Oh, wie schön ist Dänemark

Digitalisierung als vermeintliches Allheilmittel der Entbürokratisierung

Die Bürokratiekritik erlebt aktuell wieder eine Konjunktur. Alle paar Jahre taucht sie zuverlässig als prominentes Thema im politischen Diskurs auf und verspricht, das Problem der überbordenden Bürokratie nun ein für alle Mal zu lösen. Sei es die Forderung nach einem „schlanken Staat“ aus den 80er Jahren, das „New Public Management“ aus den 90ern oder die Einführung des Standardkostenmodells aus den 2000er Jahren. Die aktuelle Entbürokratisierungsdiskussion hat sich voll und ganz dem Thema Digitalisierung verschrieben. Die Hoffnungen, welche mit diesem Ansatz verbunden werden, sind enorm. Das eigens zu diesem Zweck geschaffene Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) beabsichtigt, nicht nur eine „neue Verwaltungskultur“ zu etablieren, sondern zugleich die Transformation zu einem „modernen, effizienten und digital handlungsfähigen“ Staat zu leisten, der hierbei stets „weniger Bürokratie, mehr Service und schnellere Entscheidungen“ bietet. Kurzum, die breite Digitalisierung der Verwaltung soll eine spürbare Entbürokratisierung zur Folge haben.  

Begründet wird dies in der Debatte rund um das Thema Digitalisierung des Staates bzw. der Verwaltung regelmäßig mit einem Rückgriff auf sogenannte „Best-Practice-Beispiele“ aus dem Ausland. Ähnlich wie im Falle des Standardkostenmodells, welches aus den Niederlanden übernommen wurde, orientiert man sich auch aktuell an Vorreiterstaaten beim Thema Digitalisierung. Innerhalb des Diskurses finden sich zumeist die Beispiele Dänemark, Estland oder Singapur, denen in der Verwaltungsdigitalisierung große Vorsprünge attestiert werden. Diese „Ranglisten“ oder „Benchmarks“, wie sie beispielsweise von der EU (Digital Economy and Society Index) oder von der OECD (Government at a Glance) erhoben bzw. erstellt werden, sehen die Bundesrepublik bei Themen wie beispielsweise „Digital Public Services“, „Connectivity“ oder „Integration of Digital Technology“ eher im Mittelfeld, während die angesprochenen Staaten an der Spitze rangieren. 

Ranglisten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem universellen Bewertungswerkzeug entwickelt und begegnen uns nahezu alltäglich. Sei es im Sport, bei Kauf- bzw. Konsumentscheidungen oder bei der Berücksichtigung des Hochschulrankings bei der Auswahl des zukünftigen Studienorts. Neben dieser Funktion als Orientierungspunkt oder Entscheidungshilfe verfügen Ranglisten darüber hinaus über eine latente und weitreichende Steuerungsfunktion[1]. Durch den öffentlichen Charakter eben solcher Ranglisten stehen die Verglichenen stetig unter der Beobachtung Dritter und sind zudem imstande, sich selbst mit anderen zu vergleichen. Der daraus entstehende Handlungsdruck führt dazu, dass sich die Verglichenen den Zielvorgaben der Rangliste unterordnen. Diese „Selbstanpassungen, die sogar von den Betroffenen […] als freiwillig empfunden werden“[2], stellen eine überaus effiziente Steuerungsmöglichkeit der Listenersteller dar.

Der angesprochene Handlungsdruck lässt sich unter anderem in der medialen Berichterstattung, entsprechenden Talkshows oder Zeitungsartikeln, wie bspw. in einem Artikel von Jan Klauth in der Welt vom 04.09.2021 mit dem Titel „Das Märchen von der deutschen digitalen Aufholjagd“, in welchem er Deutschlands schlechte Platzierung in einem Digitalisierungs-Ranking der G20-Staaten anprangert, beobachten. Entsprechende Benchmarkingeffekte lassen sich auch durchaus direkt bei den politischen Entscheidern beobachten: beispielsweise, wenn der damalige Ministerpräsident Niedersachsens Stephan Weil 2023 forderte, sich bei den Digitalisierungsbemühungen Estland zum Vorbild zu nehmen, oder sich der Wirtschaftsminister Schleswig-Holsteins Claus Ruhe Madsen nach einem Besuch vor Ort sehr beeindruckt zeigte und staunte: „Sogar eine Scheidung ist digital möglich“.

Effizienzgewinne durch eine breite Standardisierung der Verwaltung in Form von Digitalisierung bzw. der strengen Konditionalprogrammierung von Entscheidungsprogrammen können durchaus ein Effekt solcher Maßnahmen sein. Beobachten konnte dies unter anderem Karl Kristian Larsson in seiner 2021 erschienenen Untersuchung der norwegischen Verwaltung mit dem Titel „Digitization or equality: When government automation covers some, but not all citizens”. Allerdings stellt sich die Frage, ob die erhoffte und in der deutschen Debatte zentrale Zielsetzung der Entbürokratisierung durch solche Maßnahmen auch erreicht werden kann.

