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	<title>Sozialtheoristen &#187; Organisation</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Burn-Out-Diagnosen</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 17:10:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rena Schwarting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Blues]]></category>
		<category><![CDATA[Burn-Out]]></category>
		<category><![CDATA[Indifferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Mitgliedschaftsbedingung]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeichneten Phänomens: Burn-Out. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als Rezept gegen die neue Volkskrankheit wird ein Cry-Out verschrieben. Empört Euch! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2776" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-07-um-5.33.53-PM.png" alt="" width="649" height="249" /></p>
<p><strong>Zwischen Fremd- und Selbstausbeutung &#8211; Ein Plädoyer für eine dritte Beobachtungsebene und einen ersten Ausweg<br />
</strong></p>
<p><strong></strong>Es sind die sadistischen Auszüge der modernen Leistungsgesellschaft, so die umlaufende Erklärung für die Diagnose eines neu bezeic<span style="color: #000000">hneten Phänomens: <em>Burn-Out</em>. Eine Nation ist plötzlich ausgelaugt, überlastet und überfordert. Als R</span>ezept gegen die <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/burnout-trailer/">neue Volkskrankheit</a> wird ein <em>Cry-Out</em> verschrieben. <a href="http://www.amazon.de/Emp%C3%B6rt-Euch-St%C3%A9phane-Hessel/dp/3550088833/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1323268730&amp;sr=1-1">Empört Euch!</a> gegenüber einer profit- und skandalgeilen Gesellschaft, die den kapitalistischen Raubbau an der Marke Arbeitskraft salonfähig gemacht hat.</p>
<p><span id="more-2770"></span></p>
<p>Wer auf dieser Ebene unkontrolliert weiter argumentiert, der mag vermutlich auch in einer <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791114,00.html">eruptiven Entschleunigung</a> ein Mittel ihrer Beeinflussung sehen. Und da <em>die</em> Gesellschaft, <em>die</em> Politik oder <em>die</em> Wirtschaft keine Adresse haben, wird dann auch versucht, sie als <em>Ganze</em> zu reformieren oder zu lähmen. Aber ohne Adresse verläuft der vermeintliche Protest ins Leere und wird sogar selbst von seiner ebenso vermeintlichen Gönnerschaft als <em>unbelesen</em> ignoriert.</p>
<p>Herkömmliche Mittel gegen das <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/2011-10/burnout-zwischenruf">systemische Problem</a></em> setzen dagegen am Individuum an: Pilates und Yoga, Obst und Gemüse, Wellness und Spa-Kur, Verhaltens- und Psychotherapie sollen die Leistungsfähigkeit wieder herstellbar und weiter abrufbar halten. Während der gesellschaftstheoretische Zugang zum Problem der Individualisierung des Arbeitsrisikos jedoch überkomplex ist, fällt die individualpsychologische Betrachtung entsprechend unterkomplex aus. Letztere rückt <em>Burn-Out</em> einzig eng in das Licht bzw. Dunkel gängiger Stressphänomene: Nämlich dem Dilemma, dass Stress subjektiv ist und jeder Versuch ihn beseitigen zu wollen (noch mehr) Stress verursachen kann. Entspannung, Anspannung und Erschöpfung vermischen dann genauso wie Arbeits- und Freizeitstress. Worüber wird dann eigentlich noch Neues diskutiert?</p>
<p><strong>Was ist krank und was ist normal?</strong></p>
<p>Und woran leidet dann überhaupt <em>die Gesellschaft</em> oder <em>das Individuum</em>? Einfach nur an den bekannten Nebenwirkungen des Wohlstands, wie Müdigkeit, Depression, Aggression, Lethargie? Oder ist die Beobachtung neu, weil diese Erscheinungen in einem reichen (wenn auch ungleich verteilten) Industriestaat immer noch bestehen? Vielleicht müsste man wieder darüber nachdenken, wieviel Krankheit normal ist und wieviel Normalität krank macht? <a href="http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Normalen-Seelenkunde/dp/3579068792">Manfred Lütz&#8217;</a> Antwort darauf ist zunächst einleuchtend: <em>Ob jemand leidet, ist das Entscheidende, ob er in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.</em> Wer kommunikationsfähig ist, d.h. wer zuhören kann, wer erziehen kann, wer zahlen kann, der kann dann nicht (zumindest nicht sozial sichtbar) chronisch krank sein. Wer wirklich psychisch krank ist, kann dann auch nicht (mehr) ausgebrannt sein. Symptomatisch sind <em>Burn-Out</em>-Erscheinungen deshalb von psychischen Erkrankungen (insbesondere von diversen Depressionsformen) zu unterscheiden.</p>
<p>Wer kommunikationsfähig ist, ist dagegen protestfähig. Aufsehen und Aufmerksamkeit erlangen nicht die wirklich armen, kranken und erschöpften (oder kränkeren, ärmeren oder ausgebrannteren). Ihnen fehlt schier die Zeit, das Geld und die Kraft sich gegen sich selbst oder eine Gesellschaft aufzulehnen. Aber soll man denn so lange warten, bis man arm und krank ist, könnten Zyniker entgegnen. Im Gegensatz zu reproduzierten Ungleichheiten und chronischen Krankheiten, scheint ein <em>Arbeits-Blues</em> behandelbar. Die eigenen Anpassungs- und Änderungsmöglichkeiten sind erloschen, können aber wieder mobilisiert werden.</p>
<p><strong>Angebot schafft Nachfrage?</strong></p>
<p>Sieht man sich einige <a href="http://www.spiegel.tv/#/filme/ausgebrannt/">öffentlich interviewte Fälle</a> an, so begegnet man bekannten Gesichtern, die sich einst auch an einer Depression leidend bekannt hatten. Dabei vermischen sich die Diagnosen. Ein <em>Burn-Outin</em>g scheint aber derzeit medial anerkannter zu sein, da man für den Leistungs- und Beliebtheitsdruck wie für seine sexuelle Orientierung schwer verantwortlich gemacht werden kann. Angesichts der symptomatischen und definitorischen Ungeklärtheiten in der medialen Berichterstattung bekommen die aufklärerischen Anliegen von Profisportlern, Managern und Prominenten ein Geschmäckle und stehen in einem eher unglaubwürdigen Rampenlicht. Das Mitleid war zu öffentlich und wiederum zu profitgierig. Der kapitalistische Konsumkreis scheint dann wieder geschlossen: <em>Burn-Out</em> als ein Skandalisierungs- und Bereicherungsprodukt für Medien-, Freizeit-, Pharma- und Coachingindustrie? Wurden die Kapitalismusgegner und Gesellschaftskritiker erneut getäuscht?</p>
<p><strong>Zwischen Psychologisierung, Philosophierung und Politisierung</strong></p>
<p>Auch die Wissenschaft trägt in dem genannten Konsumkreislauf regelmäßig zur Besetzung neuer Kampfbegriffe, alter Wertedebatten und noch älterer Moralpredigten bei: Entscheidungsgesellschaft, (Welt-)Risikogesellschaft und neuerdings die <a href="http://wirtschaft.pr-gateway.de/lob-des-lassens/">Yes-We-Can-Gesellschaft</a> sind populäre Zeitdiagnosen, mit denen sich eine ganze Nation auf ein Zentralphänomen reduzieren und stigmatisieren lässt. Zeitdiagnosen als Sündenbock sind einfach und wirken deshalb kognitiv entlastend. Sie machen die Komplexität der Welt verarbeitbar, indem sie Vorurteile bestätigen. Aber instruktiv sind sie für den Einzelnen nicht. Eigentlich gegenläufige Zeitdiagnosen wie die Erlebnis-, Spaß-, oder Ich-Gesellschaft liegen für kurze Zeit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle – so als ob es keine Arbeitsformen gäbe, die nicht selbst (wenn auch individuell unterschiedlich) motivierend, sinn- und identitässtiftend sein könnten?</p>
<p><strong></strong>Tiefergrabende philosophische Erklärungen versuchen dann die widersprüchlichen Trends zwischen Ego-Taktikern und Hyper-Arbeitsgesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen: <em>Problematisch werde es, wenn Menschen in der Sucht nach beruflicher Anerkennung die Selbstausbeutung mit Genuss verwechseln – und als Folge davon wirklichen Genuss gar nicht mehr empfinden können</em>, so die Philosophin Svenja Flaßpöhler im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1609554/">Deutschlandfunk-Gespräch</a> über ihr Buch <a href="http://www.amazon.de/Wir-Genussarbeiter-Freiheit-Zwang-Leistungsgesellschaft/dp/3421044627">Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft</a>.</p>
<p><strong><strong>Plädoyer für eine dritte Betrachtungsebene </strong></strong></p>
<p>Ohne weder den Einzelfall noch die Gesellschaft als Ganze beurteilen zu können, ist aus soziologischer Sicht die Einbeziehung einer dritten Ebene – neben Individuum und Gesellschaft hilfreich – die zwar kompliziert erscheint, aber vielleicht gerade auch deshalb die genannte Popularität und Dominanz bisheriger Zugänge zum Phänomen erklärt.</p>
<p>Wenn derzeit über <em>Burn-Out</em> gesprochen wird, dann vermengen sich Namen öffentlicher Protagonisten mit den Zahlen und Werten ganzer Berufsfelder. Aber das Medienleben von Leistungssportlern, Managern und Prominenten hat wenig gemeinsam mit dem Arbeitsalltag von Krankenhaus-ÄrztInnen, LehrerInnen oder SupermarktverkäuferInnen. Die Frage muss gestellt werden: Wären die körperlichen und seelischen Veränderungen auch ohne die Anstellung in jener Organisation bzw. in jenem Unternehmen auffällig und problematisch geworden? Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist in konsumverwöhnten Industriegesellschaften auf den Kopf gestellt. Soziale Anerkennung ist aber kein neuer Gesellschaftstrend und auch keine anthropologische Konstante, sondern erst <em>in</em> und <em>durch</em> das Aufkommen von unterschiedlichen Rollen und Organisationen möglich.</p>
<p><strong>Das System der Arbeit heißt Organisation</strong></p>
<p>Im Gegensatz zur Gesellschaft haben Organisationen eine Adresse. Freiheit und Zwang sind abstrakte Begriffe, aber der Arbeitgeber A, die Bank B, die Consulting C oder der Discounter D sind es nicht. Der Blick auf diese Ebene kann aufzeigen, dass Gewalt in Organisationen nicht erst beim Militär, der Mafia oder der Polizei beginnen muss. Gewalt kann auch subtiler sein: Kopf- und Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind nicht leicht zurechenbar und nicht immer sichtbar, aber gerade deshalb auch schwer vergleichbar.</p>
<p>Die fokussierte Skandalisierung des Einzelnen oder der Gesellschaft verdecken jedoch den Blick auf interne Konflikte in den jeweiligen Organisationen. Ohne diese im Vorfeld benennen oder erkennen zu können, hat man ihre Duldung aber selbst mit seiner Unterschrift zugestimmt. Die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen bestimmter Organisationen lassen sich weniger als rein verschwörerische Ausbeutungsmaschinerie noch als plötzliche Pathologie erklären. Zumindest in Deutschland besteht ein Grundrecht auf freie Berufswahl (GG Art. 12). Ein soziales Recht auf Arbeit ist dagegen nicht einklagbar. Der Eintritt in Organisationen ist damit auf beiden Seiten – für Arbeitgeber und Arbeitnehmer – freiwillig. Eine offene Rebellion in Organisationen ist aufgrund eben dieser Freiwilligkeit des Eintritts auch schwer vermittelbar und verständlich.</p>
