Die Systemtheorie flaggt sich selbst als eine Theorie aus, die den Konstruktivismus als „Erkenntnisprogramm“ (Luhmann) nutzt. Gemeint ist damit nicht die relativ eingängige Aussage, dass alles konstruiert ist bzw., dass es keine Realität gibt. Diese Aussage würde ja letztendlich auch auf die Paradoxie hinführen, dass selbst die Konstruktion noch einmal konstruiert ist- spielt man dies weiter durch, würde folglich jede Form der Konstruktion im infiniten Regress enden. Und negiert man dies, um an einer „Exklusiv“- Konstruktion festzuhalten, würde man ja letztendlich wieder auf ein ontologisches Weltbild referieren, in dem die Konstruktion quasi „ist“- und nicht mehr von der Realität zu unterscheiden wäre. Die Konstruktion aber ist nicht einfach in der Welt, sondern muss rückgebunden werden an ein System. Nur Systeme konstruieren, wenn man so sagen darf. Aber was genau bedeutet konstruieren?
Offensichtlich scheint es nicht darum zu gehen, dass alles, was ist, sich (quasi ontologisch) über die Negation seines „Ichs“ in der Welt konstituiert, so als ob der Tisch den „Nicht- Tisch“ bräuchte, um existent zu sein. Folgt man Luhmann, so muss man wohl sagen, dass Negationen nur in Systemen vorkommen, die auf der Basis von Kommunikation respektive Bewusstsein operieren.
Nehmen wir also hier die Präsumtion mit, dass alle Erkenntnis (von Realität) an Systeme gebunden ist und dass die Aussage, dass alles konstruiert sei, uns in die Schwierigkeit eines praktisch nicht enden wollenden Regresses führt. Aus diesem Grund schlägt die Systemtheorie einen anderen Weg ein.
In einem ersten Schritt muss man fragen, wer wie man erkennen kann. Die Antwort auf das „wer“ haben wir bereits gegeben: Nur Systeme können erkennen: aber wie?
Die Antwort muss hier lauten, dass Systeme durch ihre selbstreferentielle Schließung in der Lage sind, die Umwelt unter spezifischen Differenzen abzutasten und daraus Erkenntnisse zu produzieren. Erst die selbstreferentielle Abkopplung von der Umwelt und die damit einhergehende Möglichkeit der Steigerung von Komplexität (= Relationierung von Relationen) ermöglicht also Erkennen und eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit, trotz zwangsläufig auftretender Paradoxien, rekursiv weiter zu operieren. Wohlgemerkt: Abkopplung von der Umwelt bedeutet nicht: Solipsismus, sondern durch Geschlossenheit ermöglichte Offenheit. Abtasten bedeutet hier dementsprechend natürlich nichts anderes als: „beobachten“- also bezeichnen und unterscheiden. Jede Beobachtung erzeugt also systemintern Negationen- der Tisch wird bezeichnet und nicht das Auto. Hier wird bereits deutlich, dass die Negation keinerlei Korrelat in der Umwelt findet- in dieser gibt es eben den Nicht- Tisch als Auto nicht.
Lässt man an dieser Stelle sich aufdrängende Fragen wie z. B die, wie eine allgemein akzeptierte Realität konstruiert wird, aus Platzgründen (zwangsläufig) beiseite, so wird deutlich, dass Erkenntnis ebenfalls eine paradoxale Operation ist: Jedes Erkennen (also jegliches „Abtasten“ der Umwelt mit systemintern konstruierten Differenzen) ist nur dadurch möglich, dass erst Nicht- Sehen Sehen ermöglicht (von Förster). Will man dies wiederum beobachten, braucht man Zeit um die beobachtungsleitenden Differenzen zu wechseln. Im Modus der Gleichzeitigkeit ist die Paradoxie von keinem Beobachter (1. Ordnung) aufzudecken.
Auch hier scheint sich also wieder zu bewahrheiten, dass Systeme ihre Fundierung in sich selber mit Paradoxien bezahlen müssen, die sie nur rekursiv weiter verwenden, nicht aber auflösen können. Die Paradoxie des blinden Flecks ist also „Weltgarantie“ (Luhmann).
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