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	<title>Sozialtheoristen &#187; Wirtschaft</title>
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	<description>Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung</description>
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		<title>Ideologie und Moral</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Sep 2010 17:53:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn ich mein deutsches Internet betrachte, bin ich immer wieder erstaunt, welche engagierten Meinungsbekundungen und lebhaften Diskussionen in ihm ausgetragen werden. Gerade die Kommentierungen der politischen Abläufe sind nicht nur wütend und anklagend, sondern sehr oft unterhaltsam und lehrreich. Das ist relativ verwunderlich, da gerade die Diskussion politischer Sachverhalte stets Gefahr läuft, sich in Ideologien [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-991" title="Nebel" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2010/09/Unbenannt-15.jpg" alt="" width="550" height="317" /></p>
<p>Wenn ich mein deutsches Internet betrachte, bin ich immer wieder erstaunt, welche engagierten Meinungsbekundungen und lebhaften Diskussionen in ihm ausgetragen werden. Gerade die Kommentierungen der politischen Abläufe sind nicht nur wütend und anklagend, sondern sehr oft unterhaltsam und lehrreich.</p>
<p><span id="more-990"></span>Das ist relativ verwunderlich, da gerade die Diskussion politischer Sachverhalte stets Gefahr läuft, sich in Ideologien und Moralisierungen zu verlieren. Das liegt nicht daran, dass dies besonders einfach ist, wenn zwangsläufig irgendwann Argumente und Wissen ausgehen aber persönliches Engagement bleibt. Sondern es liegt daran, dass eine Diskussion politischer Sachverhalte eigentlich nichts anderes ist/sein kann als ein Austausch ideologischer Meinungen und moralischer Ansichten.</p>
<p>Egal welches politische Thema man sich herausnimmt, generalisiert geht es immer um wirtschaftspolitisches Prognostizieren, also die Vorwegnahme der Wirkung einer politischen Regulierung des wirtschaftlichen Eigenlebens. Die Zutaten einer politischen Diskussion sind, ob am Stammtisch, im Plenum, in der Universität oder im Management: Wirtschaft, Politik und Zukunft.</p>
<p><em>Zur Wirtschaftskomponente</em>: Die Wirtschaftswissenschaft verhält sich zur Gesellschaft wie die Mathematik zu den Naturgesetzen. Für sich genommen handelt es sich um logische Denkgebäude, die Sinn ergeben, verständlich und kommunikabel sind. Wenn es aber drauf ankommt, werden sie stets von der Realität gestört. Heute glaubt man, alle Naturgesetze zu kennen und traut sich zu, mit der Mathematik die Natur vorauszurechnen. Doch man darf die Mathematik nicht mit der Natur verwechseln. (1 + 1 = 2, aber eine Wolke + eine Wolke != doppelte Regenmenge.) Die Wettervorhersage, Atomkraftsicherheit, Statik, usw. stellt keine Sicherheit über die Zukunft her, sondern reduziert Risiko (Gefahr bleibt). Ebenso verhält es sich mit der Wirtschaftswissenschaft und der Gesellschaft: Auch wenn die Theorien noch so gut, weil logisch, sind, man darf sie nicht mit der Gesellschaft verwechseln, sondern muss die je einzelne Theorie als kontingentes Modell begreifen, dass es mit unkalkulierbaren Aspekten von Gesellschaft und Geschichte zu tun bekommt.</p>
<p>Den wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen in politischen Diskussionen muss man dann den Ideologievorwurf machen, wenn sie vorgaukeln, kontrolliert die Gesellschaft regulieren zu können. Da dies eigentlich ihr einziger Sinn ist, sind es kurz gesagt reine Ideologien. Das Gelingen politischer Steuerung zu erkennen erfordert die Wahl einer Perspektive, aus der Ursachen und Wirkungen gut passen, und das Ignorieren anderer Perspektiven, anderer Zusammenhänge und unüberschaubaren Nebenfolgen. Oft kommt man in politischen Diskussionen aber gar nicht so weit, Perspektiven, Zusammenhänge und Nebenfolgen zu diskutieren, weil bereits ignoriert wird, dass nicht alles nach wirtschaftlichen (Geld) Gesichtspunkten betrachtet werden kann. (Aber wie soll man dagegen diskutieren, wenn Nobelpreise an Spieltheorien vergeben werden…)</p>
<p><em>Zur Politikkomponente</em>: Politik hat es mit dem Kollektiv der Gesellschaftsmitglieder zu tun. Politische Entscheidungen sind nicht für den Einzelnen gemacht, sondern für das Kollektiv – also alle zu gleich. (Nicht zu verwechseln ist dies mit den Einzelfallentscheidungen der Verwaltungen, die natürlich als Einzelfälle diskutiert werden können.) Bei der Thematisierung des Kollektivs handelt es sich somit um eine Thematisierung der Menschen, ohne dass zwischen „Ich“ und „den anderen“ unterschieden werden kann. Politische Themen zwingen die Diskutanten somit in den Denkmodus des kategorischen Imperativs, auch wenn tatsächlich selten „Alle“ gemeint sind, aber doch stets angebbare Gruppen und nie Individuen. Ein politisches Thema ist somit immer auch ein Thema der Achtung des Anderen &#8211; es sei denn man lebt völlig ohne Selbstachtung – und somit stets eine Thematisierung von Moral, den generalisierten Achtungsbedingungen in der Gesellschaft.</p>
<p><em>Zum Zukunftsaspekt</em>: Wie überall kann niemand wissen, was die Zukunft bereithält. Selbst wenn wir alle Zutaten guter Politik wüssten, würden uns die Kombinationsmöglichkeiten stets wieder überraschen. Keine soziale Wirkung kann tatsächlich vorausgesagt werden, weil es sie in dieser Wortverwendung eigentlich nicht gibt, alles ist Prognose und Folge. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass die Politik selten wirklich innovativ steuert, weil sie mit Nachsteuern bereits überlastet ist.</p>
<p>In diesem Sinne ist eine politische Diskussion, wie die des Hartz-IV-Warenkorbes, stets eine ideologische, moralische – sie kann gar nicht anders sein. Das Ziel sollte nicht sein, amoralisch und unideologisch zu „diskutieren“, sondern über diese Grundlage einer politischen Diskussion Bescheid zu wissen. Man kommt nicht drum herum, dass man bloß im Nebel stochert, doch muss man sich nicht gleich hoffnungslos verlieren.</p>
<p>(Dieser obige Text ist eine Nachwirkung des Lesens dieses <a href="http://www.weissgarnix.de/2010/09/27/hartz-iv-als-moralische-besserungsanstalt/">Textes von F. Luebberding</a>. Ein ganz ausgezeichneter Diskussionsbeitrag zum Hartz-IV-Warenkorb-Theater, der meiner Ansicht nach hervorragend weil implizit mit dem Problem der Ideologie und Moral umgeht. Da in ihm auch explizit der Moralaspekt thematisiert wird, wollte ich das hier mal themenunabhängig aufgreifen.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/15263179@N03/3420268831/">Dimit®i</a>)</em></p>
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		<title>Integrieren sie sich bitte</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Sep 2010 14:27:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
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		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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		<description><![CDATA[(1) Die „Integrationskurse“, die seit 2005 in Deutschland laufen und als Abendschulkurse für Zugewanderte angeboten werden, beinhalten 600 Stunden Deutschunterricht und lehren 45 Stunden „Grundkenntnisse über Recht, Geschichte und Kultur in Deutschland“ (Zitat siehe FAZ-Link). (2) Die „Geburtsvorbereitungskurse“, die seit ewig in Deutschland angeboten werden, bereiten angehende Eltern auf ihren Nachwuchs und dessen Geburt vor. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-967" title="Durcheinander" src="http://sozialtheoristen.de/wp-content/uploads/2010/09/Unbenannt-12.jpg" alt="" width="550" height="274" /></p>
