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	<title>Sozialtheoristen</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>&#8220;Wir-sind-die-Privilegierten.de&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 13 May 2012 20:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich wollte hier einen Text schreiben, über die Beobachtung, dass sich in der Piratenpartei zwar keine Eliten, aber doch ausschließlich Privilegierte tummeln. Privilegiert, weil sie horrende Buchhonorare haben, weil sie verbeamtet sind, weil sie ein 1,0-Abitur vorweisen können. Privilegiert aber auch, weil sie noch keine Familien gegründet haben, noch keiner berufsbedingten Organisationszugehörigkeit gerecht werden müssen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich wollte hier einen Text schreiben, über die Beobachtung, dass sich in der Piratenpartei zwar keine Eliten, aber doch ausschließlich Privilegierte tummeln. Privilegiert, weil sie horrende Buchhonorare haben, weil sie verbeamtet sind, weil sie ein 1,0-Abitur vorweisen können. Privilegiert aber auch, weil sie noch keine Familien gegründet haben, noch keiner berufsbedingten Organisationszugehörigkeit gerecht werden müssen. Und auch deswegen privilegiert, weil sie sich in Deutschland um die Grundsicherheit ihrer Bedürfnispyramide keine Sorgen machen müssen. Privilegiert, weil sie sich um die Folgen ihres Handelns nicht zu sorgen brauchen. Privilegiert, weil sie nichts zu verlieren haben.</p>
<p><span id="more-3900"></span>Ich lass das Schreiben dieses Textes aber bleiben. Es gehört auch zu meinen Privilegien, Ideen einfach so ins Internet zu schreiben, sie zur Verfügung zu stellen, für jeden, der sie möchte, mit einer Lizenz, die Kritik, Weiterdenken, Weiterverschenken zulässt. Ein Privileg, das mir seit ein paar Tagen sehr viel weniger bedeutet, das in meiner Privilegienhierarchie weit nach unten gerutscht ist. Das &#8216;Problem&#8217; des freien Internets ist nämlich das der PirateBay: Es gibt zu viele, die sich bedienen, es gibt zu wenige, die etwas anbieten.</p>
<p><a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/piraten-urheberrecht-denn-sie-wissen-nicht-wie-werke-entstehen-11746960.html">Das ist das Argument</a>. Die Hypothese lautet: In zehn Jahren ist kein schützenswertes <em>freies Internet</em> mehr übrig. Aber ja, <a href="https://twitter.com/#!/friiyo/status/200947750966263808">bauen wir es einmal auseinander und wieder zusammen</a>. Vielleicht hilfts&#8230; Die Gruppe mit den größten Privilegien ist die der dummen.</p>
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		<title>Sozialtheoristenzeitung</title>
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		<pubDate>Wed, 09 May 2012 18:41:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Man hat ja so gerne was in der Hand, was haptisches, echtes, zum zusammenknüllen und in die Ecke werfen. Wir F.A.Z. Volontäre haben heute unsere ersten Zeitungsseiten von Grund auf selbst gebaut und gefüllt. Das Thema (wer braucht eins?) lautete &#8220;Kraut und Rüben&#8221;. Also habe ich im Sozialtheoristen-Textbestand nach Piratenstories gesucht. Verbaut sind das Interview [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Man hat ja so gerne was in der Hand, was haptisches, echtes, zum zusammenknüllen und in die Ecke werfen. Wir F.A.Z. Volontäre haben heute unsere ersten Zeitungsseiten von Grund auf selbst gebaut und gefüllt. Das Thema (wer braucht eins?) lautete &#8220;Kraut und Rüben&#8221;. Also habe ich im Sozialtheoristen-Textbestand nach Piratenstories gesucht. Verbaut sind das <a href="http://sozialtheoristen.de/2012/04/13/fragen-an-marina-weisband/">Interview mit Marina Weisband</a>, der Text über <a href="http://sozialtheoristen.de/2012/03/29/wie-ware-es-mit-vertrauen/">Politik und Vertrauen</a> und der über die <a href="http://sozialtheoristen.de/2011/11/07/die-roboter-kommen/">Liquid-Feedback-Roboter</a>. Es handelt sich um drei Texte mit 3787 Wörtern. Damit wäre auch eine für mich interessante Frage beantwortet: Würde man den gesamten Textbestand der Sozialtheoristen in F.A.Z.-Style übernehmen und drucken, würde man 54 Seiten füllen, also eine Samstags-F.A.Z.</p>
<p><span id="more-3875"></span></p>
<p><a href="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/0231.jpg"><img class="alignnone size-large wp-image-3876" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/0231-550x735.jpg" alt="" width="550" height="735" /></a></p>
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		<title>Kleine Gehälter, große Fragen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 May 2012 19:32:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist doch sehr widersprüchlich. Nun haben wir die Weblogs, Twitter, Podcasts, Youtube und – ganz neu – Google+Hangouts On Air, endlich lässt sich von allen alles überall sagen. Endlich ist das Echtzeitinternet keine Utopiechiffre mehr und dann entschuldigt sich Max Winde heute zum Einstieg in seinen F.A.Z.-Artikel dafür, dass auch er noch etwas zum [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3864" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-3864" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="310" /><p class="wp-caption-text">Es geht ums Urheberrecht, doch die Bedürfnispyramide muss von Grund auf neu gebaut werden.</p></div>
<p>Es ist doch sehr widersprüchlich. Nun haben wir die Weblogs, Twitter, Podcasts, Youtube und – ganz neu – <a href="http://stadt-bremerhaven.de/google-hangouts-on-air-starten-weltweit/">Google+Hangouts On Air</a>, endlich lässt sich von allen alles überall sagen. Endlich ist das Echtzeitinternet keine Utopiechiffre mehr und dann entschuldigt sich Max Winde heute zum Einstieg in seinen <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urheberrechtsdebatte-es-gibt-kein-zurueck-ins-echte-leben-11741957.html">F.A.Z.-Artikel</a> dafür, dass auch er noch etwas zum Thema Urheberrecht beitragen möchte.</p>
<p><span id="more-3862"></span>Schade, er müsste es nicht. Denn zum einen ist Max Winde ein durch <a href="http://mobilemacs.de/">Pritlove</a>-<a href="http://wir.muessenreden.de/">mspro</a>-Gegenwind gehärteter Argumentierer, ein (inzwischen nicht mehr so) verkannter <a href="http://de.favstar.fm/users/343max">Twitterakrobat</a> und obendrein ein Auskenner in den wilden Zeiten. Zum anderen aber brauchen wir eine fortlaufende Diskussion, die gerade nicht auf eines abzielt: einen status cuo.</p>
<p>Die Idee, dass eine so wichtige gesellschaftliche Debatte wie die zum Urheberrecht geführt wird, um einen Konsens oder Kompromiss zu erzielen, ist irrsinnig. Bei vielen gesellschaftlichen Konflikten, und bei diesem ganz besonders, kommt es gerade darauf an den Konflikt am Laufen zu halten. Es ist das besondere und schützenswerte, die individuelle Freiheit garantierende Merkmal unserer modernen Gesellschaft, dass es gerade keine Instanz gibt, die solch einen Konflikt entscheiden kann und darf. Man muss es der Sachlage angemessen pathetisch fassen: Zur Freiheit, überhaupt zu diskutieren, gehört die Zulassung der Argumente der anderen. Nur so bleiben sie Argumente und werden keine Befehle.</p>
<p>Man kann es so philosophiehistorisieren, man kann aber auch ganz in der Gegenwart bleiben und auf Sascha Lobo hinweisen: <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-bei-der-re-publica-a-831364.html">Das Internet kennt keinen wahren, statischen, eindeutigen Zustand. Es ist, wie es ist und wir wissen, dass und wie es auch anders sein könnte; schon morgen. Das Reden über das Internet bestimmt seinen Zustand, das Engagement des Einzelnen bestimmt seinen Gehalt.</a> Wir müssen also über alles Reden, das <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urheberrechtsdebatte-wir-muessen-ueber-geld-reden-11720092.html">Geld</a>, die Freiheit, den Beitrag und den Nutzen des Einzelnen.</p>
<p>Weil wir jetzt auch Piraten haben, lautet meine derzeitige Lieblingsfrage zum Thema ungefähr so: Wenn wir die Kulturproduzenten und Kulturkonsumenten gegeneinander setzen, erhalten wir eine Ratio von ungefähr 1 zu 99. Wenn es zwischen beiden einen Konflikt gibt, wie lässt der sich eigentlich demokratisch lösen? Sebastian Nerz sagte im März, damals noch als Piratenbundesvorsitzender, auf diese Frage: &#8220;Wir müssen schauen, wie wir die Kulturproduzenten schützen können. Wir müssen sie einbinden.&#8221; Aber wie das Schützen aussehen kann und wie Künstler einzubinden sind, die ja absichtsvoll Künstler und keine Politiker sind, sagte er nicht.</p>
