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	<title>Sozialtheoristen &#187; Beobachtung</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Digitale Revolution ohne Verantwortung?</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Jun 2011 15:12:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sascha Lobo ist sicher nicht der einzige, aber sicherlich ein relativ prominenter Vertreter, der wiederholt mehr E-Government und mehr Mitbestimmung, bzw. Bürgerbeteiligung durch das Internet fordert. Aktuell tut er dies via Spon und schließt: Was wir jetzt nicht brauchen, sind keine Experimente. Und die müssen so lange durchgeführt werden, bis ausreichend viele und unterschiedliche Leute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone" src="http://farm3.static.flickr.com/2525/4125136601_f27f5decf5_d.jpg" alt="" width="500" height="288" /></p>
<p>Sascha Lobo ist sicher nicht der einzige, aber sicherlich ein relativ prominenter Vertreter, der wiederholt mehr E-Government und mehr Mitbestimmung, bzw. Bürgerbeteiligung durch das Internet fordert. <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,768496,00.html">Aktuell tut er dies via Spon und schließt</a>:</p>
<blockquote><p>Was wir jetzt nicht brauchen, sind keine Experimente. Und die müssen so  lange durchgeführt werden, bis ausreichend viele und unterschiedliche  Leute mitmachen.</p></blockquote>
<p>Mitbestimmung oder Bürgerbeteiligung via Internet, oder jetzt Neudeutsch: E-Government, klingen ideal, wünschenswert und erfreulich. Das virtuelle &#8216;Hurra, jetzt geht es los&#8217;-Geschrei scheint einem fast aus jedem solcher Statements entgegen zu kommen. Doch es passiert nichts. Seit Jahren übrigens. Und dass, obwohl technisch längst alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Die digitale Revolution des politischen Systems bleibt aus. Und das hat Gründe.</p>
<p><span id="more-1837"></span></p>
<p>Die Gründe liegen allerdings nicht darin, dass bisher zu wenig Experimente stattgefunden haben. Es liegt auch nicht an der allgemeinen Politikverdrossenheit oder an dem Unwillen der breiten Bevölkerung, sich politisch im Netz zu engagieren. Es liegt auch nicht an den Politikern, die nicht &#8216;auf ihr Volk hören&#8217; wollten. Die Gründe für das Ausbleiben der digitalen Revolution liegen darin, dass alle bisher diskutierten Vorschläge am Problem der Komplexitätsreduktion scheitern. Mit der Unterscheidung von <em>Beteiligung am politischen Diskurs vs. Beteiligung an einem politischen Verfahren</em> und der Unterscheidung von <em>Meinungäußerung vs. Verantwortungsübernahme</em> lässt sich das ganz gut zeigen.</p>
<p>Das Problem an Lobos Beitrag ist, dass er nicht zwischen Beteiligung am Diskurs und Beteiligung am Verfahren des politischen Systems unterscheidet. Woran das Netz sicherlich nicht krankt, ist die Beteiligung am politischen Diskurs. Es gab wohl noch nie eine so pluralistische, milieu- und raumüberschreitende Auseinandersetzung wie heute. Möglich geworden ist das durch das Internet. Keine Frage, es handelt sich dabei um eine unumkehrbare Errungenschaft der letzten Jahre. Die Beteiligungsmöglichkeiten am öffentlichen Diskurs werden immer breiter und vielfältiger genutzt. Ein Ende dieser Entwicklung ist kaum abzusehen. Es gibt keine gesellschaftlichen Bereiche mehr, die nicht politisiert werden können. Im Diskurs wird durch das Einbringen von Meinungen, Perspektiven, Fakten usw. Komplexität geschaffen. Unterschiede werden sichtbar, es läuft auf Dissenz hinaus. Auch wenn man sich einigt, springen sogleich die doppelte Anzahl an Gegenspielern aus den Weiten des Netzes und markieren die andere Seite der Unterscheidung. Nichts anderes passiert während der Debatten (nicht bei den Wahlen!) des Bundestages oder der Parteitage: Es wird Dissens markiert und Komplexität erzeugt.</p>
<p>Die Beteiligung am politischen Diskurs ist aber nicht gleichzusetzen mit der Beteiligung an einem politischen Verfahren. Ein Verfahren geht die umgekehrte Richtung. Es reduziert die Komplexität nach einer bestimmten Regel solange, bis ein Sollwert erreicht ist. Am Ende steht in der Regel eine einfache Unterscheidung: Ja oder nein. Oder: Eins aus zehn. Warum ist es wichtig zwischen der Beteiligung am Diskurs und am Verfahren zu unterscheiden? Es ist offensichtlich, dass man sich nicht mit den gleichen Mechanismen am Verfahren beteiligen kann, die man im Diskurs nutzt. Aber genau dieser Unterschied wird nicht deutlich, wenn man so wie Lobo nur auf den Euphorie-Button drückt und den Eindruck erweckt, jeder müsse nur überall seine Meinung kund tun dürfen. Dann würde das schon was werden, mit aktiver Bürgerbeteiligung im Netz.</p>
