Wie institutionalisiert man Frieden?

Soziale Unruhe in natürlicher Idylle.

Wenn ein Land entscheidet, einen Krieg zu beginnen oder in einen laufenden Krieg einzusteigen, müssen einige Fragen geklärt und Überzeugungsarbeiten geleistet werden. Sind die Gründe gute Gründe? Gäbe es Möglichkeiten Krieg zu vermeiden? Wann und wie soll es losgehen? Egal wie weltpolitisch und historisch überzeugend die Gründe für Krieg sind, jede dieser zu Kriegsbeginn gegebenen Antworten wird wieder aufgegriffen werden, wenn Soldaten in der Heimat zu beerdigen sind. Nur stehen Weltpolitik und Geschichte in diesen Momenten hinter der in erster Linie familiären Trauer zurück.

Die alte Begründung für den Eintritt in den Krieg, der uns in Deutschland am meisten beschäftigt, „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, war denkbar schwach. Die aktuelle ‚Durchhalteparole‘ „Vor Gewalt darf man nicht weichen“ ist ein Hinweis darauf, wie sehr man sich mittlerweile im Krieg verstrickt hat. Dieser Satz ist so allgemein, dass er nicht nur selbstverständlich ist, wenn man sich eh schon für Krieg entschieden hat, sondern er gilt auch noch für alle Kriegsparteien gleich.

Das Problem an solchen Aussagen ist aber auch, dass sie vonseiten der Befehlshaber überhaupt als notwendig erachtet werden, wenn jemand getötet wird. So als wüsste man, dass die eigenen Kriegsgründe nicht gut genug waren, um den Tod der eigenen Soldaten zu erklären. In den Worten des Verteidigungsministers steckt etwas mehr als die Erinnerung an gute Gründe für einen Kriegsbeginn. Er stellt die Tötung der deutschen Soldaten selbst als Begründung für (weiteren) Krieg dar.

Aufgrund der aktuellen Aussage des Verteidigungsministers stellen sich zwei Fragen. Die erste ist die, die meiner Ansicht nach eh viel zu kurz kommt, aber hier auch nicht weiter als durch die einführenden Worte behandelt werden soll: Sind die Kriegsgründe für den Einsatz in Afghanistan gut und überzeugend genug um Tote zu rechtfertigen?

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Die zweite Frage ist politisch ebenso interessant, weil sie wohl auf ein echtes Wissensproblem hinweist und in dem Sinne auch in der Praxis viel zu kurz kommt: Wann hört ein Krieg eigentlich auf?

Kriegseintritte sind relativ einfach zu beschreiben. Der Alltag, der sich als nachhaltige Zirkularität darstellt, wird von einer disruptiven Asymmetrie überlagert, die so lange planlos (bzw. immer wieder spontan neu geplant) aber zielsicher vor sich hin zerstört, bis sie sich von selbst aufhebt, weil von der unterlegenen Seite nichts mehr übrig ist. Während man also über einen Kriegseintritt endlos politisch diskutieren kann und der Krieg beginnt, wenn auf Beschluss Gewalt angewendet wird, kann man über das Kriegsende nicht in dieser Art diskutieren. Umso länger man wartet, um so sinnloser wird die Diskussion. Doch Kriege enden oft trotzdem vor ihrem natürlichen Ende. Wie lässt sich dieses Ende markieren? Kann man ein Kriegsende benennen?

In den Geschichtsbüchern enden Kriege mit dem letzten Schuss oder der Unterzeichnung von Urkunden. Doch genauer betrachtet, wirken Kriege lange über diese historischen Momente hinaus. Was ist mit Reparationszahlungen, Kriegsgefangenen, der „Institutionalisierung des Friedens“, den individuellen Biografien, usw.?

In C-Trainer-Ausbildungen jeglicher Sportarten lernt man über die Kompensationsarbeiten, die ein menschlicher Körper nach Trainingsbelastungen leisten muss. Da die Tradition der Körper-Metapher in den Sozialtheorien eine der beständigsten ist, bietet sie sich auch hier an. Denn so wie ein physisch belasteter Körper je nach Teilsystem unterschiedlich erholt (Atmung, recht schnell; Kreislauf, schnell; Muskeln, langsam; Immunsystem, sehr langsam; …) findet auch eine soziale Kriegsbelastung unterschiedlich zu ihrem Ausgleich.

Individuelle Gefahren sind mit dem verkündeten Kriegsende passé. Mienen liegen noch herum, soziales Chaos ist gegenwärtig, doch solange körperliche Unversehrtheit gegeben ist, sind die gröbsten Gefahren überstanden. Die individuelle Verarbeitung des Erlebten kümmert sich bereits weniger um den Unterschied von Krieg und Frieden. Fast Gleiches gilt für Familien. Kriegserleben wird verschwiegen aber nicht vergessen und gerade in dieser Verborgenheit des Vergangenen liegt die Ursache, weshalb sich viele Familienerlebnisse in ihrem Schrecken noch auf kommende Generationen vererben. (Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil redet hier im WDR5 Tischgespräch darüber, wie er als fünftes Kind seiner Familie als Einzelkind aufwuchs. Zwei Brüder wurden tot geboren, zwei weitere starben im 2. Weltkrieg, bevor er geboren wurde. Das ist natürlich ein Einzelfall aber kein Ausnahmefall.)

