Welches Organisationsproblem lösen „lockere Umgangsformen“ in Konzernen?

projektEin Essay bestehend aus einer kurzen und einer langen Antwort

Die kurze Antwort lautet: Dies ist eine empirische Frage. Zunächst einmal ist im Einzelfall zu klären, ob förmliche Umgangsformen – wie das Tragen von Anzug, Krawatte und die förmliche Anrede – in einem Unternehmen als Mitgliedschaftspflicht formalisiert oder als eine informale Erwartung etabliert waren. Dabei lässt sich beobachten, dass das „Krawatte-Ablegen“ und „Duzen“ bisher beispielsweise in (Werbe-)Agenturen als informale Erwartung etabliert war.

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Die Sehnsucht nach einer Leitkultur – Was CDU und CSU von der Diskussion über Leitbilder in Organisationen lernen könnten

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Unter Führungskräften ist es angesagt, den Mitarbeitern Leitkulturen zu verordnen. Es werden wohlklingende Leitbilder verabschiedet in der Hoffnung, das Handeln in der Organisation möge sich an ihnen ausrichten. In eigens einberufenen Workshops werden die Mitarbeiter aufgefordert, über das von der Organisationsspitze verabschiedete Leitbild zu reflektieren und ihr Handeln darauf einzustellen. Das neueste Papier der bayerischen CSU und der sächsischen CDU zu einer „Leit- und Rahmenkultur“ zeigt nun, dass auch einige Politiker die Hoffnung hegen, man könne ‒ ähnlich wie Firmen ihre Mitglieder über Leitbilder anleiten ‒ auch Bürger und deren Handlungen über ein solches Leitbild beeinflussen.

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Rezension zu: Sprenger, Reinhard K. (2015): Das anständige Unternehmen. Was richtige Führung ausmacht – und was sie weglässt. München: DVA

Arbeitswelt

Seit seinem Bestseller „Mythos Motivation“ schreibt Reinhard Sprenger immer wieder das gleiche Buch, aber das ganz hervorragend. Ob man nun seine Bücher „Radikal führen“, „Das Prinzip Selbstverantwortung“, „Die Entscheidung liegt bei Dir“, „Aufstand des Individuums“ oder das gerade erschienene Werk „Das anständige Unternehmen“ nimmt – das Argument ist immer das gleiche. Die Unternehmen sollten aufhören, ihre Mitarbeiter zu infantilisieren, zu therapieren und zu vereinnahmen, sodass die Mitarbeiter selbst Verantwortung übernehmen könnten. Das würde viel eher zum Erfolg des Unternehmens beitragen als die vielen übergriffigen aktuellen Führungstechniken und Personalentwicklungsmaßnahmen. Er richtet sich damit gegen die Gutmensch-Prosa in den Leitbildern von Unternehmen, die häufig an religiöse Großveranstaltungen erinnernden salbungsvollen Managementansprachen oder die Maßnahmen zur Corporate Social Responsibility, die letztlich häufig nichts anderes seien als ein luxurierendes Wohltätigkeits-Schaulaufen (S. 359).

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Zeitdiagnosen 4.0

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Ein Trend zu Neuem ist nicht zu übersehen. Im monatlichen Rhythmus werden neue technische Epochen, innovative Organisationsformen oder gleich neuartige Gesellschaftsformationen ausgerufen. Berater versuchen über schnell hingeworfene Zeitdiagnosen, ihre Angebote zu vermarkten, Wissenschaftler geben ihren Forschungen darüber eine massenmediale Bedeutung und Politiker versuchen, darüber Themen zu setzen.

In der Vergangenheit wurden Zeitdiagnosen noch so formuliert, dass man genau wusste, worum es ging. Es war die Rede von der „Industriegesellschaft“, der „Dienstleistungsgesellschaft“ oder der „Erlebnisgesellschaft“; verkündet wurde der Trend zur „Matrix Organisation“, zum „Lean Management“ oder zum „Business Process Reengineering“. Aber schon an der Popularität der Vorsilbe „post“ in der Bezeichnung manches neuen Trends konnte man erkennen, dass sich die Zeitdiagnostiker immer weniger trauten, ihre Analysen mit einem präzisen Begriff zu bezeichnen. Begriffe wie postindustrielle Gesellschaft, postfordistisches Unternehmen oder postbürokratische Organisationen suggerieren zwar eine grundlegende Veränderung, lassen aber offen, was sich genau verändert. Und es hat eine gewisse ungewollte Ironie, wenn inzwischen wissenschaftliche Konferenzen veranstaltet werden, auf denen danach gefragt wird, was nach der postbürokratischen Organisation oder nach dem postfordistischen Unternehmen komme.

