Stillschweigen auf der Bielefelder Alm

Wer sich dieser Tage als Fan von Arminia Bielefeld mit dem Verein und seinem Umfeld beschäftigt, stößt auf Stillschweigen. Den ausbleibenden Transfers auf der Zugangsseite steht angesichts eines dünnen – vielmehr: im Laufe der vergangenen Wochen ausgedünnten – Spielerkaders die anhaltende Sorge vor weiteren Verkäufen gegenüber, ehe das Sommer-Transferfenster der Saison 2026/2027 am Abend des 01.09. schließt. Dem wachsenden Unmut der Fans, der sich durch das spielerisch desaströse Ausscheiden in der ersten Runde im DFB-Pokal in Großaspach inzwischen nicht mehr nur im Vereinsumfeld, sondern vermehrt auch im Netz finden lässt, folgte daher eine kleine Social-Media-Offensive vonseiten des Vereins, die die Untätigkeit auf dem Transfermarkt einordnen, vor allem aber rechtfertigen sollte. Dabei sagen die dortigen Hinweise mehr aus, als es kurzfristige Käufe bzw. Leihen bis zum Ende der Transferperiode oder nachträgliche Verpflichtungen vertragsloser Spieler tun könnten: Dass der DSC sich „im finanziellen Ranking der zweiten Liga im letzten Drittel“ [1] befände, sät Zweifel – nicht nur am Ausbleiben neuen spielerischen Materials, sondern vor allem im Hinblick auf die Frage, was aus den Erfolgen der vergangenen beiden Jahre geworden ist: Auf das Finale in Berlin, höchste Dauerkartenverkäufe, Rekorde im Merchandise und konstante Preiserhöhungen folgt der Eindruck, der Verein müsse (immer noch? schon wieder?) saniert werden. Problematisch, so der O-Ton zahlreicher Meinungen und Kommentare, ist daran nicht nur die Sache selbst, sondern die Kommunikation des Prozederes: Als gemeiner Fan sorgt man sich um den Verein, über dessen Lage man so wenig weiß.

Doch wer den Verantwortlichen wegen dieser Kommunikationsstrategie einen Vorwurf macht, ist naiv. Sicherlich: Als Fans und insbesondere Vereinsmitglieder wollen wir über unseren Verein informiert werden. Im Sinne eines wirtschaftlichen Unternehmens jedoch ist die fehlende Transparenz lediglich die Kontinuität bisheriger Verschwiegenheit – eine für Organisationen allzu typische Unterscheidung zwischen interner Kommunikation und einer nach außen gerichteten Fassade, die Außenstehenden einen (durchaus seltsam) geglätteten Eindruck vermitteln soll: Ein kleinerer Kader sei ohnehin wünschenswert, wie die vergangene Saison bereits gezeigt habe, äußerte sich Mutzel jüngst beispielsweise. Der DSC sei „bei Verpflichtungen nicht immer erster Sieger“, weil man „nicht einfach ins Risiko gehen“ wolle, so der sportliche Geschäftsführer auf einem Sponsorenabend weiter [1], der damit letztlich eine nachteilige sportliche Ausgangslage als wünschenswert zu verkaufen versucht. Viel geredet, wenig gesagt – dass Teams mit ähnlichen finanziellen Möglichkeiten auf dem Transfermarkt weitaus erfolgreicher sind, wird derweil ebenso ignoriert wie der Umstand, dass durch die bisherigen Abgänge zwar keine spielerischen Löcher zu erwarten sein mögen, in puncto Kaderbreite und Mentalität aber erhebliche Probleme entstehen könnten.

Solange der Zuspruch von Fanseite insgesamt derart hoch bleibt, wird sich daran natürlich nichts ändern. Das ist im Übrigen nicht nur im Sinne einer starken Kommunikations- und Verhandlungsposition, sondern schützt zudem vor öffentlicher Fehlerdarstellung. Denn als Beobachter dieses Schauspiels wird man bisweilen nicht den Eindruck los, dass in dieser Transferperiode so manches schief- und nicht nach Plan gelaufen ist – aber man weiß es eben nicht. Mögliche inkonsistente Fakten werden verheimlicht und dringen gar nicht erst in die Öffentlichkeit – schließlich seien, so Niklas Luhmann, der als einer der produktivsten Soziologen des vergangenen Jahrhunderts einen Lehrstuhl in Bielefeld innehatte, „offenkundige Fehler […] sehr viel fehlerhafter als heimliche Fehler. Wenn aber Pannen gleichwohl ans Licht dringen, gelten sie als persönliches Verschulden des tätigen Mitglieds. Die Organisation hat damit nichts zu tun“ [2]. Wer das fußballerische Profigeschäft verfolgt, weiß, was das bedeutet: Bei sportlichem Misserfolg wird es zunächst der Cheftrainer sein, der das Spielermaterial angeblich nicht richtig einzusetzen vermag, ehe der sportliche Geschäftsführer und gegebenenfalls über ihm stehende Einzelfunktionäre aus höheren Gremien in Frage gestellt werden.