<p>(1) Die „<a href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E3FC992C9E47C443FB208C0F8899786BF~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Integrationskurse</a>“, die seit 2005 in Deutschland laufen und als Abendschulkurse für Zugewanderte angeboten werden, beinhalten 600 Stunden Deutschunterricht und lehren 45 Stunden „Grundkenntnisse über Recht, Geschichte und Kultur in Deutschland“ (Zitat siehe FAZ-Link).</p>
<p>(2) Die „Geburtsvorbereitungskurse“, die seit ewig in Deutschland angeboten werden, bereiten angehende Eltern auf ihren Nachwuchs und dessen Geburt vor. In 8 Doppelstunden wird gelernt, wie man ein Kind hält, wäscht und stillt.</p>
<p><span id="more-960"></span>Aber, warum gibt man den Zugezogenen und Schwangeren nicht einfach ein Lehrbuch in die Hand und lässt es sie lesen? Weil die Bücher voller Fakten sind, die keinen interessieren. Integrationskurse und Geburtsvorbereitungskurse werden besucht um Gleichgesinnte zu treffen, denen man auf der Straße und in der Nachbarschaft nicht automatisch begegnet und die Kurse finden an einem Ort statt, der anzeigt: Diejenigen, die hier sind, suchen auch &amp; sind ansprechbar.</p>
<p>Wenn Politiker das „Problem Integration“ lösen möchten, schaffen sie einen Raum, in dem Zugezogene auf andere Zugezogene treffen, um sich dann in einer Gruppe Zugezogener zu integrieren. Wenn man es so schreibt, klingt es, als würde man direkt zum nächsten „Problem“,  der „Parallelgesellschaft“, übergehen – doch das soll nicht geschehen. Vielmehr geht es darum, dass diese Art der <em>Integration Gleichgesinnter </em>absolut kein Problem darstellt, sondern das Wunder unserer Gesellschaft ist – und das es die Art der Integration, wie Politiker sie sich vorstellen, gar nicht geben kann.</p>
<p>Wenn Bundesinnenminister  de Maizière von Integration spricht, meint er, Zugezogene sollen historische Fakten über ihre neue Heimat lernen, sich das Erlernte zertifizieren lassen und dann ein Gefühl entwickeln, als Portugiese in Köln einem Deutschen in Leipzig näher zu sein als einem Niederländer in Maastricht – weil der deutsche in Leipzig sein Leben nach dem gleichen deutschen Kulturunterbau gestaltet.</p>
<p>Die Idee, dass, neben dem Portugiesen, auch ein Deutscher in Köln mehr mit einem Deutschen in Leipzig zu tun hat, als mit einem Niederländer in Maastricht ist übrigens gleichermaßen grotesk. Die soziologische These auf der Höhe der Zeit lautet: „Deutschland ist abgeschafft.“ Bzw.: „Nationalstaaten sind abgeschafft.“ Nur aus (praktischer) politischer oder (volks)wirtschaftlicher Perspektive, käme es einem überhaupt noch in den Sinn, zu fragen, ob Deutschland sich gerade abschaffe … „Deutschland“ ist dann aber kein Kulturraum, sondern ein Rechtsgebiet, das politisch zentral administriert wird, sofern nicht Brüssel als höheres Zentrum dazwischenfunkt.</p>
<p>In diesem „Deutschland“, das politisch/wirtschaftlich beobachtet wird, und das sich noch abschaffen kann, kann man sich aber nicht integrieren: Es sei denn, man reduziert sich selbst auf eine wirtschaftliche Kennziffer und stellt seinen Nutzen für die Volkswirtschaft dar.</p>
<p>Die soziale, kulturelle Integration, die Politikern wie de Maiziere vorschwebt, gibt es nur auf Nachbarschafts- manchmal vielleicht auf Dorf- oder Stadtebene. Nur in seiner unmittelbaren Lebenswelt kann man „sich selbst“ integrieren, in dem man seine Nachbarn kennt, in Vereinen tätig wird, öffentliche Angebote nutzt, bei Tante Emma konsumiert, vielleicht mal ein Amt übernimmt, usw. Diese „Lebenswelt“ hat mit „Deutschland“ allerdings überhaupt nichts zu tun. In Aachen ist man den Maastrichtern näher als den Leipzigern und es gehört zum guten Ton, sich in Köln kulturell ganz weit von den Düsseldorfern weg zu wähnen und Ausflüge nach Brüssel zu machen. Ebenso haben die Münchner nichts mit Schwerinern am Hut, sondern fahren an freien Wochenenden nach Südtirol.</p>
<p>Das einzige was Deutschland noch eint ist das TV-Programm, das in seiner Bedeutung schwindet. Die D-Mark, das deutsche Liedgut, der Stolz auf die Marine, nichts zieht mehr eine Grenze zwischen Deutschland und dem Rest der Welt. (Deutschland hatte auch nie eine Mondfahrt-Idee  o. ä. die diese Grenze zog und intern integrierte.) Nur der Fußball versucht noch, über Städtenamen regionale Integration herzustellen. Die Bundesliga vollzieht als solches das Kunststück der Integration über Differenzen – wer sich allerdings für Fußball interessiert, schaltet bei der Champions League gerade nicht ab.</p>
<p>Wenn von Integration in Deutschland die Rede ist, und das Argument nicht über den Volkswirtschaftskreislauf gebaut wird, in dem Menschen auf Kennziffer (Bildungsausgabe, Kinderzahl, Arbeitsleistung, Investition, Konsum, …) reduziert werden (was wissenschaftlich oder wirtschaftlich legitim ist) handelt es sich nur um eine weitere politische Kampagne, die nicht unbedingt auf vorsätzlicher Lüge basiert aber auch nichts anderes beabsichtigt als zu polarisieren. Als bundespolitisches Thema, ist „Integration“ völlig ungeeignet und führt nur zu Blödsinn. (Das <em>muss </em>nicht so sein, <em>ist </em>aber so.)</p>
<p><em>(Bild: <a href="http://www.flickr.com/photos/27147/3411775886/in/photostream/">Sippanont Samchai</a>)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Planwirtschaft reloaded</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Nov 2008 17:14:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Durch Innovationsbemühungen vorwärts in die Vergangenheit? Die Planwirtschaft ist wieder auf dem Vormarsch. Fast jeder wird dies im Alltag beobachten können. Und um Missverständnisse auszuräumen, sei vorweg gesagt, worum es nicht geht: Die Planwirtschaft wird den Kapitalismus nach der Bankenkrise nicht ersetzen. Auch wenn sich einige dies wünschen mögen, gibt es die Planwirtschaft nicht zurück (es sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Durch Innovationsbemühungen vorwärts in die Vergangenheit?</strong></p>
<p>Die Planwirtschaft ist wieder auf dem Vormarsch. Fast jeder wird dies im Alltag beobachten können. Und um Missverständnisse auszuräumen, sei vorweg gesagt, worum es <em>nicht</em> geht: Die Planwirtschaft wird den Kapitalismus nach der <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/10/vertrauenskrise-die-45-billionen-dollar-luge/">Bankenkrise</a> nicht ersetzen. Auch wenn sich <a href="http://www.20min.ch/news/ausland/story/Ostdeutsche-wuenschen-sich-die-Planwirtschaft-zurueck-30709803">einige dies wünschen</a> mögen, gibt es die Planwirtschaft nicht zurück (es sind halt die Leser der <a href="http://www.sueddeutsche.de/,tt8m1/kultur/614/312528/text/">SuperIllu</a>&#8230;). Und doch finden sich unmissverständliche Anzeichen für den Rückkehr der Planwirtschaft. Der Wandel vollzieht sich allerdings nicht im politischen System, sondern vielmehr auf allgemeiner organisationaler Ebene und ist eng mit den Stichworten Qualitätssicherung, Zielvereinbarung, leistungsbezogene Vergütung, Evaluation und Reform verbunden. Es sieht ganz danach aus, als ob die Planwirtschaft auf organisationaler Ebene eine Renaissance erlebt, die abseits intendierter Ziele ganz praktisch realisiert wird. Wie konnte es dazu kommen?</p>
<p><span id="more-304"></span></p>
