Weswegen in der Diskussion über Managementmoden zu schnell von personellen auf inhaltliche Kontinuitäten geschlossen wird
Ein zentraler Forschungsstrang zum Nationalsozialismus geht von inhaltlichen Kontinuitäten des NS-Staates zur Bundesrepublik Deutschland aus. In unterschiedlichen Feldern wie der Rechtsprechung, der Familienpolitik, der Gesundheitsfürsorge, der Militärführung und dem Unternehmensmanagement ließen sich, so die These, die Wirkungen der nationalsozialistischen Ideologie bis in die heutige Zeit nachweisen.[1] Die Nationalsozialisten hätten nicht „einfach verloren, sondern in einem wahrhaft unheimlichen Sinn viele ihrer Hauptziele durchgesetzt“. Gesiegt hat „in dieser schwarzen Perspektive“ letztlich „das NS-System“, weil nicht wenige der nationalsozialistischen Vorstellungen in der Nachkriegszeit in Erfüllung gegangen sind“.[2] „Der Nationalsozialismus“, so das Diktum Theodor W. Adornos, „lebt nach“.[3]
Vertreter der Kontinuitätsthese gehen nicht davon aus, dass die NS-Ideologie einfach bruchlos fortlebte. Sie interessieren sich vor allem dafür, wie diese an die neuen Verhältnisse angepasst und dadurch transformiert wurde. Die NS-Ideologie presse sich, so der Sozialphilosoph Nikolas Lelle, in „entnazifizierte Formen“ und könne gerade dadurch bis heute weiterwirken. Trotz dieser Transformationen sehe man sich beim Blick auf den NS-Staat und die Bundesrepublik Deutschland jedoch zwangsläufig mit einer „Wiederkehr des Ähnlichen“ konfrontiert.[4] Kurz: Nazis waren auch in der Bundesrepublik Deutschland Nazis – bloß, dass sie ihre Auffassung an die neue staatliche Ordnung anpassten.
Als Fundament für die vielfältigen inhaltlichen Kontinuitätslinien wird die starke personale Kontinuität bei den Funktionseliten vom NS-Staat zur Bundesrepublik Deutschland angesehen. Diese Kontinuitäten sind bereits auf den ersten Blick frappierend. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es nur wenige Jahre gedauert, bis Funktionäre des NS-Staates erneut Schlüsselstellen in Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Medizin und Massenmedien besetzt hatten.[5] In der frühen Bundesrepublik war in einigen Ministerien und Verwaltungen der Anteil früherer NSDAP-Mitglieder bereits höher als zu Beginn der 1940er Jahre.[6]
Über die Faszination eines weitgehend vergessenen Managementmodells
Den Vertretern der Kontinuitätsthese dient die nationalsozialistische Vorstellung von Führung als prominenter Beleg für ein anhaltendes nationalsozialistisches Denken in der Bundesrepublik.[7] Die von Hitler entwickelte Vorstellung von Führung hätte, so die These, auch nach dem Ende des NS-Staates „fröhliche Urstände“ gefeiert und würde unter dem Begriff des Managements bis in die heutige Zeit nachwirken.[8] Mit Blick auf neue Managementkonzepte würde, so der Historiker Johann Chapoutot, ins Auge fallen, wie „modern manche Aspekte des Nationalsozialismus“ seien. Zwar hätte es im Nationalsozialismus noch keine „Tischkicker, Yoga-Kurse oder Chief Happiness Officers“ gegeben, aber das „Prinzip und der Geist“ seien in der Wirtschaft des NS-Staates die gleichen gewesen – „Wohlbefinden, wenn nicht gar Freude als Faktoren der Leistungsfähigkeit und Produktivitätssteigerung“.[9]
Festgemacht wird die These einer Kontinuität des Denkens über Führung oft an einer Person, die in der geschichtswissenschaftlichen Forschung über den Nationalsozialismus für Jahrzehnte kaum beachtet wurde – Reinhard Höhn.[10] Höhn gehörte zu den zentralen Staatsrechtlern des NS-Staats, war ein Theoretiker der rassistischen Lebensraumpolitik der Nationalsozialisten, spielte als Leiter des Hauptamtes „Lebensgebietsmäßige Auswertung“ eine wichtige Rolle beim Aufbau des Sicherheitsdienstes der SS und wurde noch kurz vor Kriegsende zum SS-Oberführer befördert.[11] Trotz dieser Bedeutung für den NS-Staat hat er in der Forschung lange Zeit weniger Aufmerksamkeit bekommen als seine zeitweiligen Vorgesetzten Reinhard Heydrich und Heinrich Himmler.[12]
