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	<title>Sozialtheoristen &#187; Weltgesellschaft</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Omar Bassan al-Bashir und die Weltgesellschaft</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Mar 2009 13:23:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen den sudanesischen Präsident Omar Hassan al-Bashir dokumentiert den unaufhaltsamen Fortschritt weltgesellschaftlicher Differenzierung, wobei gleichzeitig zu beobachten ist, dass entlang verschiedener Ebenen der Weltgesellschaft Konfrontationslinien auftreten, für die es bisher keine Beobachtungsschemata gibt. Um dies zu zeigen, werde ich in einem ersten Schritt den Begriff der Weltgesellschaft einführen, dann das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Haftbefehl des <strong>Internationalen Strafgerichtshofs gegen den sudanesischen Präsident Omar Hassan al-Bashir</strong> dokumentiert den unaufhaltsamen Fortschritt weltgesellschaftlicher Differenzierung, wobei gleichzeitig zu beobachten ist, dass entlang verschiedener Ebenen der Weltgesellschaft Konfrontationslinien auftreten, für die es bisher keine Beobachtungsschemata gibt. Um dies zu zeigen, werde ich in einem ersten Schritt den Begriff der Weltgesellschaft einführen, dann das Problem von Nationalstaatlichkeit und Weltpolitik anreißen, um im dritten Schritt die Konfrontationslinien der weltkulturellen Eben zu skizzieren. Abschließend zeigt sich, dass Menschenrechte eine Transformation von Kultur zu Recht erlebt haben.</p>
<h2>Weltgesellschaft</h2>
<p><span id="more-429"></span></p>
<p>Systemtheoretisch betrachtet gibt es nur eine Gesellschaft, die Weltgesellschaft. Diese Fassung von Gesellschaft hängt in erster Linie von ihrer begrifflichen Bestimmung ab: für Gesellschaft ist das konstitutive Element Kommunikation. Alles, was Kommunikation ist, gehört zur Gesellschaft, alles andere ist Umwelt. Alle Kommunikation ist potentiell füreinander erreichbar, bzw. über eine Verkettung von Interaktionszusammenhängen miteinander vernetzt. Daher kann es nur eine Gesellschaft geben, die Weltgesellschaft.</p>
<h2>Weltpolitik</h2>
<p>Auch für die Politik muss davon ausgegangen werden, dass es ein System der Weltpolitik gibt. Kritiker dieser systemtheoretischen Perspektive wenden ein, dass der Nationalstaat auf politischer Ebene doch das konstitutive Element sei. Systemtheoretisch wird diese Kritik auf den Kopf gestellt: Die genuine Leistung des weltpolitischen Systems ist die wechselseitige Anerkennung des Nationalstaats. Das weltpolitische System ermöglicht die segmentäre Differenzierung in nationalstaatliche Territorien erst, da erst durch die Anerkennung nationalstaatlicher Souveränität eine globale politische Auseinandersetzung möglich wird, ohne dass sich ein nationales Reich über den Globus erstreckt.</p>
<h2>Menschenrechte</h2>
<p>Auf einer anderen Ebene der Weltgesellschaft, der Kultur, wie Stichweh (2000) zeigt, entwickelt sich die Anerkennung von Menschenrechten. Gerade in der Frage der Menschenrechte ist zu beobachten, dass die kulturelle Diversität der Weltgesellschaft hier nicht anzutreffen ist, sondern das exakte Gegenteil. Der Anpassungsdruck souveräner Staaten gegenüber der Anerkennung von Menschenrechten führt zu einer Limitation nationalstaatlicher Souveränität. Die Einschränkungen führen soweit, dass Eingriffrechte entstehen, die Interventionen gegenüber souveränen Staaten ermöglichen, ohne (!) dass ein anderer souveräner Staat dafür als direkter Adressat einer Gegenreaktion zur Verfügung stünde, wie dies im Falle einer Kriegshandlung beobachtbar ist.</p>
<h2>Konsequenzen weltpolitischer Intervention</h2>
<p>Der Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten zeigt deutlich, dass die kulturelle Verbreitung der Menschenrechte eine Rückwirkung auf das weltpolitische System gehabt hat, dass nun selbst in Aktion treten muss, ohne dass dafür nationalstaatliche Adressen zur Verfügung stünden. Die Irritationen, die mit diesem Fall politisch und medial diskutiert wurden liegen meiner Meinung nach vor allem darin, dass die Beobachter noch nicht damit umgehen können, dass politische Interventionen gegenüber souveränen Staaten nicht mehr durch einzelne Staaten oder ein Staatenbündnis ausgelöst werden.</p>