<p>Machen wir also einen kleinen Ausflug in die blumige Semantik-Welt der Berater, Coaches und Innovatoren, die den Organisationen solange eingeredet haben, dass wir in einer <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/11/14/zur-dynamik-der-wissensgesellschaft/">dynamischen Wissensgesellschaft</a> leben, dass sie diesen Mythos mittlerweile selbst glauben. Es klingt ja auch allzu verlockend:</p>
<blockquote><p>Die Leitbildentwicklung stärkt die Identität der Organisation und die Identifikation der Beschäftigten. Die Auseinandersetzung mit der Definition gelungenen Lernens bewirkt eine Zunahme der pädagogischen Professionalität. Die Bildungsarbeit orientiert sich stärker an den Bedürfnissen der Lernenden. Die Evaluation führt zum Erkennen von Entwicklungspotenzialen und neuen Chancen. Die genaue Definition von Prozessen und Arbeitsabläufen strafft und systematisiert die Ablauforganisation. Die Klärung und Definition von Schnittstellen und Verantwortlichkeiten in der Organisation schafft Transparenz und erleichtert die Arbeit. Der Überblick über die verschiedenen Arbeitsbereiche systematisiert und verbessert die Zusammenarbeit. Durch eindeutige Ziele kann die Organisation sicher gesteuert werden. Teilschritte der Zielerreichung können kontrolliert und Erfolge können bewertet werden. Durch ein bewusstes Marketing der Qualität wird die Außendarstellung der Organisation verbessert. Die Führung der Organisation orientiert sich an gemeinsamen Grundsätzen.<br />
Die Beteiligung der Beschäftigten an der Qualitätsentwicklung fördert die Selbstreflexion und lässt die Wertigkeit der eigenen Arbeit erkennen. Die gesamte Organisation richtet ihre Arbeit strukturell an den Interessen ihrer Kunden aus.</p>
<p>(<a href="http://www.artset-lqw.de/cms/index.php?id=lqw-verfahren">Quelle</a>, hier finden sich noch weitere Textgattungen der Kategorie &#8220;Begriffsmüll&#8221;)</p></blockquote>
<p><strong>Vorwärts immer, rückwärts nimmer!</strong></p>
<p>Nach einer Vielzahl von Reformen sind die Organisationen verunsichert, weil sie ihre eigene Geschichte vergessen haben und sind daher den &#8220;Erfolgsrezepten&#8221; der Wunderheiler hoffnungslos ausgeliefert. Sie wissen es ja schleißlich nicht mehr besser. So glauben sie tatsächlich an den Berater-Sprech, so wie Kinder glauben, dass man durch Nutella zum Nationalspieler wird. Auch Kinder wissen es nicht besser. Allerdings werden sie es noch lernen, wobei &#8220;lernende Organisationen&#8221; verlernt haben zu erinnern und daher nicht mehr lernen, sondern nur noch reformieren, Innovationen hinterherhecheln und Qualität sicherstellen. Der Zyklus von Innvationen und neuen Konzepten, mit denen sich Organisationen, die aus Sicht der Berater &#8220;modern&#8221; agieren, auseinandersetzen müssen, wird immer geringer, das Vergessen immer größer. Für Lernen bleibt einfach keine Zeit mehr, so schnell ist ein neues Konzept (oder wie die meisten Berater ehrlicher formulieren: Produkt) am Markt, das eingeführt werden muss. So kann aus vorangegangenen Innovationen nichts gelernt werden, weil die Zeit fehlt, die Wirkungen im Sinne systemrationaler Zurechnungen auf die Ursachen der Reform zurückzuführen. Innovative Organisationen werden nicht nur vergesslich, sondern gedächtnislos.</p>
<p><strong>Lieber hundertmal mit der Partei irren als sich einmal gegen die Partei stellen.</strong></p>
<p>Warum nun aber Planwirtschaft? Im Diskurs der Berater findet sich zwar immer eine Welt, die schneller und dynamischer wird, in der es flexibel zu handeln gilt, jedoch ist das Resultat einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4tssicherung">Qualitätssicherung</a> und einer Zielvereinbarung in der Regel ein recht starres, unbewegliches Konstrukt: ein Plan. Es werden Pläne geschmiedet, für die Organisation als ganze, mit Zielen, die es zu erreichen gilt und wie sie nach Innen und Außen zu vertreten sind, aber auch für den Einzelnen, was er zu leisten hat, wie er dort ankommt und was diese Erträge für die Organisation bedeuten. So arbeitet jedes Einzelteil und die gesamte Organisation nach einem fixen, starren Plan und hat Glück, wenn sie am Ende des Zeitrahmens mit Übererfüllung dastehen. Ob die Produkte dann noch Abnehmer finden, ist ein anderes Problem. Der Plan hat sich bis dahin ja schon verselbstständigt. Es ist nunmal so, dass jede noch so innovative, bürokratiefeindliche und rationale Reform dazu führt, dass sie den Mitarbeitern verständlich gemacht werden muss. Für eine Evaluation muss geschult, diskutiert, dokumentiert, ausgewertet, diskutiert, präsentiert, usw. usf. werden. Das kostet Ressourcen, die mit produktiver Arbeit wenig gemein haben. Zielvereinbarungen müssen getroffen, kontrolliert, bewertet, festgestellt, vergütet werden. Das hat mit produktiver Arbeit nichts zu tun. Übrigens müssen Mitarbeiter auch darin geschult werden, dass sie nun nach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zielvereinbarung">Zielvereinbarungen</a> arbeiten. Da gehen locker zwei Tage einer ganzen Abteilung drauf. Eine Einführung in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/TV%C3%B6D#Leistungbezogene_Verg.C3.BCtung">leistungsbezogene Vergütung im TVOED</a> dauert kaum weniger lang. Dann gäbe es da noch Familienschutz, Umweltbewusstsein, Qualitätszirkel usw. usf. Und wer so viel Aufwand für einen Plan betreibt, der muss auch an ihn glauben. Ansonsten müsste jeder vernünftig denkende Arbeitnehmer gegen die Umsetzung und Einführung protestieren. Da die Organisation aber über kein Gedächtnis mehr verfügt, kann sie nicht zu dem Schluss kommen, dass sie sich zunehmend mit sich selbst beschäftigt. So gibt es keinen Raum, in der sich berechtigte Kritik Gehör veschaffen kann. Und alle machen mit.</p>
<p><strong>Macht kaputt, was euch kaputt macht!</strong></p>
<p>Es kommen Zweifel bei den Beteiligten auf. Und es liegt nahe, zu überlegen, ob es eine Chance gibt, dass Organisationen aus dem Reformkreislaufs des Teufels aussteigt und endlich anfängt zu lernen. Auch die Berater-Industrie wird vorsichtig und schmückt sich mit vermeintlich <a href="http://www.coachplus.de/zielvereinbarungen/zielvereinbarungen.html">kritischen Ansätzen</a>. Dabei warnt sie, dass man vieles falsch verstehen kann. Aus der Kritik folgt allerdings nicht, dass man Reformen gleich ganz sein lassen kann, sondern dass man es erst richtig versuchen müsse. Geschickt machen sie dem Süchtigen klar, dass er beim Konsum von Drogen viel falsch machen kann und bei falscher Anwendung letztlich selber Schuld sei und dann beim nächsten Schuss besser auf eine qualitativ hochwertige (meint: teurere) Ware zurückgreifen muss. Organisationale Planwirtschaft ist ein verhängnisvolles Spiel, das viele Organisationen mit dem Leben bezahlen müssen. Das ist tragisch, aber für die Planwirtschaft nun einmal üblich.</p>
<p><strong>Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. </strong></p>
<p>Hinzu kommt noch, dass Kritiker einen Schattenkampf aufführen müssen, weil sich die organisationale Planwirtschaft in einem Punkt von ihrem politischen Vorbild unterscheidet: Wurden im Realsozialismus die Pläne zentral bestimmt und verwaltet, weshalb auch von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Planwirtschaft">Zentralverwaltungswirtschaft</a> gesprochen wird, so wird im Organisationmodell mit einer Vielzahl dezentraler Pläne gearbeitet, was euphemistisch &#8220;Mitarbeiter-Partizipation&#8221; genannt wird. Das führt dazu, dass Kritiker quasi mundtot gemacht werden, da es keinen zentralen Angriffspunkt mehr gibt. Insbesondere Gewerkschafter, die hier eine kritische Rolle einnehmen könnten, werden zur Untätigkeit verdammt, da sie erstens selbst an den Plänen beteiligt sind und zweitens ihr eigenes Klientel für die Konstruktion der Pläne verantwortlich machen müssten. So marschiert die planwirtschaftlich strukturierte Organisation zwangsläufig sehenden Auges, aber manovrierunfähig in ihr eigenes Verderben. So wie der Realsozialismus das vorgelebt (-oder gestorben) hat.</p>