<p>Meinungsäußerung funktioniert schon ganz hervorragend im Internet. Vielleicht sogar zu gut. Es macht aber einen Unterschied, ob es technisch möglich ist, seine Meinung zu äußern oder ob man eine breite Verantwortungsübernahme der Bevölkerung einfordert. Auch hier verwischt Lobo die Grenzen der Unterscheidung geschickt mit dem euphorischen Verweis auf die technischen Möglichkeiten. Eine Meinung zu haben und diese öffentlich zu äußern, mag für das Individuum große Bedeutung und Tragweite haben, ist jedoch weitestgehend folgenlos für die Gesellschaft. Die Verantwortungübernahme der Meinungsäußerung beschränkt sich nämlich auf sich selbst. In einem politischen Verfahren zu entscheiden hat dagegen Folgen für die Gesellschaft. Man trägt mit dieser Entscheidung eine übergeordnete Verantwortung, die weit über den eigenen Horizont, die eigene Erfahrungswelt und die individuellen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und -verarbeitung liegen.</p>
<p>Als Einzelner ist man nicht in der Lage, diese Komplexität zu reduzieren. Man entscheidet zwangläufig nach Maßgabe unzureichender Information und emotionaler Irrationalität. Auch Politiker tun dies, wie man offenkundig immer wieder vorgeführt bekommt. Ihre Entscheidung ist aber stark gebunden an die Möglichkeit zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie übernehmen Verantwortung, indem sie sich am politischen Verfahren als Gewählte beteiligen und die Möglichkeit institutionalisiert ist, die Herrschenden abzuwählen. Hier wird deutlich, warum es sich lohnt zwischen Meinungsäußerung und Verantwortungsübernahme zu unterscheiden. Was würde nämlich passieren in den Experimenten, die Lobo fordert: Man würde Ergebnisse kollektiver Dummheit und Irrationalität erzeugen, für die man nicht einmal jemanden verantwortlich machen könnte. Auch wenn wir von unserem Wahlrecht Gebrauch machen, erzeugen wir Ergebnisse kollektiver Irrationalität. Allerdings ist hierbei noch nichts an konkreten Entscheidungen vorweg genommen worden. Lediglich die Komplexität wurde soweit reduziert, dass die Gewählten sich einen Reim auf die kollektiv erzeugte Irrationalität machen müssen. Wenn sie dabei falsch liegen, werden sie abgewählt. Wie letztlich die Komplexität reduziert wird, ist daher nicht entscheidend. Denn es ist nicht in erster Linie wichtig eine Meinung zu haben und diese äußern zu können. Viel wichtiger ist die Frage, wer Verantwortung übernimmt. Und genau diese Frage bleibt bei Lobo ungeklärt.</p>
<p>Abschließend sei angemerkt, dass ich kein Feind von Innovationen des politischen Systems bin und mich ausdrücklich freuen würde, wenn es gelänge das politische Verfahren durch die Möglichkeiten des Internet zu bereichern. Allerdings wünsche ich mir eine differenziertere Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation. Und so bedauerlich es sein mag, von dieser Art Diskurs sind wir noch viel zu weit entfernt., um uns realistische Hoffnungen auf Veränderungen machen zu können.</p>
<p>Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/charliedees/">charlesdyer</a></p>
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		<title>Zum Umbau des Systems der Massenmedien</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Oct 2009 09:53:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Einführung und Etablierung neuer Verbreitungstechnologien bringt massive gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Und die Theorie der Gesellschaft steht in der Folge vor dem Problem, den Veränderungen mit neuen oder modifizierten Begrifflichkeiten Rechnung zu tragen. Problematisch deshalb, weil eine gleichzeitige Veränderung von Theorie und Gesellschaft ein vergleichendes Beobachten unmöglich macht. Ich plädiere daher für eine konservative [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Einführung und Etablierung neuer Verbreitungstechnologien bringt massive gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Und die Theorie der Gesellschaft steht in der Folge vor dem Problem, den Veränderungen mit neuen oder modifizierten Begrifflichkeiten Rechnung zu tragen. Problematisch deshalb, weil eine gleichzeitige Veränderung von Theorie und Gesellschaft ein vergleichendes Beobachten unmöglich macht. Ich plädiere daher für eine konservative Anwendung systemtheoretischer Überlegungen zum Funktionssystem der Massenmedien, weil es mir nicht zwingend notwendig erscheint, mit einem massiven Eingriff in theoretische Grundannahmen zu reagieren, um neue Phänomene zu beschreiben.<br />
<span id="more-584"></span></p>
<p>Ganz konkret möchte ich auf <a href="http://sozialtheoristen.de/2009/10/22/relevanz-als-symbolisch-generalisiertes-kommunikationsmedium/">Stefans interessante Ausführungen</a> eingehen. Er schreibt:</p>
<blockquote><p>Die Einführung des Internets ist ein verheerender Entwicklungssprung. Denn bisher galt: “Die Abnehmer machen sich allenfalls quantitativ bemerkbar: durch Absatzzahlen, durch Einschaltquoten”. (Luhmann, RdM: 34) Dies ist nun anders. Galten bisher qualitative Maßstäbe in den Redaktionen und quantitative Maßstäbe im Absatzmarkt – gelten nun auch in den Absatzmärkten qualitative Maßstäbe, da das Internet einen Rückkanal bereithält, über den dies geleistet werden kann.</p>
