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	<title>Sozialtheoristen &#187; Theorie</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Zum Umbau des Systems der Massenmedien</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Oct 2009 09:53:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Einführung und Etablierung neuer Verbreitungstechnologien bringt massive gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Und die Theorie der Gesellschaft steht in der Folge vor dem Problem, den Veränderungen mit neuen oder modifizierten Begrifflichkeiten Rechnung zu tragen. Problematisch deshalb, weil eine gleichzeitige Veränderung von Theorie und Gesellschaft ein vergleichendes Beobachten unmöglich macht. Ich plädiere daher für eine konservative [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Einführung und Etablierung neuer Verbreitungstechnologien bringt massive gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Und die Theorie der Gesellschaft steht in der Folge vor dem Problem, den Veränderungen mit neuen oder modifizierten Begrifflichkeiten Rechnung zu tragen. Problematisch deshalb, weil eine gleichzeitige Veränderung von Theorie und Gesellschaft ein vergleichendes Beobachten unmöglich macht. Ich plädiere daher für eine konservative Anwendung systemtheoretischer Überlegungen zum Funktionssystem der Massenmedien, weil es mir nicht zwingend notwendig erscheint, mit einem massiven Eingriff in theoretische Grundannahmen zu reagieren, um neue Phänomene zu beschreiben.<br />
<span id="more-584"></span></p>
<p>Ganz konkret möchte ich auf <a href="http://sozialtheoristen.de/2009/10/22/relevanz-als-symbolisch-generalisiertes-kommunikationsmedium/">Stefans interessante Ausführungen</a> eingehen. Er schreibt:</p>
<blockquote><p>Die Einführung des Internets ist ein verheerender Entwicklungssprung. Denn bisher galt: “Die Abnehmer machen sich allenfalls quantitativ bemerkbar: durch Absatzzahlen, durch Einschaltquoten”. (Luhmann, RdM: 34) Dies ist nun anders. Galten bisher qualitative Maßstäbe in den Redaktionen und quantitative Maßstäbe im Absatzmarkt – gelten nun auch in den Absatzmärkten qualitative Maßstäbe, da das Internet einen Rückkanal bereithält, über den dies geleistet werden kann.</p>
<p>Die Folge der Rückkopplung führt zu dem Phänomen, dass plötzlich alle <a href="http://seedmagazine.com/content/article/a_writing_revolution/">Autoren</a> sind. Das System der Massenmedien kann nicht mehr oder nur noch schwerlich zwischen Leistungs- und Publikumsrollen und Zentrum und Peripherie unterscheiden. Und wenn alle/viele durch Rezeption auch produzieren – nimmt der Umfang an kommunizierter Information zwangsläufig zu.</p></blockquote>
<p>Geht man weiterhin davon aus, dass die Massenmedien nach wie vor am zentralen Code Information/Nicht-Information festhalten, so ist als erstes festzuhalten, dass zwar jeder potentiell zum Autor werden kann. Aber das bedeutet nicht, dass eine Rückkopplung in dem Sinne gelingt, dass Publikums- und Leistungsrollen verschwimmen und jeder nun potentiell zum dauerhaften und konstanten Massenkommunikator werden könnte. Kein Blogger könnte die Autorität von SPIEGELonline oder der Tagesschau ersetzen, weil die gesellschaftlichen Zuschreibungen auf eben jene Institutionen nicht so fluide sind, wie es in den Großmachtphantasien einiger Blogger ausgemalt wird. Ein qualitativer Ersatz ist nicht in Sicht.</p>
<p>Auch eine quantitative Aggregation eines &#8220;Feedback-Channels&#8221; dürfte kaum funktionieren, weil eine massenhafte Kommunikation einzelner Blogger nicht in der Lage sein wird, die Komplexität der mitgeteilten Informationen soweit zu reduzieren, wie es die klassischen massenmedialen Kommunikationen nach wie vor leisten. Wenn einmal eine Welle der Empörung in den Blogs ihren Ursprung hat, ist sie gesellschaftlich übergreifend erst dann relevant, wenn sie in den traditionellen Medien Anschluss gefunden hat. Nur weil 15% der Blogger über ein Thema schreiben, ist es noch lange nicht wichtig.</p>
<p>Dennoch kann man nicht abstreiten, dass sich das System der Massenmedien massiv verändert und auf technische Neuerungen und ihre Implementation in den Alltag reagieren muss. Ich würde hier eher vermuten, dass der zentrale Code nach wie vor stabil funktioniert, aber die Produktionsmöglichkeiten massenmedialer Kommunikation dahingend in eine zunehmend auseinander klaffende Schere geraten, dass auf der einen Seite ein zunehmend großer Teil der Informationen standadisiert reproduziert werden und ein immer geringer Anteil an qualitativ hochwertigen Informationen verbreitet werden, die die Welt, wie wir sie kennen, in einem neuen Licht erscheinen lässt. Dazu zwei Überlegungen:</p>
<p>Vor allem durch die Art der wiedergekäuten und aufbereiteten Informationen des Immergleichen werden zwar an Hand der Nachrichtenwerte konstant Neuigkeiten hervorgebracht, aber die Welt im Prinzip in den immer gleichen Formeln beschrieben. Man kennt das aus der Unterhaltungsindustrie, den nahezu identischen TV-Formaten quer durch alle Kanäle, die floskelhafte Berichterstattung über die Politik und vor allem im Sport, der sich in erster Linie durch quantifizierbare Vergleiche beschreiben lässt. Und da ist es nur konsequent, einen <a href="http://carta.info/16739/stat-monkey-journalismus-computer-automatisierung/">Statistik-Roboter zu programmieren</a>, der es ohne weitere menschliche Hilfe fertig bringt, <a href="http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/2009/10/19/the-robots-are-coming-oh-theyre-here/">akzeptable Spielberichte zu produzieren</a>. Das Prinzip der schablonierten Berichterstattung ist auch auf andere Bereiche übertragbar, sobald es gelänge die Selektionsmechanismen einerseits zu standardisieren und auch zu etablieren, sodass sie zuverlässig reproduzierbar werden. Die allgemeine Zunahme an Kommunikationsmüll, der massenmedial produziert wird, schafft dafür die besten Voraussetzungen. Es geht also nicht um Relevanz, sondern um quanititative Entwertung von qualitativer Kommunikation.</p>
<p>Die zweite Überlegung wendet sich nun der anderen Seite zu: Wenn der Absatzmarkt tatsächlich zunehmend zersplittert und der Großteil mit redundanten Quasi-Neuigkeiten versorgt werden kann, wird es für den qualitativ-anspruchsvollen Journalismus schwierig, rentable Absatzmärkte zu finden. Insofern sind die Überlegungen amerikanischer und auch deutscher Medienkonzerne nur die logische Konsequenz: Wer sich exklusive Meinungen und Berichte abseits des Informationsmülls leisten möchte, <a href="http://blogbar.de/archiv/2009/08/13/bezahlinhalte-schon-wieder/">wird kräftig dafür bezahlen müssen</a>.</p>
<p>Sollte die Schere weiter auseinanderdriften, so muss die soziologische Theorie die Frage beantworten, ob das System der Massenmedien nach wie vor dafür sorgen kann, für ein potentiell unterstellbares, gemeinsam geteiltes Bild von der Welt zu sorgen. Und falls ja, wie und falls nein, warum nicht (mehr)? Für einen Umbau des Codes spricht in meinen Augen jedenfalls wenig.</p>
