Die gottlose Religion der Gottverlassenen

Eine Milliarde Menschen leben auf der Welt in totalen sozialen Netzwerken. Ihr Alltag hängt fast ausschließlich vom unmittelbaren sozialen Miteinander ab. Das Leben in diesen Slums unterscheidet sich in fast allen Bereichen vom westlichen Lebensstil, in dem der Begriff des sozialen Netzwerks Beliebigkeit und Freude mit dem Internet bedeutet. Und auch hier nähert man sich der Milliarde. Facebook steht kurz vor diesem Meilenstein, von dem niemand weiß, was er wirklich bedeutet.

Das letzte Mal, als die Mitgliederzahl eines sozialen Netzwerkes im Internet das Vorstellungsvermögen überragte, ging es um Myspace.com. Die jetzt abgeschlagene Community für Musiker und ihre Fans überschritt 2006 als erste die Marke von 100 Millionen Mitgliedern. Damals half man sich zur Verdeutlichung dieser Zahl mit einem interessanten Vergleich: Was, wenn Myspace ein Land wäre? Myspace wäre größer als Deutschland gewesen.

An die großen Zahlen hat man sich gewöhnt. Allein in China gibt es mittlerweile drei soziale Netzwerke mit über 100 Millionen Nutzern. Dass man jedoch immer noch nicht weiß, was die Zahlen bedeuten, zeigt die Ratlosigkeit in der Frage, welcher Geldwert sich nun daraus schöpfen lässt. Facebook selbst meint, es sei fünfzig Milliarden Dollar wert. Euphorische Börsjaner schätzen das Dreifache.

Der Vergleich eines sozialen Netzwerks im Internet und einem Staat ist anschaulich aber ebenso albern. Facebook sichert keine existenzielle Grundversorgung, kümmert sich weder um die Sicherheit noch Gesundheit seiner Nutzer. Aber doch spielt es im Leben der Einzelnen eine große Rolle. Die Hälfte der Briten und Amerikaner nutzen Facebook inzwischen mehrfach täglich. Es liegt ein Ver-gleich nahe: Nicht nur die Größe und Reichweite rückt Facebook heute in die Nähe einer Weltreligion.

Sieht man den Glauben als das, was er tatsächlich ist, die höchstpersönliche Angelegenheit des Einzelnen, bleibt von Religion die weltumspannende Institution übrig. Sie bietet Orientierung, ist Anlass für Geselligkeit, normiert Verhaltenserwartungen und regelt die Teilhabe am Gemeinsamen. Facebook macht viel von dem auch.

Das Internet schreckt durch sein Chaos noch immer viele zurück. Weil dort alles möglich ist, wagen sich nur wenige dorthin. Erst soziale Netzwerke drehten den Spieß um. Sie sorgen für Ordnung und bereiten das Feld. Sportvereine, Privatpersonen, Firmen, Städte, Regierungen, Organisationen aller Art sind zuweilen überhaupt erst im Internet vertreten, seit Facebook seinen Dienst anbietet. Jeder weiß, was auf einem Facebook-Profil zu erwarten ist: Ein Bild, wenig Text, ein „Like“- oder ein „Subscribe“-Button. Keine Pornographie, viel Spiel und Spaß. Facebook kontrolliert, was geschieht. Oder positiver: Facebook kümmert sich um alles. Und alle müssen sich daran halten. Selbst Obama kriegt für eine Milliarde Dollar Wahlkampfgeld nur ein übliches Facebook-Profil. Im Facebook sind alle gleich, wer Blödsinn macht, fliegt raus.

Aus England stammt eine Studie, die zeigt, wie unglücklich Menschen werden, wenn ihnen das Internet genommen wird. Der britischen Jugend würde vor allem der Facebook-Chat fehlen. Siebzig Prozent der unter achtzehnjährigen Briten nutzt ihn täglich auf dem Mobiltelefon. Ist die gegenseitige Verfügbarkeit moderne Nächstenliebe? Fehlte sie im Alltag, wären die jungen Briten einsam und traurig. Um sich aufgehoben zu fühlen, benötigt die Jugend keine Religion. Die wichtige Funktion der Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls erfüllt für sie Facebook. Nicht durch die Abwesenheit von Menschen, sondern durch die Nichtverfügbarkeit von Facebook fühlen sie sich verlassen. Die Orientierung aneinander und das Erleben des Miteinanders ist auf keinen Glauben mehr angewiesen, sie lassen sich mit Facebook direkt erfahren. Marketing-Forscher der Universität Maryland behauptet sogar, dass Studenten bei Unfällen in ihrer Nähe weniger hilfsbereit sind, weil heute das Telefon in ihrer Tasche ihr Bedürfnis nach Sozialität befriedigt und die spontane Vergemeinschaftung auf offener Straße eher als lästig empfunden wird.

