“Die traditionelle Lagerbildung ist ein wenig unterkomplex”

Der Berliner Parteienforscher Gero Neugebauer beobachtet die Entwicklung der SPD seit rund 30 Jahren. Die gegenwärtige Lage der Sozialdemokratie sieht er unentschieden. Die Partei versuche sich nach der letzten Wahl zu stabilisieren, habe aber Schwierigkeiten, wieder eine Kanzlerschaft zustande zu bringen. Ein Interview über neue und alte Bündnisse, eine ungewisse Entwicklung der Unionsparteien und die relative Unwahrscheinlichkeit sozialdemokratisch geführter Bundesregierungen.

Der Politologe und Sozialwissenschaftler Gero Neugebauer. Bild: Privat/Neugebauer. 

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Keine Ahnung

Seit Eschede ist viel über Eschede geschrieben geworden. Über Schicksale und ein kompliziertes Gerichtsverfahren. Warum nur setzte die Bahn jahrelang auf eine Radtechnologie, von der sie wenig verstand? – Eine organisatorische Rekonstruktion

Radachsen und Drehgestelle des 1998 im niedersächsischen Eschede verunglückten ICE. Foto: dpa/Holger Hollemann.

 

Themenschwerpunkt 20 Jahre Eschede-Unglück (2. Teil)

Drei Sekunden, ein Name, ein Bild, ein Datum. Der 3. Juni 1998 ist in Norddeutschland ein schöner Sommertag. Sonnig, warm und trocken; seit Wochen, wie in den letzten Tagen, 20 Jahre später. Retter werden später berichten, das herrliche Wetter habe den Einsatz erst recht surreal und grotesk erscheinen lassen. Anwohner wundern sich im ersten Moment und denken an eine Übung. Wer fährt denn so einen teuren Zug kaputt?

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„Die Rettungsorganisation hat sich nach Eschede weiterentwickelt“ – Interview mit dem Unfallmediziner Ewald Hüls

Ewald Hüls war am 3. Juni 1998 Leitender Notarzt beim ICE-Unglück in Eschede. Als Chefarzt der Zentralen Notaufnahme im Allgemeinen Krankenhaus Celle ist er auf Unfall- und Rettungsmedizin spezialisiert. Ein Gespräch über Eschede, die organisatorischen Herausforderungen während Rettungseinsätzen und die Folgen für die ärztliche Praxis bei Großschadensereignissen.

Dr. Ewald Hüls leitete die Rettung der Unfallopfer beim ICE-Unglück in Eschede. Foto: Privat/Hüls.

Themenschwerpunkt 20 Jahre Eschede-Unglück (1. Teil)

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Leitbildprosa reicht nicht – Kann man Diversität in der Universität managen?

1910 wurden die ersten Frauen in den Hochschulverwaltungen als Schreibgehilfinnen zugelassen. Bis dahin wurde ihnen diese Stellung verwehrt, da die Männer in den Verwaltungen und auf den Lehrstühlen argumentierten, dass Frauen aufgrund ihres ‚weiblichen Naturells‘ nicht in der Lage seien Geheimnisse zu wahren oder die Handschrift der Ordinarien entziffern zu können. Zumal ihre physische Leistungsfähigkeit durch die ‚periodischen Umstände‘ beeinträchtigt sei. Auch ohne dieses drastische historische Beispiel zeigt ein Blick auf die moderne Hochschule schnell, dass sich die Erwartungshaltung und Realität hinsichtlich der Vielfalt ihrer Mitglieder in den letzten 100 Jahren gewandelt hat. Heute schmücken sich Hochschulen mit Diversitätsleitbildern und -strategien. In diesen bekennen sie sich zu der ‚Förderung der Wahrnehmung, Anerkennung und Nutzung von Vielfalt‘ oder zur ‚Sensibilisierung für Ungleichbehandlungen und Wertschätzung jeglicher Differenzen in allen Lebenslagen‘. Hochschulleitungen reflektieren damit gesellschaftliche und hochschulpolitische Anforderungen. Wie Digitalisierung, Umweltschutz oder Internationalisierung ist Diversität ein weiteres Thema von dem erwartet wird, dass sich die Organisation Hochschule um Lösungen bemüht.

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Ausgeforscht – Das Ende einer Fachzeitschrift

Fast drei Jahrzehnte schrieben Ökonomen, Soziologen und Psychologen für das auf interessante Weise ungewöhnliche Journal „Managementforschung“. Mit dem charmanten Nischenangebot ist nun Schluss. Ein Blick auf grundsätzliche Feinheiten im akademischen Publikationswesen. – Und Versuch eines Nachrufs.