Das inzwischen wachsende Interesse der Forschung an Höhn hängt damit zusammen, dass man an seinem Beispiel Brüche und Kontinuitäten von der Weimarer Republik über den NS-Staat bis zur Bundesrepublik Deutschland nachvollziehen kann.[13] Nachdem er in der Weimarer Republik als Schüler im Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbund aktiv war und als Student eine steile Karriere im antisemitischen Jungdeutschen Orden gemacht hatte, wurde er nach dem Übergang der Macht auf die Nationalsozialisten zu einer der wichtigsten Figuren in dem von Himmler etablierten Sicherheitsapparat, um nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich zum einflussreichsten Managementvordenker in der frühen Bundesrepublik zu avancieren.[14]
Höhn, der sich schon in der NS-Zeit wiederholt zu Fragen der Führung geäußert hatte, vermarktete in der Nachkriegszeit sein detailliert ausgearbeitetes Konzept unter dem Begriff der „Führung im Mitarbeiterverhältnis“. Dessen Verständnis erschließt sich nicht sofort, weil unklar bleibt, wie die Führung von Vorgesetzten ohne ein Verhältnis zu den Mitarbeitern aussehen soll. Damit drückt Höhn jedoch aus, dass in modernen Organisationen keine „Untergebenen“, sondern vielmehr nur noch „Mitarbeiter“ existieren sollten. Diese Mitarbeiter seien „Kräfte“, die im Rahmen allgemeiner Richtlinien fähig seien, „selbständig denkend und handelnd“ Entscheidungen zu treffen.[15]
Der Einfluss dieses Führungskonzepts in der Nachkriegszeit war enorm. Nach dem Zweiten Weltkrieg schulten Höhn und seine Mitarbeiter über mehrere Jahrzehnte Hunderttausende von Führungskräften und hatten darüber erheblichen Einfluss darauf, wie in der jungen Bundesrepublik über Führung nachgedacht wurde.[16] Fast jede Führungskraft kam irgendwann mit Höhns Konzept in Kontakt, das in Anlehnung an den Sitz seiner Führungsakademie in dem niedersächsischen Kurort Bad Harzburg auch „Harzburger Modell“ genannt wurde.
Zweifel an der Kontinuitätserzählung
In der Forschung dominiert die These, dass Höhn die Vorstellungen, die er als Vordenker in Himmlers Reichssicherheitshauptamt und als einer der Chefideologen des NS-Staats entwickelt habe, in seinem Harzburger Modell lediglich an die neuen Sprachregelungen angepasst, aber an zentralen Führungsprinzipien des NS-Staat festgehalten habe.[17] Zwischen „seinen Reden und Schriften vor 1945“ und „dem, was er nach 1956 lehrte“, sei, so die verbreitete Auffassung, „keinerlei Bruch zu erkennen“, sondern „vielmehr eine beeindruckende Kontinuität“ seiner Ideen.[18] Im Harzburger Modell sei letztlich das „negative NS-Erbe in ,entnazifizierten‘ Formen“ erhalten worden.[19] In der radikalsten Form dieser These wird Höhn als „eine Art Josef Mengele des Rechts“ präsentiert, der für den NS-Staat juristische Konzepte erdacht habe, „um die Gemeinschaft zu erneuern und Europa neu zu ordnen“. Diese Überlegungen seien dann weitgehend auf das führende Managementkonzept der Bundesrepublik Deutschland übertragen worden.[20]
Auf den ersten Blick klingt diese inhaltliche Kontinuitätserzählung plausibel. Reinhard Höhn nutzte bei der Propagierung seines Managementmodells in der Bundesrepublik Deutschland argumentative Figuren, die er bereits in seinen Schriften in der NS-Zeit verwendete. So gebrauchte er zur Rechtfertigung seines Führungsverständnisses in der Nachkriegszeit historische Vorbilder in Form preußischer Militärreformer. Er nutzte sie als Kontrastfolie zu der aus seiner Sicht überholten autoritären Führung des absolutistischen Staats, die er auch schon in der NS-Zeit als für nicht mehr zeitgemäß befunden hatte.
