Wer will schon ein Opfer sein?

Es ist erstaunlich. Heute erschien in der F.A.Z. ein Text von Alice Schwarzer zur Sexismus-Debatte, auf den man eigentlich gewartet hatte, weil Schwarzer zwar schon im Fernsehen, aber noch nicht schreibend beteiligt war. Der Text läuft auf eine Verteidigung Laura Himmelreichs Text hinaus, ist also nicht nur eine weitere Meinung unter vielen, sondern birgt in seinem argumentativen Aufwand auch Informatives und Neues. Der Anfang zählt aber nicht dazu:

Kurzum: Sexuelle Belästigung hat rein gar nichts mit wahrem erotischem Interesse zu tun, sondern ist ausschließlich eine Machtdemonstration, die dem Gegenüber zeigen soll, dass es eben keines ist, sondern ein Drunter. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung der Männer ist die sexuelle Belästigung von Frauen allgegenwärtig und auch im Beruf keineswegs eine Ausnahme, sondern ein Massenphänomen.

Der Unterschied zwischen Flirt und Belästigung liegt in einer Asymmetrie. Ob es um Macht / Ohnmacht geht, darüber müsste man diskutieren. Schwarzer schreibt es selbst, Unsicherheit spielt eine Rolle und Männer und Frauen gehen mit ihr unterschiedlich um. Bei Jungs und Mädchen im Grundschulalter kann man es recht generalisierend sagen: In kritischen Situationen drehen Jungs eher physisch auf, während sich Mädchen eher psychisch abschotten. Das coole Gebärden der einen und verlegene Lächeln der anderen bleibt häufig prägendes Verhaltensmuster. Dass verbaler aber nicht übergriffiger Sexismus als augenscheinliche Stärke tatsächliche Schwächen vertuschen soll, wäre eine Erklärung.

Wie konstruktiv es ist, die Diskussion über ‚falsches‘ Verhalten vom Sex als Thema zur Asymmetrie als Problem zu lenken, sieht man heute eindrucksvoll im Text von Felix Schwenzel. Es fiel ihm am Anfang eines langen, persönlichen Artikels auf:

mir fiel beim nachdenken und erinnern eigener erlebnisse auf, wie sehr das thema mit macht- und stärkedemonstrationen zu tun hat und wie wichtig es ist, darüber nicht zu schweigen.

So öffnet sich die Diskussion, die nun vielmehr eine individuelle Erörterung ist, den eigentlichen Themen von offener Gewalt bis zum heimlichen Mobbing. Und in der Tat, noch interessanter als die sexistischen oder fiesen Sprüche, die mit Selbstbehauptungen der Überlegenen erklärt werden, sind die Strategien des Selbstschutzes der Unterlegenen. Felix Schwenzel unterstellt Wiebke Bruhns nämlich solch eine Strategie in der Jauch-Sendung. Aber genau an dieser Stelle wird es wirklich interessant, und zwar aus handfest empirischen Gründen.

Wiebke Bruhns hat eine der interessantesten journalistischen Biographien überhaupt. Wo sie auch war, sie war stets die erste Frau in Männerdomänen, zum Beispiel als Nachrichtensprecherin im ZDF. Das ist so lange her, dass der öffentlich-rechtliche Sender in seinem Archiv kein Video mehr von ihrer ersten Sendung finden kann. Zehn Jahre zuvor, 1961, hat sie als dreiundzwanzigjährige Volontärin bei der „Bild“ gekündigt, weil sie es nicht ertragen konnte, dass ihre Zeitung das DDR-Regime, das gerade die Mauer baute, mit dem NS-Regime verglich.

Eine Biographie voller Selbstbehauptung und am Ende in einer Fernsehshow plötzlich Selbstschutz? Das kann nicht passen und es stimmt auch nicht. Ich habe die Jauch-Sendung nicht gesehen, aber ich lege mich fest: Bruhns hat sich selbstbehauptet, weil sie die Opferrolle nicht annehmen wollte, die man ihr überstülpen wollte. Wieso auch, ihr Leben lehrte sie, Dinge auszuhalten, die von anderen, jüngeren, eben ganz anders empfunden werden.

