Die Prekarität der Macht

Zum Verhältnis von Verorganisierung und Macht im Islamischen Staat

Nicht erst seit den Anschlägen von Paris ziehen die Brutalität sowie der scheinbar unaufhaltsame Erfolg des „Islamischen Staats“ (IS) die Weltöffentlichkeit in ihren Bann. Der massenmedialen Aufmerksamkeit zum Trotz stellt eine soziologisch informierte Auseinandersetzung mit dem Thema derzeit noch ein Desideratum dar. Vor diesem Hintergrund hat sich kürzlich der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl mit einem ersten Ordnungsversuch hinsichtlich des IS zu Wort gemeldet.1 Kühl macht dabei die These stark, der Islamismus, also die radikalen Strömungen des Islam, müsse aus soziologischer Perspektive als eine soziale Bewegung interpretiert werden. Von dieser sozialen Bewegung wiederum setze sich der IS dergestalt ab, dass er immer deutlichere Tendenzen einer „Verorganisierung“ aufweise, er klassischen Organisationen also immer ähnlicher werde.

Kühl identifiziert vor allem zwei Triebfedern dieser Organisationswerdung: Zunächst müsse der IS für andere Organisationen adressierbar sein – beispielsweise als Empfänger von Spenden oder Waffenlieferungen. Und dies gehe eben nur über das Angebot einer organisationalen – und nicht etwa über das Angebot einer personalen – Adresse. Kühl spricht an dieser Stelle von „Kontaktinfektion“. In loser Anlehnung an Peter Fuchs könnte man auch formulieren, dass Inklusion in organisationale Leistungszusammenhänge Adressierbarkeit voraussetzt.2 Als zweiten Grund einer fortschreitenden Verorganisierung macht Kühl geltend, dass der Zweck der sozialen Bewegung Islamismus immer weniger Motivation zur Teilnahme an ebenjener Bewegung generiere. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass die Form Organisation immer mehr an Dominanz gewinnt, erlauben doch gerade Organisationen das Auseinanderziehen von Mitgliedschaft und Motivation, also die Entkopplung der individuellen Motivation der Mitglieder zur eigenen Rollenausübung von der Verwirklichung des Organisationszwecks.3 Irritierend an dieser Einordnung ist freilich, dass das auffälligste Merkmal des IS – der Anspruch, ein Staat zu sein – aus den theoretischen Überlegungen ausgeklammert wird. Zwar bezeichnet Kühl den IS präzise als „dschihadistisches Staatsbildungsprojekt“, geht jedoch im Weiteren nicht darauf ein. Die folgenden Überlegungen setzen an dieser Lücke an.

Der Staatsbegriff fungiert aus einer systemtheoretischen Perspektive als simplifizierende Selbstbeschreibungsformel des politischen Systems, das sich mittels dieses Begriffes von der Gesellschaft unterscheidet.4 Zugleich dokumentiert sich in der Verwendung der Formel Staat aber auch ein exklusiver Machtanspruch über ein bestimmtes Territorium, dessen Einlösung zum Programm werden muss, soll die eigene Selbstbeschreibung nicht desavouiert werden. Mit dem Hinweis auf den mit der Begrifflichkeit Staat verbundenen Machtanspruch ist also zunächst ein Problem formuliert, das gelöst werden muss, will man der eigenen Selbstbeschreibung gerecht werden: Wie lässt sich die Macht über ein spezifisches Territorium auf Dauer stellen?

Die systemtheoretische Antwort auf diese Frage lautet: durch Systembildung. Ohne diese lässt sich Macht nicht zeitlich stabil konstituieren,5 bleibt also zwangsläufig prekär. Folgt man dieser Argumentation, ist Verorganisierung nicht mehr in erster Linie Effekt einer „Kontaktinfektion“, wie Kühl in gedanklicher Anlehnung an den World-Polity-Ansatz formuliert,6 sondern Resultat eines Problems – der Prekarität von Macht –, dessen Lösung die Ausdifferenzierung eines politischen Systems erforderlich macht.7 Dabei muss dieser Ausdifferenzierungsprozess in zumindest einigen Hinsichten als relativ fortgeschritten gelten: Der IS verfügt derzeit bereits über ein (sich mit dem Kriegsverlauf änderndes) identifizierbares (Staats-)Gebiet, in dem alternative Machtquellen weitestgehend ausgeschaltet zu sein scheinen und das offensichtlich bereits ein politisches (Raqqa) wie auch ein finanzielles Zentrum (Mosul) aufweist.8 Auf diesem Gebiet wiederum erhebt der IS Steuern und andere Abgaben, kontrolliert die eigenen Grenzen und stellt gegen Gebühren Pässe aus, die freies Geleit garantieren sollen.9 Ambitioniertere Pläne umfassen offenbar sogar die Etablierung einer eigenen Währung.10 Zentral scheint mir im Hinblick auf alle genannten Aspekte der Hinweis zu sein, dass sie der Logik der Ausdifferenzierung eines politischen Systems folgen.11 Der Begriff der Verorganisierung erfasst deshalb nur einen Teilausschnitt des derzeit zu beobachtenden Prozesses, da er sich mit der Benennung des Systemtyps zufriedengibt, der notwendig ist, um Macht auf Dauer zu stellen. Nicht deutlich genug herausgearbeitet wird dabei jedoch die grundlegende Funktion dieser Organisationsbildung.

