Qual(ität) der Wahl (Update, II)

Gutes altes Amerika. Heute Morgen kommt es mit zwei „teuersten Wahlkampfspots aller Zeiten“ nochmal auf die Bühne, bevor in 5 Tagen der Spaß vorbei ist.

Die eine Frage, die sich mir stellt, ist, wie es sich für die Amerikaner anfühlen wird, wenn die Wahl rum ist. Wenn die Dauerbeschallung vorüber ist, was kommt dann als Nächstes? Es gibt auf kleinerer Ebene das Phänomen des „Postpartalen Stimmungstiefs„. 50% bis 80% der Frauen fallen nach einer Geburt innerhalb der nächsten 10 Tage für ein paar Tage in ein Stimmungstief, dass noch nicht die berüchtigte „postnatale Depression“ ist. Dieses Stimmungstief ist der Normalzustand, wenn eine Schwangerschaft beendet ist. Ursache ist vielleicht die Kombination von Veränderung des eigenen Körperzustandes, Veränderung der Umgebung und Einschränkung des Bewegungsspielraums. Man muss seinen ganzen Erlebensapparat neu ausrichten und ist mit einer Situation konfrontiert, die man sich vor der Entbindung wohl doch nicht richtig vorstellen konnte.

Dieses Phänomen lässt sich ein bisschen als Analogie benutzen, um gesellschaftliche Gefühlszustände zu beschreiben. Deutschland fühlte sich im Juli 2006 in einem ähnlichen Stimmungstief. Wie es den Chinesen nach ihrem Olympiahype ergangen ist, kann man kaum erahnen. In Amerika wird nächsten Mittwoch die Wahlkampfbeschallung abrupt aufhören und spätestens Donnerstag ist der Wahlkampf komplett Geschichte. Die große Verbrüderung wird ein Ende haben, Washington wieder Washington sein, Obamas Medienpräsenz wird auf ein Zehntel schrumpfen und McCain wird wieder in den Hinterzimmern der Macht verschwinden.

Noch allerdings sind es ein paar Tage. Und da es aus Kandidatensicht unnötig ist, die „postelektorale Volksdepression“ mitzubeachten, treiben sie es nochmal auf die Spitze. Obamas 30 minütiger Wahlkampfspot wurde als Grande Finale gestern zur Prime Time ausgestrahlt.

Um die allgemeine Verbrüderung auf die Spitze zu treiben, kursiert neben der kandidatenzentrierten Werbung noch ein Spot, der nochmal verdeutlicht, dass Amerikaner alle zu einem Volk gehören. Dabei sein ist einfach, man muss nur wählen. Vote, vote, vote.

Dieser Werbespot steht in der typischen Selbstverantwortungstradition, die Amerika weltweit prägt. Wer etwas verändern will, muss selbst anpacken. So funktioniert Amerika. Wer sich Krankenversichern will, muss losziehen und sich durch den Dschungel kämpfen, wer sich politisch engagieren will, muss losziehen und wählen. Dabei könnte politisches Engagement auch ganz anders aussehen. Beispielsweise könnte man statt einsam in die Wahlkabine zu marschieren auch losziehen und gemeinsam eine weitere Partei gründen, die sich gegen die zwei Etablierten positioniert. (Natürlich brilliert Amerika in den Medien zurzeit auch durch Einzelne, die sich aufopferungsvoll politisch engagieren, jedoch ist eine Mehrheit dieser Aktivisten nur in Wahlkampfzeiten aktiv, um sich für einen der beiden Kandidaten einzusetzen.)

Man müsste es mal in der Tiefe aufdröseln. Wenn man von den Selbstbeschreibungen der amerikanischen Politik absieht und sich auf markante Merkmale konzentriert, könnte man zu der Einsicht kommen, dass es sich in Amerika um ein Einparteiensystem handelt, dessen vorrangige Aufgabe es ist, politischen Strömungen entweder in sich aufzusaugen oder zu unterdrücken. Viele Amerikaner hassen ihre Bundesregierung und belassen es dabei. Andere lieben ihren Kandidaten und opfern sich für ihn. Wenn bei amerikanischen Wahlen eine „hohe Wahlbeteiligung“ angezeigt wird, handelt es sich um die üblichen 70%. Ein ernsthafter dritter Kandidat wäre also rechnerisch möglich. Vielleicht sollten sich Amerikaner mal, bevor ein Kandidat die Bühne betritt, darüber verständigen, was sie für eine Politik wollen. Anstatt zu warten, bis wieder ein Kandidat aus der Spindoctor-Fabrik kommt, der sie gerade davon ablenken soll, sich selbst zur Wahl aufzustellen. Auf lokaler Ebene klappt es doch auch.

Der Vorwahlkampf ist aus dieser Perspektive ein einziger Vernichtungsfeldzug gegen die politische Engagement-Peripherie. Der Vorwahlkampf stellt sicher, dass zum Wahlkampf niemand mehr weiter als bis zwei zählt.

In diesem Sinne: Viel Glück Amerika. Möge euch Ron Paul ab Mittwoch so richtig durchschütteln, wenn er, nachdem die beiden Hauptfiguren medial verschwunden sind, wieder Platz in den Medien findet.

(via, via)

Update 31.10.2008, 12 Uhr:

Ein weiteres, aktuelles Video mit Ron Paul. Hier nimmt er nochmal direkt Bezug auf die Situation der Demokratie der USA.

(via)

Update 01.11.2008, 11 Uhr:

Treffliche Analogie: Was darf es sein, Pepsi oder Coca-Cola?

Es gibt keine grössere Auswahl an Kandidaten, welche ein breites Spektrum der Gesellschaft repräsentieren. Es gibt nur zwei monopolistische Konzerne die um Marktanteile kämpfen. Der einzige Unterschied zwischen den beiden ist die Werbung und was sie im Wahlkampf versprechen. Obama (Pepsi) verspricht „die Wahl der neuen Generation“, während McCain (Coca-Cola) behauptet, nur er wäre „das Echte“. Aber, obwohl beide Produkte etwas anders Schmecken, bestehen sie aus den selben Grundstoffen, werden beide von sich spiegelnden Grosskonzernen produziert.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.