Drum prüfe, wer sich ewig windet – Das Selbst zwischen romantischer Liebe und Mikrounternehmen auf dem Online-Dating-Markt

Fragte man heute ein Paar, das in einer Online-Dating-Börse zueinander fand, wie es sich lieben lernte, so lautete eine gängige Antwort vielleicht: „Ich kann das gar nicht erklären, ich habe mich einfach verliebt.“ Die „unerwartete Epiphanie“ (Illouz 2016: 134) der romantischen Liebe widerspricht rationalen Überlegungen und impliziert ein Frei-Sein von Kalkül. Eva Illouz postuliert für die Suche nach einer Zweierbeziehung in Online-Dating-Börsen indes eine Marktstruktur, in der das Individuum ökonomische Überlegungen vornimmt, um aus den unzähligen potentiellen Partner*innen das Optimum zu finden (vgl. 2016: 133ff.). Trotzdem suchen Menschen nach romantischen, konventionellen Zweierbeziehungen im Internet.

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Für ein Realismusgebot in der Diskussion über künstliche Intelligenz

Working Paper 5/2018

Kaum noch jemand traut sich die Geschichte vom smarten Kühlschrank zu erzählen, der auf einer Lebensmittelplattform automatisch die fehlende Milch nachbestellt. Zwar ist es technisch kein Problem, einen Kühlschrank mit Sensoren auszustatten, die entsprechend gekennzeichnete Lebensmittelverpackungen erkennen können. Aber der alltägliche sehr menschliche Blick in den Kühlschrank, ob noch genug Milch da ist, zeigt, dass die inzwischen über zehn Jahre alte Geschichte vom nachbestellenden Kühlschrank lediglich eine der vielen nicht erfüllten Technik-Phantastereien zu bleiben scheint.

Technikhistorische Forschungen haben gezeigt, dass die meisten technischen Voraussagen und Visionen Hirngespinste geblieben sind. Die meisten Voraussagen werden im Nachhinein so zurechtinterpretiert, dass man den Eindruck bekommt, dass hier Trendforscher über hellseherische Fähigkeiten verfügt haben, aber ein genauerer Blick zeigt, dass richtige Voraussagen technischer Entwicklungen eine äußerst seltene Ausnahme sind. Die Geschichte der Trendforschung, der Technikfolgenabschätzung und der Zukunftsprognostik ist eine Geschichte von Irrungen und Wirrungen.[1]

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Die Renaissance des militärischen Schnupperpraktikums

 

 

Working Paper 4/2018

 

Die Forderung nach der Einführung einer einjährigen Dienstpflicht wird von ihren Verfechtern mit viel Emphase vorgebracht. Junge Menschen könnten über ein „Gesellschaftsjahr“ ihrem Land „etwas zurückgeben“ und würden dadurch den Zusammenhalt im Land stärken. Eine Dienstpflicht für alle könnte zur Entwicklung der „Persönlichkeit“ beitragen – ein Effekt, der durch Turboabitur und Studienzeitverkürzung auf der Strecke bleibe. Junge Menschen könnten durch eine Dienstpflicht lernen, endlich wieder früh „Verantwortung zu übernehmen“ und für „andere einzustehen“.

Die Verfechter geben einen Strauß von Möglichkeiten für die Ableistung eines solchen verpflichtenden Dienstjahres an – in der Pflege, bei der Feuerwehr, in der Bundeswehr, im Naturschutz oder in der Entwicklungshilfe. Aber diese Vielfalt an Möglichkeiten und Begründungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einen einzigen Grund gibt, weswegen Politiker der CDU das Konzept der Dienstpflicht für junge Männer und Frauen reaktiviert haben: die eklatanten Probleme der Bundeswehr, ausreichend Personal zu finden. Es ist in der Bundeswehr ein offenes Geheimnis, dass trotz teurer Werbekampagnen, trotz einer erheblichen Absenkung der Anforderungen und trotz eines Anhebens der Anreizmechanismen Jahr für Jahr Trausende von jungen Menschen zu wenig für den Dienst an der Waffe gewonnen werden können. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht im Gewand einer Dienstpflicht für alle Männer und Frauen soll hier Abhilfe schaffen.

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Das moralisierende Unternehmen

Flickr: juanjominor

Wie die Forderung nach Integrietät Mitarbeiter zu Heuchlern macht

Working Paper 3/2018

Integrität ist die neue Lieblingsvokabel im Management. Mitarbeiter sollen sich nicht mehr nur an staatlichen Gesetzen und internen Regeln orientieren, sondern sich auch unter moralischen Gesichtspunkten korrekt verhalten. Die Spitzen der Organisationen verpflichten sich zu einer „integren Unternehmenspolitik“, bekennen sich zu einer „werteorientierten Führung“ und fordern von ihren Mitarbeitern eine „moralische Haltung“ ein. Unternehmen richten inzwischen die Position des Chief Integrity Officer ein. Verwaltungen starten umfassende Programme zur Förderung von Integrität unter den Mitarbeitern. Krankenhäuser verteilen Fragenkataloge, mit deren Hilfe Mitarbeiter vor jeder Entscheidung abschätzen können, ob sie den Ansprüchen an Integrität entspricht oder nicht.

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„Die Rettungsorganisation hat sich nach Eschede weiterentwickelt“ – Interview mit dem Unfallmediziner Ewald Hüls

Ewald Hüls war am 3. Juni 1998 Leitender Notarzt beim ICE-Unglück in Eschede. Als Chefarzt der Zentralen Notaufnahme im Allgemeinen Krankenhaus Celle ist er auf Unfall- und Rettungsmedizin spezialisiert. Ein Gespräch über Eschede, die organisatorischen Herausforderungen während Rettungseinsätzen und die Folgen für die ärztliche Praxis bei Großschadensereignissen.