<p><a href="http://www.20min.ch/news/ausland/story/Ostdeutsche-wuenschen-sich-die-Planwirtschaft-zurueck-30709803"></a></p>
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		<item>
		<title>Das Technologiedefizit des Wirtschaftssystems</title>
		<link>http://sozialtheoristen.de/2008/10/15/das-technologiedefizit-des-wirtschaftssystems/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 13:21:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Enno Aljets</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Es gibt keine Ursache für die aktuelle Finanzkrise. Es gibt auf jeden Fall eine Finanzkrise, die sich zur weltweiten Wirtschaftskrise ausdehnt und es gibt gut ebenso angebbare Gründe für das Zusammenbrechen des Finanzsystems, seien es unfassbar große Lügen oder unfassbar große Gier.  Aber es gibt keine Ursache für den Kollaps. Und damit gibt es auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt keine Ursache für die aktuelle Finanzkrise. Es gibt auf jeden Fall eine Finanzkrise, die sich zur weltweiten Wirtschaftskrise ausdehnt und es gibt gut ebenso angebbare Gründe für das Zusammenbrechen des Finanzsystems, seien es <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/10/vertrauenskrise-die-45-billionen-dollar-luge/">unfassbar große Lügen</a> oder <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/10/politische-gier/">unfassbar große Gier</a>.  Aber es gibt keine Ursache für den Kollaps. Und damit gibt es auch keine Lösung für das Problem. Begreiflich wird dieser Umstand erst, wenn man die aktuelle Finanzkrise vor dem Hintergrund des Technologiedefizits des Wirtschaftssystems betrachtet.</p>
<p>Der Begriff des Technologiedefizits wurde von Niklas Luhman und Karl E. Schorr entwickelt, um die Unmöglichkeit planbarer Einwirkung auf menschliche Entwicklungs- und Bildungsprozesse durch erzieherische Maßnahmen darzustellen. Der Begriff wird daher meist in der Pädagogik, bzw in der Analyse des Erziehungssystems verwendet, obwohl ihm ein &#8211; wie für die Systemtheorie typisch &#8211; allgemeiner Gedankengang vorausgeht, der alle sozialen Systeme betrifft und bestens auf den Zusammenbruch der Finanzmärkte angewendet werden kann.</p>
<p><span id="more-197"></span></p>
<p>Bezogen auf produzierende Organisation bedeutet Technologie, dass verschiedene Verfahren zusammenwirken, um Materialien mit definierbaren Fehlerquellen und vorhersagbaren Wirkungen von einem Zustand in einen anderen umzuformen. Die vorhandene Technologie bestimmt dann die Sicherheit, mit der gesagt werden kann, ob und unter welchen Bedingungen sich der Erfolg einstellt.</p>
<p>Money-processing-Organisations, die keine Produkte im materiellen Sinne, sondern <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/09/21/geld-ein-kommunikationsmedium-voller-tucke/">Geld,</a> also soziale Konstrukte verändern wollen, stehen vor dem Problem, dass die wesentlichen Komponenten, die für die Benennung einer Technologie nötig sind, nicht identifiziert werden können. Grund hierfür ist die massenhaft auftretende Selbstreferenz sozialer Systeme. Es ist weder für Beteiligte, noch für Außenstehende möglich, zu sagen, welche zeitlichen Eigenschaften das Geld als Kommunikationsmedium hat, welche Wirkungen welche Folgen haben, noch wie die am Prozess direkt und mittelbar Beteiligten Organisationen auf die Eigendynamik des Finanzmarkts reagieren. Dass man eine Blackbox nicht berechnen kann, ist zwar offensichtlich, aber nichtsdestotrotz wird sich der Mythos der Volkswirtschaftlehre weiter mit zweifelhaftem Ruhm bekleckern dürfen.</p>
<p>Das Problem des Technologiedefizits des Finanzsystems bezieht sich auf drei Ebenen:</p>
<ul>
<li>Zeitdimension (Kausalität, bzw. zeitlich-lineare, gesetzmäßige Ordnungsfähigkeit),</li>
<li>Sachdimension (Rationalität nach Maßgabe des Zweck-Mittel-Schemas) und</li>
<li>Sozialdimension (Sozialität, die Selbstrefrenz des Individuums einbeziehend).</li>
</ul>
<p>Nimmt man dies Konzept zur Grundlage der Analyse der aktuellen Finanzkrise, verändert sich die Perspektive grundlegend. So wird auf der Ebene der Sozialdimension nicht mehr von einer Bank-zu-Bank-Tranfer-Problematik ausgegangen, sondern von einer sozialstrukturellen Analyse der Komplexität von Finanztransaktionssytemen. Dabei kommen dann vor allem die Grenzen ihres Wahrnehmungs- und Handlungsvermögens in den Blickpunkt. So gesehen, wird die Finanzspekualtion auf Grund massenhaft auftretender Selbstreferenz unübersichtlich, zumal die Position des Bankers, dem in der Regel die Übersichtsfähigkeit zugerechnet wird, selbst im System involviert ist. Alle Finanzplanung und alle Plandurchführung stehen vor dem Problem multipler Selbstreferenz. Das den Erwartungen häufig widersprechende Auf und Ab der Börsen zeigt dies deutlich.</p>
<p>Ich möchte an dieser Stelle besonders die mit der Zeitdimension verbundene Kausalität hervorheben, weil in der aktuellen Debatte vor allem zeitliche Erwartungen und damit verbundene Maßnahmen und Forderungen im Vordergrund stehen. Es gibt jedoch keine objektiven Kausalgesetze sozialer Kommunikation. Demnach gibt es auch keine Ursachen für beobachtbare Wirkungen und vor allem gibt es keine objektiven Lösungen für die vorhandenen Probleme. Vielmehr muss danach gefragt werden, auf Grund welcher Vorstellungen von Kausalität die Aktuere des Finanzsystems und des Politiksystems handeln. Die tatsächliche Komplexität von kausalen Zusammenhängen ist nämlich immer so hoch, dass man sie nur in reduzierter Form erfassen und verarbeiten kann. Diese Simplifizierungen werden Kausalpläne genannt.</p>
<p>Allen Kausalplänen ist jedoch gemein, dass sie in dem Sinne <em>falsch </em>sind, dass sie nie die gesamte Komplexität abbilden. Da es für Sozialsysteme keine objektiven, bzw. natürlichen Kausalpläne gibt, ist es immer die (empirische) Frage, welche Kausalpläne in Gebrauch sind und welche Rechtfertigungszurechnungen dafür verwendet werden. Die Grundlage jeder Technologie besteht somit aus falschen Kausalplänen. Und geanu das ist der Grund, weshalb ich von einem Technologiedefizit des Wirtschaftsystems spreche. Ob es richtig ist, die Banken zu verstaatlichen? Ob die Gesetze des freien Markts die Wunden heilen mögen? Ob die Manager eine neue Ethik brauchen? Ob der Staat endlich wieder mit starker Hand über das Finanzsystem regieren sollte? Wer könnte es wissen? Selbst wenn es noch schlimmer wird oder es alles wieder nach eitel-Sonnenschein aussieht, wird niemand objektiv sagen können, woran es liegt (ebenso, aber abstrakter und allgemein, erklärt es <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/15/183/">Hendrik</a>). Ganze Disziplinen und Funktionssysteme werden sich zwar an dieser Frage abarbeiten (ich denke hier vor allem an die (Wirtschafts-)Wissenschaft, die Politik, die hier ein vortreffliches Wahlkampfthema findet, und die Massenmedien). Es wird vergeblich sein. Soziologisch interessant sind dann allerdings noch zwei Fragen:</p>
<ul>
<li>Wie kann eine wirtschaftliche Organisation handlungsfähig bleiben, ohne sich auf die Sicherheit einer Technologie verlassen zu können? Stefan gab hier schon einige <a href="http://sozialtheoristen.de/2008/10/10/vertrauenskrise-die-45-billionen-dollar-luge/">Anregungen</a>.</li>
