Von der „wunderbaren Unzerreissbarkeit der Gesellschaft“

Was konstituiert die Soziologie als eigenständige Wissenschaft? Georg Simmel beantwortet diese Frage in seinem Buch „Soziologie“ differenztheoretisch über die Unterscheidung von Inhalt und Form. Als Inhalt bezeichnet er die individuellen Motive, Interessen und Zwecke, die die Materie der Vergesellschaftung bilden und selbst noch kein Sozialität konstituieren. Erst indem sich das isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des Miteinander und Füreinander gestaltet, entsteht Vergesellschaftung. Simmel grenzt dabei die Soziologie von einer ontologisch begründeten Wissenschaft ab, indem er betont, dass die besonderen Wechselwirkungen zwischen Individuen nicht eindeutig erfasst werden können, sondern je nach Betrachter begrifflich unterschiedlich zu deuten sind.

Im 4. Kapitel des Werkes, dem diese Rezension gewidmet ist, behandelt Simmel unterschiedliche Formen des „Streits“. Im Rahmen einer Typologie des „Streits“ ergänzt Simmel den makrosoziologischen Untersuchungsgegenstand der Organisationen (wie Parteien, Staaten, Familien und Zünfte) um die mikrosoziologischen Sozialformen der Interaktion zwischen Individuen und behandelt ihre jeweiligen sozialen Wirkungen. In diesem Zusammenhang erfährt der „Streit“ als Vergesellschaftungsform seine soziologische Bedeutsamkeit dadurch, dass er selbst neue Sozialformen auf der Makro-Ebene bedingt und modifiziert. „Streit“ wird von Simmel allgemein als Einheit aus Differenzen verstanden, die einer immanenten Logik folgt und sich kausaler Rationalität entzieht: Im Prozess des Konflikts verliert sich das ursprüngliche Motiv und der Konflikt greift auf Elemente über, die bislang außerhalb des „Streits“ lagen. Mit Verweis auf die sozial konstitutiven und strukturellen Effekte des Zusammenwirkens von negativen und positiven Elementen, stellt Simmel die Funktionalität des „Streits“ heraus.

In seiner Typologie legt Simmel eine ausführliche Beschreibung unterschiedlicher Streitphänomene vor. So zeichne sich der Rechtsstreit durch seinen Fokus auf Sachlichkeit, religiöse Konflikte durch Konkurrenzausschluss und das indische Kastenwesen durch seine integrative und sozialisierende Wirkung aus. Als zentrales Beispiel behandelt er den Typus des „Konkurrenzkampfes“. Konkurrenz unterscheide sich von anderen Typen des Kampfes darin, dass die beteiligten Parteien auf ein Ziel zustrebten ohne Kraft auf den Gegner zu verwenden. Dieser Mechanismus entfalte eine enorme vergesellschaftende Wirkung. In der Konkurrenz gelinge, was sonst nur die Liebe vermag: „das Ausspähen der innersten Wünsche eines anderen, bevor sie ihm selbst bewusst geworden sind“. So wirbt der Kaufmann um die Gunst des Publikums und der Parlamentarier um die Zustimmung der Wählerschaft.

Das Kapitel des 1908 erschienenen Bandes kann zu den bedeutendsten Arbeiten Georg Simmels gezählt werden. Seine Erkenntnis, dass sich Sozialität erst durch die Wechselwirkung zwischen Individuen konstituiert, führte zu einer neuen analytischen Betrachtungsweise der Geisteswissenschaften. Simmels Ausführungen stehen im Kontext der Werke zeitgenössischer Klassiker der Soziologie: So kontrastiert er anhand des Zunftwesens die Prinzipien von Konkurrenz und Gleichheit und verweist damit indirekt auf Emile Durkheims Konzepte der mechanischen und organischen Solidarität. Auch wird der soziologisch interessierte Leser das vorbereitende Argument für Norbert Elias‘ „Höfische Gesellschaft“ entdecken, wenn Simmel die spezielle Konstellation des Konkurrenzkampfes als Werben um die Gunst des Dritten beschreibt. Elias‘ Königsmechanismus – der Zwang zur Prestigekonkurrenz innerhalb der französischen Aristokratie als sozial-integrative Instrument absolutistischer Herrschaft – kann vor diesem Hintergrund als Sonderfall des Simmelschen Konkurrenzprinzips interpretiert werden.

