Das Internet und die Privatmeinung des Einzelnen

Es ist soweit. Das Privatmeinungsinternet macht mir keinen Spaß mehr. Vor nicht langer Zeit habe ich hier den Twitter-Button eingebaut, mit dem man jeden Text direkt vertwittern kann. Ich hatte mich später sogar dafür entschieden, den Button zu nehmen, der die bisherigen Tweets zum Text anzeigen lässt. Doch so macht das keinen Spaß. Nicht, weil ich mich persönlich beleidigt fühle, sondern weil diese Art des sachfernen aber personenspezifischen Werturteils mittlerweile ein prägendes Strukturmoment des Privatmeinungsinternets ist, dem ein konstruktives Pendant (zunehmend) fehlt. Der 140-Zeichen-Widerspruch fällt viel zu leicht, dafür, dass sich (fast) niemand die Mühe macht und Zeit nimmt, sachlichen, konstruktiven Widerspruch zu leisten, wenn gemeint wird, dass Widerspruch erforderlich ist.

Felix Schwenzel fand schon vor einer Weile heraus, warum das Internet scheiße ist. Weil die Welt scheiße ist. Doch man muss mehr dazu sagen. Das Internet ist zuweilen merkwürdig, weil es nicht so ist, wie die Welt ist und weil es seine eigenen Versprechungen an eine bessere Welt nicht hielt.

Das Internet hat im Zeitraum zwischen 2004 und 2006, in der Zeit, in der WordPress und Twitter erfunden wurden, Erwartungen geweckt, die es bis heute nicht erfüllt hat. Stattdessen haben wir jetzt ein allmächtiges Facebook als neuen Fernseher, von dem man sich berieseln lässt mit „Likes“ und „Shares“, die durch unbekannte, algorithmische statt soziale Logik präsentiert werden und sich blindlinks weiterverteilen lassen. Das Versprechen war, soziale Semantik ins Internet zu bringen, das Ergebnis ist stattdessen die Allmacht der Syntaxen.

Ich meine nicht das gesamte Internet, sondern den Teil, der für die private Kommunikation vorgesehen war. Den Teil, in dem politisch diskutiert, moralisch geurteilt und ästhetisch publiziert werden sollte allein weil es (technisch) möglich ist. Den Teil, der alle Kommunikationsschranken, vornehmlich die von Raum und Zeit, ignoriert und grenzenlose Kommunikation ermöglicht. Den Teil, den es, wie man heute weiß, nicht gibt – vom Erlebnisschrottbloggen abgesehen (und selbst das wandert allmählich zu Facebook).

Da kann Thomas Knüwer noch so viel Euphorie verströmen, Marius Sixtus noch so viele Macher interviewen und Peter Kruse noch so viele neuropsychosophisch aufgesexte Talkingvids auf Youtube laden: Es ist Zeit für ein inhaltliches Resümee: Die Piratenpartei kommt nicht aus den Startlöchern und die etablierten Parteien mussten ihr nicht mal das Thema abnehmen. Carta.info, dem Internet gestützten feuilletonistischen Selbstversuch, ging der Lebenswille verloren. Bitcoins kommen über das Stadium einer kühnen Idee kaum hinaus. Internetpolitik, Internetjournalismus, Internetwirtschaft – es bleibt bei Ideen.

Das alles interessiert hier aber nur als Kontur und am Rande. Mir geht’s um die Frage, wieso das Privatmeinungsinternet so kläglich gescheitert ist. Und meine Vermutung ist, es liegt an zu einfach möglichem undurchdachten, folgenlosen, unsachlichem Widerspruch.

Es ist beispielsweise beobachtbar, dass interessante Nischendiskussionen torpediert werden, von Leuten, die sich nicht herablassen, an diesen Diskussionen mit Beiträgen teilzunehmen, die auch nicht bereit sind, die Diskutanten direkt zu adressieren – und sie dennoch thematisieren. Aber nicht auf sachlicher, konstruktiver Ebene, sondern mit Hilfe von Tweets an die eigenen 1700 Follower: seht mal kurz her, Hochnäsigkeit.

