Die Blinden Flecke einer prozesssoziologischen Gewaltforschung

Der aktuelle Turn in der Gewaltforschung besteht in der Ausrufung einer Prozessperspektive. Die Klage ist, dass die Zeitdimension bisher unterschätzt wurde und deswegen die Entwicklung einer prozessualistischen Alternative notwendig wäre. Die Promotoren dieses Ansatzes – Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl – sprechen selbst von einer neuen „Heuristik“, aber es ist unverkennbar, dass es um einen neuen Turn geht. Während die beiden Prozesssoziologen sich in der Einleitung ihres als Plädoyer für eine neue Gewaltforschung angelegten Buches noch auffällig bescheiden präsentieren – es ist die Rede davon, dass der Ansatz nicht beanspruche, „die Lösung explanatorischer Probleme in der aktuellen Gewaltforschung“ zu sein oder „neue Theorien zur Analyse von Gewalt“ zu generieren (Hoebel und Knöbl 2019, S. 15) –, wird der Anspruch im Laufe der programmatischen Schrift immer höher getrieben.[1] Am Ende des Buches wird für Prozesse als eine neue Zentralkategorie der Gewaltforschung plädiert. Gar nicht mehr bescheiden ist dann die Rede davon, dass die „temporale Ordnung“ „den entscheidenden Ansatzpunkt“ darstellt, um Gewalt erklären zu können.[2] Eine prozessuale Perspektive hätte, so die Aussage, ein „inklusive[s] Potenzial“, um alle anderen Argumente „aufzunehmen und weiterzuentwickeln“ (Hoebel und Knöbl 2019, S. 199).[3] Im Folgenden sollen drei blinde Flecke dieses prozesssoziologischen Zugangs aufgezeigt werden.

1.    Die Gefahr eines buchstäblich verkürzten Verständnisses von Prozessen

Die Gefahr ist, dass eine „entdeckende Prozesssoziologie“ durch die mikrosoziologische Verengung zwar eine hohe Sensibilität für kurzlebige Prozesse entwickelt, dafür aber zeitlich längeren Prozessen gegenüber unsensibel bleibt und damit hinter den Stand der Prozesssoziologie in der Gewaltforschung zurückfällt.[4] Der Clou der bahnbrechenden prozesssoziologischen Studie von Friedhelm Neidhardt (1981) über den „Zufall“ und die „Eigendynamik“ bei der Entwicklung von terroristischer Gruppen besteht darin, dass er nicht eine kurze Abfolge von Situationen untersucht, sondern einen viel weitgehenderen, von einzelnen Situationen überwiegend entkoppelten Zeithorizont wählt (siehe im Anschluss an Neidhardt nur zum Beispiel Mayntz und Nedelmann 1987; Della Porta 1995; Bette und Schimank 1999; Sirseloudi 2007; Deißler 2016; Mayer 2019).[5]

Diesen frühen Vertretern einer prozesssoziologischen Gewaltforschung war bewusst, dass die Mikrointeraktionen bei der Entstehung gewalttätiger Initiativen eine wichtige Rolle spielen – Stichwort Zufall – und bei der Erklärung nicht vernachlässigt werden dürfen. Dass die nicht wie geplant verlaufende Befreiung von Andreas Baader im Deutschen Institut für soziale Fragen in Berlin letztlich Ulrike Meinhof ungewollt in die Illegalität gezwungen hat, spielte für die Entwicklung der RAF eine wichtige Rolle und es kann zweifellos lohnenswert sein, diese minutiös zu rekonstruieren. Aber für die Erklärung der RAF – oder gar für terroristische Gruppen insgesamt – ist dieses einzelne Ereignis vergleichsweise irrelevant. Die – nur begrenzt mit dem Begriff der Transsituativität zu greifende – Eigendynamik spielte eine viel wichtigere Rolle.[6]

Man kann die Begrenzungen einer auf Situationen gerichteten mikrosoziologischen Engführung bei der Behandlung des Holocaust durch die Prozesssoziologen beachten. Denn einerseits werden von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl, ausgehend von einer minutiös rekonstruierten Massenerschießung eines einzigen Polizeibataillons während der „Aktion Reinhard“, weitreichende Schlussfolgerungen zur Erklärung des Holocausts gezogen. Diese werden dann aber andererseits prozesssoziologisch äußerst grobschlächtig mit der These eines grundlegenden Kontinuitätsbruchs zwischen der Polizei im NS-Staat, der Polizei in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR kombiniert.

Zweifellos lassen sich die unter der „Normalitätsthese“ propagierten Kontinuitäten von Organisationen in Bezug auf das Personal, die Kommunikationswege sowie die Programme bestreiten und stattdessen in der Tradition des Diskurses in der Nachkriegszeit die organisationalen „Kontinuitätsbrüche“ zwischen dem NS-Staat, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR stark machen (so das Argument von Knöbl 2017, 19ff.).[7] Aber gerade angesichts der Vielzahl von detailreichen Studien aus der traditionell prozesssensiblen Geschichtswissenschaft zu unterschiedlichen Ministerien, in denen fast durchgehend die organisationsstrukturellen Kontinuitätslinien herausgestellt werden (siehe für einen guten Überblick Mentel 2012; Mentel 2017; Mentel und Wiese 2017; soziologisch interessant Eden et al. 2018), müsste dies in über Jahrzehnte gehende Prozesse detailliert rekonstruiert werden.[8] Sonst wird ausgerechnet eine mit dem Anspruch einer hohen Sensibilität für die Zeitdimension antretende Prozesssoziologie auffällig ahistorisch.[9]