<p>Die Folge der Rückkopplung führt zu dem Phänomen, dass plötzlich alle <a href="http://seedmagazine.com/content/article/a_writing_revolution/">Autoren</a> sind. Das System der Massenmedien kann nicht mehr oder nur noch schwerlich zwischen Leistungs- und Publikumsrollen und Zentrum und Peripherie unterscheiden. Und wenn alle/viele durch Rezeption auch produzieren – nimmt der Umfang an kommunizierter Information zwangsläufig zu.</p></blockquote>
<p>Geht man weiterhin davon aus, dass die Massenmedien nach wie vor am zentralen Code Information/Nicht-Information festhalten, so ist als erstes festzuhalten, dass zwar jeder potentiell zum Autor werden kann. Aber das bedeutet nicht, dass eine Rückkopplung in dem Sinne gelingt, dass Publikums- und Leistungsrollen verschwimmen und jeder nun potentiell zum dauerhaften und konstanten Massenkommunikator werden könnte. Kein Blogger könnte die Autorität von SPIEGELonline oder der Tagesschau ersetzen, weil die gesellschaftlichen Zuschreibungen auf eben jene Institutionen nicht so fluide sind, wie es in den Großmachtphantasien einiger Blogger ausgemalt wird. Ein qualitativer Ersatz ist nicht in Sicht.</p>
<p>Auch eine quantitative Aggregation eines &#8220;Feedback-Channels&#8221; dürfte kaum funktionieren, weil eine massenhafte Kommunikation einzelner Blogger nicht in der Lage sein wird, die Komplexität der mitgeteilten Informationen soweit zu reduzieren, wie es die klassischen massenmedialen Kommunikationen nach wie vor leisten. Wenn einmal eine Welle der Empörung in den Blogs ihren Ursprung hat, ist sie gesellschaftlich übergreifend erst dann relevant, wenn sie in den traditionellen Medien Anschluss gefunden hat. Nur weil 15% der Blogger über ein Thema schreiben, ist es noch lange nicht wichtig.</p>
<p>Dennoch kann man nicht abstreiten, dass sich das System der Massenmedien massiv verändert und auf technische Neuerungen und ihre Implementation in den Alltag reagieren muss. Ich würde hier eher vermuten, dass der zentrale Code nach wie vor stabil funktioniert, aber die Produktionsmöglichkeiten massenmedialer Kommunikation dahingend in eine zunehmend auseinander klaffende Schere geraten, dass auf der einen Seite ein zunehmend großer Teil der Informationen standadisiert reproduziert werden und ein immer geringer Anteil an qualitativ hochwertigen Informationen verbreitet werden, die die Welt, wie wir sie kennen, in einem neuen Licht erscheinen lässt. Dazu zwei Überlegungen:</p>
<p>Vor allem durch die Art der wiedergekäuten und aufbereiteten Informationen des Immergleichen werden zwar an Hand der Nachrichtenwerte konstant Neuigkeiten hervorgebracht, aber die Welt im Prinzip in den immer gleichen Formeln beschrieben. Man kennt das aus der Unterhaltungsindustrie, den nahezu identischen TV-Formaten quer durch alle Kanäle, die floskelhafte Berichterstattung über die Politik und vor allem im Sport, der sich in erster Linie durch quantifizierbare Vergleiche beschreiben lässt. Und da ist es nur konsequent, einen <a href="http://carta.info/16739/stat-monkey-journalismus-computer-automatisierung/">Statistik-Roboter zu programmieren</a>, der es ohne weitere menschliche Hilfe fertig bringt, <a href="http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/2009/10/19/the-robots-are-coming-oh-theyre-here/">akzeptable Spielberichte zu produzieren</a>. Das Prinzip der schablonierten Berichterstattung ist auch auf andere Bereiche übertragbar, sobald es gelänge die Selektionsmechanismen einerseits zu standardisieren und auch zu etablieren, sodass sie zuverlässig reproduzierbar werden. Die allgemeine Zunahme an Kommunikationsmüll, der massenmedial produziert wird, schafft dafür die besten Voraussetzungen. Es geht also nicht um Relevanz, sondern um quanititative Entwertung von qualitativer Kommunikation.</p>
<p>Die zweite Überlegung wendet sich nun der anderen Seite zu: Wenn der Absatzmarkt tatsächlich zunehmend zersplittert und der Großteil mit redundanten Quasi-Neuigkeiten versorgt werden kann, wird es für den qualitativ-anspruchsvollen Journalismus schwierig, rentable Absatzmärkte zu finden. Insofern sind die Überlegungen amerikanischer und auch deutscher Medienkonzerne nur die logische Konsequenz: Wer sich exklusive Meinungen und Berichte abseits des Informationsmülls leisten möchte, <a href="http://blogbar.de/archiv/2009/08/13/bezahlinhalte-schon-wieder/">wird kräftig dafür bezahlen müssen</a>.</p>
<p>Sollte die Schere weiter auseinanderdriften, so muss die soziologische Theorie die Frage beantworten, ob das System der Massenmedien nach wie vor dafür sorgen kann, für ein potentiell unterstellbares, gemeinsam geteiltes Bild von der Welt zu sorgen. Und falls ja, wie und falls nein, warum nicht (mehr)? Für einen Umbau des Codes spricht in meinen Augen jedenfalls wenig.</p>
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		<title>Google ist nicht subjektiv</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/07/14/google-ist-nicht-subjektiv/</link>
