“Die Gesellschaft expandiert die Eskalation des Terrors”

Der Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle hat Erschütterung und Diskussion ausgelöst: über Ursachen, Verantwortung und Folgen. Abseits lauter Kontroverse ist der Terror auch ein Thema der Gesellschaftstheorie. Wie kommt es eigentlich, dass Terror sich in der modernen Gesellschaft regelrecht “festgebissen” hat und sich gar noch weiter ausdehnt? Nach einem Gastbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung führte die Northern Business School Hamburg (NBS) mit dem Soziologen Marcel Schütz das nachfolgende Interview.

Absturz einer Swissair-Maschine 1970 im schweizerischen Würenlingen. Der Anschlag galt ursprünglich wohl einer israelischen Maschine, die Bombe kam jedoch im Zürcher Flughafen durch einen Gepäcktausch ungeplant in eine Schweizer Maschine. Es erscheint bizarr: Typisch für die Ordnung des Terrors ist gelegentlich auch unachtsame Einprogrammierung dysfunktionaler Devianz: So sprengen sich Selbstmordattentäter zuweilen zu früh in die Luft oder Munition versagt oder Bomben gehen auf falsche Reise. Foto: Keystone.

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Von der List der Vernunft – Im Gespräch: der Jurist und Publizist Horst Meier

Der Kasseler Verfassungsrechtler und frühere Strafverteidiger Horst Meier schreibt seit drei Jahrzehnten über Rechtspolitik und befasst sich insbesondere mit der rechtsstaatlichen Entwicklung der Bundesrepublik, wofür er zuletzt den Pressepreis des Deutschen Anwaltsvereins erhielt. Von ihm erschienen Arbeiten zu den Verbotsprozessen gegen die SRP und NPD und zur Kritik des Verfassungsschutzes. Ein ausführliches Sozialtheoristen-Gespräch über die freiheitliche demokratische Grundordnung, dubiose Hitler-Spenden in der Nachkriegszeit, den Umgang mit extremen politischen Positionen und über den Bedarf einer unaufgeregten Bewertung.

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Wann gibt es Neuwahlen? – Kleiner bundesrepublikanischer Rück- und Ausblick mit Indizien

Neuwahl-Interpreten mit ähnlicher Taktik: Altkanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder unterhalten sich nach dessen Wahl zum Bundeskanzler im alten Bonner Bundestag. Bild: Marco Urban

Vermutlich in keiner anderen Legislaturperiode des Bundestages ist das Wort auch nur annähernd oft gefallen. Bekommt neben Österreich auch Deutschland bald schon “vorgezogene Neuwahlen”? Immerhin eine Beobachtung gibt Hinweise.

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Die brauchbare Unordnung der Lehre

Diese Bestuhlung lässt die Herzen der traditionell Lehrenden höher Schlagen – (digitales) Methodenfeuerwerk und politische Korrektheit? Nein Danke. Foto: Peter Miller /Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Von Marcel Schütz und Lukas Daubner*

In der Universität gibt es derzeit eine große Erzählung: vom Defizit ihrer Lehre. Marginalisiert erscheine sie, für wissenschaftliche Karriere praktisch unnütz. Wo man auch hinhört, pessimistischer Grundton. Diesem Mangel, heißt es, sei mit strategischer Tatkraft zu begegnen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will neuerdings nebenher „Lehrgemeinschaft“ heißen. In den Hochschulen feilt man an „Lehrstrategien“. Das wundert nicht, empfiehlt der Wissenschaftsrat doch ganze „Lehrverfassungen“ – Lehre landauf, Lehre landab. Bei alledem schwingen gut verdeckte Vorurteile mit: Zu wenig engagiert, wenn nicht gar schlecht werde gelehrt. Man empfiehlt, was seit Jahrhunderten anscheinend sträflich vernachlässigt wurde: vermehrt Lehrangebot für Lehrende, auf dass sie verstehen, was sie tun und erloschener Elan neu entfacht werden möge.