Ich will an dieser Stelle der polemogenen Attraktivität widerstehen und nüchtern fragen: Unter welchen Bedingungen ist so etwas möglich? Was sind die Voraussetzungen dafür, ein kontroverses Gespräch unterer zweien mit einem wegen der Kürze zwangsläufig pauschalen, negativen Werturteil zu versehen und dieses (potenziell) 1700 Menschen zu verkünden?

Die Antwort ist, so denke ich, da zu suchen, wohin Sebastian schon gezeigt hat. In der Soziologie des Konflikts – denn nur auf Konflikt kann ein solches Verhalten, wenn es erkannt wird, hinauslaufen. Das wichtigste: Konflikte sind keine Nebenschauplätze, sondern sie ernähren sich von ihrem gastgebenden System. Sie destruieren nicht die Kontrahenten, sondern die Sozialität, die sie überhaupt zusammenführte: Freundschaft, berufliche Kollegialität, politisches Problembewusstsein, spontane Begegnungen. Konflikte überrumpeln Themen und generalisieren, bis den Teilnehmern nur noch wenig Ausweg bleibt: Ignoranz im schlechten Fall, Mobbing im schlechteren, wenn man sich nicht aus dem Weg gehen kann.

So zumindest wenn Konflikte nicht doch noch überwunden werden können, was gelingen kann – durch verschiedene Strategien, die nicht so sehr auf Empathie basieren, wie man meinen könnte, sondern die in die soziale Mechanik der Gesellschaft selbst eingebaut sind.

1. In Interaktion durch Takt, Höflichkeit, Achtung und Vertrauen: Man verpflichtet sich durch seine Anwesenheit zu einem Verhalten, dass man ebenso vom anderen erwartet. Es handelt sich um eine reziproke Verhaltenserwartung, die durch nichts (auch nicht durch Reputation, Vermögen oder Prominenz) aufgehoben wird. Man vermeidet beiderseitig Peinlichkeit.

2. In Organisation durch Zweckorientierung, Kommunikationshürden und Programme: Man delegiert nicht beliebig und muss sich für Problemverteilung nicht rechtfertigen, stellt sein Verhalten in den Dienst des eigenen Wunsches, weiterhin Organisationsmitglied zu sein und identifiziert sich mit dem Zweck der Organisation, auch wenn es kognitiv anstrengend ist. Man vermeidet Exklusion.

3. In der Gesellschaft durch Verwendung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien: Man diskutiert im Supermarkt nicht über Gott und die Welt, sondern akzeptiert einen Preis oder nicht. Man diskutiert nicht über die Straßenverkehrsordnung, sondern akzeptiert die Strafe. Man nervt keinen Arzt / Professor mit Privatmeinungen, sondern lässt sich behandeln / lehren. Man vermeidet unerfüllte Wünsche, legitime Gewalt und körperliche Beeinträchtigungen / Zertifikatlosigkeit.

Diese Darstellung ist eine extreme Verkürzung. Sie soll nur illustrieren, welche Hürden im Alltag genommen werden müssen, um Konflikt zuzulassen. Man kann, bei Laune, einmal unter dem Gesichtspunkt der Konfliktvermeidungsprämisse über unsere Gesellschaft nachdenken oder kurz und lang mit diesem Hintergedanken nachlesen, was man dazu alles denken kann. Und sich dann fragen: Wie sehen eigentlich die Konfliktvermeidungsmechanismen in der internetgestützten Kommunikation aus? Sind es die gleichen, die auch in der Offlinewelt (im Gespräch unter Anwesenden) wirken?