<h2>Verantwortung</h2>
<p>Die Frage die sich dann nämlich stellt, ist die nach der Verantwortung. Notwendigerweise bleibt sie leer. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, wenn die Beobachter sich daran gewöhnt haben. Schließlich wird bei alltäglichen Rechtsprozessen auch nicht nach den Motiven oder der Verantwortung der Ermittlungs- und Justizbehörden gefragt, solange sie durch positiv gesetztes Recht gestützt sind.</p>
<h2>Kultur oder Recht?</h2>
<p>Der Verweis auf positiv gesetztes Recht, bringt mich zu der abschließenden Frage, ob man bei Menschenrechten von Kultur sprechen kann? Ich denke, dass man Stichwehs Überlegungen dahingehend nutzen kann, wenn man die Entstehung von Menschenrechten und ihre weltweite Verbreitung verstehen will. Das lief durchaus über kulturelle Entwicklungen. Es gibt einen (schwer zu bezeichnenden) Transformationspunkt, an dem die Kultur des Menschenrechts zu einem Recht der Weltgesellschaft wurde und damit einer andere Sphäre zuzurechnen ist, nämlich dem Weltrechtssystem. Die Konsequenz dieser Transformation ist mit dem Haftbefehl gegen Omar Bassan al-Bashir beobachtbar.</p>
<p>Literatur:<br />
Stichweh, 2000, Weltgesellschaft.</p>
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		<title>Massenmedien verständlich, wahr, richtig und wahrhaftig</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Aug 2008 13:27:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[„Massenmedien&#8221; lassen sich einfach als Kommunikationsform fassen, die entgegen gewöhnlicher Interaktion oder geregelter Interaktion in Organisationen nicht schon beim Verfassen ihrer Inhalte über ein direkt adressiertes Publikum verfügt. Am besten lässt sich das mit der Unterscheidung von privat/öffentlich fassen. Massenmedien sind demnach all diese Kommunikationen, die einfach in den Raum geworfen werden. Diesen Raum der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Massenmedien&#8221; lassen sich einfach als Kommunikationsform fassen, die entgegen gewöhnlicher Interaktion oder geregelter Interaktion in Organisationen nicht schon beim Verfassen ihrer Inhalte über ein direkt adressiertes Publikum verfügt. Am besten lässt sich das mit der Unterscheidung von privat/öffentlich fassen.</p>
<p>Massenmedien sind demnach all diese Kommunikationen, die einfach in den Raum geworfen werden. Diesen Raum der Öffentlichkeit zu erschließen war lange Zeit schwierig aber seit die Chinesen das Papier und die Europäer die Drucktechnik erfunden haben und der Gesellschaft bewusst wurde, was es bedeutet öffentlich zu kommunizieren, sprießen die Verbreitungsmedien nur so aus dem Boden. Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet. Kein Verbreitungsmedien hat je ein anderes ersetzt, sondern es wurde einfach das „Erschließungspotential&#8221; bezüglich „Öffentlichkeit&#8221; erhöht.</p>
<p><span id="more-55"></span>So ist die strukturelle Faktenlage. Auf Seiten derjenigen, die diese Verbreitungsmedien mit Inhalten füllen gibt es allerdings die Ansicht, das man die öffentlich/privat Unterscheidung einer professionell/nicht professionell Unterscheidung unterordnen soll. Auf der einen Seite sollen sich dann demnach die Journalisten finden, auf der anderen Seite Bloger. Der einzige Unterschied, der sich (noch) strukturell finden lässt, ist jedoch, dass die einen ihr Schreibwerk beruflich, die anderen hobbymäßig erbringen. Diese Form, Professionalität und Hauptberufstätigkeit gleichzusetzen, ist jedoch allenfalls ein semantischer Trick, der es den Akteuren erlaubt die wahren Bedeutungen dieser Sprachregelung zu verschleiern.</p>