Dr. Ewald Hüls leitete die Rettung der Unfallopfer beim ICE-Unglück in Eschede. Foto: Privat/Hüls.

Themenschwerpunkt 20 Jahre Eschede-Unglück (1. Teil)

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Abwesenheit als Krise

Tobias Sieben: Hörsaal

Was die Debatte über Anwesenheitslisten über die Situation an den Hochschulen aussagt

Working Paper 1/2018

 An den Hochschulen wird kaum eine Debatte so emotional geführt wie die über Anwesenheitslisten, diese Blätter, mit dem zu Beginn oder zum Ende einer Veranstaltung überprüft wird, wer anwesend und wer abwesend ist. Der Grund für die hitzige Debatte liegt in der Symbolik der Listen als Ausdruck  für die Anwesenheitspflicht in Vorlesungen, Seminaren und Übungen. Das Herumgeben der Listen signalisiert den Studierenden, dass man ihnen nicht zutraut, aus eigenem Antrieb in die Veranstaltungen zu kommen. Die Anwesenheitslisten sind aus Sicht der Studierenden der an den Hochschulen institutionalisierte Zweifel an ihrer Lernbereitschaft.

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Die Holocaustforschung beforscht sich selbst

Foto: Wolfgang Staudt: Berlin 2008, 02.08.2008

Soziologische Perspektiven auf die Probleme der Zeitgeschichtsforschung

Working Paper 16/2017

Die Holocaustforschung befindet sich im Prozess der Selbsthistorisierung. Auf der Konferenz zum zehnten Todestag des US-amerikanischen Holocaustforschers Raul Hilberg, die letzte Woche in Berlin stattfand, wurde weniger darüber diskutiert, wie man mit den originellen Fragestellungen und Herangehensweisen Hilbergs weiterarbeiten könnte. Im Mittelpunkt stand vielmehr eine Historisierung des Historikers selbst – seine Differenzen mit Hannah Arendt, die Geschichte der verschiedenen Auflagen seines Standardwerks über die Vernichtung der europäischen Juden, seine Schwierigkeiten, sein Buch übersetzt zu bekommen, oder sein Wirken auf den ersten wissenschaftlichen Konferenzen zum Holocaust.[1]

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Prinzipiell protestantisch – Die evangelische Kirche auf der Suche nach sich selbst

Im 500. Jahr der Reformation ist die deutsche evangelische Kirche intensiv mit eigenen Reformen beschäftigt. Dabei wird mehr denn je deutlich, was sie von Rom nicht unerheblich unterscheidet. 

Sanfte Reminiszenz an staatskirchliche Zeiten: Auf Anordnung des preußischen Königs sind Talar und Beffchen die Insignien der protestantischen Geistlichkeit – bis heute. Das Foto zeigt die Ordination neuer Pfarrer in ihr Amt. Bild: Nordkirche.

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Politik als Luxus

Der Text ist Vorlage für einen Vortrag, gehalten am 7. August 2017 in der Sommerkirche Welt. Titel des Vortrags: “Aufgeweckte Jugend – contra Politikverdrossenheit”.

Politikverdruss, das ist ein Wort, das wir nur in Verbindung mit „Jugend“ kennen. Bevor wir aber der Jugend Politikverdruss unterstellen, oder der Politik Jugendverdruss – und den Massenmedien eventuell gleich beides – klären wir zuerst, was mit „Jugend“ gemeint ist. Von welchen Altersklassen reden wir, wenn wir von einem Publikum sprechen, das sich im klassischen Politik- und Nachrichtenbetrieb nicht mehr finden lässt, dem wir also eine Ablehnung der politischen Themen unterstellen?

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Zur Reaktion der Politik auf überhöhte Abgaswerte

Foto: Rodrigo Soldon

Fürchtet Euch

Verkehrspolitik als Beispiel einer verzerrten Risikowahrnehmung

Stefan Kühl

stefan.kuehl@uni-bielefeld.de

 Juli 2017

 Working Paper 14/2017

 Wenn man Menschen fragt, wovor sie Angst haben, hört man Antworten wie Terroranschläge, Gewaltverbrechen oder Impfschäden. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines solchen Ereignisses zu werden, äußerst gering. Andere Gefahren sind viel relevanter – die freiwillige Aufnahme von übermäßig viel Alkohol, das deutlich weniger freiwillige Passivrauchen oder die schleichende alltägliche Vergiftung durch Autoabgase. Angesichts dieser verzerrten Wahrnehmung spricht man in der Soziologie von einem Risikoparadox – der systematischen Überschätzung von gut sichtbaren und der Unterschätzung von nicht so leicht erkennbaren Risiken.[1]

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Ironie der Digitalisierung – weswegen Steuerungsphantasien zu kurz greifen

von Stefanie Büchner, Stefan Kühl und Judith Muster

Das Konzept der Digitalisierung gilt in der Wirtschaft als ein neues Heilsversprechen. Digitale Geschäftsmodelle verheißen neue Gewinnchancen. Wenn man sich schon nicht zu ganz neuen Ufern aufmacht, so will man wenigstens die Leistungsreserven der bestehenden Organisation heben. Durch digitale Transformation soll die Automatisierung betrieblicher Prozesse vorangetrieben werden. Die Idee: Je vernetzter und schneller die Prozesse strukturiert sind, desto effizienter und wirtschaftlicher die Wertschöpfung.

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