Enttäuschungsabbau und Enttäuschungsintensivierung (praktisch)

So, das Jahr neigt sich dem Ende und es verfestigt sich der Eindruck, dass es sich um ein wirklich mieses Jahr gehandelt hat: Loveparade, Bankerboni, Schwarz/Geld, Staatspleiten, Griechen/Araber-Volkshetze, Schülerschlagen in Stuttgart, Terrorpanik, Vulkanaschestress, usw. usf.

Das klingt, ohne dass man polemisch an die Sachlage herangeht, alles ziemlich deprimierend. Sofern man aber nicht auch noch persönliche Schicksalsschläge hinnehmen musste, lässt sich das alles gut ertragen – man muss nur seine Erwartungen anpassen. Das klingt wie eine Beraterweisheit, ist aber tatsächlich eine Empfehlung mit hohem praktischem Nutzen. Am einfachsten gelingt dies beispielsweise, indem man sein Medienverhalten der veränderten Weltlage anpasst. (Meine Empfehlung wäre: Spiegel, Tagesschau und FAZ erst konsumieren, wenn man sich mit der „No Agenda Show“, Fefes Blog (und Fefes Podcast) und heise in Stimmung gebracht hat. Zudem sollte man sowieso häufiger Dingen nachrecherchieren und niemals wieder demütig Nachrichten gucken.)

Das konsumieren „alternativer“ Medien (die obige Liste lässt sich fortsetzen: Radio Utopie, Spiegelfechter, Feynsinn, egghats blog, weissgarnix, …) führt dazu, dass man bei der zwangsläufigen Konfrontation (um diesen Begriff mal dem Konsumieren entgegenzustellen) mit der Mainstream-Presse nicht mehr fragend staunt, sondern oft nur noch denkt: „Aber klar…, naja…“. Man immunisiert sich gegen den Blödsinn in der Welt, weil man an sie ganz andere Erwartungen stellt – man ist viel seltener enttäuscht.

Diese Enttäuschungsvorarbeit, durch die man viel über die Welt lernt, sowohl strukturell als auch konkret inhaltlich, hat einen großen Vorteil: Die Anzahl der echten, einen treffenden Enttäuschungen nimmt ab – man reagiert nicht mit Resignation auf eine Masse von Enttäuschungen, sondern ist bei den wenigen Enttäuschungen dann wirklich überrascht, so dass einen das enttäuschende Thema dann gerade nicht egal ist. In diesem Sinne möchte ich meine Top 3 der größten Enttäuschungen des Jahres aufzählen.

Platz 3: Die Grünen. Ich habe eigentlich Null Erwartungen an die Grünen. In meinen Augen handelt es sich um eine unsoziale Yuppie-Partei, die sich mit Pro-Öko und Contra-Atom  Themen gesucht hat, die nur James-Bond-Bösewichte anders sehen. Konkret sind sie aber die Partei, die für Deutschland die „Nachkriegszeit“ beendeten und den Sozialstaat abschafften. Enttäuscht hat mich aber dann doch diese Aktion. Mit Text von der Länge eines Tweetes erklärt die Partei, dass alle Basis- und Parteiarbeit, jedes einzelne Engagement eines grünen Sympathisanten völlig egal ist, wenn es um die einzig folgenreiche politische Entscheidung geht: Die parlamentarische Abstimmung. Die CDU, die keinen Hehl daraus macht, dass sie das halbe Land hasst oder ignoriert, steht im Vergleich dazu in glänzendem Licht da, was politische Ehrlichkeit betrifft.

Platz 2: Der Stuttgart-21-Schlichterspruch. Die Hauptkritik am neuen Bahnhof war, dass er zu teuer ist. Die Schlichtung hat meiner Ansicht nach gezeigt, dass er auch noch auf beinah jedem anderen Sachgebiet ein beklopptes Unterfangen ist. Und das Ergebnis der Schlichtung lautet: Der Bahnhof wird gebaut und er wird teurer, weil die Gegner Nachbesserungen verlangen. Von K21 wurde im Schlichterspruch kaum noch gesprochen. Die Schlichtung, die so gut lief, ist eine totale Katastrophe, weil nun die Verantwortung für die neuen, zusätzlichen Kosten den „Gegnern“ zugeschoben werden.

(Man sieht, das miese Jahr hatte gestern einen Tiefpunkt epischer Grausamkeit.)

Platz 1. Barack Obama. Obama kam vor zwei Jahren als Gegenprogram für George W. Bush an die Macht. Und was passierte: Die Anzahl der Prozesse gegen Landesverrat nahm zu, die Kriege wurden intensiviert und die Kriegsführung in einen paramilitärischen Bereich verschoben, die Geheimdiensthaushalte und –tätigkeitsbereiche wurden ausgebaut und das einzig nennenswerte Konjunkturprogramm lautet: Arme Amerikaner befummeln reiche Amerikaner am Flughafen. (Obama wird mich jedenfalls nicht wieder enttäuschen. Genau wie G.W. Bush mich, im obigen Sinne, nie enttäuscht hat. Soll er sich seine West-Wing-Week und seinen Flickr-Stream an den Hut schmieren.)

(Bild: Les Garcons Flamands)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

2 Gedanken zu “Enttäuschungsabbau und Enttäuschungsintensivierung (praktisch)

  1. Verlinkung auf Radio Utopie, die Nachrichten wie „Verbindungen zwischen Julian Assange und dem Haus Rothschild“ im Nachrichtenfeed haben?
    Sorry, da lese ich doch lieber „Mainstream-Medien“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.