Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung


Archiv für März, 2011

Ende der Kreditfähigkeit

Von: , 31.03.2011

Der Begriff Kredit verweist auf das Aufschieben von Zahlungen. Diese einfachste Form der Begriffsverwendung ist massenmedial inzwischen so präsent, dass die eigentliche Funktionsweise schon nicht mehr behandelt wird. Anstatt Tatsachen zu erklären, wird einfach auf den tradierten Begriff Kredit (als massenmedial taugliches Schema) zurückgegriffen und schon ist die Lage Irlands, Griechenlands, der Frankfurter Rundschau und die von 1860 München beschrieben: Diese Länder und Institutionen haben Schulden, die sie nicht bezahlen können – sie stehen vor tief greifenden Veränderungen.

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Expertenkommissionen im atompolitischen Wahlkampf

Von: , 28.03.2011

Sichere „Regierungstechnik“ oder unkontrollierbares „Rest-Risiko“?

Im politischen Kräftemessen wird so manches gesellschaftliche Problem in den verstrahltesten Semantikmüll verpackt – und vielleicht wird auch der Begriff des Rest-Risikos am Ende der medialen Verwertungskette bei einem letzten Recycling in ein Unwort des Jahres gekleidet. Ausgangspunkt für diese bunte Wortschöpfung war diesmal nicht die globale Finanzkrise, sondern die unfassbare Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan. So pervers der beobachtete Zusammenhang auch ist, er war politisch folgenreich: Die mediale Berichterstattung über die Lage in Fukujima hat in Deutschland das Thema Atompolitik erneut resonanzfähig gemacht.

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Konstruktive und destruktive Interessenpolitik

Von: , 25.03.2011

(Der Krieg beschäftigt alle, auch mich. Obwohl mir dazu nichts besonders Soziologisches einfällt, missfallen mir manche Formen des Argumentierens. Daher an dieser Stelle ein eigener Beitrag.)

Ich frage mich ja, ob die Kanzlerin früh morgens am Telefon sitzt und mithört, wenn in Afghanistan kritische Kampfeinsätze mit deutscher Beteiligung laufen. Als Deutschland sich im Kosovo-Einsatz erstmalig in der Nachkriegszeit militärisch im Ausland engagierte, so erfuhr man nachträglich durch Doris Schröder-Kopf, blieb Gerhard Schröder nachts wach, verfolgte die Einsätze im Kanzleramt mit und schloss den Tag erst ab, als alle deutschen Piloten wohlbehalten zurückkehrten.

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Brüderles einfache Welt

Von: , 24.03.2011

Heute war wieder einer der „Lehrbuchtage“. Ein Tag, an dem ein dozierender Sozialwissenschaftler sein Notizbuch zückt und die Kuriositäten der sozialen Wirklichkeit notiert um empirisches Dekomaterial für kommende Theorieveranstaltungen zu haben. Für ein Uni-Seminar ist das gut und witzig, für den Vorgeführten eher nicht. Heute traf es Bundesminister Rainer Brüderle.

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Legitim und Souverän

Von: , 23.03.2011

Es ist eigentlich eine gute Idee, den Kampf der Libyer um Demokratie und die Landtagswahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt für die Überleitung in den TV-Nachrichten zu verknüpfen. Immerhin sterben auf der einen Seite Menschen beim Kampf um ein Recht, dass auf der anderen Seite, beinah mehrheitlich, aktiv ignoriert wird.

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Personelle Expertise in den Massenmedien

Von: , 21.03.2011

Mit der Libyen- und Fukushima-Berichterstattung sind in den letzten Tagen und Wochen zwei massenmediale Arbeitsprinzipien in den Vordergrund getreten, die zwar nicht wirklich neu sind, in ihrer Intensität aber dennoch überraschen: (1) der „high frequency“ Journalismus per Liveticker und (2) der totale Verlass auf das externe Expertentum. Interessanterweise finden sich in keinem der (mir bekannten) Journalismus-Praxisbücher dazu hinreichende Darstellungen, selbst dann nicht, wenn sie als Standardwerk gelten und in der 18. aktualisierten und erweiterten Auflage vorliegen. Zwar gibt es zu beiden Phänomenen grundlegende Darstellungen, schließlich ist es Selbstverständnis der massenmedialen Akteure und Institutionen sowohl aktuell als auch wahrheitsgetreu zu informieren, dennoch blieben einige weiterführende, durchaus praktische Fragen ungeklärt.

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Semantikmüll: “Rest-Risiko”

Von: , 18.03.2011

Die Atomkraft-Diskussion hat erfreulicher Weise wieder Fahrt aufgenommen. Durch die neuen Gewissheiten, was alles nicht nur als Möglichkeit, sondern inzwischen als harte Realität anzusehen ist, ist es sogar gelungen, das Sicherheitsgefasel vorläufig oder endgültig ad absurdum zu führen. Das ist ein erster Punktsieg – es geht jetzt um das Risiko.

Allerdings dreht sich die Diskussion nun um die Idee eines „Rest-Risikos“, so war es heute vor allem in Bundesrat zu hören und es ist zu befürchten, dass diese Idee die kommende Debatte dominiert. Die Politik hat nämlich, in welcher strategischen Absicht auch immer, eine semantische Nebelkerze geworfen, deren Verblendungspotenzial auf drei Säulen beruht: „Rest-Risiko“, „politisches Moratorium“ und „technische Überprüfung“.