Wenn man die Abfolge mehrerer Situationen bei der Erklärung von Gewalt in den Blick nehmen möchte, kann es – und das haben die Autoren aufgrund ihrer Verhaftung in der Mikrosoziologie der Gewaltforschung nicht im Blick – notwendig sein, sich von der Fokussierung auf Gewaltinteraktionen zu lösen. Für eine endeckende Prozesssoziologie in der Gewaltforschung kann die paradoxe Situation entstehen, dass die relevanten Prozesse zur Erklärung von Gewalt gerade diejenigen sind, in denen keine Gewalt angewendet wird. Selbstverständlich könnte man die entdeckende Prozesssoziologie für die Morde an geistig Behinderten und psychisch Kranken während der NS-Zeit an den Tötungen in den Gaskammern der Anstalten einsetzen, aber es spricht vieles dafür, dass der zentrale Erklärungsansatz in den Prozessen der Entscheidungsfindung auf zentraler und dezentraler Ebene liegt (dazu aufschlussreich Firkus 2021). Die Ergebnisse dieser Entscheidungsfindungen waren extrem gewalttätige Handlungen, während der tatsächliche Prozess der Entscheidungsfindung selbst – jedenfalls wenn man Konferenzen nicht als perfideste Form strukturelle Gewalt beschreiben möchte – auffällig gewaltlos von Statten ging.

Die theoretischen und methodischen Probleme eines Blicks auf Mikrosequenzen in Kombination mit der Analyse von sich über Jahrzehnte erstreckende Langzeitprozesse (siehe das Plädoyer bei Knöbl 2019) wird hier systematisch unterschätzt.[10] Sicherlich – man kann von einem einzelnen Gewaltereignis ausgehend die Situationen davor und danach rekonstruieren und so die Einbindung der Gewaltsituation auch in einen längeren Zeithorizont vornehmen. Aber wie will man verhindern, dass der Zentralfokus auf eine einzelne Situation den Blick für längere Zeithorizonte verzerrt? Wie kann man sicher sein, dass die jeweils ausgewählte „Szene“ etwas über die einzelne Situation hinaus erklären kann? Sind längere – und somit gerade nicht an einzelne Situationen gebundene – Prozessanalysen für Erklärungen vieler Gewalthandlungen nicht produktiver? Das von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl ausführlich behandelte „Mikro-Meso-Makro-Problem“ bei der Analyse von Handlungs- oder Erwartungsstrukturen (siehe Hoebel und Knöbl 2019, 127ff.) ist im Vergleich zum auf der Zeitachse verorteten „Mikro-Meso-Makro-Problem“ vermutlich einfach zu lösen.[11]

2.    Die fehlende konzeptionelle Präzisierung jenseits des Prozessverständnisses

Auf den ersten Blick scheinen die Prozesssoziologen unter den Gewaltforschern einem der Komplexität von Gewaltphänomenen angemessenen Zugang zu pflegen. Es käme, so der auffällig bescheidene Aufschlag, nicht nur darauf an, nach der „explanatorischen Relevanz“ nicht nur von „sachlichen Kalkülen und sozialen Beziehungen“, sondern auch „von Temporalität und Prozessualität“ zu suchen (Hoebel und Knöbl 2019, S. 15). Aber auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es darum geht, „Temporalität und Prozessualität“ zu einer Zentralperspektive auszubauen, denen die „sachlichen Kalküle“ und „sozialen Beziehungen“ nur noch als Sekundärvariablen zugeordnet werden (besonders offensichtlich im Kapitel Temporalität und Timing, Hoebel und Knöbl 2019, 157ff.).

Das Problem einer Fokussierung auf Prozesse als Zentralperspektive ist, dass es für die Betrachtung der sachlichen Kalküle und der sozialen Beziehungen am begrifflichen Instrumentarium mangelt. Manchmal hat man den Eindruck, dass den Autoren das Konzept der Institutionen dazu dienen soll, die Prozesssoziologie in der Sozialdimension zusätzlich abzustützen (Hoebel und Knöbl 2019, 152ff.), manchmal wird versucht, den Kontext von Gewaltsituationen mit dem Konzept der „extralokalen Verstrickungen“ einzufangen (Hoebel und Knöbl 2019, S. 187; siehe Hoebel 2019b und Hoebel 2019a), und an wiederum anderen Stellen wird sich auch der bekannten Figur der „abwesenden Dritten“ bedient, um Legitimationsfragen ins Blickfeld zu bekommen.[12] Wie sich die Konzepte zueinander verhalten bleibt dabei jedoch weitgehend ungeklärt.[13]

Die begriffliche und theoretische Ungenauigkeit wird durch den Ausdruck der „sensibilisierenden Konzepte“ verdeckt.[14] Der Vorteil eines Arbeitens mit sensibilisierenden Konzepten besteht sicherlich darin, sich aus einem erstmal unbegrenzten Werkzeugkasten theoretischer Entwürfe bedienen und diesen beliebig viele eigene Konzepte hinzufügen zu können. Man ist dadurch befreit von den Zwängen soziologischer Großtheorien wie dem Marxismus, der Rational-Choice-Theorie oder der Systemtheorie, die allesamt den Anspruch haben, das Verhältnis der verwendeten theoretischen Konzepte zueinander abzustimmen. Wenn man mit sensibilisierenden Konzepten arbeitet, ist fast alles möglich – Hauptsache es macht in der Anwendung irgendwie Sinn.

Man mag Sympathien für das Arbeiten mit sensibilisierenden Konzepten haben. Es ist hilfreich, um den begrifflichen Dogmatismus und die analytische Inflexibilität der soziologischen Großtheorien zu vermeiden. Die Gefahr ist jedoch – und das ist schon bei der Debatte über Vorzüge und Nachteile Theorien mittlerer Reichweite deutlich geworden –, dass durch die Verwendung unterschiedlicher, nicht präziser abgestimmter und häufig selbst generierter Begriffe die Perspektive insgesamt milchig wird.[15] Das wird besonders bei der Analyse der Terroranschläge in Paris im Jahr 2015 durch die beiden Prozesssoziologen deutlich, in dem sie versuchen, über den Begriff der „extralokalen Verflechtung“ die mikrosoziologisch angelegte Prozessanalyse kontextsensibel einzuordnen.

