Apple befreit Schüler von nervigem Text

Aussterbende Kulturpraxis: Bücherverschlingen

Nach den ersten fünf Minuten der gestrigen Bildungs-Präsentation von Apple muss man sich vor Ergriffenheit fast eine Träne verdrücken. Die Erfindung des Buches sei ja schön und gut, aber jetzt, da Apple das bewegte Bild erfunden hat, kommt die eigentliche Revolution: Interaktive, swipeable, zoomeable Schulbücher, auf Maß und Gewicht getrimmt; viele bunte Bilder, noch mehr Bewegung und Text, der sich von selbst aktualisiert, auf der Seite immer schön knappgehalten ist und der per Fingerschnipp entfernt werden kann, damit die 3D-Form des Bildes noch praller erscheint. Kurz: Schnick-Schnack statt Schulbuch. Hat sich Frau Schavan schon auf Knien dafür bedankt? Die Rettung des Bildungssystems steht bevor.

Es gab mal eine Zeit, da zog der Film ins Klassenzimmer ein. Statt Lehrerunterricht gab es ein Video. Und wenn man sich zurückerinnert, weiß man, dass damit die langweiligsten Unterrichtsstunden gestaltet wurden. Nicht nur, weil der Film zumeist die didaktische Option der Lehrer war, die eh keine Lust mehr auf Unterricht hatten, sondern auch, weil ein Film sich immer dann anbot, wenn sich der Unterrichtsinhalt schön präsentieren lies: Vögel im Urwald, Gebirge, Schiffe: Sachunterricht also, der weniger auf Verstehen, als auf Wissen abstellt. Man kann Schüler kaum mehr langweilen.

Die eigentliche Revolution des Schulbuches wäre seine Abschaffung gewesen. In der Schule braucht man keine Bücher, weil Bücher zum Lesen da sind und in der Schule nicht zu viel gelesen werden sollte, zumindest nicht in Büchern. Wenigstens in einem Aspekt kann man die Meinung mit Apple teilen: Schulrucksäcke sind zu schwer und es liegt an den Büchern. Ich hatte mal einen Geschichtslehrer, der hat die interessantesten Sachen in den 10 Minuten erzählt, die er uns gab, um einen Text zu lesen. Er hat sich, während wir uns seine Textgrundlage für die kommenden Minuten aneigneten, gelangweilt und begann, seiner Ansicht nach, Belangloses zu erzählen. Weil wir uns auf unsere Texte konzentrieren wollten, versuchten wir am absichtsvollsten nicht hinzuhören, was dadurch natürlich gerade gar nicht gelang. Statt des Textinhalts prägten seine Nebensächlichkeiten diese 10 Leseminuten und an sie schlossen auch die Inhalte der restlichen Stunde an. Bildung bedeutet Assoziieren, ab vom Plan, gemeinsam oder alleine. Bald bekommen Lehrer nur noch eine Frage von ihren Schülern: „Wieso soll ich das lernen/verstehen, wenn es die Antworten-Maschine doch alles schon und viel besser kann?“ Und vielleicht bleibt noch die Frage: „Das sollen wir alles lesen? Haben Sie kein iBook 2 dafür?“

Bildung und Lehre, das heißt vor allem, Zufall zuzulassen, Chancen erkennen und Gelegenheiten ergreifen. Wenn jedoch die Algorithmen nun auch noch in die Klassenzimmerinteraktion einziehen sollen, braucht sich niemand wundern, wenn die Schule durchgescriptet ist wie das RTL-Nachmittagsprogramm. Beides hat den gleichen Zug zur Realität.

Und das alles ganz zu schweigen ab von dem Umstand, dass die Inhalte des aktualisierbaren Schulbuchs natürlich nur Apple gehören, sonst nirgendwo zweitveröffentlicht werden dürfen und Apple sich jederzeit das Recht nimmt, Inhalte zu ändern oder zurückzuweisen. Wie soll man das ohne Zynismus kommentieren?

Apple entwickelt sich zu einer wirklichen Katastrophe. Wenn sie eine nützliche, folgenreiche und konstruktive Investition in ihr „Education-Business“ tätigen wollen, sollten sie mal mit den Familien ihrer Foxconn-Mitarbeiter anfangen.

