Wer braucht wozu und wieso überhaupt Piraten?

Zur Bundestagswahl 2009 waren die Piraten eher Protestbewegung als politische Partei, männliche Erstwähler wählten sie damals mit 13 Prozent. Nun, ein Jahr vor der nächsten Bundestagwahl, erweiterten sie das deutsche landesparlamentarische Parteienspektrum inzwischen um 19 Piraten-Abgeordnete. Aber: 94 Prozent der Menschen, die im Saarland tatsächlich Piraten wählten, bestätigen auf Nachfrage den Satz: „Die Piraten sind eine gute Alternative für die, die sonst gar nicht wählen würden“. Und 85 Prozent der Wähler, die tatsächlich Piraten wählten, sagen: „Man könne jetzt, da die Regierung praktisch schon feststeht, auch mal eine andere Partei wählen, die sonst nicht infrage kommt.“ Es sind beeindruckende Zahlen.

Sie bilden einen weiteren interessanten Kontrast mit den Tweets aus den Reihen der Piratenpartei. Meine Glosse im F.A.Z. Feuilleton morgen greift die Kluft zwischen euphorischen Piraten und inhaltlich desinteressierten Wählern auf. Die Piraten leiden unter der Motivlosigkeit ihres Wählerpublikums nicht, es beflügelt sie. Soziologisch handelt es sich jedoch um ein empirisches Phänomen, aus dem sich für kommende Monate Fragen und Problemstellungen ableiten lassen, von denen Piraten selbst lieber gar nichts hören wollen. Es stellt sich ganz grundsätzlich die Frage:

Wer braucht wozu und wieso überhaupt Piraten?

Ich gehe dieser Frage von nun an gezielter nach (und richte eine eigene Kategorie, mit Bild in der Sidebar, hier ein ;-). Das Saarland-Ergebnis ist ein empirisches Datum, das dafür den Ausgangspunkt bietet. Am Samstag sprachen Melanie Mühl und ich zwei Stunden mit Sebastian Nerz. Dieses Gespräch fand somit vor Saarland statt, ist aber vor allem im Hinblick auf den kommenden Piraten-Bundesparteitag interessant. Im Mai erscheint in der Zeitschrift Merkur ein längerer Text von mir, der sich mit den Fragen beschäftigt, wieso gerade jetzt das deutsche Parteienspektrum erweitert wird, welche Funktion das Internet dabei übernimmt und in welchem Verhältnis die Piratenpartei zu neuen Protestformen wie Occupy steht, oder stehen wird, wenn diese demnächst aus dem Winterschlaf erwachen. Und überhaupt beginnt kommenden Montag mein Volontariat bei der F.A.Z.. Also liebe Piraten, die ihr hier vielleicht mitlest: Ihr steht unter Beobachtung. Eine Protestpartei lasse ich euch nicht durchgehen…

(Nur so: Der Titel entstammt einem meiner soziologischen Lieblingstexte.)

(Bild: Piratenpartei Deutschland)

Veröffentlicht von Stefan Schulz

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

2 Kommentare

  1. erz sagt:

    Du bist ja Soziologe, wie ich mich zu erinnern glaube, kein Politikwissenschaftler, aber vielleicht findest du ja trotzdem Anschluss an die tentative Analyse, die ich vor knapp zwei Jahren dazu anstellte. Damals alles noch sehr spekulativ, aber ich denke, mittlerweile in der Tendenz bestätigt. Stichpunkte: Cleavage-Theorie, Generationenwechsel und Teilhabe.

    http://kontextschmiede.de/parteien-politische-partizipation-piraten/

  2. Ich hoffe ganz unverblümt, dass die Piraten schon sehr bald die FDP ersetzen werden nur eben ohne die ökomomischen Irrungen, die aus der Verwechselung von liberal und libertär hervorgegangen ist.

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