Auf den zweiten Blick fällt jedoch auf, dass Höhn sein Organisationsverständnis und damit auch sein Führungskonzept nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes grundsätzlich umgestellt hat. Im NS-Staat basierte sein Verständnis von Führung auf einem völkisch aufgeladenen Konzept der Gemeinschaft, aus dem sich Führer naturwüchsig herausbilden. Ansprüche auf Führung könnten, so seine Vorstellung, nicht mit Verweis auf eine formale Stellung in einer Organisation gerechtfertigt werden, sondern müssten durch die Akzeptanz der Geführten gewonnen werden. Nach dem Krieg gab er das Konzept einer in der Gemeinschaft verankerten Führung auf und gründete sein Führungsverständnis stattdessen auf die Absicherung von Vorgesetzten in der formalen Struktur der Organisation.[21]
Drei Gründe sind dafür maßgeblich verantwortlich, dass vielen Forschern dieser grundlegende Bruch in seinem Führungsverständnis entgangen ist. Der erste Grund ist, dass besonders Historiker auf eine organisationstheoretische Rekonstruktion der unterschiedlichen Konzepte von Führung verzichten.[22] Zwar werden die Vorstellungen von Führung anhand von Publikationen in der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit referiert, sie werden aber nicht mit Hilfe der Organisationstheorie in Bezug auf zentrale Elemente rekonstruiert.[23] So wird erkannt, dass das zentrale Führen über Ziele schon im Führungsverständnis des Nationalsozialismus zu finden ist, aber die grundlegend unterschiedliche Legitimationsbasis wird übersehen.
Der zweite Grund ist die Vernachlässigung der Erkenntnisse über Entstehung, Diffusion und Niedergang von Managementmoden. Dadurch gibt es eine Tendenz, die Kontinuitäten und Brüche des Führungsverständnisses im NS-Staat und in der Bundesrepublik Deutschland primär aus der Konsistenz und dem Wandel staatlicher Rahmenbedingungen zu erklären. Managementkonzepte wie das Harzburger Modell, die sich allein aufgrund ihrer Erprobung in der Praxis „verbrauchen“, dadurch zunehmend an Legitimität verlieren und letztlich verschwinden, bekommt man ohne die systematischen Überlegungen zu Managementmoden nicht in den Blick. Erst wenn man die Forschung zu Managementmoden genauer betrachtet, kann man differenzieren, worauf die üblichen Halbwertzeiten von Managementkonzepten bei Entstehung, Diffusion und Niedergang zurückzuführen sind und inwiefern sie von Führungskonzepten durch veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflusst werden.[24]
Ein dritter Grund ist die fehlende internationale Perspektive in der historischen Forschung zu nationalsozialistischen Führungsmodellen.[25] Wir wissen relativ gut darüber Bescheid, wie sich Vorstellungen über Führungen in einzelnen Sprachräumen durchgesetzt haben, aber wenig darüber, wie ähnliche Ansätze in verschiedenen Sprachräumen entstanden sind und welche Diffusionsprozesse es über Sprachgrenzen hinweg gegeben hat.[26] Dies ist umso überraschender, als das Phänomen der Diffusion von Konzepten und Denkweisen durch die organisationswissenschaftliche Forschung eine hohe Prominenz bekommen hat.[27] Es ist zwar inzwischen anhand von Detailstudien die vergleichsweise langsame „Amerikanisierung“ des Managements in der Bundesrepublik nachgewiesen, die Entwicklung des Harzburger Modells als spezifische, bundesrepublikanische Konzeption ist aber mit diesen Forschungen nicht systematisch in Beziehung gesetzt worden.[28] So wird von Forschern über kooperative Führungsmodelle zwar erkannt, dass unabhängig voneinander in der Bundesrepublik und den USA ein weitgehend identisches Führungskonzept entstanden ist, die vergleichenden Analysen bestehen aber überwiegend aus sterilen Gegenüberstellungen in betriebswirtschaftlichen Standardwerken.
Auszug aus Stefan Kühl „Führung und Gefolgschaft. Management im Nationalsozialismus und in der Demokratie“ (Suhrkamp 2025, 24,- Euro).
[1] Siehe dazu prototypisch Johann Chapoutot, La loi du sang. Penser et agir en nazi, Paris 2014; Johann Chapoutot, La révolution culturelle nazie, Paris 2017; Johann Chapoutot, Comprendre le nazisme, Paris 2018.