<p><strong>Ausweitung der Zumutbarkeitszone</strong></p>
<p>Der Eintritt in eine Organisation vollzieht sich durch die Unterschrift eines Arbeitsvertrages. Im Vertrag selbst steht nichts von Ausbeutung, von immenser Arbeitsbelastung am Jahresende, von Extraaufgaben bei Einstellungsstop, den Bedingungen für eine Beförderung oder für eine Gehaltserhöhung. Der Vertrag formuliert keinen eindeutigen Anforderungskatalog. Wenn jeder Handgriff, jede Aufgabe und jedes Projekt im Voraus prognostizierbar oder programmierbar wären, würden Vertragstexte ins Unendliche ausufern. Im Gegensatz zur Projektarbeit auf Honorarbasis, erkauft die Organisation mit einem Arbeitsvertrag damit eine größtenteils unspezifische Leistung(-sbereitschaft).</p>
<p>In diesem Sinne enthält der Arbeitsvertrag einen Blankoscheck für die Akzeptanz fremder (noch zu bestimmender) Entscheidungen. Für die Organisation ist dieser Vertrauensvorschuss funktional, denn Vorgesetzte müssen ihren MitarbeiterInnen nicht ständig zu unwahrscheinlichem Verhalten motivieren oder ihnen Befehle erteilen, sondern können flexible Sachentscheidungen fällen. Als Organisationsmitglied antizipiert man selbst, was in seinem Anforderungs- und Zumutbarkeitsbereich liegt und welche Informationen man wie und wann zu bearbeiten hat, ohne dass der Chef ständig auf die Finger guckt oder klascht.</p>
<p><strong>Ungebremste Latenz wechselseitiger Fremd- und Selbsterwartung<br />
</strong></p>
<p>Der US-amerikanische Management-Theoretiker Chester Barnard bezeichnet diesen Grad an schwer verweigerbaren und vorauseilenden Generalgehorsam als <em>Indifferenzzone</em>. Er benennt damit jene Erwartungen, denen sich die Mitglieder der Organisation indifferent bzw. unkritisch gegenüber verhalten (müssen), wenn sie nicht die Kündigung riskieren oder befördert werden wollen. Eine möglichst große Indifferenzzone erlaubt der Organisation eine breite Anpassung an neue Veränderungen in der Umwelt und damit verbundene Unsicherheiten. Aus welcher genauen Selbstmotivation sich diese Indifferenz speist, kann weder eindeutig geklärt noch gesteuert werden. Möglichkeiten sie auszuweiten gibt es viele.</p>
<p>Was von der klassischen Managementlehre oft übersehen wird, ist, dass man zur Konfliktvermeidung nicht nur die Erwartungen des Vorgesetzten, sondern auch der Teamkollegen, der Zuarbeiter oder des Sekretärs implizit akzeptiert. Solange die damit verbundenen Erwartungen keinen offenen Widerspruch gegen die Vertragsregeln beinhalten, hat man sich ihnen zu fügen. Neben den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind es zudem auch sogenannte informelle Regeln &#8211; die bekannten ungeschriebenen Gesetze &#8211; die einem das Leben in einer Organisation schwer machen können.</p>
<p>Wenn die Erwartungslast unerträglich wird und sich eine immer tieferziehende Spirale aus eigenen und fremden Erwartungen bildet, sollte man die Organisation schleunigst wechseln, bevor man Lust, Laune und Leistungsvermögen verliert. Gerade weil der Zumutbarkeitsbereich oft unbestimmt und latent bleibt &#8211; und deshalb schwer in jeder Situation explizit ausgehandelt werden kann &#8211; ist man als Arbeitnehmer in der Verantwortung, die selbsterlegten Fesseln auch wieder zu sprengen. Neben <em>Voice</em> und <em>Loyality</em>, gibt es die unterschätzte Option des <em>Exit</em>. Ein Organisationswechsel muss dabei nicht immer eine schlechtere Alternative sein, denn oft sind die Verlierer und Aussteiger von heute die Einsteiger und Gewinner von morgen, die sich aus einem <em>burn-out</em> befreien und dabei zu einem <em>burn-in </em>finden. Zu diesen stillen oder lauten Organisationswechslern müssen nicht nur bekannte Unternehmer, Schriftsteller und Künstler gehören. <em>There are many Steves in the world</em>.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen<br />
</strong></p>
<p>Barnard, Chester I. 1938. The Functions of the Executive. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Hirschman, Albert O. 1970. Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge MA: Harvard University Press.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1995. Funktionen und Folgen formaler Organisation. 4. Aufl. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
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		<title>Differenzen der Hochschulen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Nov 2010 10:36:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Hoebel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In seiner Abschiedsrede als Präsident der Humboldt Universität zu Berlin überrascht Christoph Markschies mit der Überlegung, dass in Deutschland trotz Abschwächung ideologischer Borniertheiten immer noch keine wirkliche Differenzierung von Hochschultypen möglich sei („Universitäten können nicht allen alles bieten“, FAZ vom 28.10.2010). Überraschend ist ebenfalls seine Schlussfolgerung. Die deutsche Hochschullandschaft sei „also“ nicht konkurrenzfähig, weder im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In seiner Abschiedsrede als Präsident der Humboldt Universität zu Berlin überrascht Christoph Markschies mit der Überlegung, dass in Deutschland trotz Abschwächung ideologischer Borniertheiten immer noch keine wirkliche Differenzierung von Hochschultypen möglich sei („Universitäten können nicht allen alles bieten“, FAZ vom 28.10.2010). Überraschend ist ebenfalls seine Schlussfolgerung. Die deutsche Hochschullandschaft sei „also“ nicht konkurrenzfähig, weder im Verhältnis mit angloamerikanischen Spitzenuniversitäten („entschlossene Elitenförderung“) noch in Bezug auf das Ziel, „die breite Masse“ adäquat auszubilden.</p>
<p><span id="more-1104"></span>Diese Verknüpfung von Ursache und Wirkung ist bemerkenswert, steht und fällt das Argument doch mit der Frage nach der faktischen Differenzierung in und zwischen den Hochschulen. Mein Eindruck ist, dass Markschies sich womöglich eine andere Ursache suchen muss, um seine These mangelnder Konkurrenzfähigkeit zu behaupten. Denn eine solche Binnen- und Typendifferenzierung mag vielleicht nicht möglich sein. Existent ist sie schon. Man muss sich dafür nur vor Augen führen, welche faktischen Differenzen den verschiedenen Mitgliedern von deutschen Hochschulen in ihrer täglichen Auseinandersetzung mit diesen eigentümlichen Organisationen begegnen. (Früher hätte man statt „verschiedene Mitglieder“ wahrscheinlich Statusgruppen gesagt. Das ist insofern obsolet, weil sich herausgestellt hat, dass diese gar keine einigermaßen geschlossenen Gruppen bilden.)</p>
<p>Wohlgemerkt, es geht um faktische, nicht um ideelle Differenzen! Ideell sind ja vor allem solche Unterschiede, deren Geist zwar immer wieder beschworen wird, die aber auf das Verhalten in der Organisation kaum bis gar keinen Einfluss haben. Die Differenz von Forschung und Lehre ist da sicherlich die prominenteste. Ihre Einheit gilt es, so zumindest die Idee, fortlaufend zu erreichen. Aber nahezu keiner orientiert sich daran.</p>
<p>Faktische Differenzen sind demgegenüber diejenigen von Universitäten und (Fach-)Hochschulen entlang der Frage des Promotionsrechts; von Volluniversitäten und ihren spezialisierten technischen, medizinischen oder künstlerischen Pendants; von Natur- und Geisteswissenschaften und den dazwischen oszillierenden Sozialwissenschaften; von öffentlich und privat finanzierten Einrichtungen; von reiner Wissenschaft und instrumenteller Anwendungsorientierung; von traditioneller Alma mater und Reformuniversität; von Großstadtflair und Provinzmief; von Leuchttürmen und Massenuniversitäten; von exzellenten und unauffälligen Hochschulen mit „Nischencharakter“; von unterfinanzierten Fakultäten und Organisationseinheiten mit ausreichendem Mittelzufluss; von akkreditierten „Systemen“ oder Studiengängen und solchen, die darauf (noch oder mal wieder) warten – um nur einige zu nennen.</p>
<p><a rel="attachment wp-att-1105" href="http://sozialtheoristen.de/2010/11/19/differenzen-der-hochschulen/3903807295_174196b2ea_z/"><img class="size-medium wp-image-1105 alignnone" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2010/11/3903807295_174196b2ea_z-550x412.jpg" alt="The Meeting House, University of Sussex" width="550" height="412" /></a></p>
<p>Der Chicagoer Soziologie <a title="Drei Formen der Ignoranz" href="http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc~E274496C7F4254A67A3519782422DDEDC~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Andrew Abbott</a> verfolgt in Bezug auf eine oftmals undurchsichtige Gemengelage von Differenzen einen Gedanken, der auch für die Betrachtung der deutschen Hochschullandschaft und einer von Markschies angemahnten Typendifferenzierung interessant ist. Soziale Einheiten wie zum Beispiel wissenschaftliche Disziplinen oder Professionen entstehen dadurch, dass in mehr oder weniger übersichtlichen Konstellationen interessierter Personen Differenzen miteinander verknüpft und geordnet werden – und zwar über Jahrzehnte. Die Differenzen bestehen bereits vorab, nicht aber die sozialen Einheiten, denen ihr Zusammenspiel schließlich Gestalt (und in der Regel einen Eigennamen) verleiht. <a title="Things of Boundaries" href="http://findarticles.com/p/articles/mi_m2267/is_n4_v62/ai_18229216/" target="_blank">„Boundaries come first, then entities.”</a></p>
<p>Die zentrale Überlegung dabei ist, dass sich letztlich beständige Gruppen konstituieren, indem sie nach und nach jeweils eine Seite einer Vielzahl von Differenzen besetzen. Durch die damit verbundene Erzeugung zahlreicher Grenzen gegen Dritte gewinnen sie Stabilität und ein besonderes „Image“. Abbott spielt einen solchen historischen Prozess am Beispiel der Sozialen Arbeit („gegen“ die Psychatrie und die Medizin) in den USA durch. Anfang des 20. Jahrhunderts koppeln sich hier aus seiner Sicht die drei Seiten Weiblichkeit, Betreuung nur bestimmter und vor allem staatlich gekennzeichneter Klienten und Arbeitsplätze außerhalb kirchlicher Zusammenhänge.</p>
<p>Organisieren sich die deutschen Hochschulen als soziale Einheiten in ähnlicher Weise? Sicherlich in Ansätzen, könnte die Antwort lauten, wenn man sich dafür interessiert, welche Präferenzen sich je nach Situation und Kontext für jeweils eine Seite der zahlreichen genannten Differenzen finden lassen. In vielen Fachhochschulen verbinden sich Anwendungsorientierung, Reformorientierung und Nischendasein. Einrichtungen, die mittlerweile den Zusatz „Fach“ streichen, machen sich dagegen auf, anwendungsorientierte und massentaugliche Universität zu werden – als ein Realexperiment mit ungewissem Ausgang. Beide setzen sich darüber gegen andere Hochschulen ab, gewinnen folglich ihr Profil, weil es auch andere Typen gibt. Markschies‘ These mangelnder Typendifferenzierung in der aktuellen Hochschullandschaft ist somit mindestens überdenkenswert.</p>