<p>Ein noch größerer und auch unverschämter Trick ist es, Professionalität als Begriff mit selbstbeschreibenden, verherrlichenden Merkmalen aufzuladen und zu glauben, dass man damit durchkommt. (Ein dokumentiertes Beispiel dafür <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wer-andern-eine-grube-graebt-ist-journalist/">hier</a>.) Denn einer Überprüfung nach Habermas, nach der Journalisten sich dadurch auszeichnen, dass sie verständlich, wahr, richtig und wahrhaftig handlen ist so albern, dass man das gar nicht weiter kommentieren muss. Was soll schon wahr und richtig sein? Dafür gibt es weder Kriterien noch könnte man maßstäblich vergleichen. Und was verständlich ist, liegt immer auf Seiten des Lesers. Gleichsam könnte man diese Großkategorien erweitern um: gefällig, anregend, unterhaltsam, &#8230;</p>
<p>Eine Unterscheidung von Blogerei und Journalismus entlang semantischer Selbstbeschreibung ist also, außer zur Ideologiebildung, für nichts zu gebrauchen.</p>
<p>Geht man nach gesellschaftsstrukturellen Merkmalen um Bloger von Journalisten zu unterscheiden erlebt man das Wunder, dass sie sich nicht unterscheiden lassen. Beide haben, grob gerechnet, ähnliche Leseraten (<a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/374/beta-journalisten-und-beta-blogger">vgl</a>.), nutzen Text, verfügen über unbestimmtes Publikum, &#8230;</p>
<p>Alle Unterschiede sind semantisch Konstruiert bzw. wurden in Zeiten anderer Entwicklungsstadien der Verbreitungsmedien notwendig tradiert. Man erkennt es auch daran, das jeweils bei der Thematisierung der einen Seite stets die andere mitgeführt werden muss, weil man den Graben ansonsten gar nicht markieren könnte.</p>
<p>Luhmann sagt, alles was wir über die Welt wisse, wissen wir aus den Massenmedien und meint damit, das wir ohne Massenmedien quasi nichts wüssten. Wir könnten zwar wahrnehmen, was in unseren unmittelbaren Umfeld passiert, jedoch müssen wir es heute, um auf dem Laufenden bleiben zu können, in einem Kontext einordnen, dessen Horizont der der Weltgesellschaft ist. Wie Liebe geht, wissen wir aus den Medien, was gute Demokratie ist wissen wir aus den Medien, weil sie uns schlechte Diktaturen gezeigt haben und das die ARD-Kriegsberichterstattung falsch sein könnte, vermuten wir, weil wir auf anderen Kanälen andere „richtigere&#8221; Kriegsberichte gesehen haben.</p>
<p>Die Crux der Massenmedien ist vor allem, dass wir nicht mehr die Welt, sondern die Massenmedien beobachten. Zugang zur Welt haben wir also nur über Bande. Wir beobachten Beobachter und sind uns darüber bewusst, das die Beobachter auch anders hätten beobachten können.</p>
<p>Und vielleicht ist das die große Leistung der Blogs, die, wenn man den thematischen Fäden der Blogosphäre folgt, nicht wie die Journalisten (ihrer Selbstverherrlichung nach) die Welt, sondern die Journalisten in ihrer Weltkonstruktion beobachten und aufzeigen, wie man anders hätte beobachten können. Dieses Watchblog-Phänomen führt uns nicht näher an eine „wahre&#8221;, „richtige&#8221; Welt heran, aber sie entlarft den Konstruktivismus der „alten&#8221; Massenmedien. Das alles natürlich auch nur durch eigene Konstruktionen, die wir mit unseren Sinnen nicht überprüfen können, die aber dennoch sehr erhellend sind.</p>
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		<title>Es gibt immer was zu tun.</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2008 14:39:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Hoebel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
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		<description><![CDATA[Überlegungen zur Abweichungsbeobachtung in der Weltgesellschaft Berlusconi schneidere sich neues Immunitätsgesetz, meldet die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL im Juni 2008. Er plane das Gesetz, damit er nicht wegen eines anhängigen Korruptionsverfahrens verurteilt werde. Die Meldung ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen kann man fragen, warum eine deutsche Zeitschrift überhaupt über einen Vorgang in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Überlegungen zur Abweichungsbeobachtung in der Weltgesellschaft</em></p>
<p class="MsoNormal">Berlusconi schneidere sich neues Immunitätsgesetz, meldet die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL im Juni 2008. Er plane das Gesetz, damit er nicht wegen eines anhängigen Korruptionsverfahrens verurteilt werde.<a name="_ednref1" href="#_edn1"></a></p>
