„Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt“ – Veranstaltungsbericht zur Vortragsreihe der Forschungsgruppe ORDEX

Steht die aktuelle deutschsprachige Gewaltsoziologie an einem Wendepunkt? Diese Frage stellte sich die Forschungsgruppe ORDEX[i], und lud unter dem Titel „Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt“ im Wintersemester 2018/19 zum zweiten Mal zu einer Vortragsreihe nach Bielefeld ein, um dieser Frage in einem besonderen Veranstaltungsformat nachzugehen. Anlass dazu bot die Beobachtung, dass sich gegenwärtig neben dem vorherrschenden Trend mikrosoziologischer Arbeiten zunehmend neuere Ansätze etablieren, die neben oder auch zusätzlich zu einer rein mikrosoziologischen Perspektive auf Gewalt organisationssoziologische, prozess­soziologische oder auch gesellschafts­theoretische Argumente entwickeln[ii]. Wenngleich vermehrt innovative theoretische und methodische Zugänge gewählt werden, ist bisher kaum eine Diskussion über die Unterschiede dieser Zugänge entstanden. Ziel der vierzehntägig stattfindenden Vortragsreihe war es, diese aktuellen Perspektiven der Gewaltforschung zusammenzuführen und die teils zersplitterte Forschungslandschaft miteinander ins Gespräch zu bringen.Um statusgruppenübergreifende Diskussionen zu ermöglichen, wurden neben Professor*innen und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen auch Studierende eingeladen, die Ergebnisse ihrer Forschungen vorstellten und diskutierten. Dabei wurden die Vorträge in diesem Semester jeweils von einem Kommentar begleitet, der anknüpfende oder auch kritische Perspektiven zur Diskussion stellte.

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Von der List der Vernunft – Im Gespräch: der Jurist und Publizist Horst Meier

Der Kasseler Verfassungsrechtler und frühere Strafverteidiger Horst Meier schreibt seit drei Jahrzehnten über Rechtspolitik und befasst sich insbesondere mit der rechtsstaatlichen Entwicklung der Bundesrepublik, wofür er zuletzt den Pressepreis des Deutschen Anwaltsvereins erhielt. Von ihm erschienen Arbeiten zu den Verbotsprozessen gegen die SRP und NPD und zur Kritik des Verfassungsschutzes. Ein ausführliches Sozialtheoristen-Gespräch über die freiheitliche demokratische Grundordnung, dubiose Hitler-Spenden in der Nachkriegszeit, den Umgang mit extremen politischen Positionen und über den Bedarf einer unaufgeregten Bewertung.

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Wann gibt es Neuwahlen? – Kleiner bundesrepublikanischer Rück- und Ausblick mit Indizien

Neuwahl-Interpreten mit ähnlicher Taktik: Altkanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder unterhalten sich nach dessen Wahl zum Bundeskanzler im alten Bonner Bundestag. Bild: Marco Urban

Vermutlich in keiner anderen Legislaturperiode des Bundestages ist das Wort auch nur annähernd oft gefallen. Bekommt neben Österreich auch Deutschland bald schon “vorgezogene Neuwahlen”? Immerhin eine Beobachtung gibt Hinweise.

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Der Blick fürs Unwesentliche: zur Beobachtung des Unfalls

Unfälle sind zu erwarten. Und doch irgendwie auch nicht. Erscheinen sie uns deshalb so vertraut wie unbekannt? Kleine Ortung.

Hier aber gibt es nichts zu sehen. Oder ist es noch nicht/nicht mehr wesentlich? Eine niedersächsische Momentaufnahme aus dem Bildband “Am Ort der entgleisten Hoffnungen” (hgg. v. Stephan Erfurt, 1999).

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Gehörst du zur Familie? – Intimität in der Firma

Unternehmen haben die Familie entdeckt: sie wollen selbst zur Familie werden. Kaum noch ein Konzern mag auf vertraulich-behagliche Töne verzichten. So sympathisch das erscheinen mag, so nützlich könnte es für Beschäftigte sein, doch lieber Distanz zu halten. Die sozialen Bedingungen von Firma und Familie sind vollkommen unterschiedlich.

Herrliche Eintracht: Mutters Geburtstag im Loriot-Film “Papa ante portas” (1991) Bild: MDR/ARD
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Weshalb sachlich, wenn es auch persönlich geht

Quelle: Pixabay

Über Gefühle in Organisationen

Interview von Peter Laudenbach mit Stefan Kühl

Eine ausführliche Fassung des Interviews ist im Heft 4/2019 von Brandeins erschienen und wird ab Mai 2019 online zugänglich gemacht. Diese Fassung auf den Sozialtheoristen soll aber jetzt schon ermöglichen, die teilweise sicherlich provokanten Thesen zu diskutieren

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Ein Reich in Bewegung

Ende 1918 wäre Prinz Max von Baden beinahe „Reichsverweser“ geworden, ein kommissarischer Kaiser, und Deutschland Monarchie geblieben. Doch kaum ist Wilhelm II. abgesetzt, wird die Republik ausgerufen. Um das deutsche Kaiserreich ranken sich auch nach einem Jahrhundert noch allerlei Mythen und Vorurteile – es überwiegt das Bild von Stechschritt und Pickelhaube. Die Historikerin Hedwig Richter erinnert an Aufbrüche, Reformen und soziale Bewegungen der fast fünf Jahrzehnte währenden Reichsgeschichte. 