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		<title>Zur Symmetrie der Funktionssysteme</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Sep 2008 21:12:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Funktionssysteme]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn man die luhmannsche Systemtheorie in den Punkten, in denen sie Gesellschaft beschreibt, abstrakt und streng auslegt, sich also von Empirie nicht allzu sehr verunsichern lässt und eher auf der Suche nach symmetrischer Harmonie ist, kommt man schnell zu dem Gesellschaftsbild, das gleichrangige und unterschiedliche, mit klaren Grenzen versehene Funktionssysteme beschreibt, die sich evolutionär und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man die luhmannsche Systemtheorie in den Punkten, in denen sie Gesellschaft beschreibt, abstrakt und streng auslegt, sich also von Empirie nicht allzu sehr verunsichern lässt und eher auf der Suche nach symmetrischer Harmonie ist, kommt man schnell zu dem Gesellschaftsbild, das gleichrangige und unterschiedliche, mit klaren Grenzen versehene Funktionssysteme beschreibt, die sich evolutionär und damit nicht beliebig, sondern funktionsorientiert ausdifferenzierten. &#8220;Ausdifferenzierung&#8221; nimmt dabei Bezug auf die Zeit und verweist auf einen gleichen Ursprung und Gründe für die Entwicklung.</p>
<p>Man findet in Bruchstücken auf ein paar Texte verteilt Hinweise, wie diese Funktionssysteme genauer zueinander stehen. Eigentlich sagt man: &#8220;die Funktionssysteme gleichen sich in ihrer Ungleichheit&#8221;. Das ist kein Zitat, sondern ein geliebter Spruch derjenigen, die sich mit geliebten Sprüchen zufrieden geben. In die unterstellte, funktionsorienterte &#8220;Symmetrie der Gesellschaft&#8221; einzusteigen ist nicht einfach, Luhmann selbst hat dazu wenig aber mindestens an einer Stelle Denkwürdiges geschrieben. In &#8220;Die Realität der Massenmedien&#8221; schreibt er (S. 175): &#8220;Die Aufteilung kognitiv / normativ auf Wissenschaft und Recht kann jedoch niemals  den gesamten Orientierungsbedarf gesellschaftlicher Kommunikation unter sich aufteilen und damit abdecken.&#8221;</p>
<p><span id="more-120"></span>Ein einfacher und hier vom Kontext befreiter Satz. An ihm lässt sich festhalten, dass eine Unterscheidung von &#8220;kognitiv und normativ&#8221; für gesellschaftliche Kommunikation wichtig ist, die ein &#8220;entweder, oder&#8221; beschreibt und damit allumfänglich ist. Auf jede Erwartungsenttäuschung (Orientierungsbedarf) lässt sich entweder normativ oder kognitiv reagieren. Die Enttäuschung ändert die ihr vorraus gegangene Erwartung oder tut es nicht, andere Möglichkeiten bestehen nicht. Luhmann verteilt diese beiden Formen des Umgangs mit Erwartungen, die Angelegenheiten sowohl sozialer wie auch psychischer Systeme sein können, auf die Funktionssystemen Wissenschaft und Rech. Wer mit Erwartungsenttäuschungen kognitiv umgeht, der lernt &#8211; das Grundprinzip der Wissenschaft, „trail and error“. Normativer Umgang mit Erwartungsenttäuschung ist dagegen notwendig, wenn die Freiheit des einen die Freiheit des anderen beeinträchtigt. Was rechtens ist wird zwar auch „erlernt“, die Normen des Rechts lassen sich jedoch nicht auf gleiche Art überwinden, wie die Grenzen des Wissens. Was wissenschaftlich wahr ist, muss in der Natur ermittelt und ins Lehrbuch geschrieben werden.Was rechtens ist, steht bereits in den Gesetzbüchern und muss aus ihnen heraus erlernt und in der Natur/ der Gesellschaft angewendet werden.</p>
<p>Trotz Allumfassendheit der Unterscheidung kognitiv/normativ ist diese nicht ausreichend um den Orientierungsbedarf in der Moderne abzudecken. Nur wird kognitiv/normativ nicht um eine dritte Alternative ergänzt, sondern es werden mehrere andere und gleichrangige Unterscheidungen eingeführt. Es wären dann nicht die Funktionssysteme selbst in ihrer Ungleichheit gleich, sondern die binären Unterscheidungen zwischen je zwei Funktionssystemen.</p>
<p>Welche weiteren Unterscheidungen könnten das sein? Es gibt neben dem obigen Zitat keine weiteren expliziten Angaben von Luhmann (zumindest kenne ich keine). Allerdings noch eine Unkonkrete. In Kapitel 9 in &#8220;Politik der Gesellschaft&#8221; beschreibt er ein spezifisches Verhältnis von Politik und Kunst, das Folgendes bedeuten könnte: Die Funktion der Politik ist das Verabschieden von Gesetzen. Politik gibt damit die normativen Grenzen von Erwartungen vor, die nur durch Entscheidung verändert werden können. Die Politik konstruiert damit eine knallharte und überindividuelle Realität, die für alle, kollektiv bindend, gilt. Die Kunst konstruiert ebenfalls Realität. Künstler manifestieren das, was ansonsten verborgen bleibt. Sie erschaffen aus anderen Kontexten betrachtet sinnloses, unnotwendiges und unnützes. Aber sie erschaffen. Ihre Realität funktioniert jedoch ohne Gesetzeskraft und gilt so nur höchstpersönlich. Die Realität der Kunst funktioniert mittels Geschmack und Gefallen, die der Politik durch Gesetze. Politik und Kunst könnten sich damit ebenso diametral gegenüberstehen wie Wissenschaft und Recht.</p>
<p>Weitere Möglichkeiten, solche Funktionssystempaare zu beschreiben wären: Religion &#8211; das Hoffen auf das Jenseits / Protestbewegung &#8211; das Hoffen auf das Diesseits; Medizin &#8211; Krankenversorgung / Wirtschaft &#8211; Gesundheitsversorgung; Sport &#8211; Gemeinschaft durch Leistung / Familie &#8211; Gemeinschaft durch Zuschreibung; &#8230; Diese Verhältnisse haben das Niveau von Vorschlägen und sind vor allem auf die psychischen Systeme als Instanz gemünzt. Eine weitere Diskussion könnte Freude und Erkenntnis bringen.</p>
<p>Festzuhalten bleibt, dass die Möglichkeit besteht, dass sich die Funktionssysteme nicht in ihrer Ungleichheit gleichen, sondern dass einige in ihrer Unterschiedlichkeit unterschiedlicher sind als andere. Binarität zieht sich beinah durch das gesamte Gefüge der soziologischen Systemtheorie und augenscheinlich auch auf der Ebene der Funktionssysteme. In ihnen sowieso, vielleicht aber auch zwischen ihnen.</p>
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		<title>Der Fürst (Niccolò Machiavelli, 1532)</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Aug 2008 19:10:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kai Mürlebach</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Das vorliegende Buch (hier in einer Übersetzung von 1913) verfasste <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli">Niccolò Machiavelli</a> im Jahre 1513. Nach falschen Anschuldigungen über eine Beteiligung an einer Verschwörung gegen die in Florenz herrschende Familie der Medici, hatte er sich aufs Land zurückziehen müssen. 1516 widmete er den Text in der Handschrift dem jüngeren Lorenzo de Medici (1492-1519), der gerade Urbino erobert hatte und dort Herzog geworden war. Auch deshalb wurde das Buch oft als Versuch Machiavellis gewertet, sich mit den Medici gut zu stellen und seine gesellschaftliche Stellung wiederzuerlangen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>REZENSION</p>