<p class="MsoNormal">Die Meldung ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen kann man fragen, warum eine deutsche Zeitschrift überhaupt über einen Vorgang in Italien berichtet. Es handelt sich offensichtlich um ein Ereignis von überregionaler Bedeutung, ja sogar um ein Weltereignis, wie die Recherche auf den Webseiten der US-amerikanischen NEW YORK TIMES ergibt, die ebenfalls über Berlusconis Gesetzesvorhaben berichtet.<a name="_ednref2" href="#_edn2"><span class="MsoEndnoteReference"><span><!--[if !supportFootnotes]--><!--[endif]--></span></span></a> Zum anderen ist auffällig, warum dem Ereignis überhaupt Nachrichtenwert zugewiesen wird. Augenscheinlich wird in diesem Fall eine Abweichung von öffentlichen Verhaltensstandards registriert, denn Berlusconi plant einen politischen Eingriff in die Rechtssprechung, genauer: über kollektiv verbindliches Entscheiden soll die Rechtssprechung in der Weise festgelegt werden, dass er als Person-im-Staatsamt nicht strafrechtlich verfolgt werden kann.</p>
<p class="MsoNormal"><span id="more-19"></span></p>
<p class="MsoNormal">In Abwandlung eines Arguments von Niklas Luhmanns nehmen die Massenmedien in diesem Fall einen Standpunkt der Weltgesellschaft ein. Sie finden über allgemeine Vorstellungen, nach welchen „globalen Standards“ Staatsgesellschaften strukturiert sein und ihre Protagonisten handeln sollten, den Anlass dafür, Abweichungen überhaupt beobachten zu können. Die Weltgesellschaft beschreibt er als funktional differenziert in operativ eigenlogische Teilsysteme. Beispiele sind die Politik, die Wirtschaft, das Recht oder die Wissenschaft. Sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass in ihnen nach eigenen Prinzipien verfahren wird, so dass sich Politiker der Kritik ausgesetzt sehen, wollten sie Richtern vorschreiben, wie sie ihre Urteile zu fällen haben.<span> </span></p>
<p class="MsoNormal">In dieser Perspektive ermöglichen folglich die Struktur der Weltgesellschaft selbst und eine zumindest diffuse Kenntnis dieser Strukturiertheit solche Abweichungsbeobachtungen, wie sie auf Berlusconi bezogen vorgenommen werden. Sie werden gleichwohl nicht nur situativ, personalisiert sowie allgemein den Regeln der Massenmedien folgend vorgenommen. Man denke an die zahlreichen Indices, die mit großem Aufwand erstellt und nachgefragt werden. Beispiele sind der „Failed States Index“, der „Freedom House Index“ oder der „Bertelsmann Transformation Index“ (BTI). Sie sind Abweichungsregistraturen größeren Maßstabs.</p>
<p class="MsoNormal">Nehmen wir das Beispiel des BTI. Hier wird nach eigener Darstellung die Umsetzung erfolgreicher Reformpolitik von „Staaten auf ihrem schwierigen Weg der Transformation“ verzeichnet. Beobachtet wird anhand eines Kontinuums zwischen den Polen Gelingen und Misslingen. Als Gradmesser gelten die beiden Ordnungsmodelle „Rechtsstaatliche Demokratie“ und „Sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft“. Impliziert wird damit ein vergleichsweise spezifischer Entwicklungspfad mit einem normativ begründeten Endzweck (im Sinn der Aristotelischen causa finalis). Der „guten Regierungsführung“ wird dabei eine Schlüsselrolle zugewiesen. Die Transformation wird im Rahmen eines umfangreichen Berichtswesens über quantitativ und qualitativ operationalisierte Indikatoren gemessen, so dass jährlich ein Ranking über Erfolge und Rückfälle erstellt werden kann. Zwar gebe es aufgrund von Gefährdungen wie Stagnation, Machtkonflikten und Staatsversagen keine Erfolgsgarantie. Allerdings wolle die Bertelsmann Stiftung im Rahmen des BTI und zusammen mit ihrem Projektpartner, dem Centrum für angewandte Politikforschung, einen Beitrag dazu leisten, die politische Steuerung dieser Transformationsprozesse effektiver zu gestalten, wirksamer zu unterstützen und Fachwissen produktiv zu vernetzen. Dahinter liegt offensichtlich die Annahme, es bedarf der Promotion „richtiger Entwicklung“ im Sinn einer zunehmenden Konvergenz weltweiter staatlicher Ordnungsmuster europäischen Vorbilds. Andere Ordnungsmodelle müssen daher zwangsläufig als Abweichungen und als ein „Noch-nicht-Erreichen“ im Sinn „richtiger“ Entwicklung vermerkt werden.</p>
