Soziologische Begriffs(er)findung II: Rehalität

Eigentlich ist es ganz einfach. Wir Menschen haben Sinne, die wir benutzen um uns einen Eindruck von der Welt zu machen. Die entstehenden, erhaltenen Erkenntnisse bringen wir mit dem Begriff „Realität“ auf den Punkt. Dieser Begriff ist jedoch nicht ganz ausreichend, um auf einem etwas höherem Niveau, auf dem Perspektiven eine Rolle spielen, zu bezeichnen was gemeint ist.

In unserer Welt, die in beinah allen Belangen auf die Beobachtung zweiter Ebene abgestellt hat, in der wir also Beobachter beobachten und dabei mitbeobachten, dass es sich bei den Beobachtungen eben um Beobachtungen handelt, die auch anders hätten ablaufen, anderes hätten beobachten oder gleiches anders hätten beobachten können, kommen wir schnell zu dem Schluss, dass es eine Realität eigentlich nicht gibt.

Dies schlägt sich vielfach nieder. Es gibt beispielhaft Unterscheidungen von „objektiv“ und „subjektiv“, „Semantik“ und „Gesellschaftsstruktur“ oder „Mediocristan“ und „Extremistan“. Die jeweils erstgenannten dieser Gegenüberstellungen verweisen auf die Welt wie wir sie uns (gerne) vorstellen: „objektiv“ – sie ist für alle gleich; „Semantik“ – sie besteht aus dem worüber wir reden, wenn wir sie meinen; „Mediocristan“ – die Welt offenbart sich in symmetrischer Eleganz, wie sie unserem ästhetischen Verlangen entspricht. Aber schon die Existenz der Gegenbegriffe zeigt auf, dass die Handhabung der Welt so einfach nicht sein kann.

Nur die Naturwissenschaften können es sich erlauben, die „einfache“, offensichtliche Realität für voll zu nehmen um sie mit Mikroskopen und Teleskopen zu entblößen. Die Geisteswissenschaften, die sich eher reflexiv mit dem Menschen, der Menschheit und „abstrusen“ Fragen wie denen der Philosophie beschäftigen, sind seit langen zu der Erkenntnis gelangt, die der Volksmund schon ewig in sich birgt: Die Realität offenbart sich uns als „Wirklichkeit“ und dieser Begriff, der auf „Wirkung“ verweist, braucht eine Instanz auf die „gewirkt“ wird.

Also, Realität ist der Eindruck der bleibt, nachdem Ursachen gewirkt haben. Welche Ursachen das sind, bleibt erst einmal unbestimmt, da wir nur Zugang zu den Wirkungen, in Form unserer höchstpersönlichen Sinneseindrücke, haben. In der gr. Antike philosophierte man über „Sehstrahlen„, die den menschlichen Sinnen noch ein wenig „Aktivität“ unterjubeln sollten. Heute ist man jedoch überzeugt (nicht alle, aber ich schon), dass wir der Welt sprichwörtlich ausgeliefert sind. Wir können gar nicht alles wissen, was wir wissen möchten. Wir können nicht in die Zukunft sehen, die Vergangenheit bleibt uns nur schemenhaft und viele Sinneseindrücke werden durch unser Unterbewusstsein geschleust. Wir fragen uns zurecht, wozu überhaupt Bewusstsein, wozu Gefühle.

Ganz so weit, möchte ich hier gar nicht gehen. Mir genügt die Feststellung, das es mehrere Stufen gibt Realität zu beschreiben. 1. Realität ist die Welt „draußen“. 2. Realität ist, was wir über die Sinne wahrnehmen. 3. Realität ist (das bisschen), was wir bewusst wahrnehmen und reflektierend verarbeiten.

An die dritte Version von Realität anschließend, wurden viele Behandlung-, Heilungs-, und Resozialisierungsmethoden entwickelt die manchmal den Wortstamm „reha“ (rehabilitatio = Wiederherstellung) in sich tragen.

Rehabilitation zielt darauf ab, die Grenze zwischen „Mensch“ und „Welt“ wieder herzustellen. Dies kann sowohl physisch als auch psychisch notwendig sein. Wie so oft wird vor allem am pathologischen Fall, der Rehabilitation erfordert, ersichtlich, was der „Normalfall“ bedeutet. Rehabilitation ist nötig, wenn bsp. Extremitätenverlust die eingeübten Sinneseindrücke wertlos macht, wenn Zwangsstörungen die Wertigkeit der Sinneseindrücke verändert oder wenn Menschen, um die Grenzen zwischen sich und der Welt zu spüren, sich selbst verletzen. Daran erkennen wir, dass Realität über Widerstände erfahren wird und das diese Erfahrungen von Widerstand manchmal justiert werden müssen.

Phänomenologisch kann man also durchaus von „Rehalität“ sprechen, wenn man markieren will, das Realität mit „Herstellung“ oder „Wiederherstellung“ und deren Instanz zusammenhängt. Dieser konstruktivistische Seitenhieb darf bei vielen Begriffen wie Wahrheit, Rationalität, Wirklichkeit nicht fehlen. Und da all diese Begriffe von „Realität“ gedeckelt werden, wäre doch ein Begriff wie „Rehalität“ genau richtig. ;-)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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