Die Qualität des Internets orientiert sich an dieser Stelle nicht mehr an der Qualität der Welt, wie es Felix Schwenzel meinte. Das Internet etablierte seine eigenen Regeln, die mit diesseitiger Kommunikation nicht all zu viel gemein haben. Sie zeigt ganz eigene Komplexitätskapazitäten und Erwartungshorizonte. Klar sind nur die sozialen Ausgangsprobleme:

„Man kann davon ausgehen, daß die Steigerung der Kommunikationsmöglichkeiten zugleich auch die Konfliktwahrscheinlichkeiten steigert. (…) Die Verbreitungsmedien Schrift und Druck schalten die für Interaktionssysteme typische Konfliktrepression aus.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 513)

Dieses Zitat ist von 1984. Für heute würde es vielleicht so aussehen: Das Internet schaltet beinah alle Mechanismen der Konfliktrepression aus. Weil alles möglich ist, ist vor allem eines immer möglich: Widerspruch. Und es gibt wenig Grund, ihn zu vermeiden. Christoph Kappes Tweet ist nach 2 Minuten vergessen, dass die Diskussion die er verlinkte schon Tage lief, kann ihm egal sein. Einen von mir geschriebenen Text im Vorbeigehen als arrogante Einzelmeinung zu markieren ist auch eine Fingerübung, die sich ihrer Flüchtigkeit hingibt.

Alle reden mit allen und das bedeutet, dass niemand mit irgendwem wirklich kommuniziert. Kein Meinungsautor verbürgt sich mit seiner Person einem derart flüchtigen Werturteil. Kein Adressat wird ein solches Urteil, dass sehr häufig nicht mal adressiert wird, sich selbst zurechnen. Das Privatmeinungsinternet ist einfach eine riesige Flüchtigkeitsmaschine, die individuell ein paar Effekte erzielt, gesellschaftlich jedoch beinah folgenlos ist.

Früher hatte man noch Ideen. Wenn erstmal alle ihren Internetzugang nutzen, dann bilden sich die neuen, spezialisierten Zentren. Professoren werden über die Politik aufklären und den Wähler mit Wahrhaftigkeit beglücken. Die selbst organisierte Verbraucheraufklärung wird die Marktkraft der Welternährer zähmen. Jeder an Ästhetik interessierte, wird seine eigene Nische finden, in der er die Dinge jenseits des Mainstreams findet, die ihn wirklich interessieren.

Kaum etwas davon ist heute zu beobachten. Es ist vergleichbar mit dem Schicksal der guten Nachbarschaft, die sich trennt. Wenn man sich nicht mehr zufällig vorm Haus auf der Straße begegnet, nicht mehr dasselbe Wetter erlebt, die Kinder nicht mehr auf denselben Spielplätzen spielen, bleibt nur noch eins: individuelle Erlebnisberichte, die mit weiteren Erlebnisberichten beantwortet werden.

Wenn alles möglich ist, passiert nichts, weil für Kreativität nichts tödlicher ist, als wenn ihr „keine Grenzen gesetzt“ sind. Kommunikation, die sich nicht der Herausforderung stellen muss, Konflikte zu vermeiden, ist sinnlos. Das Privatmeinungsinternet ist es. Es als scheiße zu bewerten ist schon zu viel, weil man dem ja widersprechen könnte und dann würde man wieder feststellen, dass solch ein Widerspruch sinnlos ist.

Nun gut. Damit mich niemand falsch versteht: Das Internet ist natürlich super! Die Wikipedia versorgt uns mit wissenswertem Kram (sofern es dort intern zugelassen wird), Youtube ist ein einzigartiges, lebendiges Kulturarchiv, Facebook versorgt uns zurückhaltend mit den Hinweisen, dass es den Leuten die uns was bedeuten gut geht, ohne dass wir andauernd aktiv fragend Erkundungen darüber einholen müssen. Twitter ist die gute Laune produzierende Wortwitzmaschine schlechthin. Nur: das Privatmeinungsinternet ist bedeutungslos. Es hilft nur individuell aber es wird die Gesellschaft niemals umkrempeln: Es wird keine bessere Politik, keinen besseren Journalismus, keine verständlichere Wissenschaft, keine bessere Wirtschaft hervorrufen. Ihm fehlt jegliches gesellschaftlich folgenreiches, generatives Potenzial. Niemand interessiert sich für die Meinungen von Unbekannten.