Indem Simmel Zwecke und psychische Dispositionen als Materie der Vergesellschaftung begreift und gleichzeitig den Fokus auf die Form und weniger auf den Inhalt legt, grenzt er sich von utilitaristischen Theorien nachfolgender Klassiker (Max Weber) ab. Was Simmel als Wechselwirkung zwischen Individuen beschreibt, fasst die Systemtheorie Niklas Luhmanns rund 60 Jahre später als Kommunikation in sozialen Systemen. Mit Luhmann verbindet Simmel nicht nur eine funktionale und unterscheidungstheoretische Analyse von Konflikten, sondern auch die Anlage für eine sozialkonstruktivistische Perspektive und der implizite Verweis auf die Binnendifferenzierung der Gesellschaft sowie die Differenz zwischen Gesellschaftsstruktur und Semantik – auch wenn diese bei Simmel nicht im Rahmen einer universalistischen Theorie ausgearbeitet sind. In den Implikationen des funktionalistischen Zugangs treten die Unterschiede der Simmelschen Soziologie zu normativen Gesellschaftstheorien (Talcott Parsons) bzw. konsensorientierten Ansätzen (Jürgen Habermas) besonders deutlich hervor.

Obwohl Simmel „Streit“ als Vergesellschaftungsform aus empirisch-historischer Perspektive rekonstruiert ohne weder ein klares Begriffsinstrumentarium noch eine systematische Gliederung als Folie für die Entwicklung einer eigenständigen (Konflikt-)Theorie anzufertigen, können seine Beschreibungen dennoch als Vorbereitung auf die Entstehung der Konfliktsoziologie angesehen werden. Argumente wie die Funktionalität von Antagonismen, die einer Eigendynamik folgen und unterschiedliche Wirkungen in Bezug auf die Struktur von Gesellschaft entfalten, haben nicht nur die deutsche Soziologie beeinflusst. Auch international hat das Werk Resonanz gefunden und in den 1950er und 1960er Jahren den Weg für die Etablierung einer eigenständigen Konflikttheorie wie die Lewis Cosers und Robert Mertons geebnet. Die Suggestivkraft und Aktualität seiner Analyse scheinen dabei nicht nur angesichts der disziplinübergreifenden Popularität von Streitschlichtungsmethoden und Mediationsverfahren ungebrochen. Simmels postulierte positive Wirkungen von sozialen Antagonismen finden sich auch in aktuellen Werken diskurstheoretischer Couleur einer Chantal Mouffe („Über das Politische“) wieder.

Auch wenn dem modernen Leser die Sprache als ungewohnt und „holprig“ vorkommen mag, so beeindruckt Simmels „Streit“ durch die Breite der Themen und den außergewöhnlichen Blick für latente Funktionen. Darüber hinaus gewinnen seine Untersuchungen aufgrund der empirischen Nähe und Präzision – wie beispielsweise über die Ausführungen zur deutschen Arbeiterbewegung, zur englischen Parteien- und Parlamentsgeschichte oder zu unterschiedlichen Religionsgemeinschaften – einen historischen Gehalt. Selbst Geschlechterfragen widmet sich die Gründerfigur der Soziologie, indem das Prinzip der Sitte und die Solidarität unter Frauen als kollektiver Schutzmechanismus gegenüber der Überlegenheit des männlichen Geschlechts gewertet werden. In Simmels theoriefreiem Zugang liegt einerseits ein analytisches Strukturdefizit begründet, andererseits lässt sich gerade darin ein noch unerschöpftes Potential vermuten.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich "Organisationen" an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld und Doktorandin an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS). Forschungsschwerpunkte sind Organisationen in Geschichte und Gegenwart sowie insbesondere ihr Verhältnis zu Recht, Politik, Medien und Wirtschaft www.renaschwarting.de

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