Die „Verorganisierung“ des Islamismus

5246626583_10bec22ec0_z(1)

Was man aus der Bewegungsforschung über den Islamischen Staat lernen kann

Die Selbstbezeichnung „Islamischer Staat“, die sich die Islamisten in Syrien und im Irak gegeben haben, prägt die aktuelle Diskussion. Der Fokus ist auf ein dschihadistisches Staatsbildungsprojekt gerichtet, dessen Werte auch für Islamisten aus anderen Teilen der Welt interessant zu sein scheinen und deswegen zu einer Radikalisierung von Islamisten außerhalb Syriens und des Irak führen. Bei der Diskussion über die Staatlichkeit des Dschihadismus wird jedoch ein Aspekt übersehen, der für die Bekämpfung des islamistischen Terrors in Europa zentraler ist: Die zunehmende „Verorganisierung“ der islamistischen Bewegung.

weiterlesen

Der Journalist als Mensch

633412878_1c300eb1e1_z

Als das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden wegen einer Terrordrohung abgesagt wurde, sendeten ARD und ZDF live. Das Problem: Niemand wusste etwas, niemand konnte zu diesem Zeitpunkt etwas wissen. Die Thematisierung des Nichtwissens gehört zum Handwerkszeug journalistischer Berichterstattung. Es ist ohne Frage möglich, zu berichten, ohne etwas Konkretes mitzuteilen.

In besonderen Momenten mag es dann gelingen, ein Gefühl einzufangen. Die Zuschauer sind live dabei, wie Journalisten darum ringen, Geschehnisse einzuordnen. Wie sie womöglich damit zu kämpfen haben, die Trennung zwischen Person und Rolle aufrechterhalten. Wie sie, wie es oft heißt, Mensch-Werden im Angesicht des Unfassbaren. Die Zuschauer fühlen sich bestenfalls weniger allein mit ihrer Verunsicherung und Überforderung. Als wenige Tage zuvor die Anschläge in Paris zeitgleich zur Übertragung des Länderspiels verübt wurden, gab es solche Augenblicke.

weiterlesen

Motivationsverdrängungseffekt – Die perverse Wirkung von Leistungsanreizen in der Wissenschaft

2922744060_6837cb8099_z (1)

Von der Lektüre von Managementliteratur kann man Hochschulleitungen nur abraten – zu groß sind die sprachlichen Zumutungen, die man beim Lesen ertragen muss, zu simpel ist in der Regel das zugrunde liegende Organisationsverständnis, zu grundlegend sind die Unterschiede von Hochschulen zu Unternehmen, für die die meisten Rezepte erarbeitet wurden. Angesichts der aktuellen Diskussion über die leistungsorientierte Mittelvergabe in der Wissenschaft könnte man jedoch dazu tendieren, Hochschulleitungen ein Managementbuch zu empfehlen.

weiterlesen

Anschubsen oder Wegschubsen – Ein Fall von politischer Fehlsteuerung in der Flüchtlingspolitik

Evelin Lemke, Wirtschaftsministerin von Rheinland-Pfalz, spricht mit Flüchtlingen denen schon dadurch geholfen wäre, dass Deutsche, die Ihnen als Bürgen helfen wollen keine lebenslange Verpflichtungserklärung unterschreiben müssten.

Evelin Lemke, Wirtschaftsministerin von Rheinland-Pfalz, spricht mit Flüchtlingen und Helfern. Deutsche, die als persönliche Bürgen helfen wollen, müssen bislang noch lebenslange Verpflichtungserklärungen unterschreiben.