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		<pubDate>Mon, 14 Jul 2008 20:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fast jeder Internetnutzer kennt die Google-Suche und die meisten benutzen sie auch. In Deutschland hat der Konzern bei der Internetsuche so einen großen Marktanteil (rechts unten &#8220;Suchmaschinen&#8221; auswählen), dass man getrost von einem Monopol sprechen kann. Monopole sind nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht bedenklich. Denn Google&#8217;s Suchergebnisse sind in der Regel das Tor zu bisher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fast jeder Internetnutzer kennt die Google-Suche und die meisten benutzen sie auch. In Deutschland hat der Konzern bei der Internetsuche so einen <a href="http://www.webhits.de/deutsch/index.shtml?webstats.html">großen Marktanteil</a> (rechts unten &#8220;Suchmaschinen&#8221; auswählen), dass man getrost von einem Monopol sprechen kann. Monopole sind nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht bedenklich. Denn Google&#8217;s Suchergebnisse sind in der Regel das Tor zu bisher unbekannten Informationen aus dem Internet. Und der Türsteher bestimmt bekanntlich, wer rein kommt und wer vor der Tür abgewiesen wird. Das Bild des <a href="http://talkpress.de/artikel/google-schwingt-die-grosse-keule-gegen-gehackte-blogs">Türstehers</a> in Verbindung mit Google ist geläufig, aber bei genauerer Betrachtung nicht treffend. Denn es ist ja so, dass Google niemanden abweist, der auf der Suche nach Informationen ist. Google hat es jedoch in der Hand, <em>welche</em> Informationen es sind, die auch angezeigt werden. Die Suche übernimmt daher eher die Aufgabe eines Partnervermittlers und bestimmt, wer dem Suchenden als erstes und wer als ihm als letztes vorgeschlagen wird. Und statistische Auswertungen zeigen, dass die erste Empfehlung auch diejenige ist, die am häufigsten angenommen wird. Wer nicht unter den ersten 10 Suchtreffern zu finden ist, der führt ein Leben zweiter Klasse. Aber der Weltmarktführer hat beim Sortieren der Informationen keine bösen Absichten. <a href="http://investor.google.com/conduct.html">&#8220;Don&#8217;t be evil&#8221;</a> schreibt sich Google selbst auf die Fahnen. Kritische, ängstliche oder unabhängige Geister mag das kaum beruhigen. Denn zu jeder Unterscheidung gehört die andere Seite. Und welche Seite als die gute bezeichnet wird, das ist nun mal vom Beobachter abhängig. So können die guten Absichten des Suchmaschinengiganten durchaus den Schaden für andere bedeuten. <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,397153,00.html">Zensur</a> im Auftrag der chinesischen Gutmenschen, die ein ganzes Volk unterdrücken, ist aus Google&#8217;s Perspektive nicht böse. Dieser Kampf ist jedoch ausgefochten, Google zensiert weiter fleißig und ist dennoch in den Augen der meisten Nutzer auf der Seite des Guten zu verorten. Aber wie schafft Google das?<span id="more-28"></span></p>
<p>Der Trick ist einfach. Der Konzern distanziert sich von dem, was er tut. Google ist nicht subjektiv. Die Entscheidung, welche Ergebnisse angezeigt werden, berechnen verschiedene, ineinander greifende Algorithmen. Wie das genau funktioniert, ist geheim. Sicher ist jedoch, dass unter anderem Sprachmodelle (die Fähigkeit Sätze, Synonyme, diakritische Zeichen, Schreibfehler etc. zu interpretieren), Anfragemodelle (hier geht es ist nicht nur Sprache, sondern auch um die Art, in der sie heutzutage verwendet wird), Zeitmodelle (manche Anfragen sind mitunter am besten mit einer 30 Minuten alten Seite zu beantworten und manche sind besser mit einer alten und etablierten Seite bedient) sowie personalisierte Modelle (nicht alle Leute erwarten dasselbe) <a href="http://googlewebmastercentral-de.blogspot.com/2008/05/eine-einfuehrung-in-google-search.html">dazu gehören</a>. Die Komplexität dieses Rechen- bzw. Entscheidungsvorgangs ist so groß, dass man die einzelnen Schritte, Analysen und Rankings keiner konkreten Verantwortung mehr zurechnen kann. Die Ergebnisse sind dann einfach da, wie von Wunderhand. Da fällt es leicht die Komplexität des Entscheidungsprozesses für die eigene Darstellung zu instrumentalisieren und zu behaupten, die Ergebnisse seien <a href="http://googlewebmastercentral-de.blogspot.com/2008/07/einfuehrung-in-sachen-google-ranking.html">nicht von Menschenhand beeinflusst</a>.</p>
<p>Ja, tatsächlich: Google schreibt den zusammenarbeitenden Algorithmen eine objektive Selektionsfähigkeit zu. Und das scheint in einer technikgläubigen Welt auch zu überzeugen. Man muss aber an dieser Darstellung einiges kritisieren. Denn zum einen <a href="http://www.die-antwort-auf-alle-fragen.de/blog/11-07-2008/662-Schwindelt-Google.html">fragt Mark</a> zu Recht, wozu es denn dann die ganzen <a href="http://www.google.com/support/jobs/bin/answer.py?hl=en&amp;answer=54183">Quality-Rater</a> bräuchte. Da pfuscht wohl jemand noch ganz gewaltig in den vermeintlich objektiven Ergebnissen herum. Und zum anderen sind Zahlen &#8211; unabhängig davon, wie komplex ihre Berechnung ist &#8211; nichts anderes als kommunkative Konstruktionen von Personen, Organisationen und/oder Gesellschaft. In diesem Fall stellt die Organisation Google seine Algorithmen selbst zusammen und ist daher für die Ergebnisse verantwortlich und gegebenenfalls auch verantwortlich zu machen.</p>