Nicht die erfahrene Bruhns hat sich falsch verhalten, die jungen Frauen waren es. Allen voran Julia Schramm, als sie nach Postprivacy den Netzfeminismus für sich entdeckt hat. Nicht „Ich bin Alltagssexist„, sondern ein ehrliches „Ich bin alltägliches Sexismusopfer“ wäre verständlich gewesen. Genau das ist nämlich in der #Aufschrei-Nacht passiert, in den rund 6 Stunden zwischen 2 und 8 Uhr morgens. In dieser kurzen Zeit haben junge Frauen, die man nicht kennt, denen man nicht glauben muss, Erfahrungen vorgetragen – ohne Moralisierung, ohne Appell, ohne Wissen, wie oft es gelesen werden wird. Einfach so. Danach kamen die Medien, wollten erklären, darstellen, analysieren und kontextualisieren. Plötzlich ging es um Brüderle (Anlass ja, Grund nein), um politische Forderungen. Nach 8 Uhr am Morgen der Nacht, in der der #Aufschrei erfunden wurde, hat man inhaltlich über die Situation vieler Frauen nichts mehr aus der Debatte gelernt. Stattdessen wissen wir jetzt, dass nicht nur WordPress, sondern auch die Redaktions-CMSe aller Zeitungen Tweets einbinden können. (Wäre es nur dabei geblieben, immerhin ging es um unschätzbare Reichweite. Aber die Sensemaking-Sucht war stärker.)

Schon nach einer Woche ist man der Debatte überdrüssig. Statt um einzelne, erschreckende Erfahrungsberichte geht es nur noch um die Tweetmasse, die sich in einer so eindrucksvollen Zahlen ausdrücken lässt: 60.000! Potzblitz!!! Der nächste kluge Text würde sich die Frage stellen, wie aus einer großen Debatte, die ihren Ursprung in einem Gespräch unter zweien hatte, etwas Lehrreiches für die nächsten Gespräche unter zweien gewonnen werden kann. Nur Frau Himmelreich und ihre Kolleginnen müssen sich diese Frage nicht stellen, weil kein Brüderle oder einer seiner Kollegen demnächst Anlass dafür geben wird. Über das Problem aller anderen Frauen ist damit nichts gesagt. Wie also soll sich eine belästigte Frau verhalten? Das ablenken von der eigenen Rolle als Opfer, das selbstbehaupten von Stärke und Schlagfertigkeit könnte als Option entfallen, das wäre ein Anfang.

Vielleicht fehlt nur Mut, von der einen Seite, sich auf Augenhöhe einzulassen und von der anderen Seite, die Augenhöhe einzuklagen (wie es auch Alice Schwarzer so treffend schreibt).

Lesetipp: Einer der sehr häufig gelesenen Texte in der großen Debatte fängt die kleine Interaktion, um die es geht, als Thema sehr gut wieder ein. Brüderle/Himmelreich ist dafür nur beispielhaft: Prüder in Waffen – FAZ

(Bild: Steve Mohundro)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

Ein Gedanke zu “Wer will schon ein Opfer sein?

  1. Also ich habe keine Ahnung, was ich mit dem hier behandelten Thema zu tun haben soll. Wirklich nicht. Einfach nur sinnlos meinen Namen einstreuen und nebenbei nochmal erwähnen, dass ich … irgendwie doof bin? Anders macht das keinerlei Sinn. Ich habe mich also falsch verhalten, weil die Argumente des Feminismus ™ mich final überzeugten? Ich mache alle Frauen zum Opfer mit meinem Text über Alltagssexismus, den ich als Stephan Urbach verkleidet schrieb? Oder besser: Post-Privacy ist Schuld an Aufschrei! Eine Verschwörung der Spackeria! Himmel, das ist sowas von hanebüchen, dass ich das an dieser Stelle doch mal kommentieren musste.

    Dass ich nur als Anti-Feministin Post-Privacy goutieren konnte, ist aber nun eine Aufgabe, die sie lösen müssen, Herr Volontär.

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