Aber, kann man sich ja trotzdem mal angucken.

Editorische Notiz: Es kann sein, dass ich einfach nur das süffisante Grinsen von Roger Rosner nicht ertragen konnte, er spricht so lang… Ich lehne den Vorstoss von Apple eigentlich gar nicht vollständig ab. Etwa 15% der Idee finde ich gut.

(Bild: Etolane)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

6 Gedanken zu “Apple befreit Schüler von nervigem Text

  1. Apple entwickelt sich zu einer wirklichen Katastrophe.

    Vielleicht können wir darauf einigen, dass dieser Laden zu einer immer größeren Katastrophe und zu einer regelrechten Bedrohung wird.

  2. „Bildung und Lehre, das heißt vor allem, Zufall zuzulassen, Chancen erkennen und Gelegenheiten ergreifen.“

    Tatsächlich? Das ist aber ein sehr idealisiertes Bild von (schulischer) Bildung. Es mag lobenswerte Ausnahmen geben, aber wenn der Sinn von Schule die Reproduktion sozialer Normen oder die Erziehung staatstreuer Bürger_innen ist (dieses ganz wertfrei), kann man es theoretisch auch Apple überlassen, oder? Oder worin liegt der kritische Unterschied zu Bertelsmann-Schulbüchern oder unkritischen Lehrer_innen?

  3. Und das alles ganz zu schweigen ab von dem Umstand, dass die Inhalte des aktualisierbaren Schulbuchs natürlich nur Apple gehören, sonst nirgendwo zweitveröffentlicht werden dürfen und Apple sich jederzeit das Recht nimmt, Inhalte zu ändern oder zurückzuweisen. Wie soll man das ohne Zynismus kommentieren?

    Was da so noch schnell so hinterher geschoben wurde, halte ich für einen nicht zu unterschätzenden Aspekt. Der Christian hat diesen Teil der Geschichte sehr gut dargestellt, finde ich. http://achnichts.cwoehrl.de/?p=3899

  4. Julia, ja tatsächlich!

    1. Bildung ist ein Prozess, der in erster Linie im Kopf des Schülers stattfindet. Man unterstellt Schülern Lernbereitschaft, sieht sie als formbar und lehrbahr an. Aber damit Bildung sein Ziel erreicht, muss der Unterricht ebenso plastisch und offen sein. Und dies gelingt eben am ehesten durch Interaktion: Kommunikation unter Anwesenden. Ein Lehrer muss offen sein für Fragen.

    2. Bildung ist nicht nur das Vermitteln von Wissen. Ich möchte hier nur kurz auf einen Text von Guy Kirsch in der heutigen F.A.S. verweisen („Jedes Zeitalter schafft sich seine Hexen – Wir haben immer mehr Informationen, aber immer weniger Wissen von der Welt: Das macht uns Angst.“). Unterricht startet in doppelter Hinsicht mit Leere: Die Schüler müssen erst noch lernen und die Tafel muss erst noch beschrieben werden. Ein iPad ist im Unterricht falsch und ein althergebrachtes Buch eigentlich auch.

  5. Lieber Stefan,
    was du beschreibst, ist der Weg der Bildung – tatsächlich, darüber kann man streiten. Das stellt allerdings noch nicht den Zweck von Bildung, den ich oben als Erziehung von Staatsbürger_innen und Wirtschaftssubjekten gekennzeichnet habe, in Frage (naja, und das sich gerade letzteres wunderbar mit dem Konzept von Apple deckt, wer wollte es bestreitet?!). Ich beharre nicht auf meiner Meinung, wollte nur advocatus diabolo spielen und deinen Zynismus noch etwas zynischer anzweifeln. ;)

  6. Achso, ja. Man kann das Zweck-Argument so weit treiben, wenn man Apple wirklich Böses unterstellt. Die frühe Kundenbindung erinnert dann an die Strategien der Tabakindustrie. Mir ging es, aus dieser Perspektive, um die Nebenfolgen dieser Kolonalisierung des Klassenzimmers, dem Eingriff in den Weg der Bildung.

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