Bei der Analyse schlagen Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl vor, die Attentate in Paris als Beispiel für die Wirkung einer „organisationalen Generalität“ zu beschreiben (Hoebel und Knöbl 2019, S. 167).[16] Damit wollen sie zum Ausdruck bringen, dass die Pariser Angreifer – genauso wie die Massenerschießungen der Ordnungspolizisten in Józefów – sich im „laufenden Geschehen an Verhaltensprämissen orientieren, die sie selbst nicht gesetzt haben“, welche allerdings „im Laufe ihrer Zugehörigkeit zu einem konkreten ‚mitgliedschaftsbasierten System‘“ – sie meinen hier anscheinend den islamischen Staat und al-Qaida – „selbstverständlich für sie geworden sind“. Die Pariser Attentate werden also – ähnlich wie die Massenerschießungen in Józefów – als ein Fall „organisierter Gewalt“ behandelt (Hoebel und Knöbl 2019, S. 172).[17]

Aber schon die Selbstzuschreibungen der Attentäter machen deutlich, dass die Charakterisierung der Pariser Anschläge als „organisierte Gewalt“ wenig plausibel ist. Auffällig ist, dass die räumlich getrennten Attentäter sich auf zwei unterschiedliche Organisationen bekannten. Der Angreifer auf einen koscheren Supermarkt rechnete sich dem Islamischen Staat zu, die Attentäter auf die Redaktion von Charlie Hebdo sahen sich Al-Qaida verpflichtet (so auch Hoebel und Knöbl 2019, S. 169). Die weitgehende Beliebigkeit in der organisationalen Selbstzurechnung wird dadurch deutlich, dass die befreundeten Attentäter sich auf zwei nicht nur unterschiedliche, sondern in Konkurrenz zueinander stehenden islamistischen Organisationen bezogen haben (siehe dazu unter anderem Etchegoin et al. 2016).[18]

Das Gewaltverhalten der Pariser Attentäter ist, ganz anders als das der deutschen Ordnungspolizisten in Józefów, dementsprechend nicht durch eine formale Organisationsmitgliedschaft geprägt gewesen. Es hat keinerlei koordinierte Steuerung der Attentate durch beide Organisationen geben.[19] Auch wenn es gelegentliche Bezugspunkte zu den beiden Organisationen gegeben haben mag – der islamische Staat und Al-Qaida spielen für die Attentäter lediglich als eine „imaginierte Gemeinschaft“ – präziser wohl eher als „imaginierte Organisationsmitgliedschaft“ – eine Rolle.[20] Eine Analyse der Sprachsequenzen während der Attentate lässt es fast zufällig erscheinen, ob sich die Attentäter bei ihren Selbstbekenntnissen auf den islamischen Staat, Al-Qaida oder auf andere Terrororganisationen wie Abu Sajaf, Al-Dschihad, Wilayat Sinai oder Jemaah Islamiyah, gleich auf alle Muslime der Welt oder direkt auf Allah beziehen. Alle Formulierungen sind letztlich mehr oder minder beliebige Platzhalter für eine „imaginierte Gemeinschaft“, für die sie die Attentate vorgeblich durchführen.[21]

Wenn man sich für „institutionelle Einbindungen“, „extralokale Verstrickungen“ oder „abwesende Dritte“ bei den Pariser Attentaten interessiert, dann spielt zur Erklärung der Eigendynamik eine ganz andere „Verstrickung“ eine Rolle – nämlich die Bezugnahme der drei Attentäter aufeinander als eine durch Verwandtschaftsbeziehungen gestützte Freundesgruppe.[22] Die temporäre Dynamik in den Attentaten ist maßgeblich dadurch zu erklären, dass die Angreifer über eine gemeinsame Zeit im Gefängnis und den gemeinsamen Kontakt zu islamischen Predigern eine enge persönliche Beziehung zueinander aufgebaut haben. Die während der Attentate laufenden Kontakte untereinander über Telefon und SMS sind deswegen nicht als die Koordination zwischen Mitgliedern der gleichen Organisation, sondern als die Abstimmung zwischen sich persönlich eng verbundenen Islamisten zu verstehen. Die eigentlich relevante „extralokale Verstrickung“ war die zwischen den an unterschiedlichen Orten agierenden Mitgliedern einer über eine gemeinsame religiöse und politische Auffassung verbundenen Freundesgruppe.[23]

Das Problem ist letztlich, dass die an den prozesssoziologisch angebauten sensibilisierenden Konzepte, etwa die „institutionelle Rahmung“, die „extralokalen Verstrickungen“ oder die „abwesenden Dritten“, für konkrete Analysen zu abstrakt sind, während stärker heruntergebrochene Konzepte wie die „organisierte Plötzlichkeit“ oder die „riskante Initiative“ gleichzeitig zu spezifisch sind, um weitgehende Generalisierungsansprüche zu rechtfertigen. Letztere verleiten – ähnlich wie die Vorstellungen eines „Tunnels der Gewalt“ oder der „Vorwärtspanik von Gewalttätern“ bei Randall Collins – dazu, ein „Geschehen recht schnell unter einen zentralen Mechanismus zu buchen (so die Kritik von Hoebel 2019a, S. 52 an Collins). Es spricht sicherlich nichts dagegen, in der Gewaltforschung mit sensibilisierenden Konzepten zu arbeiten. Darüber hinaus wird aber ein umfangreicheres, aufeinander abgestimmtes Begriffsrepertoire benötigt, um den Kontext von Gewaltinteraktionen präzise(r) zu erfassen.