[2] So diese Position paraphrasierend Jochen Hörisch, „“Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen“. Unheimliche Dimensionen in den Fällen Schneider/Schwerte, Paul de Man, Jauß“, in: Wilfried Loth, Bernd-A. Rusinek (Hg.), Verwandlungspolitik. NS-Eliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, Frankfurt/M., New York 1998, S. 181-196, hier: S. 187.
[3] Theodor W. Adorno, „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“, in: ders. (Hg.), Gesammelte Schriften. Band 10, Frankfurt/M. 1977, S. 816 f.
[4] Nikolas Lelle, Arbeit, Dienst und Führung. Der Nationalsozialismus und sein Erbe, Berlin 2022, S. 222 und S. 253. Mit „Wiederkehr des Ähnlichen“ bezieht sich Lelle auf einen Ausdruck von Alf Lüdtke, mit dem dieser die Ähnlichkeit von Arbeitspraktiken „in den Zwanzigern und in den Dreißigern wie in den Vierziger und Fünfziger Jahren“ bezeichnete. Siehe Alf Lüdtke, „“Deutsche Qualitätsarbeit“: Mitmachen und Eigensinn im Nationalsozialismus. Interview von Marc Buggeln und Michael Wildt mit Alf Lüdtke“, in: Marc Buggeln, Michael Wildt (Hg.), Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014, S. 373-403, hier: S. 375.
[5] Siehe für einen ersten Zugang die Beiträge in Norbert Frei (Hg.), Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, Frankfurt/M. 2001.
[6] Siehe zu dem Phänomen der geschichtswissenschaftlichen Studien zu Ministerien im NS-Staat beispielsweise Ulrich Herbert, „NS-Eliten in der Bundesrepublik“, in: Wilfried Loth, Bernd-A. Rusinek (Hg.), Verwandlungspolitik. NS-Eliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, Frankfurt/M., New York 1998, S. 93-116, hier: S. 108.
[7] Siehe prototypisch dazu Michael Behnen, Die Gegenwart der NS-Vergangenheit. Eine kommentierte Dokumentation zur Vergangenheitspolitik, 1945-1990, Göttingen 2020, S. 17.
[8] Johann Chapoutot, Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute, Berlin 2021, S. 15.
[9] Chapoutot, Gehorsam macht frei, S. 73. Siehe für eine Kritik an dieser These Chapoutots im französischen Sprachraum nur beispielhaft Thibault Le Texier, „La Reductio ad Hitlerum de Johann Chapoutot : quand l’idéologie l’emporte sur la rigueur historique“, in: Revue d’histoire moderne & contemporaine 67 (2020), S. 171-187; Marcel Guenoun, „Analyse critique du point de vue de la gestion publique de l’ouvrage de Johann Chapoutot : „Libres d’obéir. Le management du nazisme à aujourd’hui““, in: Revue Politiques et Management Public 37 (2020), S. 211-229; Yves Cohen, „Johann Chapout. Libres d’obièr.“, in: La nouvelle revue du travial 19 (2021), S. 1-6.
[10] Siehe nur beispielhaft Laux, „Führung und Verwaltung in der Rechtslehre des Nationalsozialismus“, S. 51.
[11] Siehe Höhns Personalakte bei der SS BA Berlin R/936/III/531533. Dort findet sich auch der Hinweis in einem Fernschreiben von SS-Standartenführer Brandt an den Chef des SS-Personalhauptamtes in Berlin vom 15.10.1944, dass die Beförderung von Höhn zum SS-Oberführer auf eine direkte Anweisung von Heinrich Himmler zurückgeht. Siehe den Bericht von Höhn vom 13.12.1938 AHU Berlin, UK Nr. 826. Siehe Anna-Maria von Lösch, Der nackte Geist. Die Juristische Fakultät der Berliner Universität im Umbruch von 1933, Tübingen 1999, S. 331. Zum Hintergrund seiner Berufung auf die Professur an der Humboldt Universität in Berlin siehe auch Eva Schumann, „Die Göttinger Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1933-1955“, in: dies. (Hg.), Kontinuität und Zäsuren. Rechtswissenschaft und Justiz im „Dritten Reich“ und in der Nachkriegszeit, Göttingen 2009, S. 65-122, hier: S. 86.