<p>Das enttäuscht mich nicht nur, sondern es macht mir ein wenig Angst. Meine last.fm-<a href="http://www.lastfm.de/user/amazeman">Musikstatistik</a> sagt, dass ich ca. vier Stunden am Tag Musik höre. Musik ist mir so wichtig, dass ich dafür Geld ausgebe. Das reicht aber nicht, sie muss allen so wichtig sein. <a href="http://www.rollingstone.de/magazin/features/article291734/bela-b-zum-thema-urheberrecht.html">Darf ein Lied, das uns ein Leben lang begleitet, billiger sein als ein Snickers an der Tanke?</a> Nein, darf es nicht, weil es mehr wert ist. Und: Gerade über Musik möchte ich mit niemandem diskutieren. So wichtig Konflikte sind, Musikgenuss kann man durch akademisches Gelaber zerstören. Ich möchte, dass sich Profis das Hirn über gute Musik zerbrechen und mich gerade nicht mit der Herstellung, sondern nur mit dem Ergebnis konfrontieren. Darin liegt der Sinn des Bezahlens. Dass wir das Musikmachen selber auch nicht besser könnten, ist erst die zweite Wahrheit.</p>
<p>Das gilt so auch für die Politik. Ich möchte nicht, dass Johannes Ponader als Bundespolitiker von Arbeitslosengeld II lebt, während der Showmaster neben ihm ein sechsstelliges Monatsgehalt bekommt. Die Piraten diskutieren bei jedem Parteitag, also alle halbe Jahre, darüber, ob sie ihren Mitgliedsbeitrag anheben oder nicht. In Neumünster hoben sie ihn, nach über einer Stunde Diskussion mit unzähligen Wortmeldungen um einen Euro auf vier Euro im Monat an. Man kann seine Zeit kaum ertragloser verschwenden. Die Freiheit des Internets und die Vielfalt der Künste rettet man so nicht. Die Gesellschaft bleibt von der Diskussion um den Piratenmonatsbeitrag gänzlich unbeeindruckt.</p>
<p>Ich hoffe, es wird noch viele Diskussionsbeiträge zum Thema Urheberrecht geben. Es gibt noch zu viele ungehörte Produzenten und Konsumenten. Und weil Klaus sich freut, wenn ich hier journalistische Produktionszusammenhänge offenbare: Wenn alles klappt, unterhält sich demnächst jemand von der F.A.Z. mit <a href="http://brunokramm.wordpress.com/">Bruno Kramm</a>. In Neumünster hat er sich kurz Zeit für ein Gespräch genommen und ich war überrascht, welche unausgeleuchteten Winkel zum Thema Urheberrecht es gibt. Nur wird man die Debatte einmal ganz neu aufrollen müssen. Selbst das Internet, das Recht und das Geld müssten als Problembezüge erst einmal abgeblendet werden. Hinter dem Thema Urheberrecht schlummern die wahren Probleme, die Fragen aller Fragen.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/amazeman/6815393078/in/photostream/">Stefan Schulz</a>)</em></p>
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		<title>Bis zum bitteren Ende</title>
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		<pubDate>Sat, 05 May 2012 19:52:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henrik Dosdall</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

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		<description><![CDATA[16 eigene und 15 „geklaute“ Lieder. Fast durchgehend positives mediales Echo und eine Resonanz in den deutschen Zeitungen, die der letzten Veröffentlichung eines der so genannten deutschen Urgesteine- das Mal aber aus Berlin (aus Berlin), nicht aus Düsseldorf- in nichts nachsteht. Und während die Ärzte in einer der letzten, im freien TV empfänglichen, Harald Schmidt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left"><img class="aligncenter size-medium wp-image-3844" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/81JJtMbMUBL._AA1400_3-550x550.jpg" alt="" width="550" height="550" /></p>
<p style="text-align: left">16 eigene und 15 „geklaute“ Lieder. Fast durchgehend positives mediales Echo und eine Resonanz in den deutschen Zeitungen, die der letzten Veröffentlichung eines der so genannten deutschen Urgesteine- das Mal aber aus Berlin (aus Berlin), nicht aus Düsseldorf- in nichts nachsteht. Und während die Ärzte in einer der letzten, im freien TV empfänglichen, Harald Schmidt Sendungen ihren legendären Auftritt aus dem Jahre 1999 fast noch toppen, redet Campino lieber mit der <a href="http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/campino-im-gespraech-ich-will-euphorie-und-niederlage-spueren-11737339.html">FAZ</a> über Günther Grass und Fußball.</p>
<p><span id="more-3838"></span></p>
<p>Die Wahrnehmung beider Bands könnte indes unterschiedlicher nicht sein. Wurzeln beide Bands in der Idee „Punk“, die – wie man wiederum an beiden Bands ablesen kann – keineswegs so einheitlich ist wie es der Name Glauben machen möchte, so kristallisieren sich heute trotz „gemeinsamer Herkunft“ doch deutliche Unterschiede heraus. Während man den Hosen nachsagt, sie betrieben ihr Alterswerk und versuchen in Würde zu altern, wird den Ärzten immer wieder gerne unterstellt, dass sie schlicht und ergreifend Berufsjugendliche seien, die ihren Zenit überschritten haben. Tatsächlich lässt sich bei den Ärzten – nehmen wir „Jazz ist anders“ einmal aus – an und für sich fast keine Veränderung feststellen. Zwar wildert man heute mehr als früher – sicherlich auch der wachsenden musikalischen Kompetenz geschuldet &#8211; in angrenzenden Musikstilen. An der Grundausrichtung, Ironie gegenüber allem und insbesondere gegenüber Beziehungsthemen zu besingen, und sich dabei im gleichen Atemzug auf den Arm zu nehmen, hat sich allerdings nicht viel geändert. Anstatt zu versuchen, dies zu erklären, zitiert man lieber den weisen <a href="http://www.rollingstone.de/reviews/alben/article288272/die-aerzte-auch.html">Rolling Stone</a>, der es prägnant auf den Punkt bringt: „Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum die Ärzte von vielen nicht gemocht werden: Man fühlt sich schnell zu alt für sie. Obwohl man’s gar nicht ist. Wenn jetzt noch einer sagt, das könnte doch Punk sein – dann hat er vielleicht sogar ein bisschen recht.“ Und vielleicht ist der charakteristischste Unterschied zu den Hosen dann auch der, dass One Night Stands bei Campino überm Klo (Zwei Drittel Liebe) enden und bei Farin wahlweise an Transvestiten oder vorzeitigen Samenergüssen scheitern (N 483).</p>
<p>Verlassen sich die Ärzte wenn nicht immer auf Humor so doch meist auf Ironie – die ein beständigeres Fundament bildet als der kontinuierliche Versuch witzig zu sein -, laufen die Hosen immer noch eher dann zur Höchstform auf, wenn sie sich Themen widmen, die man mit dem so genannten heiligen Ernst behandeln kann – sei dies nun Fußball oder aus dem Fußball abgeleitete Lebensweisheiten (Auswärtsspiel). Auch dieser Ernst ist sicher nicht immer ernst gemeint, scheint aber eine Form von Ironie zu sein, die der Band eher liegt, da weniger offensichtlich. Ausflüge ins humoristische misslingen oftmals: „Linkin spielen am Park/und wir am Ring“. Stark sind die Texte besonders dann, wenn sie sich ohne ins platitüdenhafte abzudriften ernsthafter Themen annehmen – dem Flüchtlingsproblem Europas (im gleichnamigen Song) oder aber der schwierigen Beziehung Campinos zu seinem Vater (Draußen vor der Tür).</p>
<p>Das charakteristische der Hosen ist dabei schwer zu fassen. Wahrscheinlich kann man, so man sich denn darauf einlässt, die Authentizität der Band nur schwerlich ignorieren. Sich über Jahrzehnte jedes pseudo-coolen Rockstargehabes enthalten zu haben, im 30sten Jahr und längst finanziell so unabhängig wie man als deutschsprachiger Künstler nur irgendwie werden kann, wieder eine<a href="http://www.dietotenhosen.de/dtd/der-tag-danach.html"> Magical Mistery Tour</a> zu machen und von sich behaupten, dass man statt Kunst wohl doch eher Handwerk macht. Das ringt Respekt ab. Und lässt den Gang Charakter, den die Toten Hosen im Subtext immer noch – nicht mehr so offensiv wie in Opel Gang -  transportieren, authentisch erscheinen. Dass es insbesondere in den 90ern Zeiten gab, in denen die mediale Präsenz zu viel des Guten war, ist damit nicht bestritten. Dennoch ist Authentizität und Selbstidentifizierung der Unterschied zu anderen Größen der deutschen Musik. Bestehen Rammstein Shows primär aus Flammenwerfern und nicht vorhandenen Publikumsansagen, so beginnen die Hosen im Kölner Gloria ihr 1Live Konzert mit den Worten: „Ja, es ist wahr. Die Toten Hosen spielen in Köln.“ Es ist schwer bei so viel persönlichem (Stadt-)Committment keine Sympathie zu empfinden. Ob es nun als richtig oder falsch empfunden wird, ob man dies als Kommerzialisierung empfindet, ob man Fan der Fortuna ist, aus Düsseldorf kommt, oder nicht. Immer hat schließlich der Redende gegenüber dem Schweigenden den Nachteil, dass er etwas von sich preisgibt, das zu kritisieren ist, während der öffentlich Schweigende sich immer auf das Sicherheitsnetz der Privatheit zurückziehen kann. Dennoch: man kann es auch schlecht finden – wenn man „Deutschland sucht den Superstar“ für das Maximum an Schaffenskraft deutscher Musik hält, grundsätzlich der Meinung ist, dass Dieter Bohlen das Prädikat Musiker verdient hat, jedes härtere Guitarrenriff (und hier reden wir über eine Band, die bei Connaisseuren härterer Spielvarianten maximal ein Lächeln hervorlockt ) mit dem Zuhalten der Ohren quittiert, oder aber sich als letzter Mohikaner des Punkrock versteht (üblicherweise ohne „Punk“ zu sein). Irgendwie beeindruckt es dann aber doch. Wahrscheinlich könnten Campino &amp; Co statt der erfahrungsgemäßen Preise am Ende der 30€ Skala auch 60€ plus für ihre Konzerte nehmen. Und die sicher noch anstehende Tour durch die deutschen Städte – abseits der großen Festivals – wäre dennoch ausverkauft.</p>
