Luhmann Handbuch,
Leben – Werk – Wirkung

Nur über italienische Landschaften verliert das Buch kein Wort...

Nur über italienische Landschaften verliert das Buch kein Wort…

Und es gibt ihn doch. Entgegen anderslautenden Gerüchten, Behauptungen und Lehren, spielt der Mensch in der Gesellschaft eine Rolle — auch in der systemtheoretischen Lesart. „Für soziale Systeme sind Menschen unverzichtbar“, heißt es von Peter Fuchs, der die kryptischen Theoriebausteine kennt: die Gesellschaft bestehe aus Kommunikation und auch nur diese könne kommunizieren. Peter Fuchs ist allerdings auch mit Niklas Luhmanns Fußnotenhumor vertraut. Man dürfe nämlich sehr wohl in der systemtheoretischen Soziologie über den Menschen etwas sagen, wenn man nur dazu sagt, welchen man meint. Bei einem Theorieschmöker, der „Luhmann Handbuch” heißt, liegt es auf der Hand – es geht um Niklas Luhmann. Eigenen Humor bewiesen die zahlreichen Herausgeber aber auch. Nach 440 Seiten lautet der letzte Satz: „Luhmann ist ein Teil, wenn auch nur ein kleiner Teil, des intellektuellen Cocktails, der sich selbst ,Theorie‘ nennt.” Der Dreiklang des Untertitels „Leben, Werk, Wirkung“ ist hier längst ununterscheidbar.

NLhandbuchDass das in Luhmanns Sinne ist, zeigt wieder Peter Fuchs schon auf knappen drei Seiten zu Beginn, auf denen es um die Person Niklas Luhmann geht, die sich hinter der Theorie versteckt. Sollten, zitiert Fuchs Luhmann, nach der Lektüre seines soziologischen Werks Fragen über das Leben und Denken desjenigen offenbleiben, der die Schreibleistung erbrachte habe, so hätte der Autor schlecht geschrieben. Dieser Rückzug allerdings, befindet Fuchs, folgt einem Kalkül, weswegen er den Biographieverzicht Luhmanns nicht als Beiläufigkeitsphänomen hinnimmt, sondern mit einer „Unkenntlichkeitsbiographie“ quittiert. Es beginnt also mit einer Paradoxie. Die Theorie, die von Autoren nichts wissen will, ist gerade auf einen besonders angewiesen, der sich mit seinem bewusst gepflegten „Habitus der Unnahbarkeit und Unkenntlichkeit“ selbst als Ironiker auszeichnete, schreibt Fuchs. Für die Theorie bleibt dieser Befund nicht folgenlos, ebenso wenig für dieses Handbuch zur Theorie.

Den Text über Autopoiesis, der das Begriffe-Kapitel mit dreißig Stichwörtern eröffnet, schreibt keiner jener etablierten Soziologen, die sich allen anderen zentralen Begriffen und Werke zuwenden, sondern die junge Münchner Wissenschaftlerin Iryna Klymenko. Dass der Begriff der Biologie entlehnt sei, etwas mit Reflexion aber nichts mit Psyche zu tun habe und „vielmehr die Denkvoraussetzung der ganzen Theorie“ sei, lernen wir in diesem Text abermals, ohne auch diesmal zu verstehen, was es mit ihm nun tatsächlich auf sich hat. Als müsste man ein weiteres Mal ungewollt beweisen, dass sich die Systemtheorie nicht in enzyklopädische Schnipsel zerlegen lässt, sind es die Texte über Kommunikation (Peter Fuchs), Sinn (Christian Kirchmeier), System und Umwelt (Jasmin Siri) und Zeit (Armin Nassehi), die sich gemeinsam der Autopoiesis annehmen.

