Die Verärgerung über diese funktionalistische Perspektive von Praktikern, die sich mit einer Managementkonzeption identifizieren, ist verständlich. Die Praktiker, so die Kritik, würden mit neuen Entwürfen die Diskussion stimulieren, den Theoretikern würde dann nichts anderes einfallen, als langsam ihre „schweren Geschütze“ aufzufahren, sie in Stellung zu bringen und dann auf Ziele zu feuern, die sie nur schemenhaft erkennen würden. Die Theoretiker stellten lediglich akribisch zusammen, „was wo behauptet wird und warum das nicht ‚zusammenpasst‘“, „ungeprüft oder gar unprüfbar“, „realitätsfern“, „unsystematisch“ oder „theorielos ist“, sich selbst aber nie die Mühe machen, ein Konzept zu entwickeln, dass sich in der Praxis umsetzen lässt.
Aber – so die berechtigte Frage – unterliegen die Organisationstheoretiker mit ihren abstrakten Modellen nicht genau so zyklischen Moden wie die Verfechter von Managementkonzepten? Wird nicht das, was sich Organisationswissenschaft nennt, nicht viel anders „gemacht“ als die Managementmoden? Ist nicht auch die systemtheoretische Organisationssoziologie mit ihren Ordnungsschemata der Meta-Struktur-Matrix, ein lediglich gerade angesagtes Konzept, das in absehbarer Zeit durch andere, frischere Ansätze abgelöst werden wird?
Es wäre naiv davon auszugehen, dass nicht auch Wissenschaften gewissen Moden und Trends unterliegen. Es bilden sich in der Wissenschaft Denkstile aus, die bestimmen, welche Probleme in einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern als relevant betrachtet werden und in welchen Lösungsansätzen gedacht wird. Es ist faktisch nicht möglich von diesen dominanten Denkstilen abzuweichen, weil diese innerhalb der Wissenschaft gar nicht verarbeitet werden können. In der Wissenschaftsforschung wird von einem „Paradigma“ gesprochen, das über längere Zeitspannen das Denken in einer Disziplin bestimmt.
Wenn man sich Machart und Diffusion von Organisationstheorien anschaut, dann kann man sich dem Eindruck nicht verwehren, dass diese gar nicht so unterschiedlich wie die Bauart und Verbreitung von Managementkonzepten sind. Auch in der Organisationstheorie gibt es eine Konkurrenz von Konzepten, bei der manchmal ein Ansatz für eine Zeit dominant ist, ohne dass man genau weiß, warum. Auch dort versucht man sich mit Innovationen einen Namen zu machen, muss dabei aber mühsam darauf achten, dass man dabei Anschlussfähigkeit behält. Bei aller Mühe möglichst komplexe Theorien aufzustellen, kann man manchmal den Eindruck haben, dass diese letztlich nur Metaphern sind, die gar nicht so anders wirken als die in Managementkonzepten. Auch Organisationstheoretiker wirken manchmal wie „Geschichtenerzähler“, die ähnlich wie Managementgurus damit beschäftigt sind, eine interessante und konsistente Story zu entwickeln. So kann man den Eindruck haben, dass die wissenschaftlichen Zeitschriften der Organisationstheorie mit immer mehr nutzlosem Zeug gefüllt werden. Gleichermaßen wird in der Organisationstheorie bei Themen wie Strategie, Leadership oder Institutionen häufig mit so vagen Konzepten gearbeitet, dass man diese nur schwer zu fassen bekommt.
Man könnte diese Charakteristika zum Anlass nehmen, um die Wissenschaftlichkeit von Organisationstheorien grundlegend in Frage zu stellen. Wenn sich Organisationstheorien und Managementkonzepte in ihrer Empfänglichkeit für Moden und Trends so wenig unterscheiden, gäbe es keinen Grund, weswegen die „Bastler“ an der Organisationstheorie herablassend auf die Konstrukteure von Managementkonzepten herabschauen sollten. Man kann die Empfänglichkeit für Moden und Trends in der Organisationstheorie aus der Perspektive als gar nicht so schlecht ansehen, weil sich Organisationswissenschaftler dadurch zumindest ein wenig von dem existierenden theoretischen und methodischen Korsett lösen können und so einen gewissen Drang zur Innovation entwickeln.
Bei allen strukturellen Ähnlichkeiten zwischen praxisorientierten Managementkonzepten und organisationswissenschaftlichen Ansätzen gibt es doch einen zentralen Unterschied. Die Verfechter von Managementkonzepten favorisieren immer eine bestimmte Form der Strukturierung von Organisationen. Sie finden flache Hierarchien besser als steile, Dezentralisierung besser als Zentralisierung, Selbstorganisation besser als Fremdorganisation, revolutionären Wandel besser als Status quo Orientierung – oder manchmal auch umgekehrt. In jedem Fall geben sie eine Antwort auf die Frage, wie Organisationen gestaltet sein sollten, um innovativer, effizienter, mitarbeiterfreundlicher und umweltbewusster zu werden. Organisationstheoretiker nehmen im Gegensatz zu den Verfechtern von Managementkonzepten keine konkrete Position ein, welche Struktur sich eine Organisation geben sollte. Sie machen sich nicht mit einer Sache gemein – auch nicht mit einer Guten.
Aus „Managementmoden nutzen. Eine sehr kurze Einführung“ (Springer VS 14,90). Die Publikation der Auszüge soll die Auseinandersetzung mit den Überlegungen zu Managementmoden ermöglichen.

Schreibe einen Kommentar