<p>Deswegen muss man nicht alles gut finden. Man kann „Tage wie diese“ durchaus kritisch gegenüber stehen. Der Vergleich zu U2 im Sinne eines rein auf Stadien ausgerichteten Rocks kommt nicht von ungefähr. Selbiges gilt sicher auch für „Das ist der Moment“ und „Schade, wie kann das passieren?“. Aber man kann es einer Band, die ihr 30-jähriges Bestehen feiert und die mitlaufende Nostalgie musikalisch ins Feld- oder besser: ins Stadion- führen möchte, auch verzeihen. Man hat sowieso den Eindruck, dass die Ausflüge in den Stadionrock nicht ob Einfallslosigkeit, sondern aus purer Intention – der Inrechnungstellung der Wirkmacht besagter Songs in einem Live-Setting – entstehen. Dass verstärkt Lieder aus der früheren Schaffensphase in die Setlist miteinfließen, verstärkt den Kontrast, den man zu schaffen sucht. Und das Kuddel im Video zu „Tage wie diese“ ostentativ eine doch eher an Altersgebrechen erinnernde Brille trägt, tut diesem Ziel erst recht keinen Abbruch. Alterswerk? Eher Spiel mit Erwartungen.</p>
<p>Wichtiger scheint in der Tat das zu sein, was der <a href="http://www.rollingstone.de/reviews/alben/article291965/die-toten-hosen-ballast-der-republik.html">Rolling Stone</a> festhält: wenn der Bombast des Stadionrocks, den die Hosen wie keine zweite deutsche Band beherrschen, hinter sich gelassen werden soll, &#8211; wie bei Zwei Drittel Liebe – dann kracht´s!</p>
<p>Und dass es live keine deutsche Band, die den „alten Säcken“ aus Düsseldorf in Sachen Energieleistung das Wasser reichen kann…das können ohnehin nur Menschen in Zweifel ziehen, die entweder noch nie ein Hosenkonzert gesehen oder aber vergessen haben wie es ist, wenn Campino &#8220;Take it away Vom&#8221; brüllt und es endlich losgeht&#8230;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Quelle Bild: <a href="http://www.dth.de">www.dth.de</a>)</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Ironie, Ideologie und Identität der Piraten</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/05/02/ironie-ideologie-und-identitat-der-piraten/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 May 2012 19:14:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Piraten]]></category>

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		<description><![CDATA[Als schwimmendes Vereinsmitglied, das sich über die Ertüchtigung hinaus engagierte, war ich mal als Kampfrichter bei einem Wettkampf mit Behinderten. Es schwammen Menschen ohne Beine, mit fehlenden Armen, Blinde und Taube gegeneinander. Es war ziemlich klar, worum es dabei ging. Niemand hat die sportlichen Ergebnisse ernst genommen, weil sie nicht zu vergleichen waren. Die Teilnehmer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3822" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><a href="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/Gruppenfoto-Piratenpartei-Kopie.jpg"><img class="size-medium wp-image-3822 " title="Piratenpartei" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/05/Gruppenfoto-Piratenpartei-Kopie-550x317.jpg" alt="" width="550" height="317" /></a><p class="wp-caption-text">Die multiple Persönlichkeit des Nerds.</p></div>
<p>Als schwimmendes Vereinsmitglied, das sich über die Ertüchtigung hinaus engagierte, war ich mal als Kampfrichter bei einem Wettkampf mit Behinderten. Es schwammen Menschen ohne Beine, mit fehlenden Armen, Blinde und Taube gegeneinander. Es war ziemlich klar, worum es dabei ging. Niemand hat die sportlichen Ergebnisse ernst genommen, weil sie nicht zu vergleichen waren. Die Teilnehmer am Beckenrand haben diejenigen, die gerade schwammen, nicht angefeuert, sondern angemacht: &#8220;Beweg deine Beine!&#8221;, sagten sie zu denen, die keine hatten. &#8220;Mach die Augen auf!&#8221;, sagte man den Blinden.</p>
<p><span id="more-3819"></span>Ich hatte das lange vergessen, bis ich vergangenes Wochenende in Neumünster beim Piratenparteitag war. Denn dort erinnerte ich mich an mein Erleben, das in der Schwimmhalle bei diesem Wettkampf und unter den Piraten beim Parteitag ganz ähnlich war: Ich war ausgeschlossenes Publikum. Die Veranstaltung trug sich über Ironie, Humor und Lustigkeit aber wehe, jemand von den Anwesenden aber Außenstehenden hätte mitgemacht. Nein, Ironie geht bei den Behinderten und auch bei den Piraten nur als Selbstironie. Wer ohne Zugehörigkeit mitmacht, macht sich schwerer Frechheiten schuldig. Und so, wie die Behinderten mit ihrem Schicksal umgehen; wie die Piraten mit ihrer staatstragenden Rolle umgehen – mit Humor – darf man beiden von außen nicht begegnen. Man ist sogar, ganz im Gegenteil nämlich, gezwungen sie hyperernst zu nehmen.</p>
<p>In unserem <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/piraten-der-aufhaltsame-aufstieg-einer-partei-11735053.html">F.A.Z.-Text</a> brachen wir mit dieser Logik. Und ich möchte anmerken, dass sich die Approximationshoffnungen, die ich mit dem Text-Einstieg verband, erfüllt haben. Wir sind den Piraten sehr nahe gekommen.</p>
<p>Darf man übergewichtige, junge Menschen, die am Biertisch sitzen, Pommes mit Schnitzel essen, Cola trinken und dabei Computer spielen und eher nebenbei Politik machen als Typus generalisieren und beschreiben? Warum nicht? Jede Partei hat seinen Klischee-Wähler. Niemand will dieser sein, aber jeder kennt ihn.</p>
<p>Darf man dieses Klischee journalistisch so offen bemühen? Nein. Ok, dasselbe anders gefragt: Darf man in der Zeitung schreiben, dass auch der am ungesundesten lebende, sozial isolierteste und computerspielsüchtigste Mensch Deutschlands von der Politik gefälligst zu beachten sei – und zwar als Staatsbürger? Ja.</p>
<p>Dürfen Journalisten die Selbstbeschreibungen von Piratenparteimitgliedern fremdbeschreibend wiederholen? Warum nicht? Wenn die Piratenpartei es zuließe, das jemand für sie spräche, mit eigenen Worten, die nicht basisdemokratisch wegreflektiert werden, könnte dieser sagen: &#8220;Die Piratenpartei nimmt jeden Bürger ernst, auch den mit einem gefährlichen Bildungsdefizit, auch den Hoffnungslosen, Verlorenen und Abgehängten, den Spezialisten, den Ignoranten, den selbstlos Sozialen, den Verwirrten. Nur nicht den Unbelehrbaren! Es ist ein Verdienst unserer Partei, dem Nerd endlich eine politische Stimme zu geben.&#8221;</p>
<p>Ich fand es bemerkenswert, wie unterschiedlich die Reaktionen auf den Text waren. Entweder man war Pirat und fühlte sich grob missverstanden. Oder man war jemand, der sich auskannte, und war kurz verwundert. Oder, man fand den Text ganz gut, fragte aber noch mal nach, was denn eine &#8220;Filterbubble&#8221; und ein &#8220;Flauschsturm&#8221; sei. Spricht man mit Letzteren über die Piraten, zeigt sich schnell, dass das Nerd-Klischee, wie wir es benutzten, sehr beim Verstehen half. Und zwar gerade weil es von außen beobachtet nicht verächtlich klingt.</p>
<p>Die Nerds sind jetzt da, aber sie haben ihren Einzug in die Gesellschaft nicht so recht miterlebt. Es ist schon fast ein wenig tragisch. Der Unterschied zwischen den schwimmenden Behinderten und den parteiorganisierten Piraten ist, dass die Behinderten ihre Ironie auf ihrer schicksalhaften Identität ruhen lassen, während die Piraten sie aus lauter Verlegenheit bemühen und auch sofort verletzt sind, wenn man ihnen die Ironie vorhält. Der Standardvorwurf der Piraten lautet: Ihr versteht uns nicht.</p>
