Wozu brauchen Menschen Gefühle? (Update)

Was gibt es aus der Soziologie über Gefühle zu sagen? Nichts wohl, handelt es sich doch um die unergründbaren Inhalte der Blackbox, bei der allenfalls Psychologen glauben einen Zugang zu haben… Und solange die Soziologie nichts über Gefühle sagen kann, könne sie gleich gar nichts beschreiben, da „Fühlen und Denken (…) in sämtlichen psychischen Leistungen untrennbar zusammenwirken.“ Zudem sind „Emotionen die entscheidenden Motoren bzw. Energetika allen Denkens und Handelns. (…) Ohne Emotion keine Aktion.“ (so Luc Ciompi 2004, Soziale Systeme – Zeitschrift für Soziologie. Etwas zu knapp zusammengefasst.)

Man kann daraus eine Gesellschaftstheorie stricken, diese würde dann auf Handlungen als Letztelemtente basieren und die Handlungen würden auf Interessen verweisen, die durch Emotionen aus einem, irgendwie geartetem, Kosmos von Beliebigkeit und Zufälligkeit herausgeschält werden. Das passt zusammen, ist aber ziemlich unbefriedigend.

Peter Fuchs macht daher den Vorschlag, diesen von Ciompi eingeschlagenen Weg als Ganzes nicht zu wählen, und unternimmt stattdessen den Versuch, Gefühle unter systemtheoretischen Paradigmen zu beschreiben. Ebenfalls zu knapp zusammengefasst, läuft das bei ihm auf die These hinaus: „Für dieses Mitwahrnehmen des Nicht-Bezeichneten der Wahrnehmung steht die Bezeichnung Gefühl zur Verfügung“. Und später im Text: „Der Ausdruck >Gefühl< (…) bezeichnet in der Kommunikation, dass Wahrnehmungen nicht vollständig bezeichnet werden können, und: dass es auf diese Unvollständigkeit ankommt.“ (Peter Fuchs, 2004 gleiche Ausgabe von Soziale Systeme)

Diese Sätze verstehen sich, wie alle Sätze von Peter Fuchs, nicht von alleine. Daher hier der Versuch, sie aufzulösen.

Grundlegend einschränkend lässt sich feststellen, dass es sich bei dessen was Fuchs hier vor Augen hat, nur um Interaktion handeln kann. Nur in Interaktion kann Wahrnehmung in der Form eine Rolle spielen, dass sie folgenreich ist, ohne gänzlich als Thema und damit auf Seite der Information der Kommunikation eingebunden zu sein. Es fällt grundsätzlich schwer sich vorzustellen, wie Nicht-Bezeichnetes überhaupt in Form gebracht werden kann. Nicht-Bezeichnet kann schließlich nur bedeuten, dass eben keine Unterscheidung gemacht wurde. Wie überführt man aber diese Unentschiedenheit, diesen unmarked state in eine anschlussfähige Form, ohne zu bezeichnen?

Vielleicht, indem man betont, dass der Mitteilungsaspekt von Kommunikation immer nur unterstellt werden kann. Eigentlich zieht sich der Kommunikationsbegriff der Systemtheorie grundsätzlich von hinten auf. Erst wenn erkannt wurde, dass eine Information mitgeteilt (einem Adressaten zugerechnet) wurde, kommt eine Anschlusskommunikation in Betracht. Nun gibt es bereits die, theoretisch ausgearbeitet, Form der ‚indirekten Kommunikation‘, die genau solch ein Verfügbarmachen von Nicht-Bezeichentem ermöglicht. Bei indirekter Kommunikation wird an den Mitteilungsaspekt einer Kommunikation angeschlossen, ohne dass die Mitteilung einer Adresse zuordenbar ist. Indirekte Kommunikation funktioniert nicht grundlegend anders als direkte Kommunikation, jedoch, die Unterstellung einer Mitteilung muss als Unterstellung bewusst sein, was zur Folge hat, dass ausgeschlossen ist, dass man sich per Kommunikation, etwa durch Nachfragen, vergewissert, ob die eigene Unterstellung zutrifft oder nicht.