Verhalte dich so, dass dir Facebook deinen Account nicht kündigt. Diese Devise ist inzwischen ein alltägliches und hohes Gebot. Und es gilt nicht nur für Einzelne. Facebook zögerte nicht, Anfang Februar die Seite von München mit 400.000 Fans zu löschen. Die Stadt hatte versäumt, sich als Stadt zu erkennen zu geben. Erst als dies nachgeholt wurde, durfte sie in die Gemeinde zurückkehren. Und gerade dieser Fall ist interessant, weil ihn ein kleines Detail besonders macht: Münchens Fanseite darf bei Facebook nämlich nicht die Seite von „München.de“ sein. Facebook fordert Exklusivität: Du sollst neben einer Facebook-Seite keine andere Internetseite haben. Zumindest darf sie nicht schon im Titel genannt sein.

Facebook strukturiert das Internet, wie die Religion die Gesellschaft. Umso mehr die Gesellschaft durch die neue Kommunikation, die weder Raum noch Zeit beansprucht, geprägt wird, desto mehr kompensieren bestimmte Dienste die sich abschwächende Rolle der Religion. 1970 waren 97% der westdeutschen Bevölkerung Christen. Mittlerweile sind es knapp 60%. Pro Dekade sinkt die religiöse Durchdringung der Gesellschaft um ein Zehntel. Es gilt keine Kausalität, aber der Rückgang der Religiösität fällt zusammen mit dem Wachstum des Internets. Einige Online-Dienste kompensieren die Jahrhunderte alte Rolle der Religion. Sie erfüllen dieselben Funktionen wie die Kirchen. Nur das Sakrale fehlt ihnen, dafür gibt es jetzt die Ökonomie. Mathe statt Magie, es macht ja eh keinen Unterschied.

Die Frage, wie viel Geld Facebook wert ist, ist für wenige Investoren interessant. Für die Millionen von Nutzerern stellt sich derzeit die Frage, wann die Gesellschaft die stetige Nutzung des Internets nicht mehr im medizinischen Schema der Sucht einordnet und ab wann Facebook-Freunde als psychisch und sozial folgenreiche zwischenmenschliche Kontakte angesehen werden. Das führt auch in eine Wertedebatte.

(Bild: Meena Kadri)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

5 Gedanken zu “Die gottlose Religion der Gottverlassenen

  1. Das ist für mich echt nicht verwunderlich, denn ich als Schüler werde täglich damit konfrontiert, wie sich Facebooks Macht immer weiter verstärkt.
    Momentan faste ich jedoch Facebook (ohne religiösen Hintergrund), sodass ich für die nächsten Wochen von den Informationen meiner Mitschüler nahezu vollkommen abgeschnitten bin. Es fällt mir echt schwer, so über wichtige Sachen wie Unterrichtsausfälle, Lerngruppen oder Hausaufgaben auf dem Laufenden zu bleiben, aber ich versuche, dem Drang nach Facebook zu widerstehen.

  2. Pingback: Stummheit, soziale « kulturproktologie

  3. Unsereins“ glaubt an Gott, egal ob Gott. Christus, Allah, Hindu, Budda, Jude oder sonstwie, aber „Unsereins“ ist auch Realist. Wie logisch ist die Weltentwicklung technisch über Millionen von Jahren zu sehen ? Und dagegen die an sich mit zwei Jahrtausenden minimalen Religionstheorien ? Also wer bin ich ? Ein Lebewesen wie der Käfer, den ich eben totgedrückt habe, oder ein Wesen, das nach dem Tod als Geist noch weiterlebt ? Wo ist einer, der das beweisen kann ? Meine Mama kam nach ihrem Ableben nie wieder zurück zu mir. Wo ist die Grenze zwischen Glaube und Wissen ? Und warum gibt es inzwischen eine mönströse Religion mit eigener Bank (Vatikanbank) ? Also, ich glaube lieber an einen „einfachen“ Gott !
    Göttliche Grüße vom Baron.

  4. Was bei dem Vergleich fehlt ist das funktionale Äquivalent zu religiöser Kommunikation oder dem Unerkennbaren. Nicht dass ich religiös wäre, aber Religiösen ist das in ihrer Alltagskommunikation wichtig, entsprechend wird so kommuniziert. Facebook als Religionsäquivalent würde dann demnach für religiös-musikalische Menschen zu profan sein. Das berührt dann natürlich auch die Transzendenz. Eine solche Erfahrung ist via Facebook natürlich nicht ausgeschlossen, aber wahrscheinlich nicht sehr wahrscheinlich. Auf die Kompensationshypothese müsste man noch eingehen: Was muss kompensiert werden?

    Nun ja, soweit zum Ersten; gefällt mir der Blog!
    Gebookgemarkt!

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