Obwohl deutsche Politiker immer wieder öffentlichkeitswirksam Hilfsmaßnahmen für Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg verkünden, sind die Möglichkeiten für Syrer, nach Deutschland zu kommen, um hier Asyl zu beantragen, sehr begrenzt. Soweit Flüchtlinge auf dem Landweg über andere EU-Staaten nach Deutschland kommen, war – jedenfalls bis vor kurzem – das Erstaufnahmeland für sie und ein eventuelles Asylverfahren zuständig. Die Einreise auf dem Luftweg setzt ein Visum für Deutschland voraus, was in der gegebenen Lage faktisch nicht zu erlangen ist.

weiterlesen

Die fast unvermeidliche Trivialisierung der Systemtheorie in der Praxis

Unbenannt-1

Es gehört zur Selbstverständlichkeit von sich als „systemisch“ verstehenden Beratern und Managern, sich auf die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns zu berufen. Auf systemischen Fortbildungen werden regelmäßig Bilder von Bäumen ans Flipchart gemalt, auf dem die soziologische Systemtheorie als zentrale Wurzel des systemischen Managements und der systemischen Beratung dargestellt werden. Und fast jeder Text eines Systemikers ist mit Luhmann-Zitaten garniert, um die eigene Vorgehensweise wissenschaftlich zu begründen oder auch nur zu legitimieren.

Sicherlich – die Quellen, auf die sich Systemiker berufen, sind vielfältig; die von den Systemikern gezeichneten Bäume zeigen als Wurzeln zumeist auch noch Kommunikationstheorien à la Paul Watzlawick, die systemische Familientherapie von Mara Selvini Palazzoli, den Sozialkonstruktivismus besonders von Heinz von Foerster, die Psychoanalyse Sigmund Freuds oder naturwissenschaftliche Systemtheorien à la Humberto R. Maturana. Der Einfluss dieser Theorien auf die systemische Familientherapie und die Gruppendynamik waren gewiss beachtlich, aber weil diese Ansätze so gut wie nichts über Organisationen aussagen, stellt die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns in der Regel die zentrale Referenz dar, wenn es um die Verwendung der Systemtheorie für die Beratung und das Management von Organisationen geht.

weiterlesen

Erst wenn die erste, unqualifizierte Frau im Aufsichtsrat sitzt, kann über die Sinn- und Zweckmäßigkeit der Frauenquote diskutiert werden

Bildschirmfoto 2015-02-03 um 23.21.25

Über kaum ein anderes Thema gibt es so viele Begriffe und polemische Uneinsichtigkeiten wie über die formalen und informalen Ungleichheiten am Arbeitsplatz: Diversity, Gender-Gerechtigkeit und Frauenquote sind es aktuell. Es geht bei diesen Themen um gleiche Chancen bei gleicher(!) Qualifikation, nicht um Gleichheit oder Gleichmacherei. Das ist oft genug betont worden, und oft genug wird dann dennoch über solches eben Nicht-Gemeinte und auch Nicht-Intendierte geredet.

weiterlesen

„Nur die Dummen hoffen auf Frieden“

Zu viel Panorama!

Zu viel Panorama!

In den vergangenen Tagen kam mir auch mal die Idee, etwas zum Krieg zwischen Israel und Hamas zu schreiben. Nicht so sehr wegen der Angriffe, sondern wegen der moralischen Ausbeutung die das Thema mit sich bringt, auch, weil es inhaltlich wenig über den Ort des Geschehens zu berichten gibt. Man kann nicht einfach nach Gaza fahren, also machen es wenige. In Deutschland ist der Krieg ohnehin eher Angelegenheit für Kommentare als für Berichterstattung. Man kann also auch gleich zu alten Büchern greifen und das grundsätzliche Problem angehen: Die Fragen des Wollens und Dürfens sind immer auch moralische. Nur zur Ansichtssache werden sie dadurch nicht automatisch.

weiterlesen

Wenn sich Subdisziplinen ihren Grenzen widmen, wachsen sie über diese hinaus – theoretisch, empirisch und historisch

8618538340_c6ae776df2_z

Die vielen Hände der Social Science History Association (SSHA) – Ein Plädoyer für eine „offene Forschungskultur“ in der Historischen Soziologie

Während die Historische Soziologie in Deutschland seit den 1970er Jahren ein Schattendasein führt, wurde in den USA mit der „Social Science History Association“ (SSHA) zur gleichen Zeit unter den intellektuellen Schwertern einer zunächst marxistisch orientierten (politischen) Soziologie und einer quantitativ arbeitenden Historischen Sozialwissenschaft auch institutionell ein Ort des interdisziplinären Austauschs zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie geschaffen. Auf dem 38. Jahrestreffen der SSHA in Chicago (21. bis 24. November 2013) schien dieses Forum wenig von seiner Anfangseuphorie, seinem konstruktiven Diskussionsklima und seiner thematischen Vielfalt verloren zu haben.