[12] Eine kurze biographische Beschreibung Höhns findet sich früh bei Helmut Heiber, Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands, Stuttgart 1966, S. 881-888; sowie später bei Lösch, Der nackte Geist, S. 320-334 und Ingo J. Hueck, „’Spheres of Influence’ and ‘Völkisch’ Legal Thought: Reinhard Höhn’s Notion of Europe“, in: Darker Legacies of Law in Europe. The Shadow of National Socialism and Fascism over Europe and its Legal Traditions, Oxford 2003, S. 71-85, hier: 203 f. Die von Höhn geleitete SD-Zentralabteilung II, 2 firmierte auch unter dem Begriff „Lebensgebiet-Berichterstattung“. Zur Rolle von Höhn im Sicherheitsdienst siehe auch früh Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Gütersloh 1967, S. 217-219 und später dann Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989, Bonn 1996, S. 187; Michael H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS, 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, München 1997, S. 130; Carsten Schreiber, Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens, München 2008, S. 130. Zur Bedeutung der Juristen im SS-Führerkorps siehe früh Gunnar C. Boehnert, „The Jurists in the SS-Führerkorps, 1925-1939“, in: Gerhard Hirschfeld, Lothar Kettenacker (Hg.), Der „Führerstaat“: Mythos und Realität. Studien zur Struktur und Politik des Dritten Reiches, Stuttgart 1981, S. 361-374. Zur Bedeutung des SD allgemein siehe George C. Browder, „Die Anfänge des SD. Dokumente aus der Organisationsgeschichte des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 27 (1979), S. 299-324; George C. Browder, „The Numerical Strength of the Sicherheitsdienst des RFSS“, in: Historical Social Research 28 (1983), S. 30-41.
[13] Eine häufig übersehene Pionierarbeit zu Reinhard Höhn ist die nie publizierte Staatsexamensarbeit von Daniel Christoph Teevs. Siehe Daniel Christoph Teevs, Kontinuität des Unbedingten? Reinhard Höhn und die Bad Harzburger Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft, Göttingen 2004. Eine ausführliche Behandlung des „Lebens und Wirkens Reinhard Höhns“ findet sich in der rechtswissenschaftlichen Promotion von Johannes Jenß, Die „Volksgemeinschaft“ als Rechtsbegriff. Die Staatsrechtslehre Reinhard Höhns (1904-2000) im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2017, S. 27-209. Die umfassendste Ausarbeitung der Biografie Höhns auf der Basis des identifizierbaren Quellenbestandes wurde von Alexander O. Müller vorgelegt. Siehe Alexander O. Müller, Reinhard Höhn. Ein Leben zwischen Kontinuität und Neubeginn, Berlin 2019. Für einen Forschungsüberblick vor dem Erscheinen der Biographie siehe auch Daniel C. Schmid, „“Quo vadis, Homo harzburgensis?“. Aufstieg und Niedergang des „Harzburger Modells““, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 59 (2014), S. 73-98, hier: S. 75 f.
[14] Siehe zu Höhns früher Karriere auch seinen Lebenslauf aus dem Jahr 1934; IfZA München, FA 74/Reinhard Höhn. Siehe für die Kontakte von Höhn zu Himmler dessen Terminkalender Michael Wildt, „Himmlers Terminkalender aus dem Jahr 1937“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 52 (2004), S. 671-692.
[15] Reinhard Höhn, Die Stellvertretung im Betrieb, Bad Harzburg 1964, S. 6. Siehe für erste kürzere Ausarbeitungen Reinhard Höhn, „Die Delegation von Verantwortung“, in: Zeitschrift der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft (1959), S. 9-11; Reinhard Höhn, „Der Chef kann nicht alles wissen“, in: Die Zeit vom 17.3.1961.
[16] Eine genaue Aufstellung der Teilnehmerzahlen existiert nicht. Dagmar Deckstein geht in einem Nachruf anlässlich des Todes von Reinhard Höhn von 600000 Teilnehmern aus. Dagmar Deckstein, „Ein Lehrer für 600000 Manager. Nachruf auf Reinhard Höhn“, in: Süddeutsche Zeitung vom 22.5.2000.