Indirekte Kommunikation ist in der Hinsicht anspruchsvoll, weil das irritierte psychische System noch mehr auf sich gestellt ist, als es das ohnehin schon ist. Die einzige Möglichkeit, indirekte Kommunikation zu testen ist, ebenso unbestimmte Mitteilungshandlungen in die Kommunikation einzubinden, die möglichst unbestimmt(es) bezeichnen, so dass peinliche Missverständnisse, deren Explizierung Krisen darstellen, bereits im Vorfeld umgangen werden können.

Und um genau solche prekären Kommunikationssysteme zu stabilisieren, braucht es die Leistung von Gefühlen. Wenn man nicht genau weiß (ob mitgeteilt wurde / was mitgeteilt wurde), kann man entweder (1) nichts tun, (2) Nachfragen, sofern es die Situation erlaubt  oder (3) seinem Gefühl vertrauen. In diesem Sinn retten Gefühle über Sinnlücken hinweg, indem sie im Blindflug Orientierung bieten.

Wenn man nicht genau (kognitiv) verstanden hat, sich unsicher ob dem Gegenüber ist oder nicht klar ist, ob man überhaupt angesprochen wurde, kommt das Gefühl ins Spiel. Anstatt die Situation zu kontrollieren, verlässt man sich auf Erfahrungen, ohne dass diese expliziert werden müssen. Man muss eine „Bauchentscheidung“ treffen und hoffen.

Gefühle sind ebensolche Lückenfüller, wenn die Autopoiesis des psychischen Systems bedroht ist. Zu diesem Komplex von Orientierungsverlust hat Luhmann selbst (Kompliziertes) geschrieben. (Luhmann, N., Die Autopoiesis des Bewusstseins. Soziale Welt 36, 1985) Vielleicht kann man zusammenfassen, dass die Autopoiesis des Bewusstseins die reflexive Aneinanderreihung von Kognitionen ist, welche wie das „und so weiter“ der Kommunikation nicht einfach so unterbrochen werden kann. Interaktionssysteme hören schlicht auf, wenn an eine Mitteilung nicht mehr angeschlossen wird. Neue Interaktionen, die sich auf vorhergehende beziehen, können nicht einfach weitermachen, sondern müssen zumindest das erste Thema erst aushandeln oder sich von anderen sozialen Systemen programmieren lassen. Für das Bewusstsein ist solch eine Programmierung jedoch nicht vorstellbar.

Das Bewusstsein kann nicht auf ähnliche Weise (immer wieder) starten, da es durch seine Konstitution die Initialzündung einer doppeltkontingenten Situation nicht gibt. Das Bewusstsein bezieht seine Konstitution und seine Identität allein aus der ständig fortgesetzten Systemgeschichte. Das Problem ist jedoch, das das Gedächtnis Schemata, also Erfahrungen und Erlebnisse, bereitstellen muss, ohne dass die Vergegenwärtigung des Vergangenen die Kapazität des Bewusstseins komplett in Anspruch nimmt. Das Bewusstsein kann sich nur auf ein Thema zur gleichen Zeit konzentrieren. Dies kann entweder eine Irritation (Wahrnehmung) oder es selbst (Erinnern) sein – nicht jedoch beides gleichzeitig. Und dennoch muss eine nicht-reflexive Kognition das eigene Gedächtnis stets mitführen.