Dass das Bezugsproblem der Verorganisierung tatsächlich in der Etablierung eines Machtmonopols liegt, zeigt sich deutlich in Berichten, die die (erfolglosen) Bemühungen des IS beschreiben, eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen.12 Eine zentrale Schwierigkeit dieser Versuche scheint darin zu bestehen, dass der Rückgriff auf Vertrauensnetzwerke13 zur Besetzung vakanter Stellen, der Rückgriff also auf bereits bekannte Personen, oftmals dysfunktionale Folgen zeitigt, weil diese Personen nur in den seltensten Fällen die Kompetenzen mitbringen, die notwendig sind, um beispielsweise ein Krankenhaus oder ein Elektrizitätswerk zu betreiben. So kommt es offenbar zu Fällen, in denen der medizinische Service einer Stadt durch einen ehemaligen Bauarbeiter geleitet wird oder die Leitung eines Ölfeldes in der Hand eines ehemaligen Kaufmanns liegt.14 Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der IS Aufrufe in Zeitungen platziert, deren Ziel das Anwerben kompetenten Personals ist.15 Soziologisch trifft hier eine tradierte Netzwerklogik – das Rekrutieren der Beteiligten auf der Basis ihres Status – auf die Anforderungen spezialisierter Rollenausübung, wie sie in Organisationen anzutreffen sind. 16 Dies ist offenbar in so hohem Maße problematisch, dass Organisationen entstehen, die es erlauben, das Ausüben bestimmter Tätigkeiten für den IS von der Bedingung zu entkoppeln, sich mit dem Zweck des IS zu identifizieren. Würde diese Entkopplung nicht stattfinden, könnte der IS lediglich solche Aufgaben bearbeiten lassen, für die er zufällig über qualifiziertes Personal verfügt, eben, weil in diesem Fall die Identifikation mit dem Zweck des IS Voraussetzung für die Übernahme einer Rolle ist. Organisationen hingegen bringen ein hohes Maß an Indifferenz gegenüber der Frage auf, ob sich ihre Mitglieder mit ihren Zwecken identifizieren oder nicht, da sie Motivation über Geldzahlungen – und nicht primär über Zweckidentifikation – erzeugen.17 Der Aufbau einer Infrastruktur, die unbestritten zur Ausdifferenzierung eines Gewaltmonopols gehört, hängt also davon ab, inwiefern es gelingt, auch solche Aufgaben zu bewältigen, für deren Erledigung der Zweck des IS – die von Kühl beschriebene Bildung eines dschihadistischen Staates – nicht mehr hinreichend Motivation erzeugt. Die Verorganisierung des IS ist insofern funktional, als sie von der Einschränkung entbindet, nur solche Arbeit leisten zu können, für die man zufällig überzeugte Dschihadisten mit entsprechenden Kompetenzen zur Verfügung hat. Einmal von der Last der dschihadistischen Zweckidentifikation befreit, können Organisationen auf einer sehr viel breiteren Basis Personal einwerben, das zum Aufbau einer Infrastruktur benötigt wird.18 Die Verorganisierung bearbeitet also zwei komplementäre Problemlagen: Sie erzeugt Motivation für Tätigkeitsfelder, die sich nicht aus dem Zweck des IS ableiten lassen, während sie es gleichzeitig erlaubt, neue Mitglieder ungeachtet der Frage, ob diese sich mit dem Zweck des IS identifizieren, einzuwerben. Verorganisierung geschieht also weder als Selbstzweck noch als Effekt einer „Kontaktinfektion“, sondern muss als Reaktion auf die Probleme der Ausbildung eines Gewaltmonopols begriffen werden.

