Verstrickung zum Frühstück

Die Neuverfilmung der Wannseekonferenz. Bild: ZDF.

Die Konferenz am Berliner Wannsee vor 80 Jahren hat an Schrecken nichts eingebüßt. Das liegt auch daran, dass ihr organisatorisches Verfahren in der Gegenwart noch eigentümlich vertraut ist.

In dieser Woche lief im ZDF eine neue Verfilmung der Wannseekonferenz, jenem Schlüsselereignis vom 20. Januar 1942, das die Deportation und Tötung der gesamten europäischen Juden, geschätzte 11 Millionen Menschen, „nach dem Osten“ zum Ziel hatte; selbst aus solchen Gebieten, die sich zum Zeitpunkt der Planung gar nicht in den Grenzen des angeeigneten Reichs befanden, aber für die künftige Eroberung schon eingeplant waren: England und sogar die neutrale Schweiz. Europa im Ganzen sollte „judenfrei“ werden. Die Judenvernichtung war zu diesem Zeitpunkt aber längst beschlossene Sache und fand de facto in den Ostgebieten bereits umfangreich statt. Keineswegs ging es daher auf der Konferenz noch um eine generelle Entscheidung in dieser Frage. Die Konferenz sollte vielmehr die logistische, organisatorische und rechtliche Abwicklung in nun allerdings kontinentalem Maßstab anstoßen – Zuständigkeiten, Transportwesen, zeitliche und räumliche Aspekte, Kategorisierung von „jüdischen Mischlingen“ und Mischehen.

Die Bündelung dieser Aktivitäten oblag Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, der nach einem Auftragsschreiben von Hermann Göring zur Konferenz eingeladen hatte und ihr vorsaß. Über den Ablauf der Konferenz gibt eine einzige erhaltene von ursprünglich 30 Protokollkopien Auskunft. Das Papier stammt aus den persönlichen Akten des Außenamt-Unterstaatssekretärs Martin Luther, der ebenfalls an der Konferenz teilnahm. Ironie der Geschichte: Während die anderen Ausfertigungen in den Kriegswirren verloren gingen oder vor der Niederlage vernichtet wurden, verdankt sich dieses Exemplar wohl nur dem Umstand einer Verhaftung des Unterstaatssekretärs durch die SS im Jahr 1943. Dieser machte sich einer Verleumdung gegen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop schuldig. In der Folge wurden Luthers Akten gesondert gelagert und entgingen der Beseitigung.

Die große Aufmerksamkeit und der Schrecken, den auch die neueste Verfilmung – bereits 1984 und 2001 gab es vorangehende Versionen –, die Dokumentationen und Zeitungsartikel dieser Tage auslösen, lässt sich anhand speziell der organisatorischen Besonderheiten näher verstehen. Das tief Irritierende der knapp zweistündigen Konferenz am Großen Wannsee – im Einladungsschreiben heißt sie „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ zur „Endlösung der Judenfrage“ – liegt nämlich nicht darin begründet, dass ihr Ablauf so fremd erschiene. Im Gegenteil ist es gerade die Vertrautheit der dokumentierten Form. Präziser noch, der Kontrast von Fremdheit und Vertrautheit. Soweit vielleicht, dass man nicht mehr genau anzugeben vermag, wie beide Eindrücke voneinander zu scheiden sind.

Repräsentative Note – die Form wird gewahrt

Und dafür gibt es bei näherem Hinsehen leicht nachvollziehbare Gründe. Beratungs-, Lenkungs- und Steuerungskreise wie sie die Wannseekonferenz darstellt, findet man jenseits des schaurigen Gegenstands bis heute in den Führungsstrukturen von Staat und Wirtschaft – bisweilen werden sie z. B. „Reviewteams“ genannt. Hierin geht es um indirekte Steuerung und diskursive Koordinierung, wie es in der Fachsprache heißt. Echte Beschlüsse, Sondervoten oder gar Mehrheitskonflikte gibt es in solchen Gremien in der Regel nicht, stattdessen ist die kognitive Angleichung der Teilnehmer im Hinblick auf den Kenntnisstand, die Sichtweisen und die Mitwirkungsbereitschaft beabsichtigt. So fatal die Zusammenkunft zur Planung des Judenmords im Ergebnis auch anmuten mag, in der Logik der NS-Bürokratie war sie das, was man heute in anderen Kontexten tatsächlich mit dem Begriff „Projektmanagement“ versehen würde. Dem entspricht die Durchführung dreier Folgekonferenzen – quasi „Follow Up’s“ – noch Ende Januar, dann im März und Oktober 1942, die der weiteren Ausbuchstabierung der erforderlichen  Transport- und Tötungsmaßnahmen innerhalb der Ressortverteilung dienten.