Dies klappt, indem Wahrnehmungen mit emotionaler Konotation „aufgeladen“ werden. Erfahrungen werden auf diese Weise auf ein Minimum reduziert. Alois Hahn benutzte für diesen Vorgang die Begriffe Kondensierung und Konfirmierung. (Quelle: Alois Hahns Vortrag „Emotion und Gedächtnis“, die Uni sagt, es gibt demnächst einen Audiomittschnitt.) Mit diesen hat Luhmann die Generalisierung und Schematisierung (Vergessen) für soziale Systeme beschrieben. Der Mechanismus, dass die „Inhalte“ der Sinndimensionen (sachlich, zeitlich, sozial) eines Ereignisses vergessen werden können, ohne das das Ereignis dabei „verschwindet“, ist in sozialen und psychischen Systemen wohl gleich. Nur, dass wir bei sozialen Systemen von Schemata, Skripten und Eigenwerten sprechen und für das psychische System Emotionen angeben können.

Kommunikation funktioniert, weil sie sich über diesen Mechanismus vom Einzelheiten-Ballast des Vergangenen befreien es aber dennoch zur Geltung bringen kann. Und das Bewusstsein kann operieren, weil es ebenfalls vergessen kann und „notwendige“ Erinnerungen über Emotionen in aktuelle Operationen einspeist. Selten erinnern wir uns an alle Einzelheiten (wer, wann, was) einer Situation um eine gegenwärtige Situation einzuschätzen. Viel häufiger bleibt von dem „was war“ bloß ein Gefühl. Und ohne das wir uns auf Wissen beziehen scheint festzustehen, „was für einen das Richtige ist“.

Die Star-Trek-Vuklanier lösen das Problem des nächsten Schrittes in eine intransparente Welt und eine unbekannte Zukunft im Übrigen genau andersherum. Sie stellen ihre Emotionen bewusst aus und verlassen sich allein auf die Logik. Dadurch sind sie jedoch gezwungen, in jeder Situation alles Wissen aktualisieren zu müssen, um dann einen logischen (bzw. rationalen) Schluss zu ziehen, der sich eben nicht auf Schematisierungen und Generalisierungen des Vergangenen verlässt. Dass sie dadurch ein arges Zeitproblem bekommen, wird jedoch immer ausgeblendet.

Ein Problem umgehen Vulkanier jedoch. Sie sind nicht anfällig für „Fehler“, die sich durch Generalisierung und Schematisierung einschleichen. Für menschliche Psychen besteht das Risiko, dass beim Vergessen von Einzelheiten, sozial inadäquate Schemata bleiben. Dies zeigt sich vor allem bei Traumata, Phobien und Zwangsstörungen. Vor allem Phobien sind häufig nicht von außen nachvollziehbar, gleichwohl wirken sie als Schemata und können nur sehr aufwändig aufgelöst und neu „erstellt“ werden. Therapien verfolgen dann zumeist einen konfrontativen Ansatz, durch den die alten Schemata durch neue Erfahrungen, die lehren „das alles doch überhaupt nicht so schlimm sei“, überlagert. Traumata könnten ebenfalls als derartige „Fehl-Schematisierungen“ beschrieben werden.

An diesen pathologischen Fällen lässt sich Peter Fuchs These, dass >Gefühle< meinen, dass Wahrnehmungen nicht bezeichnet werden können, es aber auf diese Unbestimmtheit gerade ankommt, schlüssig darstellen. Gefühle sind der rote Faden der psychischen Autopoiesis, der Vergangenes und Zukünftiges auf Linie bringt und verhindert, dass Lücken entstehen, nur weil Wahrnehmungen nicht verarbeitet werden können.

Nachtrag 13.12.2008, 13 Uhr:

Kluge Psychologiestudenten haben mich darauf hingewiesen, dass ein Trauma auch bedeuten kann, dass ein traumatisches Erlebnis gerade nicht vergessen wird, sondern in allen Einzelheiten ständig neu vergegenwärtigt wird. Die Erinnerung an das traumatische Erlebnis wird hervorgerufen, wenn aktuelle Erlebnisse mit dem traumatischen Erlebnis in Verbindung gebracht werden, nur dass dann eben nicht nur Emotionen, also die Schemata wie oben beschrieben „greifen“, sondern das vergangene Erlebnisse in ihrer Gesamtheit das Bewusstsein belasten.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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