3.    Das Überziehen der eigenen Erklärungsansprüche

Das grundlegende Problem des Plädoyers für eine entdeckende Prozesssoziologie liegt in dem Umstand, dass Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl nicht nur den bereits existierenden Heuristiken in der Gewaltforschung eine weitere Heuristik hinzufügen wollen, sondern eine Heuristik ausrufen, die letztlich alle anderen Heuristiken in sich integrieren kann. Genau in diesen unübersehbaren, für Turns geradezu typisch expansiven Momenten ist es den Autoren dann – und das wird besonders in den empirischen Anwendungen deutlich – nicht mehr möglich, die Grenzen des eigenen Ansatzes zu kontrollieren.

Man kann die Kosten einer prozesssoziologischen Zentralperspektive bei der Behandlung der Massenerschießung von jüdischen Erwachsenen und Kindern durch ein Bataillon der Ordnungspolizei in Józefów im Sommer 1942 erkennen. Diese Massenerschießung ist inzwischen fast schon zu einem zentralen Fokus der Gewaltsoziologie geworden, an dem sich jede Erklärung bewähren muss (siehe anschließend an Browning 1993, 21ff.; Goldhagen 1996, 252ff. und Kühl 2014, 47ff.). Wenn man sich nur die Massenerschießung in Józefów unter dem Gesichtspunkt der Zeitlichkeit anschaut, dann muss einem die „organisierte Plötzlichkeit“ auffallen (so Hoebel 2014 und Hoebel 2015 und darauf aufbauend Hoebel und Knöbl 2019, 160ff.).[24] Eine Einzelfallstudie dieser einen Massenerschießung führt fast zwangsläufig – alltagssprachlich ausgedrückt – zu einer „Erklärung durch Überrumpeln“. Aber weil es sich um ein spezifisches Ereignis handelt – eine tausendfache Massenerschießung durch Ordnungspolizisten, SS-Männern und Wehrmachtssoldaten –, ist die Reichweite zur Erklärung des Verhaltens Hunderttausender am Holocaust beteiligter Männer und Frauen begrenzt.[25]

Wenn man sich unterdessen von einem fast schon erzählerisch rekonstruierten und mikrosoziologisch analysierten Einzelfall löst, dann fällt auf, dass eine „organisierte Plötzlichkeit“ keine notwendige Bedingung für die Beteiligung an Ghettoräumungen, Deportationen und Massenerschießungen ist. Im Gegenteil – in der Zeitdimension hat die schrittweise vorgenommene Heranführung der Ordnungspolizisten an auch für sie zunehmend fordernde Gewalttaten – Stichwort „organisierte Gewöhnung“ – in vielen Fällen eine deutlich größere Bedeutung gehabt (siehe als empirische Basis für einen Überblick über die Polizeibataillone Curilla 2006, 2011). Aber auch bei der „organisierten Gewöhnung“ darf nicht übersehen werden, dass das Entscheidende an der „Plötzlichkeit“ und der „Gewöhnung“ – und die damit verbundene Ausweitung der Indifferenzzone – vor allem das „Organisierte“ ist, weil darüber – auch bei ganz unterschiedliche Prozessdynamiken – die Massenerschießungen überhaupt erst durchgesetzt werden konnten

Dass die „Generalisierung von Motivationsmitteln“ aufgrund der organisationalen Einbettung des Personals als Erklärung viel zentraler als eine durch die Betrachtung eines einzigen Falles gewonnene Prozessdynamik ist, wird alleine schon dadurch deutlich, dass die Massentötungen unter ganz unterschiedlichen zeitlichen Bedingungen durchgeführt werden konnten (interessant unter dem Gesichtspunkts neuerdings Sandkühler 2020). Wenn also Forscherinnen und Forscher bei der Erklärung des Holocaust dem Timing bei den Ghettoräumungen, Deportationen und Massenerschießungen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenken, dann liegt dies nicht an deren fehlender prozesssoziologischer Sensibilität, sondern daran, dass die „organisierte Plötzlichkeit“ als Zentralperspektive über den konkreten Einzelfall hinaus zur Erklärung des Holocaust ungeeignet ist.

Die organisierte Plötzlichkeit ist ein kleines Element, an dem man zeigen kann, wie sich spätestens mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges die Indifferenzzonen – die innerhalb einer Organisationsmitgliedschaft akzeptablen Verhaltenserwartungen – immer weiter ausgedehnt haben. In letzter Konsequenz ist die „organisierte Plötzlichkeit“ also genauso wie die „organisierte Gewöhnung“ ein kleiner Baustein in der Erklärung des Verhaltens von Organisationsmitgliedern während des Holocaust – mehr aber auch nicht.[26] Kurz: Die „organisierte Plötzlichkeit“ spielt bei der Erklärung des Verhaltens der Ordnungspolizisten des Hamburger Reserve-Polizei-Bataillons 101 eine wichtige Rolle, sie wird aber – man verzeihe mir die Deutlichkeit – schlichtweg falsch, wenn man versucht, die Erklärung des Verhaltens von NS-Tätern während des Holocaust entlang dieser These insgesamt zu generalisieren. Übersetzt in die Sprache der beiden Prozesssoziologen – das „Casing“ – also der Fall der Massenerschießung in Józefów – passt nicht zum weit über die einzelne Massenerschießung hinausreichenden „Causing“ der behaupteten Erklärungskraft.[27]

Die Verabsolutierung der eigenen Perspektive ist sicherlich die grundlegende Schwäche jedes bisher ausgerufenen Turns gewesen. Die entdeckende Prozesssoziologie macht hier keine Ausnahme. Alles kann nur noch durch die Persepktive des eigenen Ansatzes gesehen werden. Aber wenn man nur einen einzigen Hammer zur Verfügung hat – so die in den Sozialwissenschaften inzwischen überstrapazierte Metapher – wird letztlich jedes Problem zu einem Nagel. Die Prozesssoziologen unter den Gewaltforschern mögen über eine neue „Toolbox“ verfügen (Sutterlüty 2019), aber ihr mikrosoziologischer Prozess-Hammer ist nicht nur ganz schon groß, sondern sondern liegt auch ziemlich weit oben im Werkzeugkoffer.

