag: die Koordination von Verhalten in und von Familien, die nicht im selben Haushalt leben. Familien benutzen mechanische Autos, elektronische Türklingeln und digitale Handytechnik. Die zu lösenden <em>Probleme</em> liegen nicht in den technologischen Bedingungen. (Auch wenn sie als Lösungen neue Probleme hervorrufen.)</p>
<p>Die Frage ist, wie zwischen den Familien, zum Zwecke der gemeinsamen Tagesplanung, Interaktion ermöglicht werden kann. Die Ansprüche sind hoch: Es geht um Gespräche, die Pausen und Ablenkungen zulassen, Freiräume bieten, ohne explizite Begrüßungen und Verabschiedungen auskommen, usw. Die Soziologie schreibt in ihren Definitionen für Interaktion bislang als zentrale Bedingung <em>Anwesenheit</em> fest. Einen Schritt weiter lässt sich ermitteln, dass Anwesenheit verdeckt, um was es eigentlich geht: Wahrnehmung.</p>
<p>Bislang blockiert die technologiegestützte Kommunikation Wahrnehmung beinah vollständig. Texte und Telefonate lassen keinen Spielraum für Peripheres, Implizites oder Indirektes. Man kann sich am Telefon mehrdeutig Räuspern und Texte verklausulieren – doch es bleibt Ungesagtes ungesagt und zwischen den Zeilen Geschriebenes ungeschrieben. Das Verstehen lässt sich nicht kommunikativ kontrollieren. Was <em>wirklich</em> gemeint wurde, bleibt verborgen. Für <em>Verstandenes</em> kann man niemanden außer sich selbst unter Rechtfertigungsdruck setzen. Das Einzige, was bliebe, ist die Nachfrage – die wiederum das eigentliche Thema blockiert und weniger Aufklärung verspricht, als ein Angebot zum Zurückrudern darstellt (und dabei dem anderen wiederum unverbindlich zu verstehen gibt, schon ‚genau richtig‘ verstanden zu haben).</p>
<p>Interaktion ist gegeben, wenn es diese Wahrnehmungsblockaden nicht gibt. Sie müssen in zwei Aspekten abgebaut werden. 1. Zum Einen sollte sich die an Interaktion Beteiligten <em>gegenseitig</em> wahrnehmen. Sie sollten sich sehen und hören können: (1) Gesprochene Sprache ohne Umbrüche in Text; (2) Hören ohne Zeitverzug. Und ergänzend dazu sollte die Bandbreite an Gesten und nonverbalen Unterstützungen einsetzbar sein. Die Leistungsfähigkeit des Gespräches ruht auch darauf, dass man beim Sprechen bereits eine Antwort/Rückmeldung erfährt bzw., dass man als Zuhörender aktiv am Gespräch beteiligt ist. (Die Sachlage müsste an dieser Stelle mit viel Text ausgebaut werden. Denn es geht nicht nur darum, den anderen zu beobachten, sondern auch sich selbst als den Beobachter des anderen beobachten zu können und darauf zu reagieren, dass man reflektiert, dass man vom Gegenüber als der Andere beobachtbar ist / beobachtet wird, usw. Diese Kopplung von Beobachtung und Verhalten ist an die Körper selbst gebunden, sie werden beobachtet, sie verhalten sich &#8211; sie erfüllen die Anwesenheitsbedingung.)</p>
<p>2. Zum anderen scheint es wichtig, dass man in einem Gespräch dieselbe Umgebung beobachtet. Wer sich im Gespräch begegnet, sich also einfachster Weise gegenübersteht, sieht den Ausschnitt von der Welt, den der andere nicht sieht. Man könnte nun sagen, beide sehen völlig unterschiedliche Dinge. Aber man muss auch feststellen, dass beide, sich gegenseitig ergänzend, eine – genauer – eine <em>gemeinsame</em> Welt beobachten. Die für Punkt Eins wichtige Ermöglichung der Perspektivenübernahme gelingt umso besser/schneller, je mehr über die Umgebung Klarheit herrscht (und man beispielsweise nicht erst durch Fragen Erzählungen provozieren muss: Wo bist du gerade? Oder: Störe ich?). Das gilt umso mehr, je sachzwangloser und <em>geselliger</em> man sich unterhalten möchte.</p>
<p>Der Wunsch nach Interaktion unter Abwesenden macht klar, die Wunschliste an das „socialweb“ ist noch immer und beinah unverändert lang. Und es ist auch klar, selbst eine Telekommunikationstechnologie auf Basis von synchronisierten Holodecks würde nicht alle Problemstellungen bewältigen. Klar ist aber auch, dass Abstriche sehr wohl hingenommen werden können. Der Problembezug ist an dieser Stelle ja recht spezifisch und überschaubar. <em>Kompromisse </em>sind kein Problem.</p>