<p>Das vorliegende Buch (hier in einer Übersetzung von 1913) verfasste <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli">Niccolò Machiavelli</a> im Jahre 1513. Nach falschen Anschuldigungen über eine Beteiligung an einer Verschwörung gegen die in Florenz herrschende Familie der Medici, hatte er sich aufs Land zurückziehen müssen. 1516 widmete er den Text in der Handschrift dem jüngeren Lorenzo de Medici (1492-1519), der gerade Urbino erobert hatte und dort Herzog geworden war. Auch deshalb wurde das Buch oft als Versuch Machiavellis gewertet, sich mit den Medici gut zu stellen und seine gesellschaftliche Stellung wiederzuerlangen.<br />
Der Text selbst liest sich in weiten Teilen wie eine Art &#8216;Herrschen für Anfänger&#8217;. Machiavelli nennt als Ziel seiner Überlegungen zu erörtern, was Herrschaft ist, welche verschiedenen Arten es gibt, wie sie erworben, erhalten, und weshalb sie verloren wird (S. 12). Anhand zahlreicher, vorwiegend antiker Beispiele versucht er, allgemein gültige Regeln aufzustellen, die es einem Fürsten ermöglichen sollen, erfolgreich zu herrschen.<br />
Das Werk kann grob in drei Abschnitte untergliedert werden: Der erste (Kapitel I. &#8211; XI.) geht auf die verschiedenen Arten der Herrschaft und die Mittel, sie zu erlangen und zu behaupten ein. Teil zwei (Kapitel XII. und XIII.) beschäftigt sich mit militärischen Aspekten der Herrschaft, während in den Kapiteln XIV. &#8211; XXVI. Machiavellis Beobachtungen bezüglich der notwendigen Eigenschaften eines Herrschers, sowie der Natur der Menschen im Allgemeinen, darlegt werden.</p>
<p><span id="more-63"></span></p>
<p>Im ersten Abschnitt unterscheidet Machiavelli im Gegensatz zur <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Verfassungskreislauf#Kreislauf_der_Verfassungen_bei_Aristoteles">antiken Einteilung</a> in sechs Staatsformen (Monarchie, Tyrannis, Aristokratie, Oligarchie, Politie, Demokratie), nur zwei Typen von Herrschaft: Fürstentümer und Republiken, wobei der Hauptunterschied dabei die Zahl der Herrschenden ist. Die Republiken werden nur am Rande erwähnt, da sie bereits in einem seiner anderen Werke, den &#8216;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Discorsi">Discorsi</a>&#8216;, behandelt wurden.<br />
Der &#8216;Fürst&#8217; widmet sich ausschließlich Fragen der Alleinherrschaft und unterscheidet zwischen ererbten und eroberten Fürstentümern. Erstere seien leichter zu behaupten, wenn man nur die Einrichtungen der Vorfahren unangetastet lasse. Auch habe man als angestammter Fürst weniger Anlass zur Härte und sei daher beliebter. Wegen der besonderen Herausforderungen, die sich in eroberten Gebieten stellten, räumt Machiavelli ihnen größeren Raum ein.<br />
Es folgt eine Aufzählung von verschiedenen Möglichkeiten zum Fürst eines fremden Territoriums zu werden (durch eigene Tapferkeit; mit fremder Hilfe oder Glück; durch ein Verbrechen oder durch das Volk), und die verschiedenen Schwierigkeiten die sich jeweils daraus ergeben. Aus seinen Beobachtungen schließt Machiavelli auf eine allgemeine Regel: Wer nur unter großen Mühen auf den Thron gelangte, dem wird es leichter fallen, sich darauf zu behaupten. Wem die Ergreifung der Macht jedoch all zu leicht fiel, der wird um so größere Schwierigkeiten haben, sie zu behalten.</p>
<p>Der zweite Abschnitt handelt kurz die militärischen Aspekte der Herrschaft ab. Hauptstützen eines Staates seien gute Gesetze und gute Streitkräfte, und Machiavelli sieht Freiheit und Stärke als sich gegenseitig bedingend an. Nachdem auf Söldner und Hilfstruppen eingegangen wurde (die für unzuverlässig und daher unnütz und gefährlich gehalten werden) kommt Machiavelli zu dem Schluss, dass nur eigene Truppen dazu geeignet seien, Herrschaft dauerhaft zu sichern. Aus diesen Überlegungen schließt Machiavelli, dass keine Herrschaft ohne eigene Waffen sicher steht; eine Einsicht, die sich erst nach dem dreißigjährigen Krieg und mit der Einführung stehender Heere langsam durchsetzen wird.</p>
<p>Im letzten Teil wird das schon vorher aufscheinende negative Menschenbild Machiavellis besonders deutlich. Gerade die hier geäußerten Gedanken dürften den Anstoß für manch eine kritische Beschäftigung mit seinem Werk gegeben haben. Machiavelli vertritt die Meinung, dass ein Fürst &#8220;keinen anderen Gegenstand des Nachsinnens haben und sich mit nichts andrem beschäftigen [soll,] als mit der Kriegskunst [...]; denn das ist die einzige Kunst, die man von dem, der befiehlt, erwartet.&#8221; (S. 74) Bereits vorher war die Notwendigkeit für jeden Fürsten, neu gewonnene Herrschaft auch mit Gewalt zu festigen, angesprochen worden, da die Menschen gern ihren Herrn wechselten, stets in der Hoffnung, einen besseren zu bekommen.<br />
Diese Gedanken werden aufgegriffen und vertieft wenn Machiavelli schließt, dass ein gutwilliger Mensch notwendigerweise an der Schlechtheit seiner Zeitgenossen zugrunde gehen müsse. Zudem vertritt er die Meinung, dass es sicherer sei, gefürchtet als geliebt zu werden; zumindest wenn nur eines von beidem möglich sei. Eine Grausamkeit zum richtigen Zeitpunkt sei oft humaner als falsch verstandene Nachsicht. Auch an sein Wort brauche man sich nicht gebunden fühlen, &#8220;da [die Menschen] nicht viel taugen und ihr Wort gegen dich brechen, so brauchst du es ihnen auch nicht zu halten.&#8221; (S. 87)<br />
Bei all diesen sicherlich kritikwürdigen Punkten ist aber zu berücksichtigen, dass Machiavelli Wert darauf legt, dass Verachtung und Hass zu meiden seien. Denn ein Fürst habe nur zwei Dinge zu fürchten: Im Inneren seine Untertanen und von Außen fremde Mächte.<br />
Der weitere Verlauf des Textes gibt Empfehlungen über den Einsatz von Festungen, darüber, wie Ruhm zu erwerben sei, wie man mit Ministern umzugehen habe, dass Schmeichler zu fliehen seien und betont den Einfluss des Glücks auf menschliche Dinge.<br />
Das Buch beschließt mit einem &#8220;Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien&#8221;, und gerade in diesem letzten Kapitel drängt sich der Eindruck auf, dass Machiavelli seine allgemeinen Überlegungen dazu nutzen will, sich mit den neuen Machthabern gut zu stellen.</p>
