Volkskirchen ermöglichen Vielfalt religiöser Stile – Interview

In der evangelischen Kirche wird über die Praxis kirchlicher Leitung und Organisationsentwicklung diskutiert. Ein Forschungsprojekt richtet den Blick auf Gemeinden und Pfarrerschaft. 

In der Oldenburger Lamberti-Kirche: Marcel Schütz. Bild: von Reeken/NWZ.

Das derzeit an der Universität Oldenburg laufende Forschungsprojekt „Visitation 2017“ in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vier ihrer Landeskirchen, beschäftigt sich mit Aspekten der kirchlichen Führung und (Organisations-)Entwicklung. Betrachtet wird auch die allmähliche Übernahme neuerer, in kirchlichen Aufgabenfeldern bisher nicht oder nur schwach etablierter Managementansätze.

Die „Visitation“ bezeichnet seit der Reformationszeit den regelmäßigen Besuch der Kirchengemeinden, etwa alle 6 bis 8 Jahre, durch die Kirchenleitungen oder sonstige leitende Dienstebenen innerhalb der Kirchenhierarchie. Formale Funktion des Instruments ist traditionell die Aufsicht und Kontrolle über die Kirche durch die Bischöfe und andere Leitende. In einigen Landeskirchen wurde die Visitation in den letzten Jahren Neuerungen unterzogen, mit denen innerhalb der Kirche teilweise Veränderungen des Charakters der Visitation als Führungs- und Steuerungsinstrument erwartet werden. So wird in manchen Landeskirchen die disziplinarische Facette des Verfahrens (weiterhin) besonders artikuliert, in anderen hingegen finden semantische Anpassungen statt: Visitation soll, so die Erwartung, stärker auch mit Konzepten der Beratung und Supervision verknüpft werden. Diese zum Teil gegenläufigen und nicht unproblematischen Ansprüche bergen interessante Ansatzpunkte für organisations- und kirchensoziologische Analyse. Und das womöglich mit durchaus nicht unerwünschten Nebeneffekten für die geistliche Leitungspraxis der Kirche. Auf der Basis einer in diesem Jahr durchgeführten Interviewreihe mit rund 100 Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Ehren- und Nebenamtlichen aus der Organisation der Gemeinden soll die derzeitige Steuerungspraxis in der evangelischen Kirche – angesichts vielfältiger und auch potenziell konfligierender Reformerwartungen – in ihren formalen und informalen Facetten genauer nachgezeichnet werden.

Anlässlich des Reformationsjubiläums fand begleitend dazu ein Interview mit der in Oldenburg erscheinenden Nordwest-Zeitung (NWZ) statt und wird hier mit freundlicher Genehmigung dokumentiert. Eine ausführlichere Diskussion evangelischer und katholischer Reformdynamiken erschien bereits am Dienstag auf den Sozialtheoristen.

NWZ: Sie forschen über die Reform der protestantischen Kirche. Die ist doch eigentlich auch eine Erfolgsgeschichte. Was muss denn reformiert werden?

Gewiss, eine Erfolgsgeschichte gemessen an der runden Zahl 500. Aber natürlich machen beiden Kirchen die Kirchenaustritte und eine abnehmende gesellschaftliche Bedeutung zu schaffen. Wo man mit weniger Ressourcen auskommen muss und ziemlich stark unter Rechtfertigungsdruck steht, macht man sich Gedanken darüber, ob im eigenen „Betrieb“ Veränderungen nötig sind. Gemeinden werden umgestaltet oder fusioniert. Auch machen moderne Führungsansätze vor der Kirche nicht Halt. Die Geistlichen sollen mehr dabei unterstützt werden, wie sie mit ihrem Personal und den Gemeindegliedern vor Ort umgehen. Das Stichwort ist Kommunikation. Und dann ist da der Gottesdienst. Der muss heute Formen ermöglichen, die Menschen aus sehr unterschiedlichen Milieus und Altersgruppen und mit stärkeren und oft eben auch schwächeren religiösen Prägungen und Bindungen zur Kirche ansprechen. Es gibt also verschiedene gleichzeitig zu bewältigende Aufgaben.

Steht die Reformationskirche unter Reformstress?

Das klingt pointiert und trifft sicher teilweise die Stimmung vor allem der Pfarrer bzw. Pastoren ganz gut, so wie wir es aus Gesprächen heraushören. Der Pastor hatte in der evangelischen Kirche immer schon ordentlich was zu sagen, die evangelische Kirche ist ja vor allem Ortskirche. Heute aber erwartet man vom Pastor sozusagen lokales Management – und zwar auch in Gebieten, die typischerweise nicht Kern eines Theologiestudiums sind. Wie genau organisiert man denn eine Gemeinde, so dass auch Haushaltsfragen stimmen und man gut gerüstet ist für die nächsten Jahre? Das mag den fachlichen Horizont erweitern, erhöht jedoch die Arbeitslast. Die Kernaufgaben der Geistlichen sind weiterhin Predigt und Seelsorge. Für beides braucht es Zeit und immer auch Muße, um auf frische Gedanken zu kommen. Die Kirchenleitungen überlegen sich natürlich ihrerseits, wie größere Landesteile bei abnehmender Kirchenzugehörigkeit vernünftig mit kirchlichen Diensten zu versorgen sind.

Die großen Kirchen – die protestantische wie die katholische – verlieren Mitglieder. Warum?