(Bild: RolfBlog)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

29 Gedanken zu “Das Internet und die Privatmeinung des Einzelnen

  1. Pingback: Die Struktur der modernen Arroganz. Ein Beitrag zur #Trollforschung « Differentia

  2. Um es kurz zu fassen, das Web ist eine Massenvergewisserungswaffe. Das höchste Gut eines Mediums ist eine begründete Meinung. Es ist das Allerhöchste und Edelste was sich eine Gesellschaft als Wert geben kann, zu erlauben, freie Meinung in Wort, Schrift und Bild zu verbreiten. Es mag den einen oder anderen langweilen, wenn Philosophen Paradigmen alias Leitbilder alias Abstraktionen (Whitehead) an ihrem Gebrauch der Sprache überprüfen. Aber das Beschreibungsinstrumentarium ist zunächst der Hebel, der wissenschaftliche Ansichten der community of scientist anheim stellt. Hermetische Geheimsprachen sind sicher toll für Einzelwissenschaften, aber die der intensionale und extensionale Gehalt sollte nachvollziebahr sein, sonst begibt man sich schnell auf das Abstellgleis der Sektierer und lyrischen Schalmeien.

  3. Ach Stefan, ich kann deine Frustration nur allzu gut verstehen. Auf Grundlage deines Beitrages lässt sich doch folgern, dass die Diskussionen und das Niveau, die du (ganz zu Recht) einforderst nur in ganz spezifischen Zusammenhängen auch erhalten kannst. Entweder in der Interaktion kann dies funktionieren, weil hier der Takt die Form reguliert (oder der Takt es erfordert, gewisse Themen zu meiden!). Oder eben in funktionsspezifisch codierten Subsystemen der Gesellschaft, in der die Form durch den Code und seine Programmierungen vorgegeben ist. Die Spielregeln in der Politik, in den Medien oder in der Wissenschaft mögen unterschiedlich sein. Aber sie sind soweit kodifiziert, dass man sein Gegenüber immer wieder vor die Wahl stellen kann, ob er sich in dem vorgegebenen Rahmen bewegen möchte oder nicht und mit Verweis auf diese Grenzen kann man Diskussionen mit gutem Grund beenden oder beginnen. Mir scheint, dass du die Gepflogenheiten eines wissenschaftlichen Diskurses einforderst, dabei aber den Rahmen sprengst, wenn du erwartest, dass das „Leute“, die sich außerhalb dieses Rahmens und seiner Vorgaben bewegen, ebenso sehen sollten. Tun sie nicht, weil sie eben nicht den wissenschaftlichen Spielregeln folgen, sondern im Internet ihr Privatspaßvergnügen suchen. Das von dir geforderte Feedback, das so essentiell wichtig ist, bekommst du nur von ein paar Experten. Alle anderen braucht man nicht ernst nehmen.

  4. Beiden vorhergehenden Kommentaren kann man anmerken, dass sie von Einverständnisweisen ausgehen, die sich als vorgegeben ausweisen, welche aber tatsächlich nur durch den Fortgang der Kommunikation plausibel werden können (oder auch nicht). Es gelingt beiden nicht, die veränderten Bedingungen der Kommunikation per Internet zu reflektieren. Wittkewitz bleibt unbeirrbar bei Ansprüchen wie sie durch ein Massenmedium erzwungen werden und dies aufgrund der Beobachtung, dass gerade diese Ansprüche von der Kommunikation nicht mehr erfüllt werden können; Enno Aljets bleibt bei Ansprüchen an einen esoterischen Wissenschafts- und Expertenbegriff, der lange schon keine Chancen mehr hat, aufgrund der anhaltenden Trivialisierungsprozesse. Man kann also bemerken, dass Lernbereitschaft nicht das ist, was die Kommunikation bewegt, wodurch sich die Beteiligten dann die Lernergebnisse ggf. aufzwingen lassen müssten, wenn es nicht anders geht.

  5. Den letzten 5 Absätzen kann ich voll und ganz zustimmen. Und denke: Das hab ich doch schon ~1995 gedacht, als die utopistische Begeisterung schon ins Kraut schoß.

    Im Endeffekt und ganz von Anfang an gilt fürs Netz, was schon für die überzitierte 1/4 h Berühmtheit gilt: Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

    Außerdem hab ich immer noch das Gefühl, daß relevante und – jawohl, konservativ gesagt – gesittete Diskurse immernoch auf Papier stattfinden. Oder von Angesicht zu Angesicht. Ob sich da jemals was ändert, wage ich zu bezweifeln.