<li>Was lassen die (als dominant inszenierten) Kausalpläne zur &#8220;Rettung des Finansystems&#8221; für Schlüsse auf die Gesellschaft zu?</li>
</ul>
<p><strong>Literatur:</strong> Niklas Luhmann, Karl E. Schorr (1982): Das Technologiedefizit der Erziehung und die Pädagogik. In: ders.: Zwischen Technologie und Selbstferenz. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt: Suhrkamp. S. 11-40.</p>
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		<title>&#8220;Politische Gier&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Oct 2008 13:27:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Die Gier&#8221;, das egoistische und rücksichtslose Verhalten, ist das Übel der Wirtschaftskrise, sagen all die, die nicht zwischen sozialen Strukturen und ihren Akteuren unterscheiden können, bzw. nur problematische Akteure sehen und keinen Sinn für Gesellschaftsstrukturen haben. Bestes Beispiel dafür ist die FDP mit all ihren Hampelmännern, die mit Händen und Füßen kämpfen, um ihre Ideologie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Die Gier&#8221;, das egoistische und rücksichtslose Verhalten, ist das Übel der Wirtschaftskrise, sagen all die, die nicht zwischen sozialen Strukturen und ihren Akteuren unterscheiden können, bzw. nur problematische Akteure sehen und keinen Sinn für Gesellschaftsstrukturen haben. Bestes Beispiel dafür ist die FDP mit all ihren Hampelmännern, die mit Händen und Füßen kämpfen, um ihre Ideologie zu retten. „Der Markt ist in Ordnung, das ist, liegt ja teilweise&#8230; überwiegend auch an den Managern&#8221; ist von FDP MdBs zu hören (<a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/der-markt-selber-ist-ok/">hier länger und lustiger</a>).</p>
<p>Das Gier, als menschliche Eigenschaft, nicht Ursache des Übels sein kann liegt auf der Hand. Für „Gier&#8221; gibt es, wie für jede andere Instanz menschlicher Motivation, keinen absoluten Maßstab. Alle Wertungen beruhen auf Ansichten, die auch anders ausfallen können, weshalb es sich lohnt, darüber politisch zu streiten. Man braucht sich aber keine Illusionen machen, darüber auch entscheiden zu können. Moralische Appelle in diesen Dimensionen haben nur die Funktionen, die zu besänftigen in deren Sinne gesprochen wird.</p>
<p><span id="more-167"></span>Gier ist allerdings keine rein wirtschaftliche Motivationsgrundlage. Die Semantik „Gier&#8221; lässt sich soziologisch als Übertreibung der Positivseite des Wirtschaftscodes (des Finanzmarktes) Profit/Verlust zuweisen. Alle wollen Geld gewinnen, aber wer zu viel will, ist gierig. Allerdings lässt sich diese Übertreibung neben der Wirtschaft in allen Funktionssystemen konstruieren. Auch dopende Sportler sind „gierig&#8221;. Genau wie profilierungssüchtige und zitationenzählende Wissenschaftler oder bühnengeile Aufmerksamkeitsjunkies in den Medien.</p>
<p>Oder aber, machtbesessene Politiker. Was den Börsenhändlern ihr Geld ist den Politikern ihr Amt. Ob „geldgierig&#8221; oder „machtbesessen&#8221; es geht um das gleiche Phänomen, im beinah gleichen gesellschaftlichen Kontext, nur das Thema ist ein anderes. Allerdings brauchen sie für die Befriedigung ihrer Gier Anerkennung, die sich in Wählergunst darstellt.</p>
<p>Daher ist es besonders perfide, wenn Politiker, wie gestern bei <a href="http://maybritillner.zdf.de/ZDFde/inhalt/19/0,1872,1021235_idDispatch:8022762,00.html">Maybrit Illner</a> und <a href="http://jbk.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,1020214_idDispatch:8022765,00.html">Johannes B. Kerner</a> meinen, sie könnten im ersten Atemzug den Finanzakteuren Gier vorwerfen um im zweiten Atemzug dem politischen Gegner vorhalten, unfähig und inkompetent zu sein. Es gestaltete sich gestern ungefähr so:</p>
<p>Ein Börsenhändler, Dirk Müller, erklärte eindringlich, dass zurzeit niemand wisse, mit was für einer Situation man gegenwärtig zu tun hat. Die Anzeichen seien aber Besorgnis erregend, man müsse nun nach Orientierung suchen und zusammenarbeiten. Was macht daraufhin Hubertus Heil? Er zieht ein Blatt Papier aus seiner Tasche und liest Otto Fricke von der FDP alte Zitate und Programmpunkte dessen Partei vor. Man kann der FDP inhaltlich natürlich alles vorwerfen, aber in einer Regierungs- und Entscheidungsverantwortung waren sie die letzten 10 Jahre auf Bundesebene nicht. Hubertus Heils SPD dagegen schon und als einzige Partei sogar durchgehend. In der folgenden Sendung, bei Kerner, äußerte sich Hans Eichel, welcher zweiteilig sogar Finanzminister war, und meinte sinngemäß: „Ich habe ja damals dagegen angekämpft, dass wir in Deutschland einen Finanzmarkt wie den im Amerika bekommen um Krisen wie diese frühzeitig abzuwehren.&#8221; Man könnte diese Aussage einem kurzen Fakten-Check unterziehen aber schon die Lächerlichkeit dieser behaupteten Voraussicht soll an dieser Stelle genügen.</p>
<p>Es ist nicht schwierig politischen Gestaltungswillen und Machtgier zu unterscheiden. Politische und wirtschaftliche Gier sind, wenn schon, gleich übel. Amerika erlebt es gerade, die „Geldgierfolgeprobleme&#8221; hätte man vielleicht besser im Griff, wenn man nicht gleichzeitig all seine politische Gier nach Macht in zwei Kriegen ausgespielt hätte.</p>
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		<title>Semantik wirkt (!!!)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Oct 2008 19:51:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt Soziologen (wie mich) die pfeifen auf jedwede Aussage von Menschen aus der Wirklichkeit. Erstens, weil „Mensch&#8221; keine Kategorie ist, die etwas soziologisch darstellen kann, lässt sie sich auch noch so gut benennen, bezeichnen, zählen und vergleichen. Zweitens, weil ein human-tonaler Ausspruch zwar Wirklichkeit erzeugt, aber nie Realität widerspiegelt. Kurz: Gerede ist egal. Wer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Soziologen (wie mich) die pfeifen auf jedwede Aussage von Menschen aus der Wirklichkeit. Erstens, weil „Mensch&#8221; keine Kategorie ist, die etwas soziologisch darstellen kann, lässt sie sich auch noch so gut benennen, bezeichnen, <a href="http://blog.metaroll.de/2008/09/18/wenn-social-networks-bundeslaender-waeren/">zählen und vergleichen</a>. Zweitens, weil ein human-tonaler Ausspruch zwar Wirklichkeit erzeugt, aber nie Realität widerspiegelt. Kurz: Gerede ist egal. Wer tatsächlich etwas über die Welt erfahren will, darf nicht die Menschen fragen sondern muss spartenspezifischer vorgehen. Für interessante, soziologisch entschlüsselbare gesellschaftliche Phänomene ist sehr selten werturteilendes, ideologiegeleitetes Gelaber von Bedeutung, viel mehr muss man faktische Geldströme, reines Abstimmungsverhalten oder zufällige Bekanntheitsgrade beobachten.</p>
<p>Solch ein Weltbild hilft ungemein durch den Alltag, man fragt sich, der Trugbildanfälligkeit von Semantik bewusst, aber umso mehr, wie alles überhaupt funktionieren kann, da andere Menschen auf Gerede soviel geben. Statistiken werden gefälscht, Bilanzen werden komponiert, Zukunft wird versprochen und Fakten werden erzeugt. Manchmal enteilt die semantische Wirklichkeit der faktischen Realität so sehr, dass sich die Einheit der Welt von ganz allein infrage stellt.</p>
<p><span id="more-162"></span>Der aktuelle Hintergrund: Die anhaltende Finanz- und Vertrauensmisere. Irland gibt eine staatliche Garantie auf alle Einlagen, die auf irischem Grund getätigt werden und obwohl alle Welt weiß, dass sich diese Bürgschaft im Ernstfall niemals einlösen ließe, funktioniert es. Irische Banken erleben einen Run auf (also „in&#8221;) ihre Bücher und Tresoren. Das gegenseitige Vertrauen, und damit die wahre Währung, profitiert von diesem Backup. Irische Luftschlösser sind mehr wert als amerikanische Holzhäuser. ;-)</p>