weiterlesen

Echtzeitgesellschaft mit Nullintelligenz

2489612508_78119614fb_z

Wollte Dirk von Gehlen seine Strohpuppenkampfkunst in seinem eigenen Maß auf eine nachvollziehbare Ebene heben (oder besser retten), hätte er nicht von „Gesprächskonsum“ gesprochen, sondern von Zahnbürstenredsamkeit. Niemand kommt doch ernsthaft auf die Idee, Datensparsamkeit – ein völlig akzeptabler Begriff – mit einem selbst erzwungenem Schweigegelübde – eine völlig bescheuerte Idee – zu verbinden. Ich habe sowas jedenfalls noch nirgends gelesen. Worüber man aber nun immer häufiger stolpert – ein völlig richtiges Verb – sind Personen, die die digitale Welt nicht nur retten, sondern noch besser retten wollen und dabei ganz neue Gegnerschaften begründen.

weiterlesen

Das Internet verstehen lernen

5403052781_8e5acaef88_b

Die Krisen der Gesellschaft machen ihre Mitglieder klüger. Es ist eines der faszinierendsten Zitate der aktuellsten Geschichte. Romano Prodi, EU-Kommissionspräsident von 1999 bis 2004, sagte anlässlich der Euro-Einführung im Dezember 2001: „I am sure the Euro will oblige us to introduce a new set of economic policy instruments. It is politically impossible to propose that now. But some day there will be a crisis and new instruments will be created.“ (Quellen) So ist es gekommen. Wir kennen inzwischen alle Einzelheiten der Krise. Alle Beteuerungen, das Thema sei zu kompliziert, es müsse zu viel beachtet werden, die politische Sachlage sie zu komplex haben sich als falsch oder sogar als Lügen herausgestellt. Was zur Rettung fehlt ist nur der Wille.

weiterlesen

Wenn schon digitale Gesellschaft,
dann bitte richtig

9095130967_8bff163c97_o

Was wäre, wenn es alles stimmt, wenn die Ahnungen nicht nur Überlegungen wären, sondern Hinweise darauf, dass sich etwas grundlegend geändert hat – ausgerechnet am verborgenen Fundament. „Regiert eigentlich das Weiße Haus noch? (…) oder ist die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika inzwischen schon einer Junta von Sicherheitsoffizieren in die Hände gefallen?“ Das sei eine zugespitzte Frage, die allerdings auf einer evidenten Sorge ruhe, sagt Peter Sloterdijk. Und er meint das vergleichsweise zurückhaltend. Sieht man neben den Philosophen die Pragmatiker, klingt es schon anders. „Das ist General Alexander, er ist wahrscheinlich der mächtigste Mann der Welt (…) und er ist ein ‚fucking liar‘“, sagte Jacob Appelbaum bei der 29C3-Keynote und bekam dafür viel Applaus.

weiterlesen

Was Sascha Lobo vergaß zu sagen

Protest

Sascha Lobo hat natürlich recht: Die sozialen Medien bieten durch ihre Rückkanäle ein neues Eigenrecht aus, das sich von Institutionen und Entscheidungen abkoppelt und in einer Logik flüssiger Massemedien demonstrierende Menschen wichtiger nimmt als Pinguine. Alles, was in Lobos Text steht, stimmt, weil es sich nur schwer bestreiten lässt. Aber einen Kritikpunkt gibt es dennoch: Die Kolumne hört zu früh auf. Nach dem letzten Satz, der

Autokrat Erdogan wird wissen, weshalb er soziale Medien als „schlimmste Bedrohung“ fürchtet.

lautet, fehlt ein zwangsläufig nächster Satz, der wie folgt lauten könnte: Erdogan wird allerdings auch wissen, wie er sich gegen Bedrohungen wehrt, er hat es immer gewusst.

weiterlesen