<p>Machiavelli gilt als Begründer der modernen politischen Theorie, und ist in den Werken der politischen Philosophie nach wie vor von höchster Bedeutung. Der größte Teil der sich mit dem &#8216;Fürsten&#8217; beschäftigenden Werke war dennoch kritisch (der &#8216;<a href="http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/friedric/anti-mac/inhalt1.htm">Anti-Machiavel</a>&#8216; <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._(Preu%C3%9Fen)">Friedrich des Großen</a> dürfte hier nur das prominenteste Beispiel sein). Horst Günther sieht in seinem Nachwort in der hier besprochenen Ausgabe einen Grund dafür darin, dass das Buch mehr oder weniger der Gattung der Fürstenspiegel zugerechnet wurde (Günther 1990, S. 154). Von diesen erwartete man aber, dass sie den Fürsten &#8216;zu christlichem Wohlverhalten, zu Güte und Barmherzigkeit&#8217; ermahnten, statt die Menschen so zu schildern, wie sie sind. Wer diese Regel durchbrach, verletzte Gefühle und brauchte sich über Opposition nicht zu wundern.<br />
Nach all den Anti-Machiavellismen erlebten die Ideen des &#8216;Fürsten&#8217; im 20. Jahrhundert jedoch eine regelrechte Renaissance. Er galt in den 1940er Jahren an Einfluss gewinnenden Realistischen Schule der Internationalen Beziehungen zusammen mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thucydides">Thucydides</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hobbes">Hobbes</a> u.a. als Vertreter eines &#8216;historischen Realismus&#8217; und wurde als Beleg für die Zeitlosigkeit dieser Theorie angeführt.<br />
Betrachtet man den Text unter diesem Gesichtspunkt fällt auf, dass tatsächlich ein Großteil der Annahmen der modernen Realisten schon hier auftauchten. Vom negativen Menschenbild, über die Bedeutung die dem Militär zugemessen wird, bis zum angemahnten Verzicht auf moralische Hemmungen: All diese Überlegungen finden sich so oder ähnlich auch in politischen Theorien der Gegenwart.<br />
Abschließend bleibt jedoch zu beachten, dass man um Machiavelli zu verstehen, stets beide Teile seines Werkes berücksichtigen muss: Neben dem &#8216;Fürsten&#8217;, &#8220;der dem kranken, dem verdorbenen Staatswesen gilt&#8221; (Günther 1990, S. 156), stehen die &#8216;Discorsi&#8217;. Diesen scheint Machiavelli den Vorzug zu geben (Kailitz 2007, S. 277), und so sind die Ausführungen über den Fürsten wohl vor allem als Lösung für Völker gedacht, die zu verderbt sind, um selbst politisch zu handeln (Günther 1990, S. 157).</p>
<p>&#8216;Der Fürst&#8217; bleibt auch heute noch selbst für Nicht-Realisten eine gewinnbringende Lektüre. Wenn Günther 1990 noch anmerkte, dass der moderne mitteleuropäische Leser Schwierigkeiten damit haben dürfte, sich in eine Welt von kleinen und größeren Herrschaften hineinzudenken, die &#8220;heute Republiken sind und morgen einem Tyrannen huldigen&#8221;, und er eine Anwendung der Ratschläge eher im wirtschaftlichen Bereich sah (mit Arbeitskämpfen und Handelskriegen, Leiharbeitern als Söldnerheeren, und dem öffentlichen Dienst als geistlichen Herrschaften), so scheint heute Krieg doch wieder mehr zum Mittel der Politik geworden zu sein.<br />
Auch scheinen einige Warnungen Machiavellis ihre Relevanz zu behalten: So sei die Besatzung eines fremden Landes kostspielig und in jeder Hinsicht schädlich, und sie drohe alle Einkünfte eines Staates zu verschlingen. Ferner werde ein fremder Machthaber, der in ein Land eindringe und gewisse Dinge nicht zu lenken verstehe, rasch wieder verlieren, was er eroberte.<br />
Hier kommen durchaus auch aktuelle Beispiele ins Gedächtnis bei denen es scheint, dass ein vorheriges Studium des &#8216;Fürsten&#8217; einige Fehler hätte vermeiden helfen können.<br />
(Tatsächlich waren es auch sich selbst als &#8216;Realisten&#8217; bezeichnende Wissenschaftler wie Kenneth Waltz, John Mearsheimer und Stephen Walt, die die US-Regierung davor warnten, 2003 in den Irak einzumarschieren. <a href="http://www.oup.com/uk/orc/bin/9780199271184/01student/zcases/03iraq/realist.pdf">PDF</a>, S.3.)</p>
<p>Literatur:<br />
Günther, Horst (1990): Nachwort, in: Machiavelli, Niccolò (a.a.O.), S. 149–165.<br />
Kailitz, Steffen (2007): Niccolò Machiavelli, Il Principe, Rom 1532, in: ders. (Hrsg.): Schlüsselwerke der Politikwissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag, S. 274–277.</p>
<p>Machiavelli, Niccolò (1990[1532]): Der Fürst. Frankfurt a.M.: Insel.<br />
ISBN: 3-458-32907-2, 7.50 EUR<br />
(<a href="http://de.bookbutler.com/do/bookCompare?searchFor=3458329072&amp;amountIn=eur&amp;shipTo=de&amp;searchIn=de&amp;zip=">Kaufen</a> oder, in älterer Übersetzung, frei bei <a href="http://de.wikisource.org/wiki/Der_F%C3%BCrst">wikicommons</a>)</p>
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		<title>Imperien?</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Aug 2008 11:26:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Hoebel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Taugt der Begriff des Imperiums eigentlich noch für die Analyse gegenwärtiger (Welt-) Politik? Herfried Münkler hat dazu im Jahr 2005 eine Studie vorgelegt, im Rahmen derer er auslotet, was der Begriff für die politiktheoretische Analyse leisten kann. In historischer Perspektive kommt er zu dem Schluss, dass das heutige Europa nicht ohne Anleihen beim Ordnungsmodell „Imperium“ [...]]]></description>
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<mce:style><!  st1\:*{behavior:url(#ieooui) } --></p>
<p>Taugt der Begriff des Imperiums eigentlich noch für die Analyse gegenwärtiger (Welt-) Politik? Herfried Münkler hat dazu im Jahr 2005 eine Studie vorgelegt, im Rahmen derer er auslotet, was der Begriff für die politiktheoretische Analyse leisten kann. In historischer Perspektive kommt er zu dem Schluss, dass das heutige Europa nicht ohne Anleihen beim Ordnungsmodell „Imperium“ auskommen wird, will es trotz interner Vielfalt sein Gewicht in weltpolitischen Fragen geltend machen. Kurz: Münkler hält den Begriff des Imperiums politiktheoretisch für anschlussfähig, um Erkenntnisse über die gegenwärtige Lage der Weltgesellschaft zu gewinnen.<br />
Diese Sicht teile ich nicht, zumindest nicht auf der Grundlage seiner Studie. Die begriffliche Bestimmung von Imperien weist zu viele Ungereimtheiten auf. Insbesondere der von Münkler in Anschluss an Michael W. Doyle verwendete Begriff der „augusteischen Schwelle“ verdeutlicht Inkonsistenzen in der Darstellung.<span id="more-73"></span><br />
Es bleibt vor allem unklar, ob politische Entitäten erst mit dem Überschreiten dieser Schwelle als Imperien bezeichnet werden können. Münkler benötigt den Begriff vor allem, um den imperialen Status einer Entität über ein Zyklenmodell nachzeichnen zu können. Dieses Modell hat drei Phasen, deren Durchlaufen einen imperialen Zyklus abschließen: Expansion, Konsolidierung und Niedergang, die sich im jeweiligen „Zusammenspiel der unterschiedlichen Quellen und Formen von Macht“ (Münkler) zeigen. Dazu zählen zum einen ökonomische und militärische Überlegenheit, ohne die es nicht zu Imperiumsbildungen kommen könne. Zumindest eine von beiden müsse zur Verfügung stehen, entweder um wie im Fall der „seaborn empires“ Spanien, Portugal, Niederlande und Großbritannien weltumspannende Handelsräume zu entfalten, oder wie im Fall von Land- und Steppenimperien Gebiete vor allem durch physische Gewalt unter Kontrolle zu bringen und z.B. wie die Mongolen Tributzahlungen einfordern zu können. In der Konsolidierungsphase trete dann politische und ideologische Macht hinzu.<br />