<p>Heute Morgen habe ich über die 1.600 Mrd. Bürgschaft aus Berlin noch gelächelt und mich gefragt, wie man 2008 noch einen Götter besänftigenden Regentanz aufführen kann &#8211; aber heute Abend scheint es die beste Idee zu sein, einfach für alle Vermögensstände zu bürgen. Alle werden wissen, dass diese Bürgschaft niemals (komplett) in Anspruch genommen werden darf und trotzdem würde es funktionieren.</p>
<p>Meine Prognose: In den nächsten Tagen wird sich der Europäische Rat oder ein vergleichbares Gremium aufraffen und verkünden, dass man für alles bürgt. Es wird genügen, den langsamen Niedergang in eine sanfte Stagnation und langfristig wieder in zähes Wachstum zu verwandeln. Das Einzige was neben Vertrauen fehlt ist Zeit. Wie man liest, ist die Hypo-Real-Estate nicht pleite, sondern erleidet nur mangelnde „Kostenkongruenz&#8221; (kurzfristig mehr Ausgaben als Einnahmen), das kann aktuell tatsächlich jeder Bank passieren, vor allem wenn einige gerade mal eine <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/406/finanzkrisen-populismus">Eigenkapitalquote von 0,6%</a> haben. Das man bei solchen Zahlen überhaupt noch von einzelnen Banken spricht scheint ebenfalls so ein Semantikvehikel zu sein, das keiner realistischen Darstellung entsprechen kann. Man muss es sich mal in der faktischen Gehirnhälfte vergegenwärtigen, wenn man „DePfa&#8221;, eine Tochterfirma der Hypo-Real-Estate, beim Namen nennt, bezeichnet man nur zu 0,6% tatsächlich die „DePfa&#8221; und zu 99,4% alle ihre Gläubiger, also ganz andere Banken. So lässt sich das Verhältnis von Semantik und Sozialstruktur doch mal wirklich krass in Worte fassen.</p>
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		<title>Geld, ein Kommunikationsmedium voller Tücke</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Sep 2008 12:24:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn Soziologen von „Medium und Form&#8221; reden, benutzen sie zur Anschauung oft die Sprache. Als Medium der Sprache gelten die nackten 26 Buchstaben unseres Alphabets, aus denen sich unendlich viele Formen (Wörter) schöpfen lassen. Besonderer Wert wird darauf gelegt, dass sich ein Medium durch Benutzung weder abnutzt, noch verbraucht. Das Medium verweist auf Möglichkeiten, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn Soziologen von „Medium und Form&#8221; reden, benutzen sie zur Anschauung oft die Sprache. Als Medium der Sprache gelten die nackten 26 Buchstaben unseres Alphabets, aus denen sich unendlich viele Formen (Wörter) schöpfen lassen. Besonderer Wert wird darauf gelegt, dass sich ein Medium durch Benutzung weder abnutzt, noch verbraucht. Das Medium verweist auf Möglichkeiten, die sich in Formen manifestieren. Formen wiederum stellen immer einen Bezug zum zu Grunde liegenden Medium dar und verweise so auf andere, nur potenzielle, gegenwärtig nicht manifestierte, Formen.</p>
<p>Geld wird von eingefleischten Kennern als ein ebensolches Medium dargestellt. Eventuell muss man jedoch einige Abstriche machen &#8211; die Finanzkrise entblößt das Geldmedium gerade in entscheidenden Punkten.</p>
<p>1971 wurde unter <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Nixon#Pr.C3.A4sidentschaft_.281969.E2.80.931974.29">Präsident Nixon</a> die Kopplung von Dollar und Gold aufgehoben. Bis dahin, so stand es auf allen Dollarscheinen, war ein Dollar einen bestimmten Silber- oder Goldbetrag wert. Geld repräsentierte also einen substanziellen Wert. Wer mehr Geld wollte, musste in kalifornischen Bergbächen Gold finden und es dem Zahlungsverkehr zuführen. Diese Möglichkeit der Geldschöpfung ist natürlich auch heute noch möglich, da Gold 1971 nicht entwertet wurde, sondern nur seine Funktion als Wirtschaftsbasis verlor.</p>
<p><span id="more-150"></span>Die moderne Geldschöpfung erfolgt nun viel einfacher. Geld wird immer dann erzeugt, wenn man sich in Banken einen Kredit holt. Dieses Geld, das durch Kreditgewährung ausgezahlt wird, gab es vor der Kreditbewilligung schlicht nicht. Europäische Geschäftsbanken dürfen auf diese Weise das 50-fache ihrer tatsächlichen Bestände als Kredite vergeben, dies nennt sich passend <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Geldsch%C3%B6pfung#Krediterteilung">multiple Geldschöpfung</a>. Geld wird so tatsächlich, wie Sprache, aus dem Nichts erzeugt. „Out of thin air&#8221;, wie man so schön und passend sagt. Durch Benutzung wird kein „wahrer Bestand&#8221; des Mediums im Hintergrund geschmälert oder verbraucht. Falls Geschäftsbanken, und nicht überall gilt die 2%-Reserveregel, Geld benötigen, stehen ihnen die Zentralbanken zur Verfügung, die letztlich beinah direkten Zugang zu den staatlichen Geldpressen haben. Geld ist also tatsächlich ein Medium im systemtheoretischen Sinne.</p>
<p>Allerdings führt diese Konstruktion zu handfesten Problemen. Wenn die Geldmenge nicht auf Substanz zurückzuführen ist, wie etwa auf Gold (Amerika besitzt zurzeit runde 8000 Tonnen Gold, mit einem gegenwärtigen Wert von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Goldreserve">151 Mrd. Dollar</a>), fragt man sich, wie überhaupt Vertrauen im System aufgebaut werden kann (werden konnte). Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Geldmenge">Geldmenge</a> ergibt sich heute als Summe aller laufenden Kredite (und übersteigt die Goldbestände um eine Fantastilliarde). Aber Kredite sind nichts als der Glaube, dass man verliehene Werte auf Sicht zurückbekommt. Wenn man in diesem System nicht sozialisiert worden wäre, man könnte es nicht glauben.</p>
<p>Hinzu kommt, das diese Motivation, Geld zu verleihen dadurch unterstützt wird, dass man mittels Zins mehr Geld zurückbekommt. Das macht das Kreditwesen so attraktiv. Geld, das jetzt verliehen wird, kommt zurück und ist dann mehr Geld. Nur steckt hinter dem „mehr&#8221; keine echte Wertschöpfung, sondern absolut substanzfreie Geldschöpfung. Das ganze Kreditwesen, und damit das ganze Wirtschaftswesen und damit schlicht alles, ist ein reines Schneeballsystem, das nur durch stetiges Wachstum am Leben erhalten werden kann.</p>
<p>Zurzeit stellt die Welt fest, dass die Wirtschaft und damit das gesellschaftliche Leben, nicht durch Verschuldung ohne Rückhalt alleine weiterexistieren kann und verschuldet sich, um allein beim US-Staat zu bleiben, um weitere 700 Mrd. Dollar. Dadurch sollen zumindest die Bereiche der Wirtschaft gestützt werden, in denen in den letzten Jahren nicht völlig in Luftleeren raum geschossen wurde. Dabei stellt sich nur noch eine Frage, <a href="http://rebellmarkt.blogger.de/stories/1222717/">warum sollten wir noch vertrauen</a>?</p>
<p>Aktuell steht der amerikanischen Goldreserve von 151 Mrd. Dollar eine staatliche <a href="http://de.reuters.com/article/topNews/idDEHUM13256520080921">Verschuldungsgrenze</a> von 11.315 Mrd. Dollar gegenüber. Dem Kreditmarkt, der insgesamt, börslich und außerbörslich geschätzte <a href="http://egghat.blogspot.com/2008/09/der-bab-bailout-aller-bailouts-ist-700.html">600 Billionen Dollar</a> beträgt, stehen 50 Mrd. Einlagensicherung gegenüber. (Wer hier Angst bekommt, möge bitte auf eigene Faust recherchieren. Man findet nicht viel Handfestes außer einem Zitat von Waren Buffett, er sagt dazu: „<a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/2817995.stm">Derivatives are financial weapons of mass destruction</a>&#8220;.Stichwort: OTC-Derivate)</p>