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Create your Campus – Die Eventisierung der Hochschule

An der Universität Bayreuth ist ein Ideenwettbewerb mit dem Titel „Create your Campus“ ausgeschrieben. Geworben wird mit folgendem Pressetext: „Was brauchst du, damit dein Lern- und Lebensumfeld optimal ist? Wenn du deine Universität neu erfinden und gestalten dürftest, was würde auf keinen Fall fehlen? Überzeuge uns von deiner Vision und gemeinsam erwecken wir sie zum Leben.“ Diese und andere Aktionen und Events – wie der „Bayreuther Ökonomiekongress“, die „Bayreuther Debatten reloaded“, die Ausrichtung des „DLD Campus“ oder  der „Unistrand“ – sollen das universitäre Leben bereichern und eine Brücke zur Welt außerhalb des Campus bauen. „Partizipation“, „Innovation“, „Wettbewerb“, „Kreativität“, „Demokratie“ und „Meinungspluralismus“ sind Stichworte der Diskussion.[1]

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In Uneinigkeit geeint

Binnenbündnisse erschweren Entscheidungen der EU. Dagegen versucht Kommissionspräsident Juncker auf rhetorischem Weg zur sozial- und wirtschaftspolitischen Vertiefung der Union Fakten zu schaffen – Ausgang ungewiss.

Außen vor statt nur dabei – Die berüchtigte Visegrád-Gruppe kann zuweilen nicht mit und nicht ohne Europa. Bild: EURACTIV Poland. 

Jean-Claude Juncker inspiriert und irritiert mit seiner Reformrede vor dem Europäischen Parlament. Nachvollziehbar beabsichtigt Juncker, der sich 2019 aus der Politik zurückziehen möchte, noch während seiner Präsidentschaft Grundlegendes anzustoßen. Mindestens rhetorisch, so ist zu vermuten, sollen für eine soziale und wirtschaftliche Vertiefung der Union Fakten geschaffen werden. Das Motto der Rede bleibt nicht bescheiden. Es geht um nicht weniger als den „Fahrplan für eine engere vereinte, stärkere und demokratischere Union“, wie es im Begleitschreiben des Präsidenten an die Staats- und Regierungschefs heißt.

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Politik als Luxus

Der Text ist Vorlage für einen Vortrag, gehalten am 7. August 2017 in der Sommerkirche Welt. Titel des Vortrags: “Aufgeweckte Jugend – contra Politikverdrossenheit”.

Politikverdruss, das ist ein Wort, das wir nur in Verbindung mit „Jugend“ kennen. Bevor wir aber der Jugend Politikverdruss unterstellen, oder der Politik Jugendverdruss – und den Massenmedien eventuell gleich beides – klären wir zuerst, was mit „Jugend“ gemeint ist. Von welchen Altersklassen reden wir, wenn wir von einem Publikum sprechen, das sich im klassischen Politik- und Nachrichtenbetrieb nicht mehr finden lässt, dem wir also eine Ablehnung der politischen Themen unterstellen?

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Auf der Weltbühne

Gipfeltreffen sind die Hochämter staatspolitischer Inszenierung. Ihr Maximalerfolg liegt im Minimalkonsens. Doch müssen sie deshalb so nutzlos sein, wie viele behaupten? – Die Luzerner Soziologin Bettina Heintz geht der “Unverzichtbarkeit von Anwesenheit” in globalen Verfahrenssystemen auf den Grund.

Brandenburg statt Hamburg: In „House of Cards“ treffen Claire Underwood und Präsident Petrov auf dem G7-Gipfel bei der deutschen Kanzlerin aufeinander. Foto: David Giesbrecht/Netflix. 

Politischen Weltereignissen wie Gipfeltreffen kann man auch mit größter Anstrengung schwerlich ausweichen. Ihr medialer Niederschlag ist mindestens mit Königs- und Papstkrönungen vergleichbar, wobei zu solchen Anlässen üblicherweise keine Stadtteile in Flammen stehen und die Fernsehfestivitäten nicht gleich tagelang andauern. Ein G20-Gipfel hat seine eigene aufwändige Dramaturgie. Mit Argusaugen blickten die Pressevertreter in Hamburg gewohnt gebannt auf jede scheinbar noch so marginale Kleinigkeit; bloß nichts verpassen, wenn die Mächtigen der Welt samt ihrer Entouragen zusammenkommen. Jede Geste und Bewegung, selbst ein Lidschlag könnten ja zu neuesten Deutungen hinsichtlich Motiven und Absichten des politischen Personals taugen.

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Gewissensgebiete

In der Behaglichkeit eines Talksessels entschied sich Angela Merkel, nichts entscheiden zu wollen – und hatte damit gleich alles entschieden. Warum auch nicht? So verkehrt kann es nicht sein, wenn eine Regierungschefin noch weiß, wie Politik gemacht wird.