Personaltableau einer Epoche: Die Familie Hohenzollern feiert im Juni 1913 im Berliner Stadtschloss das 25. Kronjubiläum Wilhelms II. Ein Jahr vor dem Krieg scheint die Dynastie sicher. Im ganzen Reich läuft zu dieser Zeit die Imagekampagne „Unser Kaiserpaar“: Postkarten für die Erwachsenen, Bastelhefte für die Kinder. Bild: Fotolia.
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Die überraschende Renaissance eines verstaubten soziologischen Konzeptes. Wie Praktiker das Wort „agil“ missverstehen

Pixabay: ArtsyBee

Kaum ein soziologisches Konzept ist so aus der Mode wie das sogenannte Agil-Schema des US-amerikanischen Strukturfunktionalisten Talcott Parsons. Es finden sich kaum noch Wissenschaftler, die mit dem ursprünglich mal als umfassenden soziologischen Erklärungsansatz entwickelten Agil-Schema arbeiten, hat es sich doch in der Anwendung als viel zu schematisch herausgestellt. An Universitäten wird das Agil-Schema bestenfalls noch kursorisch in Vorlesungen zur Geschichte der Soziologie vermittelt, sodass die meisten Soziologen kaum noch in der Lage sind, dieses Schema auf die Analyse zum Beispiel von Familien, Schulklassen oder Unternehmen anzuwenden.[1] Um so überraschender ist, dass  Talcott Parsons mit seinem Agil-Schema außerhalb der Soziologie eine auffällige Renaissance erlebt.

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Von den Zwängen und Freiheiten der Lehre. Wider die Verklärung von Lehr- und Lernkulturen

An Hochschulen hört man immer mehr Stimmen, die eine Veränderung von Lehr- und Lernkulturen fordern. Die Prüfungs- und Benotungskulturen, die Beratungs- und Unterstützungskulturen, die Fort- und Weiterbildungskulturen und die Qualitätsentwicklungskulturen müssten, so die Stimmen, so verändert werden, dass eine an den Bedürfnissen von Studierenden ausgerichtete Lehr- und Lernkultur entstehe.

Mit der inzwischen inflationären Verwendung des Kulturbegriffsvollzieht sich an den Universitäten und Fachhochschulen ein Trend nach, der in Unternehmen und Verwaltungen, aber auch Polizeien und Armeen sowie in Kirchen schon längere Zeit zu beobachten ist. Auch dort wird die Hoffnung auf eine größere Effizienz, auf eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit und stärkere Kundenorientierung mit einer Veränderung der Organisationskultur verbunden.

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28 Megatonnen Buch

Blick ins Europäische Parlament.

Als Stephen Colbert im Fernsehen noch seine Rolle als News-Anchor spielte, hatte er mal vehemente Atomwaffengegner als Gesprächsgäste im Studio. Und die wollten partout nicht verstehen, dass Atombombenexplosionen auch eine positive Seite haben. “Können Sie nicht wenigstens einsehen, dass so eine Explosion richtig geil aussieht?” An diese Szene erinnerte ich mich beim Lesen von Ulrike Guerots Europa-Buch. Sie stellt eine europäische Republik in den Raum und bekommt für sie viel Applaus, weil sie funkelt und strahlt, und einfach gut aussieht. Doch irgendwann beschleicht einen das Gefühl, es könnte auch eine Atombombe sein. Eine Lesung:

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Die brauchbare Unordnung der Lehre

Diese Bestuhlung lässt die Herzen der traditionell Lehrenden höher Schlagen – (digitales) Methodenfeuerwerk und politische Korrektheit? Nein Danke. Foto: Peter Miller /Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Von Marcel Schütz und Lukas Daubner*

In der Universität gibt es derzeit eine große Erzählung: vom Defizit ihrer Lehre. Marginalisiert erscheine sie, für wissenschaftliche Karriere praktisch unnütz. Wo man auch hinhört, pessimistischer Grundton. Diesem Mangel, heißt es, sei mit strategischer Tatkraft zu begegnen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will neuerdings nebenher „Lehrgemeinschaft“ heißen. In den Hochschulen feilt man an „Lehrstrategien“. Das wundert nicht, empfiehlt der Wissenschaftsrat doch ganze „Lehrverfassungen“ – Lehre landauf, Lehre landab. Bei alledem schwingen gut verdeckte Vorurteile mit: Zu wenig engagiert, wenn nicht gar schlecht werde gelehrt. Man empfiehlt, was seit Jahrhunderten anscheinend sträflich vernachlässigt wurde: vermehrt Lehrangebot für Lehrende, auf dass sie verstehen, was sie tun und erloschener Elan neu entfacht werden möge.

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Drum prüfe, wer sich ewig windet – Das Selbst zwischen romantischer Liebe und Mikrounternehmen auf dem Online-Dating-Markt

Fragte man heute ein Paar, das in einer Online-Dating-Börse zueinander fand, wie es sich lieben lernte, so lautete eine gängige Antwort vielleicht: „Ich kann das gar nicht erklären, ich habe mich einfach verliebt.“ Die „unerwartete Epiphanie“ (Illouz 2016: 134) der romantischen Liebe widerspricht rationalen Überlegungen und impliziert ein Frei-Sein von Kalkül. Eva Illouz postuliert für die Suche nach einer Zweierbeziehung in Online-Dating-Börsen indes eine Marktstruktur, in der das Individuum ökonomische Überlegungen vornimmt, um aus den unzähligen potentiellen Partner*innen das Optimum zu finden (vgl. 2016: 133ff.). Trotzdem suchen Menschen nach romantischen, konventionellen Zweierbeziehungen im Internet.

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