Der berühmteste Mensch der Welt lebt in einer eigenen

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Sozioprudenz – ein neuer Begriff den man mal wieder so oder so sehen kann. Für die einen ist es eine neue Soziologie, zur Rettung der alten. Die anderen sehen sich schon wieder soziologisch potent in fremden Feldern wildern – mit Weltklugheitslehren. Soziale Intelligenz als Knackpunkt der Fachidentität, damit Nachwuchssoziologen den sachintelligenten Medizinern, Physikern und Anwälten nicht mehr nachstehen. Das kann aus der Studienstube herausführen, aber wohin? Und wenn schon soziale Intelligenz, warum dann nicht lieber dort, wo sie vor lauter sachlicher Intelligenz fehlt – also vielleicht gerade nicht in der Soziologie, sondern dort, wo wirklich – Konsum erzeugend, mit Menschenkontakt, Planungen erfüllend – gearbeitet wird. Wie auch immer. Wir versuchen uns an einer Soziologie des aktuellen amerikanischen Präsidenten.

editorische Notiz: Ton knistert ganz zu Beginn etwas. Zudem ist die Aufnahme von unterwegs, mit reduziertem Technikeinsatz.


Zu hören sind:
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avatar Moritz
avatar Stefan
Feed: https://feed.sozialtheoristen.de/podcast

Veröffentlicht von Stefan Schulz

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

4 Kommentare

  1. Liebe Podcaster,

    in der aktuellen Folge der Sozialtheoristen fällt an einer Stelle sinngemäß die Bemerkung: “Die Soziologie steckt überall in den Geisteswissenschaften. Sie kann allerdings nicht ihre eigene Korrektheit beweisen.” Auch bei Moritz im Twitterradio (Folge 5) ist mir etwas ähnliches übers Ohr gelaufen. Das jedenfalls hat mich an etwas aus meinem Ingenieursstudium erinnert: Wir hatten ein Paradoxon der Mathematik besprochen. Die Mathematik ist die Grundlage von allerlei Naturwissenschaften, mglw. aller Naturwissenschaften. D.h sie kann die Naturwissenschaften, überspitzt dargestellt, beweisen. Leider kann sie ihre eigene Richtigkeit nicht beweisen. Ein zweiter interessanter Punkt an der Mathematik ist, dass sie eine kleine Schwester hat: Das Rechnen. Ein Mathematiker würde sich “nie” für das Rechnen interessieren. Das ist uninteressant, weil es keinen Erkenntnisgewinn i.S. des Fachs verspricht.

    Soweit ich das verstanden habe, verhält sich die Sozioprudenz zur Soziologie, wie das Rechnen zur Mathematik. Dazu würde mich interessieren, ob Ihr dem Gedanken was abgewinnen könnt oder ob ich damit total auf dem Holzweg bin.

    Jetzt stellt sich für mich natürlich eine Frage: Warum propagiert man als Mathematiker das Rechnen, als Teil des eignen Fachs. Es wäre doch für die Soziologie viel interessanter, wenn man (analog zur Mathematik: Mathematik für Ingenieure) eine Art “Soziologie für…” entwickeln würde. Damit wäre den jeweiligen …-Fachleuten das Fundament ihrer jeweiligen Fachlichkeit bewusster und sie wären in der Lage “fundierter” auf ihr Fach zu blicken.

    Jetzt kann man den Mathematik-Gedanken auch in eine andere Richtung weiterentwickeln: Wenn die Soziologie die Mathematik der Geisteswissenschaften ist und überall “unsichtbar” drinsteckt, dann sollte sie auch eine ähnliche Rolle in der schulischen und sonstigen Ausbildung spielen.
    Wie Ihr das als Fachleute: Lässt sich “die” Soziologie so verpacken, dass sie von Kindern (bspw. Grundschülern) verarbeitet werden kann? Was spricht gegen eine solche Vorstellung?

    Viele Grüße,

    Frank

  2. Sehr spannende Gedanken, dankeschön.
    Ich studiere selbst in München Soziologie und betreibe in meinem Nebenfach unter anderem ein Studierendennetzwerk im Bereich Jüdische Geschichte, hauptsächlich die Neuzeit betreffend. Dabei gibt es immer wieder Exkursionen und Veranstaltungen. Das heißt, dass es neben den soziologischen Blicken – beispielsweise auf Israel – natürlich auch um die Organisation von Sozialität geht, sprich: angewandte, praktische Soziologie.
    Besonders Stefans Gedanken finde ich dazu spannend: Organisation und vor allem Veranstalten einer Party als Hausarbeit, oder in meinem Fall die Planung und Durchführung einer Exkursion oder die Planung und Durchführung einer Diskussionsrunde. Wenn man das in eine übertragbare Form bringen könnte, könnte ich mir eine derartige Umstrukturierung des Soziologiestudiums sehr gut vorstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass man am Ende vor allem des Bachelorstudiums doch sehr, sehr breit aufgestellt ist.
    Abschließend muss man natürlich noch beachten, dass (meiner Meinung nach) die Soziologie in München nochmal deutlich praxisnaher und auch schwerpunktmäßig quantitativer aufgebaut zu sein scheint.

  3. Zu Eurem Blogeintrag über ‚Sozioprudenz’ wollte ich Euch ein paar Hintergrundinformationen geben. Die ‘Sozioprudenz’ habe ich im Rahmen einer langen – eigentlich als Habilitationsschrift gedachten – Arbeit seit Beginn des neuen Jahrtausends als Ausdruck für eine politisch-soziale Klugheitslehre erdacht. Leider war die Arbeit aufgrund großer Unkenntnis zu diesem Thema und eingeübter disziplinärer Versäulung nirgendswo universitär unterzubringen. So habe ich schließlich nach reiflicher Überlegung 2011 die ‘Sozioprudenz’ als Marke beim Deutschen Patentamt angemeldet. Was aber Clemens Albrecht nicht daran hinderte, das Konzept ohne Rücksicht auf meine vorherige Markenanmeldung ab 2012 an der Universität Koblenz als soziologisches Wahlfach einzurichten. Meine schon bestehenden Markenrechte wurden von der Uni Koblenz dabei einfach ignoriert. Leider hat das Konzept bei der Kaperung eine ärgerliche Reduktion erfahren, die so ursprünglich gar nicht gedacht war.

    Meine Vorstellung ging eher in die Richtung umfassender Klugheitsbildung. Eben als (formale und informale) Klugheit in Organisationen – mit Regierungskunst und Managementkompetenzen. So wie das jetzt, obwohl ich natürlich vielfach Einwände erhob und auch meine Mitarbeit anbot (während man jedoch von Seiten der Uni Koblenz lieber juristisch meine Markenrechte aufheben lassen wollte und eine nachträgliche Löschung der Marke betrieb), realisiert wurde, bin ich damit auch sehr unzufrieden.

    Und da sind Eure Bedenken im Blog nur zu berechtigt. Eine bloße Konversationslehre ist auf jeden Fall zu dürftig, um sozialwissenschaftlich Ausgebildete als eine echte Alternative zu juristisch Qualifizierten in Unternehmen und Verwaltungen durchzusetzen. Eigentlich ging es mir um so etwas wie Judiz-Bildung und Schulung der (politischen und juristischen) Urteilskraft. Von der ich glaube, daß man sie mit der richtigen Kunst und Klugheit durchaus vermitteln kann. Wie es bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts ja auch so unternommen und praktiziert wurde. Freilich ist dies nicht in einem ‚Wochenendseminar‘ zu machen.

    Freundliche Grüße
    Dr. Andreas Schwarz

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