Seeidylle, Gästehaus und Tagungsraum, Kaffee, Cognac und Schnittchen – Die Nationalsozialisten hatten an Organisatorischem eigentlich nichts erfunden, sondern alles Bestehende in Kontinuität weitergenutzt und raffiniert, einschließlich der vielen primären und sekundären Anreizmittel und Befriedigungen, die sich mit Organisation typischerweise eben bieten, wie schon umfassend von Stefan Kühl in dessen soziologischer Studie zum Holocaust herausgearbeitet wurde. Der gewählte Ort der Hauptkonferenz, eine großzügige, abgeschiedene Villa im winterlichen Berlin, gab dem Auftakt eine repräsentative Note. Bis heute sind derartige Residenzen die erlesenen Adressen für politische Gipfeltreffen und Krisengespräche aller Art. Es ist der besondere Raum, der dem einzigartigen Geschehen seinen Charakter und den Teilnehmern zugleich die tiefe Bedeutung zu verstehen gibt. So trugen das Ambiente und der Ablauf der Konferenz äußerlich auch kaum einen Zug des Totalitären, alles ist mit Bedacht und stilvoll gewählt.

Die 15 Anwesenden entstammen der SS, dem Militär und der Reichsverwaltung. Letztere, Ministerialdirektoren, Staatssekretäre, Behördenmenschen, sind nicht unbedingt Leute fürs Grobe und besitzen besondere Neigung zur Diskussion juristischer Details. Da passt es ins Bild, dass das Protokoll der Konferenz an amtlichen Verschleierungen und Beschönigungen nicht spart. Wird in der Sitzung in puncto Tötung kein Blatt vor den Mund genommen, wird auf dem Papier hingegen kein Massenmord, sondern eine gut geplante Verwaltungsmaßnahme konzipiert: „Juden sollen im Osten zum Arbeitseinsatz kommen.“ Was mehr oder weniger nichts anderes bedeutet als ihre Exekution. Das gewählte Beamtendeutsch dient letztlich als eine Art kommunikative Schonung der administrativen Prinzipien. Selbst im nationalsozialistischen Apparat zieht man es vor, eine Konferenz nicht frontal mit den Worten zu eröffnen, dass man heute die restlose Ermordung der Juden vorbereite. Organisieren heißt: die Form wahren, einen Rahmen einhalten. Nach und nach werden die Dinge im Gesprächsprozess konkreter und vor allem massiver entfaltet.

Folgebereitschaft und Bindungskraft

Das Andere ist: Ein Völkermord ist auch im NS-System kein Selbstläufer. Man muss Leute bearbeiten, die an rechtlichen und logistischen Schnittstellen und Schalthebeln sitzen, man muss etwaige Bedenken zerstreuen, Involvierung und eigenes Engagement anregen, auch abhärten. Aussprache, zeitliche Dehnung und rationales Vorbringen von Argumenten führen in die schrittweise Synchronisation der Vorstellungen. Durchaus wird während der Konferenz z. B. die Praktikabilität von Maßnahmen kontrovers gesehen; durchaus gibt es Scheu vor zu offensichtlichen Deportationen und zu brachialen Tötungsmethoden – aus Gründen der Wahrung öffentlicher Ruhe und aus Sorge vor der psychischen Belastung für die eigenen Männer. Das Töten soll für die Täter milder werden. Weniger Blut. Die Lösung: Giftgas. Eines ist aber von Beginn klar: Das Ergebnis steht fest. In der Runde soll dazu die kooperative Zustimmung nachvollzogen werden. So spricht Heydrich in einer Filmszene die Worte: „Die Herren sollen ruhig wissen, woran sie sich beteiligen. Das schließt die Reihen.“ Kurz, Integration und Information, wie der Historiker Götz Aly den Funktionszusammenhang der Sitzung am Wannsee beschreibt.