  6. @kusanowsky: Ganz konkret schwebte mir der wissenschaftliche Diskurs als Blaupause vor. In diesen wird man durch das Studium und daran anschließende Etappen (Vorträge, Publikationen, Dissertation, etc.) sozialisiert. Dabei werden – natürlich durch Kommunikation – die Spielregeln etabliert und die Grenzen der Form ziemlich klar festgelegt. Diese Festlegung auf eine Form der Kommunikation kann man in Netzkommunikationen nicht erwarten. Das ist keine normative Feststellung, sondern eine wertfreie Beobachtung. Man kann sich dann aber individuell fragen, mit welchen Formen der Auseinandersetzung man welche Medien und Kontexte bedient. Man kann und man sollte auch für wissenschaftliche Kommunikationen auf die Möglichkeiten des Netzes setzen, um das klar zu sagen. Aber man sollte nicht frustriert sein, wenn „Unbekannte“ in die Diskussionsrunde platzen und eine Meinung kund tun. Es steht einem ja frei, dies zu ignorieren. Und genau diese Selektion halte ich für wesentlich, um einerseits kreativ und interessiert über via Internet zu diskutieren, aber andererseits Frustration zu vermeiden.

  7. @kusanowsky – ich bin da etwas sensibler für den Inhalt der beiden Kommentare.

    Wittkewitz‘ Kommentar wäre beinah Anlass für mich, nie wieder auch nur ein Wort ins Internet zu schreiben, weil man offensichtlich derart, mehr als nur beinah bösartig, missverstanden wird.

    Ennos Kommentar ist voll auf meiner Linie. Die ich vielleicht sogar noch mit folgender Testfrage übertreiben würde: Was nützen mir eigentlich die Möglichkeiten des Internets, wenn auf kommunikativer Ebene Achtung, Takt, Anspruch und Tiefgründigkeit verloren gehen? Nichts! Dann verliert dieser Kommunikationsraum seine gesamte Attraktivität. Die Trolle hätten gewonnen und es würde nichts bedeuten.

    @Stephan – Danke für den Zuspruch.

  8. Sie beschäftigen sich nicht mit der Frage, was von den Kommentaren zu halten war, die zum Zeitpunkt meines Tweets am Beitrag von Wittkewitz standen.
    Und: Wieso beziehen Sie meinen Tweet auf Ihre Person? Es gab mehrere Kommentare mehrerer Personen.
    Ich meinte, wie im Wortsinne auch durchaus zu verstehen war, die Linie der Einwände, die alle Kommentatoren gegenüber Wittkewitz brachten.
    Ich nehme nur ein paar Beispiele:
    Sebastian #1:
    – „merkwürdig uniformierte Weise“ – hier fällt der Kommentator ein Urteil über den Autor Wittkewitz
    – Hier wird der Artikel als „unsäglich“ bezeichnet, tweet
    – hier als „skurril“ tweet
    – hier als „merkwürdig“ tweet
    #3, Sebastian: Hier wird die Wissenschaftlichkeit des Textes bezweifelt
    „primär um Literatur, bestenfalls wissenschaftliche Prosa.“
    Gleichzeitig sagt der Kommentator, die „Auseinandersetzung mit der Arbeit des Verfassers“ (D.B.) habe „nicht stattgefunden“.
    #6, Lucie: „Jörg hat schlicht keine Ahnung von Systemtheorie“
    #9, Lucie: „Hobby Erkenntnistheorie“ – W. hat das studiert. Was soll die Bezeichnung „Hobby“ anderes sein, als seinen Status zum Thema zu machen?

    So geht es weiter.

    Diese Kommentare sind Urteile über Wittkewitz als Autor, seine Kenntnisse und seine Intention.

    Welches Attribut wäre Ihnen denn recht: sachlich, wissenschaftlich, höflich? Wie hätte ich diese Zitate bezeichnen sollen?
    Oder betrachten Sie die Kommunikation im Internet als etwas zwischen Ihnen und Wittkewitz, dass ich nicht hätte per Twitter kommentieren sollen? Warum denn nicht?