<p>Man stelle sich nur einmal vor, dass eine Regierung eines demokratischen Staates ihrer Bevölkerung per E-Mail mitteilt: &#8220;Es wurde eine Entscheidung getroffen. Sie ist die einzig richtige. Das versteht sich ja von selbst, weil wir für sie, das Volk, nur das Beste wollen. Die Entscheidung ist desweiteren auch nicht anfechtbar. Denn in jahrelangen Sitzungen, unter Beteiligung aller relevanten Gruppen und nach Anhörung aller einschlägiger Experten hat sich diese Entscheidung von selbst ergeben. Es ist nicht bekannt, wer den Ausschlag gegeben hat, wo sie sich herauskristallisiert hat und wann sie getroffen wurde. Nun ist sie jedoch da. Und sie wird umgesetzt. Wenn sie daran kein Interesse haben, können sie sich abmelden und ihre Staatsbürgerschaft löschen lassen.&#8221;</p>
<p>Warum muss eine Regierung ihre Entscheidungen verantworten? Und &#8211; das erscheint mir die wichtigere Frage zu sein &#8211; warum muss eine Organisation wie Google ihre Entscheidungen nicht weiter begründen, bzw. wie schafft sie es, sich hinter Zahlen zu verstecken?</p>
<p>Technikgläubikeit? Wirtschaftsorganisation? Die Möglichkeit &#8211; trotz Quasi-Monopol &#8211; den Anbieter zu wechseln?&#8230;</p>
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		<title>Die Biografiefalle</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/07/02/die-biografiefalle/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 Jul 2008 11:18:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sinn und Unsinn von Praktikervorträgen Die BA-Studiengänge sollen berufsqualifizierend sein. Dass hier ein gap zwischen Wunsch und Wirklichkeit besteht, ist offensichtlich. Vorträge von &#8220;Praktikern&#8221; werden in Reformdiskursen als das Allheilmittel dargestellt um die wissenschaftliche Theorie mit der beruflichen Praxis zu verbinden. Leider sind die meisten Praktikervorträge, die in Universitäten organisiert werden, kontraproduktiv. Denn Praktiker, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Sinn und Unsinn von Praktikervorträgen</em></strong></p>
<p>Die BA-Studiengänge sollen berufsqualifizierend sein. Dass hier ein <em>gap</em> zwischen Wunsch und Wirklichkeit besteht, ist offensichtlich. Vorträge von &#8220;Praktikern&#8221; werden in Reformdiskursen als <em>das</em> Allheilmittel dargestellt um die wissenschaftliche Theorie mit der beruflichen Praxis zu verbinden. Leider sind die meisten Praktikervorträge, die in Universitäten organisiert werden, kontraproduktiv. Denn Praktiker, die über sich und ihre Berufsfindung sprechen, idealisieren oder bagatellisieren ihren eigenen Werdegang derart, dass orientierungsbedürftige Studierende entweder auf Grund der biografischen Geschlossenheit der Darstellung verunsichert werden oder ihr Studium vollkommen naiv zu Ende bringen.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p><strong>Alfred Schütz</strong> ist es zu verdanken, dass wir heute viel darüber wissen, wie wir uns dazu befähigen unsere Handlungen zu organisieren. Analytisch unterscheidet er dabei zwei Motive, die unsere Handlungen mit Sinn versorgen: <em>Um-zu-Motive und Weil-Motive</em>. Diese Unterscheidung werde ich im Folgenden auf die Entstehung und vor allem auf die Darstellung einer Biografie beziehen. So wird das Problem der <em>Biografiefalle</em> deutlich werden.</p>
<p><strong>Weil-Motive</strong> (Vergangenheitsorientierung)<br />
Das Weil-Motiv konstituiert den Sinn einer Handlung durch bereits vollzogene Handlungen. Um Handlungen mit Sinn zu versehen, ist es nötig auf bereits abgeschlossene Handlungen Bezug zu nehmen. Und das macht ja die Praktikervorträge so reizvoll. Der Experte aus der Praxis soll zeigen, welche Erfahrungen er im Studium gemacht hat und wie sie mit &#8220;der Entscheidung&#8221; für einen bestimmten Beruf, bzw. eine bestimmte Praxis zusammenhängen. Allerdings hat der Praktiker zu seiner Biografie keinen privilegierteren Zugang als ein anderer Beobachter, da seine Rekonstruktion der Ereignisse genauso widerlegt werden kann, wie die eines anderen Beobachters. Seine glasklare Erinnerung kann sehr trügerisch sein. Mit anderen Worten hat der Praktiker die Wahl, ob er sich an bestimmte Dinge erinnert, ob er sie verfälscht oder unterschlägt. Die Perspektive auf die eigene Vergangenheit ist Beobachter-abhängig. Es stellt sich also die Frage, was dir Perspektive des Praktikers leitet.</p>
<p><strong>Um-zu-Motive </strong>(Zukunftsorientierung)<br />