Für Dänemark, das auf dem bereits erwähnten „Digital Economy and Society Index“ der EU (DESI) mit Finnland am besten abschneidet, kann dies wohl nicht beobachtet werden. In ihrer 2021 erschienenen Ethnografie „The reorganization of the bureaucratic encounter in a digitized public administration” untersuchten die Sozialwissenschaftlerinnen Anja Svejgaard Pors und Eva Pallesen eine dänische Stadtverwaltung. Ein einsetzender Entbürokratisierungsprozess konnte nicht festgestellt werden. Durch die umfangreiche Digitalisierung und damit einhergehende Standardisierung konnten zwar einfache Verwaltungsvorgänge effizienter gestaltet werden, doch es kam umgekehrt zu einer Zunahme an Komplexität bei Sonderfällen, welche nicht durch standardisierte Abläufe verwaltet werden konnten[3]. Die Autorinnen beobachteten zudem einen Wandel bei den Anforderungen an das Verwaltungspersonal. Konnten vor der allumfassenden Digitalisierung Verwaltungsvorgänge noch distanziert und routiniert abgearbeitet werden, fordern nun die übrigen Sonderfälle eine zeitlich und persönlich deutlich intensivere Bearbeitung. Dies ließe sich dadurch erklären, dass durch die Fixierung der Regeln die Ermessensspielräume der Verwaltungsangestellten immer kleiner werden und sich dadurch die Bearbeitung von Sonderfällen verkompliziert[4].

Hinzu kommt, dass bei der Digitalisierung von Verwaltungsabläufen zunächst alle formalisierten Regeln in ein entsprechendes Programm überführt werden müssen. Dies hat zur Folge, dass entsprechende Regeln äußerst detailliert ausgearbeitet werden müssen, um dem Programm bei entsprechender Eingabe zu ermöglichen, den entsprechenden Output zu generieren. Die Folge ist also zunächst eine Zunahme von Bürokratie[5]. Um Fehlern des Programmes vorzubeugen und um alle Eventualitäten einzupreisen, kommt es zu einem „immer stärkeren Wuchern bürokratischer Regeln“[6].

Ist also die Hoffnung des deutschen Diskurses auf eine Entbürokratisierung durch eine Digitalisierung im Umfang von Dänemark berechtigt? Zwar kann eine digitale Verwaltung durchaus bedeutende Effizienzgewinne verzeichnen, doch muss der Hoffnung, das Allheilmittel der Entbürokratisierung nun endlich gefunden zu haben, eine Absage erteilt werden. Es ist sogar zu vermuten, dass es zunächst zu einem Anstieg bürokratischer Regeln kommt und die Komplexität von Sonderfällen und der entsprechende Arbeitsaufwand ihrer Bearbeitung zunimmt. Die Hoffnung auf Entbürokratisierung durch Digitalisierung läuft Gefahr, von den unerwünschten Nebenfolgen zunichte gemacht zu werden.


[1] Vgl. Heintz, Bettina. Vom Komparativ zum Superlativ: Eine kleine Soziologie der Rangliste. In S. Nicolae, M. Endreß, O. Berli & D. Bischur (Hrsg.), (Be)Werten. Beiträge zur sozialen Konstruktion von Wertigkeit, Springer VS, 2019, S. 74.

[2] Heintz, 2019, S. 74

[3] Vgl. Pors, Anja Svejgaard/Pallesen, Eva. The reorganization oft he bureaucratic encounter in a digitized public administration. Ephemera. Theory & Politics in Organization, 2021, S. 31f.

[4] Vgl. Kühl, Stefan. unveröffentlichtes Manuskript, Bielefeld, 2026.

[5] Kühl, 2026, unveröffentlichtes Manuskript.

[6] Kühl, 2026, unveröffentlichtes Manuskript.


Literaturverzeichnis

BMDS. (2026). Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. https://bmds.bund.de/ministerium.

Heintz, B. (2019). Vom Komparativ zum Superlativ: Eine kleine Soziologie der Rangliste. In S. Nicolae, M. Endreß, O. Berli & D. Bischur (Hrsg.), (Be)Werten. Beiträge zur sozialen Konstruktion von Wertigkeit (S. 45–79). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21763-1.

Klauth, J. (2021, 4. September). Digitalisierung: das Märchen von der deutschen Aufholjagd. Welt.de. https://www.welt.de/wirtschaft/plus233562474/Digitalisierung-das-Maerchen-von-der-deutschen-Aufholjagd.html.

Kühl, Stefan. (unveröffentlichtes Manuskript). Maschinen sind die besten Bürokraten: Ungewollte Nebenfolgen der Appification als Maßnahme zum Bürokratieabbau. Bielefeld.

Larsson, K. K. (2021). Digitization or equality: When government automation covers some, but not all citizens. Government Information Quarterly, 38(1), 101547. https://doi.org/10.1016/j.giq.2020.101547.

Pors, A. S. & Pallesen, E. (2021). The reorganization of the bureaucratic encounter in a digitized public administration. Ephemera. Theory & Politics in Organization, 21(3), 1473–2866.

Süddeutsche Zeitung. (2023, 25. Mai). Weil sieht Estland als Vorbild bei Digitalisierung. Süddeutsche.de. https://www.sueddeutsche.de/politik/ministerpraesident-weil-sieht-estland-als-vorbild-bei-digitalisierung-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-230525-99-817504.

WELT. (2025a, November 20). Günther reist mit Delegation nach Finnland. Welt.de. https://www.welt.de/regionales/hamburg/article691f169ae827645ae7933cde/guenther-reist-mit-delegation-nach-finnland.html.

WELT. (2025b, November 29). Madsen will mit Estland-Ideen Bürokratie abbauen. Welt.de. https://www.welt.de/regionales/hamburg/article692a70da6f6da91d77967925/madsen-will-mit-estland-ideen-buerokratie-abbauen.html.

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