Ein auf gleiche Weise langwieriges Schicksal erleiden Städte. Heute kennt man die Running Gags über die Städte, die als hässlich empfunden werden. Bielefeld leidet beispielsweise doppelt. Die die nicht herkommen nerven mit der Bielefeldverschwörung, die die herkommen, nerven mit ihrem von der Innenstadt beleidigten Ästhetikempfinden. Die Bauweise der Bielefelder Innenstadt ist noch heute direkte Folge des 2. Weltkriegs und ein einmal gebautes, funktionierendes Stadtzentrum baut man aus ästhetischen Gründen nicht neu.

Anders ergeht es Organisationen. Ebenfalls in Bielefeld sind Werkshallen von Dr. Oetker, die im Krieg vollständig zerstört wurden. Doch heute, 65 Jahre später, kenne ich deutschlandweit kein Firmengelände, dass in erster Linie aus funktionalen Gründen gebaut ist aber dabei so schön und schnieke aussieht, wie das von Dr. Oetker in Bielefeld.

Am interessantesten ist die Nachkriegsbetrachtung jedoch bei den oben genannten Phänomenen des „institutionalisierten Friedens“. Friedensverträge beinhalten grundsätzlich Ausführungen zum diplomatischen Austausch und vielleicht auch zur kulturellen Begegnung. Kriege wie der 2. Weltkrieg wirken auf besondere Weise nach. Die ganze Welt wurde umgekrempelt. Die Gründung der Vereinten Nationen ist noch am auffälligsten. Zu beachten ist aber auch, wie sich die Beteiligten souveränen Staaten als „Siegermächte“ im Nachklang organisierten. Ebenso ist die Politikergeneration um Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmuth Kohl und ihren französischen Pendants, ganz besonders Francois Mitterand, beachtenswert. Die schleichende Institutionalisierung der Europäischen Union geht nicht unmittelbar auf den Krieg zurück, ruht aber auf einem Fundament der wirtschaftlichen Zusammenarbeit als direkte Kriegsfolge und dem persönlichen Kriegserleben der beteiligten Politiker.

Kurze Rede, wichtiger Sinn: Kriege enden nicht mit dem Ende der Gewalt. Wenn die NATO auf eine Hochzeitsgesellschaft Bomben wirft, Wohnhäuser zerstört und sich bei all dem in rücksichtsloser Eigenlogik verstrickt, muss den Mitgliedern klar sein, was sie damit verursachen (ganz unabhängig davon, was sie dazu erzählen). Wenn es Afghanistan einmal gelingt, den Krieg zu überwinden, eigene politische Institutionen zu entwickeln und ein staatliches Kultursystem zu schaffen, wird der jahrzehntelange Krieg die Rolle eines Gründungsmythos übernehmen und es gibt, das ist schon jetzt absehbar, keinen Grund, weshalb die NATO diese Geschichte anders prägen sollte als die Sowjetunion. Menschen sterben, Familien werden zerrissen, Städte werden zerstört – egal wie die Geschichte auf der anderen Seite der Welt erzählt wird, so wird es erlebt. Derjenige der Krieg erlebt, schlägt sich nicht mit den Erklärungen und Diskussionen im massenmedialen Angebot herum. Die Generation, die auf Basis ihrer biografischen und familiären Erlebnisse mittelbar vom Krieg beeindruckt wurde, wird eine Geschichte schreiben, die an den gegenwärtig laufenden, alltagspolitischen Auseinandersetzungen nur im Rahmen interessiert ist.

Um die oben gestellte Frage aufzugreifen: Vielleicht hören Kriege niemals auf. Sie werden eher (familiär, organisatorisch, politisch-institutionell) vergessen und schaffen dadurch die historischen Lücken, in denen unmerklich die Gründe für die nächsten Kriege platziert werden. Und es sieht so aus, als reichte es nicht mal, woanders Kriege zu führen, um diese Logik zu lernen. Während der Krieg in Afghanistan weiterläuft, zerbricht man sich hier den Kopf über die Zukunft Europas. Die Zeitungen thematisieren die Europäische Union mittlerweile nur noch als gescheiterten Versuch und das was inhaltlich gesagt wird, könnte, weil neben dem Geld auch überall mit Optimismus gespart wird, kaum richtiger sein.

Wenn die Griechenland-Rettungstroika durch Überlastung kaputt geht, ist das auch das Ende der aktuellen, auf den 2. Weltkrieg zurückreichenden, Weltordnung – so vermutet es hier (als Letzter in der Sendung) Detlev von Larcher. Und selbst die Kanzlerin trifft sich heute schon in aller Öffentlichkeit, um über „eine neue Weltordnung“ zu diskutieren. Die Frage ist nur, wie stabil kann eine Weltordnung sein, wenn sie nicht aus extrinsischer Motivation als Weltkriegsvermeidungsordnung gebaut wird?

Um die beiden Fäden zusammenzuführen: (1) Kriege enden wohl, wenn sie nicht mehr als Problem, sondern nur noch als Thema politisch behandelt werden. (2) Wenn Kriege nur noch als Thema vorkommen, ist das, so lehrt es die Geschichte, ein Hinweis darauf, dass Krieg wieder zum Problem wird.

(Bild: The U.S. Army)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist Volontär bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. stefanschulz.com (adn, t, fb, G+)

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