<p>Fragt man jedoch danach, in welchen Konstellationen interessierter Stellen die Differenzen neu bzw. anders geordnet oder ohne viel Bewegung befestigt werden, liegt der springende Punkt der Abschiedsrede jenseits einer fragwürdigen Kausalitätsvorstellung von verursachender Differenzierung und erwirkter Konkurrenzfähigkeit. Kritisch erscheint vielmehr, ob die Hochschulen selbst in der organisatorischen Lage sind, Differenzen zu erkennen, Präferenzen zu entwickeln und sie für sich in Differenz zu anderen Einrichtungen zu ordnen – und dabei auch Gegensätze wie die Förderung vermeintlicher Eliten und fundierter Ausbildung aufzulösen. (Denn ob die Idee, sich als Elitehochschule zu positionieren, als organisatorische Ordnungsvorstellung mit Attraktionspotential für eine nennenswerte Anzahl von Studierenden sowie für unterstützende Dritte taugt, kann als offene Frage gelten.)</p>
<p>Es wird häufig auf politisch-rechtliche Autonomiebeschränkungen verwiesen, welche die organisatorischen Freiheitsgrade der Hochschulen verringern. Das ist sicherlich richtig. Über viele Differenzen können die Hochschulen kaum selbst befinden. Man denke an die Akkreditierungsanforderungen. Stellen wir uns aber vor, dass diese Beschränkungen von heute auf morgen wegfallen würden. Welche nennenswerten <a title="Organisation and Legitimation. Die Selbssteuerungsimperative der Organisation und das Problem der Legitimation" href="http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/view/2247" target="_blank">„Selbststeuerungskapazitäten“ (Karl Gabriel)</a> gibt es in der deutschen Hochschullandschaft? Diese Frage sollte nicht nur Soziologen beschäftigen.</p>
<p>Foto: <a title="mira66" href="http://www.flickr.com/photos/21804434@N02/">mira66</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>(Neu-) Ordnungen der Massenmedien.</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2009/10/23/ordnungen-der-massenmedien/</link>
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		<pubDate>Fri, 23 Oct 2009 17:40:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian Plönges</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>

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		<description><![CDATA[Der vorliegende Artikel geht auf Stefans Angebot zurück, hier ein eigenes (zwischenzeitliches) Resümee der Diskussion um die künftige Rolle der Massenmedien veröffentlichen zu können. Die Diskussion selbst schließt an den ursprünglichen Artikel über die Selektionskriterien der Wikipedia an. Alle wesentlichen Gedanken dazu finden sich bereits in den entsprechenden Kommentaren – hier soll noch einmal explizit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der vorliegende Artikel geht auf <a href="http://sozialtheoristen.de/author/admin/">Stefans</a> Angebot zurück, hier ein eigenes (zwischenzeitliches) Resümee der Diskussion um die künftige Rolle der Massenmedien veröffentlichen zu können. Die <a href="http://sozialtheoristen.de/2009/10/20/zum-fehlenden-externen-selektionsmechanismus-der-wikipedia/#comments">Diskussion</a></em><em> selbst schließt an den ursprünglichen <a href="http://sozialtheoristen.de/2009/10/20/zum-fehlenden-externen-selektionsmechanismus-der-wikipedia/">Artikel</a> über die Selektionskriterien der Wikipedia an. Alle wesentlichen Gedanken dazu finden sich bereits in den entsprechenden Kommentaren – hier soll noch einmal explizit auf einige für mich besonders bedeutende Aspekte der Diskussion hingewiesen werden. Die Überlegungen bleiben, was ihrem Gegenstand geschuldet ist, notwendig hypothetisch – mehr als ohnehin findet der Flug über den Wolken statt.</em></p>
<p><strong>Die Organisation.</strong></p>
<p>Wie ist die Wikipedia, an der einige der folgenden Überlegungen exemplarisch durchgespielt werden sollen, formal organisiert? In Unterscheidung zu anderen sozialen Systemen stehen bei der Beobachtung von Organisationen ihre Anerkennungs- bzw. Mitgliedschaftsregeln im Zentrum der Aufmerksamkeit: Für die Kommunikationen im sogenannten „Web2.0“ (im Allgemeinen) und für jene innerhalb der Wikipedia (im Besonderen) stellt sich daher zunächst die Frage der Mitgliedschaft. <span id="more-612"></span>Eine Rollenspezifikation als „Autor“ erlaubt eine niedrigschwellige Partizipation und damit die Mitgliedschaft in der Organisation qua Eintritt. Nur schwer sind einfachere Bedingungen vorstellbar, um die Grenze in Richtung Mitgliedschaft zu kreuzen; sie markiert die Innenseite der Form und ist in genau dieser Niedrigschwelligkeit von der Organisation festgelegt worden &#8211; sie ist ihr kleinster uns größter Nenner zugleich.</p>
<p>Damit ist noch keine Aussage über die Prämissen getroffen, die den Bereich der potentiellen  Kommunikation (in Form von Entscheidungen) in qualitativer Hinsicht strukturieren. Neben der Rollenspezifikation dient ein Rückgriff auf Programme, entlang derer die Entscheidungen formatiert werden, der Einschränkung von Kommunikationsoptionen – man schreibt schließlich gemeinsam an der „freien Enzyklopädie“ (oder am Wissen der Welt in 6/26/600 Bänden, aber nicht an einem Reiseführer für die Bielefelder Unterwelt). Was bedeutet die rezente Kontroverse der Wikipedia, die entlang einer Differenz von Relevanz/Irrelvanz prozessiert wird und paradigmatisch im Streit zwischen „Inklusionisten“ und „Exklusionisten“ eine frühe Form fand? Der Einfachheit halber sei Relevanz hier nominalistisch auf Informationswerte reduziert, mit Gregory Bateson also auf Unterschiede, die einen Unterschied machen.¹ Um die Einheit der Differenz zu beobachten, ist eine Beobachtung zweiter Ordnung nötig, gegebenenfalls sogar eine eigene Reflexionstheorie.</p>
<p><strong>Funktionssystem &amp; Science Fiction.</strong></p>
<p>Kein Funktionssystem kann auf (eine) Organisation reduziert werden. Es stellt sich also die noch grundsätzlichere Frage: Zu welchem ausdifferenzierten System gehören die Kommunikationen der Wikipedia? Mutmaßlich ist die Wikipedia dem System der Massenmedien zuzuordnen. Der grundsätzliche Code Information/Nicht-Information strukturiert die Elemente der Kommunikation und seligiert so die eigenen Operationen² &#8211; neben idiosynkratischen Relevanzzumutungen (die obendrein in der Regel zu konfligieren scheinen) geschieht das bislang ausschließlich in quantitativer Hinsicht.</p>
<p>Nun zu meiner Vermutung: Wir haben es nicht mit der Ausdifferenzierung eines neuen Funktionssystems zu tun.³ Und auch den zentralen Code können wir bis auf weiteres unangetastet lassen. Aber mit dem Aufkommen des Computers und des Internets als neuen Hauptverbreitungsmedien ist die Gesellschaft mit Überschusssinn konfrontiert, auf den sie in der einen oder anderen Weise zu reagieren lernen wird. Erste Anzeichen beobachten wir auf Ebene der Organisation, deren klassisch-hierarchischer Aufbau schon seit geraumer Zeit nicht mehr angemessen erscheint; dies gilt dann insbesondere auch für die Administration der (deutschsprachigen) Wikipedia, die unter dem Deckmantel der Selbstverwaltung an hierarchisierter Autorität festhält und damit ein Zentrum und die Möglichkeit von Steuerung suggeriert – was aber geschieht, wenn alle Mitglieder zugleich handeln?</p>
<p>Möglicherweise, aber das bleibt Spekulation, sind wir Zeuge der internen Neustrukturierung der Organisation. Für die Massenmedien beschreibt Stefan diesen Vorgang als eine <a href="http://sozialtheoristen.de/2009/10/22/relevanz-als-symbolisch-generalisiertes-kommunikationsmedium/">Nivellierung von Zentrum und Peripherie</a> (bzw. Autor/Leser).⁴ Radikaler formuliert: Entscheidende Bedeutung erlangt eine zunehmende Zurechnung der Kommunikation auf die Kommunikation.⁵ Diese Entscheidung kann Bedeutung auf Programmebene erlangen. Wir sollten den Gedanken im Hinterkopf behalten, dass die Wikipedia hier nur exemplarisch gewählt worden ist und es auch darüber hinaus an Sinnzumutungen nicht mangelt: Alles ist potentiell relevant und gleichzeitig mehr denn je verfügbar. Die Synchronisation von Sinn als Hintergrundrealität ist und bleibt Funktion der Massenmedien (und die Möglichkeit ihrer Transformation in Zahlungen Motivation für die anhaltende Forschung an neuen Suchmaschinen). Die Frage nach Qualität und Etablierung der Normalisierung von Information ohne Zurechnung auf Autoren, also Personen &#8211; und ihre Reputation, bleibt offen. Ebenso Fragen nach der Qualität von Nicht-Wissen. Am Horizont: Das Ende der Buchdruckgesellschaft.</p>
<hr /><strong>Anmerkungen.</strong></p>
<p>¹ Damit ist zunächst jeder Eintrag relevant, sei es beispielsweise für den Verfasser oder auch den Betreiber des Servers, der wieder ein paar Bytes mehr zu verwalten hat. Streng genommen übrigens auch Artikel zu willkürlichen Zeichenfolgen.</p>
<p>² Grundsätzlich wäre auch eine Orientierung anhand der Unterscheidung wahr/nicht-wahr denkbar. Die genaue Positionierung der Wikipedia zwischen Wissenschaft und Massenmedien mit Blick auf ihre Funktion der Erzeugung von Realität wäre eine eigene Behandlung wert;  intuitiv ist ein Medium analog zur öffentlichen Meinung als Kopplung von Massenmedien und Politik denkbar: „Populärwissenschaft“ als Kopplung von Wissenschaft und Massenmedien (insbesondere, nachdem die Rolle des Intellektuellen mehr und mehr als antiquiert zu gelten hat)? Wir sehen hier der Einfachheit halber von der Möglichkeit wissenschaftlicher Forschung im Rahmen der Wikipedia ab und beschränken ihre Funktion auf die Kommunikation von Information.</p>
<p>³ Was allerdings generell in Anbetracht ungewisser Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann.</p>
<p>⁴ <a href="http://sozialtheoristen.de/2009/10/23/zum-umbau-des-systems-der-massenmedien/">Enno merkt kritisch an</a>, ein qualitativer Unterschied bestehe auch weiterhin. Dem ist nicht zu widersprechen, mit Blick auf die Funktion des Mikrobloggingdienstes Twitter während der Wirren nach der iranischen Präsidentschaftswahl und der vergleichsweise sorglosen Adaption von Informationen durch europäische „Qualitätsmedien“ aber zumindest ein Fragezeichen hinzuzufügen.</p>