<p>Die Möglichkeiten der Videotelefonie sind in dieser Hinsicht schon recht revolutionär. Und bei Google Plus kommen sie nun ziemlich weit zum Zuge: Die Möglichkeiten, einen „Ort“** zu schaffen, in dem Gespräche sich so einfach ergeben, wie wenn es an der Tür klingelt; in dem es möglich ist in ein Gespräch ein- und auszusteigen; in dem viele technologischen Belange übernommen werden und es weder eines Administrators noch eines Moderators bedarf, sind ziemlich toll. Zwei Google-Entwickler <a href="http://twit.tv/twig101">sprechen hier darüber</a>, und man kann feststellen, dass bei der Entwicklung nicht nur technologische und wirtschaftliche Überlegungen zentral standen.</p>
<p>Während alle anderen Online Social Networks derzeit verkümmern &#8211; aus euphorischen Blogposts wurden hingerotzte Tweets, aus denen zuletzt Ja/Nein-Likes wurden (dazu ein wirklich toller <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052702304584004576415940086842866.html?mod=WSJ_Tech_RIGHTTopCarousel_1">Text im WSJ</a>) – ist es Google gelungen, eine völlig neue Idee zu haben: ein Online Social Network, das seinen Fokus auf echtzeitige, wechselseitige ‚Kommunikation unter Bekannten‘ unter Einbezug mehrerer Sinne per Video setzt. Zwar bietet sie auch die Möglichkeiten, Timelines zu füllen und zu konsumieren. Doch diese Datensammeleinrichtungen ließen sich wohl schlicht ignorieren, wenn man nur daran interessiert ist, einem begrenzten Zirkel an Menschen sanfte Hinweise über die eigene Verfügbarkeit zu geben und die Möglichkeiten der Kommunikation per Video per einfachem Klick zu nutzen. Großartig.</p>
<p>Das Internet muss nämlich überhaupt nicht ständig irgendwas revolutionieren. Es reicht völlig, wenn es sich darauf beschränkt zu versuchen, <em>kleine</em> Hindernisse zu überbrücken. Facebook hat Leben ins Adressbuch gehaucht, dass uns nun ständig mit Lebenszeichen unserer Telefonbucheinträge versorgt. Twitter versorgt uns mit Witzen, auch in den Situationen, in denen sie völlig unangebracht aber passend sind. Google Plus ermöglicht nun ziemlich echte Geselligkeit, obwohl alle woanders sind.</p>
<p>Microsoft hat ja zuletzt Skype gekauft und schon eine Weile den kinect-Kontroller für die Spielkonsole im Angebot. Auf die Idee, Wohnzimmer-zu-Wohnzimmer-Videotelefonie zu bewerben ist man dort aber irgendwie nie gekommen. Doch genau das ist eigentlich das, was heute noch fehlt.</p>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p><em>Erklärende Ergänzung</em>: Ich habe oben von Kompromissen gesprochen. Im Grunde geht es darum, zu ermitteln, ob die Möglichkeit besteht, per Internet eine Stammtischsitzung durchzuführen. Ich bin da recht zuversichtlich. Ich schaue mir nicht immer aber regelmäßig ein paar Sendungen des <a href="http://twit.tv/">twit</a>-Programms live an. Leo Laporte redet mit Gästen gleichzeitig on- und offline über <em>das Internet der Gesellschaft</em> (so ist es korrekt). Man kann dort beobachten, gerade kurz vor den Sendungen, wie sich die Teilnehmer in der Interaktion in Stimmung bringen und wie selbstverständlich sie miteinander plaudern. Man müsste sich einmal eine derartige 5-10-Minütige Gesprächsepisode transkribieren und den Text genauer ansehen. Mein Gefühl sagt mir, die Asymmetrisierung und Rollenverteilung verläuft ähnlich, unabhängig davon, ob sich die Personen im Studio befinden oder einzeln zugeschaltet sind. Bzw. man könnte allein anhand einer Transkription (die es inhaltlich nicht verrät) nicht erraten, wer vor Ort und wer zugeschaltet ist. Und meine zweite Vermutung ist: Umso mehr sich die Beteiligten kennen, umso einfacher Gelingt die Interaktion, umso schneller ist das Gespräch fremdreferenziell.</p>
<p>* Jawohl, sie sind alle männlich.<br />
** Unter Ermangelung besserer Begriffe und Vermeidung von &#8220;Sphäre&#8221;.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/badwsky/2469542560/in/photostream/">Anthony Catalano</a>)</em></p>
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