In die Jahre gekommen? Einige Bände der Zeitschrift Managementforschung. Bild: Privat.

Kürzlich war zu erfahren, dass die Zeitschrift „Managementforschung“ bereits mit dem laufenden Jahrgang eingestellt werde. In einer abschließenden Stellungnahme würdigten die Herausgeber die beinahe dreißigjährige Entwicklung des Blattes und begründeten ihren Schritt – nicht ohne manches ungenau oder unerwähnt zu lassen – damit, dass das Journal seinen Zweck, die deutsche Publikationslandschaft im behandelten Themenfeld einerseits stärker an internationale Diskurse anzubinden, andererseits sich über die Grenzen der Betriebswirtschaftslehre hinaus für sozialwissenschaftliche Forschung zu öffnen, erreicht habe. Und so schrieben die Herausgeber: „Mission accomplished“.

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Gewissensgebiete

In der Behaglichkeit eines Talksessels entschied sich Angela Merkel, nichts entscheiden zu wollen – und hatte damit gleich alles entschieden. Warum auch nicht? So verkehrt kann es nicht sein, wenn eine Regierungschefin noch weiß, wie Politik gemacht wird.

Ja, sie will, weil sie kann: Im „Brigitte“-Plausch geht es auf einmal um Fragen der gewissenhaft zu genehmigenden Tisch- und Bettgemeinschaft. Foto: Bundesregierung/Bergmann.

Nachdem an diesem Freitag der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit von SPD, Linke und Grünen die Ehe für Homosexuelle geöffnet hat, kommt aller Voraussicht nach eine der letzten Debatten um das Thema in Gang. Was für ein Höhepunkt dieser Legislaturperiode. Parlamentspräsident Norbert Lammert freute es. Noch nie habe er zu so früher Stunde einen so voll besetzten Bundestag vorgefunden. Innerparteiliche Widersacher und Mahner werden hinter vorgehaltener Hand ihrer Kanzlerin noch einige Male endgültiges Verscherbeln allen christkonservativen Tafelsilbers vorwerfen. Dass es Angela Merkel vermutlich um nichts anderes ging, als der Wahlkonkurrenz Wind aus den Segeln zu nehmen, werden die Kritiker, wenn auch mit der berühmten Faust in der Tasche, schließlich einsehen.

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Jenseits eines Potpourris von Plattitüden. Zur Forderung des Wissenschaftsrates nach “Lehrverfassungen” an den Hochschulen

von Stefan Kühl, Ines Langemeyer, Gabi Reinmann und Marcel Schütz

Foto: Andrew Sweeney

Der Wissenschaftsrat, das zentrale wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, fordert in seinem aktuellen Positionspapier „langfristig und systemweit“ angelegte „Strategien für die Hochschullehre“. „Exzellenzwettbewerbe“, so die Überlegung, könnten zukünftig auch die bislang zu wenig beachtete Lehre veredeln. In staatstragender Manier werden dafür hochschuleigene „Lehrverfassungen“ vorgeschlagen. Jede einzelne Hochschule möge für sich entdecken, wie sie „ihren regionalen Standort, ihre Größe, ihre unterschiedlichen Zielgruppen, Kooperationspartner oder fachlichen Schwerpunkte strategisch“ am besten nutzen kann.[1] Vision des Wissenschaftsrats ist die umfassend „strategiefähige“ Hochschule. Weiterlesen →

Weswegen der Verweis auf “Führungsschwäche” das Problem der Bundeswehr nicht trifft. Die Skandale bei der Bundeswehr als ungewollte Nebenfolgen von Kameradschaftserwartungen

Foto: Robert Thomson 3. Mai 2017

Angesichts der Gewaltrituale bei der Ausbildung von Soldaten in der Staufer-Kaserne im baden-württembergischen Pfullendorf, entwürdigender Strafmaßnahmen bei einem Gebirgsjägerbataillon in Bad Reichenhall und der fast schon skurril anmutenden Anschlagpläne eines sich als syrischer Flüchtling tarnenden rechtsextremen Bundeswehrsoldaten scheinen sich alle Beobachter einig zu sein, dass es bei der Bundeswehr ein „Haltungsproblem“ gibt. Heftig gestritten wird lediglich über die Frage, wer für dieses „Haltungsproblem“ verantwortlich ist – die verschiedenen Führungsebenen der Bundeswehr, wie die Verteidigungsministerin in ihrer missglückten Stellungnahme erklärte, oder die Verteidigungsministerin selbst, wie von Politikern anderer Parteien betont wird.