<p>⁵ So kann die Autorenschaft eines Artikels bereits heute beispielsweise auf IP-Adressen statt auf Personen zugerechnet werden. Eine Abstraktionsleistung, die die Konstruktion organisationsinterner Lebensläufe zur Qualifikation für Leitungsposten (z.B. Administration) erschwert und somit Idiosynkrasien vorbeugen kann; auch die von Enno beschriebene <a href="http://carta.info/16739/stat-monkey-journalismus-computer-automatisierung/">Automatisierung von Berichterstattung</a> scheint mir auf diesen Punkt, die Abstraktion vom Autoren, hinauszulaufen. Und damit in die Nähe des Diktums  Niklas Luhmanns zu rücken, dass in der Wissenschaft der Gesellschaft, Seite 11, Fußnote 1 zu finden ist: Mittelalterliche Textgepflogenheiten, die das Buch selbst wie einen Autor sprechen lassen, haben den Buchdruck nicht überlebt [Luhmann scheint hier vor allem die Kopisten in den klösterlichen Scriptorien im Sinn zu haben, S.P.]. Es wäre nicht ganz abwegig, sie wiederaufzugreifen, denn schließlich stammt, jedenfalls wo es »wissenschaftlich« zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst.”</p>
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		</item>
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		<title>Zum fehlenden externen Selektionsmechanismus der Wikipedia</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2009/10/20/zum-fehlenden-externen-selektionsmechanismus-der-wikipedia/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Oct 2009 08:41:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Entscheidung]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe_Stefan]]></category>
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		<description><![CDATA[Rund um die deutsche Wikipedia gibt es gegenwärtig Aufruhr, da einige Admins (Wikipedia-Leute) Texte von Autoren (Welt-Leute) löschen und dies mit ihrem Katalog für Relevanzkriterien begründen. Die Wikipedia ist ein besonderes Projekt. Sie ist, in erster Linie, eine Organisation und folgt somit klaren Regeln in Bezug auf: Wer darf was und wer darf nicht. In diesem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rund um die deutsche Wikipedia gibt es gegenwärtig <a href="http://blog.fefe.de/?q=wikipedia">Aufruhr</a>, da einige Admins (Wikipedia-Leute) Texte von Autoren (Welt-Leute) löschen und dies mit ihrem Katalog für Relevanzkriterien begründen.</em></p>
<p>Die Wikipedia ist ein besonderes Projekt. Sie ist, in erster Linie, eine Organisation und folgt somit klaren Regeln in Bezug auf: Wer darf was und wer darf nicht. In diesem Sinne ist sie eine gewöhnliche Organisation. Sie verfügt über Verfahren durch die geregelt wird, wer zu den Entscheidern gehört und was und wie entschieden wird.</p>
<p><span id="more-561"></span>In einem anderen Punkt ist sie jedoch absolut einzigartig. Sie ist für viele Nicht-Wikipedianer die erste und für noch mehr die einzige Anlaufstelle beim Suchen und Aufschreiben enzyklopädisch dargebotenen Wissens im Internet.</p>
<p>Und an dieser Stelle treffen zwei Prinzipien aufeinander. Auf der einen Seite steht die geschlossene Organisation die, selbstverständlich, wie jede andere Organisation, selbst über ihren Fortbestand entscheidet. Auf der anderen Seite hat sie es hauptsächlich mit Nicht-Wikipedianern zu tun.</p>
<p>Dieser Zwiespalt manifestiert sich in der Frage: Wie relevant ist die Welt eigentlich für die Organisation Wikipedia? Und es betrifft nicht nur die Mitglieder der Organisation, sondern auch ihre Themen. Die Wikipedia berichtet nicht über sich selbst, sondern gerade über die Nicht-Wikipedia-Welt. Sie entscheidet jedoch nur intern, welcher Weltausschnitt für sie relevant ist und welcher nicht.</p>
<p>Eine derartige Themen-Relevanz-Problemstellung haben beispielsweise auch politische Parteien. Auch sie entscheiden intern, was sie für wichtig halten und was nicht. Ähnlich Unternehmen, sie entscheiden, welche Forschungsergebnisse sie für wichtig halten, um sie in Produkte umzusetzen. Ähnlich Zeitungen, in denen die Redaktionen entscheiden, was ins Blatt kommt oder nicht.</p>
<p>All diese Organisationen entscheiden selbst, was relevant ist und was nicht. Allerdings: Der Selektionsmechanismus ist ein externer. Eine Partei, die sich thematisch verschätzt, wird abgewählt. Ein Unternehmen, das sich vertut, findet keine Käufer. Eine Zeitung, die Fehlentscheidungen trifft wird entweder nicht gelesen oder gänzlich ignoriert. Die Selektionsmechanismen operieren im Markt, im Wählerpublikum, in der Medienlandschaft &#8211; die Organisationen sind diesen Mechanismen ausgeliefert.</p>
<p>Der Wikipedia fehlt solch ein Selektionsmechanismus. Wikipedianer entscheiden, was relevant ist und was nicht &#8211; und es gibt keine Rückversicherung, die diese Entscheidungen bestätigt oder nicht. Man kann nun darüber streiten, ob eher die <a href="http://aggregat7.ath.cx/2009/10/19/99-aller-deutschen-sind-irrelevant">Inkludisten oder die Exkludisten</a> (beides Wikipedianer) die Vorherrschaft erhalten sollten &#8211; oder aber, ob man nicht versucht, einen externen Selektionsmechanismus zu finden.</p>
<p>Warum darf man als Leser nicht darüber abstimmen, ob man einzelne Beiträge für gut und informativ findet oder nicht. (Dieses Prinzip gibt&#8217;s beispielsweise bei Amazon- oder iTunes- und YouTube-Kommentaren). Warum findet sich kein wikipediaexternes Gremium, dem strittige Artikel, bspw. alle zwei Monate vorgelegt werden? (An Engagement und Zeit mangelt es nicht.) Warum werden strittige Artikel gelöscht, statt als solche markiert. (Siehe verlinkter Text)</p>
<p>Ein Projekt wie die Wikipedia zeigt, dass es keinen statischen Prinzipienkatalog geben darf, der eisern durchgepeitscht wird. Die Grenzen zwischen Wikipedia und Welt sind zu unflexibel. Und die Gefahr besteht: die plötzliche Irrelevanz des gesamten Projekts. Während die SPD und Microsoft ganz langsam sterben und es letztlich keinen mehr überrascht, weil alle zusehen konnten, wie diesen Organisationen ihre Relevanz allmählich von außen wegselegiert wurde &#8211; kann das Ende der Wikipedia sehr abrupt kommen. (Auch hier noch mal der Hinweis, auf den schon oben verlinkten <a href="http://aggregat7.ath.cx/2009/10/19/99-aller-deutschen-sind-irrelevant">Text</a>.)</p>
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		<title>Sprechstundenproblemchen</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2009/01/13/sprechstundenproblemchen/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Jan 2009 19:33:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Programmierung]]></category>
		<category><![CDATA[Routine]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechstunde]]></category>
		<category><![CDATA[Takt]]></category>

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		<description><![CDATA[Warum gehen viele Menschen eigentlich so ungerne in Sprechstunden? Sei es die Konsultation eines Arztes, der Besuch beim Bürgeramt oder die die Beratung beim Professor, alle Situationen haben eins gemein: Sie sind unbefriedigend. Und zwar für beide Seiten, für denjenigen der die Sprechstunde anbietet und für die Person, die in die Sprechstunde kommt. Der Grund [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Warum gehen viele Menschen eigentlich so ungerne in Sprechstunden? Sei es die Konsultation eines Arztes, der Besuch beim Bürgeramt oder die die Beratung beim Professor, alle Situationen haben eins gemein: Sie sind unbefriedigend. Und zwar für beide Seiten, für denjenigen der die Sprechstunde anbietet und für die Person, die in die Sprechstunde kommt. Der Grund für die unbefriedigende Situation liegt darin, dass hier Routine die Interaktion einseitig determiniert und damit stört. Warum nur kann man sich damit nicht abfinden?<span id="more-379"></span></p>
<p>Das Beispiel der Sprechstunde, die ein Professor seinen Studierenden anbietet, um ihre Hausarbeiten zu besprechen oder in Prüfungsfragen zu beraten, wird das Beispiel sein, um der Antwort auf die obige Frage nachzugehen.</p>
<h3>Routinehandlung</h3>
<p>Für den Professor, als Mitglied der Organisation Universität, ist seine Sprechstunde und die Beratungsleistung eine Routinehandlung. Die Verwaltung von Studierenden und ihren Angelegenheiten ist nicht nur eine sich wiederholende Aufgabe, sondern im systemtheoretischen Sinne eine in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auftauchende Umweltinformation, die nach Gesichtspunkten konditional programmierter Vorgaben der Universität bearbeitet werden muss. Dass heißt für den Professor, dass er immer dann, wenn Beratungsbedarf Seitens der Studierenden angemeldet wird, einen Sprechstundentermin anbieten muss, in dem er studienrelevante Themen mit den Studierenden diskutiert. Vor der Interaktion ist bereits entschieden, wer teilnimmt, auf welche eng umfassten Themengebiete man sich beschränken muss und in welchem Zeitrahmen das Ganze über die Bühne gebracht werden muss. Für viele alltägliche Interaktionen sind diese Einschränkungen (vor der eigentlichen Interktion!) untypisch. Warum?</p>
<h3>Ansprüche an Interaktion: Takt</h3>
<p>Alltägliche Interaktionen (und damit sind solche gemeint, die keinen direkten Einfluss von organisationalen Zumutungen aufweisen) müssen taktvoll gestaltet werden. Das bedeutet vor allem, die Darstellungen des Gegenüber zu stützen, zu respektieren und auch über Situationen hinwegzuschauen, in denen offensichtlich ist, dass es sich um eine Darstellung handelt. Den anderen seine Rolle spielen zu lassen und auf dieser Grundlage seine eigene Darstellung inszenieren zu können, ohne dabei der Gefahr ausgesetzt zu sein, in das offene Messer der Demaskierung laufen zu müssen, nennt man gemeinhin taktvollen Umgang.</p>
<p>Solch alltäglich Interaktionen leben in der Regel mit sehr wenigen Einschränkungen in sozialer, sachlicher und zeitlicher Dimension. Vielmehr werden die Grenzen der Interaktion in ihr selbst ausgehandelt, wobei maßgeblich auf die Darstellungsbedürfnisse der Beteiligten zu achten ist, sofern einem an einem taktvollem Umgang gelegen ist. Und genau diese Freiheit ist in der Sprechstunden-Situation unmöglich, weil in ihr die Grenzen bereits im Vorfeld durch die Routineprogramme der determinierenden Organisation gesetzt wurden.</p>
<h3>Taktunfähigkeit der Routine</h3>
<p>Der Student, der sein Anliegen beim Professor vortragen möchte, ist in der Wahl der Themen soweit eingeschränkt, dass er ohne Umschweife auf das Ziel hin losreden muss. Das ist unangehm, weil keine Zeit bleibt, sein inhaltliches Anliegen in entsprechende Ausführungen zu kleiden und darüber sein Gegenüber am eigenen Aufbau der Rolle und einem Verhalten zum Anliegen zu unterstützen. Ohne seine Ausführungen auf sachlicher Ebene einleiten zu können, gibt man sich darüber hinaus auf der Sozialdimension in die Gefahr der formalen Ablehnung, indem sich der Professor gar nicht erst auf persönlicher Ebene in die Interaktion begibt, sondern lediglich als Organisationsmitglied auftritt und jegliche persönliche Rollenbeziehung in der Interaktion vermeidet. Diese potentielle Gefahr der persönlichen Blöße ist faktisch ein Hemmnis, das jede Sprechstunden-Interaktion mit sich bringt. Problematisch ist in Sprechstunden darüber hinaus das starre Zeitbudget, das garantiert verhindert, dass eine Interaktion, die trotz enormer Hürden, einmal angelaufen ist, auch zu einem taktvollen Ende geführt werden könnte. Darauf kann in der Regel keine Rücksicht genommen werden, wartet doch meist schon der nächste Kunde vor der Tür.</p>