  9. Ich beziehe, das zeige ich oben deutlich, nichts auf meine Person. Mir ging es um die Bedingung für die Möglichkeit dieser, ich sag mal, peripheren Kritik, die sich nicht in die Diskussion einfädelte, sondern sie selbst thematisiert, auf Tweetlänge, die nur Raum für ein Werturteil lässt – ohne zu adressieren.

    Sebastian macht, das zeigen sie, mit seinen Tweets (fast) das selbe. Der Unterschied ist jedoch, er kommt auf sachlicher Ebene auf seine Kritik zurück, formuliert sie aus und adressiert sie an den Autor. Dieser Antwortet daraufhin, es entsteht eine themenzentrische Diskussion. (Auch wenn „Lucie“ unsachlich dazwischen geht.) Er belässt es nicht bei seinen Twitterwerturteilen.

    Das hat, wie ich es oben beschreibe, einen anderen Charakter als Ihr Tweet, der weder einen sachlichen Vorlauf hat, noch in Aussicht stellte, Sachlichkeit zu provozieren. Wie es kusanowsky schon oft beschrieb, es war trollende Störkommunikation, der er noch faszinierende Aspekte abgewinnen kann, ich jedoch nicht mehr – das war mir wert mitgeteilt zu werden.

  10. Mit Behagen stelle ich fest, dass die Kommunikation einfach weiter geht. Jetzt wird langsam die Überforderung aller deutlich, eine Bemerkung, die gewiss keiner zugestehen würde. Es reicht immer noch der Versuch, Ordnungsregeln zu ventilieren, Regeln, die keiner mehr explizieren, die keiner mehr akzeptieren kann, gegen die aber auch im Prinzip keiner mehr verstoßen kann, weil für alle Regelverstöße ein ähnliche Kontingenz veranschlagt werden müsste. Es dauert noch bis verstehbar wird, dass das Internet die Gesellschaft ändert. Verstehbar wird das aber erst dann, wenn diese Veränderung auf die nächste Veränderung stösst.

  11. kusanowsky – ich habe mir schon den ersten Absatz aus deinem heutigen Text ausgedruckt, ausgeschnitten und über meinen Schreibtisch gehangen. Und zwar aus textästhetischen Gründen und zur Manung. Ich denke, das mache ich mit deinem letzten Kommentar jetzt auch und dann schlaf ich erstmal 25 Jahre darüber. ;-)

  12. @Stefan Schulz:
    Nein, mein Tweet hatte keinen sachlichen Vorlauf – aus Ihrer Sicht.
    Sie waren an einer Kommunikation beteiligt.
    Und ich war der Beobachter.

  13. … und jede Beobachtung ist eine Operation. (Als Klatsch bliebe sie verborgen, doch dafür war sie viel zu öffentlich und absichtsvoll offensiv.)

  14. Pingback: „Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos“ — autopoiet/blog

  15. Hallo und Danke! Danke dafür, dass mein Tweet über Sozialtheoreisten jetzt schon in 2 Blogs erwähnt wurde. Das kenne ich ja so gar nicht. Ich habe zwar Soziologie studiert, aber für meine Reaktion muss ich jetzt nicht in die Tiefen dieser Disziplin gehen: Mir hatte deine Reaktion auf Sozialtheoristen gegen Martin Oettings Vortrag nicht gefallen. Meine Meinung. Aber ich wurde neugierig und so kam ich überhaupt auf deinen Blog. Den ich übrigens sofort sehr spannend fand, weil ich bis dato keine deutschen Soziologen-Blogs kannte. Dann las ich den „Post Privacy“-Artikel, den ich gegenüber den Diskutanten der für mich wichtigen „Post-privacy“-Diskussion sehr herablassend und arrogant empfand. Das twitterte ich in der Reduktion, die bei Twitter (140 Zeichen!) nun mal gegeben ist. Auch in dem Sinne, eine Diskussion zu eröffnen. Das man diese dann im 140-Zeichen-Medium nicht komplex führen kann ist klar. Deswegen schreibe ich ja gerade hier. Aber wenn Du, Stefan Schulz, wegen meinem Tweet „So macht das keinen Spaß“ schmollst – das finde ich ziemlich lame. Man muss bei Diskussionen im Social Web auch Twitter ertragen können. (p.s.: Habe diesen comment auch auf http://bit.ly/kQx6X3 gepostet – dort wurde mein tweet ja direkt unter „Trollforschung“ betitelt, was ich etwas unverschämt finde. Naja, aber auch lustig.)