<p>Geld ist als reines Kommunikationsmedium gescheitert. Die Gesellschaft hat sich beim Geld zu sehr auf ihre Kommunikation verlassen und anstatt auf Substanz auf dumme Zahlungswilligkeit gesetzt, die man immer schwieriger findet. Es ist sehr treffend, wenn man in den Medien beim Thema Derivate von „Aufschwatzen&#8221; spricht. Diese Form des Kapitalismus ist nun 37 Jahre alt und hält bereits 10 Jahre länger durch als der Ostblock nach seiner radikalen Abschottung 1961. Allerdings hatte der Westen eben dieses „Glück&#8221;, eine halbe Welt assimilieren zu können. Diesesmal steht jedoch keine weitere Weltregion zur Verfügung, die sich schröpfen lässt. Asien schröpft sich selber und in Afrika gibt es nichts zu holen.</p>
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		<title>Die Erblindung der Gesellschaft (update)</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Sep 2008 17:39:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was macht man eigentlich mit einem Mathematikstudium, wenn man lieber handfest arbeitet, anstatt philosophisch und zahlenfrei über den Grundproblemen zu brüten? Man heuert bestenfalls in einer Investmentbank oder einem Rückversicherer an. Der Einstieg geschieht wohl am ehesten über Erstversicherer und normale Banken. Bei ihnen errechnet man kundenspezifische Finanzströme, ermittelt Werte, legt Preise fest und gibt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was macht man eigentlich mit einem Mathematikstudium, wenn man lieber handfest arbeitet, anstatt philosophisch und zahlenfrei über den Grundproblemen zu brüten? Man heuert bestenfalls in einer Investmentbank oder einem Rückversicherer an. Der Einstieg geschieht wohl am ehesten über Erstversicherer und normale Banken. Bei ihnen errechnet man kundenspezifische Finanzströme, ermittelt Werte, legt Preise fest und gibt dann seinen Klienten über die eigenen Rechenergebnisse bescheid. In diesen Positionen ist man ein fachmännischer Finanzdienstleister für den kleinen und einzelnen Kunden.</p>
<p>Die angesprochene Ebene höher, bei Investmentbanken und Rückversicherern, sieht der Alltag ähnlich aber doch auch ganz anders aus. Man rechnet ebenfalls mit Zahlen, hat Klienten, errechnet Preise und legt Werte fest – nur eben nicht für den kleinen Einzelkunden, sondern für Gesellschaften, Märkte und Kollegen. Man spricht hier nicht mehr von Finanzdienstleistern sondern von Analysten.</p>
<p><span id="more-144"></span></p>
<p>Finanzdienstleister braucht jeder der irgendwo ein Konto, egal welcher Art, hat. In der funktional differenzierten Gesellschaft ist jeder auf andere angewiesen. Jeder ist ein Fachidiot, der von der Fachidiotie der anderen profitiert. Wer 8h am Tag mit Dachdecken beschäftigt ist, greift für alle anderen Belange seines Lebens auf andere Fachleute zurück, geht zum Fleischer, Bäcker, Arzt und Steuerberater. So greifen alle Räder ineinander und erwirken Prosperität und Lebensfreude für jeden Einzelnen (oder zumindest der Mehrheit).</p>
<p>Allerdings darf keines der Rädchen ausfallen. Wenn Fachsparten der Gesellschaft, beispielsweise Ärzte oder Piloten, streiken, führt das zu einem Orientierungsverlust, der vom Betroffenen allein nicht zu kompensieren ist. Ab einer gewissen Größe einer Gesellschaft ist solch ein fachspezifischer Komplettausfall, abgesehen von Streiks, nicht zu befürchten. Wenn ein Arzt, Pilot oder Finanzdienstleister ausfällt, steht ein nächster qualifizierter Agent bereit.</p>
<p>Dieses „Harmoniebild“ lässt sich jedoch, um bei den Finanzdienstleistern zu bleiben, nicht so einfach auf die Ebene der Analysten übertragen. Analysten sind keine Einzelkämpfer, die sich wie „kleine“ Steuerberater oder Finanzdienstleister allein mit ihrer Motivation zum Arbeiten, ihrer Ausbildung + Erfahrung und dem Gesetzbuch herumschlagen müssen. Analysten sind untereinander aufeinander angewiesen. Sie beobachten vor allem sich selbst. Sie raten, bewerten und finanzieren sich gegenseitig. Normale Finanzdienstleister profitieren von den Analysten, da sie sich von deren Analysen leiten lassen können. Auf gleiche Weise wie Analysten so dem Markt helfen, sich selbst zu beobachten, helfen Meinungsforscher den Politikern beim Reflektieren und Spartenjournalisten den restlichen Gesellschaftssparten. Jedes Funktionssystem verfügt so über einen eigenen Begriff von Öffentlichkeit, in dem sich die Akteure wie im Spiegel selbst beobachten.</p>
<p>Wenn in den Medien die letzten Monate von Analysten die Rede ist, geht es vor allem um die anhaltende Finanzkrise und das aktuelle Bankensterben. Dabei dominieren jedoch, obwohl man so viel erzählen könnte, fast ausschließlich Namen und Zahlen die Berichterstattung. „Lehmann Brothers“ und „613 Mrd. Dollar Schulden, die nicht bedient werden können“ – das sind Nachrichtenwerte, mit denen keiner, der ansonsten nur Tages- und Sportschau guckt etwas anfangen kann. Trotzdem sind dies die einzigen Kategorien, die den medialen Raum erobern.</p>
<p>Hier soll daher mal ein anderes Problem thematisiert werden: Die gesellschaftliche Funktion der Analysten und das Problem, das durch ihre Verunsicherung bzw. ihr Verschwinden akut wird.</p>
<p>Eingeleitet mit dem wie immer handfesten Beispiel Öl. Öl ist ein Gut, das gehandelt werden muss. Hauptsächlich sprudelt es dort, wo es nicht gebraucht wird und nicht aus dem Grund desjenigen, der es benötigt. Also muss es klassisch durch Handel seinen Besitzer wechseln. Nur wird, auf den ersten Blick auf erstaunlich Weise, der Preis des Öls nicht zwischen Verkäufer und Käufer ausgehandelt, sondern weit entfernt an Ölbörsen. Bei 95% des weltweit gehandelten Öls stehen Käufer und Verkäufer, nicht aber der Preis, lange vor der Transaktion fest. Der Preis wird an fernen Börsen ermittelt und gilt dann als Richtwert für alle Öltransfers. Für die Ermittlung des Ölpreises werden tatsächlich nur 5% des Öls als „echte“ Handelsmasse benötigt (Quelle: Quark und Co. WDR-Fernsehen). Aber auch die sieht niemand der Parketthändler jemals tatsächlich. Markt und Preisgestaltung sind also physisch entkoppelt. Gehandelt wird nur an Börsen, fernab der „Realwirtschaft“. Beim Öl ist dieser Vorgang extrem ausgeprägt. Aber auch sonst, im Supermarkt, an der Tankstelle, im Blumenladen &#8211; überall wo Güter auf “echte Bedürfnisse“ statt auf „Nachfrage“ treffen, wird nur noch gekauft und nicht mehr gehandelt.</p>
<p>Analysten und Rückversicherer haben in diesem Geflecht nun eine besondere Aufgabe, sie sind der Rückhalt für alles und jeden. Sie ermitteln den Wert chinesischer Turnschuhe, errechnen die Haltbarkeit der Alpen als Skiort und versichern asiatische Küsten für den Fall weiterer Tsunamis. Nur beziehen sie sich nicht direkt auf die Objekte, sondern beobachten die Erstversicherer- und Finanzdienstleistungsagenturen, welche die Objekte direkt beobachten, kaufen, handeln. Als Rückversicherer versichern sie Versicherungen, als Analysten, beispielsweise in Investmentbanken, finanzieren sie Finanziers. Nur durch sie, ihr „Gehampel“ an Börsen oder ihre Vermutungen, ob sich ein „Ike“-Hurrikan alle 3, 10 oder 20 Jahre wiederholt, wird das moderne gesellschaftliche Gefüge zusammengehalten bzw. überhaupt erst ermöglicht.</p>
<p>Man kann Investmentbanken, wie sie gerade ins Gerede kommen, vorwerfen, durch Eigen-Fremdkapital-Kredithebel von 1:35 ihre gesellschaftliche Funktion absolut eigensinnig und unverantwortlich ausgefüllt zu haben, man kann ihre gesellschaftliche Funktion negieren und ihnen den „Tod“ wünschen – aber man darf nicht übersehen, dass ab einer gewissen Größe des Bankensterbens mehr gesellschaftlicher Wert vernichtet wird als bloßes Papiergeld.</p>