[17] Siehe nur als Beispiele für die Kontinuitätsthese in Bezug auf Höhn Adelheid von Saldern, „Das „Harzburger Modell“. Ein Ordnungssystem für bundesrepublikanische Unternehmen, 1960-1975“, in: Thomas Etzemüller (Hg.), Die Ordnung der Moderne. Social engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 303-329; Michael Wildt, „Der Fall Reinhard Höhn. Vom Reichssicherheitshauptamt zur Harzburger Akademie“, in: Alexander Gallus, Axel Schildt (Hg.), Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930, Göttingen 2011, S. 254-274; Nikolas Lelle, „“Firm im Führen“. Das „Harzburger Modell“ und eine (Nachkriegs-)Geschichte deutscher Arbeit“, in: Werner Konitzer, David Palme (Hg.), „Arbeit“, „Volk“, „Gemeinschaft“. Ethik und Ethiken im Nationalsozialismus, Frankfurt/M., New York 2016, S. 205-224; Stina Rike Barrenscheen-Loster, Neue Arbeitswelten, alte Führungsstile? Das mittlere Management in westdeutschen Großunternehmen (1949-1989), Frankfurt/M., New York 2023, S. 271 f.
[18] Chapoutot, Gehorsam macht frei, S. 115.
[19] Saldern, „Das „Harzburger Modell““, S. 328. Siehe auch mit Sympathie für diese Position Armin Grünbacher, West German Industrialists and the Making of the Economic Miracle. A History of Mentality and Recovery, London 2017, S. 69.
[20] Chapoutot, Gehorsam macht frei, S. 78. Der Vergleich ist meines Erachtens unpassend. Wenn man Höhns Wirken im Bereich des nationalsozialistischen Staatsrechts mit Personen im Bereich der eugenischen „Volksgesundheit“ vergleichen möchte, dann bietet sich eher Mengeles Doktorvater Otmar von Verschuer an, der als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie durch menschliche Erblehre und Eugenik von den Möglichkeiten zu Menschenexperimenten in Ausschwitz profitierte und in der Bundesrepublik Professor an der Universität Münster werden konnte. Siehe zu Verschuer E. Ehrenreich, „Otmar von Verschuer and the „Scientific“ Legitimization of Nazi Anti-Jewish Policy“, in: Holocaust Genocide Studies 21 (2007), S. 55-72; Isabel Heinemann, „Die „erbgesunde“ Familie als transatlantisches Projekt. Paul B. Popenoe, Otmar Freiherr von Verschuer und die Kontinuitäten der Eugenik 1920 bis 1970“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 71 (2023), S. 256-271; Sheila F. Weiss, „After the Fall: Political Whitewashing, Professional Posturing and Personal Refashioning in the Post War Career of Otmar Freiherr von Verschuer“, in: Isis 101 (2010), S. 722-758.
[21] Siehe für eine Zusammenfassung der Überlegungen aus unserem Forschungsprojekt Dennis Firkus, „Diffusion oder Imitation? Über Kontinuititäten und Brüche nationalsozialistischer Betriebsstrukturen im Harzburger Modell“, <https://sozialtheoristen.de/2021/04/16/diffusion-oder-imitation-ueber-kontinuitaeten-und-brueche-nationalsozialistischer-betriebsstrukturen-im-harzburger-modell/>.
[22] Zum Verhältnis von theoretischer Organisationswissenschaft und historischer Analyse siehe besonders Alfred Kieser, „Why Organization Theory Needs Historical Analyses – And How This Should Be Performed“, in: Organization Science 5 (1994), S. 608-620; Albert J. Mills u. a., „Re-visiting the Historic Turn 10 Years Later. Current Debates in Management and Organizational History“, in: Management & Organizational History 11 (2016), S. 67-76. Als Überblick siehe Albert J. Mills, Milorad M. Novicevic, Management and Organizational History. A Research Overview, London, New York 2020; Sonia Coman, Andrea Casey, New Directions in Organizational and Management History, Berlin, Boston 2022.
[23] Wobei eine systematische Rekonstruktion des Führungsdiskurses im Nationalsozialismus durch die Geschichtswissenschaft noch aussteht. Siehe zu dieser Forschungslücke Armin Nolzen, „Menschenführung“ in der NSDAP nach 1933, Potsdam 2017, S. 1.
[24] Siehe auch die Kritik von Guenoun, „Analyse critique du point de vue de la gestion publique de l’ouvrage de Johann Chapoutot : „Libres d’obéir. Le management du nazisme à aujourd’hui““, S. 215.
[25] Siehe dazu die Kritik von Yves Cohen an der Kontinuitätsthese von Chapoutot: „On ne comprend pas comment un historien expérimenté qui se lance dans l’écriture d’un chapitre sensible de l’histoire du management ne paraisse pas le moins du monde s’être familiarisé avec ce que dit cette discipline.“ Cohen, „Johann Chapout. Libres d’obièr.“.