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Das Ingenieur-Rätsel

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Weswegen sich so viele Ingenieure unter den islamistischen Terroristen finden und weswegen ein Blick auf die Sozialstruktur allein zu kurz greift

Terroristische Anschläge scheinen in der Öffentlichkeit den Reflex auszulösen, sich die religiöse Sozialisation, die Bildungswege, die Berufstätigkeiten, die kriminellen Karrieren, den Familienhintergrund, die sexuellen Präferenzen, die psychiatrischen Krankengeschichten, die Gewohnheiten in puncto Drogenkonsum oder Computerspiel-Frequenz der Attentäter anzusehen ‒ wohl in der Hoffnung, über die Verortung der Attentäter in der Sozialstruktur Aufklärung über ihre Motive zu erhalten und somit zukünftig Anschläge von Personen mit ähnlichen sozialstrukturellen Merkmalen verhindern zu können.

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Unverstandene Union: Über unlösbare Organisationsprobleme eines politischen Dachverbands

14473724517_20f621d512_kEin Ausfall der Übersetzungsanlage ist hier wohl noch das geringste Problem: Sitzung des Straßburger EU-Parlaments. Bild/Rechte: Europäische Union.

Die „Brexit“-Debatte beschäftigt die Medien. Was dem Austrittsbegehren der Briten folgt, ist ein reger Wettbewerb um Reformideen zur Struktur der EU.1 Die Stärke dieser Reaktionen liegt in ihrer leicht zugänglichen, sehr emotionalisierten Betrachtungsweise. Folglich liegt ihre Schwäche zugleich darin, dass spezifische Voraussetzungen und Bedingungen der Organisation EU als Organisation nur rudimentär und normativ in Augenschein genommen werden. Eine dagegen womöglich instruktivere Problembeschreibung bietet der Ansatz der „Meta-organizations“ der schwedischen Organisations- und Wirtschaftswissenschaftler Göran Ahrne und Nils Brunsson2, dessen Relevanz ich zunächst punktuell skizzieren werde und anschließend auf zwei umfangreiche Organisationsprobleme der EU eingehe.

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Die Funktionalität von Unsicherheit in Austrittsverfahren der EU – oder: Warum Artikel 50 tatsächlich „wunderbar formuliert“ ist.

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„Der Artikel 50 ist so wunderbar formuliert, wie ihn Europa überhaupt nur formulieren kann“ (zitiert nach Brössler/Kirchner 2016) ließ Angela Merkel am Ende des zweiten Tages des Treffens des Europäischen Rates nach dem so genannten ‚Brexit‘ verlauten. Diese Aussage mag etwas überraschen, denn seit dem britischen Referendum kreisen die Diskussionen um die Folgen für die Europäische Union (EU) vor allem um zwei Fragen: Wann reicht die Regierung Großbritanniens ihr Austrittsgesuch bei der EU ein und was passiert in den darauf folgenden Austrittsverhandlungen eigentlich genau?

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Promotionsplagiate in der Medizin – Im Zweifel gegen die Wissenschaft

Die Verteidigungsministerin bleibt Doktor. Kein gutes Signal für den akademischen Nachwuchs, aber ein gutes Indiz dafür, Medizin-Promotionen nicht ernst nehmen zu müssen.