<p>Aber dem kann man nun endlich vorbeugen. Ich schreibe es heute, um später darauf linken zu können: Piraten, die <a href="http://www.boell.de/wirtschaftsoziales/wirtschaft/wirtschaft-gemeingueter-commons-allmende-8788.html">Commons-Idee</a> wird die Ideenwelt sein, die euch kommendes Jahr durch den Bundestagswahlkampf führt und euch endlich mit Ideologie und Identität ausstattet. Politiker vieler Parteien haben mitgearbeitet, aber nur die Piraten werden es als Vollprogramm einbauen. Ein zweites Wahljahr ohne Inhalte, in dem <a href="https://twitter.com/#!/Schmidtlepp/status/193929917862391809">einem</a>(!) Piraten (Christopher Lauer) auffällt, dass das ach so heilige (&#8220;müsst ihr doch mal lesen&#8221;)-Programm <a href="https://twitter.com/#!/Schmidtlepp/status/193936778258952194">unvollständig</a> auf der Website war, und zwar ein <a href="https://twitter.com/#!/Schmidtlepp/status/193933475441672193">halbes Jahr</a>(!) lang, wird es nicht geben.</p>
<p><em>(Bild: Pressematerial vom Bundesparteitag der Piratenpartei Deutschland in Neumünster)</em></p>
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		<title>Piratenzäsur</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/04/23/piratenzasur/</link>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 18:43:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Tollerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Diese Piraten… Seit heute Nachmittag ist mein Text über die Piratenpartei, den ich für den Merkur schrieb, online verfügbar. Ich hatte jetzt also ein paar Stunden Zeit, um mir zu überlegen, wie ich ihn hier bewerbe und ich mache es wie folgt: Die Piraten sind eine junge Partei. Wer von den Parteimitgliedern behauptet, schon immer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3801" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-3801" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/04/Unbenannt-12.jpg" alt="" width="550" height="257" /><p class="wp-caption-text">In schweren Zeiten darf man sich etwas gönnen.</p></div>
<p>Diese Piraten… Seit heute Nachmittag ist mein Text über die Piratenpartei, den ich für den <a href="http://www.klett-cotta.de/zeitschrift/MERKUR/7819">Merkur</a> schrieb, online verfügbar. Ich hatte jetzt also ein paar Stunden Zeit, um mir zu überlegen, wie ich ihn hier bewerbe und ich mache es wie folgt:</p>
<p><span id="more-3790"></span>Die Piraten sind eine junge Partei. Wer von den Parteimitgliedern behauptet, schon immer in der Piratenpartei gewesen zu sein, kann damit keinen Zeitraum meinen, der länger als ein gewöhnliches Voll-Studium ist. 11 Semester ist die Partei alt. Am sichtbarsten ist derzeit das Personal, das in die Alterskategorie dieses Bildes passt: späte Studenten. Und um auch für den letzten Aspekt im Bild zu bleiben: Gegen Ende eines jeden Studiums stehen schwere Prüfungen an, die jeder auf seine Art bewältigt. Manchen gelingt es, manchen nicht.</p>
<p>Mein Merkur-Text ist eine Momentaufnahme, sie hält den letzten Moment vor dem beginnenden Piraten-Prüfungssemester fest. Als ich den Text aus der Hand gab, regierte in NRW noch die knappe Rot-Grüne-Koalition. Die schwere Piraten-Prüfung, auf die ich den Text hingeschrieben habe, ist die Bundestagwahl 2013. Die tatsächlichen Ereignisse, dass nun zuvor in NRW gewählt wird, ändert keine meiner Aussagen. Allerdings lassen sie sich nun leichter prüfen, denn vieles, was erst im nächsten Jahr zu erwarten war, passierte nun viel früher und viel intensiver.</p>
<p>Die kommenden Wahlen sind, für die Politiker allemal, auch für die beobachtenden Sozialwissenschaftler, Soziologen, Politologen und Journalisten sehr spannend. Es handelt sich um ein einzigartiges Real-Experiment. Noch ist für viele Piraten Politik kein Beruf und ein Parteitag ein Debattierclub. Noch sind sie dort, wo es wirklich wichtig ist, außerparlamentarische Opposition. Noch interessieren sich nur die Feuilletons für sie, bald aber kommen die Haudegen der Politik-Redaktionen, die weniger Gnade kennen, weil sie klarere Aufträge haben.</p>
<p>Die Piraten, um das obige Bild wieder aufzugreifen, stehen gerade den letzten Moment <em>unbeachtet</em> auf dem Flur vor dem Raum, in dem das Prüfungskomitee sitzt. Am Wochenende dürfen sie kurz in den Raum linsen, bevor sie Anfang Mai hineingebeten werden. Mal sehen, ob sie die <em>richtigen</em> Antworten auf die noch unbekannten aber doch absehbaren Fragen kennen.</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://volltext.online-merkur.de/">Schulz, Stefan &#8211; Zwischen Netzwerk und Organisation, Zum Erfolg der Piratenpartei</a></p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/amazeman/6829539296/in/photostream">Stefan Schulz</a>)</em></p>
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		<title>Punk ist… Oder: wie viel sind 2000 Mädchen?</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/04/18/punk-ist-oder-wie-viel-sind-2000-madchen/</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Apr 2012 14:10:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henrik Dosdall</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit jeder neu erschienenen Platte einer der (so genannten) deutschen Punkbands kommt die ebenso intelligente wie auch überlebensnotwendige Frage auf, ob das noch „Punkrock sei“. Seien es Die Ärzte oder die Toten Hosen, es spielt im Endeffekt keine Rolle, welche Band mit welcher musikalischen Ausprägung – die Frage bleibt stets dieselbe. Und da die Ärzte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center"><img class="wp-image-3763 aligncenter" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/04/dieaerzte_auch_6002-550x550.jpg" alt="" width="368" height="368" /></p>
<p>Mit jeder neu erschienenen Platte einer der (so genannten) deutschen Punkbands kommt die ebenso intelligente wie auch überlebensnotwendige Frage auf, ob das noch „Punkrock sei“. Seien es Die Ärzte oder die Toten Hosen, es spielt im Endeffekt keine Rolle, welche Band mit welcher musikalischen Ausprägung – die Frage bleibt stets dieselbe. Und da die Ärzte am 13.04. ihr neues Album, das schlicht „auch“ betitelt ist, veröffentlicht haben, sind auch die Gralshüter des Punk wieder dazu aufgerufen, die Argumente runterzubeten, die sie (eigentlich) bei jeder Veröffentlichung von sich geben. Die Argumente aufzuzählen, ist wohl in der Tat einigermaßen witzlos, da jeder, der sich auch nur ein Fünkchen für Musik interessiert, alle Argumente kennt. Kommerzialisierung, empörte Aufschreie, dass das letzte Album ja noch so gerade eben durchgehe, aber <em>das</em> ja nun wirklich (!!!) kein Punk mehr sei, Anspielungen auf das Alter der Protagonisten und Aufforderungen, die Instrumente doch nun bitte <em>endlich</em> in den Schrank zu stellen und dergleichen mehr. Dass die Hallen der Tour – in diesem Fall – von Die Ärzte restlos ausverkauft sind, wird als kollektive Geschmacksverwirrung der Zuschauer disqualifiziert. Schließlich liegt die Deutungshoheit über gute Musik im deutschen Musikjournalismus. Und wer sich dessen Einschätzung gegenüber deviant zeigt … dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen.</p>
<p><span id="more-3751"></span></p>
<p>Dass die Reflektionsschleife der Kritiker dabei freilich in guten Momenten von der Tapete zur Wand reicht, muss fast nicht erwähnt werden. Wenn das Unwort „Kommerzialisierung“ fällt, möchte man am liebsten zurückfragen, ob der jeweilige Kritiker von Brot und Luft lebt. Oder präziser: ob die Tatsache, dass auch bei laut.de Geld verdient wird, nicht eo ipso Beweis der Kommerzialisierung des Musikjournalismus ist? Weiter gefragt: wenn Bands nicht mehr authentisch sind, weil sie mit ihrer Musik (viel?!) Geld verdienen, wie kann es dann der Kritiker, der mit Kritiken seinen Lebensunterhalt verdient, sein? Sind die Musiker schuld, dass ihre Musik gefällt? Und überhaupt: wer nimmt denn ernsthaft an, Musik sei ohne wirtschaftliche Infrastruktur zu realisieren? Alles Hinweisen auf Gehaltsunterschiede zwischen Musikern und Kritikern ist hier substanzlos, da es um den logischen Aufbau des Arguments geht und nicht um Einkommensunterschiede – wäre dies der Fall, müsste man wohl jedem Verriss Neid unterstellen. Auch das Insistieren auf das Alter<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> der musikalischen Protagonisten und ihre Disqualifikation als „Berufsjugendliche“, möchte man mit der Frage zurückspiegeln, ob nicht gerade der Musikjournalismus der Ort ist, an dem sich lächerliche Neologismen, schlechte Anglizismen und auf (pseudo-)cool getrimmte Texte die Hand geben…angereichert mit Ausflügen ins „Englische“, die ernsthafte Zweifel an der Fremdsprachenkompetenz der jeweiligen Autoren wecken. Was wohl Götz Kühnemund auf die Frage, warum man seine Rezensionen noch lesen sollte, da er in ungefähr demselben Alter der Kritisierten ist, antwortet? Trifft das Argument, das Musiker zu alt sind, nicht auch auf die Kritiker zu? Wie viel sprachliche Innovation kann man erwarten, wenn jemand die x-te Rezension seines Lebens schreibt? Und wischt nicht die Routine des Schreibens das Einfühlen in eine neue Platte weg? Und was kostet es eigentlich, Redakteure nach Übersee zu fliegen, um Interviews ohne Neuigkeitswert zu produzieren? Gelten eventuell für Kritiker andere Kriterien als für Schaffende? Und wenn ja, wo stehen diese? Man hört das petitio principii förmlich trapsen.</p>