<p>Für den Professor sieht es indes nicht besser aus. Steht er doch vor dem gleichen Problem der vorher festgelegten Begrenzung der Interaktion auf sozialer, sachlicher und zeitlicher Dimension. Für ihn liegen die Gefahren der Interaktion allerdings noch zusätzlich in zwei Bereichen, die hier kurz genannt werden müssen. Zum einen wird sein Beitrag zur Inteaktion nicht auf ihn persönlich, sondern auf das Routineprogramm der Organisation zugerechnet. Er ist schließlich nicht freiwillig da, sondern weil er dafür bezahlt wird. Er hat auf jeden Fall schlechte Karten, um persönlich zu glänzen. Zum anderen gilt er als der Statushöhere, weshalb ihm die Verantwortung für persönliche Initiative obliegt. Das allerdings ist riskant, weil er damit aus der Rolle des Routineprogramms hinaus fällt und sich auf verschiedene Weise angreifbar macht. So ist nicht nur der Professor gefürchtet, der sich bei jungen, attraktiven Studierendinnen besonders persönlich engagiert zeigt, sondern auch derjenige Professor, der soviel damit beschäftigt ist, seine Routine-Rolle abzulegen, dass er seinen ursprünglich geforderten Beratungsleistungen nicht mehr nachkommen kann.</p>
<p>Für beide Seiten, die Studierenden und den Professor ließen sich sicherlich noch einige Beschränkungen und Risiken thematisieren. Es wundert unter diesen Prämissen allerdings nicht, dass Studierende und Professoren wechselseitig übereinander kaum gute Worte verlieren. Die Interaktion ist schließlich programmatisch unbefriedigend.</p>
<h3>Lösungen? Keine.</h3>
<p>Mal davon abgesehen, dass die wechselseitigen Lästereien bereits eine Lösung des Problems darstellen, was zumindest die emotionale Augeglichenheit der Beteiligten angeht, muss darüber hinaus eingesehen werden, dass man wohl mit solchen unbefriedigenden Situationen leben muss. Denn zu starkes persönliches Engagement in routineprogrammierten Interaktionen riskiert die Demaskierung der eigenen Darstellung. Diese Taktlosigkeit ist durch den formalen Anklang der Interaktion nämlich gedeckt und muss weder gerechtfertigt noch verantwortet werden. Bliebe noch, an die Beteiligten zu appellieren, ihre Ansprüche an die Interaktion zu mäßigen und auf die Routine-Handlung der Organisation hin auszurichten und sich von einer unbefriedigenden, weil taktlosen Interaktion nicht enttäuschen zu lassen. Für das Mitglied der Organisation könnte man qua Entlohnung oder Ähnlichem einen Ausgleich anbieten, für das Publikum aber nicht. Es wird weiterhin ungerne die Sprechstunde aufsuchen. Und diejenigen, die die Sprechstunde anbieten, werden das wissen und sich entsprechend darauf einstellen. Lösungen gibt es allerdings keine.</p>
<p>Dazu lesenswert: Niklas Luhmann, Lob der Routine</p>
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		</item>
		<item>
		<title>&#8220;We teach the World&#8221;</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/11/19/we-teach-the-world/</link>
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		<pubDate>Wed, 19 Nov 2008 19:56:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Beratung]]></category>
		<category><![CDATA[Coaching]]></category>
		<category><![CDATA[Führung]]></category>
		<category><![CDATA[lebenslanges Lernen]]></category>

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		<description><![CDATA[Da wir es hier gerade aktuell haben: Wissensgesellschaft, lebenslanges Lernen, pipapo. Es fällt nicht leicht von den Vorstellungen abzulassen, dass wir alle „Arbeitskraftunernehmer&#8221; sind, geworfen in eine Welt voller Veränderung, die persönliches Engegament und Zukunftsoffenheit von uns einfordert. Besonders geübt in der Darstellung solcher Weltanschauungen sind Coaches. Ziemlich neu rennen sie seit ca. 20 Jahren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da wir es hier gerade aktuell haben: Wissensgesellschaft, lebenslanges Lernen, pipapo. Es fällt nicht leicht von den Vorstellungen abzulassen, dass wir alle „Arbeitskraftunernehmer&#8221; sind, geworfen in eine Welt voller Veränderung, die persönliches Engegament und Zukunftsoffenheit von uns einfordert.</p>
<p>Besonders geübt in der Darstellung solcher Weltanschauungen sind Coaches. Ziemlich neu rennen sie seit ca. 20 Jahren von Organisation zu Organisation und belehren die Mitglieder über die Probleme der Moderne und ihre Angebote von angemessenen Lösungen.</p>
<p><span id="more-309"></span>Bildung und Fortbildungen im Sinne von Seminaren und Kursen gibt es im Vergleich zum personenzentrierten Beraten, was Coaches auf ihre Fahnen geschrieben haben, schon so lange wie Unternehmen. Neue Entwicklungen in Technik und Organisation müssen natürlich angepasst werden. Alle Mitglieder erhalten Informationsmaterial oder werden in Seminare eingeladen. Richtig ersichtlich ist die Notwendigkeit personenzentrierter Coacherei daher nicht.</p>
<p>Wazu also Coaches? Sollte man den Selbstbeschreibungen trauen? Sollte man ihr Geschwafel überhaupt in Erwägung ziehen, um eine Erklärung zu finden, weshalb Coaching nicht nur Einzug fand, sondern regelrächt boomt?</p>
<p>Unabhänig davon was Coaches sagen, hier ein paar Funktionen und Folgen von personenzentrierter Beratung in Organisationen:</p>
<ul>
<li> Durch den Leistungskatalog der Coaches werden Organisationen durch und durch psychologiesiert. Jegliches Problem lässt sich als ein psychologisches Betrachten und entsprechend Therapieren.</li>
<li> Durch die Psychologisierung wird die Rest-Organisation ausgeblendet. Programm und Kommunikationswege der Organisation spielen beim Coaching keine Rolle. Allein die Personen sind für Coaches von Belang. Alle Probleme, auch in Organisationen, deren Beschreibung als „Bürokratiehölle&#8221; legendär ist, sind daher Führungsprobleme.</li>
<li> Organisationen die Probleme personalisieren, entlasten durch diese Problemzurechnung ihre eigene Struktur.</li>
<li> Das gelingt ihnen besonders gut, da sie beim Coaching auf die Vertraulichkeit verweisen können.</li>
</ul>
<p>Der Mechanismus: (1) Coaches bieten Problemlösungen an, (2) Organisationen wird es ermöglicht, ihre Probleme zu benennen (da nicht sie die Lösung finden müssen, sondern der Coach das regelt), sie müssen aber personalisierbar sein. (3) Organisationen und Coaches vereinbaren ein Coaching, ein Mitglied der Organisation wird ins Coaching entsandt. Er befindet sich nun in einem „Exil&#8221;, er selbst muss nun mit dem Coach eine Lösung für das benannte Problem finden, (4) Der Coachee kommt zurück in die Organisation und muss die Lösung prässentieren. Falls die Organisation mit dem Ergebnis des Coachings nicht zufrieden ist, kann sie darauf verweisen, dass sie eine Lösungsstrategie (das Coaching) gewählt hatte, gleichzeitig kann sie sich aber von jeglicher Verantwortung befreien, schließlich fand das Coaching vertraulich statt, die Organisation durfte sich also gar nicht einmischen.</p>
<p>So einfach ist es mittlerweile ein Bauernopfer zu kreieren. Es gibt bekannte Fälle in denen Firmen ganz offen sagen: „Wer mit seiner Führungsrolle nicht klarkommt, bekommt von uns Coaching finanziert. Falls das auch nach dem zweiten Mal nicht klappt, müssen wir uns von dem Mitarbeiter trennen&#8221;. Misere komplett.</p>
<p>Eine ausführliche soziologische Studie zu diesem Thema, geschrieben von Christian Gediga und mir, findet sich <a href="http://coaching-funktionen.de/">hier</a>.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Planwirtschaft reloaded</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/11/18/planwirtschaft-reloaded/</link>
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		<pubDate>Tue, 18 Nov 2008 17:14:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Dynamik]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Lernen]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Planwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>
		<category><![CDATA[Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Wissen]]></category>

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		<description><![CDATA[Durch Innovationsbemühungen vorwärts in die Vergangenheit? Die Planwirtschaft ist wieder auf dem Vormarsch. Fast jeder wird dies im Alltag beobachten können. Und um Missverständnisse auszuräumen, sei vorweg gesagt, worum es nicht geht: Die Planwirtschaft wird den Kapitalismus nach der Bankenkrise nicht ersetzen. Auch wenn sich einige dies wünschen mögen, gibt es die Planwirtschaft nicht zurück (es sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Durch Innovationsbemühungen vorwärts in die Vergangenheit?</strong></p>
<p>Die Planwirtschaft ist wieder auf dem Vormarsch. Fast jeder wird dies im Alltag beobachten können. Und um Missverständnisse auszuräumen, sei vorweg gesagt, worum es <em>nicht</em> geht: Die Planwirtschaft wird den Kapitalismus nach der <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/10/vertrauenskrise-die-45-billionen-dollar-luge/">Bankenkrise</a> nicht ersetzen. Auch wenn sich <a href="http://www.20min.ch/news/ausland/story/Ostdeutsche-wuenschen-sich-die-Planwirtschaft-zurueck-30709803">einige dies wünschen</a> mögen, gibt es die Planwirtschaft nicht zurück (es sind halt die Leser der <a href="http://www.sueddeutsche.de/,tt8m1/kultur/614/312528/text/">SuperIllu</a>&#8230;). Und doch finden sich unmissverständliche Anzeichen für den Rückkehr der Planwirtschaft. Der Wandel vollzieht sich allerdings nicht im politischen System, sondern vielmehr auf allgemeiner organisationaler Ebene und ist eng mit den Stichworten Qualitätssicherung, Zielvereinbarung, leistungsbezogene Vergütung, Evaluation und Reform verbunden. Es sieht ganz danach aus, als ob die Planwirtschaft auf organisationaler Ebene eine Renaissance erlebt, die abseits intendierter Ziele ganz praktisch realisiert wird. Wie konnte es dazu kommen?</p>
<p><span id="more-304"></span></p>
<p>Machen wir also einen kleinen Ausflug in die blumige Semantik-Welt der Berater, Coaches und Innovatoren, die den Organisationen solange eingeredet haben, dass wir in einer <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/11/14/zur-dynamik-der-wissensgesellschaft/">dynamischen Wissensgesellschaft</a> leben, dass sie diesen Mythos mittlerweile selbst glauben. Es klingt ja auch allzu verlockend:</p>