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[1] Randall Collins’ Anspruch scheint unterdessen auf den ersten Blick deutlich bescheidener: „The micro-interactional theory does not explain all aspects of violence; it complements other theories of long-term motivational patterns of individuals, and the organizational and institutional structures affecting the initiation and control of large-scale violence“ ( Collins 2013, S. 133). Bei genauerer Betrachtung hält er jedoch an seinem Konzept der „Microfoundation of Macrosociology“ (Collins 1981) fest und vertritt einen für Turns typischen expansiven Erklärungsanspruchs. Siehe dazu Kühl 2014, S. 79.

[2] Ganz im Sinne der üblichen Sprache zur Ausrufung von Turns heißt es wörtlich: Der methodologische Vorschlag „besteht darin, die Frage der Transitivität (bzw. der Intransitivität) von Ereignissen und damit ihrer temporalen Ordnung ins Zentrum kausaltheoretischer Erörterungen zu rücken, um Gewalt zu erklären. Dies liefert aus unserer Sicht den entscheidenden Ansatzpunkt, um nicht nur zu validen Erklärungen zu gelangen, sondern Erklärungsversuche gleichsam auch dezidiert kritisieren zu können“ (Hoebel und Knöbl 2019, S. 157) (die Kursivsetzungen auch für das „den“ jeweils im Original). Interessant wäre zu klären, wie diese Ausweitung des Anspruchs des Buches – quasi von der Heuristik zum Turn – zustande gekommen ist. Vielleicht ist es einfach eine Strategie, um bei möglicher Kritik den eigenen, am Ende des Buches sehr deutlich formulierten expansiven Anspruch mit der Formel zu schützen, dass es „nur um die Formulierung einer weiteren Heuristik“ gehen würde, eine solche Kritik also unangemessen sei. Siehe dazu die auch zweifelnden Anfragen von Braun 2020, S. 327.

[3] Bei Andrew Abbott, sicherlich einem der interessantesten Vertreter Theorien mittlerer Reichweite, sind die Such- und Argumentationsheuristiken gleichrangig angeordnet; siehe Abbott 2004, 110ff. Theoriesystematisch kann man Heuristiken von Turns daran unterscheiden, ob – wie im Fall der Heuristik – gleichrangige Perspektiven gegenübergestellt werden oder ob – wie im Fall von Turns – ein prominenter Erklärungsanspruch eingefordert wird. Vertreter einer neuen Heuristik stellen diese also den anderen Heuristiken gegenüber, während Vertreter eines Turns ihrem Ansatz zutrauen, alle anderen Ansätze zu integrieren. In der Vergangenheit hat eine Verteidigungsstrategie von „Turn-Vertretern“ darin bestanden, den eigenen Anspruch zurückzunehmen und die eigene Perspektive nur als eine mögliche darzustellen. Aus einem mit großer Verve vertretenen Turn, der einst beansprucht hat, andere Perspektiven integrieren zu können, wird dann schrittweise eine Heuristik geschaffen, die letztlich nicht mehr Erklärungskraft beansprucht als alle anderen Ansätze auch.

[4] Die mikrosoziologische Engführung des Prozessbegriffs kann erklären, weswegen die Autoren – wie von Jörg Hüttermann und Johannes Ebner 2020, 511 und 531 ausführlich beklagt – die Prozesssoziologie Nobert Elias‘ nicht erwähnen. Elias hat aus der Perspektive einer mikrosoziologisch enggeführten Prozesssoziologie schlicht in viel zu langen Prozessen gedacht (siehe Elias 1997 und in diesem Zusammenhang spezifisch über die Ausbildung des „Staatsmonopols der körperlichen“ geschrieben Elias 1981).

[5] Interessant auch die Unterscheidung von Zeitpunkten, Zeitwellen und Zeitstrategien bei Waldmann 2008. Aus einer mikrosoziologischen Perspektive erscheint eine solche Prozesssoziologie dann als eine „stark gelockerte Mikroskopie“ (Hoebel 2019a, S. 53. Ich habe jedoch Zweifel, ob diese prozesssensiblen Soziologen dies als Selbstbeschreibung übernehmen würden, weil sie ja nicht unbedingt die mikroskopische Prämisse von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl teilen würden. Zum Konzept der Mikroskopie in der Soziologie, siehe Strauss 2004.

[6] Diese Studien ähneln vielmehr der prozesssoziologischen Arbeit von Enno Aljets 2015 über den Aufstieg der empirischen Bildungsforschung, in der nicht die Dynamik in einzelnen Sitzungen, sondern ein Zeitverlauf über mehrere Jahre um die Jahrhundertwende rekonstruiert wird; siehe dazu die kompakte Zusammenfassung in Aljets und Hoebel 2017, 15f.

[7] Bei der These der „Ganz normalen Organisationen“ geht es – und das wird von Hoebel und Knöbl übersehen – um die Kontinuität der drei Organisationsstrukturtypen der Kommunikationswege, der Programme und dem Personal. Die inzwischen empirisch gut abgesicherte These der „ganz normalen Männer“ für die Ordnungspolizei wird dabei um ein Postulat der „ganz normalen Hierarchien“ und der „ganz normalen Programme“ ergänzt. Dass die Rahmenbedingungen der Organisationen in Deutschland von 1939 bis 1945 andere als von – sagen wir mal – 1948 bis 1989 waren, ist nicht nur offensichtlich, sondern macht die Normalitätsthese in Bezug auf die Organisationsstrukturen überhaupt erst verständlich. Ohne die Rahmung durch einen totalitären Staat, die Konflikteskalation im Zweiten Weltkrieg und der mit dem Krieg möglich gemachte gierige Zugriff auf die Organisationsmitglieder wäre die Ordnungspolizei nicht in eine Politik der Massentötung einzubinden gewesen. Das alles ändert aber nichts daran, dass für die Ordnungspolizei – nicht jedoch die SA oder die SS – ein hohes Maß an Kontinuität in Bezug auf die Kommunikationswege, die Programme und das Personal nachzuweisen ist. In der „Normalitätsdiskussion“ fehlt noch ein Anschluss an die Debatte über die Einstufung „verbrecherischer Organisationen“ in den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Hier wurden bekanntlich SS und der SD, die Gestapo sowie der Führungskreis der NSDAP als „verbrecherische Organisation“ eingestuft, nicht jedoch die Ordnungspolizei oder die Wehrmacht (siehe dazu Heigl 2001; Steinbach 1999 und für einen kurzen Überblick Weinke 2006.