Menschen handeln, <em>um</em> etwas <em>zu</em> erreichen. Dafür bedienen sie sich eines imaginären Tricks. Sie entwerfen einen zukünftigen <em>zu</em> erreichenden Zustand, und <em>um</em> diesen zu erreichen eine modo futuri exacti als abgelaufen entworfene Handlung. Der (meist noch recht junge) Praktiker nutzt den Vortrag vor Studierenden vor allem dafür, sich selbst zu bestätigen, dass er mit seiner Berufswahl und seinen aktuellen beruflichen Aufgaben die richtige Entscheidung für sich getroffen hat. Er wird also die meiste Zeit damit verbringen davon zu sprechen, wie sehr im die Arbeit gefällt. (Wenn der ehemalige Betreuer der Abschlussarbeit das Seminar leitet, wird die Motivation des Vortragenden in einem guten Licht zu erscheinen, noch stärker sein.)</p>
<p><strong>Zusammenwirken der Motive</strong><br />
Für die Analyse des Praktikervortrags ist nun entscheidend, dass die Orientierung an einer Zukunft die Auswahl der Vergangenheit beeinflusst. Konkret: Der Vortrag des Praktikers wird in erster Linie dazu genutzt, <em>um</em> die aktuelle berufliche Praxis in einem guten Lichte erscheinen <em>zu</em> lassen. Dieses um-zu-Motiv beeinflusst nun die Darstellung des Praktikers, der sich bemühen wird zu zeigen, dass er heute in der Praxis erfolgreich ist, <em>weil</em> er damals im Studium (der &#8220;Theorie&#8221;) bestimmte Entscheidungen getroffen hat. Das weil-Motiv unterstellt dabei eine klare Kausalität, die es aber empirisch überhaupt nicht gibt, sondern einzig dem um-zu-Motiv geschuldet ist. Denn der vortragende Praktiker hat das Problem, dass er &#8211; wie alle anderen &#8211; die Verbindung zwischen Theorie und Praxis weder sehen noch beschreiben kann. Er kann nicht wissen, warum aus dem Soziologen ein Berater, Versicherer, Beamter, Lehrer, etc. geworden ist.</p>
<p><strong>Retrospektive Sinngebung</strong><br />
Für ihn selbst ist das nicht weiter schlimm. Das retrospective-sensemaking, wie Karl E. Weick diesen Prozess nennt, ist für die eigene Handlungsorientierung unerlässlich. Aber für Praktikervorträge hat die retrospektive Sinngebung den Effekt, dass die Verbindung von Theorie und Praxis mit einem blinden Fleck des Praktikers belegt ist. Der Zusammenhang von im Studium gelernter Theorie und ihrer Anwendung in der Praxis wird eben nicht offen gelegt, sondern vielmehr verdeckt, idealisiert und/oder bagatellisiert. Und das hat Folgen für die ursprüngliche Intention des Praktikervortrags, die sich durch drei Stichworte beschreiben lassen: Idealisierung, Bagatellisierung und Verdeckung.</p>
<p><em>Idealisierung:<strong> </strong></em>Der Praktiker stellt sich häufig als der strebsame, linientreue Optimal-Soziologe dar, der schon im Studium wusste, was er später beruflich werden wollte. Dementsprechend liest sich die vorgestragene Vita wie ein logisch aufeinander aufbauender, roter Faden. Empirisch gesehen, gibt es diese Studenten aber so gut wie nicht.<br />
<em>Bagatellisierung<strong>: </strong></em>Der Praktiker wird den Studierenden weiß machen wollen, dass die &#8220;eigentliche Ausbildung&#8221; erst mit der Aufnahme eines Berufes beginnt. Man sei als Soziologe zwar breit qualifiziert und könne sich daher schnell in verschiedenste Tätigkeiten einarbeiten, aber die wahre Schule des Lebens fange erst mit richtiger Arbeit an. Demzufolge könne man darauf verzichten bereits während des Studiums über den Sinn und Zweck der Soziologie-Ausbildung zu sinnieren.<br />
<em>Verdeckung:</em> Der Praktikervortrag ist für die Problematik des Theorie-Praxis-Verhältnisses nicht informativ. Das Thema steht nicht im Mittelpunkt, vielmehr geht es dann um Gehaltsfragen, Studierendengeschichten oder so spannende Themen wie das &#8220;Arbeitsklima&#8221;. Das mag interessant sein, trägt aber sicherlich nichts zur Berufsqualifizierung bei.</p>
<p><strong>Konsequenzen:</strong><br />
So führt der blinde Fleck des Praktikers bei den Studierenden nicht dazu, dass sie eine Vorstellung von der Theorie-Praxis-Problematik entwickeln könnten und somit einer Berufsqualifizierung näher kämen. Entweder werden sie massiv eingeschüchtert, weil sie selbst dem Bild des Optimal-Soziologen so wenig entsprechen. Oder sie studieren bis zur Abgabe ihrer Abschluss-Arbeit vollkommen naiv weiter, ohne sich auch nur einmal mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, was sie mit ihrem Abschluss später erreichen könnten. Beide Gruppen von Studierenden werden keine selbstbewussten Soziologen, die offensiv auf dem Arbeitsmarkt auftreten. Denn entweder werden sie ihre eigenen soziologischen (!) Fähigkeiten gering schätzen und/oder sich prinzipiell für alle zu übernehmenden Aufgaben bereit erklären und dabei auf einen soziologischen Bezug der Aufgaben verzichten.</p>
<p><strong>Sind Praktikervorträge unnütz?</strong><br />