Vor dem Hintergrund dieser Erläuterungen liegt die These dieses Debattenbeitrags darin, dass die Verorganisierung des IS der Etablierung einer konkurrenzfreien Machtposition dient.19 Ohne Rückgriff auf Organisationen lässt sich diese nicht etablieren, bleibt Macht also diffus und prekär. Zwar mag man begrenzte, lokale Konflikte ohne Organisationen bewältigen können, der Aufbau einer – wie immer rudimentären – zivilen und militärischen Infrastruktur zur Verstetigung des eigenen Machtanspruches übersteigt jedoch das Leistungsvermögen nicht-organisierter Sozialsysteme. In diesem Sinne ist darauf zu insistieren, dass man dem Phänomen IS näherkommt, wenn man nicht auf Verorganisierung als isoliertes Phänomen abstellt, sondern vielmehr nach der politischen Funktion ebendieser Verorganisierung fragt. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich dann die Differenz des IS beispielsweise zur von Kühl genannten Roten Armee Fraktion trennscharf zeigen, etwa mit Hinweis darauf, dass Letztere auf Staatsbekämpfung, nie aber auf Staatswerdung aus war. Von hier aus gelangt man zu der Frage, inwiefern die schwache Ausprägung politischer Macht in dieser Region der Weltgesellschaft20 den Ermöglichungskontext für den IS darstellt und inwiefern dies eine strukturelle Bedingung darstellt, die auch auf andere Regionen der Weltgesellschaft zutrifft. Kurz: Der Hinweis auf den Versuch der Ausdifferenzierung eines politischen Systems generiert mehr Anschlüsse als der aus dieser Perspektive reduktive Hinweis auf Verorganisierung. Ob sich der IS dann als eine „Albtraum gewordene Fata Morgana“ erweisen wird, die früher oder später ohnehin „evaporieren“ wird, wie der französische Politologe Olivier Roy meint,21 oder ob er an seinem Zwang zur Adressbildung zu Grunde geht, wie Kühl behauptet und Tobias Hauffe22 kritisiert, ist aus der hier eingenommenen Perspektive eine nachrangige Frage. Zunächst muss es darum gehen, den Gegenstand im Spektrum soziologischer Analysemittel präziser zu verorten.

[Dieser Text ist zuerst auf Soziopolis veröffentlich worden.]

Fußnoten

1 Stefan Kühl, Die „Verorganisierung“ des Islamismus, www.soziopolis.de/beobachten/religion/artikel/die-verorganisierung-des-islamismus.

2 Siehe Peter Fuchs, Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. Non Sunt Multiplicanda Entia Praeter Necessitatem in: Soziale Systeme 3 (1997), 1, S. 57–79.

3 Vgl. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation. Mit einem Epilog, 5. Aufl. Berlin 1999; und Stefan Kühl, Organisationen. Eine sehr kurze Einführung, Wiesbaden 2011.

4 Niklas Luhmann, Staat und Politik. Zur Semantik und Selbstbeschreibung politischer Systeme, in: Ders. (Hrsg.), Soziologische Aufklärung 4. Beiträge zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, 4. Aufl. Wiesbaden 2009, S. 77–107.

5 Ders., Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000, S. 69.

6 John W. Meyer, Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen, Frankfurt am Main 2005.

7 Vgl. dazu zusammenfassend: Martin Weißmann, Funktion, Folgen, Kritik. Zum Möglichkeitssinn der Systemtheorie und der Methodologie ihrer Wertungen, Universität Bielefeld, unveröffentlichtes Manuskript 2015.

8 Was bedeutet, dass der Islamische Staat ein Staatsgebiet beansprucht, das formal zu zwei souveränen Staaten, dem Irak sowie Syrien, gehört. Vgl. Jules Grandin / Flavie Holzinger / Delphine Papin, En cartes: l’avancée de l’EI en Irak et en Syrie, www.lemonde.fr/international/visuel/2015/05/28/en-cartes-l-avancee-de-l-ei-en-irak-et-en-syrie_4641627_3210.html.

9 Vgl. Matthew Rosenberg / Nicholas Kulish / Steven Lee Myers, Predatory Islamic State Wrings Money From Those It Rules, www.nytimes.com/2015/11/30/world/middleeast/predatory-islamic-state-wrings-money-from-those-it-rules.html.

10 Vgl. Jess Staufenberg, Isis shows off currency with gold dinar coins worth £91 each – in quest for ‘world domination’, www.independent.co.uk/news/world/middle-east/isis-shows-off-new-currency-with-gold-dinar-coins-worth-91-each-in-quest-for-world-domination-10480121.html.