Die Machtquellen und -formen differenziert er in Anschluss an Michael Manns<span> </span>„Geschichte der Macht“, erläutert dann aber nicht weiter Organisationsformen und Mechanismen ihrer Anwendung. So ließe sich fragen, wie sich kulturelle Errungenschaften, Zahlungsfähigkeit und militärische Stärke überhaupt in Macht übersetzen und was das spezifisch „Politische“ an politischer Macht ist. Folgt man Münklers Darstellung, ist die ganze imperiale Gesellschaft durch Macht geprägt – und zwar des Zentrums. Doch was ist Macht genau und wie funktioniert sie? Über den Willen eines Einzelnen? Besitzt sie jemand, wie man Geld in der Hand halten kann? Und wie kann die Quelle von Macht gleichzeitig ihre Form sein?<br />
Über vergleichbare Fragen entfaltet Luhmann seine Kritik an der unreflektierten Anwendung des Begriffs Macht in der politischen Wissenschaft und stellt seine Überlegungen vor, Macht als ein Erfolgsmedium zu interpretieren. Macht ist durch die Androhung negativer Sanktionen „gedeckt“. Sie stabilisiert sich politisch vor allem in Ämtern, deren Besetzung durch eine Person als legitim anerkannt wird, z.B. weil es plausibel erscheint, sie aufgrund besonderer Verdienste oder dynastischer Vererbung für die Dauer ihres Lebens mit den Aufgaben des Amtes zu betrauen, oder weil man sich um das Amt bewerben kann und für eine zuvor festgelegte Zeit gewählt wird. In dieser Perspektive ist Macht allerdings nur eine besondere Form des Einflusses, jemanden zu einer Handlung zu bewegen, die dieser ohne Aufforderung nicht vollziehen würde. Man könnte daher prüfen, ob ein entgrenzter Machtbegriff (wie Münkler ihn in Anschluss an Mann einführt) nicht die Spezifika von Macht „verwischt“ und man besser von dem besonderen ökonomischen und ideologischen Einfluss auf Dritte und von militärischer „Gewaltfähigkeit“ sprechen sollte, um die möglicherweise je autonom zueinander stehen Handlungslogiken von gesellschaftlichen Bereichen aufzeigen zu können.<br />
Unter der Ägide sowohl von Viel- als auch von Einherrschern wie in Athen oder Rom prosperierten sich ausdifferenzierende gesellschaftliche Bereiche bereits in der Antike. Rom sei unter seinem Regierungs- und Rechtssystem zur kosmopolitischsten und individualistischsten Gesellschaft seiner Zeit geworden, schreibt Talcott Parsons dazu in vergleichender Perspektive. Im ganzen Imperium Romanum habe es eine relativ freie Mobilität von Personen und Gütern gegeben. Ein hoch entwickelter institutioneller Komplex von Geld, Kredit und Märkten habe die Entfaltung relativ unpolitischer Unternehmungen gefördert, d.h. sie waren nicht primär auf den Erhalt von Macht, sondern auf die Mehrung von Zahlungsfähigkeit ausgerichtet. Der Grad an Freiheit im imperialen Einzugsgebiet war vergleichsweise umfangreich. Ergänzen lässt sich noch, dass die Konversion der „Erträge“ in den jeweiligen Feldern (Ökonomie: Zahlungsfähigkeit; Kultur: Deutungshoheit oder die Rezeption literarischer Schriften; Militär: Karriere; Politik: die Chance, qua Amt auf Weisungen hin Folgebereitschaft erwarten zu können) zwar vor allem durch den Status einer Person geprägt war. Dieser war aber gerade in Rom nicht mehr starr herkunftsabhängig. Er konnte sich über individuelle Leistungen ändern, wie das Beispiel der Soldaten belegt, die nach dem Ableisten ihres Dienstes römische Bürger wurden – unabhängig davon, in welcher Provinz sie stammten.<br />
Eine zentrale Prämisse des Zyklenmodells besteht darin, dass gerade die erfolgreiche Konsolidierung über die zeitliche Dauer der Imperiumsbildung entscheidet. Diese fasst Münkler neben der räumlichen Ausdehnung des herrschaftlichen Zugriffs und einem Zentrum-Peripherie-Gefälle als ein wesentliches erkenntnisleitendes Kriterium auf, um angeben zu können, was ein Imperium eigentlich ist und ob eine politische Entität als Imperium qualifiziert werden kann. Er schlägt vor, dass man von einem Imperium sprechen könne, wenn ein möglicher Kandidat mindestens einen imperialen Zyklus durchlaufen und einen neuen angefangen habe. Das heißt: es macht seinem Vorschlag zufolge nur Sinn von Imperien zu sprechen, wenn die jeweilige politische Entität eine Konsolidierung durchlaufen hat.<br />
Die Eigentümlichkeiten der Konsolidierungsphase diskutiert Münkler am Beispiel Roms. Der Begriff der „augusteischen Schwelle“ markiert dabei die herausgehobene Bedeutung der Politik von Caesars Adoptivsohn Octavian, dem später durch den Senat der Ehrenname Augustus („der Erhabene“) verliehen wurde (27 v. Chr.). Nach knapp einem Jahrhundert des Konflikts um die zukünftige Verfasstheit Roms und vor allem um persönliche Herrschaftsansprüche in der römischen res publica ging Octavian militärisch als Sieger aus einem jahrelangen Machtkampf hervor.<br />
Unter dessen Regentschaft als „Seniorpartner“ des Senats trat Rom in eine lange Friedensphase ein, basierend auf administrativen Reformen Octavians. Nicht zuletzt zur Ausschaltung konkurrierender Herrschaftsansprüche und Gewaltzentren (wie sich bekämpfende Heere) initiierte er institutionelle Veränderungen der bereits imperiale Züge aufweisenden res publica. Dabei wurde insbesondere eine effektivere Besteuerung erreicht, indem auf eine direkte Abgabe an Verwaltungsbeamte umgestellt wurde, anstatt geschäftsmäßige Steuereintreiber zwischenzuschalten. Darüber hinaus hörten mit dem Ende der Bürgerkriege Requisitionen und zusätzliche Abgabenforderungen auf. Zusätzlich wurde die Verwaltungspraxis in den Provinzen stärker kontrolliert und damit verbessert, nicht zuletzt weil Beschwerden an Octavian und den ihm ergebenen Senat gerichtet werden konnten und auch Gehör fanden.<br />
Gleichzeitig ließ er die bestehende Sozialstruktur, gekennzeichnet durch die bereits genannten abgestuften Status und Rechte, weitgehend unangetastet. Michael Rostovtzeff zufolge verschärfte er die Schichtgrenzen sogar noch und band die einzelnen Statusgruppen über spezifische Aufgabenzuweisungen an das römische Reich.<br />
Weitere Abstufungen waren die Einwohnerschaft der italischen Städte (Versorgung mit Soldaten), Freigelassene (Bemannung der Flotte, Feuerwehr in Rom) und gehobene Sklaven (gemeinsam mit Freigelassenen Übernahme von Verwaltungsaufgaben in Italien sowie in den Provinzen). Octavian koppelte somit die rechtliche Differenzierung in Statusgruppen mit einer funktionalen Differenzierung der Verwaltung und des Militärs in Spezialisten mit entsprechenden Rollenerwartungen und der Anforderung, sich in den Dienst des Gemeinwesens zu stellen. Diese Entscheidungen galten gleichwohl nur für die latinischen Gebiete Italiens. In den Provinzen änderte sich rechtlich gesehen wenig, was allerdings auch bedeutete, dass die östlichen Provinzen mit Ausnahme Ägyptens ihre inneren Angelegenheiten wie zu Zeiten der alten res publica selbst regeln konnten. Forciert wurde jedoch die Urbanisierung stadtloser Gebiete in allen Reichsteilen, so dass gerade im Westen erheblich in die lokale Infrastruktur investiert wurde und das Land „ein fast völlig anderes Aussehen“ (Rostovtzeff) erhielt.<br />