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Störanfälliger Alltag

Von:

Der Mensch ist intelligent, die Technik ist komplex – nur eine Schnittstelle gibt es nicht.

Politische Reflexion im Wohlfahrtsstaat

Von: , 17.03.2011

“Die Politik stößt gegenwärtig an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Die Illusionen des Wohlfahrtsstaates zerbrechen, seine ungewollten Nebenfolgen konterkarieren längst seine guten Absichten: Der Wohlfahrtsstaat gerät zwischen die Mahlsteine der Probleme, die er selbst verursacht. Die Politik re(a)giert ratlos.” So steht es seit 30 Jahren auf der Rückseite eines der sonderbarsten Texte der politischen Soziologie, das Niklas Luhmann mit dem Titel “Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat” schrieb.

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Soziale Ausglegungsfälle

Von: , 14.03.2011

Im letzten Artikel ging es um die auf jede größere regionale Naturkatastrophe mittlerweile folgende globale Kulturkatastrophe. Der Zwang, eine Atomkatastrophe wie die in Japan mitzuerleben, führt dazu, das der bestehende Semantikapparat, der für Diskussionen seit Jahren und Jahrzehnten genutzt wird, ein geändertes strukturelles Fundament bekommt. Aus manchen Befürchtungen wurden Gewissheiten aus vielen Vermutungen wurden harte Fakten.

Im momentanen Ablauf der Krise erhärtet sich dabei langsam aber sicher eine Erkenntnis, die eventuell höherer Aufmerksamkeit bedarf, wenn das momentan zu lösende Problem hinreichend abgekühlt ist. Man sieht schon, der aktuelle Fall dient nur als Metapher.

Die Idee, dass Industrieanlagen auf irregulären Ablauf hin ausgelegt werden müssen und dass eine Grenzziehung zwischen Denkbar und Planbar (GAU) und Denkbar aber Unplanbar (Super-Gau) zu ziehen ist – ein „Rest“-Risiko also gesehen aber nicht mit kalkuliert wird – ist ein Zugeständnis an die Wirklichkeit, das nicht nur naturwissenschaftlich-technische, sondern auch soziale Riesenmaschinen betrifft.

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Katastrophal aber lehrreich (update)

Von: , 12.03.2011

Die Zeiten sind verrückt. Beinah wöchentlich erleben wir nachrichtentaugliche Katastrophen. Flut in Pakistan, Feuer / Überschwemmung in Australien, Erdbeben in Neuseeland, Erdbeben in Japan, Tsunami im Pazifikraum. Diese Naturkatastrophen sind verheerend und relativ regional – da durch die Berichterstattung jedoch weltweit Betroffenheit und konkrete Hilfsbereitschaft ausgelöst werden, ruft jede größere, regionale Naturkatastrophe inzwischen eine globale Kulturkatastrophe hervor.

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Stottern im Maschinenraum, Captain gefordert

Von: , 10.03.2011

Ich habe heute Michael Ballhaus in einem kurzen Interview gesehen. Er äußerte sich besorgt über das moderne Kino. Nachdem alle technischen Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschöpft seien, kann man „die Menschen nicht mehr überraschen, weil sie wissen, dass alles möglich ist.“ Er ist an dieser Stelle ganz Kameramann, denn was für den Filmingenieur ein Problem darstellt, ist für den Regisseur eine willkommene Herausforderung – die Gestaltungsmöglichkeiten sind nämlich noch längst nicht erschöpft. Gerade die ausgereifte technische Raffinesse bietet das sichere Fundament für ganz neue Spielereien mit den Möglichkeiten der Drehbuch- und Schauspielarbeit.

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Emotionalität & Adressabilität

Von: , 09.03.2011

Dieser Text (Der Wutbürger – eine kleine Soziologie für Einsteiger und Unterhaltungsbedürftige) ist eine Leseempfehlung wert. Zum einen, weil er die passende Überschrift für den Argumentationsversuch wählt und zum anderen, weil er Wut als eine Form (instrumenteller) Emotionalität nicht aufgrund von psychischen Dispositionen erklärt, sondern explizit auf der sozialen, kommunikativen Ebene bleibt. Auch wenn ich dem Text inhaltlich nicht unbedingt zustimme, dient er als guter Hinweisgeber für ein Thema, das seit Beginn soziologisch interessant ist aber auch immer das Risiko in sich trägt, an zu hohen Ansprüchen zu scheitern oder auf halben Wege zu entgleiten in Vermutungen, Spiritualität oder wissenschaftliches Terrain, auf dem sich Soziologen stets verirren (vornehmlich Psychologie). Ein kleiner Beitrag zum Phänomen des “Wutbürgers”.

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Humor als letzter Versuch ernster politischer Diskussion

Von: , 05.03.2011

Hm. Was soll man von dem Tag heute halten..? Ich durchfliege in Gedanken all die Bücher, die ich zum Thema Politik gelesen habe, und stelle fest, es hat sich etwas Neues ergeben. Statt mit Resignation oder Moralisierung reagieren plötzlich ganze Publikumsteile der Politik mit Humor. Und zwar nicht zu knapp. Es wird nicht nur an einem Thema angesetzt, das kräftig durch den Kakao gezogen werden kann, sondern es werden alle aktuellen Sachthemen beiseitegelassen und eine Person, die vormals als Teilnehmer die politische Kommunikation dominierte, wird selbst zum Thema gemacht. Obwohl sie genau dies durch die eigene Rückzugsentscheidung eigentlich vermeiden wollte.

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