Leitbildprosa reicht nicht – Kann man Diversität in der Universität managen?

1910 wurden die ersten Frauen in den Hochschulverwaltungen als Schreibgehilfinnen zugelassen. Bis dahin wurde ihnen diese Stellung verwehrt, da die Männer in den Verwaltungen und auf den Lehrstühlen argumentierten, dass Frauen aufgrund ihres ‚weiblichen Naturells‘ nicht in der Lage seien Geheimnisse zu wahren oder die Handschrift der Ordinarien entziffern zu können. Zumal ihre physische Leistungsfähigkeit durch die ‚periodischen Umstände‘ beeinträchtigt sei. Auch ohne dieses drastische historische Beispiel zeigt ein Blick auf die moderne Hochschule schnell, dass sich die Erwartungshaltung und Realität hinsichtlich der Vielfalt ihrer Mitglieder in den letzten 100 Jahren gewandelt hat. Heute schmücken sich Hochschulen mit Diversitätsleitbildern und -strategien. In diesen bekennen sie sich zu der ‚Förderung der Wahrnehmung, Anerkennung und Nutzung von Vielfalt‘ oder zur ‚Sensibilisierung für Ungleichbehandlungen und Wertschätzung jeglicher Differenzen in allen Lebenslagen‘. Hochschulleitungen reflektieren damit gesellschaftliche und hochschulpolitische Anforderungen. Wie Digitalisierung, Umweltschutz oder Internationalisierung ist Diversität ein weiteres Thema von dem erwartet wird, dass sich die Organisation Hochschule um Lösungen bemüht.

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Ausgeforscht – Das Ende einer Fachzeitschrift

Fast drei Jahrzehnte schrieben Ökonomen, Soziologen und Psychologen für das auf interessante Weise ungewöhnliche Journal „Managementforschung“. Mit dem charmanten Nischenangebot ist nun Schluss. Ein Blick auf grundsätzliche Feinheiten im akademischen Publikationswesen. – Und Versuch eines Nachrufs.

In die Jahre gekommen? Einige Bände der Zeitschrift Managementforschung. Bild: Privat.

Kürzlich war zu erfahren, dass die Zeitschrift „Managementforschung“ bereits mit dem laufenden Jahrgang eingestellt werde. In einer abschließenden Stellungnahme würdigten die Herausgeber die beinahe dreißigjährige Entwicklung des Blattes und begründeten ihren Schritt – nicht ohne manches ungenau oder unerwähnt zu lassen – damit, dass das Journal seinen Zweck, die deutsche Publikationslandschaft im behandelten Themenfeld einerseits stärker an internationale Diskurse anzubinden, andererseits sich über die Grenzen der Betriebswirtschaftslehre hinaus für sozialwissenschaftliche Forschung zu öffnen, erreicht habe. Und so schrieben die Herausgeber: „Mission accomplished“.

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Abwesenheit als Krise

Tobias Sieben: Hörsaal

Was die Debatte über Anwesenheitslisten über die Situation an den Hochschulen aussagt

Working Paper 1/2018

 An den Hochschulen wird kaum eine Debatte so emotional geführt wie die über Anwesenheitslisten, diese Blätter, mit dem zu Beginn oder zum Ende einer Veranstaltung überprüft wird, wer anwesend und wer abwesend ist. Der Grund für die hitzige Debatte liegt in der Symbolik der Listen als Ausdruck  für die Anwesenheitspflicht in Vorlesungen, Seminaren und Übungen. Das Herumgeben der Listen signalisiert den Studierenden, dass man ihnen nicht zutraut, aus eigenem Antrieb in die Veranstaltungen zu kommen. Die Anwesenheitslisten sind aus Sicht der Studierenden der an den Hochschulen institutionalisierte Zweifel an ihrer Lernbereitschaft.

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Universität und Kritik

(Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, PDF-Version aller Tage) Heute war unser letzter Tag. Der gestern vermutete Anschluss an digitale Themen fand nicht statt. Morgens stand „Lüften“ im Programm, was hier im Norden einiges versprechen könnte, doch die Ostsee war eher gespenstisch ruhig und damit keiner weiteren Erwähnung wert. Anschließend sprachen wir über Facebook und die Sozialtheoristen, wovon es keine Mitschriften gibt die hier festgehalten werden können. Das Abendprogramm bestand aus einer zufälligen Überraschung, ich war alleiniges Publikum einer Musikaufführung: Matthias Hermann am Cello und Joachim Landkammer am Steinway-Flügel. Was gespielt wurde weiß ich nicht, die Auswahl war spontan, das Niveau war hoch und die Unschärfen machten es zu einem echten Vergnügen. Weil dazu wenig zu sagen bleibt lieber ein paar Bilder. Und dann zum Abschluss der #EineWocheZeit noch ein paar Notizen zum letzten Redner Rudolf Stichweh.