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Um sich nicht selbst mit der Gesellschaft zu verwechseln, unterscheiden soziale Systeme fortlaufend zwischen sich und ihrer Umwelt. Sie versuchen zu verstehen, wer sie sind und was sie nicht sind, und kommunizieren dafür. Über ihre Umwelt erfahren sie dadurch nichts. Wenn sie sich bemühen, nur für sie Unwichtiges zu vergessen, lernen sie mit der Zeit allerdings sich selbst kennen. Wollte man das inflationär verwendete Wort „Konstitution“ vermeiden, beließe man die Autopoiesis-Definition bei der Selbstfindungsmechanik sozialer Systeme, die nichts anderes können, als Kommunikation an Kommunikation zu knüpfen und dabei immer unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Ein Gespräch am Mittagstisch könnte immer noch etwas interessanter sein, als es gerade ist – zusammenhanglose Themenwechsel sind trotzdem nicht gestattet. Unternehmen könnten bessere Facharbeiter haben – können aber immer wieder nur über vorliegende Bewerbungen entscheiden. Das Wirtschaftssystem weiß nicht, wann es das Politiksystem in eine Krise stürzt – Zahlungen wird es aber in jedem Fall weiterhin geben.

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Aber was macht man mit dieser Einsicht in die Denkvoraussetzung der ganzen Theorie, dass die Gesellschaft und alle anderen sozialen Systeme unbelehrbar tun, was sie nach selbst entwickelten Maßgaben tun, ohne je zu erfahren, was um sie herum tatsächlich geschieht? Moralische Aufklärung bietet die Theorie nicht, intellektuelle allerdings schon. Lehrreicher als das enzyklopädische Kapitel ist die anschließende Werkschau, in der namhafte Autoren 24 Werke Luhmanns rezensieren, nachdem in zwei Kapiteln Grundlagen und Theoriestränge behandelt wurden und bevor in anschließenden Kapiteln Bezüge zu und Rezeptionen durch weitere Disziplinen aufgezeigt werden. Ob der Einzelne mit diesem Buch besser durch die soziologische Systemtheorie findet, lässt sich kaum sagen. Aber auf die Frage, mit welchem Buch man beginnen sollte, ist es eine hervorragende Antwort. Denn trotz seines enzyklopädischen Charakters, ist es ein gelungenes Lehrbuch, dass sich zur zentralen Aufgabe nimmt, Soziologie als Handwerk ernst zu nehmen.

Beispielhaft dafür ist der Bielefelder Soziologe Klaus-Peter Japp mit einem auf Anhieb verständlichen Text zur Soziologie des Risikos. Es gehe gar nicht um Wahrscheinlichkeiten, mit denen sich etwas Schädliches vermeiden lasse, sondern um eine Unterscheidung zur Gefahr. Risiken sind Folgen von eigenen, Gefahren Folgen von fremden Entscheidungen. Wer selbst entscheidet, bedauert. Wer von den Entscheidungen anderer betroffen ist, leidet. Das war’s! Es sei darüber hinaus „keine Begriffsakrobatik“ notwendig, um sich mit dem Folgenreichtum dieser Risiko-Perspektive zu befassen, schreibt Japp und wendet sich ihm zu:

Die moderne Gesellschaft nehme sich selbst gefangen von unausweichlich tragischen Entscheidungen, die sich wegen akuter Zeitnot und ständigem Wissensmangel nie rational und erst recht nicht vernünftig treffen lassen. Die Fortentwicklung des Gewollten in Erreichtes bedarf ständig nächster Schritte in eine unbekannte Zukunft. Wollte man Risiken vermeiden, bekäme man es mit einer enormen Planfeststellungsbürokratie zu tun. Ließe man zu viel Risiko zu, setzten plötzlich systemrelevante und alternativlose Teile das Ganze aufs Spiel. Sicherheit gibt es in diesem Evolutionstheater nicht. Dafür stellt die Wissenschaft viel zu wenig gesichertes Wissen her, im Verhältnis zum von ihr unbeabsichtigt erzeugten Nichtwissen. Rettung durch Technologien bleibt frommer Wunsch, mit „Ausbrüchen ins Katastrophale“ sei immer zu rechnen. Das berühmte Restrisiko ist eben doch nur ein sperriger und falscher Begriff für unberechenbare Gefahr. So einfach kann Soziologie sein.

(Bild: Tommy Clark)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

4 Gedanken zu “Luhmann Handbuch,
Leben – Werk – Wirkung

  1. „Man dürfe nämlich sehr wohl in der systemtheoretischen Soziologie über den Menschen etwas sagen, wenn man nur dazu sagt, welchen man meint.“

    Und wenn man nicht sagt, welchen man meint? Wird man dann bestraft? Kommt dann die Polizei?