Folgen zeitigten die Reformen vor allem in depolitisierten und rechtlich „gerahmten“ Bereichen wie dem Handel. Hinzu trat eine allgemeine libertas als Ausweitung von individuellen Handlungs- und Mobilitätsspielräumen (Parsons, siehe oben) sowie der Balancierung von autonomen Handlungslogiken der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und des Militärs.<br />
Laut Münkler stehe die augusteische Schwelle dafür, dass es zu einem Machtsortentausch gekommen sei. Mit der reduzierten Relevanz militärischer Stärke gewannen politische, wirtschaftliche und vor allem ideologische Macht an Gewicht. Gerade an der Herstellung dieses Gleichgewichts oder dem Ausgleich von Defiziten der einen Sorte durch eine andere scheiterten jedoch viele „Imperiumskandidaten“. Spanien konnte ab dem 16. Jahrhundert die teure Militärtechnik zur Aufrechterhaltung seines Herrschaftsanspruchs schlichtweg nicht mehr bezahlen; die Einnahmen aus seinen Kolonien reichten nicht mehr aus.<br />
Das Überschreiten der Schwelle leitete zusammenfassend, <em>die Überlegungen von Parsons und Rostovzeff mit einbeziehend</em>, folgende historische Konstellation ein:</p>
<ul>
<li>die militärisch gestützte faktische Einherrschaft einer Dynastie bei formaler Bindung an das Volk,</li>
<li>die administrative Bindung aller Reichsteile an das Zentrum bei gleichzeitiger Redistribution von Steuereinnahmen im Rahmen infrastruktureller Investitionen in urbane Lebensbedingungen,</li>
<li>die rechtlich institutionalisierte Statusungleichheit i.S.v. einer gesamtgesellschaftlichen Stratifizierung, im Rahmen derer letztendlich sich grundsätzlich heterogene Bevölkerungsgruppen als Mitglieder derselben Gesellschaft betrachten konnten – gebunden nicht zuletzt an die auctoritas des princeps, der die Einheit des Reiches verkörperte und so als sichtbares Zeichen dafür galt, wofür die einzelnen Statusgruppen ihre Spezialfunktionen wahrnahmen;</li>
<li>neben der an der Stratifikation orientierten Rollendifferenzierung entfalteten sich unter der faktischen Einherrschaft die Handlungslogiken verschiedener gesellschaftlicher Bereiche, so dass mindestens die zwei Jahrhunderte nach Augustus Tod durch eine vergleichsweise hohe gesellschaftliche Freizügigkeit geprägt war.</li>
</ul>
<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Generalisierungsfähigkeit des am Beispiel Roms entwickelten Konzepts. Münkler testet es anhand der Fälle Spanien, Russland, Osmanenreich und China, wobei im Rahmen dieser Anwendung drei Aspekte zu Tage treten. Erstens verkürzt er die zahlreichen Merkmale der römischen Konsolidierung hin zu einem „imperialen Prinzipat“ auf die gelingende bzw. misslingende Balancierung von Machtsorten, die er dann je Beispiel „durchspielt“. Ein Überschreiten gelingt eigentlich nur China, allen anderen Kandidaten fehlt vor allem wirtschaftliche Macht. Sie verharren entweder auf der Schwelle zur Konsolidierung (Spanien, Russland) oder betreten diese nur, ohne sie zu überschreiten (Osmanenreich). Dabei tritt zweitens die Inkonsistenz seiner Darstellung auf, das er den osmanischen Fall zunächst nur als Betreten, nicht aber als Überschreiten der „augusteischen Schwelle“ wertet, dann jedoch davon spricht, dass das Reich nach einen vernichtenden Schlacht 1402 dennoch in einen neuen Zyklus eingetreten ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Bedeutung das Konzept eigentlich zur Kennzeichnung der Konsolidierungsphase im Zyklenmodell einnimmt, wenn sie anscheinend gar nicht überschritten werden muss, um in einen zweiten imperialen Zyklus einzutreten. Drittens bleibt der Stellenwert des Zyklenmodells insgesamt unklar. Zur Erinnerung: die anfängliche Arbeitshypothese Münklers bestand darin, Imperien nur als solche aufzufassen, wenn sie einen kompletten Zyklus durchlaufen haben und einen zweiten beginnen. Betrachtet man jedoch das ganze Buch hinsichtlich dieser Zyklizität als Bestimmungsfaktor, kann über ihn nicht erhellt werden, in welchen historischen Fällen es sich um Imperienbildungen handelte.<br />
Dieses Problem fällt zusätzlich ins Auge, wenn Münkler Steppenimperien wie das mongolische Reich beschreibt, die in der Regel nur von kurzer Dauer gewesen sind. Wenn sie ganz offensichtlich keinen imperialen Zyklus von Expansion, Konsolidierung (als Übertreten der „augusteischen Schwelle“) und Niedergang durchlaufen haben, muss sich Münkler fragen lassen, warum er sie trotzdem als Imperien klassifiziert; und zwar als eine Sonderform, die von besonderem Interesse sei, weil sich die Expansion des militärischen Typs quasi in Reinform studieren lasse. Ich halte diese Begründung und den hieran deutlich werdenden Umgang mit dem Imperiumsbegriff für zu leichtfertig, da er dadurch – entgegen dem eigentlichen Ziel der Studie – eher an analytischer Schärfe verliert.<br />
Folglich muss entweder weitere Konturierungsarbeit geleistet werden, um den Begriff für Gegenwartsdiagnosen verfügbar zu halten. Oder der Begriff sollte in der Weise historisiert werden, als dass er einen bestimmten Gesellschaftstyp charakterisiert, den wir in der Moderne nicht mehr auffinden. Gerade das Konzept der „augusteischen Schwelle“ erscheint hier aufschlussreich: möglicherweise beschreibt es idealtypisch einen längst vergangenen Gesellschaftstyp, der einen Primat rechtlich-politischer Stratifizierung aufweist (mit einem princeps als einheitsstiftende Spitze) und trotzdem eine weitgehende rollenmäßige und funktionale Spezifizierung zulässt, im Rahmen derer es zu jener vergleichsweise hohen Entfaltung wirtschaftlicher und kultureller Freiheiten gekommen ist. Das britische Empire wäre ein möglicher „Testfall“. Es könnte anhand der Hypothese analysiert werden, dass es über lange Zeit nach der skizzierten Logik organisiert war, bis die politisch-rechtliche Statushierarchie zwischen Zentrum und Peripherie schließlich sukzessiv erodierte.</p>
<p><strong>Münkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft &#8211; vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin.</strong><br />
Erschienen 2005. Rowohlt Berlin. 331 Seiten. Gebunden.<br />
<strong>€ 19,90 (ISBN 3-87134-509-1)</strong></p>
<p><span lang="EN-GB">LITERATUR</span><br />
<span lang="EN-GB">Doyle, Michael W. 1986: Empires, </span><span lang="EN-GB">Ithaca</span><span lang="EN-GB">/ </span><span lang="EN-GB">London</span><span lang="EN-GB">: </span><span lang="EN-GB">Cornell</span><span lang="EN-GB"> </span><span lang="EN-GB">University</span><span lang="EN-GB"> Press.</span><br />
