Schreiben und Denken

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet Frank Schirrmacher morgen viele, viele Texte, um zu beschreiben, was wahr ist: Schirrmacher war ein freier und glücklicher Denker, aber er wird sein ganz spezielles Feuilleton nicht mehr täglich durchrütteln und er fehlt schrecklich. Nicht nur in den aus der Redaktion geschriebenen Texten taucht dabei immer wieder die Beschreibung einer verspielten, kindlichen Seite Schirrmachers auf. Wahrscheinlich aus Ehrfurcht ist mir das nie bewusst geworden, rückblickend wahrscheinlich, weil es sein kann, dass er mit dem Wissen über seine Wirkung auf andere gespielt hat, in seinen Texten, aber auch in Gesprächen. Alles, was er sagte, war ernst zu nehmen. Selbst wenn er wollte, hätte er sich nie davon lösen können, Frank Schirrmacher zu sein, vor allem ihm gegenübersitzende Volontäre oder Hospitanten hätten das niemals zugelassen, man hätte gar nicht gewusst, wie.

Er konnte es einem aber aufzwingen, mit ihm als Kollegen unter Gleichen zu reden. So vehement und zielgerichtet er schreibend argumentieren konnte, so fragend, interessiert und unvoreingenommen konnte er in Gesprächen sein, obwohl es für ihn paradoxerweise kaum einen Unterschied zwischen dem Denken und dem Schreiben gab. Mein erstes Gespräch mit ihm drehte sich fast nur darum, um den unlösbaren Zusammenhang von Denken und Schreiben und um die Bedeutung der Technologie, die einem das Schreiben – zu dem nicht nur das konkrete zu Papier bringen gehört -, immer weiter erleichtert. Das war im Juli 2011. Ich hatte mit Schirrmacher vier Monate zuvor innerhalb einer Stunde vier Mails gewechselt, in der ersten regelte er, dass ich ein Jahr später Volontär werden sollte. Anfang August kam ich dann erstmals in die Redaktion, als Hospitant, der noch in der ersten Woche, als ersten Text überhaupt einen Feuilleton-Aufmacher schrieb, dessen erste Version Schirrmacher neugierig gegenlas, nachdem wir lange miteinander sprachen. Ich habe diese Erlebnisse noch nie so aufgeschrieben, weil sich unmöglich abstreiten ließe, dass es eine Geschichte zum Angeben ist, gerade weil es sonst keinen Grund gab, sie zu erzählen.

Es ist aber jetzt noch eine andere Geschichte, von einem Mann der unfassbar viel Arbeit bewältigte und unglaublich viele Aufgaben hatte, große Verantwortung trug, und der absolutes Vertrauen gewährte und in einem Maße zum Zuspruch fähig war, dass man sagen muss, manche Autoren hat er nicht entdeckt, sondern erschaffen. Das Schreiben ist das Denken, für das man persönliche Anerkennung erfährt, aber man tut es nicht allein. Niemand schreibt allein. Das Schreiben, gerade für die F.A.Z., ist eine kollektive Sache, eine Aufgabe gemeinsamer, gemeinschaftlicher Intelligenz. Wenn Schirrmacher Themen oder gar geschriebene Texte ablehnte, war das (fast) nie als Rüge zu verstehen, sondern als Herausforderung, weiterzudenken, Anlässe und Argumente für einen Arbeitseinsatz der kollektiven Intelligenz zu liefern. Nicht jeder bedient sich in gleicher Weise dem Intelligenzhaushalt der Redaktion. Aber jeder Autor braucht für seine Texte ein Ökosystem in dem sie entstehen. Um dieses Ökosystem hat er sich im Rahmen seiner Mittel, allmächtig war auch er nicht, gekümmert und auf nichts so viel Wert gelegt, wie auf die resultierenden Texte. Es war anstrengend mit ihm, aber es hat sich immer ausgezahlt. Die Arbeit war eine Quelle des Glücks.

Es war seine Gabe, Themen auf den Tisch zu legen oder sich auf den Tisch legen zu lassen, um dann aufmerksam dem freien Spiel der Argumente zu folgen. Zuweilen führte das in lange Monologe, weil niemand mit ihm Schritt halten konnte. Das ist die Lücke, die er hinterlässt. Es ist keine Floskel, es wird sichtbar werden und in der Zeitung nachlesbar sein. Es wirkt völlig absurd, diesen Text über Frank Schirrmacher zu schreiben. Als er F.A.Z. Herausgeber wurde, war ich zehn. Uns trennen Welten und Generationen. Jeder, der mit ihm arbeitete, lernte streng mit der Zeit mit ihm zu haushalten. Jedes Gespräch war ein kleines Geschenk, immer unter der Bedingung, dass der nächste Satz von ihm lauten konnte: „Ich muss hier weitermachen.“ Es erfüllt mich auch in der traurigen Zeit mit Freude, nun die vielen positiven Texte über Schirrmacher zu lesen. Ich bin ihm dankbar dafür, in seinem Feuilleton schreiben und mit ihm denken zu dürfen. Er hat so viele Text hinterlassen, dass man noch lange gemeinsam mit ihm denken kann. Aber – und diese Ehrlichkeit ist eine seiner vielen Lehren – man muss sich eingestehen, dass die nächsten Schritte, die man ohne ihn geht, angstvolle Schritte sind. Auch wenn es viele anders sehen, Frank Schirrmachers Alarmbereitschaft hat mir Angst genommen und Freiheit gegeben, weil sie immer bedeutete, dass noch etwas getan werden kann, und zwar umso mehr, so vehementer man mit menschlicher Intelligenz, Tatendrang und heimlichem Humor dagegenhält.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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