<blockquote><p>Die Leitbildentwicklung stärkt die Identität der Organisation und die Identifikation der Beschäftigten. Die Auseinandersetzung mit der Definition gelungenen Lernens bewirkt eine Zunahme der pädagogischen Professionalität. Die Bildungsarbeit orientiert sich stärker an den Bedürfnissen der Lernenden. Die Evaluation führt zum Erkennen von Entwicklungspotenzialen und neuen Chancen. Die genaue Definition von Prozessen und Arbeitsabläufen strafft und systematisiert die Ablauforganisation. Die Klärung und Definition von Schnittstellen und Verantwortlichkeiten in der Organisation schafft Transparenz und erleichtert die Arbeit. Der Überblick über die verschiedenen Arbeitsbereiche systematisiert und verbessert die Zusammenarbeit. Durch eindeutige Ziele kann die Organisation sicher gesteuert werden. Teilschritte der Zielerreichung können kontrolliert und Erfolge können bewertet werden. Durch ein bewusstes Marketing der Qualität wird die Außendarstellung der Organisation verbessert. Die Führung der Organisation orientiert sich an gemeinsamen Grundsätzen.<br />
Die Beteiligung der Beschäftigten an der Qualitätsentwicklung fördert die Selbstreflexion und lässt die Wertigkeit der eigenen Arbeit erkennen. Die gesamte Organisation richtet ihre Arbeit strukturell an den Interessen ihrer Kunden aus.</p>
<p>(<a href="http://www.artset-lqw.de/cms/index.php?id=lqw-verfahren">Quelle</a>, hier finden sich noch weitere Textgattungen der Kategorie &#8220;Begriffsmüll&#8221;)</p></blockquote>
<p><strong>Vorwärts immer, rückwärts nimmer!</strong></p>
<p>Nach einer Vielzahl von Reformen sind die Organisationen verunsichert, weil sie ihre eigene Geschichte vergessen haben und sind daher den &#8220;Erfolgsrezepten&#8221; der Wunderheiler hoffnungslos ausgeliefert. Sie wissen es ja schleißlich nicht mehr besser. So glauben sie tatsächlich an den Berater-Sprech, so wie Kinder glauben, dass man durch Nutella zum Nationalspieler wird. Auch Kinder wissen es nicht besser. Allerdings werden sie es noch lernen, wobei &#8220;lernende Organisationen&#8221; verlernt haben zu erinnern und daher nicht mehr lernen, sondern nur noch reformieren, Innovationen hinterherhecheln und Qualität sicherstellen. Der Zyklus von Innvationen und neuen Konzepten, mit denen sich Organisationen, die aus Sicht der Berater &#8220;modern&#8221; agieren, auseinandersetzen müssen, wird immer geringer, das Vergessen immer größer. Für Lernen bleibt einfach keine Zeit mehr, so schnell ist ein neues Konzept (oder wie die meisten Berater ehrlicher formulieren: Produkt) am Markt, das eingeführt werden muss. So kann aus vorangegangenen Innovationen nichts gelernt werden, weil die Zeit fehlt, die Wirkungen im Sinne systemrationaler Zurechnungen auf die Ursachen der Reform zurückzuführen. Innovative Organisationen werden nicht nur vergesslich, sondern gedächtnislos.</p>
<p><strong>Lieber hundertmal mit der Partei irren als sich einmal gegen die Partei stellen.</strong></p>
<p>Warum nun aber Planwirtschaft? Im Diskurs der Berater findet sich zwar immer eine Welt, die schneller und dynamischer wird, in der es flexibel zu handeln gilt, jedoch ist das Resultat einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4tssicherung">Qualitätssicherung</a> und einer Zielvereinbarung in der Regel ein recht starres, unbewegliches Konstrukt: ein Plan. Es werden Pläne geschmiedet, für die Organisation als ganze, mit Zielen, die es zu erreichen gilt und wie sie nach Innen und Außen zu vertreten sind, aber auch für den Einzelnen, was er zu leisten hat, wie er dort ankommt und was diese Erträge für die Organisation bedeuten. So arbeitet jedes Einzelteil und die gesamte Organisation nach einem fixen, starren Plan und hat Glück, wenn sie am Ende des Zeitrahmens mit Übererfüllung dastehen. Ob die Produkte dann noch Abnehmer finden, ist ein anderes Problem. Der Plan hat sich bis dahin ja schon verselbstständigt. Es ist nunmal so, dass jede noch so innovative, bürokratiefeindliche und rationale Reform dazu führt, dass sie den Mitarbeitern verständlich gemacht werden muss. Für eine Evaluation muss geschult, diskutiert, dokumentiert, ausgewertet, diskutiert, präsentiert, usw. usf. werden. Das kostet Ressourcen, die mit produktiver Arbeit wenig gemein haben. Zielvereinbarungen müssen getroffen, kontrolliert, bewertet, festgestellt, vergütet werden. Das hat mit produktiver Arbeit nichts zu tun. Übrigens müssen Mitarbeiter auch darin geschult werden, dass sie nun nach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zielvereinbarung">Zielvereinbarungen</a> arbeiten. Da gehen locker zwei Tage einer ganzen Abteilung drauf. Eine Einführung in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/TV%C3%B6D#Leistungbezogene_Verg.C3.BCtung">leistungsbezogene Vergütung im TVOED</a> dauert kaum weniger lang. Dann gäbe es da noch Familienschutz, Umweltbewusstsein, Qualitätszirkel usw. usf. Und wer so viel Aufwand für einen Plan betreibt, der muss auch an ihn glauben. Ansonsten müsste jeder vernünftig denkende Arbeitnehmer gegen die Umsetzung und Einführung protestieren. Da die Organisation aber über kein Gedächtnis mehr verfügt, kann sie nicht zu dem Schluss kommen, dass sie sich zunehmend mit sich selbst beschäftigt. So gibt es keinen Raum, in der sich berechtigte Kritik Gehör veschaffen kann. Und alle machen mit.</p>
<p><strong>Macht kaputt, was euch kaputt macht!</strong></p>
<p>Es kommen Zweifel bei den Beteiligten auf. Und es liegt nahe, zu überlegen, ob es eine Chance gibt, dass Organisationen aus dem Reformkreislaufs des Teufels aussteigt und endlich anfängt zu lernen. Auch die Berater-Industrie wird vorsichtig und schmückt sich mit vermeintlich <a href="http://www.coachplus.de/zielvereinbarungen/zielvereinbarungen.html">kritischen Ansätzen</a>. Dabei warnt sie, dass man vieles falsch verstehen kann. Aus der Kritik folgt allerdings nicht, dass man Reformen gleich ganz sein lassen kann, sondern dass man es erst richtig versuchen müsse. Geschickt machen sie dem Süchtigen klar, dass er beim Konsum von Drogen viel falsch machen kann und bei falscher Anwendung letztlich selber Schuld sei und dann beim nächsten Schuss besser auf eine qualitativ hochwertige (meint: teurere) Ware zurückgreifen muss. Organisationale Planwirtschaft ist ein verhängnisvolles Spiel, das viele Organisationen mit dem Leben bezahlen müssen. Das ist tragisch, aber für die Planwirtschaft nun einmal üblich.</p>
<p><strong>Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. </strong></p>
<p>Hinzu kommt noch, dass Kritiker einen Schattenkampf aufführen müssen, weil sich die organisationale Planwirtschaft in einem Punkt von ihrem politischen Vorbild unterscheidet: Wurden im Realsozialismus die Pläne zentral bestimmt und verwaltet, weshalb auch von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Planwirtschaft">Zentralverwaltungswirtschaft</a> gesprochen wird, so wird im Organisationmodell mit einer Vielzahl dezentraler Pläne gearbeitet, was euphemistisch &#8220;Mitarbeiter-Partizipation&#8221; genannt wird. Das führt dazu, dass Kritiker quasi mundtot gemacht werden, da es keinen zentralen Angriffspunkt mehr gibt. Insbesondere Gewerkschafter, die hier eine kritische Rolle einnehmen könnten, werden zur Untätigkeit verdammt, da sie erstens selbst an den Plänen beteiligt sind und zweitens ihr eigenes Klientel für die Konstruktion der Pläne verantwortlich machen müssten. So marschiert die planwirtschaftlich strukturierte Organisation zwangsläufig sehenden Auges, aber manovrierunfähig in ihr eigenes Verderben. So wie der Realsozialismus das vorgelebt (-oder gestorben) hat.</p>
<p><a href="http://www.20min.ch/news/ausland/story/Ostdeutsche-wuenschen-sich-die-Planwirtschaft-zurueck-30709803"></a></p>
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		<title>Google ist nicht subjektiv</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jul 2008 20:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Organisation]]></category>
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		<category><![CDATA[Konstruktion]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>

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		<description><![CDATA[Fast jeder Internetnutzer kennt die Google-Suche und die meisten benutzen sie auch. In Deutschland hat der Konzern bei der Internetsuche so einen großen Marktanteil (rechts unten &#8220;Suchmaschinen&#8221; auswählen), dass man getrost von einem Monopol sprechen kann. Monopole sind nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht bedenklich. Denn Google&#8217;s Suchergebnisse sind in der Regel das Tor zu bisher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fast jeder Internetnutzer kennt die Google-Suche und die meisten benutzen sie auch. In Deutschland hat der Konzern bei der Internetsuche so einen <a href="http://www.webhits.de/deutsch/index.shtml?webstats.html">großen Marktanteil</a> (rechts unten &#8220;Suchmaschinen&#8221; auswählen), dass man getrost von einem Monopol sprechen kann. Monopole sind nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht bedenklich. Denn Google&#8217;s Suchergebnisse sind in der Regel das Tor zu bisher unbekannten Informationen aus dem Internet. Und der Türsteher bestimmt bekanntlich, wer rein kommt und wer vor der Tür abgewiesen wird. Das Bild des <a href="http://talkpress.de/artikel/google-schwingt-die-grosse-keule-gegen-gehackte-blogs">Türstehers</a> in Verbindung mit Google ist geläufig, aber bei genauerer Betrachtung nicht treffend. Denn es ist ja so, dass Google niemanden abweist, der auf der Suche nach Informationen ist. Google hat es jedoch in der Hand, <em>welche</em> Informationen es sind, die auch angezeigt werden. Die Suche übernimmt daher eher die Aufgabe eines Partnervermittlers und bestimmt, wer dem Suchenden als erstes und wer als ihm als letztes vorgeschlagen wird. Und statistische Auswertungen zeigen, dass die erste Empfehlung auch diejenige ist, die am häufigsten angenommen wird. Wer nicht unter den ersten 10 Suchtreffern zu finden ist, der führt ein Leben zweiter Klasse. Aber der Weltmarktführer hat beim Sortieren der Informationen keine bösen Absichten. <a href="http://investor.google.com/conduct.html">&#8220;Don&#8217;t be evil&#8221;</a> schreibt sich Google selbst auf die Fahnen. Kritische, ängstliche oder unabhängige Geister mag das kaum beruhigen. Denn zu jeder Unterscheidung gehört die andere Seite. Und welche Seite als die gute bezeichnet wird, das ist nun mal vom Beobachter abhängig. So können die guten Absichten des Suchmaschinengiganten durchaus den Schaden für andere bedeuten. <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,397153,00.html">Zensur</a> im Auftrag der chinesischen Gutmenschen, die ein ganzes Volk unterdrücken, ist aus Google&#8217;s Perspektive nicht böse. Dieser Kampf ist jedoch ausgefochten, Google zensiert weiter fleißig und ist dennoch in den Augen der meisten Nutzer auf der Seite des Guten zu verorten. Aber wie schafft Google das?<span id="more-28"></span></p>