Die an der Konferenz Beteiligten treten als Stellvertreter und Beauftragte der höheren NS-Führung in Erscheinung. Sie selbst hatten die „Endlösung“ nicht zu entscheiden. Aber sie waren mit Großprojektierungen vertraut. Das Führerprinzip entbindet nicht von den Zwängen arbeitsteiliger Koordination. Der Staat ist gleichgeschaltet, aber nicht deshalb schon auf jede Entscheidung hinsichtlich eines effizienten und effektiven Vollzugs vorbereitet. Es bestand also durchaus Interesse, im Gespräch nicht nur Folgebereitschaft zu erwirken, sondern auch Gelegenheit zur Selbstdarstellung und zum Einbringen nützlicher Ideen zu geben. Es erschien wichtig, „dass man (…) Praktiker der genozidalen Politik mit am Tisch hat“, fasst der Historiker Robert Gerwarth zusammen. Beides kann die Bindungskraft solcher Tagungen stärken – sozusagen eine endgültige Zentralisierung und Einspurung.

Die Vereinnahmung auch gegen Beunruhigung und Bedenken, deren schrittweises Beseitigen, ist eine empirische Beobachtung, die man bruchlos bis heute in den Beratungs- und Sondergremien großer Projekte in allen möglichen Bürokratien der Wirtschaft und des Staates beobachten kann. Die Soziologin Bettina Heintz hat das am Beispiel politischer Gipfeltreffen eine „Verstrickung in das Verfahren“ genannt. Verstrickung ist hier, organisationsanalytisch gelesen, nicht in erster Linie moralisch zu verstehen, sondern als die allmähliche Festigung von Erwartungen und deren Erfüllung. Ob daran Beteiligte aus ihrem tiefsten Innern wirklich wollen, was sie am Ende bejahen, ist im Prinzip belanglos. Entscheidend ist die kommunikative Bekräftigung vor aller Augen. Aus diesen Bekräftigungen folgt, dass jede spätere Distanznahme erschwert, ja verunmöglicht wird. Unter dem Eindruck des nahenden Desasters der Kriegsführung in Russland war eine solche Vereinbarung nicht zuletzt ein Akt der inneren Disziplinierung. Nach dem Kriegseintritt der USA sah man sich nicht mehr veranlasst, etwaige humane und diplomatische Rücksichten zu nehmen. Die inzwischen buchstäblich totale Kriegslage radikalisierte das Ziel der Judenvernichtung.

Mixtur aus Routine und Vereinnahmung

In der historischen Forschung wurde der Stellenwert der Wannseekonferenz für den Holocaust unterschiedlich eingeschätzt. Einen instruktiven knappen Überblick gab kürzlich Frank Bajohr in der Neuen Zürcher Zeitung. Hier wird die Unterscheidung zwischen der sehr eingeschränkten Relevanz der Konferenz selbst und der hohen Relevanz der Lösung bzw. des Protokolls hervorgehoben.

Daneben steht die organisatorische Betrachtung für sich. In der Mixtur aus zivilisierter Bürokratie, Ordnung und Routine einerseits, dann wiederum der Erzeugung von Dringlichkeiten und rascher Vereinnahmung andererseits und schließlich einer geradezu rationalen Durchplausibilisierung des Ganzen, in dieser Verbindung jedenfalls fußt die außerordentliche – ja, man will sagen – analytische Faszination dieses historischen Datums

Veröffentlicht von Marcel Schütz

Marcel Schütz ist Research Fellow an der Northern Business School Hamburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg. Daneben unterrichtet er Soziologie an der Universität Bielefeld.

1 Kommentar

  1. Dirk Baecker sagt:

    alles richtig, aber es handelte sich um eine Verabredung zu einem Massenmord! Spielt das keine Rolle?

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