Integrieren sie sich bitte

(1) Die „Integrationskurse“, die seit 2005 in Deutschland laufen und als Abendschulkurse für Zugewanderte angeboten werden, beinhalten 600 Stunden Deutschunterricht und lehren 45 Stunden „Grundkenntnisse über Recht, Geschichte und Kultur in Deutschland“ (Zitat siehe FAZ-Link).

(2) Die „Geburtsvorbereitungskurse“, die seit ewig in Deutschland angeboten werden, bereiten angehende Eltern auf ihren Nachwuchs und dessen Geburt vor. In 8 Doppelstunden wird gelernt, wie man ein Kind hält, wäscht und stillt.

Aber, warum gibt man den Zugezogenen und Schwangeren nicht einfach ein Lehrbuch in die Hand und lässt es sie lesen? Weil die Bücher voller Fakten sind, die keinen interessieren. Integrationskurse und Geburtsvorbereitungskurse werden besucht um Gleichgesinnte zu treffen, denen man auf der Straße und in der Nachbarschaft nicht automatisch begegnet und die Kurse finden an einem Ort statt, der anzeigt: Diejenigen, die hier sind, suchen auch & sind ansprechbar.

Wenn Politiker das „Problem Integration“ lösen möchten, schaffen sie einen Raum, in dem Zugezogene auf andere Zugezogene treffen, um sich dann in einer Gruppe Zugezogener zu integrieren. Wenn man es so schreibt, klingt es, als würde man direkt zum nächsten „Problem“,  der „Parallelgesellschaft“, übergehen – doch das soll nicht geschehen. Vielmehr geht es darum, dass diese Art der Integration Gleichgesinnter absolut kein Problem darstellt, sondern das Wunder unserer Gesellschaft ist – und das es die Art der Integration, wie Politiker sie sich vorstellen, gar nicht geben kann.

Wenn Bundesinnenminister  de Maizière von Integration spricht, meint er, Zugezogene sollen historische Fakten über ihre neue Heimat lernen, sich das Erlernte zertifizieren lassen und dann ein Gefühl entwickeln, als Portugiese in Köln einem Deutschen in Leipzig näher zu sein als einem Niederländer in Maastricht – weil der deutsche in Leipzig sein Leben nach dem gleichen deutschen Kulturunterbau gestaltet.

Die Idee, dass, neben dem Portugiesen, auch ein Deutscher in Köln mehr mit einem Deutschen in Leipzig zu tun hat, als mit einem Niederländer in Maastricht ist übrigens gleichermaßen grotesk. Die soziologische These auf der Höhe der Zeit lautet: „Deutschland ist abgeschafft.“ Bzw.: „Nationalstaaten sind abgeschafft.“ Nur aus (praktischer) politischer oder (volks)wirtschaftlicher Perspektive, käme es einem überhaupt noch in den Sinn, zu fragen, ob Deutschland sich gerade abschaffe … „Deutschland“ ist dann aber kein Kulturraum, sondern ein Rechtsgebiet, das politisch zentral administriert wird, sofern nicht Brüssel als höheres Zentrum dazwischenfunkt.

In diesem „Deutschland“, das politisch/wirtschaftlich beobachtet wird, und das sich noch abschaffen kann, kann man sich aber nicht integrieren: Es sei denn, man reduziert sich selbst auf eine wirtschaftliche Kennziffer und stellt seinen Nutzen für die Volkswirtschaft dar.

Die soziale, kulturelle Integration, die Politikern wie de Maiziere vorschwebt, gibt es nur auf Nachbarschafts- manchmal vielleicht auf Dorf- oder Stadtebene. Nur in seiner unmittelbaren Lebenswelt kann man „sich selbst“ integrieren, in dem man seine Nachbarn kennt, in Vereinen tätig wird, öffentliche Angebote nutzt, bei Tante Emma konsumiert, vielleicht mal ein Amt übernimmt, usw. Diese „Lebenswelt“ hat mit „Deutschland“ allerdings überhaupt nichts zu tun. In Aachen ist man den Maastrichtern näher als den Leipzigern und es gehört zum guten Ton, sich in Köln kulturell ganz weit von den Düsseldorfern weg zu wähnen und Ausflüge nach Brüssel zu machen. Ebenso haben die Münchner nichts mit Schwerinern am Hut, sondern fahren an freien Wochenenden nach Südtirol.

Das einzige was Deutschland noch eint ist das TV-Programm, das in seiner Bedeutung schwindet. Die D-Mark, das deutsche Liedgut, der Stolz auf die Marine, nichts zieht mehr eine Grenze zwischen Deutschland und dem Rest der Welt. (Deutschland hatte auch nie eine Mondfahrt-Idee  o. ä. die diese Grenze zog und intern integrierte.) Nur der Fußball versucht noch, über Städtenamen regionale Integration herzustellen. Die Bundesliga vollzieht als solches das Kunststück der Integration über Differenzen – wer sich allerdings für Fußball interessiert, schaltet bei der Champions League gerade nicht ab.

Wenn von Integration in Deutschland die Rede ist, und das Argument nicht über den Volkswirtschaftskreislauf gebaut wird, in dem Menschen auf Kennziffer (Bildungsausgabe, Kinderzahl, Arbeitsleistung, Investition, Konsum, …) reduziert werden (was wissenschaftlich oder wirtschaftlich legitim ist) handelt es sich nur um eine weitere politische Kampagne, die nicht unbedingt auf vorsätzlicher Lüge basiert aber auch nichts anderes beabsichtigt als zu polarisieren. Als bundespolitisches Thema, ist „Integration“ völlig ungeeignet und führt nur zu Blödsinn. (Das muss nicht so sein, ist aber so.)

(Bild: Sippanont Samchai)

 

2 Kommentare

  1. […] Frage: „Was ist eigentlich Integration?” in seinem amüsanten, wie erleuchtenden Artikel „Integrieren sie sich bitte”. Seine These: Integration ist das Hineinwachsen in die direkte Umgebung. Integrationstechnisch […]

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