Luhmann, Niklas 1969: Klassische Theorie der Macht. Kritik ihrer Prämissen, in: Zeitschrift für Politik 16(2), 149-170.<br />
Mann, Michael 1990: Geschichte der Macht, Bd. 1.: Von den Anfängen bis zur griechischen Antike, Frankfurt am Main/ New York: Campus.<br />
Parsons, Talcott 1975: Gesellschaften. Evolutionäre und komparative Perspektiven, Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br />
Rostovtzeff, Michael 1931: Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich, Bd. 1, Leipzig: Quelle &amp; Meyer.</p>
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		<title>Legitimation durch Verfahren (Niklas Luhmann, 1969)</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jul 2008 17:03:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[REZENSION Die 1969 erschienene Monographie Legitimation durch Verfahren von Niklas Luhmann gehört zu den Werken deutschsprachiger Soziologie, die nicht ohne Grund als „Klassiker“ der soziologischen Disziplin angesehen werden Das Buch gliedert sich in einen ersten Teil, der die theoretischen Grundlagen des Verfahrens darlegt, zwei anschließende Teile, die die vorgestellten Grundlagen am Beispiel von Gerichtsverfahren und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>REZENSION</p>
<p>Die 1969 erschienene Monographie Legitimation durch Verfahren von Niklas Luhmann gehört zu den Werken deutschsprachiger Soziologie, die nicht ohne Grund als „Klassiker“ der soziologischen Disziplin angesehen werden<br />
Das Buch gliedert sich in einen ersten Teil, der die theoretischen Grundlagen des Verfahrens darlegt, zwei anschließende Teile, die die vorgestellten Grundlagen am Beispiel von Gerichtsverfahren und politischen Verfahren anwenden und einen abschließenden Teil, der Folgerungen und Erweiterungen der vorgestellten Analysen enthält.<span id="more-34"></span><br />
Gegen die in der Wissenschaftstradition erwartbaren Frage nach Wahrheit und Richtigkeit einer Entscheidung grenzt Luhmann seine Untersuchung von Verfahren ab, weil Wahrheit und Richtigkeit allein die Anerkennung der Entscheidung nicht garantieren können. Am Verfahren interessiert Luhmann vielmehr die latente Funktion der Legitimation einer Entscheidung. Um diese Umstellung der Analyse zu bewerkstelligen, reinterpretiert er den Begriff der Legitimität, wobei er von der motivierten Überzeugung des Einzelnen auf eine generalisierte Anerkennung einer Entscheidung umstellt. Zentral in der Argumentation ist, dass das Verfahren als soziales System die Komplexität einer entscheidungsbedürftigen Situation soweit reduziert, dass sie erstens entscheidbar ist und zweitens das Ergebnis von allen Betroffenen &#8211; unabhängig von ihrer psychischen Einstellung zur getroffenen Entscheidung &#8211; akzeptiert wird. Diese Doppelfunktion kann nur durch drei konkrete Bedingungen erfüllt werden: Das Verfahren muss erstens durch organisations- bzw. rechtsspezifische Normen und gesellschaftlich institutionalisierte Rollentrennung als besonderes Handlungssystem ausdifferenziert sein. Es muss zweitens eine gewisse Autonomie des Ablaufs erhalten, um eine eigene Geschichte zu entwickeln und es muss drittens komplex genug sein, um Konflikte zulassen zu können. Erst dann werden Betroffene motiviert, an eigenen sozialen Rollen mitzuwirken. Die Involviertheit in das Verfahren wird sie dazu veranlassen, Verhaltensalternativen aufzugeben. Durch diese Komplexitätsreduktion des Systems kann eine Entscheidung getroffen werden, die den Betroffenen psychische Anpassungsmöglichkeiten offen lassen, welche von der Gesellschaft nicht weiter beachtet werden müssen.<br />
Luhmann präsentiert auf diese Weise eine soziologische Argumentation, die aufzeigt, dass sich das Entstehen und Akzeptieren von Entscheidungen gerade nicht auf individuelle Zustimmung verlassen kann, sondern dass die sozialen Mechanismen für die Akzeptanz von Entscheidungen verantwortlich sind. Obwohl das Buch bereits vor fast 30 erschienen ist, sorgt die funktionale Analyse Luhmanns durch die konktraintuitiven Einsichten nach wie vor für positive Irritationen.<br />
Seit der „autopoietischen Wende“ der Systemtheorie, die mit dem Erscheinen von Soziale Systeme 1984 eingeleitet wurde, sind zwar Begriffe wie z.B. Rolle, System und Erwartung innerhalb des Aufbaus der Theorie mit anderen Stellenwerten und Funktionen besetzt worden, sodass die soziologische Systemtheorie insgesamt ein höheres Abstraktionsniveau erreichen konnte. Die Analyse des Verfahrens bleibt aber im Kern zeitlos und anschlussfähig, nicht zuletzt, weil die Theorie hier in einer direkten Sprache und klar gegliederten Zusammenhängen präsentiert wird.</p>
<p><strong>Luhmann, Niklas 1969: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt a.M.: Suhrkamp</strong></p>
<p><strong>€ 12,50 (ISBN 3518280430)</strong></p>
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		<title>Die Biografiefalle</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Jul 2008 11:18:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Sinn und Unsinn von Praktikervorträgen Die BA-Studiengänge sollen berufsqualifizierend sein. Dass hier ein gap zwischen Wunsch und Wirklichkeit besteht, ist offensichtlich. Vorträge von &#8220;Praktikern&#8221; werden in Reformdiskursen als das Allheilmittel dargestellt um die wissenschaftliche Theorie mit der beruflichen Praxis zu verbinden. Leider sind die meisten Praktikervorträge, die in Universitäten organisiert werden, kontraproduktiv. Denn Praktiker, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Sinn und Unsinn von Praktikervorträgen</em></strong></p>
<p>Die BA-Studiengänge sollen berufsqualifizierend sein. Dass hier ein <em>gap</em> zwischen Wunsch und Wirklichkeit besteht, ist offensichtlich. Vorträge von &#8220;Praktikern&#8221; werden in Reformdiskursen als <em>das</em> Allheilmittel dargestellt um die wissenschaftliche Theorie mit der beruflichen Praxis zu verbinden. Leider sind die meisten Praktikervorträge, die in Universitäten organisiert werden, kontraproduktiv. Denn Praktiker, die über sich und ihre Berufsfindung sprechen, idealisieren oder bagatellisieren ihren eigenen Werdegang derart, dass orientierungsbedürftige Studierende entweder auf Grund der biografischen Geschlossenheit der Darstellung verunsichert werden oder ihr Studium vollkommen naiv zu Ende bringen.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p><strong>Alfred Schütz</strong> ist es zu verdanken, dass wir heute viel darüber wissen, wie wir uns dazu befähigen unsere Handlungen zu organisieren. Analytisch unterscheidet er dabei zwei Motive, die unsere Handlungen mit Sinn versorgen: <em>Um-zu-Motive und Weil-Motive</em>. Diese Unterscheidung werde ich im Folgenden auf die Entstehung und vor allem auf die Darstellung einer Biografie beziehen. So wird das Problem der <em>Biografiefalle</em> deutlich werden.</p>
<p><strong>Weil-Motive</strong> (Vergangenheitsorientierung)<br />