<p>Aber sind die „alten Sachen“ nicht trotzdem besser? Nun, möchte man mit leichtem Zweifel festhalten, „Planet Punk“, „Le Frisur“, „13“ und all die anderen Alben, die als Kontrasmittel herangezogen werden, sind ja schon geschrieben. Warum also noch einmal?</p>
<p>Das bedeutet im Übrigen nicht, dass es keine <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/cd-der-woche-die-aerzte-das-ist-ja-schon-wieder-punkrock-11716584.html">guten Rezensionen</a> mehr gibt. Zu oft aber ist die Hybris zu <a href="http://www.welt.de/kultur/musik/article106192257/Die-Aerzte-plappern-durch-Zoten-und-Gewissensfragen.html">offensichtlich</a>.</p>
<p>Die Selbstsicherheit des Musikjournalismus überrascht dann eben – wenn auch unbeabsichtigt – doch. Woher weiß man denn, was Punk <em>ist</em>? Ob der Kritiker wohl selber in der Innenstadt rumlungert und Passanten anschnorrt? Man weiß es nicht. Man kann nur raten. Würde er es, wäre zwar die Frage nach dem, was Punk ist, noch nicht beantwortet, aber der Kritiker hätte sich Authentizität verdient. Aber das Ausklammern des Kritikers als Person aus dem Fließtext ist selbstredend wichtig, um die Illusion der Objektivität aufrecht zu erhalten. Eine Antwort ist also eher nicht zu erwarten.</p>
<p>Was „ist“ nun aber „auch“? Und was sagt man über ein Album, das mit den Worten „Fick dich und deine Schwestern“ beginnt? Ohne jeden Zweifel ist das Album eine Ansammlung von Stücken, die bereits auf den ersten Blick den drei Protagonisten zugeordnet werden können. Man hört bei jedem Stück die Orchestrierung der Band als Dreifaltigkeit heraus. Hier gibt es dann gute (Bettmagnet, Sohn der Leere, Die Hard), bessere (Das darfst du, das quietischige Tamagotchi, Das find ich gut) und superbe (TCR, Fiasko, Miststück, M&amp;F, Cpt. Metal, Waldspaziergang mit Folgen) Lieder. Und sogar ein Lied über die Beobachterrelativität der Moderne hat es auf die Platte geschafft (denn es gibt besseres zu tun/es gibt auch schlechteres zu tun/[…] als Die Ärzte zu hörn). Dass „Schneller Leben“ immer noch unerreicht und nicht jeder Reim/Gedanke lustig ist, versteht sich fast von selbst. Ob man den Eindruck hat, dass die Band aus Berlin (aus Berlin) sich selber ernst nimmt? In Anbetracht von Zeilen wie: “Punk ist der Mainstream jetzt/mach du mal schön dein Ding“, gibt es wohl unbenommen keine Band, die mit mehr heiligem Ernst versucht, Punk zu „sein“.</p>
<p>Was unterscheidet also Die Ärzte von ihren Kritikern? Sicherlich das Maß an Selbstgewissheit, das sie sich selber zu Grunde legen. Man könnte auch sagen der (auf diesem Album) ironische Umgang mit sich selber.</p>
<p>Ist das also noch Punk? Ziehen wir Richard Rorty zu Rate: &#8220;Ironie ist reaktiv, wenn nicht gar ihrem Wesen nach ablehnend. Ironiker brauchen etwas, woran sie zweifeln können, dem sie entfremdet sind.&#8221;</p>
<p>Und wessen möchte man sich lieber entfremden als der Selbstsicherheit des professionellen Musikjournalisten?</p>
<div></div>
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<p>(Bild: <a href="http://www.bademeister.com/v9/news/auch_cover.html">bademeister.com</a>)</p>
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<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Selbstredend war früher alles besser. „In aller Stille“ ist ein schlechteres Album als „Opel Gang“ und „auch“ wird wohl nie in die intellektuellen Höhen von „Uns geht’s prima“ vorstoßen.</p>
</div>
</div>
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		<title>Fragen an Marina Weisband (Update)</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2012/04/13/fragen-an-marina-weisband/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Apr 2012 12:31:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Piraten]]></category>

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		<description><![CDATA[Marina Weisband, noch politische Geschäftsführerin der Piratenbundespartei, äußert sich zum Verhältnis zwischen den Massenmedien und ihrer Partei. Allgemeiner Tenor: Die Piraten werden viel gefragt, bekommen aber kein Verständnis, weil Journalisten in alten Modi bleiben, die die Piraten für ungültig erklären. Sie sagt: &#8220;Auf der anderen Seite werden uns einfach nicht die richtigen Fragen gestellt.&#8221; Ok, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3724" title="Unbenannt-1" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/04/Unbenannt-11.jpg" alt="" width="550" height="238" /></p>
<p>Marina Weisband, noch politische Geschäftsführerin der Piratenbundespartei, äußert sich zum <a href="http://www.marinaslied.de/?p=720">Verhältnis zwischen den Massenmedien und ihrer Partei</a>. Allgemeiner Tenor: Die Piraten werden viel gefragt, bekommen aber kein Verständnis, weil Journalisten in alten Modi bleiben, die die Piraten für ungültig erklären. Sie sagt: &#8220;Auf der anderen Seite werden uns einfach nicht die richtigen Fragen gestellt.&#8221; Ok, die Piraten nutzen Technologie, sie wachsen schnell, usw. Ich bin seit kurzem Journalist und stelle Frau Weisband jetzt auf die Probe. Ich stelle ihr Fragen via dieser Website, also einer raum- und zeitüberbrückenden, alle Limitierungen sprengenden Technologie, ganz auf Piratenlinie. Es sollte doch gelingen, oder? (Es sind Fragen, die hoffentlich auch ohne Antworten für den Leser Sinn ergeben. Ich würde mich trotzdem über Antworten freuen!)</p>
<p>Update: Marina Weisband hat erfreulich und erstaunlich schnell auf die Fragen geantwortet. Ich habe sie aus ihrem Kommentar kopiert und den Fragen hier im Text direkt zugeordnet.<br />
<span id="more-3721"></span></p>
<ol>
<li><em>Frau Weisband, ihre Partei erhält derzeit, fragt man etwa 1000 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger mit Festnetztelefon zw. zehn und dreizehn Prozent in der Sonntagsfrage. Was bedeutet das eigentlich. Machen es die Piraten richtig, hat die Partei recht?</em>
<p>10-13% in Umfragen würde ich nicht überbewerten. Diese Umfragen sagen so weit vor den Wahlen kaum etwas aus. Alles, was sie aussagen, ist, dass die Piratenpartei zumindest IRGENDWAS notwendiges macht, woran es den Bürgern bisher gefehlt hat. Da ist natürlich viel Unzufriedenheit mit anderen Parteien drin. Aber das ist ja genau der Punkt. Wenn wir es anders machen, sind wir ja möglicherweise auf einem guten Weg. Mir persönlich (!) wächst das alles etwas zu schnell. Auch wir sind in einigen Dingen noch in der Testphase und ich halte uns 2013 noch nicht für regierungsfähig. Uns geht es aber auch nicht darum, dass gerade wir an die Macht kommen, sondern darum, viel Druck auf andere Parteien zu machen, damit die sich auch ändern. Dafür sind solche Umfragewerte grandios.</li>
<li><em>Man versteht langsam, wie sich die Piraten als Politiker verstehen. Doch welches Bild hat die Piratenpartei eigentlich vom Bürger? Haben berufstätige alleinerziehende Mütter ein Recht darauf, dass die Politik sie nicht vergisst, obwohl sie selbst keine Zeit für eigenes politisches Engagement investieren können?</em>
<p>Wir verlangen mehr vom Bürger, als alle anderen Parteien. Wir gehen sie richtig hart an und sagen: “Du musst selbst denken, du musst dich engagieren”. Wir wollen aber auch jedem die Möglichkeiten dazu geben. Ein Teil davon ist die Zielvorstellung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das auch alleinerziehende Mütter so weit entlasten würde, dass sie den Kopf frei für gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten haben. Das andere sind aber auch Prozesse wie Liquid Feedback, über das man sich bei uns auch jetzt schon in die Politik einbringen kann, bei denen man sich entweder stark selbst beteiligen, oder seine Stimme an jemanden delegieren kann. So kann man sich selbst seinen eigenen Interessensvertreter wählen und braucht dann keine sonstige Zeit für Politik aufzuwenden, ohne dass die Stimme verfällt.</li>
<li><em>Sebastian Nerz sagt, die Piraten sind nicht links oder rechts, sondern vorn. Die Ideologie &#8220;Postideologie&#8221; lässt sich gut propagieren. Aber was ist, wenn dieser Semantik der strukturelle Unterbau fehlt? Wie viele rechtsextreme Einzelfälle hält eine Partei aus?