  16. Wir geben auch dem letzten Stammtischschwadronierer eine Stimme im Internet und wundern uns anschließlichend übers Stammitschniveau? Alles nichts neues, nur verstärkt und beschleunigt, wie übrigens noch jedes Phänomen, das uns als „neu“ im Internet verkauft wird. Ich will die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung nicht mehr hergeben. Was wir brauchen, ist eher eine neue Kulturtechnik: „Umgang mit Trollen.“

  17. @Frank Krings ich schmollte nicht. Ich schrieb nur meinen Lernprozess oben auf. Ich habe meinen Twitter-Button wieder ausgebaut, weil mich ab jetzt nur noch Leserzahlen (quantitativ) und Kommentare/Emails (qualitativ) interessieren.

    Wer meine Texte wie twittert ist mir ab jetzt egal. In diesem Sinne haben sie ein bisschen Unrecht, man muss „bei Diskussionen im Social Web auch Twitter ertragen können“ ist ein Wunschdenken derjenigen, die es ertragen. 99,99% der Restgesellschaft ist Twitter egal und wird es auch weiterhin sein – wie ich seit gestern vorläufig abschließend meine, aus guten Gründen.

    Twitter ist eine Wortspielmaschine, keine Verlinkungsmaschine. Twitter integriert das social web nicht, sondern bleibt Twitter. 140 Zeichen sind zu schnell geschrieben und zu schnell davon geflogen um auch nur igendwas anderes, Strukturgenerierendes zu erreichen als die kurze Freude am gelungenen Tweet.

    Ich freue mich, Sie noch zu einem Kommentar hier provoziert zu haben. (Den Begriff des Trolls hat kusanowsky übrigens selbst entwickelt, er meint nicht das Schimpfwort, wie es ansonsten benutzt wird…)

  18. @Enno ich bin exakt deiner Meinung. Interessant ist, dass diese Kulturtechnik wohl so aussehen muss, viele der Möglichkeiten, die das Internet derzeit bietet, wieder zurückzunehmen. Also Kommunikationshürden wieder aufzubauen, statt weiter abzubauen. Ob es gelingen könnte, die Technik so zu lassen, aber mehr Sozialverträglichkeit ins Internet zu holen? Erstaunlich eigentlich, dass gerade dieses Internet „social“ Web heisst. ;-)

  19. @Stefan und Enno:

    Eine vorsichtige Vermutung, wie diese „Kulturtechnik“ aussehen könnte, äußerte ich drüben bei Kusanowsky – nicht ahnend, dass es sich dabei um eine Kulturtechnik handeln könnte.
    Die Kurzfassung: Umarme den Troll in dir. Es folgt eine zusammenfassende und leicht modifizierte Version (aus ursprünglich zwei Kommentaren):

    20. Roesens Gesetz

    „Sobald ein Troll, DAU oder Elch im Lauf eines Threads auf heftige Kritik stößt, argumentiert er mit der Arroganz des Kritikers. Dies kann auch vorsorglich erfolgen.“

    (link)