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Vorlesung als Leiden

(Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, PDF-Version aller Tage) Wir blieben heute wieder ohne Patrick Bahners und schoben Münkler trotzdem ins Programm, aber in den Abend, ins Kaminzimmer. Im Konferenzglaskasten begann der Tag mit Hanna Engelmeier, die ein hochaktuelles und noch häufiger blindlings abgelehntes Thema mitbrachte: Die Universität als Safe Space und Free-Speech-Zone. Dass die amerikanischen Zustände unsere Debatte prägen, verhinderten wir sofort: Empirisch lieferte nämlich Rainer Wendt (der gescholtene Gewerkschaftschef, der sich als Polizist bezahlen lässt, obwohl er gar nicht als Polizist arbeitet und der sich als Gewerkschaftsführer anbietet, obwohl seine Organisation nicht mal im DGB ist) das Gesprächsmaterial. Wendt war kürzlich zum Vortrag in die Universität Frankfurt geladen, zur Gastrede kam es dann allerdings nicht. Wir haben das auf konkretestmögliche Weise nachvollzogen, indem wir zehn Minuten in die Rede reingehört haben, die der Frankfurter Studentenschaft Anlass war, um seine Ausladung zu bitten. Nur was genau ist durch diese durch Protest verhinderte Gastrede (nicht) passiert?

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Universität ohne Bücher

(Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, PDF-Version aller Tage) Patrick Bahners war heute noch nicht da, Münkler und der für ihn geschriebene Blog war dadurch heute nur nebensächlich, blieb aber ursächlich. Es begann stattdessen mit drei dicken Büchern auf dem Tisch vor Elias Kreuzmair. Zwei davon beinhalteten studentische Kritik an der Universität, ausformuliert nach einer Hörsaalbesetzung vor einigen Jahren, die inzwischen dazu führte, dass der Rädelsführer von damals zwar die Universität verließ, seine Anhänger selbst aber Teil der Universität wurden, die sich trotz Widerstand natürlich veränderte. Kritik also, ok. Aber warum in Buchform? Wenn das Medium die Botschaft ist, hat man sich dann nicht schon vor allen Argumentationen unterworfen, wenn der rebellische Aufruf in Form einer Abschlussarbeit vorgelegt wird? Kritik wurde hier zum akademischen Leuchtturmprojekt, dem Karriere folgte, unterstellter Maßen also auch Kalkül vorausging. Nun gut, man kann es im üblichen Rahmen nachlesen, der Amazon-Suchbegriff lautet „Unbedingte Universitäten“.

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Watchblog als Zeugnis

(Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, PDF-Version aller Tage) Eine Woche Zeit, das scheint nicht unbedingt viel zu sein um große Dinge zu klären. Aber das Setting ist dann doch etwas Besonderes: Wo sitzt man schon zusammen, zu ungefähr zwanzigst, führt eine abendfüllende Diskussion am Kamin und sieht sich schon am Morgen in ähnlichem Setting (Konferenzglaskasten) wieder, tags drauf noch mal, noch mal und dann noch mal? Vom Frühstück bis zum Abendessen, gefüllt mit Diskussionen und jeden Abend so eine Runde. Der erste Tag unserer „Einen Woche Zeit“ ist abgehakt, wir kennen uns jetzt. Ab morgen geht‘s darum, uns nicht zu langweilen. Das könnte einfach fallen, weil wir morgen mit dem Thema von heute noch mal von vorne beginnen: Wem hat „Münkler-Watch“ was gebracht und was weiß – der Punkt ist morgen neu – Patrick Bahners darüber zu sagen?

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Die Holocaustforschung beforscht sich selbst

Foto: Wolfgang Staudt: Berlin 2008, 02.08.2008

Soziologische Perspektiven auf die Probleme der Zeitgeschichtsforschung

Working Paper 16/2017

Die Holocaustforschung befindet sich im Prozess der Selbsthistorisierung. Auf der Konferenz zum zehnten Todestag des US-amerikanischen Holocaustforschers Raul Hilberg, die letzte Woche in Berlin stattfand, wurde weniger darüber diskutiert, wie man mit den originellen Fragestellungen und Herangehensweisen Hilbergs weiterarbeiten könnte. Im Mittelpunkt stand vielmehr eine Historisierung des Historikers selbst – seine Differenzen mit Hannah Arendt, die Geschichte der verschiedenen Auflagen seines Standardwerks über die Vernichtung der europäischen Juden, seine Schwierigkeiten, sein Buch übersetzt zu bekommen, oder sein Wirken auf den ersten wissenschaftlichen Konferenzen zum Holocaust.[1]

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Volkskirchen ermöglichen Vielfalt religiöser Stile – Interview

In der evangelischen Kirche wird über die Praxis kirchlicher Leitung und Organisationsentwicklung diskutiert. Ein Forschungsprojekt richtet den Blick auf Gemeinden und Pfarrerschaft. 