Nein. Praktikervorträge können im Rahmen einer Berufsqualifizierung der Studierenden sinnvoll sein. Aber nur dann, wenn die Biografiefalle als solche vorbereitend auf die Vorträge von den Studierenden erarbeitet wird. Darüber hinaus erscheint es mir sinnvoll, dass Studierende bereits vor der Konfrontation mit Praxiserfahrungen durch berufstätige Soziologen in einen intensiven Prozess eingetreten sind, der die Frage thematisiert, was sie mit ihrem Studium erreichen können und wollen. Eine Theorie-Praxis-Reflexion sollte von den Studierenden daher kontinuierlich während des Studiums betrieben werden. An der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld gibt es solch ein Programm bisher nicht. Eine Le(e/h)rstelle.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Schütz, Alfred (1960): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Springer.</li>
<li>Weick, Karl E. (1985): Der Prozess des Organisierens, Suhrkamp.</li>
</ul>
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		<title>Es gibt immer was zu tun.</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2008 14:39:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Hoebel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Überlegungen zur Abweichungsbeobachtung in der Weltgesellschaft Berlusconi schneidere sich neues Immunitätsgesetz, meldet die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL im Juni 2008. Er plane das Gesetz, damit er nicht wegen eines anhängigen Korruptionsverfahrens verurteilt werde. Die Meldung ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen kann man fragen, warum eine deutsche Zeitschrift überhaupt über einen Vorgang in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Überlegungen zur Abweichungsbeobachtung in der Weltgesellschaft</em></p>
<p class="MsoNormal">Berlusconi schneidere sich neues Immunitätsgesetz, meldet die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL im Juni 2008. Er plane das Gesetz, damit er nicht wegen eines anhängigen Korruptionsverfahrens verurteilt werde.<a name="_ednref1" href="#_edn1"></a></p>
<p class="MsoNormal">Die Meldung ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen kann man fragen, warum eine deutsche Zeitschrift überhaupt über einen Vorgang in Italien berichtet. Es handelt sich offensichtlich um ein Ereignis von überregionaler Bedeutung, ja sogar um ein Weltereignis, wie die Recherche auf den Webseiten der US-amerikanischen NEW YORK TIMES ergibt, die ebenfalls über Berlusconis Gesetzesvorhaben berichtet.<a name="_ednref2" href="#_edn2"><span class="MsoEndnoteReference"><span><!--[if !supportFootnotes]--><!--[endif]--></span></span></a> Zum anderen ist auffällig, warum dem Ereignis überhaupt Nachrichtenwert zugewiesen wird. Augenscheinlich wird in diesem Fall eine Abweichung von öffentlichen Verhaltensstandards registriert, denn Berlusconi plant einen politischen Eingriff in die Rechtssprechung, genauer: über kollektiv verbindliches Entscheiden soll die Rechtssprechung in der Weise festgelegt werden, dass er als Person-im-Staatsamt nicht strafrechtlich verfolgt werden kann.</p>
<p class="MsoNormal"><span id="more-19"></span></p>
<p class="MsoNormal">In Abwandlung eines Arguments von Niklas Luhmanns nehmen die Massenmedien in diesem Fall einen Standpunkt der Weltgesellschaft ein. Sie finden über allgemeine Vorstellungen, nach welchen „globalen Standards“ Staatsgesellschaften strukturiert sein und ihre Protagonisten handeln sollten, den Anlass dafür, Abweichungen überhaupt beobachten zu können. Die Weltgesellschaft beschreibt er als funktional differenziert in operativ eigenlogische Teilsysteme. Beispiele sind die Politik, die Wirtschaft, das Recht oder die Wissenschaft. Sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass in ihnen nach eigenen Prinzipien verfahren wird, so dass sich Politiker der Kritik ausgesetzt sehen, wollten sie Richtern vorschreiben, wie sie ihre Urteile zu fällen haben.<span> </span></p>
<p class="MsoNormal">In dieser Perspektive ermöglichen folglich die Struktur der Weltgesellschaft selbst und eine zumindest diffuse Kenntnis dieser Strukturiertheit solche Abweichungsbeobachtungen, wie sie auf Berlusconi bezogen vorgenommen werden. Sie werden gleichwohl nicht nur situativ, personalisiert sowie allgemein den Regeln der Massenmedien folgend vorgenommen. Man denke an die zahlreichen Indices, die mit großem Aufwand erstellt und nachgefragt werden. Beispiele sind der „Failed States Index“, der „Freedom House Index“ oder der „Bertelsmann Transformation Index“ (BTI). Sie sind Abweichungsregistraturen größeren Maßstabs.</p>