Das Weil-Motiv konstituiert den Sinn einer Handlung durch bereits vollzogene Handlungen. Um Handlungen mit Sinn zu versehen, ist es nötig auf bereits abgeschlossene Handlungen Bezug zu nehmen. Und das macht ja die Praktikervorträge so reizvoll. Der Experte aus der Praxis soll zeigen, welche Erfahrungen er im Studium gemacht hat und wie sie mit &#8220;der Entscheidung&#8221; für einen bestimmten Beruf, bzw. eine bestimmte Praxis zusammenhängen. Allerdings hat der Praktiker zu seiner Biografie keinen privilegierteren Zugang als ein anderer Beobachter, da seine Rekonstruktion der Ereignisse genauso widerlegt werden kann, wie die eines anderen Beobachters. Seine glasklare Erinnerung kann sehr trügerisch sein. Mit anderen Worten hat der Praktiker die Wahl, ob er sich an bestimmte Dinge erinnert, ob er sie verfälscht oder unterschlägt. Die Perspektive auf die eigene Vergangenheit ist Beobachter-abhängig. Es stellt sich also die Frage, was dir Perspektive des Praktikers leitet.</p>
<p><strong>Um-zu-Motive </strong>(Zukunftsorientierung)<br />
Menschen handeln, <em>um</em> etwas <em>zu</em> erreichen. Dafür bedienen sie sich eines imaginären Tricks. Sie entwerfen einen zukünftigen <em>zu</em> erreichenden Zustand, und <em>um</em> diesen zu erreichen eine modo futuri exacti als abgelaufen entworfene Handlung. Der (meist noch recht junge) Praktiker nutzt den Vortrag vor Studierenden vor allem dafür, sich selbst zu bestätigen, dass er mit seiner Berufswahl und seinen aktuellen beruflichen Aufgaben die richtige Entscheidung für sich getroffen hat. Er wird also die meiste Zeit damit verbringen davon zu sprechen, wie sehr im die Arbeit gefällt. (Wenn der ehemalige Betreuer der Abschlussarbeit das Seminar leitet, wird die Motivation des Vortragenden in einem guten Licht zu erscheinen, noch stärker sein.)</p>
<p><strong>Zusammenwirken der Motive</strong><br />
Für die Analyse des Praktikervortrags ist nun entscheidend, dass die Orientierung an einer Zukunft die Auswahl der Vergangenheit beeinflusst. Konkret: Der Vortrag des Praktikers wird in erster Linie dazu genutzt, <em>um</em> die aktuelle berufliche Praxis in einem guten Lichte erscheinen <em>zu</em> lassen. Dieses um-zu-Motiv beeinflusst nun die Darstellung des Praktikers, der sich bemühen wird zu zeigen, dass er heute in der Praxis erfolgreich ist, <em>weil</em> er damals im Studium (der &#8220;Theorie&#8221;) bestimmte Entscheidungen getroffen hat. Das weil-Motiv unterstellt dabei eine klare Kausalität, die es aber empirisch überhaupt nicht gibt, sondern einzig dem um-zu-Motiv geschuldet ist. Denn der vortragende Praktiker hat das Problem, dass er &#8211; wie alle anderen &#8211; die Verbindung zwischen Theorie und Praxis weder sehen noch beschreiben kann. Er kann nicht wissen, warum aus dem Soziologen ein Berater, Versicherer, Beamter, Lehrer, etc. geworden ist.</p>
<p><strong>Retrospektive Sinngebung</strong><br />
Für ihn selbst ist das nicht weiter schlimm. Das retrospective-sensemaking, wie Karl E. Weick diesen Prozess nennt, ist für die eigene Handlungsorientierung unerlässlich. Aber für Praktikervorträge hat die retrospektive Sinngebung den Effekt, dass die Verbindung von Theorie und Praxis mit einem blinden Fleck des Praktikers belegt ist. Der Zusammenhang von im Studium gelernter Theorie und ihrer Anwendung in der Praxis wird eben nicht offen gelegt, sondern vielmehr verdeckt, idealisiert und/oder bagatellisiert. Und das hat Folgen für die ursprüngliche Intention des Praktikervortrags, die sich durch drei Stichworte beschreiben lassen: Idealisierung, Bagatellisierung und Verdeckung.</p>
<p><em>Idealisierung:<strong> </strong></em>Der Praktiker stellt sich häufig als der strebsame, linientreue Optimal-Soziologe dar, der schon im Studium wusste, was er später beruflich werden wollte. Dementsprechend liest sich die vorgestragene Vita wie ein logisch aufeinander aufbauender, roter Faden. Empirisch gesehen, gibt es diese Studenten aber so gut wie nicht.<br />
<em>Bagatellisierung<strong>: </strong></em>Der Praktiker wird den Studierenden weiß machen wollen, dass die &#8220;eigentliche Ausbildung&#8221; erst mit der Aufnahme eines Berufes beginnt. Man sei als Soziologe zwar breit qualifiziert und könne sich daher schnell in verschiedenste Tätigkeiten einarbeiten, aber die wahre Schule des Lebens fange erst mit richtiger Arbeit an. Demzufolge könne man darauf verzichten bereits während des Studiums über den Sinn und Zweck der Soziologie-Ausbildung zu sinnieren.<br />
<em>Verdeckung:</em> Der Praktikervortrag ist für die Problematik des Theorie-Praxis-Verhältnisses nicht informativ. Das Thema steht nicht im Mittelpunkt, vielmehr geht es dann um Gehaltsfragen, Studierendengeschichten oder so spannende Themen wie das &#8220;Arbeitsklima&#8221;. Das mag interessant sein, trägt aber sicherlich nichts zur Berufsqualifizierung bei.</p>
<p><strong>Konsequenzen:</strong><br />
So führt der blinde Fleck des Praktikers bei den Studierenden nicht dazu, dass sie eine Vorstellung von der Theorie-Praxis-Problematik entwickeln könnten und somit einer Berufsqualifizierung näher kämen. Entweder werden sie massiv eingeschüchtert, weil sie selbst dem Bild des Optimal-Soziologen so wenig entsprechen. Oder sie studieren bis zur Abgabe ihrer Abschluss-Arbeit vollkommen naiv weiter, ohne sich auch nur einmal mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, was sie mit ihrem Abschluss später erreichen könnten. Beide Gruppen von Studierenden werden keine selbstbewussten Soziologen, die offensiv auf dem Arbeitsmarkt auftreten. Denn entweder werden sie ihre eigenen soziologischen (!) Fähigkeiten gering schätzen und/oder sich prinzipiell für alle zu übernehmenden Aufgaben bereit erklären und dabei auf einen soziologischen Bezug der Aufgaben verzichten.</p>
<p><strong>Sind Praktikervorträge unnütz?</strong><br />
Nein. Praktikervorträge können im Rahmen einer Berufsqualifizierung der Studierenden sinnvoll sein. Aber nur dann, wenn die Biografiefalle als solche vorbereitend auf die Vorträge von den Studierenden erarbeitet wird. Darüber hinaus erscheint es mir sinnvoll, dass Studierende bereits vor der Konfrontation mit Praxiserfahrungen durch berufstätige Soziologen in einen intensiven Prozess eingetreten sind, der die Frage thematisiert, was sie mit ihrem Studium erreichen können und wollen. Eine Theorie-Praxis-Reflexion sollte von den Studierenden daher kontinuierlich während des Studiums betrieben werden. An der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld gibt es solch ein Programm bisher nicht. Eine Le(e/h)rstelle.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Schütz, Alfred (1960): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Springer.</li>
<li>Weick, Karl E. (1985): Der Prozess des Organisierens, Suhrkamp.</li>
</ul>
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