<p></em>Eine Partei hält einzelne rechtsextreme Elemente nur dann aus, wenn sie keine Billigung und keine Duldung erfahren. Es lassen sich nie diskriminierende Aussagen verhindern, in keiner Partei und in keinem Verein. Aber auf jede solche Aussage müssen mindestens 10 oder 20 Leute kommen, die diese Person abstrafen, indem sie ihr streng ihre Missbilligung gegenüber solchen Aussagen zeigen. Das wichtigste ist, dass sich diese Art von Denken nie in der Politik niederschlägt. Und da hat meine Partei bewiesen, dass die Mehrheitsverhältnisse sehr klar sind.</li>
<li><em>Sie schreiben (in Ihrem oben verlinkten Blogpost), dass die Piraten keine politische Meinung zu deutschen Kriegseinsätzen haben, weil dies Probleme der Vergangenheit (und der alten Parteien) sind, während die Piraten sich um die Zukunft kümmern. Das einzige Problem der Zukunft, dass sie nennen, ist das des individuellen Medienkonsums, der durch das aktuelle Urheberrecht weit hinter seinen Potenzialen zurückbleibt. Ist das tatsächlich das Problem der Zukunft? Lehnen die Piraten die politische Verantwortung für die Vergangenheit des Staates, den sie politisch mitgestalten wollen, ab?
<p></em>Wir lehnen keine Verantwortung ab. Aber die Vergangenheit hat es an sich, dass für sie keine Lösungen mehr gefunden werden müssen. Höchstens müssen Lösungen für Konsequenzen aus der Vergangenheit gefunden werden. Und das werden wir tun. Ich sage auch nicht, dass die Piratenpartei sich nicht mit Kriegseinsätzen befassen wird. Sie tut das bereits. Wir werden zu einigen grundlegenden Dingen Positionen fassen. Konkrete Fragen werden wir bewusst offen lassen, weil wir glauben, dass die gesamte Gesellschaft über sie abstimmen sollte. Möglicherweise gehört dazu z.B. das Abziehen von Truppen aus einem Land. Das wichtigste ist es, die Bevölkerung ehrlich darüber zu informieren, was geschieht und was die Konsequenz jeder Entscheidung wäre.</li>
<li><em>Hypothetisch: Sollte das Demokratiemodell der Piratenpartei scheitern, kann aus der Enttäuschung über die direkte Demokratie eine neue rechte Partei erwachsen, die anstelle der radikalen Inhaltslosigkeit klare Orientierungspunkte bietet. Sehen Sie in diesem Szenario eine Gefahr?</em>
<p>Ich habe in dem von Ihnen beschriebenen Szenario immer eine Gefahr gesehen. Aber scheitern wird die Idee von Beteiligung nie ganz, sondern sie kann nur an einer falschen Umsetzung scheitern. Dann müssen wir es mit anderen Umsetzungen probieren. Wir müssen natürlich gewissenhaft vorgehen und viel Aufklärung betreiben. Aber wenn wir nicht versuchen, gemeinschaftliche Entscheidungen zu fördern, gewinnen die konservativen Kräfte automatisch.</li>
<li><em>Wie begründet die Piratenpartei ihre Haltung, dass die anderen Parteien alles falsch machen, strukturell vollständig falsch aufgebaut sind und dass die &#8220;alte Demokratie&#8221; ganz falsch funktioniert? Wie viel gute Demokratie steckt im alten parlamentarischen Politikmodell?
<p></em>Ich denke nicht, dass die anderen Parteien alles falsch machen. Mehr noch, ich denke, sie haben alles richtig gemacht. Für die Zeit, in der sie sich gegründet und entwickelt haben. Ich denke, dass sie eine sehr gute Basis geschaffen haben. Alles, was Piraten sagen, ist, dass es Zeit ist, sich weiter zu entwickeln. Ich empfinde fast allen Parteien gegenüber eine tiefe Dankbarkeit für viele Dinge, die sie erreicht haben. Wir wollen modernisieren, nicht rückwirkend kritisieren. Alles hat seine Zeit.</li>
<li><em>Braucht man in der Politik vertrauen? Warum ist die &#8220;Fraktionsdisziplin&#8221; die schlimmste und nicht die beste Errungenschaft moderner Politik?
<p></em>Man braucht in der Politik Vertrauen. Aber es darf nicht das Vertrauen von Lobbyisten sein, dass die Partei macht, was die sagen. Es darf nicht das Vertrauen eines Koalitionspartners sein, der weiß, dass sein Partner teils gegen seine Überzeugungen abstimmt, weil er an der Macht bleiben möchte. In der Politik braucht es Vertrauen des Bürgers zu seinen Repräsentanten. Es gilt, die Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung möglichst genau abzubilden. Das aber gelingt mit wechselnden Mehrheiten und Themenbündnissen besser, als mit steifen Koalitionen und Fraktionszwang. Das kann man sogar mathematisch erklären. Ich wähle eine Partei, weil ich ihre Philosophie oder ihr Programm unterstütze. Ich möchte nicht, dass sie nur Teilaspekte umsetzt. Ich möchte nicht, dass die Opposition gegen ein gutes Gesetz stimmt, nur, weil es von der Regierung kommt.</li>
<li><em>Kann es gesellschaftliches Engagement, gesellschaftliche Verantwortung nur noch per parlamentarischer Machtpolitik geben?</em>
<p>Gesellschaftliches Engagement gibt es in allen Bereichen des Lebens und Verantwortung kann und muss von jedem gelebt werden. Die Piraten sind lediglich der politische Teil einer größeren Bewegung, die mehr Verantwortung vom Einzelnen abverlangt.</li>
<li><em>Warum glauben die Piraten, dass ihr Versuch historisch nicht nur einmalig, sondern auch erstmalig ist?</em>
<p>Wir glauben, dass genau unser Konzept erstmalig möglich ist, weil wir auf die neue Infrastruktur Internet zurückgreifen können, die durch die faktische Überwindung des Raums es erlaubt, alte Konzepte wie die ursprüngliche Demokratie nochmal im Lichte neuer Mittel zu bewerten.</li>
<li><em>Warum ist das Bild der &#8220;Tyrannei der Masse&#8221; falsch? Diese Kritik an der Demokratie ist so alt, wie die Demokratie selbst – warum stimmt sie nach 2500 Jahren nicht mehr?</em>
<p>“Die Masse”, das ist die Menschheit. Es kann keine Tyrannei aller über alle geben, das ist irgendwie absurd. Das einzige Konstruktive, das ich aus dem Begriff “Tyrannei der Masse” ziehen kann, ist die Mahnung, dass wir bei allem Handeln immer darauf achten müssen, auch die Interessen der Schwachen und der Minderheiten im Kopf zu haben. Aber es spricht nichts dagegen, dass ein Großteil der Bevölkerung das tun kann.</li>
<li><em>Warum gibt es keine Partei, die die wirklichen Probleme der heutigen Jungend, jungen Generation aufgreift?
