Im Zweifel still

Jakob Augstein schreibt im Spiegel über Bettina Wulff. Und ganz offensichtlich mag Herr Augstein Frau Wulff nicht allzu sehr, oder aber – um es weniger persönlich zu sagen – die Gattin des deutschen Ex-Präsidenten scheint nicht sehr geschätzt zu werden.

Das interessante an dem Artikel ist nun aber nicht das Thema und noch nicht einmal, das man dem Autor nicht zustimmen will im Hinblick auf die medial omnipräsente Ex-Bundespräsidentengattin. Vielmehr ist es die Art der Argumentation, die überrascht.

So schreibt Augstein an einer Stelle sinngemäß, dass Bettina Wulff Gegenstand eines Gerüchtes geworden ist, das er neutral als „erfolgreich“ im Sinne seiner medialen Verbreitung bezeichnet. Der Erfolg des Gerüchtes, so der Autor weiter, liege aber nun einmal in seiner (angenommenen) Plausibilität. Hier horcht man dann ein erstes Mal auf. Will der Autor uns mitteilen, dass das Gerücht schon irgendwie okay ist, weil es plausibel sei und gute Unterhaltung darstelle? Zumal man als Zeitungsleser keineswegs einschätzen kann, ob ein Gerücht plausibel ist. Wenn ich nicht weiß, was ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht hat, ist zunächst alles plausibel bzw. erst einmal nicht zu widerlegen. Auch nicht, dass die Gattin des deutsche Ex-Bundespräsidenten als Prostituierte gearbeitet haben soll.

Sieht man aber von solcherlei Kleinigkeiten ab und widmet sich wieder dem Text, stellt man fest: faktisch expliziert wird nichts. Vielmehr wird suggeriert, die hinter dem Gerücht liegende Wahrheit sei auch nicht viel besser. Sachlich ausbuchstabiert wird diese wiederum nicht. Was nun die Wahrheit über Bettina Wulff ist, bleibt im Dunkeln der Hauptpresse begraben. Und sowieso spielt die Hauptstadtpresse eine ganz wichtige Rolle. Weiß der Autor doch anzudeuten, dass die Berliner Zeitung letztes Jahr munkelte, die Bild Zeitung sitze auf einer Bettina Wulff Story, die sie bringen könne und die selbst das aktuelle Gerücht an moralischer Verwerflichkeit in den Schatten stellen würde. Anmerkungen über vermeintliche Vorlieben Frau Wulffs eingeschlossen – welcher Art bleibt wieder im Dunkeln. In diese vage Darstellung mischt sich dann immer wieder die Titulierung Frau Wulffs als Frau W. – sublime Kriminalisierung?

Fast wie Hohn wirkt vor diesem Hintergrund das Referieren der Grundregel journalistischer Profession, dass das, was man schreibt, auch zu belegen sein muss. Im Umkehrschluss möchte der Autor uns wahrscheinlich mitteilen, dass das, was Andere andeuten, durch Belegen eben dieser Andeutungen validiert ist. Besser wird es dadurch, dass man belegen kann, dass andere andeuten, allerdings nicht. Vielmehr ist dies, wenn überhaupt, ein Versuch, die Ethik der eigenen Profession zu umschiffen. Und sicher kein guter, da er sich einer seltsamen Konstruktion bedient, die ihre eigene Obskurität nur unzureichend kaschieren kann: wenn andere Zeitungen munkeln und man selber nur das Munkeln anderer Zeitungen referiert, hält man sich – in dieser Argumentation – schadlos.[1]

Soweit kann man das Gesagte als etwas zu schnell geschriebenen Text abtun. Allerdings schlägt der Autor dann dem erkenntnistheoretischen Fass den Boden aus, wenn er argumentiert, die Auseinandersetzung Frau Wulffs mit Google sei das einzig Positive der Geschichte. Begründet wird dies durch Herrn Augstein damit, dass sich die Suchmaschine nicht den Interessen des Einzelnen beugen darf. Der Suchalgorithmus Googles bilde ja schließlich objektiv das Interesse der Nutzer ab. Da dies so geradlinig und ohne jeden Gedanken an Rekursivität gedacht ist, möchte man zunächst fast nicht glauben, was man liest. Möchte Herr Augstein uns sagen, dass die Berichterstattung der Medien über besagtes Gerücht nicht eben den Effekt produziert, den er uns als „Wirklichkeit“ zu verkaufen versucht – nämlich die Tatsache, dass Internetnutzer das Gerücht googlen und damit die Verbindung einzelner Suchworte (Bettina + Wulff + Prostituierte) – verstärken? Und wenn viele es glauben, da schließt sich der Kreis, muss es plausibel sein, denn sonst würden sie es nicht glauben. Plausibilität als medial hergestelltes Oszillieren. Auf die Komplikation, dass auch eine Suchmaschine durch ihren Algorithmus selektiv – und damit nicht objektiv – vorgeht, möchte man gar nicht erst hinweisen. Und von einer weiterführenden Diskussion der Frage, ob Google wirklich die Leerfolie ist, in die sich die Objektivität der Welt einschreibt, absehen.

Auch das reichliche unbeholfene Referieren auf Ovid macht es am Ende nicht mehr stilvoller. Vielmehr fragt sich der Leser, wo sich Herr Augstein denn selber verortet, wenn er das Internet als Platz für „Voyeure, Psychopathen, Verantwortungslose, usw.“ qualifiziert. Sicher, der Autor möchte das Internet (die Voyeure, Psychopathen, usw.) vom Journalisten trennen – übersieht dabei aber, dass das Internet lediglich technische Infrastruktur ist. Sowohl Journalisten als auch Voyeure et. al. nutzen sie. Hier neutralisiert sich das eigene Argument.

Dieser, durch persönliche Ressentiments und fragwürdige Schlussfolgerungen getragene, Artikel sollte sich des Rates annehmen, den er am Ende – zurecht – an Bettina Wulff richtet: Stille, bitte!

(Bild: freedigitalphotos.net)

[1]  Schön ist hier zu sehen, wie sehr solche Professionsethiken ins Schleudern geraten, wenn man sie damit konfrontiert, dass eben auch das journalistisch objektive Wiedergeben eines vermeintlichen Gerüchts zu dessen Verbreitung beiträgt und die Grenze zwischen der Validität des Gerüchts, die oftmals nicht gegeben ist, und der Faktizität der Kommunikation des Gerüchts durch andere Medien, die oftmals in vollem Umfang gegeben ist, verwischt.

denkt, dass Luhmann recht hatte und liest die Soziologie dementsprechend. Schwerpunkte sind Systemtheorie und Epistemologie.

2 Gedanken zu “Im Zweifel still

  1. Eine UNVERSCHÄMTHEIT.
    Ich bin selbst eine betroffene Frau mit diesr Lüge.
    Besitze die “Popularität” nicht, um zu wissen, WIE ich mich wehren kann ohne Aufsehen zu erregen.

kommentieren