<p>Der Trick ist einfach. Der Konzern distanziert sich von dem, was er tut. Google ist nicht subjektiv. Die Entscheidung, welche Ergebnisse angezeigt werden, berechnen verschiedene, ineinander greifende Algorithmen. Wie das genau funktioniert, ist geheim. Sicher ist jedoch, dass unter anderem Sprachmodelle (die Fähigkeit Sätze, Synonyme, diakritische Zeichen, Schreibfehler etc. zu interpretieren), Anfragemodelle (hier geht es ist nicht nur Sprache, sondern auch um die Art, in der sie heutzutage verwendet wird), Zeitmodelle (manche Anfragen sind mitunter am besten mit einer 30 Minuten alten Seite zu beantworten und manche sind besser mit einer alten und etablierten Seite bedient) sowie personalisierte Modelle (nicht alle Leute erwarten dasselbe) <a href="http://googlewebmastercentral-de.blogspot.com/2008/05/eine-einfuehrung-in-google-search.html">dazu gehören</a>. Die Komplexität dieses Rechen- bzw. Entscheidungsvorgangs ist so groß, dass man die einzelnen Schritte, Analysen und Rankings keiner konkreten Verantwortung mehr zurechnen kann. Die Ergebnisse sind dann einfach da, wie von Wunderhand. Da fällt es leicht die Komplexität des Entscheidungsprozesses für die eigene Darstellung zu instrumentalisieren und zu behaupten, die Ergebnisse seien <a href="http://googlewebmastercentral-de.blogspot.com/2008/07/einfuehrung-in-sachen-google-ranking.html">nicht von Menschenhand beeinflusst</a>.</p>
<p>Ja, tatsächlich: Google schreibt den zusammenarbeitenden Algorithmen eine objektive Selektionsfähigkeit zu. Und das scheint in einer technikgläubigen Welt auch zu überzeugen. Man muss aber an dieser Darstellung einiges kritisieren. Denn zum einen <a href="http://www.die-antwort-auf-alle-fragen.de/blog/11-07-2008/662-Schwindelt-Google.html">fragt Mark</a> zu Recht, wozu es denn dann die ganzen <a href="http://www.google.com/support/jobs/bin/answer.py?hl=en&amp;answer=54183">Quality-Rater</a> bräuchte. Da pfuscht wohl jemand noch ganz gewaltig in den vermeintlich objektiven Ergebnissen herum. Und zum anderen sind Zahlen &#8211; unabhängig davon, wie komplex ihre Berechnung ist &#8211; nichts anderes als kommunkative Konstruktionen von Personen, Organisationen und/oder Gesellschaft. In diesem Fall stellt die Organisation Google seine Algorithmen selbst zusammen und ist daher für die Ergebnisse verantwortlich und gegebenenfalls auch verantwortlich zu machen.</p>
<p>Man stelle sich nur einmal vor, dass eine Regierung eines demokratischen Staates ihrer Bevölkerung per E-Mail mitteilt: &#8220;Es wurde eine Entscheidung getroffen. Sie ist die einzig richtige. Das versteht sich ja von selbst, weil wir für sie, das Volk, nur das Beste wollen. Die Entscheidung ist desweiteren auch nicht anfechtbar. Denn in jahrelangen Sitzungen, unter Beteiligung aller relevanten Gruppen und nach Anhörung aller einschlägiger Experten hat sich diese Entscheidung von selbst ergeben. Es ist nicht bekannt, wer den Ausschlag gegeben hat, wo sie sich herauskristallisiert hat und wann sie getroffen wurde. Nun ist sie jedoch da. Und sie wird umgesetzt. Wenn sie daran kein Interesse haben, können sie sich abmelden und ihre Staatsbürgerschaft löschen lassen.&#8221;</p>
<p>Warum muss eine Regierung ihre Entscheidungen verantworten? Und &#8211; das erscheint mir die wichtigere Frage zu sein &#8211; warum muss eine Organisation wie Google ihre Entscheidungen nicht weiter begründen, bzw. wie schafft sie es, sich hinter Zahlen zu verstecken?</p>
<p>Technikgläubikeit? Wirtschaftsorganisation? Die Möglichkeit &#8211; trotz Quasi-Monopol &#8211; den Anbieter zu wechseln?&#8230;</p>
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		<title>Asoziale Soziologen</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Jun 2008 19:10:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ausbildung]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
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		<description><![CDATA[Über eine rein analytische Disziplin Könnte es sein, dass sich unter Soziologen und Soziologinnen eine besonders hohe Zahl von Menschen befindet, die mit einer sehr geringen Sozialkompetenz ausgestattet sind, sprich häufig asozial auftreten? Man kennt die unbestätigte These, dass besonders viele geistig, emotional oder psychisch versehrte Menschen dazu neigen ein Psychologiestudium zu beginnen. Quasi als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Über eine rein analytische Disziplin</strong></em></p>
<p>Könnte es sein, dass sich unter Soziologen und Soziologinnen eine besonders hohe Zahl von Menschen befindet, die mit einer sehr geringen Sozialkompetenz ausgestattet sind, sprich häufig asozial auftreten?</p>
<p>Man kennt die unbestätigte These, dass besonders viele geistig, emotional oder psychisch versehrte Menschen dazu neigen ein Psychologiestudium zu beginnen. Quasi als Selbsttherapie. In der Hoffnung, dass sich durch das Studium ihre Probleme lösen, die sie sich vor sich selbst oder einem Therapeuten nicht eingestehen wollen, lernen sie andere Leute zu therapieren. Eine gewagte Aufgabe. Vielleicht ist das noch nicht einmal eine These, sondern einfach nur ein Klischee. Mag sein.<span id="more-17"></span></p>
<p>Mir geht es aber erst einmal darum, diesen Gedanken (so unhaltbar er vielleicht für Psychologen sein mag) auf die Disziplin der Soziologie zu übertragen. Und da kenne ich mich auf Grund eigener Erfahrung deutlich besser aus. Daher stelle ich die These auf, dass überdurchschnittlich viele Soziologen mit einer geradezu erbärmlichen Sozialkompetenz ausgestattet sind, die sie dadurch auszugleichen suchen, dass sie sich in Interaktionsanalysen vertiefen, Organisationszusammenhänge aufdecken und Weltgesellschaftsphantasien ausspinnen. Dabei versuchen sie auffallend oft &#8211; und zwar nicht nur gegenüber Menschen aus der eigenen Disziplin &#8211; ihre eigenen Mängel im gesellschaftlichen Umgang durch eine vermeintliche Fachsprache zu übertünchen. Einige Beispiele:</p>
<p><strong>Interaktionsinkompetenz</strong><br />
Das entspannte, ungezwungene Gespräch ist dem Soziologen ein Graus. Nach einigen Bieren sieht das vielleicht anders aus, aber bis dahin ist er entweder scheu oder skurril. <em>Kritik</em> in der Interaktion gibt es überhaupt nicht. Denn auf der einen Seite traut der Soziologe sich nicht Kritik offen und direkt zu formulieren, auf der anderen Seite wird Kritik als Majestätsbeleidigung empfunden. Das Thema der Kritik wird damit zum Tabu. Geht es um <em>Inhalte</em>, wird es dem Theoretiker schnell zu banal. Er schaltet ab oder reißt das Gespräch durch langatmige Monologe an sich (in der Regel analysiert er dabei die aktuelle oder auffallend ähnliche Interaktionssituationen). Den Sozialforschern unter den Soziologen sind Gespräche schon deshalb nicht mehr möglich, weil sie sich permanent &#8220;im Feld&#8221; befinden. Die Reflexionsschleife wird zum Dauerballast. <em>Smalltalk</em> gibt es sowieso nicht. Oder hat jemand schon einmal mit einem Soziologen über das Wetter geredet?</p>
<p><strong>Organisationsversagen</strong><br />
Soziologen können Organisationen analysieren. Aber Soziologen können Organisationen nicht organisieren. Da scheitert es schon daran, dass der Kollege seinem Kollegen nicht sagen kann, was Sache ist, weil es ja der Kollege ist, den es zu respektieren gilt. Und hat er mal eine andere Meinung erkennen lassen oder auch nur vielleicht den Anschein erweckt, dass er eine andere Meinung vertreten könnte, wenn es denn mal zu einer Situation käme&#8230; Jedenfalls hält man lieber hinter dem Berg mit dem, was es zu organisieren gibt. Soziologen malen sich vielmehr die Situation aus, wie sie sein könnte, für den Fall, dass dieses oder jenes passieren würde. In der Welt des Konjunktiv lässt es sich in der Organisation auch recht wohnlich einrichten. Zumindest für Soziologen.</p>
<p>Diese passiven <em>Konjunktiv-Soziologen</em> in Organisationen sind aber noch ganz gut zu ertragen. Denn sie zeigen sich nicht. Es gibt da aber auch noch die <em>Macher</em> unter den Soziologen, die ihrem Selbstbild den Part des Organisationstalents hinzugefügt haben und das soziologisch natürlich fundiert haben. Problematisch wird dieses Organisationstalent aber dadurch, dass es sich vielmehr um aktive Organisationsinkompetenz handelt. Denn alte Konzepte in neue Worte zu fassen und als eigenes Werk auszugeben ist erstens nicht originell und zweitens nicht sonderlich hilfreich. Hat sich der Organisationsmacher-Soziologe aber erst einmal positioniert, gibt es kein zurück mehr. Da er aber nicht organisieren kann, und auch in der Interaktion kein Meister ist (s.o.), wählt er die Option der Intrige. Hinter den Rücken vermeintlicher Gegner werden Absprachen getroffen, Koalitionen geschmiedet und Reformpakete verabschiedet. Hinterher will es niemand gewesen sein. Aber dann können die Organisationssoziologen ja auf die Evolution eines Systems verweisen und wieder von vorne beginnen.</p>
<p><strong>Gesellschaftskritik</strong><br />
Es ist herrlich, wie gut Soziologen darin sind, die Welt zu demaskieren. Es ist immer wieder beeindruckend, wie Soziologen es schaffen zu zeigen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie zu sein scheinen. Sie zeigen auf, wo es hakt in der Gesellschaft, wo die Missstände zu lokalisieren sind und wo die gewichtigen Probleme liegen, die es zu lösen gilt.</p>
<p>Leider sind Soziologen <em>Zyniker</em> und decken zwar die sozialen Tatbestände auf, entziehen sich aber der Verantwortung. Sie ermöglichen zwar Kritik, arbeiten aber nicht an Vorschlägen für Lösungen. Vielmehr zieht sich der Soziologe mit hochgezogenem Mundwinkel und einem Spruch aus der Affäre: &#8220;Hab ich es euch nicht gesagt?!&#8221; Das war es dann aber auch. Aufräumen dürfen andere. Und da diejenigen, die sich um Lösungen bemühen ja nichts von der Materie verstehen, kann der Soziologe über ihre erbärmlichen Versuche nur schmunzeln. Aber es gibt ihm wenigstens die Möglichkeit für einen weiteren zynischen Auftritt: &#8220;Hab ich es euch denn nicht schon einmal gesagt?!&#8221;</p>
<p><strong>Soziale Soziologen?</strong><br />