In der Oldenburger Lamberti-Kirche: Marcel Schütz. Bild: von Reeken/NWZ.

Das derzeit an der Universität Oldenburg laufende Forschungsprojekt „Visitation 2017“ in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vier ihrer Landeskirchen, beschäftigt sich mit Aspekten der kirchlichen Führung und (Organisations-)Entwicklung. Betrachtet wird auch die allmähliche Übernahme neuerer, in kirchlichen Aufgabenfeldern bisher nicht oder nur schwach etablierter Managementansätze.

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Create your Campus – Die Eventisierung der Hochschule

An der Universität Bayreuth ist ein Ideenwettbewerb mit dem Titel „Create your Campus“ ausgeschrieben. Geworben wird mit folgendem Pressetext: „Was brauchst du, damit dein Lern- und Lebensumfeld optimal ist? Wenn du deine Universität neu erfinden und gestalten dürftest, was würde auf keinen Fall fehlen? Überzeuge uns von deiner Vision und gemeinsam erwecken wir sie zum Leben.“ Diese und andere Aktionen und Events – wie der „Bayreuther Ökonomiekongress“, die „Bayreuther Debatten reloaded“, die Ausrichtung des „DLD Campus“ oder  der „Unistrand“ – sollen das universitäre Leben bereichern und eine Brücke zur Welt außerhalb des Campus bauen. „Partizipation“, „Innovation“, „Wettbewerb“, „Kreativität“, „Demokratie“ und „Meinungspluralismus“ sind Stichworte der Diskussion.[1]

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Zur Reaktion der Politik auf überhöhte Abgaswerte

Foto: Rodrigo Soldon

Fürchtet Euch

Verkehrspolitik als Beispiel einer verzerrten Risikowahrnehmung

Stefan Kühl

stefan.kuehl@uni-bielefeld.de

 Juli 2017

 Working Paper 14/2017

 Wenn man Menschen fragt, wovor sie Angst haben, hört man Antworten wie Terroranschläge, Gewaltverbrechen oder Impfschäden. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines solchen Ereignisses zu werden, äußerst gering. Andere Gefahren sind viel relevanter – die freiwillige Aufnahme von übermäßig viel Alkohol, das deutlich weniger freiwillige Passivrauchen oder die schleichende alltägliche Vergiftung durch Autoabgase. Angesichts dieser verzerrten Wahrnehmung spricht man in der Soziologie von einem Risikoparadox – der systematischen Überschätzung von gut sichtbaren und der Unterschätzung von nicht so leicht erkennbaren Risiken.[1]

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Auf der Weltbühne

Gipfeltreffen sind die Hochämter staatspolitischer Inszenierung. Ihr Maximalerfolg liegt im Minimalkonsens. Doch müssen sie deshalb so nutzlos sein, wie viele behaupten? – Die Luzerner Soziologin Bettina Heintz geht der “Unverzichtbarkeit von Anwesenheit” in globalen Verfahrenssystemen auf den Grund.

Brandenburg statt Hamburg: In „House of Cards“ treffen Claire Underwood und Präsident Petrov auf dem G7-Gipfel bei der deutschen Kanzlerin aufeinander. Foto: David Giesbrecht/Netflix. 

Politischen Weltereignissen wie Gipfeltreffen kann man auch mit größter Anstrengung schwerlich ausweichen. Ihr medialer Niederschlag ist mindestens mit Königs- und Papstkrönungen vergleichbar, wobei zu solchen Anlässen üblicherweise keine Stadtteile in Flammen stehen und die Fernsehfestivitäten nicht gleich tagelang andauern. Ein G20-Gipfel hat seine eigene aufwändige Dramaturgie. Mit Argusaugen blickten die Pressevertreter in Hamburg gewohnt gebannt auf jede scheinbar noch so marginale Kleinigkeit; bloß nichts verpassen, wenn die Mächtigen der Welt samt ihrer Entouragen zusammenkommen. Jede Geste und Bewegung, selbst ein Lidschlag könnten ja zu neuesten Deutungen hinsichtlich Motiven und Absichten des politischen Personals taugen.

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