[26] Siehe zu dem Problem Mats Alvesson, André Spicer, „Critical Perspectives on Leadership“, in: David V. Day (Hg.), The Oxford Handbook of Leadership and Organizations, Oxford 2014, S. 40-56, hier: S. 52 f. Es gibt natürlich Ausnahmen. Siehe vergleichsweise früh Trischler, „Führerideal und Formierung faschistischer Bewegungen“. Ausführlich Yves Cohen, Le siècle des chefs. Une histoire transnationale du commandement et de l’autorité (1890-1940), Paris 2013, der dort jedoch nicht auf die Führungstheorie Reinhard Höhns eingeht. Vorher schon eher programmatisch Yves Cohen, „Les chefs, une question pour l’histoire du XXe siècle“, in: Cites 6 (2001), S. 67-83.
[27] Siehe nur Peer C. Fiss, Edward J. Zajac, „The Diffusion of Ideas over Contested Terrain. The (Non)adoption of a Shareholder Value Orientation among German Firms“, in: Administrative Science Quarterly 49 (2004), S. 501-534; Chang Kil Lee, David Strang, „The International Diffusion of Public Sector Downsizing: Network Emulation and Theory Driven Learning“, in: International Organization 60 (2006), S. 883-909; David Strang, Sarah A. Soule, „Diffusion in Organizations and Social Movements: From Hybrid Corn to Poison Pills“, in: Annual Review of Sociology 24 (1998), S. 265-290; Pamela S. Tolbert, Lynne G. Zucker, „Institutional Sources of Change in the Formal Structure of Organizations: The Diffusion of Civil Service Reform, 1880 – 1935“, in: Administrative Science Quarterly 28 (1983), S. 22-39.
[28] Hier liegt eine auffällige Spaltung in der zeithistorischen Forschung vor. Die an Kontinuitätslinien interessierte Forschung verzichtet fast gänzlich auf eine international vergleichende Perspektive. Die allgemeine Forschung über Führungskonzepte in der Nachkriegszeit arbeitet den – anfangs begrenzten – US-amerikanischen Einfluss detailliert heraus, aber behandelt die Frage der inhaltlichen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus nur am Rande. Siehe für letzte Forschungsrichtung Volker R. Berghahn, Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1985; Volker R. Berghahn, „Resisting the pax Americana? West German Industry and the United States, 1945-55“, in: Michael Ermath (Hg.), America and the Shaping of German Society, 1945-1955, Oxford 1994, S. 88-109; Volker R. Berghahn, American Big Business in Britain and Germany. A Comparative History of Two „Special Relationships“ in the 20th century, Princeton 2014; Matthias Kipping, „The U.S. Influence on the Evolution of Management Consultancies in Britain, France, and Germany since 1945“, in: Business and Economic History 25 (1996), S. 112-123; Ove Bjarnar, Matthias Kipping, „The Marshall Plan and the Transfer of United States Management Models“, in: dies. (Hg.), The Americanisation of European Business. The Marshall Plan and the Transfer of United States Management Models, London 1998, S. 1-17; Christian Kleinschmidt, Der produktive Blick. Wahrnehmung amerikanischer und japanischer Management- und Produktionsmethoden durch deutsche Unternehmer 1950–1985, Berlin 2002; Susanne Hilger, „Amerikanisierung“ deutscher Unternehmen. Wettbewerbsstrategien und Unternehmenspolitik bei Henkel, Siemens und Daimler-Benz (1945/49 – 1975), Stuttgart 2004; Susanne Hilger, „“Globalisation by Americanisation“. American Companies and the Internationalisation of German Industry after the Second World War“, in: European Review of History: Revue européenne d’histoire 15 (2008), S. 375-401; Ruth Rosenberger, Experten für Humankapital. Die Entdeckung des Personalmanagements in der Bundesrepublik Deutschland, München 2008; Sabine Donauer, Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt, Hamburg 2015. Siehe für eine frühe Zusammenfassung des Forschungsstandes Paul Erker, „“Amerikanisierung“ der westdeutschen Wirtschaft? Stand und Perspektiven der Forschung“, in: Konrad Jarausch, Hannes Siegrist (Hg.), Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945-1970, Frankfurt/M., New York 1997, S. 137-145.
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