Legitimation durch Verfahren (Niklas Luhmann, 1969)

REZENSION

Die 1969 erschienene Monographie Legitimation durch Verfahren von Niklas Luhmann gehört zu den Werken deutschsprachiger Soziologie, die nicht ohne Grund als „Klassiker“ der soziologischen Disziplin angesehen werden
Das Buch gliedert sich in einen ersten Teil, der die theoretischen Grundlagen des Verfahrens darlegt, zwei anschließende Teile, die die vorgestellten Grundlagen am Beispiel von Gerichtsverfahren und politischen Verfahren anwenden und einen abschließenden Teil, der Folgerungen und Erweiterungen der vorgestellten Analysen enthält.
Gegen die in der Wissenschaftstradition erwartbaren Frage nach Wahrheit und Richtigkeit einer Entscheidung grenzt Luhmann seine Untersuchung von Verfahren ab, weil Wahrheit und Richtigkeit allein die Anerkennung der Entscheidung nicht garantieren können. Am Verfahren interessiert Luhmann vielmehr die latente Funktion der Legitimation einer Entscheidung. Um diese Umstellung der Analyse zu bewerkstelligen, reinterpretiert er den Begriff der Legitimität, wobei er von der motivierten Überzeugung des Einzelnen auf eine generalisierte Anerkennung einer Entscheidung umstellt. Zentral in der Argumentation ist, dass das Verfahren als soziales System die Komplexität einer entscheidungsbedürftigen Situation soweit reduziert, dass sie erstens entscheidbar ist und zweitens das Ergebnis von allen Betroffenen – unabhängig von ihrer psychischen Einstellung zur getroffenen Entscheidung – akzeptiert wird. Diese Doppelfunktion kann nur durch drei konkrete Bedingungen erfüllt werden: Das Verfahren muss erstens durch organisations- bzw. rechtsspezifische Normen und gesellschaftlich institutionalisierte Rollentrennung als besonderes Handlungssystem ausdifferenziert sein. Es muss zweitens eine gewisse Autonomie des Ablaufs erhalten, um eine eigene Geschichte zu entwickeln und es muss drittens komplex genug sein, um Konflikte zulassen zu können. Erst dann werden Betroffene motiviert, an eigenen sozialen Rollen mitzuwirken. Die Involviertheit in das Verfahren wird sie dazu veranlassen, Verhaltensalternativen aufzugeben. Durch diese Komplexitätsreduktion des Systems kann eine Entscheidung getroffen werden, die den Betroffenen psychische Anpassungsmöglichkeiten offen lassen, welche von der Gesellschaft nicht weiter beachtet werden müssen.
Luhmann präsentiert auf diese Weise eine soziologische Argumentation, die aufzeigt, dass sich das Entstehen und Akzeptieren von Entscheidungen gerade nicht auf individuelle Zustimmung verlassen kann, sondern dass die sozialen Mechanismen für die Akzeptanz von Entscheidungen verantwortlich sind. Obwohl das Buch bereits vor fast 30 erschienen ist, sorgt die funktionale Analyse Luhmanns durch die konktraintuitiven Einsichten nach wie vor für positive Irritationen.
Seit der „autopoietischen Wende“ der Systemtheorie, die mit dem Erscheinen von Soziale Systeme 1984 eingeleitet wurde, sind zwar Begriffe wie z.B. Rolle, System und Erwartung innerhalb des Aufbaus der Theorie mit anderen Stellenwerten und Funktionen besetzt worden, sodass die soziologische Systemtheorie insgesamt ein höheres Abstraktionsniveau erreichen konnte. Die Analyse des Verfahrens bleibt aber im Kern zeitlos und anschlussfähig, nicht zuletzt, weil die Theorie hier in einer direkten Sprache und klar gegliederten Zusammenhängen präsentiert wird.

Luhmann, Niklas 1969: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

€ 12,50 (ISBN 3518280430)

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