Wie beobachten wir Politik(er)?

Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen, Bodo Ramelow verzichtet darauf, als Wahlgewinner Ministerpräsident zu werden, Angela Merkel führt Koalitionsverhandlungen, in denen nur die FDP Abstriche von eigenen Zielen machen muss. Diese Vorgänge in der Politik bekommt eigentlich jeder mit. Man informiert sich in den Medien und bildet sich eine Meinung. Eventuell tauscht man sich noch mit anderen aus und bemerkt, dass andere zu anderen Schlussfolgerungen kommen.

Die Frage „was soll man davon halten?“, beruht dabei auf einer noch viel grundlegenderen, normalerweise impliziten Frage: Wie kann man diese politischen Vorgänge überhaupt beobachten? Wie kommt man zu sinnvollen Schlussfolgerungen. (Man soll ja gelegentlich auch Wählen.) Zumindest soziologisch lassen sich drei Hinweise formulieren, die dieses Problem explizieren, also im Blick behalten lassen, wenn schon keine Lösung gefunden werden kann.

1. politische Akteure – Politisches Personal übt nicht wirklich einen Beruf aus. Zumindest würden wir es dem politischen Spitzenpersonal nicht verzeihen, wenn sie plötzlich Feierabend machten um dann am Abend ihre wirkliche Meinung zu präsentieren. Ein Politiker ist weder Person noch Rolle sondern stets auf beiden Seiten dieser Unterscheidung zu finden. Massenmedial lässt sich dies jedoch nicht abbilden. Mit Bezug auf die amerikanische Regierungsspitze handelt es sich entweder um Barack Obama, den Kinder habenden Hundekäufer oder den amerikanischen Präsidenten, den mächtigsten Mann der Welt. Die richtige Mischung aus beiden ist nur schwer zu fassen. Man sah es beim außerehelichen Sex habenden Bill Clinton, beim kriegsführenden Golfspieler George W. Bush und aktuelle beim rumlungernden Barack Obama. Die Frage, ob ein Präsident auch Mensch sein darf, ist eines der größten Politik thematisierenden massenmedialen Dramas, dass sich inszinieren lässt.

2. Massenmedien – Wir kennen die Spitzenpolitiker beim Namen, sehen sie jedoch nie persönlich, sondern immer nur massenmedial inszeniert. Das die Massenmedien ihr Bild- und Tonmaterial nicht nach Gefallen und auch nicht, einzelne Politiker bevorzugend, nach politischen Machtchancen, sondern nach Aktualität und Informationshaltigkeit sortieren und selbst entscheiden, was informativ zu sein hat und was nicht, verbaut dem Publikum beinah jede Möglichkeit, dass zu sehen was tatsächlich interessiert. Wenn man an die Koalitionsverhandlungen von CDU/FDP denkt, interessiert nicht wirklich die Verlautbarung von Pofalle und Niebel, sondern all das, was nicht gezeigt wird, weil es sich nicht rechtfertigen lassen würde, zu zeigen: der ganze Gossipkram, den man sich nicht, oder erst nach Jahren, traut zu zeigen.

3. Interaktion – Der politische Alltag besteht aus Taktieren und viel Schauspiel. Informationen werden zurückgehalten, falsche gestreut, Testballons werden gestartet, usw. All das was möglich ist, in einem interaktiven Setting, das auf der Metaebene, auf der nächste Schritte geplant und vorangegangene Ausgewertet werden, nur streng in Lagern geteilt behandelt wird. Massenmedial darstellen lässt sich das alles nicht, weil das Schauspiel sofort zusammenfallen würde. Was bleibt ist, dass sich die Massenmedien auf schriftliche Verlautbarungen, gestylte Verkündungen und auf die politischen Ergebnisse statt Prozesse konzentrieren muss.

Unter Beachtung dieser drei Punkte muss man sagen, dass ein normaler Bürger sich eigentlich keine vernünftige Meinung über Politiker und politische Vorgänge machen kann. Politik funktioniert wie sie funktioniert und wir beobachten was wir beobachten – das sind zwei sehr getrennte Sphären des gleichen politischen Systems.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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