    Warum soll eigentlich in einem Theorie-Gespräch die Thematisierung von Menschen unter Sonderbedingungen gestellt werden? Warum nicht auch die Thematisierung von Bäumen, Planetenbahnen, Pornographie, Kaffeefilter oder Schraubendreher und Zahnärzten? Was haben Menschen besonderes an sich, dass ihre Realität, Anwesenheit und Voraussetzung für das Zustandekommen eines Gespächs unter Verbotsbedingungen gestellt wird? Warum nicht auch Schwerkraft, Stoffwechsel, Wasserstoffmoleküle oder Bienenstöcke? Denn auch das sind Bedingungen für das Zustandekommen von sozialen Systemen. Ohne all diese Dinge geht es nämlich auch nicht.

    Systemtheoretiker haben ein seltenes Problem. Sie können die Normalität von Menschenrealität gar nicht nachvollziehen, weshalb man, will man trotzdem darüber reden, dass Gespräch über Menschen unter Verbotsbedingungen stellt. Dies nicht aber um bei Verletzung des Verbots Strafen zu verteilen. Denn das will und kann gar keiner. Es geht nur darum, auf dem Wege der Signalisierung von Verbotsbedingungen die Normalität von Menschenrealität für ein Gespräch wiederum normal werden zu lassen. Das Verbot wird nicht aufgestellt um seine Einhaltung zu gebieten, sondern nur, um auf dem Wege des Verbietens ein Gespräch über Menschen einzuleiten, womit man ein Problem erzeugt, das man nicht hätte, würde man es nicht machen.
    Aber Bizarre daran ist, dass es funktioniert.
    Zum Vergleich: Darf man eigentlich in der Theoroie über Apfelstreusel reden? Ja, das darf man, aber nur, wenn man das Rezept verschweigt. Ein solches Verbot wäre wenig relevant. Umso interessanter ist das Menschenthematisierungsverbot.

    Nicht um es einzuhalten wird das Verbot aufgestellt, sondern damit man auch dann über Menschen reden kann, wenn man nicht mehr weiß warum man das eigentlich tun sollte.

    • „Was haben Menschen besonderes an sich, dass ihre Realität, Anwesenheit und Voraussetzung für das Zustandekommen eines Gespächs unter Verbotsbedingungen gestellt wird? Warum nicht auch Schwerkraft, Stoffwechsel, Wasserstoffmoleküle oder Bienenstöcke? Denn auch das sind Bedingungen für das Zustandekommen von sozialen Systemen. Ohne all diese Dinge geht es nämlich auch nicht.“

      Zeitschrift für Rechts-Soziologie, jg. 11, 1990. Luhmann ist schon bewusst, dass man bei Bewusstsein sein muss, damit Kommunikation zustandekommt. Nur sind psychisches System und innerkörperliche Vorgänge von Kommunikation zu unterscheiden.

      “Man dürfe nämlich sehr wohl in der systemtheoretischen Soziologie über den Menschen etwas sagen, wenn man nur dazu sagt, welchen man meint.”

      „Und wenn man nicht sagt, welchen man meint? Wird man dann bestraft? Kommt dann die Polizei?“

      Hier geht es vermutlich darum, den Begriff Mensch nicht mit Subjekt gleichzusetzen bzw. was sich daraus für theoretische Implikationen ableiten lassen in Abhängigkeit der Idee, die mit dem Begriff verknüpft ist. Dies steht nicht im Zusammenhang mit Gesprächsverboten, und ich vermute, hier geht es auch nicht um Menschenrealität.

  2. ;) Das ist natürlich ein guter Einwurf. Man könnte aber auch ganz schlicht sagen (was sich im Text belegen ließe, ohne dass ich ihn jetzt zitierfähig zur Hand habe), Luhmann antwortete auf Kritik von Handlungstheoretikern, die ihn, entsprechend ihrer Natur, zu der Fußnote veranlassten. Es ging also nicht um Problemerzeugung, sondern tatsächlich darum, von Menschen genervt zu sein.

  3. Pingback: Leseliste Dezember 2013: C3, NSA, Ein- und Ausblicke

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