<p></em>Gegenfrage: Welches sind die wirklichen Probleme? Wir glauben, uns mit einem Großteil davon zu befassen. Wenn es andere gibt, ist nichts leichter, als einen Antrag bei uns einzureichen und das Thema anzusprechen. Man muss nicht mal Pirat sein.</li>
<li><em>Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt, dass sich seine Spielzeuge zum Hungerlohn am anderen Ende der Welt bauen lässt. Was ist falsch gelaufen?</em>
<p>Falsch gelaufen ist bislang das nationalistische Denken. Das hatte bis zu irgend einem Punkt seinen Sinn. Doch in der globalisierten, vernetzten Welt müssen wir darüber hinaus denken. Die Standesunterschiede, die wir seit dem Mittelalter innerhalb eines Landes halbwegs beheben konnten, müssen wir jetzt weltweit angleichen. Aber uns ist eine bessere Kooperation möglich, sodass ich die durchsetzung weltweiter Gerechtigkeit für ein durchaus nicht unrealistisches Ziel der Zukunft halte.</li>
</ol>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/indieman/12492792/">independentman</a>)</em></p>
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		<item>
		<title>Zeit, Karl Weick und der 1. FC Köln – oder warum man einen Trainer nicht entlässt</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Apr 2012 14:38:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Henrik Dosdall</dc:creator>
				<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 10 März spielte der 1. FC Köln 1:0 gegen Hertha BSC Berlin. Beide Mannschaften befanden und befinden sich aktuell immer noch im Abstiegskampf. Das Besondere an dem Sieg der Kölner war nicht das Ergebnis eines mittelmäßigen Bundesligaspiels, sondern die im Anschluss an das Spiel folgende Entlassung von Volker Finke, seines Zeichens Kölns Sportdirektor seit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 10 März spielte der 1. FC Köln 1:0 gegen Hertha BSC Berlin. Beide Mannschaften befanden und befinden sich aktuell immer noch im Abstiegskampf. Das Besondere an dem Sieg der Kölner war nicht das Ergebnis eines mittelmäßigen Bundesligaspiels, sondern die im Anschluss an das Spiel folgende Entlassung von Volker Finke, seines Zeichens Kölns Sportdirektor seit Februar 2011. Der normale Mechanismus des Fußballs läuft eher umgekehrt: man entlässt nach Niederlagen und gibt nach Siegen – selbst solchen, die lange Niederlagenserien unterbrechen – eher Versprechen, mit dem Trainer weiterzumachen. Man kommt nicht drum herum, das Kölner Verhalten als kontraintuitiv zu empfinden. Aber damit nicht genug: nach der desaströsen 1:2 Niederlage der Kölner gegen und in Augsburg am 31 März wäre eine Freistellung (wie man so schön sagt) des Trainers Solbakken eigentlich erwartbar gewesen.<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> Passiert ist jedoch nichts. Solbakken wurde zwar aufgefordert, der Mannschaft die Leviten zu lesen – man dokumentierte die Ausnahmesituation auch mit einem Klosteraufenthalt im ostwestfälischen Marienfeld -, darüber hinaus ist aber nichts passiert. Es ist diese Ausgangslage, die beide Fälle erwähnenswert macht. Aber haben sich die Kölner einfach den Marktmechanismen widersetzt und entlassen jetzt nur noch nach Siegen und nach Niederlagen, die in der Form desaströser Auswärtsspiele bei einem potentiellen Abstiegskandidaten daherkommen, nicht mehr? Man mag es bezweifeln.</p>
<p><span id="more-3698"></span></p>
<p>Die Schwierigkeit über Fußball zu reden, liegt wohl unbenommen in der Tatsache, dass eigentlich jeder alle Argumente kennt. Der Trainer ist schuld, der Trainer kann die Tore ja nicht selber schießen, die Mannschaft ist schlecht zusammengestellt, die Mannschaft spielt gegen den Trainer, der Manager hat das Führungsduo falsch zusammengestellt, die Geschäftsführer sind sportlich inkompetent und sowieso wird selbst in der Politik nicht so viel geheuchelt wie im Fußball. Hinter diesen Phrasen stehen aber immer Fragen nach dem Warum. Und Warum-Fragen haben, um Niklas Luhmann heranzuziehen, nun einmal keinen (wissenschaftlichen) Erklärungswert. Sie bleiben der Beobachtung von Objekten verpflichtet und verhindern dergestalt die Reflektion auf den Beobachter. Wir versuchen es anders und Fragen nach dem Wie.</p>
<p>Beginnen wir so: Zeit spielt im Fußball eine große Rolle. Es gibt die ebenso geflügelte wie sinnlose Diskussion um langfristige Konzepte, die immer wieder vom so genannten „Tagesgeschäft“ unterbrochen werden, und dergleichen mehr. Wer sich auch nur oberflächlich mit der Diskussion im Fußballsport auskennt, kann jede Position dieses Diskurses aufzählen, lange bevor die eigentliche Kommunikation im Doppelpass begonnen hat. Soweit nichts Neues. Schauen wir stattdessen auf das Verhältnis von Zukunft und Gegenwart: Gerade im Endspurt der Saison scheint die mögliche gegenwärtige Zukunft eines Abstiegs sich autokatalytisch immer deutlicher in die Gegenwart hineinzudrücken. Man weiß nicht, ob man eventuell absteigt, die Tabellensituation lässt dies aber wahrscheinlich erscheinen.<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> Was man aber weiß, ist, um Martin Kind zu paraphrasieren, dass nichts so teuer ist wie der Abstieg, dieser also auf jeden Fall zu vermeiden ist. Vor allem aber zeigt sich, dass die Zeit gegenzusteuern von Spiel zu Spiel knapper wird. Und offensichtlich erzeugt die sich als immer schneller abspielend empfundene Gegenwart Handlungsdruck!<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> Die Zukunft kommt sozusagen immer näher und zeitigt paradoxerweise dann in der Gegenwart Konsequenzen. Man kann die aktuelle Lage nicht mehr (zeitlich) extrapolieren. Man weiß nicht, ob man absteigt, oder aber die Liga halten kann &#8211; mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Verlängerung von Verträgen, die Kaderplanung, das Gehaltsgefüge, etc. Unsicherheit ist für Organisationen aber, um Karl Weick sozusagen ins „Spiel“ zu bringen, kein gangbarer modus operandi, sondern der Auslöser für neues Sensemaking, also das Schreiben einer neuen Geschichte, die neue Selbstgewissheit bzgl. der eigenen Handlungen schafft. „(…) the point I want to emphasize about uncertainty is that the shock occasioned by an inability to extrapolate current actions and to foresee their consequences produces an occasion of sensemaking. People are ignorant of any interpretation that will facilitate extrapolation. That ignorance may lead people to construct an occasion for sensemaking during which they try to reduce this ignorance.”<a title="" href="#_ftn4">[4]</a> Man hat gedacht, dass man mit Finke und Solbakken durch die Saison kommt. Die gegenwärtige Zukunft aber verhindert, dass man den Sinn, den man aus der Vergangenheit – die Verpflichtung Finkes und Solbakkens – für die Gegenwart zieht, weiter als Orientierungspunkt nutzen kann. Resultierend aus unterschiedlichen Ideen zur sportlichen Ausrichtung der Mannschaft herrscht Entscheidungszwang. Und da die Zeit „drängt“, muss man „schnell“ neue Anhaltspunkte für richtiges Entscheiden finden. Und wenn die Zukunft diese nicht mehr hergibt, wendet man sich der Gegenwart zu (die natürlich zu dem Zeitpunkt auch noch gegenwärtige Zukunft ist).<a title="" href="#_ftn5">[5]</a> Personalentscheidungen scheinen diese Funktionsstelle zu besetzen: man entlässt den Sportdirektor. Damit schafft man eine neue Vergangenheit, die als Interpretationsmuster für die Zukunft dient. Die Zusammenarbeit zwischen Sportdirektor und Trainer hat nicht mehr funktioniert, weswegen man sich nun für einen der beiden entscheidet. Diese Entscheidung, die, wie bereits gesagt, quasi mit ihrem entschieden-sein direkt zur Vergangenheit wird, kann verstanden werden als Form des Sensemaking. Man schafft sich eine neue Vergangenheit, die die Unsicherheit der Zukunft nicht verschwinden lässt, aber die Widersprüche der Vergangenheit – die unterschiedlichen Wege sportlicher Entwicklung, für die sowohl Sportdirektor als auch Trainer je standen &#8211; auflöst und somit mehr Selbstgewissheit für die Gegenwart bietet. Diese Selbstsicherheit rührt daher, dass die problematische Vergangenheit determinierend für die Gegenwart verstanden wird. Es musste ja so kommen – und deswegen musste man entscheiden.<a title="" href="#_ftn6">[6]</a></p>
<p>Über Handlungen – in diesem Fall die Entscheidung, den Sportdirektor zu entlassen, wird also Sensemaking betrieben. Gleichzeitig werden gerade im Fußball solche Entscheidungen nicht hinter verschlossenen Türen getroffen, sondern müssen öffentlich  vertreten werden. Man findet bei Weick die Aussage, dass „(…) action, publicity, choice, high stakes and low tolerance for mistakes“<a title="" href="#_ftn7">[7]</a> insbesondere zur Erzeugung von Committment beitragen. All dies lässt sich in Reinform in der Verquickung von Entlassungsentscheidung (action), Pressekonferenz (publicity), der Alternative von Trainer und Sportdirektor (choice), dem Ziel nicht abzusteigen (high stakes) und der Tatsache, dass die Saison sich dem Ende entgegen neigt, und dementsprechend wenig Zeit zur Korrektur jetzt noch begangener Fehler (low tolerance for mistakes) vorhanden ist, wiederfinden. Vor diesem Hintergrund wundert es dann wenig, wenn die Entscheidungsträger beim 1. FC Köln Solbakken nicht entlassen. Man würde sich damit einer Mannigfaltigkeit von Risiken aussetzen, die offensichtlich als schwerwiegender eingeschätzt werden als das Risio jetzt einen neuen Trainer zu finden – von der Zurechnung von Inkompetenz auf das Management bis hin zur öffentlichen Zur-Schau-Stellung mangelnden Vertrauens in die eigene Entscheidung. Viel schlimmer aber scheint zu wiegen, dass man sich mit der Dekonstruktion einer gerade erst neu geschaffenen Vergangenheit jeder Handlungssicherheit beraubte und man sozusagen wieder von vorne damit beginnen müsste, sich eine Geschichte zu geben, die zukünftige Handlungen organisieren kann. So kontraintuitiv es zunächst erscheinen mag: Solbakken zu behalten ist aus dieser Sicht eine konservative Haltung.<a title="" href="#_ftn8">[8]</a></p>