<p>Niemand kann wissen, wie unsere Gesellschaft mit der Situation umgehen wird, dass es demnächst eventuell nur noch eine unabhängige Investmentbank an der größten Finanzbörse der Welt geben wird. Es wird eine bisher unbekannte Orientierungslosigkeit einsetzen, deren Folgen und Reichweite noch nicht absehbar sind. Die Finanzströme in dieser Sphäre, die für die Finanzströme der „Realwirtschaft“ unabdingbar sind, werden meiner Meinung nach sowieso viel mehr von Voodoo, „psychologischen Effekten“, Rating-Listenpanik und Meinungen als von „echter Mathematik“ geprägt, trotzdem bilden sie, insgesamt gesehen, eine Art Golfstrom des Wirtschaftsklimas, der nun leicht ins Stocken geraten ist. Für Soziologen nicht ganz uninteressant.</p>
<p><em><strong>Update 17.09.2008, 15 Uhr:</strong></em> Seit heute wissen wir, dass das &#8220;leichte Stocken&#8221; des Finanzgolfstroms eher schwer ausgefallen ist, bzw. teilweise einem Aussetzen entspricht. Es gibt sehr viele Verweise die hier gemacht werden könnten, von allen möchte ich eine empfehlen: <a href="http://www.weissgarnix.de/?p=500">Game over! Nur in welchem Spiel?</a></p>
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		<title>Im Heute leben, aber über gestern reden</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Jul 2008 13:46:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Schulz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tiere sind alle Autisten. Sie leben einfach vor sich hin, fressen, laufen herum, spielen mit den Gegenständen die ihnen vor ihrer Nase rumkullern und wissen heute nicht was sie morgen tun werden. Sie können nicht wirklich planen, sie sind der Welt zu sehr ausgeliefert, als das sie sich die Natur zum Untertan machen könnten. Sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Tiere sind alle Autisten. Sie leben einfach vor sich hin, fressen, laufen herum, spielen mit den Gegenständen die ihnen vor ihrer Nase rumkullern und wissen heute nicht was sie morgen tun werden. Sie können nicht wirklich planen, sie sind der Welt zu sehr ausgeliefert, als das sie sich die Natur zum Untertan machen könnten. Sie sind an ihr Schicksal gebunden.</p>
<p>Und das alles nur, weil sie nicht reden können. So klug sie auch sein mögen, sie können sich nicht koordinieren, weil sie sich nicht verstehen. Beim Menschen ist das anders, er muss sich nicht zerfleischen, wenn er sich selbst begegnet &#8211; er kann miteinander reden und sich verständigen, z.B. darüber das der Eintritt ins eigene Territorium was kostet. Das hat Vorteile für beide, der eine überlebt und der andere wird reich.</p>
<p><span id="more-24"></span>Da Begegnungen dieser Art meist Win-Win Situationen ergeben sind sie so populär geworden, dass sich Menschen im Laufe der Jahrtausende immer häufiger begegneten und sich die Welt absichtsvoll so einrichteten, dass sie sich noch häufiger begegneten.</p>
<p>Irgendwann war sie dann fertig, die schöne neue Welt. Die Globalisierung war ausgereizt und alle Ressourcen angezapft. Die Menschheit hatte sich tatsächlich (wenn auch nicht überall) ihr Walhalla geschaffen. Nicht nur sprichwörtlich: Die gegrillten Hänchen flogen durch die Luft, es gab Ströme aus süßem Wein und die Wiesen waren übersät mit Süßigkeiten, die man sich apriori nicht erträumen konnte.</p>
<p>Doch plötzlich, wurde das Öl wässrig, die Milch teuer und das Plastikspielzeug mit billigem aber giftigem Teer versetzt. Was war geschehen? Eine Katastrophe. Die Ressourcen neigten sich dem Ende, Win-Win wurde zu Win-Loose oder Loose-Loose, Geld gab es nur noch mit negativem Vorzeichen. Angst schlich sich ein, man wurde plötzlich vorsorglich beobachtet, da die Walhallaliferanten ihr Paradies schrumpfen und voller Betrüger sahen. Und die, die als erstes aus dem Paradies vertrieben wurden oder immer nur zuschauen durften begannen es von außen durch Terror zu zerstören.</p>
<p>Und warum? Weil die Ressourcen aufgebraucht sind, die Natur zerstört ist und wir uns unseren jetzigen Lebensstandard nicht mehr leisten können. So die herkömmliche Diktion. Dabei liegt das Problem leicht anders. Der Mensch hat sich eine Welt herbeigeredet, die es einfach nicht gibt. So lange sich alles linear und aufwärts entwickelt scheint es gut zu sein &#8211; niemand fragt auf welcher strukturellen Basis das tagesübliche Blabla basiert &#8211; aber wehe, es geht bergab. Dann springen alle im Dreieck und werfen Anker, obwohl schon längst kein Boden unter ihren Laberei mehr vorhanden ist, indem sie sich verankern können. Das Gerede der Menschheit hat keine strukturelle Entsprechung mehr.</p>
<p>Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt in der Betrachtung. Das Verhältnis von Laberei und struktureller Realität (Semantik und Sozialstruktur, sagen diszipliniertere Schreiber) ergibt sich nicht von selbst, sondern muss selbst durch Kommunikation hergestellt werden und dafür gibt es nur einen Mechanismus: Man Reagiert auf die Gegenwart und schafft Semantikstrukturen, die jetzt, aber nicht mehr morgen, funktionieren.</p>
<p>Beispiele dafür sind u.a.: (1) Jeder souveräne Nationalstaat, der eine Verfassung hat, die intern integriert aber keine Antwort darauf hat, wie man mit einer globalisierten Wirtschaft umgehen kann. (2) Alle Tageszeitungen, in denen Redakteure aufwändig selegieren, was wichtig und unwichtig ist, ihre Auswahl dann auf Papier drucken und am nächsten Morgen verteilen &#8211; obwohl die Mehrheit der Menschen schon alles was sie interessiert am Tag davor gelesen hat. (3) Firmen die aufwändig TV-Kabel mit Internet-Anschluss verlegen, obwohl schon heute sowohl digitales TV als auch Internet gefunkt wird. &#8230;</p>
<p>Die Welt die wir uns zusammenreden, weil wir es können und weil es entscheidende Vorteile hat, entspricht immer einer Weltstruktur von gestern. Diese Dialektik ist förmlich nicht aufzuhalten. Selbst die klügsten Soziologieprofessoren an unserer Uni staunen darüber, dass Teilnehmer nach Seminaren regelmäßig ihre Handys statt ihre Kommilitonen konsultieren und fragen sich, was das bloß soll. Und die Handyfuzies können auf Nachfrage dazu keine Antwort geben. Das wird erst in zehn Jahren möglich sein &#8211; wenn wieder jemand ein Generation XY Buch geschrieben hat, alle mit der angebotenen Semantik des Buches einverstanden sind und es damit sogleich in die Geschichte eingeht.</p>
<p>Luhmann nennt diese Differenz im Übrigen, obwohl er <a href="http://www.suhrkamp.de/schnellsuche.cfm?suche=Gesellschaftsstruktur+und+Semantik&amp;x=0&amp;y=0&amp;show=titel">vier Bände</a> über „Gesellschaftsstruktur und Semantik&#8221; geschrieben hat, im ersten Band viel treffender „Historismus&#8221; und „Funktionalismus&#8221;. Und mit dieser Wortwahl gewinnt auch der dümmste Antiwitz der Gegenwart ein bisschen Sinn: <em>Warum leckt sich der Hund die Eier? Weil ers kann.</em> Das gleiche gilt für alles andere was die-Jugend-ohne-Geschichtsbewußtsein tut. Warum nutzen sie social networks auf dem Handy? Warum guckt man sich dumme Kurzfilme im Internet an? Warum hackt man fremde Computer? Warum geht man S-Bahn surfen? Warum tauscht man im Internet unbezahlte Musik? Weil es funktioniert! Und weil die Bedingung, dass man eine befriedigende Begründung ins Weltkommunikationsnetz einspeisen kann, keine notwendige ist. Wer darüber reden kann was er tolles macht, lebt zwangsläufig im gestern.</p>
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