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Ursula von der Leyen behält ihren Doktortitel und damit ein Stück Würde. Günstig für die Person, jedoch nicht für die Wissenschaft. Nicht um Moral kann es gehen, nicht eigentlich um Anstand, um Sitte oder die leidige Frage, wie viel Ehrlichkeit den Menschen von der Leyen schmückt. Worum sonst geht es Wissenschaft, wenn sie Forschung auf den Prüfstand stellt? Wesentlich geht es um Erhaltung ihrer Funktion, um Grenzziehung, letztlich um Schutz des Systems. Und nötigenfalls um Ausgrenzung jener, die erkennen lassen, dieses System nicht anerkennen zu wollen. Dass medizinische Promotionen oft wenig taugen, wäre abermaliger Erwähnung nicht wert, wäre der vermiedene Titelentzug in Sachen von der Leyen nicht einigermaßen ärgerlich, aus Sicht nicht weniger gar unerträglich für den akademischen Großbetrieb.

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Verkündung: Redaktionsschluss

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Vö: 14.03.2016

Beim Hanser-Verlag stellen ganz am Ende der Arbeit die Lektoren ihren Autoren fünf Fragen, deren Antworten Interesse an den neuen Werken wecken sollen. Meine Antworten zum Buch „Redaktionsschluss“ habe ich hierher kopiert. Links zum Buch finden sich unter dem Text. Wer wissen will, weshalb Newcomer-Parteien heute mehr Nichtwähler mobilisieren als Volksparteien mit Kanzlergeschichte insgesamt Stimmen erhalten, sollte das Buch lesen. Denjenigen, die sich dagegen nur darüber empören möchten, empfehle ich die Zeitung von heute – egal welche.

Warum soll ich ein Buch über die Zukunft des Journalismus lesen?
Die Fragen nach der Zukunft des Journalismus behandeln auf kürzestem Wege auch die Fragen nach der Zukunft der Gesellschaft. Die Prämisse ist kurz aber unhintergehbar: Was wir über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. 20 Jahre nachdem der Soziologe Niklas Luhmann das sagte, stellen wir heute fest: Die Angebote der Massenmedien nutzen wir in jeder freien Sekunde. Nur wie viel Journalismus steckt noch in ihnen? Über die Welt wussten wir nie so viel wie heute. Aber können wir uns noch darüber verständigen, was uns betrifft? Der Journalismus selbst beantwortet diese Frage heute je nach Prägung mit digitaler Euphorie oder ökonomischem Wehklagen. Deshalb muss es ein Buch sein, als Angebot, sich frei von der tagesaktuellen Dramatik mit Journalismus zu beschäftigen und darüber zu verständigen, in welcher Welt wir leben.

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Die Prekarität der Macht

Zum Verhältnis von Verorganisierung und Macht im Islamischen Staat

Nicht erst seit den Anschlägen von Paris ziehen die Brutalität sowie der scheinbar unaufhaltsame Erfolg des „Islamischen Staats“ (IS) die Weltöffentlichkeit in ihren Bann. Der massenmedialen Aufmerksamkeit zum Trotz stellt eine soziologisch informierte Auseinandersetzung mit dem Thema derzeit noch ein Desideratum dar. Vor diesem Hintergrund hat sich kürzlich der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl mit einem ersten Ordnungsversuch hinsichtlich des IS zu Wort gemeldet.1 Kühl macht dabei die These stark, der Islamismus, also die radikalen Strömungen des Islam, müsse aus soziologischer Perspektive als eine soziale Bewegung interpretiert werden. Von dieser sozialen Bewegung wiederum setze sich der IS dergestalt ab, dass er immer deutlichere Tendenzen einer „Verorganisierung“ aufweise, er klassischen Organisationen also immer ähnlicher werde.

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Nicht einfach „Verorganisierung“. Doppelte Landnahme!

Kritische Anfragen an Stefan Kühls Essay zur Entwicklung des Islamismus

Die These der „Verorganisierung“ des Islamismus ist auf den ersten Blick evident. Im Anschluss an die soziologische Bewegungs- und Parteienforschung behauptet Stefan Kühl, dass die islamistische Bewegung „zunehmend“ formale Organisationen ausdifferenziert – auch wenn es eher typisch für Bewegungen sei, sich einer Organisiertheit ideologisch zu verweigern.[1] Er begründet die These mit vier funktionalen Argumenten, für die er sowohl zeitgeschichtliche als auch zeitgenössische Belege heranzieht. weiterlesen