<p class="MsoNormal">Welche Folgen hat diese Abweichungsbeobachtung eigentlich, kann man sich fragen? Es fällt einem der Werbeslogan eines großen Baufachhandels ein: „Es gibt immer was zu tun“. Für unseren Fall heißt das: „Es gibt auch ZUKÜNFTIG was zu tun“. Kurz: vor allem sichert Abweichungsbeobachtung den Bestand der beteiligten Organisationen.</p>
<p class="MsoNormal">In Bezug auf Berlusconi versorgen sich die Massenmedien letztlich selbst mit einem Anlass, auch „morgen“ in gleicher Weise weiterzuarbeiten, nämlich zu prüfen, ob das Thema weiter Relevanz hat, um darüber zu berichten. Zugespitzt formuliert sorgt es über die Speicherung von Abweichungsbeobachtungen in seinen (Online-)Archiven dafür, dass ein in dieser Weise qualifiziertes Ereignis im Gedächtnis bleibt. Und so lange die Abweichung weiter besteht, erscheint es lohnenswert, weiter darüber zu berichten.</p>
<p class="MsoNormal">Ähnlich verhält es sich für die Organisationen, die Indices internationaler Politik erstellen. Es ist paradox: so lange Abweichungen feststellbar sind, sollte man sie schließlich auch messen. Dazu passt, dass im Rahmen des neo-institutionalistischen „world polity“-Ansatzes die Weltgesellschaft anhand von weltweit propagierten Ordnungsmodellen beschrieben werden, deren Geltung einen äußeren Veränderungs- bzw. Anpassungsdruck auf Nationalstaaten erzeugen, so dass diese sich hinsichtlich ihres formalen Erscheinungsbildes angleichen. Diese Isomorphie ist ein zentrales Kennzeichen der world polity, die als die Gesamtheit weltweit auffindbarer politischer und kultureller, „rationalistischer“ Institutionen aufgefasst werden kann. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um politische und kulturelle Modelle, so dass Boris Holzer anmerkt, es könne nach diesem Ansatz nahezu unterschiedslos von Weltgesellschaft, Weltkultur und eben world polity gesprochen werden. Wenn man so will, „stabilisieren“ internationale Indices-Organisationen die Geltung (a) dieser Ordnungsmodelle und gleichzeitig (b) sich selbst als „Promotoren“ dieser Modelle. Dabei sind sie allerdings „zweifach blind“.</p>
<p class="MsoNormal"><em>Zum einen</em> sehen sie selbst nicht, dass sie Ordnungsmodelle „promoten“, die in so genannten gescheiterten, scheiternden oder brüchigen Staaten auf den externen Synchronisationsdruck zwar formal eingeführt werden, weil sie als Voraussetzung für „effektives Regieren“, „angemessene Bildung“, „Rechtssicherheit“ o.ä. gelten. Gleichzeitig erscheinen konkurrierende Ordnungsmodelle lokaler Herrschaft, Wirtschaftstätigkeit und Erziehung allerdings selbst auffällig stabil, so dass z.B. die Weltbank trotz aller bisherigen Bemühungen in Afghanistan eingesteht, dass sich die Lage „verschlechtere“, weil Warlords ihre Autonomie erfolgreich aufrecht erhalten, die Wirtschaft ihre Einnahmen weiter über Mohnanbau erzielt und diese Opiumökonomie zusätzlich die Korruption blühen lässt.</p>
<p><em><span style="Cambria;">Zum anderen</span></em><span style="Cambria;"> haben sie zwar mit dem Terminus der „Korruption“ einen Begriff für diese konkurrierenden Ordnungsmodelle. Jedoch haben sie bislang fast nur die Vorstellung davon entwickelt, dass diese z.B. auf Familienangehörigkeit, Ehre, Scham, gegenseitigen Beschenkens oder Reziprozität basierenden Handlungsmuster „bekämpft“ werden müssen. Unbemerkt bleibt, dass Institutionen der world polity lokal als die eigentliche Abweichung betrachtet wird. Ob deren Einführung (z.B. im Rahmen einer Public Administration Reform, welche die Weltbank für Afghanistan skizziert hat, nachdem sie vorher die Verschlechterung der Situation gemessen hat) daher den erhofften Erfolg hat, kann bezweifelt werden. Sie muss ja auch keinen Erfolg haben, nimmt man sich doch damit die Möglichkeit, weiter Abweichungen zu messen und damit begründbare Reformprogramme „auf den Weg zu bringen“.</span></p>
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