11 Wohlgemerkt: nicht der eines demokratischen Systems!

12 Vgl. Ben Hubbard, ISIS Promise of Statehood Falling Far Short, Ex-Residents Say, www.nytimes.com/2015/12/02/world/middleeast/isis-promise-of-statehood-falling-far-short-ex-residents-say.html.

13 Siehe dazu Klaus Peter Japp, Zur Bedeutung von Vertrauensnetzwerken für die Ausdifferenzierung politischer Kommunikation, in: Michael Bommes / Veronika Tacke (Hrsg.), Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft, Wiesbaden 2011, S. 261–286.

14 “Stories abound of the Islamic State putting loyal members in positions they are not qualified for. The head of medical services in one town is a former construction worker, residents said. The boss at an oil field was a date merchant, according to a former employee.” (Vgl. Hubbard, ISIS Promise of Statehood)

15 “The caliphate ‘is in more need than ever before for experts, professionals and specialists who can help contribute to strengthening its structure and tending to the needs of their Muslim brothers,’ read an appeal last year in the group’s English-language magazine, Dabiq.” (ebd.)

16 Vgl. dazu wiederum Japp, Zur Bedeutung von Vertrauensnetzwerken.

17 Luhmann, Funktion und Folgen, S. 109

18 Das Einwerben und Halten neuer Mitglieder ohne hohe dschihadistische Zweckidentifikation scheint jedoch sehr viel komplizierter zu sein, da viele Aufgaben die Mitglieder in ein emotionales oder moralisches Dilemma bringen. So berichtet die Washington Post, dass Kameramänner für den IS unter anderem Massenerschießungen zu Propagandazwecken filmen müssen. Als Bezahlung für die Erledigung dieser Aufgabe erhalten sie neben einer Villa und einem Auto auch ein monatliches Gehalt von 700 Dollar, das, so die Zeitung, dem siebenfachen Gehalt eines einfachen Soldaten entspricht. Man könnte vermuten, dass das Gehalt der Kameramänner nicht nur deshalb so hoch ist, weil ihre Arbeit „wichtiger“ ist als die des Soldaten, sondern in erster Linie deshalb, weil ihre Indifferenzzone nicht durch eine ausreichende Zweckidentifikation „imprägniert“ ist. Oftmals scheint sich dieses Ziel freilich durch Geldzahlungen nicht erreichen zu lassen. Siehe Greg Miller / Souad Mekhennet, Inside the surreal world of the Islamic State’s propaganda machine, www.washingtonpost.com/world/national-security/inside-the-islamic-states-propaganda-machine/2015/11/20/051e997a-8ce6-11e5-acff-673ae92ddd2b_story.html.

19 Dass diese Versuche derzeit noch nicht weit fortgeschritten sind, lässt sich daran erkennen, dass der IS noch darauf angewiesen zu sein scheint, seine Herrschaft vor Ort mit Waffengewalt durchzusetzen, anstatt sich auf die Androhung von Gewalt verlassen zu können (vgl. dazu Niklas Luhmann, Macht, 3. Aufl. Stuttgart 2003. Andere Aspekte politischer Ausdifferenzierung, etwa die Trennung von Amt und Person (vgl. Ders., Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt am Main 2000, S. 88.), scheinen bereits weiter vorangeschritten zu sein, wenn man in Rechnung stellt, dass die systematische Tötung seines Führungspersonals dem IS nicht viel anzuhaben vermag.

20 Vgl. dazu Klaus Peter Japp, Regionen und Differenzierung, in: Soziale Systeme 13 (2007), 1+2, S. 185–195.

21 Siehe das Interview mit Olivier Roy, Le djihadisme est une révolte générationnelle et nihiliste, www.lemonde.fr/idees/article/2015/11/24/le-djihadisme-une-revolte-generationnelle-et-nihiliste_4815992_3232.html.

22 Tobias Hauffe, Die erste Adresse des Terrors – Anmerkungen zu Stefan Kühls These der „Verorganisierung“ dschihadistischer Bewegungen, sozialtheoristen.de/2015/11/30/die-erste-adresse-des-terrors-anmerkungen-zu-stefan-kuehls-these-der-verorganisierung-dschihadistischer-bewegungen/.

denkt, dass Luhmann recht hatte und liest die Soziologie dementsprechend. Schwerpunkte sind Systemtheorie und Epistemologie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.