Ja, sie will, weil sie kann: Im „Brigitte“-Plausch geht es auf einmal um Fragen der gewissenhaft zu genehmigenden Tisch- und Bettgemeinschaft. Foto: Bundesregierung/Bergmann.

Nachdem an diesem Freitag der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit von SPD, Linke und Grünen die Ehe für Homosexuelle geöffnet hat, kommt aller Voraussicht nach eine der letzten Debatten um das Thema in Gang. Was für ein Höhepunkt dieser Legislaturperiode. Parlamentspräsident Norbert Lammert freute es. Noch nie habe er zu so früher Stunde einen so voll besetzten Bundestag vorgefunden. Innerparteiliche Widersacher und Mahner werden hinter vorgehaltener Hand ihrer Kanzlerin noch einige Male endgültiges Verscherbeln allen christkonservativen Tafelsilbers vorwerfen. Dass es Angela Merkel vermutlich um nichts anderes ging, als der Wahlkonkurrenz Wind aus den Segeln zu nehmen, werden die Kritiker, wenn auch mit der berühmten Faust in der Tasche, schließlich einsehen.

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Unverstandene Union: Über unlösbare Organisationsprobleme eines politischen Dachverbands

14473724517_20f621d512_kEin Ausfall der Übersetzungsanlage ist hier wohl noch das geringste Problem: Sitzung des Straßburger EU-Parlaments. Bild/Rechte: Europäische Union.

Die „Brexit“-Debatte beschäftigt die Medien. Was dem Austrittsbegehren der Briten folgt, ist ein reger Wettbewerb um Reformideen zur Struktur der EU.1 Die Stärke dieser Reaktionen liegt in ihrer leicht zugänglichen, sehr emotionalisierten Betrachtungsweise. Folglich liegt ihre Schwäche zugleich darin, dass spezifische Voraussetzungen und Bedingungen der Organisation EU als Organisation nur rudimentär und normativ in Augenschein genommen werden. Eine dagegen womöglich instruktivere Problembeschreibung bietet der Ansatz der „Meta-organizations“ der schwedischen Organisations- und Wirtschaftswissenschaftler Göran Ahrne und Nils Brunsson2, dessen Relevanz ich zunächst punktuell skizzieren werde und anschließend auf zwei umfangreiche Organisationsprobleme der EU eingehe.

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Die Funktionalität von Unsicherheit im Austrittsverfahren der EU – oder: Warum Artikel 50 tatsächlich „wunderbar formuliert“ ist.

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“Der Artikel 50 ist so wunderbar formuliert, wie ihn Europa überhaupt nur formulieren kann” (zitiert nach Brössler/Kirchner 2016) ließ Angela Merkel am Ende des zweiten Tages des Treffens des Europäischen Rates nach dem so genannten ‚Brexit‘ verlauten. Diese Aussage mag etwas überraschen, denn seit dem britischen Referendum kreisen die Diskussionen um die Folgen für die Europäische Union (EU) vor allem um zwei Fragen: Wann reicht die Regierung Großbritanniens ihr Austrittsgesuch bei der EU ein und was passiert in den darauf folgenden Austrittsverhandlungen eigentlich genau?

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Die Prekarität der Macht

Zum Verhältnis von Verorganisierung und Macht im Islamischen Staat

Nicht erst seit den Anschlägen von Paris ziehen die Brutalität sowie der scheinbar unaufhaltsame Erfolg des „Islamischen Staats“ (IS) die Weltöffentlichkeit in ihren Bann. Der massenmedialen Aufmerksamkeit zum Trotz stellt eine soziologisch informierte Auseinandersetzung mit dem Thema derzeit noch ein Desideratum dar. Vor diesem Hintergrund hat sich kürzlich der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl mit einem ersten Ordnungsversuch hinsichtlich des IS zu Wort gemeldet.1 Kühl macht dabei die These stark, der Islamismus, also die radikalen Strömungen des Islam, müsse aus soziologischer Perspektive als eine soziale Bewegung interpretiert werden. Von dieser sozialen Bewegung wiederum setze sich der IS dergestalt ab, dass er immer deutlichere Tendenzen einer „Verorganisierung“ aufweise, er klassischen Organisationen also immer ähnlicher werde.

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