<p>Kann man aus dem Gesagten Handlungsempfehlungen oder konkretenAussagen über den 1. FC Köln ableiten? Nein. Was man aber machen kann, ist eine Schablone anzufertigen, anhand derer man Sinn in die oftmals erratisch erscheinenden Handlungen der Bundesligaclubs interpretieren kann. Abstrakter formuliert kann man die Idee des Sensemaking reflexiv werden lassen: man produziert sinnhafte Beobachtungsschemata, die versuchen, den selbstreferentiellen Sinn von Handlungen nachzuvollziehen. Und dies geht ja schon über Aushandeln unentscheidbarer Schuldzuweisungen, aus denen die Kommunikation über Fußball üblicherweise besteht, hinaus.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Weswegen die Entlassung Solbakkens auch bereits von einigen Medien vorschnell – wie man im Nachhinein weiß &#8211; vermeldet wurde.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> In diesem Sinne markiert die 40 Punkte Grenze auch eher einen zeitlichen denn einen sachlichen Schwellenwert. Das Erreichen der 40 Punkte entlastet vor allem in der Zeitdimension von Handlungsdruck.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Ein Grund dafür, dass der Term „Abstiegskampf“ im Fußball sozusagen eine eigene Zeit bezeichnet, scheint darin zu liegen, dass in dieser Zeit mehr passiert, mehr Entscheidungen getroffen werden als dies zu anderen „Zeiten“ der Saison der Fall ist.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Weick, Karl E., 1995: Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks: SAGE Publication. S. 98f</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref5">[5]</a> Weick, Karl E., 1995: Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks: SAGE Publication. S. 96</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref6">[6]</a> Dass es sich dabei wiederum auch nur um Sensemaking handelt, also auch nur um Beobachtungen, versteht sich aus einer soziologisch informierten Sicht von selbst. Man hätte beide behalten können und eine andere Geschichte erzählen können. Man denke nur an Hannover, wo das nicht unproblematische persönliche Verhältnis zwischen Slomka und Schmadtke zum Grund des aktuellen Erfolgs erklärt wird.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref7">[7]</a> Weick, Karl E., 1995: Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks: SAGE Publication. S. 158</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref8">[8]</a> Die natürlich auch wieder das inhärente Risiko birgt, dass es nicht klappt und man dann zu einem Zeitpunkt einen neuen Trainer suchen muss, der noch drängender ist, in der die Zeitspanne zum Handeln also noch weiter schrumpft. Aber anders geht es nicht: Risikovermeidung ist immer selber wiederum risikobehaftet.</p>
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		<title>Paradox politische Partizipation</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2012 20:24:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Ab morgen bin ich Journalist. Ich könnte also heute noch einmal den Soziologen heraushängen lassen. Vielleicht so: &#8220;Ihr wollt die Gesellschaft ändern – und gründet dafür eine Organisation?&#8221; &#8220;Ihr wollt die Realität der Zukunft ändern – und denkt euch jetzt ein Programm aus?&#8221; &#8220;Ihr wollt mit Inhalten überzeugen – und geht in Fernseh-Talkshows?&#8221; &#8220;Ihr wollt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3668" title="" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2012/04/Unbenannt-1.jpg" alt="" width="550" height="250" /></p>
<p>Ab morgen bin ich Journalist. Ich könnte also heute noch einmal den Soziologen heraushängen lassen. Vielleicht so: &#8220;Ihr wollt die Gesellschaft ändern – und gründet dafür eine Organisation?&#8221; &#8220;Ihr wollt die Realität der Zukunft ändern – und denkt euch jetzt ein Programm aus?&#8221; &#8220;Ihr wollt mit Inhalten überzeugen – und geht in Fernseh-Talkshows?&#8221; &#8220;Ihr wollt alle Bürger einbinden – und kümmert euch um Personenwahllisten?&#8221;</p>
<p><span id="more-3666"></span>Nein, so dürfte es auch ein Soziologe nicht, es wäre zu einfach und zu blöd. Vielleicht ginge es als Humor-Versuch beim gesprochenen Wort mit sorgfältiger Markierung untragbarer aber unterhaltsamer Phrasen. Zynismus verträgt sich als Methode nicht gut mit dem Thema Politik, nicht mal aus der sach- und fachfernen Beobachterperspektive. Kurt Beck würde sofort ausrasten, und zwar <em>mit Recht!</em> Nicht einmal geschrieben wäre es gestattet, wollte man mehr als nur die eingeweihten Freunde per E-Mail damit anschreiben.</p>
<p>Manchmal aber, wenn man sich vulgärsozialtheoretisch mit Politik beschäftigt, macht es am meisten Mühe, aus einem geschriebenen Text den Zynismus herauszustreichen. Unter anderem, wenn man ohne echte Anleitung einzelne Phänomene aufgreift, die deswegen auffallen, weil sie so einfach zynisch zu beobachten sind. Würde man sich zurückhalten und auf Inhalte wert legen würde man in vielen dieser Fälle sagen, man bespräche Paradoxien. Merkwürdige Gebilde, die sich durch Drehen und Wenden nicht überwältigen lassen, zu denen man ein bisschen Distanz gewinnen muss, um zu erkennen, dass sie doch hauptsächlich albern sind, so gern man sie doch mit wissenschaftlichem Ernst beobachten wollte.</p>
<p>Also mit dem gebotenen aber nicht gemeinten Ernst: Als vor drei Wochen in Frankfurt am Main Peter Feldmann zum Oberbürgermeister gewählt wurde, titelten dies alle Zeitungen, die sich dafür interessierten als Sensation. Im alten Demokratiemodus war es eine Sensation, weil Peter Feldmann von der SPD und nicht Boris Rhein von der CDU die Stichwahl unter zweien gewann. Im neuen Demokratiemodus, der uns gerade erzählt aber nicht erklärt wird, wäre es eine Sensation, weil Peter Feldmann und nicht einer der anderen 660.000 Bürger Frankfurt am Mains gewählt wurde. Die Sensation wäre, dass überhaupt jemand gewählt wäre…</p>
<p>Das <em>Demokratie-Update</em>, das neuerdings propagiert wird, aber eigentlich eher eine modulare Parteien-Beta ist, ruht fast nur auf einer Idee: Partizipation. Marina Weisband und Sebastian Nerz waren heute im öffentlich rechtlichen politischen Vorabend zu sehen. Er redet nicht mehr über Inhalte, sondern lädt zum Mitmachen ein. Sie, die sie mit Inhaltsfragen schon immer weniger belästigt wurde, hatte mit ihrer Aussage ganz recht: Die Utopie besteht darin, eine Demokratie zu haben, die keine Parteien benötigt.</p>
<p>Die unformulierte und unversuchte Fragestellung ist jedoch, ob und wie es eine halbe Utopie geben kann. Meine Antwort (als Vermutung) lautet: Ja, die kann es geben und sie ist bereits installiert und sie funktioniert. Aber sie ist nicht ganz echt.</p>
<p>Im Saarland wählten, ich hatte es schon aufgegriffen, <a href="http://www.kas.de/wf/de/33.30589/">85 Prozent</a> die Piraten, weil sie in einer geklärten politischen Lage mal was wagen wollten. Angebot und Nachfrage, nicht umgekehrt. 94 Prozent der Saar-Piratenwähler meinten, so zu wählen ist besser, als gar nicht zu wählen. Wer sich bislang überhaupt nicht für Parteipolitik interessierte wählt die Piraten, nicht diejenigen, die schon immer dabei waren aber sich nirgends aufgehoben fühlten. Diese Menschen wählten natürlich auch die Piraten, aber es wäre eben auch albern, wenn man bei einer Wahl antritt und dann jemand anderes wählt.</p>
<p>Das bedeutet vielleicht, und das ist hier wirklich nur vermutet (ich bin ja im ernsten Modus), dass im Saar-Gesamtergebnis nur 0,4 Prozent Demokratieupdate steckt. Aber immerhin 6,9 Prozent ein neues Demokratie-Modul wählten. Diese Wähler wissen auch nicht, wer die Piraten sind, was sie tun und wohin sie wollen, aber sie <em>vertrauen</em> darauf, dass die Piraten mit den richtigen Leuten gute Politik für eine irgendwie angenehmere Zukunft machen.</p>
<p>Das zu sagen ist so zynisch und realistisch wie zu vermuten, dass abgesehen von den wenigen SPD-Mitgliedern in Frankfurt niemand in der Stadt Peter Feldmann kennt.  So funktioniert Demokratie im Ein/Viertel-Utopie-Modus: alle Macht dem wählenden Volk.</p>
<p>Die Piraten haben die Demokratie nicht umgebaut, sie haben, wie zufällig auch immer, neben allen politischen Inhalten einen weiteren unausgebeuteten demokratischen Wert gefunden, der sich ganz wunderbar plakatieren und propagieren lässt: &#8220;Ihr dürft alle mitmachen.&#8221; Vielleicht ist die Demokratie wirklich kaputt, wer wollte so etwas oder etwas dagegen sagen können? Denkbar ist jedoch auch, dass das Internet mal wieder mit Versprechungen lockt, die es vielleicht nicht hält. Und <em>das Internet</em> zählt hier, auch wenn sich die Piraten heute häufig zum Bier am Stammtisch treffen.</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/piratenpartei-darmstadt/5520257891/">Piratenpartei Darmstadt</a>)</em></p>
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