<p class="MsoNormal">Nehmen wir das Beispiel des BTI. Hier wird nach eigener Darstellung die Umsetzung erfolgreicher Reformpolitik von „Staaten auf ihrem schwierigen Weg der Transformation“ verzeichnet. Beobachtet wird anhand eines Kontinuums zwischen den Polen Gelingen und Misslingen. Als Gradmesser gelten die beiden Ordnungsmodelle „Rechtsstaatliche Demokratie“ und „Sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft“. Impliziert wird damit ein vergleichsweise spezifischer Entwicklungspfad mit einem normativ begründeten Endzweck (im Sinn der Aristotelischen causa finalis). Der „guten Regierungsführung“ wird dabei eine Schlüsselrolle zugewiesen. Die Transformation wird im Rahmen eines umfangreichen Berichtswesens über quantitativ und qualitativ operationalisierte Indikatoren gemessen, so dass jährlich ein Ranking über Erfolge und Rückfälle erstellt werden kann. Zwar gebe es aufgrund von Gefährdungen wie Stagnation, Machtkonflikten und Staatsversagen keine Erfolgsgarantie. Allerdings wolle die Bertelsmann Stiftung im Rahmen des BTI und zusammen mit ihrem Projektpartner, dem Centrum für angewandte Politikforschung, einen Beitrag dazu leisten, die politische Steuerung dieser Transformationsprozesse effektiver zu gestalten, wirksamer zu unterstützen und Fachwissen produktiv zu vernetzen. Dahinter liegt offensichtlich die Annahme, es bedarf der Promotion „richtiger Entwicklung“ im Sinn einer zunehmenden Konvergenz weltweiter staatlicher Ordnungsmuster europäischen Vorbilds. Andere Ordnungsmodelle müssen daher zwangsläufig als Abweichungen und als ein „Noch-nicht-Erreichen“ im Sinn „richtiger“ Entwicklung vermerkt werden.</p>
<p class="MsoNormal">Welche Folgen hat diese Abweichungsbeobachtung eigentlich, kann man sich fragen? Es fällt einem der Werbeslogan eines großen Baufachhandels ein: „Es gibt immer was zu tun“. Für unseren Fall heißt das: „Es gibt auch ZUKÜNFTIG was zu tun“. Kurz: vor allem sichert Abweichungsbeobachtung den Bestand der beteiligten Organisationen.</p>
<p class="MsoNormal">In Bezug auf Berlusconi versorgen sich die Massenmedien letztlich selbst mit einem Anlass, auch „morgen“ in gleicher Weise weiterzuarbeiten, nämlich zu prüfen, ob das Thema weiter Relevanz hat, um darüber zu berichten. Zugespitzt formuliert sorgt es über die Speicherung von Abweichungsbeobachtungen in seinen (Online-)Archiven dafür, dass ein in dieser Weise qualifiziertes Ereignis im Gedächtnis bleibt. Und so lange die Abweichung weiter besteht, erscheint es lohnenswert, weiter darüber zu berichten.</p>
<p class="MsoNormal">Ähnlich verhält es sich für die Organisationen, die Indices internationaler Politik erstellen. Es ist paradox: so lange Abweichungen feststellbar sind, sollte man sie schließlich auch messen. Dazu passt, dass im Rahmen des neo-institutionalistischen „world polity“-Ansatzes die Weltgesellschaft anhand von weltweit propagierten Ordnungsmodellen beschrieben werden, deren Geltung einen äußeren Veränderungs- bzw. Anpassungsdruck auf Nationalstaaten erzeugen, so dass diese sich hinsichtlich ihres formalen Erscheinungsbildes angleichen. Diese Isomorphie ist ein zentrales Kennzeichen der world polity, die als die Gesamtheit weltweit auffindbarer politischer und kultureller, „rationalistischer“ Institutionen aufgefasst werden kann. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um politische und kulturelle Modelle, so dass Boris Holzer anmerkt, es könne nach diesem Ansatz nahezu unterschiedslos von Weltgesellschaft, Weltkultur und eben world polity gesprochen werden. Wenn man so will, „stabilisieren“ internationale Indices-Organisationen die Geltung (a) dieser Ordnungsmodelle und gleichzeitig (b) sich selbst als „Promotoren“ dieser Modelle. Dabei sind sie allerdings „zweifach blind“.</p>
<p class="MsoNormal"><em>Zum einen</em> sehen sie selbst nicht, dass sie Ordnungsmodelle „promoten“, die in so genannten gescheiterten, scheiternden oder brüchigen Staaten auf den externen Synchronisationsdruck zwar formal eingeführt werden, weil sie als Voraussetzung für „effektives Regieren“, „angemessene Bildung“, „Rechtssicherheit“ o.ä. gelten. Gleichzeitig erscheinen konkurrierende Ordnungsmodelle lokaler Herrschaft, Wirtschaftstätigkeit und Erziehung allerdings selbst auffällig stabil, so dass z.B. die Weltbank trotz aller bisherigen Bemühungen in Afghanistan eingesteht, dass sich die Lage „verschlechtere“, weil Warlords ihre Autonomie erfolgreich aufrecht erhalten, die Wirtschaft ihre Einnahmen weiter über Mohnanbau erzielt und diese Opiumökonomie zusätzlich die Korruption blühen lässt.</p>
<p><em><span style="Cambria;">Zum anderen</span></em><span style="Cambria;"> haben sie zwar mit dem Terminus der „Korruption“ einen Begriff für diese konkurrierenden Ordnungsmodelle. Jedoch haben sie bislang fast nur die Vorstellung davon entwickelt, dass diese z.B. auf Familienangehörigkeit, Ehre, Scham, gegenseitigen Beschenkens oder Reziprozität basierenden Handlungsmuster „bekämpft“ werden müssen. Unbemerkt bleibt, dass Institutionen der world polity lokal als die eigentliche Abweichung betrachtet wird. Ob deren Einführung (z.B. im Rahmen einer Public Administration Reform, welche die Weltbank für Afghanistan skizziert hat, nachdem sie vorher die Verschlechterung der Situation gemessen hat) daher den erhofften Erfolg hat, kann bezweifelt werden. Sie muss ja auch keinen Erfolg haben, nimmt man sich doch damit die Möglichkeit, weiter Abweichungen zu messen und damit begründbare Reformprogramme „auf den Weg zu bringen“.</span></p>
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