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einerseits gibt es generell schrumpfende Zuwachsraten in die Kirche. Ältere Menschen halten der Kirche mehr die Treue. Andererseits fördert die gewisse „Entkirchlichung“ der Gesellschaft, das heißt die abnehmende Selbstverständlichkeit, in der Kirche zu sein, eine stabile Austrittsdynamik. Dieser Trend hat mit Skepsis gegenüber dem zu tun, was verbreitet – in Teilen allzu einseitig – eher negativ als „Amtskirche“ kritisiert wird. Man macht es sich sehr leicht, das nur als Problem der Kirche zu sehen. Auch andere Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften erfahren Verluste. Alle diese Apparate basieren im Übrigen auf Überzeugung oder Neigung: Man ist dort, weil man sich zu etwas bekennt, eine Befürwortung ausdrückt. Das kostet etwas Geld, was oft ein Grund sein kann, sein Interesse zu überdenken. Die Volks- oder Amtskirche nur als verkrustet wahrzunehmen, wäre aber ein Zerrbild. Gerade die großen Kirchen ermöglichen viele Stile der Frömmigkeit. Was beide in Zukunft gebrauchen könnten, sind kritische Mitglieder, die nicht zu allem Ja und Amen sagen, sich auch immer mal reiben an der Kirche und dennoch stets mehr Gründe dafür sehen, zu bleiben als zu gehen. In Skandinavien ist der Anteil der Bevölkerung an der lutherischen Kirche übrigens noch sehr hoch. Und bei uns im Norden Deutschlands gibt es noch mit die höchsten protestantischen Anteile.

In der protestantischen Kirche steht die lokale Gemeinde im Zentrum. Wie kann das im ländlichen Raum erhalten bleiben?

Vernetzung ist zwar kein Allheilmittel, dürfte aber für Gemeinden noch Potenzial bergen. Soweit es möglich ist, wird schon vielerorts mit der kirchlichen Nutzung für kulturelle Angebote ein Zusatzprogramm geboten. Geeignete kleinere Events können neue Leute anziehen, ohne, dass es in Spektakel enden muss und man der Kirche Anbiederung vorwerfen könnte. Wichtig erscheint auch, dass die Gemeinden der Region sich enger zusammentun, um verschiedene Aufgaben gemeinsam zu erledigen. Dies kann dazu führen, dass nicht mehr alles überall in gleichem Maße angeboten wird, dass es also Schwerpunkte und Stärken gibt, die die örtlichen Akteure anerkennen. Es werden wohl noch eine Reihe Gemeinden zusammengehen. Das alles geschieht schon. Bestenfalls mit gebotener Behutsamkeit. Denn Kirchenschließungen und Fusionen können zu erheblichem emotionalen Aufbegehren führen, wie Beispiele zeigen.

Gibt es in Ihrer Forschung etwas, das Sie bei Geistlichen und Ehrenamtlichen in besonderem Maße erstaunt?

Aktuell machen wir eine Studie über Steuerung und Beratung in der evangelischen Kirche. Dort gibt es ein spezielles Verfahren dafür, die „Visitation“. Die Gemeinden werden von ihrer Landeskirche bzw. deren Leitungen besucht und die erkundigen sich über die Lage vor Ort. Wir sind positiv angetan von der Offenheit in den Interviews, die wir dazu geführt haben. Die Pastoren und Ehrenamtlichen berichten ziemlich frank und frei über das, was sie in ihrer Arbeit bewegt und welchen Problemen sie begegnen. Teilweise wird deutliche Kritik artikuliert und konstruktiver Unmut geäußert über die Steuerung durch die Leitung. Dann wiederum empfindet man einiges als nützlich. Von dicken Kirchenmauern, durch die nichts durchdringt, kann also nicht die Rede sein.

Und wie kann ein Organisationswissenschaftler einer traditionellen Einrichtung wie der Kirche helfen? Nimmt die Kirche Rat an oder beharrt sie auf den Traditionen?

Im Grunde beides. Und dafür haben Forscher Verständnis. Wenig aussichtsreich ist es, die Kirche hart zu bedrängen, jetzt dieses und jenes sofort anders zu tun. Ihr Erfolg liegt ja offenbar auch darin, sich niemals völlig verändert zu haben, was ihr offenbar einiges genützt hat. Unser Ansatz ist, der Kirche in einer Form zu begegnen, die ihr selbst bekannt ist: mit Gesprächsangeboten. Die Interviews in den Gemeinden zeigen jedenfalls, dass der Wunsch stark ist, das Ausgesprochene auch praktisch aufzugreifen. Wir sagen der Kirche, was wir von den Ergebnissen halten und in welchen Punkten wir Diskussion über Maßnahmen vorschlagen. Es sollen nicht die überfordert werden, die ihre Entscheidungen wiederum anderswo vorentscheiden lassen müssen. Dadurch dauert es zuweilen länger, aber die Wirkungen sind womöglich nachhaltiger. Das kennt die evangelische Kirche ja. In 500 Jahren hat man dort schon manches gelernt.

Das Interview führte Hans Begerow. 

Hintergrundbeitrag: Prinzipiell protestantisch

Lehrt Soziologie an der Universität Bielefeld und Betriebswirtschaft an der Northern Business School Hamburg. Promotionsstipendiat des Landes Niedersachsen an der Universität Oldenburg. www.marcel-schuetz.net

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