Nur um einem Missverständnis vorzubeugen, muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass die Soziologie eine Lehre des Zusammenlebens der Menschen ist und dabei lediglich analytische Ansprüche hegt. Insofern kann man nicht erwarten, dass Soziologen besonders soziale Menschen sein sollten. Das nicht. Aber es ist doch schon erstaunlich, dass Soziologen erstens in der Interaktion durch Inkompetenz glänzen und dies dann mit ihrer Goffman-Leküre rechtfertigen und darauf verweisen, dass das Interaktionsgeschäft doch so tückisch sei. Es verwundert ebenso, dass sie ihr Organisationsversagen mit den Erkenntnissen der Organisationssoziologie begründen, da man ja wissen könne, dass Organisationen nicht zu steuern sind. Und man kann erstaunt sein, wenn Soziologen ihren Zynismus dadurch rechtfertigen, dass man doch sehen könne, dass trotz Soziologie die Welt immer noch eine schlechte sei. Warum also etwas ändern wollen? Es ist einfach auffällig, dass besonders viele sozial-inkompetente Menschen dazu neigen, ein Soziologiestudium aufzunehmen. Sie schaffen es dann nämlich ihre eigene Inkompetenz mit soziologischen Analysen zu übertünchen. Dass die Soziologie dabei nicht sonderlich hilfreich ist, die Schwächen ihrer Schüler zu beheben, bestätigt nur, dass Soziologie lediglich analytische Ansprüche an sich selber stellt. Leider, meine ich.</p>
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		<title>Es gibt immer was zu tun.</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2008 14:39:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Hoebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
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		<description><![CDATA[Überlegungen zur Abweichungsbeobachtung in der Weltgesellschaft Berlusconi schneidere sich neues Immunitätsgesetz, meldet die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL im Juni 2008. Er plane das Gesetz, damit er nicht wegen eines anhängigen Korruptionsverfahrens verurteilt werde. Die Meldung ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen kann man fragen, warum eine deutsche Zeitschrift überhaupt über einen Vorgang in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Überlegungen zur Abweichungsbeobachtung in der Weltgesellschaft</em></p>
<p class="MsoNormal">Berlusconi schneidere sich neues Immunitätsgesetz, meldet die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL im Juni 2008. Er plane das Gesetz, damit er nicht wegen eines anhängigen Korruptionsverfahrens verurteilt werde.<a name="_ednref1" href="#_edn1"></a></p>
<p class="MsoNormal">Die Meldung ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen kann man fragen, warum eine deutsche Zeitschrift überhaupt über einen Vorgang in Italien berichtet. Es handelt sich offensichtlich um ein Ereignis von überregionaler Bedeutung, ja sogar um ein Weltereignis, wie die Recherche auf den Webseiten der US-amerikanischen NEW YORK TIMES ergibt, die ebenfalls über Berlusconis Gesetzesvorhaben berichtet.<a name="_ednref2" href="#_edn2"><span class="MsoEndnoteReference"><span><!--[if !supportFootnotes]--><!--[endif]--></span></span></a> Zum anderen ist auffällig, warum dem Ereignis überhaupt Nachrichtenwert zugewiesen wird. Augenscheinlich wird in diesem Fall eine Abweichung von öffentlichen Verhaltensstandards registriert, denn Berlusconi plant einen politischen Eingriff in die Rechtssprechung, genauer: über kollektiv verbindliches Entscheiden soll die Rechtssprechung in der Weise festgelegt werden, dass er als Person-im-Staatsamt nicht strafrechtlich verfolgt werden kann.</p>
<p class="MsoNormal"><span id="more-19"></span></p>
<p class="MsoNormal">In Abwandlung eines Arguments von Niklas Luhmanns nehmen die Massenmedien in diesem Fall einen Standpunkt der Weltgesellschaft ein. Sie finden über allgemeine Vorstellungen, nach welchen „globalen Standards“ Staatsgesellschaften strukturiert sein und ihre Protagonisten handeln sollten, den Anlass dafür, Abweichungen überhaupt beobachten zu können. Die Weltgesellschaft beschreibt er als funktional differenziert in operativ eigenlogische Teilsysteme. Beispiele sind die Politik, die Wirtschaft, das Recht oder die Wissenschaft. Sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass in ihnen nach eigenen Prinzipien verfahren wird, so dass sich Politiker der Kritik ausgesetzt sehen, wollten sie Richtern vorschreiben, wie sie ihre Urteile zu fällen haben.<span> </span></p>
<p class="MsoNormal">In dieser Perspektive ermöglichen folglich die Struktur der Weltgesellschaft selbst und eine zumindest diffuse Kenntnis dieser Strukturiertheit solche Abweichungsbeobachtungen, wie sie auf Berlusconi bezogen vorgenommen werden. Sie werden gleichwohl nicht nur situativ, personalisiert sowie allgemein den Regeln der Massenmedien folgend vorgenommen. Man denke an die zahlreichen Indices, die mit großem Aufwand erstellt und nachgefragt werden. Beispiele sind der „Failed States Index“, der „Freedom House Index“ oder der „Bertelsmann Transformation Index“ (BTI). Sie sind Abweichungsregistraturen größeren Maßstabs.</p>
<p class="MsoNormal">Nehmen wir das Beispiel des BTI. Hier wird nach eigener Darstellung die Umsetzung erfolgreicher Reformpolitik von „Staaten auf ihrem schwierigen Weg der Transformation“ verzeichnet. Beobachtet wird anhand eines Kontinuums zwischen den Polen Gelingen und Misslingen. Als Gradmesser gelten die beiden Ordnungsmodelle „Rechtsstaatliche Demokratie“ und „Sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft“. Impliziert wird damit ein vergleichsweise spezifischer Entwicklungspfad mit einem normativ begründeten Endzweck (im Sinn der Aristotelischen causa finalis). Der „guten Regierungsführung“ wird dabei eine Schlüsselrolle zugewiesen. Die Transformation wird im Rahmen eines umfangreichen Berichtswesens über quantitativ und qualitativ operationalisierte Indikatoren gemessen, so dass jährlich ein Ranking über Erfolge und Rückfälle erstellt werden kann. Zwar gebe es aufgrund von Gefährdungen wie Stagnation, Machtkonflikten und Staatsversagen keine Erfolgsgarantie. Allerdings wolle die Bertelsmann Stiftung im Rahmen des BTI und zusammen mit ihrem Projektpartner, dem Centrum für angewandte Politikforschung, einen Beitrag dazu leisten, die politische Steuerung dieser Transformationsprozesse effektiver zu gestalten, wirksamer zu unterstützen und Fachwissen produktiv zu vernetzen. Dahinter liegt offensichtlich die Annahme, es bedarf der Promotion „richtiger Entwicklung“ im Sinn einer zunehmenden Konvergenz weltweiter staatlicher Ordnungsmuster europäischen Vorbilds. Andere Ordnungsmodelle müssen daher zwangsläufig als Abweichungen und als ein „Noch-nicht-Erreichen“ im Sinn „richtiger“ Entwicklung vermerkt werden.</p>
<p class="MsoNormal">Welche Folgen hat diese Abweichungsbeobachtung eigentlich, kann man sich fragen? Es fällt einem der Werbeslogan eines großen Baufachhandels ein: „Es gibt immer was zu tun“. Für unseren Fall heißt das: „Es gibt auch ZUKÜNFTIG was zu tun“. Kurz: vor allem sichert Abweichungsbeobachtung den Bestand der beteiligten Organisationen.</p>
<p class="MsoNormal">In Bezug auf Berlusconi versorgen sich die Massenmedien letztlich selbst mit einem Anlass, auch „morgen“ in gleicher Weise weiterzuarbeiten, nämlich zu prüfen, ob das Thema weiter Relevanz hat, um darüber zu berichten. Zugespitzt formuliert sorgt es über die Speicherung von Abweichungsbeobachtungen in seinen (Online-)Archiven dafür, dass ein in dieser Weise qualifiziertes Ereignis im Gedächtnis bleibt. Und so lange die Abweichung weiter besteht, erscheint es lohnenswert, weiter darüber zu berichten.</p>
<p class="MsoNormal">Ähnlich verhält es sich für die Organisationen, die Indices internationaler Politik erstellen. Es ist paradox: so lange Abweichungen feststellbar sind, sollte man sie schließlich auch messen. Dazu passt, dass im Rahmen des neo-institutionalistischen „world polity“-Ansatzes die Weltgesellschaft anhand von weltweit propagierten Ordnungsmodellen beschrieben werden, deren Geltung einen äußeren Veränderungs- bzw. Anpassungsdruck auf Nationalstaaten erzeugen, so dass diese sich hinsichtlich ihres formalen Erscheinungsbildes angleichen. Diese Isomorphie ist ein zentrales Kennzeichen der world polity, die als die Gesamtheit weltweit auffindbarer politischer und kultureller, „rationalistischer“ Institutionen aufgefasst werden kann. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um politische und kulturelle Modelle, so dass Boris Holzer anmerkt, es könne nach diesem Ansatz nahezu unterschiedslos von Weltgesellschaft, Weltkultur und eben world polity gesprochen werden. Wenn man so will, „stabilisieren“ internationale Indices-Organisationen die Geltung (a) dieser Ordnungsmodelle und gleichzeitig (b) sich selbst als „Promotoren“ dieser Modelle. Dabei sind sie allerdings „zweifach blind“.</p>
<p class="MsoNormal"><em>Zum einen</em> sehen sie selbst nicht, dass sie Ordnungsmodelle „promoten“, die in so genannten gescheiterten, scheiternden oder brüchigen Staaten auf den externen Synchronisationsdruck zwar formal eingeführt werden, weil sie als Voraussetzung für „effektives Regieren“, „angemessene Bildung“, „Rechtssicherheit“ o.ä. gelten. Gleichzeitig erscheinen konkurrierende Ordnungsmodelle lokaler Herrschaft, Wirtschaftstätigkeit und Erziehung allerdings selbst auffällig stabil, so dass z.B. die Weltbank trotz aller bisherigen Bemühungen in Afghanistan eingesteht, dass sich die Lage „verschlechtere“, weil Warlords ihre Autonomie erfolgreich aufrecht erhalten, die Wirtschaft ihre Einnahmen weiter über Mohnanbau erzielt und diese Opiumökonomie zusätzlich die Korruption blühen lässt.</p>
<p><em><span style="Cambria;">Zum anderen</span></em><span style="Cambria;"> haben sie zwar mit dem Terminus der „Korruption“ einen Begriff für diese konkurrierenden Ordnungsmodelle. Jedoch haben sie bislang fast nur die Vorstellung davon entwickelt, dass diese z.B. auf Familienangehörigkeit, Ehre, Scham, gegenseitigen Beschenkens oder Reziprozität basierenden Handlungsmuster „bekämpft“ werden müssen. Unbemerkt bleibt, dass Institutionen der world polity lokal als die eigentliche Abweichung betrachtet wird. Ob deren Einführung (z.B. im Rahmen einer Public Administration Reform, welche die Weltbank für Afghanistan skizziert hat, nachdem sie vorher die Verschlechterung der Situation gemessen hat) daher den erhofften Erfolg hat, kann bezweifelt werden. Sie muss ja auch keinen Erfolg haben, nimmt man sich doch damit die Möglichkeit, weiter Abweichungen zu messen und damit begründbare Reformprogramme „auf den Weg zu bringen“.</span></p>
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