Fußballfunktionären wird heutzutage also ein gewisses Engagement in der Außendarstellung abverlangt. Mit Nils Brunsson spricht ein anderer Organisationsforscher von einer nötigen und notwendigen „organisationalen Scheinheiligkeit“: Das, was nach außen kommuniziert wird, muss aus verschiedensten Gründen anders sein als das, was man intern entscheidet – und wie man letztlich handelt, ist nochmals anders [3]. Dem letzten Cheftrainer der Bielefelder Arminia (Mitch Kniat) ist dieser Umstand im Laufe seiner Amtszeit gleich mehrmals um die Ohren geflogen, weil er als zu offen und direkt im medialen Austausch galt. Ein überregional bekanntes Beispiel ist Markus Krösche, der während seiner aktiven Spielerkarriere sicherlich nicht denselben Wert auf kommunikative Seriosität und Funktionalität gelegt hat wie als heutiger Sportvorstand von Eintracht Frankfurt. Für solch belebende Figuren im sonst schnöden Profibusiness entwickeln Zuschauende häufig gewisse Sympathien, doch ist für Vereine dieser Größenordnungen eine Außendarstellung á la Kniat oder des damaligen Krösche weniger von Vorteil.

Wie dem auch sei: Nicht trotz, sondern gerade wegen der beschriebenen Ambivalenzen ist zu erwarten, dass sich mindestens auf der Zugangsseite bei Arminia Bielefeld bis zum Ende der Transferperiode noch etwas tut – unabhängig davon, wie der dritte Spieltag in Nürnberg (Samstag, 29.08., 20:30 Uhr) verläuft. Dafür spricht auch, dass der sonst ruhige und besonnene Oliver Kirch auf der Pressekonferenz vor dem Spiel in Nürnberg – auf den ersten Blick überraschend ehrlich – einen mangelnden Konkurrenzkampf auf einigen Positionen moniert hat [4]. Ob das ein Anzeichen dafür ist, dass aus der Emotionalität heraus Dinge gesagt wurden, die eigentlich nicht gesagt werden sollten, ob die nach außen gerichtete Schauseite angesichts des Drucks bzw. Kirchs geringer Erfahrung als Profitrainer kleine Risse gezeigt hat, oder ob sich selbst hier die Rationalität und bewusste Steuerung organisationaler Kommunikation verbirgt, ist als Außenstehender nicht abschließend einzuschätzen. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass Aussagen in Interviews oder auf Pressekonferenzen völlig zweck- und ziellos sind, ist gering. Man mag daher allenfalls darüber spekulieren, welche Intention sich hinter Kirchs kritischen Bemerkungen verbarg: Ein Hinweis Richtung Mutzel? Das eigene Team kitzeln, es nach dem katastrophalen Pokalaus in die Pflicht nehmen? Ein – mit dem sportlichen Geschäftsführer mitunter abgesprochener – Wink, dass mehr Geld von oben locker gemacht werden muss? Oder der allmähliche Abbau der bisherigen Nibelungentreue zum aktuellen Kader, der trotz gegenteiliger Aussagen von Mutzel ohnehin nie in seiner bisherigen Konstellation verbleiben sollte? Die nächsten Tage werden es zeigen. Garantien gibt es nicht – vielleicht ist dieser Kommentar letztlich selbst nur Teil der angesprochenen Naivität, die auf sportliche Verstärkungen hofft.

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[1] https://www.instagram.com/p/Dcgy3T5CuGP/?igsi=MTF4YWpmcWEwem5jbg==.

[2] Luhmann, N., 1995: Funktionen und Folgen formaler Organisation: mit einem Epilog 1994. Berlin: Duncker & Humblot, S. 114.

[3] Brunsson, N., 1989: The Organization of Hypocrisy: Talk, Decisions, and Actions in Organizations. Chichester; New York: Wiley.

[4] https://www.youtube.com/watch?v=dXRxS_un0dw.

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