[8] Das ändert nichts daran, dass ein erheblicher Teil der NS-Behördenforschung – quasi als spätes Opfer eines kulturhistorischen Turns in der Geschichtswissenschaft – immer noch mit einem unterkomplexen Verständnis von Organisationen arbeitet (siehe dazu Welskopp 2019, S. 91.

[9] Eine solche vorbildlich gearbeitete Studie liegt für die Polizei in Preußen, England und Amerika vor (Knöbl 1995, aber leider nur bis 1914. Zur empirischen Plausibilisierung müssten die Vertreter einer Kontinuitätsbruchthese der Polizei den Zeitraum der Studie – jedenfalls für Deutschland – von 1914 bis 1989 ausweiten. Die empirischen Untersuchen über die Polizei aus der Geschichtswissenschaft sprechen meines Erachtens bisher nicht für eine These des Kontinuitätsbruchs; siehe als ein möglicher Ausgangspunkt Reinke 2000b, 2000a.

[10] Oder anders ausgedrückt: Die grundlegenden theoretischen, methodischen und empirischen Probleme werden durch die Aussage, dass die Prozesssoziologie sich nicht unbedingt auf einen mikrosoziologischen Ansatz „wie dem symbolischen Interaktionismus oder der Ethnomethodologie“ beziehen muss (Hoebel und Knöbl 2019, S. 192, letztlich nur an andere Forscher ausgelagert.

[11] Siehe nur für einen ersten Zugang Luhmann 1978, der einen Eindruck für den Schwierigkeitsgrad dieses theoretischen Problems bietet.

[12] Das Verhältnis zwischen der Temporalität und der Prozessualität gegenüber den sachlichen Kalkülen einerseits sowie den sozialen Beziehungen andererseits bleibt von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl auch angesichts der inkonsequenten Wahl der Zeitform seltsam unbestimmt. Sie fangen zwar vorsichtig mit der Konjunktivformel an – „In einem dritten Schritt ginge es dann darum zu fragen, wie die zu untersuchenden Institutionen nun tatsächlich funktionieren“ (Hoebel und Knöbl 2019, S. 153, wechseln dann aber zur Indikativform: „Der Institutionenbegriff fungiert in diesem fünfschrittigen Forschungsdesign als sensibilisierendes Konzept, das Forschende unter Zuhilfenahme weberianisch inspirierter idealtypischer Instrumente dazu auffordert, die empirische Relevanz solcher Institutionen konkret zu rekonstruieren“ (Hoebel und Knöbl 2019, S. 154.

[13] Ein interessanter Fall an dem man die institutionelle Einbettung, extralokale Verstrickungen oder die Rolle abwesender Dritter diskutieren kann, ist der Fall konsensueller Gewaltanwendung. Wenn man mit Heinrich Popitz 1992, S. 48 unter Gewalt, „eine Machtaktion“ versteht, „die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt, gleichgültig, ob sie für den Agierenden, ihren Sinn im Vollzug selbst hat (als bloße Aktionsmacht) oder, in Drohungen umgesetzt, zu einer dauerhaften Unterwerfung (als bindende Aktionsmacht) führen soll“, handelt es sich bei SM-Sex zweifelslos um Gewaltanwendung. Die Gewaltforschung hat sich interessanterweise bisher nicht für die in der Liebessoziologie verortete konsensuelle Gewaltanwendung interessiert, genauso wenig wie sich die auf SM spezialisierte Liebessoziologie sich systematisch auf die Gewaltsoziologie bezogen hat. Siehe nur als erster deutschsprachiger Einstieg Hitzler 1993 und Hitzler 1995. Der Fall ist über die Betrachtung institutioneller Einbettung, extralokaler Verstrickungen oder die Rolle abwesender Dritter deswegen so interessant, weil diese (nur) auf den ersten Blick aufgrund des Konsenses in der Gewalt-Dyade keine Rolle zu spielen scheinen.

[14] Manchmal wird auch mit Verweis auf Howard S.Becker (siehe zum Beispiel Becker 2014 für ein „Denken in Analogien“ argumentiert (Hoebel 2019a, S. 51. Auch hier müsste noch geklärt werden, wie genau sich das „Denken in Analogien“ zum „Arbeiten mit sensibilisierenden Konzepten“ verhält.

[15] Siehe hier auch die Bemerkung von Jörg Hüttermann und Johannes Ebner 2020, S. 510, die zwar den Hinweis auf die „extralokale Verstrickung“ im Fall des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt für plausibel halten, aber dann – etwas gemein – fragen, ob man das nicht auch ganz ohne eine Rekonstruktion der Ereignisabfolgen hätte machen können.

[16] Interessant ist hier, wie von den Autoren der „Organisationsmechanismus“ beschrieben wird. Für sie besteht der darin, dass „eine Person sich qua explizit akzeptierter Mitgliedschaft“ bereiterklärt, die „Erwartung eines konkreten Systems in bestimmten Grenzen zu erfüllen, so dass alle Mitglieder untereinander mit dieser Bereitschaft rechnen können – und das ‚bis auf Weiteres‘ dauerhaft“ (Hoebel und Knöbl 2019, S. 168. Das betont die Zeitdimension. Der „Clou“ Niklas Luhmanns ist, dass er die Generalisierungsleistung in Organisationen ebenso auf der Sach- und Sozialdimension verortet.