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Zeitdiagnosen 4.0

zeit

Ein Trend zu Neuem ist nicht zu übersehen. Im monatlichen Rhythmus werden neue technische Epochen, innovative Organisationsformen oder gleich neuartige Gesellschaftsformationen ausgerufen. Berater versuchen über schnell hingeworfene Zeitdiagnosen, ihre Angebote zu vermarkten, Wissenschaftler geben ihren Forschungen darüber eine massenmediale Bedeutung und Politiker versuchen, darüber Themen zu setzen.

In der Vergangenheit wurden Zeitdiagnosen noch so formuliert, dass man genau wusste, worum es ging. Es war die Rede von der „Industriegesellschaft“, der „Dienstleistungsgesellschaft“ oder der „Erlebnisgesellschaft“; verkündet wurde der Trend zur „Matrix Organisation“, zum „Lean Management“ oder zum „Business Process Reengineering“. Aber schon an der Popularität der Vorsilbe „post“ in der Bezeichnung manches neuen Trends konnte man erkennen, dass sich die Zeitdiagnostiker immer weniger trauten, ihre Analysen mit einem präzisen Begriff zu bezeichnen. Begriffe wie postindustrielle Gesellschaft, postfordistisches Unternehmen oder postbürokratische Organisationen suggerieren zwar eine grundlegende Veränderung, lassen aber offen, was sich genau verändert. Und es hat eine gewisse ungewollte Ironie, wenn inzwischen wissenschaftliche Konferenzen veranstaltet werden, auf denen danach gefragt wird, was nach der postbürokratischen Organisation oder nach dem postfordistischen Unternehmen komme.

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Es gibt ein “Recht auf Verzeihen”

Ist das Internet eine „Speakers’ Corner“, eine Ecke im Park mit Podium, auf der jeder einmal sprechen und schimpfen darf, worüber er will? Als Denkanstoß für den Umgang mit aktuellen Fragen, wie sie beispielsweise das Google-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aufgeworfen hat, dient die Metapher schon, mit Abstrichen und Zugaben. Es ist so: Das Internet erschwert die Unterscheidung zwischen Medien und anderen Sprechern in der Öffentlichkeit, es stellt die ganze Welt als potenzielles Publikum dar, gibt dem Sprecher aber deswegen nicht sogleich die Möglichkeit, auch tatsächlich jeden zu erreichen. Und ab wann wird die Redefreiheit des einen eigentlich gewichtiger als die Freiheit des anderen, sein Leben selbstbestimmt und privat zu gestalten?

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Apple erobert den letzten Markt

Tim Cooks Brief zum Datenschutz seines Unternehmens richtet sich insbesondere an Unternehmen, die tausend Euro pro Gerät für Sicherheit ausgeben können.

Es wird von einer Offensive gesprochen, aber es ist tatsächlich nicht das erste Mal, dass sich Apple um Datenschutz kümmert. Es ist seit langem ein bewusst gepflegtes Verkaufsargument von Apple, Steve Jobs und nun Tim Cook stellten es häufig voran. Der Brief des Apple-Chefs an die Kunden, Konkurrenten und die ganze Gesellschaft, fasst es dennoch in neuer Vehemenz: „Vor einigen Jahren haben Nutzer des Internets bemerkt, dass sie nicht die Kunden kostenloser Onlinedienste sind. Sie sind ihr Produkt.“ In diesem Punkt stimmen nun Silicon-Valley-Protagonisten und ihre schärfsten Kritiker überein. Dennoch bleibt ein Problem, dass Tim Cook ebenso in seinem Brief aufwirft. Zumindest begrifflich.

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Was Googles Transparenzbericht aussagt

Google bekommt mehr staatliche Anfragen (links), beantwortet aber einen stetig schrumpfenden Anteil (rechts).

Googles neuer Transparenzbericht ist da. In ihm steht nicht, wie Google arbeitet, Suchergebnisse filtert und sortiert, nach welchen Kriterien Google E-Mails und Hangout-Chats analysiert oder die Verwendung von Google Maps auswertet. Stattdessen veröffentlicht Google die Anzahl an Anfragen staatlicher Behörden an das Unternehmen. Die Zahl wuchs und ist in Deutschland schon vorher größer gewesen als in vielen anderen Staaten. Weltweit sei die Zahl an Anfragen um 15 Prozent in Jahresfrist gestiegen, in Deutschland um 25 Prozent. In den vergangen fünf Jahren klafften die Entwicklungen sogar noch weiter auseinander. Weltweit stieg die Zahl um die Hälfte, in Deutschland um das sechsfache. Mehr als die Summe der Anfragen (3338 für das erste Halbjahr in Deutschland) und die Quote der Ablehnungen (52 Prozent) veröffentlichte das Unternehmen allerdings nicht.

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