    Der Ausgangspunkt: Eine Mitteilung wird als beleidigend verstanden, die Information tritt in den Hintergrund – die Beleidigung ist eine strukturelle Schwester der Ironie! Der Anschluss an die Mitteilung wird katalysiert durch die hochintegrative Wirkung des „Nein!“ Anschlussoptionen werden nunmehr unter Gesichtspunkten der Gegnerschaft („entweder für oder wider mich/meine Konfliktpartei“) quasi-technisiert, und die parasitäre Existenz von Konflikten (der Verbrauch von Ressourcen, die beispielsweise auch für soziologische Diskussionen oder kurzweilige Unterhaltung bei Tretbootfahrten an sonnigen Feiertagen hätten genutzt werden können) tut ihr Übriges: Der „Integrationssog“ (Luhmann) des Konflikts kann ungehindert Wirkung zeitigen. Weitere Konfliktpartner treten hinzu, der Konflikt wird selbst Thema konfligierender Kommunikation… und so weiter und so fort.
    Es ist der Troll in uns, der uns an Kommunikation teilhaben lässt, von denen wir wissen, dass wir unter ansonsten gleichbleibenden Bedingungen bereut haben werden, an ihnen teilgenommen zu haben? Arroganz ist notwendige Voraussetzung ihrer Thematisierung und Bearbeitung. Sie ist es, die veranlasst, dass ein flüchtig als irgendwie „unpassend“ empfundener Artikel nicht ignoriert wird (was mit so vielen anderen, als nicht minder unpassend empfundenen Artikel tagein tagaus doch wunderbar funktioniert…), sondern dafür sorgt, dass wider besseren Wissens ein kommunikatives Schlachtfeld betreten wird, auf dem es nichts zu gewinnen gibt Jedenfalls wenn man von der wiederholten Einsicht in diese Tatsache absieht (was ja unter Umständen auch schon als Gewinn verbucht werden kann)? Nur im Verarbeiten von Arroganz wird diese deutlich. Stichwort Temporalisierung: Die späte Einsicht setzt frühe Blindheit voraus… es gibt kein Zurück ins Paradies der einfachen Seelen?

    Liegt die zu ihrer Überwindung gleichzeitig notwendige Arroganz nicht in der Selbstüberschätzung, im Namen einer als absolut gesetzten (wie auch immer konkret audformulierten) „Bildung“ oder „Aufklärung“ gegen den Irrsinn anzuschreiben – und dabei mit heroischer Geste noch viel mehr Irrsinn zu produzieren? Das Drama nimmt seinen Lauf. Die Herausforderung ist dann, nicht auf die andere Seite dieser Zudringlichkeit zu wechseln, sondern die Wahl als solche zurückzuweisen. Wir sind, befürchte ich, weit davon entfernt, so etwas (und uns so) denken zu können.

    Ein Mönch sagte zu Joshu: „Ich bin gerade erst ins Kloster eingetreten. Ich ersuche Euch, mich zu unterweisen.“
    Joshu fragte: „Hast du schon deinen Reisbrei gegessen?”
    Der Mönch antwortete: „Ja, das habe ich.“
    Joshu sagte: „Dann geh’ und säubere deine Schale.“

  20. „Wir sind, befürchte ich, weit davon entfernt, so etwas (und uns so) denken zu können.“ – Wobei weniger das Denken das Problem wäre. Ergänzen müsste man noch, dass deine Beschreibung der Entfaltung des parasitären Aufsaugens immer mit bedingt wird durch den blinden Fleck, den man ja nicht wählen kann, ihn also notwendig nicht bemerkt sobald in der Interaktion (und hier haben wir es mit der Interaktion zwischen Abwesenden zu tun) eine Synchronisierung der Seitenwahl vonstatten geht, wenn also mehrere Beteiligte synchron den Unterschied von Information und Mitteilung teilen, indem sie an der selben Seite Anschluss finden: „A: du bist arrogant – B: diese Mitteilung ist arrogant usw. Denn tatsächlich wird hier abwechselnd die Seite gewechselt, wodurch der Eindruck entsteht, es ginge beiden um das selbe. Stattdessen beobachten sie sich gegenseitig wie bei einem Vexierspiel. So könnte gerade bei einer Vielzahl von Beteiligten der Eindruck entstehen, sie hätten sich irgendwie abgesprochen; sie bildeten eine „verschworene Gemeinschaft“. Und sobald dieser Synchronisierungsleistung zustande kommt, können Effekte des „kollektiven Handelns“ beobachtbar werden. Alle sog. Verschwörungstheoretiker beobachten das, nur haben sie dafür keine Erklärung. Es entsteht Verschwörung ohne Konspiration. Der blinde Fleck ist eine üble Sache, vor allem deshalb, weil man ihn nicht abschaffen kann.

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