[17] Deutlich zurückhaltender noch Hoebel 2019b, S. 121, wo nur von „Verstrickung mit ‚organisierten Dritten‘“ die Rede ist.

[18] Siehe zu Konflikten zwischen gewaltbereiten Organisationen in gleichen politischen oder religiösen Bewegungen – vorrangig im Hinblick auf einen Radikalisierungseffekt – einschlägig Della Porta 2013 und Alimi et al. 2015; siehe auch die Beiträge in Bosi et al. 2016.

[19] Viel passender ist der später im Buch eingeführte Erklärungsansatz, der für die Ordnungspolizisten auf „formale und informale Erwartungen“ von Organisationen als „Situationselemente“ verweist, für die Attentate in Paris gleichzeitig allgemeiner – aber deswegen korrekter – auf die „extralokale Verstrickung der Angreifenden“ rekurriert (Hoebel und Knöbl 2019, 187f.. Die geringe Anbindung der Pariser Attentate an eine Organisation wird gerade auch im Kontrast zu den Attentätern von 9/11 deutlich, bei denen man – bei aller Autonomie der Zellen – von einer engen Anbindung an die Kommandozentrale von Al Qaida sprechen kann; siehe dazu früh grundlegend Gunaratna 2002 und Sageman 2004; siehe zu 9/11, auch unter mikrosoziologischen Aspekten interessant, Knorr Cetina 2005, 219 und 228f. mit ihren Verweisen auf die Geduld von Al-Qaida vor dem 11.09., die Genauigkeit der Planung und die sorgfältige Koordination. Ihr Konzept der „globalen Mikrostrukturen“ (siehe auch Knorr Cetina und Brügger 2002 oder Knorr Cetina und Brügger 2005) zielt ja auf den ersten Blick auf ganz ähnliche Phänomene wie das Konzept der „extralokalen Verflechtungen“. Gerade unter prozesssoziologischen Gesichtspunkten ist – auch jenseits einer Ereignisanalyse – die sehr starke Veränderung der organisatorischen Einbindung in Al-Qaida in den letzten 20 Jahren interessant. Aber selbst für die Al-Qaida vor den Anschlägen von 9/11 wäre ich – aufgrund der Form von weitgehend autonomen Zellen, die durch lokale „agent handlers“ koordiniert werden – zurückhaltend, ein allzu formales Verhalten ihrer Mitglieder zu unterstellen. Siehe dazu Beschreibungen von Al-Qaida nach 9/11 als „Netzwerkunternehmen“ Priddat 2002, S. 110) oder als „multinationaler Terror-Holding“ Hirschmann 2003, S. 56. Man mag im Jahr 2008 das Konzept des „leaderless jihad“ (Sageman 2008 bestreiten und betonen, dass „Osama bin Laden still matters“ (Hoffman 2008, aber zweifellos sind im und ab dem Jahr 2015 die Möglichkeiten von Al-Qaida für eine zentrale Führung stark beschränkt. Einen guten Überblick über die Attentate bis zu den Pariser Anschlägen 2015 bieten die Beiträge in Hoffman und Reinares 2014.

[20] Mein Konzept der „imaginierten Organisationsmitgliedschaft“ ist noch nicht näher ausgearbeitet, die Attentate von terroristischen Einzeltätern oder terroristischer Kleingruppen könnten jedoch ein interessanter Anwendungsfall sein. In einem ersten Schritt kann es aber Sinn machen, zwischen „imaginierten Gemeinschaften“ (so der Begriff von Anderson 1991 terroristischer Einzeltäter und „radikalen Gemeinschaften“ (Waldmann 2012 wie im Fall der ETA, der IRA oder der Hibz Allah zu unterscheiden.

[21] Die imaginierte Gemeinschaft bestand also nicht nur aus der „großen Gemeinschaft der gläubigen Muslime“ oder der „kleineren Gemeinschaft der Dschihadisten“ (Hoebel 2019b, S. 116, sondern gerade auch aus den Terrororganisationen, denen sich die Attentäter selbst zugehörig erklärten. Ich selbst habe keine eigenen Forschungen zu den Pariser Attentaten durchgeführt, durfte aber die sequentielle Ereignisanalyse der Pariser Attentate der Forschungsgruppe Ordex an der Universität Bielefeld einsehen und diskutieren. Die Überattribution auf Organisationen – normalerweise eine typische Schwäche von Organisationssoziologen – entsteht aus meiner Sicht durch einen wenig kontrollierten Vergleich der Pariser Attentate der dschihadistischen Terroristen und den Massenerschießungen durch die deutsche Ordnungspolizei. Wenn man die Ereignisse unbedingt vergleichen will, dann sollte man meines Erachtens eher das Verhalten der deutschen Ordnungspolizisten mit den französischen Ordnungskräften vergleichen, weil es sich in beiden Fällen um das Verhalten der staatlichen Gewaltorganisationen handelt.

[22] Die Rolle dieser Mikromobilisierung durch enge persönliche Beziehungen in Freundeskreisen oder Verwandtschaftsnetzwerken ist in der Bewegungsforschung inzwischen gut herausgearbeitet worden. Siehe nur einschlägig Snow et al. 1980; McAdam 1986; für einen schnellen Überblick Diani 2013 oder Diani und Mische 2015; eine interessante empirische Analyse für Deutschland bei Malthaner 2018.

