Der Journalist als Mensch

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Als das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden wegen einer Terrordrohung abgesagt wurde, sendeten ARD und ZDF live. Das Problem: Niemand wusste etwas, niemand konnte zu diesem Zeitpunkt etwas wissen. Die Thematisierung des Nichtwissens gehört zum Handwerkszeug journalistischer Berichterstattung. Es ist ohne Frage möglich, zu berichten, ohne etwas Konkretes mitzuteilen.

In besonderen Momenten mag es dann gelingen, ein Gefühl einzufangen. Die Zuschauer sind live dabei, wie Journalisten darum ringen, Geschehnisse einzuordnen. Wie sie womöglich damit zu kämpfen haben, die Trennung zwischen Person und Rolle aufrechterhalten. Wie sie, wie es oft heißt, Mensch-Werden im Angesicht des Unfassbaren. Die Zuschauer fühlen sich bestenfalls weniger allein mit ihrer Verunsicherung und Überforderung. Als wenige Tage zuvor die Anschläge in Paris zeitgleich zur Übertragung des Länderspiels verübt wurden, gab es solche Augenblicke.

Während der Berichterstattung zur Absage des Länderspiels in Hannover konnte man nun etwas beobachten, das davon grundverschieden ist. Gestützt wurde dieses Phänomen durch bekannte Mechanismen massenmedialer Produktion: Der mantramäßig vorgetragene Hinweis „Die Einschätzung sei spekulativ“ und die daraufhin sofort getroffenen spekulativen Aussagen (über Tatort, Täter, Bewaffnung etc.), die Abfolge von Sachfragen und Emotionsarbeit, die Verkettung von Studiointerviews und Vor-Ort-Aufnahmen usw. Verfolgen konnte man also gerade nicht die in Paris noch beobachtbare Mensch-Werdung des Journalisten, sondern den unbedingten Versuch, mehr zu sein als die eigentliche Rolle. Das sind aber zwei voneinander zu unterscheidende Phänomene.

Im erstgenannten Fall kann der Rollenträger, ein Journalist, seine Rolle schlicht nicht durchhalten. Er wird von den Ereignissen, sei es aufgrund ihrer zeitlichen Abfolge oder ihrer Gewaltsamkeit, im wahrsten Sinne des Wortes, überrollt. Sein Handeln orientiert sich dann fast schon gezwungenermaßen entlang dieses Widerspruchs: „Eigentlich müsste ich objektiv, ruhig, sachlich usw. bleiben, aber ich kann es einfach nicht.“ Aus der Rolle zu fallen empfindet er als falsch, aber unausweichlich.

Im zweitgenannten Fall interpretiert der Rollenträger, ein Journalist, seine Rolle menschlich. Er will – das ist zugegeben unpräzise formuliert –, Rolle und Person aktiv miteinander versöhnen. Die Rolle zu verlassen erscheint ihm als geboten. Er ist ja zuallererst Mensch!

Nun wäre es aber Quatsch, anzunehmen, ein Journalist sei kein Mensch. Um eine beliebte Redewendung deutscher Sicherheitsbehörden über Terroristen (und Salafisten) abzuwandeln: Nicht jeder Mensch ist ein Journalist, aber alle Journalisten waren (bisher) Menschen.

Was heißt das nun für die mediale Berichterstattung rund um die Absage des Länderspiels?

Dem (kalkulierten) Gewinn an Mitgefühl steht ein Verlust an Differenzierungsvermögen gegenüber. Wer nicht in der Lage ist, die Trennung zwischen Person und Rolle als etwas Brüchiges, für den Rollenträger Problematisches zu begreifen, sondern diese für beliebig einführbar bzw. aufhebbar hält, ist nah dran an denjenigen, die der vormodernen Vorstellung anhängen, die Differenz von Person und Rolle sei eine Schimäre.

(Bild: Tamio Honma)

Hat während seiner Zeit in Bielefeld mehr Bolaño als Luhmann gelesen. Arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Soziologie an der Universität Bayreuth. Geht der Unterscheidung von Lächeln und Grinsen auf den Grund.

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