[23] Vielleicht kann man sogar von der Wirkung einer Art „extralokalen Kameradschaft“ innerhalb einer Kleingruppe sprechen. Empirisch habe ich jedenfalls erhebliche Zweifel, ob es hier an einem „Kreis der Kameraden“ fehlt und „keine Gruppen involviert“ sind (so Hoebel 2019b, S. 114. Der über mehrere Jahre ablaufende Prozess gegen das Unterstützernetzwerk gab jedenfalls vielfache Hinweise auf die Bildung einer Gruppe. Hier fehlt es auch im französischsprachigen Raum noch an einer umfassenden Aufarbeitung. Interessant könnten hier vergleichenden Forschungen z.B. zur „Hofstadgroep“ (siehe dazu Schuurman et al. 2015; Schuurman und Horgan 2016; Schuurman und Taylor 2018) oder zur „Sauerland-Gruppe“ (siehe dazu Malthaner 2014.

[24] Angesichts der auffällig scharfen Kritik von Thomas Hoebel und Wolfang Knöbl 2019, 102ff. an Georg Elwert wäre es fair gewesen, wenigstens kurz zu erwähnen, dass das Konzept der „organisierten Plötzlichkeit“ bei der Erklärung der Gewalt lediglich eine Variante des Konzeptes der „inszenierten Plötzlichkeit“ von Georg Elwert 1998 ist. Die Debatte über die Zeitdimension bei der Anwendung von Gewalt wird in der Sozialpsychologie schon länger mit der Gegenüberstellung der Vorstellungen vom „Door-in-the-Face“ (organisierte Plötzlichkeit) und dem „Foot-in-the-Door“ (organisierte Gewöhnung) geführt. Das Door-in-the-Face-Prinzip besagt bekanntlich, dass Personen, die mit einer sehr weitreichenden Forderung konfrontiert werden, eher dazu neigen, eine daran anschließend stark abgeschwächte Forderung zu erfüllen, als diejenigen, die direkt mit der abgeschwächten Forderung konfrontiert werden (siehe einschlägig Cialdini 1975. Siehe zur Nutzung dieser Ansätze bei der „Erklärung“ des Verhaltens von Versuchspersonen beim Soda-Cracker-Experiment, dem Milgram-Experiment, dem Stanford-Prison-Experiment und beim Bahnspiel Kühl 2005 und besonders Kühl 2007.

[25] An dem Argument ändert sich auch nichts, wenn weitere Einzelfälle von Massakern identifiziert werden, in denen die Ordnungspolizisten mit sehr weitgehenden Anforderungen „überrumpelt“ wurden; siehe für solche Generalisierungen Aljets und Hoebel 2017, S. 15 und ausführlich Hoebel 2014. Einzelne „Überrumpelungen“ ergeben noch kein ausreichendes Muster. Dieser Punkt wird in dem Buch sprachlich abgedunkelt: „Das prozessuale Argument der ‘organisierten Plötzlichkeit‘ zur Analyse von Massenerschießungen [sic] durch Ordnungspolizisten, die durch ihre Rolle dem nationalsozialistischen Herrschaftsapparat angehören, ist im Kern das Resultat eines solchen situationsübergreifenden Casings und Causings. Es ist in kausaler Hinsicht entscheidend“, so die sich anschließende These von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl, „dass die Polizisten, die schließlich massenhaft Menschen töten, erst unmittelbar vor den vorgesehenen Exekutionen von diesem Plan erfahren“ (Hoebel und Knöbl 2019, S. 188). Was für die erste „Massenerschießung“ der Männer des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 in Józefów richtig ist, ist für eine Vielzahl anderer „Massenerschießungen“ schlichtweg falsch.

[26] Deutlich wichtiger als die „organisierte Plötzlichkeit“ in der Zeitdimension ist die Zentralisierung und Dezentralisierung von Entscheidungskompetenzen in militärisch organisierten Einheiten in der Sozialdimension. Wenn man sich – selbst vor dem Hintergrund einer „Normalität der Kommunikationswege“ – Details anschauen will, kann man für die letzten hundertfünfzig Jahre interessante und nicht selten nationenspezifische Verlagerungen der operativen Kompetenzen zwischen Bataillonen, Kompanien und Zügen beobachten. Aus dieser Perspektive würde man für die Wehrmacht und die Ordnungspolizei im NS-Staat eine vergleichsweise starke Verlagerung von operativen Kompetenzen auf die Ebene der Kompanien beobachten, die gerade bei der Massenerschießung in Józefów aber nicht zum Tragen kam.

[27] Die über die Jahre seit ihrer Entstehung zunehmende Ausweitung des Erklärungsanspruchs der These der „organisierten Plötzlichkeit“ in Bezug auf den Fall Józefów würde eine eigene prozesssoziologische Analyse verdienen. Anfangs war die „organisierte Plötzlichkeit“ (Hoebel 2015 neben der „organisierten Entmenschlichung“ (Weißmann 2015, der Bedeutung  „anwesender Dritter“ (Büchner 2015, der Möglichkeit zur „Rollendistanz“ (Ionescu 2015, den Kameradschaftserwartungen (Grüneisen 2015, der Nutzung von „Momenten der Freiwilligkeit“ (Gruber 2015 oder des „ungestraften Entzugs“ in Zwangsorganisationen (Matysek 2015 lediglich eines von vielen sensibilisierenden Konzepten zur Erklärung des Verhaltens von Ordnungspolizisten, ehe die These auch für die Einsätze anderer Bataillone der Ordnungspolizei generalisiert wurde (Hoebel 2014 . Im Anschluss wurde der Anspruch an die Erklärungskraft schleichend ausgedehnt (deutlich schon bei Aljets und Hoebel 2017, bis er dann fast schon zu einem zentralen Erklärungsansatz für den Holocaust ausgerufen wurde (Hoebel und Knöbl 2019.)

Veröffentlicht von Stefan Kühl

Hat vor zwanzig Jahren als Student die Systemtheorie in Bielefeld (kennen-)gelernt und unterrichtet dort jetzt Soziologie. Anspruch – die Erklärungskraft der Soziologie jenseits des wissenschaftlichen Elfenbeinturms deutlich zu machen. Webseite - Uni Bielefeld

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